Erste Satire.

[35] Stets Zuhörer nur sein sollt' ich? nie sollt' ich's vergelten,

Welchen so häufig geplagt des heiseren Cordus Thesëis?[35]

Straflos hätte mir denn der Togastücke gelesen,

Der Elegieen? Den Tag mir der riesige Telephus straflos

Oder Orestes verzehrt, der auch auf dem Rücken beschrieben –

Da bis zum Rande das Buch schon voll – und zu Ende noch nicht ist?[36]

Mehr ist keinem bekannt sein eigenes Haus, als der Marshain

Mir und die Höhle Vulcan's, den Aeolischen Felsen benachbart.

Was von den Winden geschieht, was Aeacus martert für Schatten,

Woher jener das Gold des entwendeten Vließes entführet,

Was des Monychus Arm für mächtige Aeschen entschleudert,

Schrei'n die Platanen stets und die bebenden Wände von Marmor

Und die Säulen, gesprengt vom beharrlichen Leser, bei Fronto:[37]

Sei auf dasselbe gefaßt beim größten Dichter und kleinsten.

Auch wir haben die Hand ja der Ruth' entzogen, auch wir einst

Sulla den Rath ertheilt, daß amtlos ruhig er schlafe;

Thörichte Milde nur ist's, da man so viel Sängern begegnet

Ueberall, des Papiers, das doch umkommet, zu schonen.

Doch weßhalb es mich mehr das Feld zu berennen gelüstet,

Auf dem Rosse gelenkt Aurunca's würdiger Zögling,

Will ich, wenn Zeit und Geduld für den Grund ihr gewähret, berichten.

Wenn ein zarter Eunuch sich ein Weib nimmt, Tuscische Keiler

Mevia spießt und, die Brust entblößt, Jagdspeere gezückt hält,

Allen Patriciern jetzt es an Reichthum Einer zuvorthut,

Welcher den lästigen Bart als Jünglinge tönend mir abschor;[38]

Wenn, aus der Hefe vom Nil, ein Sklavinsohn aus Canopus,

Wenn Crispin mit der Schulter zurückwirft Tyrer Lacernen,

Und er, den Sommerring an den schwitzenden Fingern sich lüftend,

Nicht zu ertragen vermag das Gewicht der größeren Gemme:[39]

Hält man schwer die Satire zurück. Wer ist denn so duldsam

Gegen die frevelnde Stadt, so eisern, daß er sich halte,

Wenn in der neuen Sänft' ein Anwalt Matho daher kommt,

Der sie füllet; nach ihm des hohen Freundes Verräther,

Der, was übrig noch ist, vom verschlungenen Adel erraffen

Eilig will, der den Massa in Furcht setzt, den durch Geschenke

Carus und Thymele kirrt, die Latinus zitternd ihm sandte;[40]

Wenn dich vom Erbe verdrängt, wer Testamente durch Nächte

Sich schafft, wen in den Himmel erhebt der zum höchsten Erfolge

Jetzt geeignetste Weg, der Schooß der begüterten Alten?

Nur ein Uenzlein hat Proculej, elf Unzen ein Gillo,

Jeder Erbe für sich sein Theil nach dem Maße der Mannheit.

Mag er den Lohn für das Blut doch empfahn und also erbleichen,

Wie der, welcher der Schlang' auf den Leib mit nackendem Fuß trat,

Oder ein Redner, bestimmt, am Altar Lugdunum's zu sprechen!

Was brauchts Worte, wie sehr mir die trockene Leber vor Zorn glüht,[41]

Wenn durch Schaaren Gefolgs des nun käuflichen Mündels Berauber

Hier fortdränget das Volk, und dort, vergeblich verurtheilt,

(Denn was ist an der Schmach bei geretteten Schätzen gelegen?)

Marius in dem Exsil trotz Götterzornes von acht an

Zecht und genießt, doch du, o Provinz, als Siegerin weinest?

Das nicht sollte mich werth der Venusischen Lampe bedünken?

Das nicht nähm' ich mir vor? jedoch was mehr? Herakleer

Und Diomedesgesäng' und Labyrinthus-Gebrülle,

Oder das Meer, das der Sohn durchstürzt, und den fliegenden Künstler,[42]

Wenn von dem Buhlen der Frau, hat die kein Recht, sie zu erben,

Güter der Kuppler empfängt, der versteht, an die Decke zu blicken,

Der auch versteht, beim Pokal mit wachender Nase zu schnarchen,

Wenn sich berechtiget glaubt, den Befehl der Cohorte zu hoffen,

Wer an die Krippen verthan die Hab', und sämmtlichen Erbguts

Bar ist, während mit schnellem Gespann die Flaminier-Straße

Er durchstieget – der Knab' Automedon hielt ja die Zügel

Selber und prahlte damit vor der Freundin in der Lacerna –?[43]

Möchte geräumiges Wachs nicht gleich in sich kreuzender Straßen

Mitte man füllen, wenn der auf bereits sechs Nacken einher schwebt,

Sichtbar hinten und vorn und auf fast offenem Tragstuhl,

Und sehr viel vom Mäcen, dem bequem sich streckenden, zeiget,

Der, falsch zeichnend, sich Glanz und Reichthum hatte verschaffet

Durch ein geringes Blatt und die angefeuchtete Gemme?

Dort zeigt, hoch von Geburt, sich ein Weib, das milden Calener

Mit Giftkröten vermischt, um dem dürstenden Mann ihn zu reichen

Und, vor Locusta voraus, unkundige Freundinnen lehret,[44]

Wie durch Gered' und Volk man geschwärzete Gatten bestattet.

Etwas, das Kerker verdient und das enge Gyarus, wage,

Wünschest du etwas zu sein. Gelobt wird Tugend und frieret.

Freveln verdanket man jetzt die Paläst' und Gärten und Tische,

Uralt Silbergeräth und den Bock, der da stehet an Bechern.

Wen läßt schlafen des Sohns habsüchtiger Gattin Verführer,

Wen mannbräutlicher Gräu'l und ein Ehebrecher im Saumkleid?

Wenn die Natur ihn versagt, die Entrüstung machet den Vers dann,

Wie sie gerade vermag, wie ich und wie Cluvienus.

Seit Deucalion einst, als die Meerfluth Regen erhoben,[45]

Schiffend erstiegen den Berg und der Gottheit Spruch sich erfleht hat,

Und das erweichte Gestein nach und nach von Leben erwarmt ist,

Und von Pyrrha den Männern gezeigt sind nackende Mädchen,

Was die Menschen bewegt seitdem, Furcht, Wünsche, die Wollust,

Unruh, Freuden, der Zorn, ist unseres Buches Gemenge.

Und wann zeigten sich mehr in üppiger Fülle die Laster?

Wann war offner der Schooß für die Habsucht? wann für den Würfel

Solche gewaltige Wuth? denn nicht von dem Kästchen begleitet,

Geht man zum Glückstisch hin, man spielt mit der Kiste zur Seite.

Was wirst dort für Gefechte du sehn, wo den Träger der Waffen

Macht der Kassier! ist's nicht rein Tollheit, hundert Sesterze

So zu verlieren, und nicht den schauernden Sklaven zu kleiden?

Wer in der Vorzeit baute soviel Landhäuser, wer speiste

Sieben Gänge für sich? jetzt wird die kärgliche Sportel[46]

Vorn an die Schwelle gesetzt, daß die Togaschaar sie sich raube.

Jener jedoch sieht erst ins Gesicht und fürchtet, du kommest

Untergeschoben hin und verlangst auf Anderer Namen.[47]

Kennt er dich, wirst du empfahn; vom Präco lässet er rufen

Trojabürtige selbst, denn die auch drängen die Schwelle

Mit uns. »Gib dem Prätor zuerst, gib dann dem Tribunen!«

Aber ein früherer Sklav geht vor. »Ich stellte mich eh'r ein,

Heißt's, was sollt' ich mich scheu'n, und den Platz zu vertheidigen anstehn,

Stamm' ich vom Euphrat auch her, was weibische Fenster im Ohre[48]

Lehrten, bestritt' ich es selbst? allein fünf Läden gewähren

Mir vierhundert Ertrag; was beut der breitere Purpur

Irgend zu wünschendes dar, wenn Corvin auf Laurentischer Weide

Hütet gepachtete Schaf', und ich mehr, als die Liciner

Und als Pallas, besitz'?« Ein Tribun mag also nur warten,

Siege der Reichthum ob, nicht darf der geweiheten Würde

Weichen, wer jüngst in die Stadt mit geweißeten Füßen gekommen,[49]

Da doch einmal bei uns die geheiligtste Macht die des Reichthums,

Wenn auch, trauriges Geld, noch nicht im Tempel du wohnest,

Und Altäre noch nicht wir errichtet haben für Münzen,

Wie man den Frieden verehrt und die Treu' und den Sieg und die Tugend

Und die, so oft ihr Nest begrüßt wird, klappernde Eintracht.

Rechnet jedoch am Schlusse des Jahrs sich die oberste Würde,

Was ihr die Sportel gewährt, wie sie ihr Einkommen erhöhet,

Was soll machen der Troß, dem Schuh, dem Toga von hier kommt,

Brot und Rauch für das Haus? Sich drängende Sänften, sie bitten

Hundert Quadranten sich aus, und es folgt dem Gemahle die kranke,

Oder schwangere Frau und wird in die Runde geführet.

Dieser verlangt für die Gattin daheim, längst üblichen Kunstgriffs

Kundig, und zeigt statt der die verschlossene ledige Sänfte.

»Mein Weib Galla,« so heißt's, »entlaß uns eilig; du zögerst?«

›Zeige doch, Galla, dein Haupt!‹ »o gönn' ihr Ruhe, sie schläft wohl.«

Schön theilt selbst sich der Tag nach der Ordnung seiner Geschäfte:

Sportel, das Forum darauf und Apollo, kundig des Rechtes,

Und die Triumphbildsäulen, wozu auch seine zu stellen

Irgend ein Mensch aus Aegypten gewagt und arabischer Häuptling,[50]

Vor deß Bilde mit Recht nicht bloß das Wasser man ließe.

Fort vom Vestibulum gehn die ermüdeten alten Clienten,

Und entsagen dem Wunsch, ob man gleich sehr lang' auf die Mahlzeit

Hoffet; es müssen den Kohl und die Feurung kaufen die armen.

Während der Zeit nun wird ihr Herr der Gewässer und Wälder

Bestes verschlingen, und selbst auf den leeren Polstern nur liegen.

Denn von der Schüsseln soviel voll Pracht und so großen und alten

Wird durch ein einziges Mahl ein väterlich Erbe verschmauset.

Nicht mehr gibt's Parasiten hinfort. Wer aber ertrüge

Schwelgen so schmutziger Art? was ist's für ein Schlund, der sich Eber

Ganz auftischet, ein Thier, um des Gastmahls willen geschaffen!

Doch nicht zögert der Lohn, wenn deine Kleider du ablegst,

Voll von Speis', und ins Bad den noch unverdaueten Pfau trägst.[51]

Daher plötzliche Tod' und ein Alter ohne Vermächtniß,

Und durch alle Gelag' ein neu, nicht traurig Geschichtlein,

Führen den Leichnam, werth des Beklatschens, zornige Freunde.

Nichts gibt künftig es mehr, was zu unseren Sitten die Nachwelt

Füge; das Nämliche thun und begehren werden die Spätern.

Jegliches Laster erstieg den Höhpunkt; brauche die Segel,

Auf, und entfalte sie ganz! »Woher denn,« sagst du vielleicht hier,

»Jenes Talent, das dem Stoff entspricht? Woher die Geradheit

Früherer, jegliches, was dem entflammeten Geiste beliebte,

Niederzuschreiben, ›für die ich das Wort nicht wage zu brauchen?‹

Was gilt's, ob, was gesagt, ob nicht dir's Mucius nachsieht?

Setze dafür Tigellin, und du wirst dort leuchten am Kienpfahl,

Wo mit durchbohreter Brust aufdampfende stehen und brennen,

Und breitfurchige Spur dahin ziehn mitten im Sande.«[52]

Wer Aconit denn gereicht drei Vatersbrüdern, dahinziehn

Soll er auf schwebendem Flaum und auf uns von da oben herabsehn?

»Kommet er dir in den Weg, dann leg' auf die Lippen den Finger:

Als Ankläger erscheint, wer das Wort ›der ist es!‹ gesprochen.

Laß dem Aeneas zum Kampf sich den wilden Rutuler stellen

Sorglos, keinen verletzt der vom Pfeil durchbohrte Achilles,

Oder der viel gesuchte, dem Krug nachfolgende Hylas;

Wenn wie gezücketen Schwerts Lucilius flammend daher braust,

Steiget dem Hörer das Blut ins Gesicht, dem die Seele von Freveln

Schauert, die heimliche Schuld treibt Angstschweiß ihm auf den Busen:

Daher Thränen und Zorn. Das magst vorher du bedenken;

Fachet die Tuba den Muth, dann reut der Kampf den Behelmten

Zu spät.« – Sei es versucht, was mir bei jenen erlaubt wird,

Deren Gebeine bedeckt die Flaminia und die Latina.


Quelle:
Des Decimus Junius Juvenalis Satiren. Stuttgart 1863, S. 35-53.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Tschechow, Anton Pawlowitsch

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Drei Schwestern. (Tri Sestry)

Das 1900 entstandene Schauspiel zeichnet das Leben der drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nach, die nach dem Tode des Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder Andrej in der russischen Provinz leben. Natascha, die Frau Andrejs, drängt die Schwestern nach und nach aus dem eigenen Hause.

64 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon