17. Der starke Jochem.

[100] Es war einmal ein Bauer, der war schon sieben Jahre verheiratet, und noch immer nicht hatte ihm seine Frau, die Bäuerin, ein Kind geschenkt. Endlich erhörte der liebe Gott ihre Bitten, und der Bauer war so erfreut darüber, dass er sprach: »Mutter, wenn's ein Junge wird, soll er Jochem heissen, und du musst ihm sieben Jahre die Brust geben und darfst dabei nichts anderes thun, als essen und trinken und mit ihm Karten spielen.« Wie der Bauer gewünscht hatte, so geschah es auch; die Frau kam mit einem Jungen nieder. Alsbald nahm er ein neues Mädchen an, welches die Geschäfte der Bäuerin zu besorgen hatte, während diese nur ass und trank und dem Jungen die Brust gab und, als er älter wurde, mit ihm in der Karte spielte. In der Taufe aber wurde das Kind Jochem genannt.

Das gute Leben der Mutter bekam Jochem ausgezeichnet, und[100] schon im ersten Jahre ward er so stark, wie ein grosser Junge, und ass zu der Brust tagtäglich ein ganzes hausbacknes Brot. Im zweiten Jahre musste man ihm schon zwei Brote geben, im dritten drei, und im siebenten Jahre gar schrie er vor Hunger, wenn er nicht sieben Brote aufessen durfte. Da war's kein Wunder, dass er sich gross und stark anliess, wie ein Riese, und Karten spielte er so schön, ei so schön, dass er seinen Meister suchen konnte in der ganzen Welt.

Den Tag, da er entwöhnt ward, nahm ihn der Vater mit sich aufs Feld und gab ihm die Peitsche, dass er die Pferde antriebe. »Was soll ich mit dem Ding!« sprach Jochem zornig, ging an den Waldesrand und zog eine junge, sechszöllige Buche aus dem Erdreich heraus. »Was willst du damit?« rief der Alte erschrocken. »Die Pferde antreiben!« antwortete der starke Jochem, und schon hatte er dem einen Pferd, das nicht mehr weiter wollte, eins über den Buckel gegeben, dass ihm das Kreuz brach und es tot zu Boden stürzte. Darüber geriet der Bauer in Todesangst und wollte ausspannen und nach Hause zurückkehren. »Wenn's mir gefällt, wird aufgehört!« sprach der starke Jochem, und der Bauer war stille und pflügte mit ihm trotz Hunger und Durst bis auf den Abend.

Als sie heimkehrten, stand die Bäuerin schon vor der Thüre und hatte die Arme in die Seiten gestemmt und wollte schelten, dass sie so spät kämen. »Still, still, Mutter,« rief der Alte und nahm sie bei Seite und erzählte ihr alles, wie es gekommen war. Da wurden sie eins mit einander, alles daran zu setzen, des starken Jochem sobald wie möglich los zu werden. Zu dem Zwecke sprach der Bauer am anderen Morgen: »Jochem, mein Sohn, du bist nun sieben Jahre alt und stark genug, in die Fremde zu gehen. Hier hast du drei Thaler Geld, sieben hausbackene Brote und ein halbes geschlachtetes Schwein, das soll deine Wegzehrung sein.« Das schien dem starken Jochem ein guter Rat, er nahm Geld, Brot und Fleisch und schritt zum Hause hinaus. Vor dem Dorfe machte er halt und ass alles mit einem Male auf, dann ging er auf den Gutshof und fragte den Edelmann, ob er nicht einen Knecht brauchen könne. Als der Herr Jochems starke Knochen sah, sprach er bei sich: »Der kommt dir wie gerufen, den wirst du nicht laufen lassen.« Gedacht, gethan, der starke Jochem wurde des Edelmanns Knecht und musste sich verpflichten, bis Martini in seinen Diensten zu bleiben.

Um zwölf Uhr wurde zum Mittagsmahle geklappert und ein grosser Kessel Erbsen und eine gute Schüssel Schweinefleisch für das Gesinde aufgetischt. Ehe sich's aber die andern versahen, hatte der starke Jochem sich schon darüber hergemacht und alles rein aufgegessen, dass die übrigen das Nachsehen hatten. Und damit war er noch gar nicht zufrieden, er verlangte mehr, die paar Bissen hätten kaum seinen Hunger gestillt. Der Edelmann schüttelte den Kopf, liess aber neue Speisen herbei schaffen und befahl dann den Knechten, in den Busch zu fahren und Eichenholz zu holen.

Die Leute waren schon längst im Walde, da kam der starke[101] Jochem ihnen nach und fragte: »Welche Bäume nehmt ihr?« – »Die ausgezeichnet sind,« sagten die Knechte mürrisch; denn sie konnten den Ärger über das schöne Essen, welches ihnen der starke Jochem vor der Nase weggefressen hatte, nicht verwinden. »Wie viel Bäume nehmt ihr?« fragte Jochem weiter. »Einen,« sagten die Knechte, »das ist für den Wagen genug.« – »Warum habt ihr denn aber so viele Äxte mitgenommen?« – »Du Dummkopf, weil wir sonst die Bäume nicht fällen können?« – »Das bin ich anders gewohnt,« sprach der starke Jochem und ergriff mit jeder Hand einen dicken Eichbaum am Zopfe und zog die Stämme samt den Wurzeln mit einem Rucke aus dem Erdboden heraus; dann warf er sie auf den Wagen und trieb die Pferde an, um heimzufahren. Den Tieren war die Last aber zu schwer. »Auch gut,« sagte der starke Jochem und legte die Pferde oben auf die Stämme, spannte sich selbst vor den Wagen und zog die Fuhre gemächlich hinter sich drein, als hätte er nur ein paar Bund Heu geladen.

Vor dem Walde war ein Hohlweg. Da drückten den starken Jochem die sieben hausbackenen Brote und das halbe Schwein, der Kessel mit Erbsen und das Pökelfleisch, und er setzte sich nieder, und als er wieder aufstand, war von dem Hohlweg nichts mehr zu sehen. Alles war so schier und glatt, als war's eine ebene Strasse. Das freute den starken Jochem, und nun ging's noch einmal so gut mit dem Wagen. Wie ihn der Edelmann aber so ankommen sah, erschrak er des Todes und glaubte, der leibhaftige Teufel wär's, der wolle ihn holen. »Jochem,« rief er, als er ihn endlich erkannte, »was ist denn das!« – »Das ist Bauholz, Herr,« gab er zur Antwort. »Aber Jochem, mit Zopf und Zweigen und Stubben!« – »Wir müssen sparen, Herr!« antwortete Jochem, »die Zweige brennen leicht an, und die Stubben halten lange vor.« – »Wo bleiben denn aber die andern?« fragte der Edelmann. »Die kommen nach,« sagte der starke Jochem. Aber der Herr mochte lauern, so lange er wollte, sie kamen nicht nach Hause. »Jochem,« sprach darauf der Edelmann, »komm, wir wollen nach den andern sehen!« – »Ich habe meine Arbeit gethan,« sagte der starke Jochem, »aber wenn Ihr mir sieben fette Hammel und einen halben Wispel Kartoffeln zum Abendbrot versprecht, so will ich es wohl thun.« – »Das sollst du alles haben, wenn du morgen wieder aus dem Dienst gehst,« sagte der Edelmann; und weil Jochem damit zufrieden war, gingen sie dem Walde zu, um nach den Leuten zu sehen. Siehe, da steckten sie allesamt mit Pferd und Wagen im Hohlweg und konnten nicht vorwärts und nicht rückwärts. »Daran bin ich Schuld,« sagte Jochem, ergriff einen Wagen nach dem andern vorne an der Deichsel, und ein Ruck, so waren sie aus dem Hohlweg heraus und konnten die Fahrt fortsetzen.

Den Abend erhielt der starke Jochem die sieben fetten Hammel und den halben Wispel Kartoffeln, wie ihm der Edelmann versprochen hatte; aber am andern Morgen bekam er seinen Jahreslohn ausgezahlt und konnte wieder gehen, woher er gekommen war. Und das that[102] er auch, und der Bauer lachte über das ganze Gesicht und bereitete seinem Sohne einen guten Empfang, als er die harten Thaler sah, welche dieser in einem Tage verdient batte. Zu Ehren der Rückkehr musste die Bäuerin obendrein soviel Kartoffeln kochen, als Jochem nur irgend essen konnte. Dem mochte aber die magere Kost nicht mehr gefallen, seitdem er die sieben Hammel gegessen, und er wusste sich Rat in der Sache. Als die Nacht hereinbrach, ging er in des Herrn Schafstall und band sieben fette Böcke an den Schwänzen zusammen, warf sie über die Schultern und brachte sie seiner Mutter, dass sie ihm die Tiere zubereite und er sie ässe.

Der Schäfer hatte aber den Dieb erkannt und klagte dem Edelmann das Leid. Der hiess in der folgenden Nacht die stärksten Knechte mit Äxten und schweren Steinhämmern in dem Schafstall Wache halten und dem starken Jochem, wenn er wieder erscheine, den Schädel einschlagen. So thaten die Leute auch, und kaum hatte Jochem am nächsten Abend die Stallthüre geöffnet, so schlugen sie von allen Seiten auf seinen Kopf ein. »Hätte ich doch nimmer gedacht, dass im Schafstall die Mücken so stechen,« sagte der starke Jochem und eilte sich, dass er wieder sieben gute Böcke erwische. Die Knechte aber verkrochen sich vor Angst in den hintersten Winkel des Stalles und sagten Gott Lob und Dank in ihrem Herzen, dass Jochem bei der Dunkelheit ihrer nicht gewahr geworden war.

»Kommst du mir so?« rief der Edelmann zornig, als er von den Leuten hörte, wie es ergangen sei; »Warte, ich will dir schon an den Leib gehen!« Dann liess er zwei wilde, gewaltige Bullen aus dem Stalle holen und vor dem Schafstall einhürden. Die sollten den starken Jochem, wenn er wieder Schafe stehlen ginge, auf ihre Hörner nehmen und ihm so den Garaus machen. Doch er hatte sich verrechnet; denn als der starke Jochem in der dritten Nacht kam und die Bullen erblickte, wie sie ihn grimmig anschauten und die Hörner senkten und aus der Nase schnoben und mit den Füssen das Erdreich scharrten, da rief er fröhlich: »Das sind mir freundliche Tierchen und grösser, als die Hammel; von der Art habe ich an zweien genug!« Sprach's und ergriff die Bullen an den Hörnern und warf sie sich auf den Nacken, dass die Schwänze im Grase nachschleiften.

Jetzt sah der Edelmann ein, dass er mit Gewalt dem starken Jochem nichts anhaben könne. Er ging darum am andern Morgen zu ihm auf den Bauerhof und redete ihm gütlich zu, er möge doch die Gegend verlassen, sonst mache er ihn und seinen Vater dazu zum armen Manne. Da sei der König anders, der könne seine Soldaten nicht stark und lang genug bekommen, bei dem wäre er gut aufgehoben, auch würde er dort an Speise und Trank nie Mangel leiden. Die Rede gefiel dem starken Jochem, er sagte Vater und Mutter und dem Edelmann Lebewohl, wanderte in die Stadt und liess sich den schönen, bunten Soldatenrock anziehen. Darauf bekam er ein Gewehr in die Hand und sollte Griffe machen. Weil ihm nun eine Flinte ein gar gebrechliches Ding schien, brachte er sie fein sacht und behutsam[103] beim Anfassen an die Schulter. »Kann der Kerl das Gewehr nicht fest einsetzen!« schrie der Feldwebel. »Mir soll's recht sein,« dachte der starke Jochem, griff fest zu, und der eiserne Lauf brach, wie ein Rohrhalm, mitten auseinander, und der Ruck war so gross, dass die obere Hälfte hoch in die Höhe flog, so hoch, dass sie eine gute Viertelstunde brauchte, ehe sie wieder auf den Erdboden herabkam.

Der Feldwebel sperrte Nase und Maul auf über dem Anblick, machte kehrt und meldete die Sache dem Hauptmann. »Das ist ja ein Mordskerl,« sagte der Hauptmann, »dem müssen wir einen Sechspfünder als Flinte in die Hand geben.« Der starke Jochem erhielt nun auch wirklich einen Sechspfünder, und als er ihn in der Hand hatte, fragte er den Herrn Haupt mann, ob er dies Ding auch gut einsetzen müsse. »Gewiss,« sagte der Hauptmann, »fass er mal das Gewehr an.« Aber es ging nicht besser, wie das erste Mal, das Kanonenrohr brach durch, und Jochem behielt nur die eine Hälfte im Arme. – »Die Sache müssen wir dem General melden,« rief der Hauptmann, und der General kam und sah das Wunder mit an. »Reicht ihm einen Zwölfpfünder,« sprach er darauf, und siehe, jetzt ging's, der Zwölfpfünder brach nicht, und der starke Jochem hatte einen Schiessprügel, wie seine Kameraden alle. Aber wo er stand und Griffe machte, da sah der Exerzierplatz aus zum Gotterbarmen. Schliesslich mochte es der General nicht länger ertragen und liess einen Bericht an den König abgehen: sie hätten einen gewaltig starken Kerl unter den Rekruten, der könne nur mit einem Zwölfpfünder exerzieren; damit richte er jedoch den ganzen Exerzierplatz zu Grunde. Ob es nicht besser wäre, ihm den Laufpass zu geben. Der König hatte den Brief kaum gelesen, so gab er Befehl, den starken Jochem vor ihn zu bringen.

»Jochem,« sprach er zu ihm, »in meinem Reiche liegt ein verwünschtes Schloss. So oft ich noch Soldaten dorthin auf Wache geschickt habe, sind sie jedesmal von bösen Geistern in der Nacht umgebracht worden. Was meinst du, würdest du nicht drei Nächte dort aushalten?« – »Warum nicht?«, sagte der starke Jochem, »wenn mir Speise und Trank dorthin gebracht wird, so viel ich bedarf, und wenn ich Karten bekomme und einen Mann dazu, der mit mir spielt, so will ich die Wache gern übernehmen.« Der König lobte den starken Jochem und liess sogleich drei vierspännige Fuhren, mit Speise und Trank beladen, ins verwünschte Schloss fahren; dann liess er ausrufen in der ganzen Stadt: Wer mit dem starken Jochem eine Nacht in dem verwünschten Schloss Karten spielt, der soll dreihundert Thaler bekommen! Aber es fand sich niemand, der das Geld verdienen wollte; denn jedermann in der Stadt wusste, dass es aus dem verwünschten Schlosse kein Zurückkommen mehr gab. Endlich meldete sich bei Sonnenuntergang ein Schneidergeselle, ein alter, zerlumpter Krauter, ohne Strümpfe und Schuh. »Kannst du Karten spielen?« fragte der sarke Jochem. »Ja,« sagte der Schneider. Da war die Sache abgemacht, und er zog mit ihm in das verwünschte Schloss. Dort[104] zündeten sie sich in dem grossen Saale ein Feuerchen an. Dann wurde gegessen und getrunken, und als sie damit fertig waren, spielten sie in der Karte, und so ging alles wunderschön, bis um elf Uhr mit einem Male die Thüre aufgerissen wurde und drei schwarze Kerle hereintraten.

»Können wir mitspielen?« fragten die drei. »Wascht euch erst, wir haben neue Karten,« sagte der starke Jochem. »Wir sind so schwarz von Natur und färben nicht ab,« gaben sie zur Antwort. »Dann meinetwegen,« sprach Jochem, »macht ihr mir aber meine neuen Karten schmutzig, so müsst ihr mir andere kaufen.« Die schwarzen Kerle waren aber Betrüger, sie spielten falsch und sahen in die Karten, und wenn der starke Jochem und der Schneider dazu brummten, so lachten sie, und einer fuhr dem Schneidergesellen sogar mit der Hand ins Gesicht. »Bruder, wehr dich,« rief der starke Jochem; aber der Schneider fürchtete sich und litt es sogar, dass sie ihn bei der Hand nahmen und mit ihm hinausgingen. Derweile mischte Jochem drinnen die Karten; als sie aber nicht wieder kommen wollten und wollten, ging er ihnen nach. Siehe, da waren die schwarzen Kerle verschwunden, und das Schneiderlein lag ganz stille auf der Erde und rückte und rührte sich nicht. »Brüderchen, meld dich, was ist dir?« fragte Jochem, »Meld dich, ich thu dir nichts!« aber er war stille und blieb stille. Da dachte Jochem, am Ende sei ihm draussen zu kalt geworden, und er nahm ihn und hielt ihn an den Ofen, dass er wieder aufwärme. Der Ofen war aber von dem vielen Holz, das Jochem hineingesteckt, glühheiss geworden, so dass die paar Lumpen, die das Schneiderlein am Leibe hatte, zu schwelen und sein Fleisch zu braten begann. »Brüderchen, du stinkst! Schäme dich!« sagte Jochem und drückte ihn noch fester an den Ofen. Aber je mehr er drückte, um so ärger ward der Gestank. Endlich wurde es ihm zu arg, er packte den Schneider und warf ihn zum Fenster hinaus, dass er hart an des Königs Thüre zu Boden fiel. Darauf setzte er sich wieder ans Feuer, und weil seine vier Herrschaften verreist waren, spielte er mit sich alleine Karten, bis der Tag anbrach.

Der alte König war den Morgen früh aufgestanden. Wie er nun zum Fenster hinaussah und den halbverbrannten Schneider vor der Thüre erblickte, dachte er bei sich: »Da ist's gut zugegangen,« und sogleich musste ein Diener aufs verwünschte Schloss laufen und nach dem starken Jochem sehen. »Jochem sitzt am Feuer und spielt Karten,« sprach der Diener, als er zurückkam. Da machte sich der alte König selber auf den Weg, und nachdem er sich genugsam gewundert hatte, fragte er Jochem, ob er die nächste Nacht wiederum Wache halten wolle. »Wenn ich einen Kameraden zum Kartenspielen bekomme, dann soll's sein,« sagte Jochem, und der König versprach von neuem dreihundert Thaler dem, welcher mit dem starken Jochem in dem verwünschten Schlosse zubringen würde. Auf den Abend meldete sich ein hergelaufener, abgerissener Schustergeselle, und weil er das Kartenspielen aus dem Grunde verstand, war Jochem mit ihm zufrieden, und sie setzten sich in den Saal und begannen das Spiel.[105]

Um elf Uhr that sich die Thüre auf, und sechs schwarze Kerle traten herein und fragten, ob sie mitspielen könnten. »Wenn ihr nicht abfärbt, mag's darum sein,« sagte Jochem, »ich habe neue Karten.« Die Sechs waren aber von Natur so schwarz und färbten nicht ab, und das Spiel ging, wie den Abend zuvor. Als es bald Zwölf schlagen wollte, legten sie die Karten bei Seite und rückten dem Schuster auf den Leib. »Brüderchen, wehr dich!« sagte Jochem. Der Schuster wehrte sich aber nicht, sondern zitterte vor Angst, und schon wollten ihn die Sechs bei der Hand fassen und mit ihm hinausgehen, als der starke Jochem mit einem Feuerbrand dazwischen fuhr und so auf sie einschlug, dass sie die Flucht ergriffen. Dann setzte er sich mit dem Schuster am Feuer nieder, und sie spielten zu zweien bis an den lichten Morgen, da der alte König kam und nachsah, wie es gegangen war. »Es sind schlechte Kerle, die Schwarzen,« sagte der starke Jochem, »und der Bruder Schuster taugt auch nicht viel. Morgen bleib ich für mich alleine und binde mit den Kerlen erst gar nicht an.« Da liess der König dem Schuster die dreihundert Thaler auszahlen, dem starken Jochem aber machte er guten Mut. Wenn er noch eine Nacht aushielte, so wäre die ganze Verwünschung erlöst und die Prinzessinnen, seine Töchter, auch. »Ich werde es schon machen,« sagte der starke Jochem.

Den dritten Abend, als sich um elf Uhr die Thüre öffnete, stürzten sogleich zwölf schwarze Kerle auf den starken Jochem los, um ihm den Garaus zu machen. Und dabei waren sie so schnell, dass Jochem sich ihrer anfangs kaum zu erwehren vermochte und unter ihren Schlägen auf ein Knie sank. Da überkam ihn aber der Zorn, und er ergriff den Zwölfpfünder, den er bis dahin noch immer in guter Ruhe an seiner Seite gelassen hatte. Hast du nicht gesehen, ging's jetzt über die schwarzen Kerle her, und es dauerte nicht lange, so waren alle bis auf einen niedergeschlagen und zuckten mit keinem Gliede mehr. Nur der zwölfte war noch am Leben, das war aber ein gewaltig grosser Riese, fast so stark und lang, als Jochem selbst. Der trug in der Hand einen Schlüsselbund als Waffe, und der grösste Schlüssel darunter wog seine sieben Zentner. Aber gegen Jochems Zwölfpfünder kam er doch nicht an. So sehr er sich auch wehrte, er musste sich schliesslich ergeben und Jochem um Gnade bitten. Die versprach dieser ihm auch, wenn er ihm dafür alle Zimmer öffnen würde, zu denen die Schlüssel an dem Schlüsselbunde gehörten.

Anfangs wollte der Riese darauf nicht eingehen; als ihm Jochem aber ein paar mit dem Zwölfpfünder in die Rippen versetzte, ward er gefügig. »Geh du voran!« sprach er zum starken Jochem. »Erst der Diener, dann der Herr!« erhielt er zur Antwort. Der Riese that wieder schwerhörig, bis Jochem ihm drohte, er würde ihm den Schädel einschlagen, wenn er nicht ginge. Da schloss der Schwarze alle Zimmer und Stuben und Säle auf, zu denen er die Schlüssel am Bunde führte, und zeigte sie dem starken Jochem. Nur den grossen Schlüssel, der sieben Zentner wog, setzte er nicht in Bewegung. – »Warum[106] schliesst du nicht auch diesen Schlüssel?« fragte Jochem. Der Riese gab eine trotzige Antwort und versuchte zum dritten Male, sich zur Wehre zu setzen. Er merkte aber bald, dass er in dem starken Jochem seinen Meister gefunden; denn dieser gab ihm einen solchen Schlag mit dem Zwölfpfünder, dass er am Leben verzagte und, so schnell er nur konnte, den grossen Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.

Kaum hatte sich der Bart herumgedreht, da fuhr ein Donnerschlag durch das Schloss, dass dem starken Jochem die Sinne schwanden und er zu Boden fiel. Als er aus der Ohnmacht erwachte, lag er in einem seidenen Bette, und drei wunderschöne Prinzessinnen standen davor und herzten und küssten ihn und wollten ihn zum Manne haben. »Kinder, doch nicht alle drei!« rief Jochem erschrocken und fragte, wer sie wären. »Wir sind des alten Königs Töchter,« sagten die Prinzessinnen, »und du hast uns erlöst.« Indem sie noch so sprachen, kam der König selbst und sprach: »Jochem, welche willst du haben?« – »Ich will kein Elend machen und werde die älteste nehmen,« sprach Jochem, und der König freute sich über die Wahl und sagte: »Du hast recht gethan, der ältesten steht's auch am ersten zu.« Darauf wurde Hochzeit gefeiert, und Jochem lebte mit seiner jungen Frau in dem erlösten Schlosse in Glück und Freude. Was aber das Wunderbarste war, er hatte durch die Erlösung seine übermenschliche Grösse und Körperkraft eingebüsst und war fortan nicht stärker und grösser, als mächtige Könige zu sein pflegen, und ass und trank auch nicht mehr und nicht weniger, wie ein anderer Mensch. Und als der alte König starb, ward er König an seiner Statt, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 100-107.
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