1. Der Königin Leid

[442] TULIFÄNTCHEN:

Schon viele Wochen habet

Ihr, Kön'gin, mich mit Eurer Gunst gelabet!

Ihr schuft mein Glück, ich wohne

Im Sonnenschein des Heils an Eurem Throne.

Jedoch mein Herz verzehret

Sich in der Ruh, weil Taten es begehret!

Es will mein Jugendfeuer

Zu neuem Ruhm auf frische Abenteuer!

Die Welt ist voll des Schlechten,

Entlaßt mich, Majestät! Pflicht ist's, zu fechten!


GRANDIOSE:

So willst auch du mich meiden,

Du teurer Held, so edel und bescheiden?

In dir fand ich den werten,

Vertrauten Freund, den ach! so lang entbehrten.


TULIFÄNTCHEN:

Des Heldentums Verhängnis

Trifft nun auch mich, des Scheidewegs Bedrängnis!

Mich ruft hinweg die Tugend,

Doch Dank hält in der Fessel meine Jugend.

Wie soll aus Doppelketten

Sein Selbst der Sohn Don Tulifantens retten?

Daß sich ein Mittel fände,

So Pflicht und Gegenpflicht gelind verbände!

Mir künden Eure Mienen

Geheimen Gram, drum sprecht: kann ich Euch dienen?
[442]

GRANDIOSE:

Willst du, daß ich dich stürze

In sichre Schmach?


TULIFÄNTCHEN:

Du deut'st auf meine Kürze!

O schmerzliche Verletzung!


GRANDIOSE:

Nein, durch Vertraun beweis' ich meine Schätzung.

Mit dem Gemahl, dem lieben,

Den ich nachher aus Stadt und Land getrieben,

Genoß ich wenig Glücke,

Charaktervoll war ich, und er voll Tücke.

Ich litt durch ihn unendlich,

Doch kam ich in die Wochen unabwendlich

Jedwedes Jahr. Erkläre,

Vermagst du es, das Rätsel mir, das schwere,

Daß wir, die schlimmsten Gatten,

In sechszehn Jahren sechszehn Kinder hatten?

Die Parze spann vom Rocken

Rasch ihren Flachs, sie starben an den Pocken.

Vermittelst der Vakzine

Erhielt ich nur Prinzessin Balsamine.

Die Tochter, seit der Kindheit

War stets ein Muster lernender Geschwindheit,

Sie stand mit achtzehn Lenzen

Beinah an jedes Wissens letzten Grenzen,

Trieb dreizehn tote Sprachen,

Und las am liebsten philosoph'sche Sachen.

Anatomie ins kleinste

Verstand sie, spaltete Begriffe auf das feinste!


TULIFÄNTCHEN:

Wo ist sie denn zu schauen?


GRANDIOSE:

Geraubt, entführt, in eines Riesen Klauen!
[443]

TULIFÄNTCHEN:

Entführt? Ein Ries'? Ich bebe ...

Doch nein! Es lebt die Tapferkeit, ich lebe!


GRANDIOSE:

Der Riese, wehe! wehe!

Hat seinen Horst in meines Reiches Nähe

Auf hohem Schloß, die Mauer

Von Eisen ließ sie machen der Erbauer.

Und hinter diesen Wänden

Von Eisen hält mit seinen plumpen Händen

Das Untier fest die Tochter,

Sie ist bei ihm, seht, Teurer, das vermocht' er!


TULIFÄNTCHEN:

Von böser Lust getrieben?


GRANDIOSE:

Dergleichen hat sie niemals mir geschrieben.


TULIFÄNTCHEN:

Schickt sie dir denn Billette?


GRANDIOSE:

Allwöchentlich. Sie rühmt die Etikette

In jenes Riesen Wohnung,

Mir zum Erstaunen preist sie seine Schonung.


TULIFÄNTCHEN:

Warum sie dann verhaften?


GRANDIOSE:

Aus reiner Liebe zu den Wissenschaften.

Wie meist die Riesen pflegen,

Hat dieser in der Jugend obgelegen

Dem Spiele bloß, dem Trunke,

Und niemals glomm in ihm des Geistes Funke.[444]

Auf einmal aber haben,

Als er ins Alter trat der klugen Schwaben,

Sich neue Wünsche, denket!

In seine breite, rauhe Brust gesenket.

Denn weil er sah, wie jeder

Jetzt braucht den Mund und besser noch die Feder,

Entschloß er sich – das Grauen –

Den Geist, der lang gebrachet, anzubauen.

Sogleich verschrieb er Maîtres

In Sprachen, Wissenschaften und belles lettres,

Wovon jedoch nicht einer

Den Riesen klüger machte oder feiner.

Stets blieb ein Ignorante

Der späte Bildung dürstende Gigante.

Die Lehrer mußten tragen

Die Schuld, er hat sie sämtlich totgeschlagen!

Drauf hört' er von dem Rufe

Der Tochter, daß sie klomm zur höchsten Stufe

In der Minerva Tempel,

Als der Gelehrsamkeit hellstrahlendes Exempel.

Und alsobald im Herzen

Sprach er: »Sie ist's! Sie zündet mit die Kerzen!«

Als über Konjekturen

Sie einst nun sann auf unsern Wiesenfluren,

Sprang aus der Büsche Dicke

Der räuberische Riese, voll von Tücke,

Geschwinde, wie der Wind her,

Seit diesem Tage, Freund, hab' ich kein Kind mehr!


TULIFÄNTCHEN:

Leb wohl!


GRANDIOSE:

Wohin?


TULIFÄNTCHEN:

Noch fragen?

Du kennest mich! Nichts mehr hab' ich zu sagen.
[445]

GRANDIOSE:

Du wolltest ...


TULIFÄNTCHEN:

Wollen? Wollen?

Gibt's hier ein andres Wort, als: Müssen, Sollen?


GRANDIOSE:

Ach, fürchte ...


TULIFÄNTCHEN:

Nur die Schande

Fürcht' ich! Was fürchtet sonst ein Mann von Stande?

Mir ist der Tag erschienen

Der Tat, des Ruhms! Ich rette Balsaminen!


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 442-446.
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