18. Das Wolfskind.

[107] Es war einmal ein Bauer, der hatte nur ein einziges Kind, das hiess Johann. Eines schönen Tages, als der Knabe gerade sechs Jahre alt geworden war, fuhr der Vater in den Busch, um Holz zu holen, und nahm seinen Sohn auch mit. Während er die Bäume fällte und auflud, suchte Johann Blumen und Beeren und kam dabei immer tiefer in den Wald. Der Vater sah es und rief ihn zurück, aber das Kind hörte nicht darauf, sondern lief weiter und weiter. Nun wollte der Bauer ihm nacheilen; doch, als er sich eben daran machte, kam ein Schwarm Bremsen und fiel über die Pferde her, so dass sie scheu wurden und um sich schlugen.

Da war guter Rat teuer! Lief der Bauer zu seinem Sohne, so gingen die Pferde zu Grunde; blieb er da, so musste sich sein liebes[107] Kind im wilden Walde verirren. Weil aber die Pferde des Mannes ganzen Reichtum ausmachten und weil er glaubte, Johann würde verständig sein und nicht allzuweit vom Wege abirren, so beschloss er, vorerst die Tiere in Sicherheit zu bringen. Er fuhr darum schleunigst nach Hause und machte sich sodann mit dem ganzen Dorfe auf die Suche. Aber so sehr sie auch herumspähten, von dem Knaben war keine Spur mehr aufzufinden. Am späten Abend kehrten sie ins Dorf zurück. Das Kind war verloren, und die Eltern betrauerten mit vielen Thränen seinen Tod.

Der kleine Johann war indessen im Walde umher gesprungen und hatte sich, als er müde geworden war, unter einen Baum gelegt und war eingeschlafen. Dort erblickte ihn eine alte Wölfin, und da sie Gefallen an dem Knaben fand, so frass sie ihn nicht, sondern packte ihn mit ihren scharfen Zähnen bei seinem Jäckchen und sprang dann mit ihm in mächtigen Sätzen ihrer Höhle zu. Dort legte sie das Kind fein säuberlich nieder, bettete es auf einem Lager von Moos und trocknem Laube und gab ihm rohes Schaffleisch, dass es damit seinen Hunger stille. Als die Nacht kam und der Knabe müde war, streckte sich die Wölfin an seiner Seite nieder und wärmte ihn mit ihrem dicken Pelze.

Am andern Morgen in aller Frühe erhub sich die Wölfin, um auf Raub auszugehen und frische Nahrung für sich und den Pflegling zu schaffen. Damit Johann aber inzwischen nicht entlaufe, so scharrte sie den Eingang zur Höhle hinter sich fest zu und liess nur ein ganz kleines Loch offen, dass frische Luft hinein ziehen konnte und der Knabe nicht erstickte. Gegen Abend kam sie zurück, fütterte ihn mit rohem Fleische und schlief die Nacht wieder bei ihm.

So ging es einen Tag, wie den andern, und Johann wusste nicht, ob oben auf der Welt Winter oder Sommer sei. Zwölf Jahre hatte er auf diese Weise in Gesellschaft der Wölfin zugebracht, als er des Aufenthalts in der finstern Höhle endlich überdrüssig wurde. Einmal, als seine Pflegemutter wieder auf Raub ausgegangen war, stiess er deshalb mit einem kräftigen Stosse die vor die Öffnung gescharrte Erde fort und eilte in den Wald hinein. Von Weg und Steg, von der ganzen Gegend kannte er nichts mehr, nur dass er Johann heisse und seinen Vater beim Holzfällen verloren habe, das hatte er noch im Gedächtnis behalten. Da er sich nun keinen andern Rat wusste, ging er immer grade aus und gelangte schliesslich zu einer Schmiede, welche seitab von dem Dorfe einsam im Walde lag.

Der Schmied trat heraus und staunte Johann mit grossen Augen an; denn in den zwölf Jahren war seine Haut von Schmutz ganz schwarz geworden, und die Kleider, welche er einst getragen, waren mit dem Fleische verwachsen. Dazu hingen ihm seine ungekämmten Haare wild und wirr bis über den Gürtel herab, und die Nägel der Finger und Zehen waren wie Vogelklauen. »Wer bist du?« fragte der Schmied, »und wo kommst du her?« – »Ich heisse Johann,« erwiderte der Gefragte, »und komme aus der Wolfshöhle, wo ich der Wölfin[108] entlaufen bin.« Der Schmied verlangte weitere Auskunft, aber Johann wusste nur noch anzugeben, dass er mit seinem Vater vor vielen Jahren in den Busch zum Holzholen gefahren sei und sich dabei verirrt habe. »So?« sagte der Schmied, »dann haben deine Eltern hier im Dorfe gewohnt; denn einem der Bauern ist vor zwölf Jahren sein Kind im Walde verloren gegangen. Aber was willst du jetzt beginnen? Vater und Mutter sind dir gestorben, und der Hof ist in anderen Händen.« – »Behalte mich bei dir,« versetzte Johann, »und lehre mich dein Handwerk, so will ich dir ohne Lohn allein für Kost und Kleidung dienen.«

Das däuchte den Schmied ein guter Vergleich, denn der Bursche schien stark und kräftig. Und das war Johann auch. Das rohe Schaffleisch, welches er tagtäglich in der Wolfshöhle gegessen, hatte ihm ungeheure Kräfte verliehen. So kam's, dass er alles Eisen, welches er auf dem Amboss zubereiten sollte, in Stücken schlug und verdarb. Eine Weile sah das der Schmied schweigend mit an; schliesslich ward es ihm aber doch zu arg; er schalt seinen Gesellen einen Dummkopf und gab ihm einen derben Schlag hinter die Ohren. Das verdross Johann und zornig ergriff er den schwersten Schmiedehammer und schlug damit so gewaltig auf den Amboss ein, dass derselbe zur Hälfte in den Erdboden sank.

Als das die Meisterin erblickte, lag sie von Stund an ihrem Manne in den Ohren, er möge doch den wilden Gesellen wieder ziehen lassen, er bringe sie sonst noch durch sein Ungestüm um Hab und Gut. Die Worte seiner Frau fanden bei dem Schmied um so willigeres Gehör, da auch die Leute im Dorfe über ihn zu reden begannen und sprachen: »Der Schmied im Walde ist auch so ein Leuteschinder. Hat den stärksten Kerl der ganzen Welt bei sich und lässt ihn arbeiten für Vier, und doch giebt er ihm nicht Lohn, sondern nur Kost und Kleidung.« Darum sagte er eines Morgens: »Johann, ich kann dich nicht mehr brauchen, ziehe deines Weges weiter.« – »Gern, Meister,« entgegnete Johann, »aber zuvor will ich mir einen Wanderstab schmieden.« Damit ergriff er einen Eisenblock, der war fünfzig Pfund schwer, schlug ihn auf dem Amboss zu einem langen Stabe, nahm ihn, wie einen Knotenstock, in die Hand und wünschte dann dem Meister und der Meisterin, sowie dem ganzen Schmiedehandwerk Lebewohl.

Vergnügt zog er seiner Strasse. Als er hungerte, ging er ins erste beste Bauernhaus und sprach um Essen an. Nun war's aber grade Frühjahrszeit, wo man auf dem Lande starke Arbeiter immer gebrauchen kann. Sprach darum der Bauer zu Johann: »Höre, guter Freund, willst du nicht bei mir in Dienst treten?« – »Sehr gern,« sagte Johann. – »Was begehrst du zum Lohne?« – »Nur Nahrung und Kleidung.« – »Abgemacht!« rief der Bauer, »deine Hand darauf!« – »Hier hast du sie,« sprach Johann, »aber es fehlt noch eine Bedingung. Wenn mein Dienstjahr um ist, musst du dir's gefallen lassen, dass ich dir mit der flachen Hand einen Schlag hinten vorgebe.« – »Ist das ein Mensch,« dachte der Bauer, »aber was kann[109] ein Schlag mit der flachen Hand schaden!« Er ging also auf diese Bedingung ein, und Johann ward des Bauern Knecht.

Was war das nun für ein Leben auf dem Hofe. Die ganze Wirtschaft gedieh noch einmal so gut, denn Johann arbeitete für Vier. So verstrich ein Monat nach dem andern, aber je mehr das Jahr sich seinem Ende näherte, um so kleinlauter wurde der Bauer. Jetzt sah er ein, welchem Unglück er entgegen ginge, wenn ihm der neue Knecht den ausbedungenen Schlag versetzen würde. Er sann deshalb auf eine List, wie er den starken Johann umbringen könne.

In der Nähe des Dorfes lag eine Mühle, von der noch kein Mensch lebend zurückgekehrt war. Dort mahlte nämlich der Teufel in eigenster Person und brach einem jeden das Genick, der Getreide zu ihm fuhr. Auf diese Mühle schickte der Bauer seinen Knecht und sprach: »Johann, wir wollen morgen backen. Meine Frau hat schon die Kartoffeln zum Einkneten gerieben1, fahre also eilends zur Teufelsmühle, lass dort das Korn mahlen und bringe das Mehl sogleich mit dir zurück.« –

Johann gehorchte, lief geschwind auf den Hof und lud das Korn auf den Wagen; dann schirrte er die Pferde an und fuhr ab. Vor der Mühle machte er halt und rief nach dem Müller; aber niemand antwortete ihm und half ihm abladen. Da sprang er vom Bocke und trat durch die offene Thüre ins Innere der Mühle hinein. Doch, siehe da, auch dort befand sich kein lebendes Wesen. Jetzt riss Johann die Geduld. »Ist das eine Wirtschaft!« schrie er; »Das nennt sich Müller, und kommt jemand und will mahlen lassen, so ist niemand zu Hause.« Während er noch so schalt, trat aus dem Gebälke ein kleiner, dicker Kerl mit langem, schwarzem Barte heraus. »Was willst du hier?« rief das Männchen. – »Mein Korn will ich gemahlen haben!« – »Nur sachte, mein Freund! Wenn du so schreist, erhältst du gar nichts.« – »Wozu steht denn die alte Mühle hier?« schrie Johann. »Es mahlt kein Mensch darauf, und doch soll ich mit meinem Korn warten?« – »Bist du jetzt nicht still,« sagte der Teufel (denn das war er), »so schlage ich dich, dass dir Hören und Sehen vergeht.«

Als Johann vernahm, dass es zum Prügeln kommen solle, da ward ihm wohl in innerster Seele, und sogleich wollte er auf den kleinen Kerl einschlagen. Darüber entfiel dem Teufel das Herz, und ganz freundlich fuhr er fort: »Nimm den Mühlstein, der hier an der Wand liegt, und wirf ihn zum Fenster hinaus auf den Hof. Bringst du das fertig und schleuderst du ihn mit solcher Kraft, dass er in die Erde hineinsinkt, so will ich gestehen, dass du stärker bist, als ich.« Johann meinte zwar, eigentlich wäre es besser, er würfe ihn selbst zum Fenster hinaus, nichtsdestoweniger ergriff er den schweren Mühlstein und that damit, wie ihm der Teufel geheissen. Und so gross war die Wucht, mit welcher der starke Johann den Stein warf,[110] dass er tief in den Boden sich eingrub, so tief, dass das Erdreich sogleich über ihm zusammenschlug und kein Mensch wissen konnte, wo er lag.

Wie der Teufel das sah, geriet er in die grösste Furcht vor dem starken Johann und – hast du nicht gesehen – war er auf Nimmerwiedersehen aus der Mühle verschwunden. »Nun bin ich ganz alleine,« sagte Johann, »aber mein Korn muss gemahlen werden, sonst schilt der Bauer.« So trug er die Säcke zum Mahlkasten, setzte das Mühlwerk in Gang und mahlte sein Getreide selber. Dann lud er das fertige Mehl auf den Wagen und fuhr zum Hofe zurück.

Der Bauer war grade mit den Obstbäumen beschäftigt, als er seinen Knecht, den er längst vom Teufel zerrissen gewähnt, frisch und munter mit hochbepacktem Wagen über den Wurt2 in den Garten hineinfahren sah. Er wäre vor Angst und Schreck fast zusammen gebrochen; aber schliesslich erholte er sich doch wieder, verstellte sich und ging dem starken Johann gar freundlich entgegen. Sie luden darauf das Mehl ab, die Bäuerin rührte den Teig ein, und auf den Abend gab's von dem frischen Mehl die schönste Kliebensuppe, kurz es war so, als wäre nichts Absonderliches vorgefallen.

Das war aber alles nur Trug und Schein, denn noch denselben Abend lief der Bauer zu seinen Nachbarn und beriet mit ihnen, wie er sich am besten des starken Johann entledigen könne. Man redete hin, man redete her, endlich hatte man einen guten Plan. Der Bauer rief sein Gesinde zusammen und sprach: »Schon längst ist es mir leid, das Wasser so weit her vom Nachbar zu holen, ich will darum auf meinem Hofe einen Brunnen graben, und morgen früh soll die Arbeit beginnen.« Und so geschah es auch. Es wurde ein tiefer Schacht in die Erde geführt, bis das klare Wasser aus dem Boden hervorquoll; dann fragte der Bauer reihum, wer das schwere Werk auf sich nehmen wolle, den Grund auszumauern. Niemand mochte sich dazu hergeben, aus Furcht, dass das Erdreich nachstürzen könnte. Endlich sprach der starke Johann: »Ich sehe schon, ich muss es besorgen!« Mit diesen Worten stieg er die Leiter hinab und fügte unten, ohne sich weiter um die Gefahr zu bekümmern, die Steine zur Mauer zusammen.

Darauf hatte der Bauer nur gewartet. Schnell hiess er das Gesinde und die übrigen Bauern, die ihm bei der Arbeit geholfen, den Brunnen zuschütten, und wie ein Hagel flogen Feldsteine, Erde und Sand in den Brunnen hinab. »Werft mir doch nicht den Staub in die Augen!« schrie Johann von unten, aber niemand hörte auf ihn; im Gegenteil, die schlechten Menschen ruhten nicht eher, als bis sie den ganzen Schacht vollgefüllt hatten. Dann zogen sie mit Jubel ins Haus, wo die Bäuerin einen grossen Festschmaus hergerichtet hatte, und nun wurde gegessen und getrunken, als wäre man auf einer Hochzeit.[111]

Es dauerte aber gar nicht lange, so öffnete sich die Thüre, und der starke Johann trat herein, über und über mit Sand und Erde bedeckt. »Ihr seid mir die rechten Brüder,« schalt er, »lasst mich da unten fast ersticken und lebt hier oben in Saus und Braus. Wartet, euch will ich's vergelten!« Damit nahm er ein Scheit Holz und schlug auf die Gesellschaft ein, dass Nachbarn und Gesinde schreiend aus der Stube stoben und sich in den Ställen und auf dem Hofe verkrochen. Die Bäuerin suchte ihn zwar wieder zu besänftigen, indem sie ihm das schönste Essen auftrug, aber er war so böse geworden, dass er nichts anrührte.

Jetzt sah der Bauer ein, dass ihm keine Klugheit darüber weghelfen könne, der heillosen Bedingung zu entgehen, und er harrte trübselig der Stunde, da ihm der starke Johann den Schlag mit der flachen Hand hinten auf die Hosen versetzen würde.

Endlich war der Tag da. Draussen auf dem Felde musste der Acker bestellt werden, und man war darum schon mit dem Morgenblinken (Morgenröte) auf den Beinen. Der Bauer säte, während Johann mit der Egge lang zog. Zur Frühstückszeit trat der Bauer an ihn heran und sprach: »Johann, heute ist dein Jahr abgelaufen. Nahrung und Kleidung hast du von mir vollauf erhalten; es bleibt nur noch das letzte übrig!« – »So wollen wir das schnell besorgen, und wir sind quitt,« entgegnete Johann.

Der Bauer bückte sich, Johann holte weit aus, hell schallte es auf, und kerzengerade in die Lüfte, wie eine Lerche, stieg der Bauer. Als er nach einer ganzen Weile wieder auf die Erde zurück kam, lag er wie tot da. Kein Glied regte sich, und erst nach geraumer Frist kam er allmählich wieder zu sich. Seine Glieder waren ihm jedoch alle, wie gelähmt; Johann musste ihn deshalb auf den Wagen setzen und zum Hofe zurückfahren.

Dort hatte ihn seine Frau schon tot geglaubt. Wie sie nun sah, dass er noch mit dem Leben davon gekommen sei, dankte sie Gott von ganzem Herzen, half ihrem Manne vom Wagen herab und erquickte ihn mit Speise und Trank. Auch Johann bekam eine gute Zehrung mit auf den Weg. Dann ergriff er seinen grossen Eisenstock und wanderte lustig die Landstrasse entlang.

Unterwegs begegnete ihm ein Mann. »Was bist du, und was hast du vor?« fragte Johann. – »Ich bin meines Zeichens ein Steinsprenger,« erwiderte der Gefragte, »habe keine Arbeit und ziehe auf gut Glück im Lande umher.« – »Dann komm nur mit mir!« sagte Johann; »Wer weiss, wozu dein Handwerk uns beiden noch einmal nützen kann.«

Selbander zogen sie weiter. Da trafen sie einen Gesellen, der trug eine Flinte über die Schultern gehängt. »Du bist wohl ein Jäger?« fragte Johann. »Ja, das bin ich,« versetzte der Mann, »und ich suche einen Herrn, der meine Dienste brauchen kann.« – »Nun, so komm mit uns,« sprach Johann, »vielleicht wird uns deine Kunst später noch wert sein.«[112] Der Jäger war's zufrieden, und sie reisten von jetzt an zu dreien. Doch mochten die beiden andern den starken Johann nicht gut leiden; denn er war rechthaberisch und gewaltthätig, und thaten sie nicht auf der Stelle, was er verlangte, so prügelte er sie obendrein durch. Eines Tages kamen sie in einen grossen Wald, der kein Ende nehmen wollte. Als es dunkel wurde, stieg Johann auf einen hohen Baum, um auszuspähen, ob er nicht irgendwo ein Licht erblicken könne. Und da sah er auch wirklich nicht weit von ihnen eine helle Flamme durch die Nacht leuchten.

Er stieg hinab, und sie eilten der Richtung des Lichtes zu. Nicht lange, so kamen sie zu einer trockenen Waldwiese. Dieselbe lag am Fusse eines Berges, und auf ihrer Mitte stand ein kleines, sauberes Häuschen, aus dem das Licht hervorschimmerte. Sie pochten an die Thüre und begehrten Einlass, aber niemand antwortete ihnen. Da öffnete der starke Johann endlich selbst die Thüre, und siehe, das Häuschen war ganz so eingerichtet, als sei es für sie gebaut worden. In der Küche hing alles, was zum Sieden und Braten nötig ist. In der Stube stand ein gedeckter Tisch mit drei Stühlen, und in der Kammer waren drei schneeweisse Betten. »Hier bleiben wir,« sagte Johann, und die andern stimmten ihm gerne bei; denn sie waren allesamt des langen Wanderns müde. Darauf stärkten sie sich mit Speise und Trank, legten sich nieder und schliefen.

Am folgenden Morgen verabredeten sie unter einander, wie sie ihre Wirtschaftsgeschäfte verteilen wollten. Schliesslich kam man überein, dass Johann und der Jäger im Walde Wildbret schössen, während der Steinsprenger, als der Schwächste, zu Hause blieb und das Mittagsmahl besorgte. Sobald es Zeit zum Essen war, musste er auf einem Horn, das im Häuschen hing, blasen und dadurch seine Gefährten im Forste benachrichtigen.

Auf diese Weise lebten sie einige Tage vergnügt dahin. Einmal jedoch, wie der Steinsprenger die Kartoffeln schon abgesetzt hatte und nur noch wartete, dass das Fleisch vollends gar werde, klopfte es an die Thüre, und herein trat ein Unterirdischer, ein hässliches Männlein mit einem grossen schwarzen Barte, der bis auf die Erde herab reichte. »Kann ich hier wohl ein wenig ausruhen und satt essen?« fragte der Zwerg. – »Gewiss,« entgegnete der Steinsprenger, »setz dich nur auf die Ofenbank und warte, bis alles fertig ist und meine Gesellen zurückgekehrt sind.«

Der Unterirdische that, wie ihm geheissen war, und hockte auf dem »Heert«3 nieder. Der Steinsprenger blieb inzwischen am Feuer stehen, bis das Fleisch fertig war, nahm sodann die Pfanne und trug sie zum Tische. Ehe er sie jedoch hinauf gestellt hatte, spie der kleine Kerl von der Ofenbank aus in weitem Bogen in das Geschirr hinein und besudelte dadurch die ganze Speise. »Du Schelm und Spitzbube!« rief der Steinsprenger. Über dieser Rede wurde der[113] Unterirdische erbost, sprang dem Manne auf den Nacken und schlug so hart auf ihn ein, dass er für tot zu Boden sank. Als er nach geraumer Frist wieder aus seiner Ohnmacht erwachte, war der kleine Kerl verschwunden. Der Steinsprenger fühlte sich aber so krank und schwach, dass er nicht mehr in das Horn zu blasen vermochte. Darum legte er sich in sein Bett und wartete ab, bis der Hunger seine Gefährten nach Hause triebe.

Johann und der Jäger wunderten sich nicht wenig, dass der Steinsprenger noch nicht blies, obgleich die Sonne schon zur Neige ging. Sie fürchteten, ihm sei ein Übel zugestossen, und eilten deshalb schnell in das Häuschen zurück. Hier standen die Kartoffeln fertig auf dem Tisch und das Fleisch war in der Pfanne auf dem Erdboden, aber der Koch lag in der Kammer im Bette und stöhnte und jammerte. »Warum hast du nicht geblasen?« rief der starke Johann zornig. »Ich bin unschuldig daran,« erwiderte der Steinsprenger; »die Kartoffeln hatte ich schon gar auf den Tisch gesetzt, und als ich ein Gleiches mit dem Fleisch thun wollte, überfiel mich ein Schüttelfrost, ich musste die Pfanne fallen lassen und kam noch mit genauer Not in's Bett, um mich wieder durchwärmen zu können. Aber das sage ich dir: Von Morgen ab mag ein anderer die Wirtschaft besorgen. Mir wird's hier den Tag über auf die Dauer zu öde und unheimlich.«

Johann ärgerte sich über das verdorbene Essen und war es darum gern zufrieden, dass am folgenden Tage der Jäger zu Hause blieb und der Steinsprenger mit auf die Jagd zog. Dem Jäger erging es aber nicht besser, wie den Tag zuvor seinem Freunde. Auch er blies nicht um die Mittagszeit, sondern lag, als die beiden andern hungrig und durstig am späten Nachmittage heimkehrten, im Bette und stöhnte und ächzte erbärmlich. Diesmal war der starke Johann noch mehr erzürnt über die Verspätung und das verdorbene Mahl, und es fehlte wenig, dass er den Jäger zu seiner Krankheit noch obendrein durchgeprügelt hätte. Auch machte er den beiden bekannt, von jetzt an wolle er selbst die Wirtschaft besorgen. Das war dem Jäger und dem Steinsprenger so recht nach dem Munde geredet. Boshaft zwinkerten sie einander mit den Augen zu; denn sie wussten beide recht gut, woher ihre Krankheit gekommen. Auch gönnten sie dem starken Johann ein gleiches Schicksal, damit sein Hochmut gebeugt würde.

Als am andern Morgen der Jäger mit dem Steinsprenger auf die Jagd gezogen war, bereitete Johann, wie es sich gebührte, alles zur Mahlzeit vor. Auch diesmal klopfte es kurz vor der Mittagszeit an die Thüre und begehrte Einlass. »Herein!« rief Johann, und als er den schwarzbärtigen Zwerg erblickt und seine Wünsche gehört hatte, sprach er ebenfalls: »Setz dich nur auf die Ofenbank,« und so that das Männchen auch. Kaum hatte ihm jedoch der kleine Kerl, als er das Fleisch vom Feuer nahm, in die Pfanne gespuckt, so rief Johann: »Jetzt weiss ich, weshalb meine Gesellen krank geworden[114] sind,« und indem er noch sprach, hatte der Unterirdische schon einen Schlag erhalten, dass er von der Ofenbank herunter flog.

Nun wollte das Männchen dem starken Johann, wie den andern, auf den Nacken springen. Aber da kam er schlecht an. Johann ergriff ihn oben am Arm und trug ihn zur Hütte hinaus, klöbte mit einem Axthieb den dicken Hauklotz vor der Thüre auf und steckte den langen Bart des Kleinen in den Spalt hinein; dann zog er die Axt wieder heraus, und gefangen war der Schelm. Jetzt ging's mit dem eisernen Stock über ihn her, und das so lange, bis dem starken Johann der Atem ausging.

Das dünkte ihn aber noch nicht Strafe genug. In dem Deckbalken des Zimmers war ein grosses Loch. Johann befreite den Unterirdischen von dem Hauklotz und trug ihn zur Stube zurück. Dort zog er den langen schwarzen Bart durch die Öffnung und verschlang ihn darauf zu einem Knoten, so dass das Männchen an seinem eigenen Barte, wie ein Fisch an der Angel, in der Luft schwebte. Bei jedem Gang, den Johann durch die Stube machte, erhielt der Zwerg einen kräftigen Stoss, so dass er von einem Ende der Stube zum andern flog.

All sein Bitten und Flehen half dem Männchen nichts, es musste dort hängen bleiben, bis die beiden andern zurück kamen; denn Johann nahm jetzt das Horn von der Wand und trat damit vor die Thüre, setzte es an den Mund und blies so laut, dass der ganze Wald davon wiederhallte. Als der Jäger und der Steinsprenger den Schall hörten, sprachen sie zu einander: »Der hat wieder Glück gehabt. Zu dem ist der Unterirdische nicht gekommen,« und dabei ärgerten sie sich in ihren schlechten Herzen recht sehr, dass es ihrem Gefährten nicht so schlimm ergangen sei, wie ihnen selbst.

Wie erstaunten sie aber, als der starke Johann ihnen schon von weitem entgegen rief: »Kommt nur herein! Hier ist die Ursache eurer Krankheit.« Da liefen sie, was ihre Füsse nur laufen konnten, in die Stube, und das Strafgericht über den schwarzbärtigen Zwerg brach von neuem los. Zuerst zerschlug jeder von ihnen ein paar Stöcke auf dem krummen Buckel, dann schaukelten sie ihn an seinem Barte, wie toll, hin und her, und spotteten obendrein seines kläglichen Jammergeschreis. Zu seinem guten Glücke gaben endlich die Haare der schweren Last nach, der Bart riss aus, und das Männchen fiel zur Erde. Ehe noch Johann, der Jäger und der Steinsprenger recht wussten, was eigentlich geschehen war, hatte es sich aufgerappelt, die Thüre geöffnet und rannte dem nahen Berge zu; die drei Gesellen hinter ihm drein, aber der flinke Unterirdische war nicht mehr einzuholen. Sie sahen nur noch, wie er am Bergeshange in einem grossen Felsblock verschwand.

Als die drei bei dem Stein angelangt waren, bemerkten sie in ihm ein kleines Loch. »Dadurch muss der Zwerg geschlüpft sein!« sprach Johann; »Jetzt Steinsprenger heran und spreng uns den Fels; dann steht uns der Eingang in das Reich des Unterirdischen offen.[115] Siehst du wohl, ich sagte es gleich, dass wir dein Handwerk noch einmal in der Not gebrauchen würden.« Der Steinsprenger that, wie Johann ihm geheissen, und bald war das Werk vollbracht. Als der Felsblock, in viele grosse und kleine Stücke gespalten, vor ihnen lag, bemerkten sie, dass hinter ihm ein tiefer Schacht senkrecht in den Berg hinabführte. Sie nahmen eine lange Stange und stiessen hinein, aber nirgends konnten sie Grund fühlen. Darum flochten sie von Baumwurzeln einen Strick und holten aus dem Häuschen einen grossen Korb und banden ihn an das Seil, dann berathschlagten sie, wer in das Loch herabfahren solle.

Der starke Johann meinte, der Schwächste müsse zuerst hinab. Er solle nachschauen, ob da unten etwas des Mitnehmens wert sei, und mit dem Blashorn ein Zeichen geben, wenn er wieder in die Höhe gezogen sein wolle. Mit diesem Vorschlag war aber der Steinsprenger, denn das war der Schwächste, gar nicht einverstanden, weil er die Rache des gemisshandelten Unterirdischen fürchtete. Gleicher Weise weigerte sich auch der Jäger, die Fahrt zu bestehen; es blieb also dem starken Johann nichts anderes übrig, als selbst in den Korb zu steigen. Das Blashorn hing er sich um die Schultern, den Eisenstock nahm er in die Hand, und dann fuhr er mutig in den finstern Bergschacht hinein.

Sobald der Korb unten gegen den Boden stiess, stieg Johann aus und ging einen Seitenpfad entlang, der ihn bald in einen prächtigen Saal führte. Darin sass eine wunderschöne Prinzessin, welche vor Schreck wie versteinert war, als sie einen Menschen vor sich erblickte. »Unglücklicher, kehre um,« rief sie ihm zu, »du läufst dem Tod in den Rachen!« – »Warum soll ich mich denn fürchten, schönste Prinzessin?« fragte der starke Johann. – »Wenn du mein Unglück hören willst,« erwiderte sie, »so vernimm es. Ich und meine zwei Schwestern sind vor einigen Jahren von drei scheusslichen neunköpfigen Drachen geraubt und hierher entführt worden. Jede von uns Jungfrauen bewohnt mit einem der Drachen zusammen einen Saal. Zur Zeit sind alle drei ausgeflogen, es wird aber nicht lange mehr währen, so kehrt mein Zwingherr zurück. Darum fliehe, so lange es noch Zeit ist. Trifft dich der Drache, er zerreisst dich und frisst dich.« – »Reissaus nehme ich nicht,« sagte der starke Johann, »da müsste ich ja dich, schöne Prinzessin, im Unglück sitzen lassen.« Dann ging er zum Ofen und schürte das Feuer, legte seinen Eisenstock hinein und machte ihn glühend. Als nun der Drache herangeflogen kam und Johann das Sausen und Brausen seines Flügelschlags vernahm, stellte er sich hinter der Thüre auf. Kaum steckte das Untier seine neun Köpfe zum Saale herein, so schlug Johann zu, und der Streich mit der glühenden Stange war so mächtig, dass alle neun Drachenköpfe auf einmal zu Boden fielen.

»Du wärest erlöst,« sprach er darauf zu der Prinzessin, welche vor Freuden ganz ausser sich war und ihren Erretter mit Danksagungen überhäufte. Davon wollte aber Johann wenig wissen. »Zeige[116] mir lieber den Saal, in den deine zweite Schwester verwünscht ist,« sprach er, »denn wir haben hier unten keine Zeit mit Gesprächen zu verlieren.« Da führte ihn die Prinzessin zu ihrer Schwester, und auch dort liess er sich durch keinerlei Reden zurückhalten; er machte vielmehr sofort seine Stange glühend, stellte sich wieder hinter der Thüre auf und trennte auch diesmal mit einem Streiche dem Drachen seine neun Köpfe vom Rumpfe.

Nachdem auf diese Weise auch die andere Prinzessin erlöst war, gingen sie in den dritten und letzten Saal, um auch die Jüngste zu befreien. Hier war jedoch der Kampf weit schwieriger, wie zuvor, weil diese Jungfrau von dem stärksten und wildesten der drei Drachen bewacht wurde. Als Johann auf ihn mit dem Eisenstock einschlug, sengte er ihm beim ersten Hieb nur drei Häupter ab. Die sechs übrigen Köpfe sprühten Feuer und Flammen aus ihrem Rachen und suchten ihn mit ihren scharfen Zähnen zu zerreissen. Da holte Johann zum zweiten Male aus mit grösserer Wucht. Aber auch diesmal fielen nur drei Häupter. Die drei übrig gebliebenen wollten schon ihr furchtbares Gebiss in den Leib des starken Johann schlagen, als dieser seine letzten Kräfte zusammen raffte und mit der schon fast erkalteten Stange einen dritten Streich führte, und der war so gewaltig, dass sich das Eisen krumm bog und auch die drei letzten Köpfe zu den andern auf den Erdboden rollten.

Nun endlich war das Erlösungswerk ganz vollbracht. Johann nahm die dreimal neun Drachenköpfe, schnitt ihnen die Zungen aus und that sie in sein Taschentuch. Alsdann packte er die Häupter bei den Ohren und trat mit den drei Prinzessinnen den Rückweg an.

Dem Jäger und dem Steinsprenger war mittlerweile die Zeit lang geworden. Schon glaubten sie, der starke Johann sei unten umgekommen, und beschlossen, ihres Weges zu gehen, als sie mit einem Male den Ton des Hornes vernahmen. Sie zogen den Korb schnell in die Höhe und fanden in ihm die siebenundzwanzig Drachenköpfe. Da staunten sie nicht wenig, als sie das sahen, luden die Köpfe aus und liessen den Korb wieder herab.

Nicht lange währte es, so tönte das Horn von neuem, und diesmal entstiegen dem Korbe die drei schönen Prinzessinnen. Wie der Steinsprenger die Jungfrauen erblickte, sprach er zum Jäger: »Höre mir zu, Bruder! Die eine heiratest du, die andere ich, und die dritte mag sehen, woher sie einen Mann bekommt; denn den starken Johann wollen wir jetzt nicht heraufziehen, sondern unten elendiglich verderben lassen. Dann können wir sagen: ›Wir haben die Prinzessinnen erlöst!‹ und wer's nicht glauben will, dem zeigen wir die Drachenköpfe.« – »Ja, das wollen wir thun!« pflichtete ihm der Jäger bei; »Aber besser ist's, wir ziehen den Korb erst halb in die Höhe und lassen ihn dann los, so fällt sich der starke Kerl zu Tode; sonst möchte ihn der Teufel doch wohl noch auf die Oberwelt zurückbringen.«

Dieser Vorschlag fand des Steinsprengers Beifall. Die drei Prinzessinnen mussten einen furchtbaren Eid schwören, niemals einem[117] Menschen den wahren Hergang der Sache zu offenbaren. »Es sei denn, dass ihr den starken Johann wieder seht,« tröstete der Steinsprenger voll Spott, »dann mögt ihr aller Welt ausplaudern, wie es sich unten in dem Berge mit eurer Erlösung zugetragen hat.« Darauf machten sich die beiden Galgenvögel daran, ihr gottloses Vorhaben in's Werk zu setzen.

Sie liessen den Korb herab und warteten auf den Hornstoss. Johann argwöhnte aber ihren Verrat und setzte, um sicher zu gehen, nicht sich selbst in den Korb, sondern legte statt seiner einen schweren Felsblock hinein. Darauf stiess er ins Horn. Sogleich stieg die Last in die Höhe. Kurz vor der Mündung liessen die beiden jedoch den Strick fahren, und mit gewaltigem Lärm fuhr der Stein in die Tiefe herab, wo er zerschellte. »Also das hatten dir deine Kameraden zugedacht,« sprach Johann traurig und kehrte in das verwünschte Schloss zurück.

Hier suchte er jeden Winkel und jede Ecke durch, ob er nicht irgendwo einen Ausweg zur Oberwelt finden könne; aber all sein Suchen half ihm zu nichts. Hungrig und erschöpft setzte er sich endlich vor einem reich besetzten Tische nieder, der in dem einen Saale stand, und stärkte sich mit Speise und Trank. Dann legte er sich auf ein Ruhebett und schlief seine Sorgen aus.

Am andern Tage stand zur Mittagszeit der Tisch wiederum, mit den köstlichsten Speisen bedeckt, vor ihm, und dasselbe Wunder wiederholte sich auch fernerhin. So brauchte er nie Mangel zu leiden. Es verstrich auf diese Weise ein Monat nach dem andern, als Johann eines Tages zufällig auf den Gedanken kam, die Schublade des Wundertisches aufzuziehen. Siehe, da lag eine prächtige Weidenflöte in dem Kasten. »Wenigstens ein Zeitvertreib,« sprach er zu sich, und flugs sestzte er die Flöte an den Mund und begann ein Stückchen darauf zu blasen.

Kaum waren jedoch die ersten Töne verklungen, so stand der schwarzbärtige Unterirdische vor ihm und fragte zitternd nach seinem Begehr. »Hab' ich dich wieder erwischt!« rief Johann erfreut; »Nun baue mir geschwind eine Treppe zur Oberwelt!« – »Nein, das kann und will ich nicht thun,« antwortete der Zwerg. Da packte Johann ihn bei den Haaren, hob ihn in die Höhe und schüttelte ihn in der Luft herum. »Willst du eine Treppe bauen?« rief er zornig, »oder soll ich dir das Haupt an der Wand zerschlagen?«

Da ward dem Unterirdischen himmelangst zu Mute, er versprach alles, und schon nach wenig Augenblicken konnte Johann mit Freuden das liebe Sonnenlicht wieder begrüssen. Er wanderte darauf immer gradaus, bis er an eine Stadt kam, wo alle Häuser mit rotem Flor bedeckt waren.

»Was für ein Fest ist denn hier?« fragte er einen der Bürger. – »Weisst du denn nicht, dass heute des Königs Töchter Hochzeit feiern mit ihren Erlösern?« versetzte der Mann verwundert; »Das sind einmal Helden gewesen. Ein volles Jahr ist es her, da haben[118] sie drei neunköpfige Drachen getötet, und heute werden sie dafür belohnt und erhalten des Königs Töchter zu Frauen!«

Als der starke Johann diese Worte vernommen, wusste er, von wem die Rede war. Er ging darum sogleich auf das Königsschloss, wo sich schon alle Gäste zum Hochzeitsschmause versammelt hatten, und sprach bei der Dienerschaft um Speise und Trank an. Das sah die älteste Königstochter, und wie sie ihn erblickte, erkannte sie ihn auch sogleich wieder, lief zu ihrem Vater und erzählte ihm, dass ihr eigentlicher Retter erst in diesem Augenblicke in den Saal getreten sei; denn jetzt war sie ja des furchtbaren Eidschwurs ledig. Die drei Prinzessinnen hatten aber deshalb die Hochzeit ein ganzes Jahr aufgeschoben, weil sie immer gehofft hatten, der liebe Gott würde den starken Johann doch noch zu ihnen bringen. Länger wie ein Jahr warten, das wollte der alte König aber nicht erlauben, denn es schien ihm nicht recht, die Retter seiner Töchter hinzuhalten, und grade heute war der letzte Tag des Jahres verstrichen.

Nachdem der König vernommen hatte, was ihm seine Tochter gesagt, gab er Befehl, dem starken Johann fürstliche Kleider anzuziehen, und hiess ihn dann, sich unter die andern Hochzeitsgäste setzen. Der Steinsprenger und der Jäger hatten von alle dem in ihrer Herzensfreude nichts gemerkt. Nach einer kurzen Weile erhub sich der König und sprach: »Nun erzählt mir noch einmal, ihr Helden, wie ihr meine Töchter erlöst habt!« Da brachten die schlechten Menschen von neuem ihre schändlichen Lügen vor und wiesen als Wahrzeichen ihrer Heldenthat auf die dreimal neun Drachenköpfe, welche vor dem Throne lagen. Sprach der König: »Was ist ein Mann wohl wert, welcher in solcher Sache seinen Herrn, den König, belügt?« Antworteten die falschen Gesellen: »Der soll von vier wilden Ochsen in Stücke gerissen werden.«

Wie sie diese Worte gesprochen hatten, trat der starke Johann vor, zog die Drachenzungen aus seiner Tasche und setzte jedem Kopf seine Zunge in den Rachen. Da wurden der Steinsprenger und der Jäger blass wie der Tod, sie fielen nieder und baten um Gnade. Die wurde ihnen aber nicht gewährt, sondern, wie sie selbst geurteilt hatten, so geschah ihnen auch, sie wurden von wilden Ochsen gevierteilt. Der starke Johann aber bekam die älteste Prinzessin, welche er zuerst erlöst hatte, zur Frau und ward, als der alte König starb, sein Nachfolger im Reiche. Er lebte mit seiner jungen Königin glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.


Tuterutut,

Dei Geschicht is ut.


Fußnoten

1 Die Bauern versetzen oft aus Sparsamkeit den Brotteig mit Kartoffeln. Letztere dürfen aber nicht lange stehen, sonst werden sie schwarz, und das ganze Backwerk ist verdorben.


2 Anm. Der »Wuurt« ist ein Grasplatz, welcher sich unmittelbar an den Garten anschliesst und diesen von dem Ackerfeld scheidet.


3 »Heert« ist ein Sitzplatz hart am Ofen.


Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 107-119.
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