3. Die Rüstung des Riesen

[489] Im Münster. Dämmrung

TULIFÄNTCHEN:


Des Abends, wenn es finster,

Begibt sich die Gemahlin nach dem Münster,

So wie es scheint, zu beten,

Doch kehrt sie stets zurück, verweint, betreten.

Ich sah es augenblicklich,

Als ich sie nahm, es machte sie nicht glücklich.

Daß ich es nur gestehe:

Wir leben in höchst unzufriedner Ehe.

Nun will ich mich verstecken,

Um ihres Grams Geheimnis zu entdecken,

Ihr Pfeiler dieses Domes

Verbergt mich! Denn sie kommt ...


BALSAMINE:

Des Tränenstromes,

Aus meinem Aug' geflossen,

Gesalzner Quell, hast du noch nicht ergossen

Zu Ende dich, verzehret?

Doch wie kann's sein, da dich der Kummer nähret

Für alle Lebenszeiten,

Mit immer frisch erzeugten Feuchtigkeiten?


TULIFÄNTCHEN:

Ich kann durchaus nichts hören,

Die Resonanz muß die Akustik stören.

Dort aber an der Brüstung

Hängt ja des Riesen Schlagadodro Rüstung,

Die als des Siegs Trophäen

Man läßt dem Volke jeden Sonntag sehen!

Die Gattin scheint zu klagen,

Gewandt nach des Giganten Helm und Kragen,

Und folglich zu dem Orte

Gelangen ohne Zweifel ihre Worte.[489]

Deshalb will ich mich sächtlich

Verfügen in den Helm, der so beträchtlich,

Daß er mich birgt vollkommen.


BALSAMINE vor den Waffen:

O Schlagadodro, mußt' es dahin kommen?

Ein Phönix ist mein Kummer,

Der aus der Asche steigt nach kurzem Schlummer.

O Zeit, die mich entzückte,

Bis, Kolossaler, dich die Mau'r erdrückte!

O teure Eisenschienen,

Ihr letzter, kalter Trost für Balsaminen!

Du armer Rest der Größe,

Zerschmettert durch des bösen Schicksals Stöße!

O Brust- und Rückenteile,

O Ketten, Ringe, Stäbchen, Draht und Keile!

Bis in das Spezielle

Betaut euch meiner Tränen heiße Welle.

O Helm, von dessen Bogen

Einst war das Haupt, das edelste, umzogen,

Winkt mir aus dir sein Schatten?


TULIFÄNTCHEN im Helme erscheinend:

Nein, aus dem Helme dräut der Blick des Gatten!

Des Gatten, der, geschändet,

Zum Himmel rachefleh'nd sein Antlitz wendet!

Es gibt hier nichts zu winken,

Aus vollen Bechern sollst du Wahrheit trinken.

Ich seh', ich seh', ihr Götter,

Von welcher Farb' und Stimmung ist das Wetter!

Ich seh', was seh' ich alles

Im grellen Lichte dieses schlimmsten Falles?

Ein abgeschmacktes Feuer

Für jenes dumme tote Ungeheuer!

O unermeßne Schande

Von Micromona, von dem ganzen Lande!
[490]

BALSAMINE:

Ha! Schimpf von dir entboten,

Schimpf von dem Zwerge meinem großen Toten?


TULIFÄNTCHEN:

Nun ist's genug, ich komme!


Balsamine:

Erwäge wohl, o Kleiner, was dir fromme,

Daß ich Delikatesse,

Die ich sonst liebe, nicht zuletzt vergesse!

Denn deiner Frevel Ähren

Sie neigen, reif, die Häupter schon, die schweren.

Wer stahl durch Lügenkünste

Der Mutter Herz? Vielleicht durch Zaubers Dünste?

Daß sie mit Überlassung

Des Throns an dich, verletzte die Verfassung,

Mich zum unsel'gen Bunde

Gezwungen hat, und in derselben Stunde

Hat ein Edikt erlassen,

Das nach der Frau'nstadt Micromona Gassen

Zurück aus allen Zonen

Beruft die jüngst vertriebnen Mannspersonen?


TULIFÄNTCHEN:

O Berg von Wahn und Trügen!

O Chimborasso wild erträumter Lügen!

Verklärte Grandiose,

Sieh nicht herab auf die Gewissenlose!

Du Edle! Teure, nimmer

Genug beweinte Schwiegermutter! Immer

Erwarb mir dein Gemüte

Mein schwach Verdienst und deine hohe Güte.

Das waren meine Künste,

Das waren freilich schlimmen Zaubers Dünste!

Die Weiber selbst, in hellen

Gedrängten Haufen, flehten, herzustellen

Der alten Ordnung Weise,[491]

Weil sie zu sehr langweilten sich im Kreise

Der klatschgewalt'gen Schwestern,

Und mich verklagt um das Gesetz dein Lästern?

Dich endlich (es ist billig,

Du hörst die Wahrheit) nahm ich widerwillig,

Weil mir die Ahnung sagte,

Daß mir der letzte Tag des Glückes tagte,

Als wir die Ring' gewechselt;

Du warest mir zu groß, gelehrt, gedrechselt!

Allein die Kön'gin glaubte,

Daß, was Natur an der Statur mir raubte,

Erstattet sei durch Gaben,

Die niedre Seelen nie begriffen haben,

So bin ich, dankbezwungen

Und ihr zulieb', ins Ehebett gesprungen!


BALSAMINE:

Hat uns der Zwang verbunden,

So sei der Zwang der Gott von unsern Stunden!

Hieher zu mir!


TULIFÄNTCHEN:

Die Hände

Legst du an mich? Sinnst du des Gatten Ende?


BALSAMINE:

Nein, nur des Gatten Zücht'gung!


TULIFÄNTCHEN:

GedrängtenWie? Züchtigung?


BALSAMINE:

Des eiteln Sinns Bericht'gung!


TULIFÄNTCHEN:

Was willst du?


BALSAMINE:

Wirst's erfahren,

So stolzen Helden muß man wohl verwahren![492]

Jetzt zeige deine Stärke,

Die Ehe haßt den Schein, sie will die Werke!


TULIFÄNTCHEN:

Stürzt Pfeiler! Brecht Pilaster!


BALSAMINE:

Sie stehen unerschüttert auf dem Pflaster.


TULIFÄNTCHEN:

Hör du mich, Grandiose!


BALSAMINE:

Sie schlummert taub in ihres Grabes Schoße.


TULIFÄNTCHEN:

Errettet mich, ihr Sterne!


BALSAMINE:

Von einem Zwerge wandeln sie zu ferne.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 489-493.
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