Winterständchen

[100] Schnee liegt auf den Gassen weit,

Schnee glänzt von den Dächern wieder.

Voll in Winterherrlichkeit

Strahlt der lichte Mond hernieder,

Strahlt auf's Haus, wo Liebchen ruht,

Wo die Engel halten Hut.

Schlaf süß, mein Lieb, schlaf süß!


Deiner Zukunft Rosenbild

Wird durch deine Träume gehen.

Goldig glänzend, wundermild

Wird ein Stern am Himmel stehen,

Den die Liebe sendet dir,[100]

Der dir leuchtet für und für.

Schlaf süß, mein Lieb, schlaf süß!


Horch, der Sturm mit Schneegebraus

Schüttelt sich vor Frostbeschwerde.

Alle Blumen schlummern aus,

Denn der Winter deckt die Erde.

Wachst du auf, wird Frühling sein

Rings um mich durch dich allein.

Schlaf süß, mein Lieb, schlaf süß!


Aber eine innere Stimme sprach zu mir:

Du warst wie ein Kind, aller Thorheiten voll.

Aber mitten darin, du weißt es wohl,

Habe ich dir immer einen Stoß gegeben,

Daß du solltest eingedenk bleiben der Botschaft

Und nicht vergessen des Auftrags.

Siehe nun die Zeit ist gekommen,

So rüttle dich und gehe!

Und ich erbebte tief im Herzen und sprach:

Ich will leben, so laß mich leben![101]

Aber die Stimme sprach zu mir:

Willst du leben, sieh her,

Ich ziehe heute den Vorhang von deinen Augen,

Durch den du die Menschen siehest,

Und durch den die Andern auf Erden die Menschen sehen.

Und ich sah hin, –

Da erschauderte so mein Gebein,

Daß ich stürzte und schrie:

Halt ein, halt ein! ich will lieber sterben!

Seitdem ist die Freude von mir genommen.

Ich bin wie ein Sieb,

So durchgeschüttelt von Schmerz,

Alles Lustige ist davongeflogen

Und nur die schweren Stücke sind zurückgeblieben.


Es trieb mich hinauf auf die Waldhöhe,

Die am Ufer des Meeres liegt.


Da erhob sich ein Sturmwind vom Meere her,

Ein solcher war noch niemals heraufgekommen.

Und die lustigen Birken zitterten,

Und die Buchen und Tannen rauschten tief auf vor Angst.

Droben aber da stand ein Eichbaum,

Der schien unerschütterlich festgewurzelt.[102]

Lauter Schlingkraut wuchs an ihm

Und blühete üppig auf.

Aber die Blumen zu seinen Füßen hatten keinen Blüthenduft,

Und die Vögel aus seinen Zweigen waren alle hinweggeflogen.

Und der Sturmwind raste und faßte ihn

Und hob ihn aus

Und schlug ihn mit seinen Wurzeln um.

Aber er barst im Fallen mitten entzwei,

Und siehe, er war innerlich ganz morsch und faul gewesen.


Der Sturmwind aber raste noch immer.

Und da stand eine Kiefer hoch und schlank.

Und ich sah sie an,

Und meine Lippen bebten und ich sprach:

Die Eiche ist gefallen, wie soll die Kiefer bestehen bleiben?

Und der Sturmwind faßte sie,

Und sie bog sich hinüber und herüber

Und hielt die Astbüsche vor ihr Angesicht

Und knarrete und ächzte laut,

Wie ein Mann stöhnt in wildem Schmerz.

Aber siehe, sie brach nicht.

Und der Sturmwind legte sich

Und hörte auf.
[103]

Da wurde es mit einmal helle,

Und die Sonne strahlte voll und ganz.

Da fingen alle Blumen an zu blühen

Und dufteten köstlich rings umher,

Und die Vögel kamen alle wieder

Und sangen herrlicher denn je zuvor.

Und ich drückte mein Antlitz in den Boden nieder

Und schluchzte und weinte lange.


Und ich erhob mich,

Und wandte mein Angesicht dem Meere zu,

Und in mir frohlockte es laut und rief:

Der Mensch ist gut von Anfang an!

Der Mensch ist gut von Anfang an!

Verblendungswahn und Eigengier

Die haben den Menschen zum Zerrbild gemacht

Und zum unmenschlichsten aller Erdenwesen.

Aber die sind ihm nicht von Natur gegeben,

Die sind dem Menschen aufgeprägt durch Gewohnheit!


Es ist finster um mich her und die Blitze zucken,

Und unheimlich der Donner rollt.

Aber ich sehe ein strahlend Licht

Und durch alle Schrecken, die kommen wollen,

Ruf' ich mit heller Stimme hindurch:

Der Mensch ist gut von Anfang an!

Jauchze auf, du Welt, und sei wieder fröhlich![104]

Es kommt die Zeit und sie ist nahe,

Wo Verblendung weichen wird der Klarheit

Und Eigengier sich wird wandeln in Nächstenliebe.

Es ist ganz finster um mich her,

Und Mitternacht will erst werden.

Die Lerche bin ich,

Die einer kommenden Sonne entgegenjubelt.

Quelle:
Leopold Jacoby Es werde Licht! München 1893, S. 100-105.
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