2. Die Hoffnung des Hauses

[418] Welch ein Rennen, welch ein Kramen

In dem Zimmer Tulifantens!

In Geschlechtsregistern sucht er

Namen, voll und hoch erklingend:

Roderich, Fadrique, Perez,

Luis, Jose, Pedro, Sancho,

Juan, Toribio, Quadradillos,

Tönen ihm noch nicht genugsam.

Endlich hat er ihn gefunden,

Einen Namen, majestätisch:

»Christoph heiß' er! Wie Sankt Christoph

Einst das Heil der Welt getragen,

Wird das Heil des Hauses dieser

Tragen auf den beiden Schultern.«


Jetzt dem Diener ruft er: »Gines!«

Gines kommt gewackelt: »Sennor?«


»Steck ein Küchlein an den Bratspieß,

Kauf ein Krüglein guten Schmalbiers,

Such uns einen Korb voll Schötlein,

Iß dich selber satt in Weißbrot!«


Zweifelnd steht der treue Gines,

Zuckt die Achseln, sagt mit Schwermut:[418]

»Herr, vergebt, es ist ja Fasttag

Heute nach der Zeiten Ordnung.

Gestern war der Tag des Fleisches,

Heute leben wir im Geiste.

Ach, bedenkt, bedenkt das Morgen,

Essen heute wir das Küchlein,

Trinken heute wir das Schmalbier,

Pflück' ich heut Euch ab die Schötlein,

Zehr' ich selber auf das Weißbrot!«


Spricht der Herr: »Gines verrichte,

Was ich dir befahl, nicht zaudre!

's ist ein Festtag, nicht ein Fasttag.

Wenn der Himmel sie begnadigt,

Soll'n die Menschen fröhlich sein.«


Zweifelnd stand noch immer Gines,

Da, die Hüft' umbauscht vom Reifrock

Aus gestreiftem gelbem Atlas,

Der gesehn drei Menschenalter,

Trat zur Tür hinein voll Würde

Die erhabne Donna Tulpe.


Und Don Tulifant entgegen

Gehend der Genossin, küßt' ihr

Ernst die Hand, die Wange küßt' er,

Und er sprach zu ihr bedeutsam:

»Immer wart Ihr, o Gemahlin,

Meiner Gegenwart Beglückung,

Nun schafft Ihr der Zukunft Segen.

O wie fühl' ich mich verschuldet

Tief für alles, was Ihr gabet,

Gebt und mir noch geben werdet!«


Zweifelnd stand nicht länger Gines,

Rannt' hinaus und rief mit Jubel:

»Gerne fahr' ich nun ins Grab ein,

Denn ich seh' des alten Hauses[419]

Junge Hoffnung winken glanzreich!«

Pflückte tänzelnd drauf die Schötlein,


Kochte sie und briet das Küchlein,

Kaufte, halb im Taumel, Schmalbier

Für den letzten Groschen, trug dann

Seinen Herren auf die Mahlzeit,

Aß sich selber satt in Weißbrot,

Zechte tapfer dazu Wasser,

Und sank auf das Stroh, betrunken.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 418-420.
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