Vierzehntes Kapitel.

[296] Jetzt ist es Herbst. Auf den Gräbern da oben auf dem Friedhofe blühen keine Blumen mehr, und das Laub liegt braun und modernd auf den nassen Wegen und unter den Bäumen im Garten zu Lönborggaard.[296]

In den leeren Stuben geht Niels Lyhne in bitterer Schwermut herum. In ihm ist etwas zerbrochen, in jener Nacht, als das Kind starb; er hat das Zutrauen zu sich selber verloren, seinen Glauben an die Macht des Menschen, das Leben zu ertragen, das man ja leben muß. Das Dasein war ihm schal geworden, und der Inhalt desselben stob zwecklos davon, nach allen Seiten hin.

Es konnte nichts nützen, daß er das Gebet, das er gebetet hatte, den wahnsinnigen Hilfeschrei eines Vaters für sein Kind nannte. Er hatte es gewußt, was er in seiner Verzweiflung getan hatte. Er war versucht worden und war gefallen; es war ein Sündenfall, ein Abfallen von dem eigenen Ich, von der Idee. Es kam vielleicht daher, daß die Tradition in seinem Blute zu stark gewesen war; das Menschengeschlecht hatte in so viel tausend Jahren stets in seiner Not den Himmel angerufen, und jetzt hatte er diesem ererbten Drange nachgegeben. Aber er hätte dagegen angehen müssen wie gegen einen bösen Instinkt, er wußte ja doch bis in die innersten Fibern seines Hirnes, daß alle Götter nichts sind als Träume, und daß er zu einem Traume Zuflucht genommen hatte, sobald er betete, ebenso wie er in alten Tagen, wenn er sich der Phantasterei in die Arme geworfen hatte, genau gewußt hatte, daß es Phantasterei war. Er hatte das Leben, so wie es war, nicht ertragen können, jetzt hatte er teilgenommen an dem Kampfe um das Höchste und war in der Hitze des Kampfes der Fahne untreu geworden, zu der er geschworen hatte; denn das Neue,[297] der Atheismus, die heilige Sache der Wahrheit, welchen Zweck hatte das alles, was war das alles? Nichts als ein Flittergoldname für das eine Einfache: das Leben so zu ertragen, wie es nun einmal war, und das Leben sich nach den eigenen Gesetzen des Lebens bilden zu lassen.

Es war ihm, als habe sein Leben in jener qualvollen Nacht abgeschlossen; das, was nachher kam, konnte niemals etwas anderes werden als gleichgültige Szenen, die an den fünften Akt angeklebt waren, nachdem die Handlung schon zu Ende gespielt worden. Er konnte ja immerhin seine alten Lebensanschauungen wieder aufnehmen, wenn er Lust dazu hatte, aber er war nun doch einmal gefallen, und ob sich der Fall später wiederholen würde, oder ob er sich nicht wiederholen würde, das bleibt ganz gleichgültig.

Das war die Stimmung, in der er am häufigsten herumging.

Und dann kam der Novembertag, an dem der König starb und die Kriegswolke immer drohender heraufzog.

Schnell ordnete er seine Sachen auf Lönborggaard und meldete sich als Freiwilliger.

Die Langeweile der Ausbildungszeit ertrug er mit Leichtigkeit, es war ja so unsäglich viel, nicht länger ein überflüssiger Mensch zu sein, und als er dann zur Armee stieß, der ewige Kampf gegen Kälte, gegen Ungeziefer und Unbequemlichkeiten jeder Art, das alles drängte die Gedanken zurück, die sich mit dem Zunächstliegenden[298] beschäftigen konnten, das machte ihn beinahe heiter, und seine Gesundheit, die sehr unter dem Kummer der letzten Jahre gelitten hatte, wurde wieder ganz ausgezeichnet.

An einem trüben Märztage wurde er dann durch die Brust geschossen.

Hjerrild, der Arzt im Lazarett war, sorgte dafür, daß er in einen kleineren Saal gelegt wurde, worin sich nur vier Betten befanden. Der eine von denen, die drinnen lagen, war durch das Rückgrat geschossen und lag ganz still, der zweite hatte eine Wunde in der Brust, er hatte schon mehrere Tage dort gelegen und phantasierte ununterbrochen, stundenlang mit hastig ausgesprochenen, abgerissenen Worten; der letzte endlich, der Niels Lyhne am nächsten lag, war ein großer, starker Bauernbursche mit dicken, runden Backen; er hatte eine Gehirnverletzung durch einen Granatsplitter erlitten, und unablässig, den ganzen Tag, hob er ungefähr zweimal in der Minute gleichzeitig den rechten Arm und das rechte Bein in die Höhe, ließ sie dann wieder fallen und begleitete die Bewegung jedesmal mit einem lauten, aber dumpfen, tonlosen: Hoh, hoh, stets in demselben Takt, stets genau mit demselben Tonfall.

Da lag nun Niels Lyhne. Die Kugel war in seine rechte Lunge gedrungen und war dort sitzen geblieben. Im Kriege können nicht viele Umstände gemacht werden, und so erfuhr er, daß er nicht viel Aussicht habe, am Leben zu bleiben.[299]

Das wunderte ihn, denn er fühlte sich durchaus nicht sterbenskrank, und seine Wunde schmerzte ihn nicht sehr. Bald aber stellte sich eine Mattigkeit ein, die ihm sagte, daß der Arzt recht habe.

Das also sollte das Ende sein. Er dachte an Gerda, er dachte den ersten Tag viel an sie, aber immer störte ihn der wunderbar kühle Blick, den sie gehabt hatte, als er sie zum letzten Male in die Arme schloß. Wie schön wäre es doch gewesen, wie schmerzlich schön, wenn sie sich bis zuletzt an ihn geklammert und ihn nicht aus den Augen gelassen hätte, ehe der Tod sie matt gemacht, wenn es ihr genügt hätte, ihr Leben bis zum letzten Atemzuge an dem Herzen zu leben, das sie so sehr liebte, statt sich in der letzten Stunde von ihm abzuwenden, um sich noch mehr Leben zu sichern, noch mehr Leben.

Den zweiten Tag im Lazarett wurde Niels schwermütiger infolge der dumpfen Atmosphäre, die ihn umgab, und die Sehnsucht nach frischer Luft und der Wunsch, zu leben, waren in seinen Gedanken seltsam miteinander verwoben. Das Leben hatte doch viel Schönes gehabt, dachte er, wenn er sich die frische Brise am heimatlichen Strande zurückrief, das leise Säuseln in Seelands Buchenwaldungen, die reine Bergluft in Clarens und die weichen Abendwinde am Gardasee. Aber sobald er an die Menschen dachte, ward ihm wieder elend zumute. Er rief sie sich einzeln ins Gedächtnis, und alle gingen sie an ihm vorüber und ließen ihn allein; auch nicht einer blieb bei ihm zurück. Aber wie hatte denn er an ihnen festgehalten,[300] war er denn vielleicht treu gewesen? Da war nur der eine Unterschied, daß er sie langsamer hatte fallen lassen. Nein, das war es nicht. Es war das unsäglich Traurige, daß eine Seele stets allein ist. Jeder Glaube an ein Zusammenschmelzen zweier Seelen war eine Lüge. Nicht die Mutter, die uns auf dem Schoße gehalten, nicht der Freund, nicht die Gattin, die an unserm Herzen geruht –

Gegen Abend wurde er unruhig, und die Schmerzen in der Wunde nahmen zu.

Hjerrild kam und saß am Abend einen Augenblick neben ihm; gegen Mitternacht kam er wieder und saß lange da. Niels litt sehr und stöhnte vor Schmerzen.

»Ein Wort in allem Ernst, Lyhne,« sagte Hjerrild, »wünschen Sie mit einem Pfarrer zu sprechen?«

»Ich habe nicht mehr mit diesen Leuten zu tun, als Sie«, stöhnte Niels erbittert.

»Von mir ist jetzt nicht die Rede, ich lebe und bin gesund. Quälen Sie sich doch jetzt nicht mit Ihren Anschauungen; Leute, die sterben sollen, haben keine Anschauungen mehr, und es ist auch einerlei, ob Sie welche haben; Anschauungen sind nur dazu da, um danach zu leben; im Leben, da haben sie einen Zweck. Kann es wohl einem einzigen Menschen nützen, daß er in dieser oder in jener Anschauung stirbt? Glauben Sie mir nur, wir haben ja alle lichte, weiche Erinnerungen aus unserer Kinderzeit; ich habe die Menschen zu Dutzenden sterben sehen, es ist immer ein Trost, die alten Erinnerungen[301] hervorzuholen. Laß uns ehrlich gegeneinander sein, wir mögen nun sein, wie wir wollen, wir können doch niemals den Gott ganz aus dem Himmel verbannen; unser Gehirn hat ihn sich zu oft da oben vorgestellt, es ist mit ihm eingesungen, als wir ganz klein waren.«

Niels nickte. Hjerrild beugte sich über ihn, um zu hören, ob er etwas sagen wolle.

»Sie meinen es gut,« flüsterte Niels, »aber –« und er schüttelte energisch den Kopf.

Es blieb lange still drinnen; nur das ewige Hoh, hoh des Bauernburschen hackte die Zeit langsam in Stücke.

Hjerrild erhob sich: »Lebe wohl, Lyhne,« sagte er, »es ist doch ein schöner Tod, für das arme Vaterland sterben zu können.«

»Ja,« antwortete Niels, »aber eigentlich war unser Traum von dem, was wir ausrichten wollten, damals, vor langen, langen Jahren, ein ganz anderer.«

Hjerrild ging. Als er in sein Zimmer kam, stand er lange am Fenster und sah zu den Sternen auf. – »Wenn ich Gott wäre,« murmelte er und fügte in Gedanken hinzu, »dann würde ich weit lieber den selig machen, der nicht in seiner letzten Stunde noch umkehrt.«

Niels Schmerzen wurden heftiger und heftiger, es hämmerte unbarmherzig in der Brust, ohne aufzuhören. Es wäre so schön gewesen, wenn er nun einen Gott gehabt hätte, zu dem er hätte klagen, zu dem er hätte beten können.[302]

Gegen Morgen fing er an, zu phantasieren; die Entzündung war in vollem Gange.

Und so ging es noch zwei Tage und zwei Nächte weiter.

Das letztemal, als Hjerrild Niels Lyhne sah, lag er da und phantasierte von seiner Rüstung, und daß er stehend sterben wolle.

Und endlich starb er denn den Tod, den schweren Tod.[303]

Quelle:
Jacobsen, J[ens] P[eter] : Niels Lyhne. Leipzig [o. J.], S. 296-304.
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