19. Das Männchen Sonderbar.

[119] Einer Bäuerin wurde ein Kind geboren. Als es nun, wie das so Brauch ist, gleich nach der Geburt in frischem, kaltem Wasser gebadet war, hub es mit einem Male an zu sprechen und fragte: »Ist denn mein Vater nicht zu Hause? Wenn ihm ein Sohn geboren wird, so könnte er doch wohl zur Stelle sein!« Die Mutter bekam keinen kleinen Schreck, als das Kind zu reden begann, aber sie fasste sich wieder und antwortete: »Dein Vater ist auf dem Felde und sät, bald wird er heim kommen.«

Kaum war der alte Bauer angelangt, so streckte ihm sein Neugeborener die Hand aus der Wiege entgegen, drückte sie so kräftig, dass ihm die Finger krachten, und sprach: »Bist du mein Vater?« – »Ja wohl, liebes Kind.« – »Na, das ist schön, dann musst du aber auch für meine Taufe sorgen; denn wer ein ehrlicher Christenmensch sein will, muss getauft werden.« Der Vater wusste nicht, sollte er weinen, sollte er lachen, endlich dachte er: »Das Beste ist's, du holst den Pastor und führst den an die Wiege.«

Als der Pastor kam, rief ihm der Kleine freudig entgegen: »Guten Abend auch, Herr Pastor, schön, dass Ihr kommt, mich zu taufen.« Der Pastor verfärbte sich und stotterte: »Das ist ja son-der-bar.« – »Recht, recht, Herr Pastor,« rief der Säugling vergnügt, »der Name gefällt mir, ›Sonderbar‹ will ich heissen.« Dabei blieb's auch, und Sonderbar wurde der Junge in der heiligen Taufe genannt.

Sonderbar ass und trank für zehn und wurde mit der Zeit ein riesenstarker Bursche; nur mit dem Wachsen hatte es seine Schwierigkeit. Der Kleinste seiner Altersgenossen überragte ihn immer noch um zwei Köpfe. Als Sonderbar nun fünfzehn Jahre geworden war, rief ihn sein Vater zu sich und sprach: »Lieber Sohn, du verdirbst mich mit deinem vielen Essen, geh und zieh in die Welt hinaus; vielleicht, dass dir dort dein Glück beschert ist.« Da liess sich Sonderbar einen Frühstückskorb machen, der fasste hundert Scheffel nach grossem Maass; den füllte er an mit Brot, Speck und Wurst, nahm ihn auf den Nacken und wanderte in die weite Welt hinaus.

Als er ein paar Stündchen gegangen war, kam er an einem Ellernbruch vorbei. In dem steckten neunzehn Wagen, mit Eisen beladen, welche die Knechte dort festgefahren hatten. Nun gaben sie sich alle Mühe, die Karren wieder herauszuziehen, aber es gelang ihnen nicht. Sprach das Männchen Sonderbar: »Hört einmal, ihr Knechte, gebt ihr mir ein Fuder Eisen ab, dass ich mir davon einen Stock schmieden kann, so schaff' ich euch alle Wagen auf das Trockene.« Die Knechte dachten, das Männchen wäre nicht bei Sinnen, wollten ihn zum Narren haben und versprachen ihm, was es verlangte.[120]

Was machten sie aber für Augen, als Sonderbar einen Wagen nach dem andern bei der Deichsel ergriff und ihn auf das feste Land zog. Da dachten sie daran, dass ihnen ihr Herr die fehlende Fuhre am Lohn abziehen würde, und weil sie glaubten, das Männchen würde, so stark es auch sei, unmöglich allein gegen neunzehn einen Streit anfangen, so sprachen sie, als Sonderbar die Arbeit beendet, sie hätten nur Spass gemacht, die Fuhre wäre ihre und bliebe auch bei ihnen.

Sonderbar suchte sie erst auf gütlichem Wege dazu zu bringen, ihm zu erstatten, was sie ihm zugesagt hatten; als sie aber nur taube Ohren für seine Reden hatten, da wurde er zornig, erwischte den ersten besten am Kragen und schlug mit ihm auf die andern los, bis sie allesamt tot am Boden lagen. Dann nahm er die neunzehn Fuhren und zog sie in das nächste Dorf hinein, wo ein kunstreicher Schmied am Amboss stand und hämmerte.

»Heda, Meister Schmied,« rief Sonderbar, »will er mir wohl aus meinem Eisen einen Stock schmieden? Es soll ihm gut gelohnt werden, wenn die Arbeit ordentlich wird. Taugt sie aber nicht und bekommt der Stock Beulen, wenn ich mit ihm schlage, so musst du noch ein Fuder in den Stock verschmieden und erhältst gar keinen Lohn.« Der Schmied war damit einverstanden und machte sich an die Arbeit. Er hämmerte und hämmerte viele Wochen lang, und endlich hatte er aus den neunzehn Fudern Eisen einen Stock hergestellt, der war »drei Tag und drei Nacht« hoch, und sein Fuss hatte sich dabei noch tief in den Erdboden hinein gesenkt.

Den Stock ergriff Sonderbar, als wär's eine Reitergerte, und schlug damit auf einen harten Fels, dass das Eisen eine tiefe Beule bekam. »Hast verloren, Meister Schmied,« rief Sonderbar lachend, und der Schmied musste noch ein Fuder Eisen in den Stock verschmieden und war des Lohnes verlustig gegangen. Nachdem er fertig war, nahm Sonderbar den Stock auf den Rücken, hing seinen Hundert-Scheffel-Korb daran und wanderte lustig weiter in den grünen Wald hinein.

Es dauerte gar nicht lange, so sah er einen grossen Mann, der stand bei einem Berge. Wenn nun jemand hindurch gehen wollte, so riss der Riese den Berg auseinander. War er hindurchgegangen, so schob er die beiden Hälften wieder zusammen. »Was thust du hier?« fragte Sonderbar. – »Ich schiebe für meinen Herrn den Berg auf und zu.« – »Was bekommt du dafür?« – »Den Tag fünf Silbergroschen und schlecht Essen und Trinken und des Abends mitunter noch eine Tracht Prügel.« – »Dann komm zu mir,« sagte Sonderbar, »ich gebe dir den Tag auch fünf Silbergroschen und gut Essen und Trinken und des Abends bekommst du keine Schläge.«

Die Rede gefiel dem Bergschieber, und er folgte dem Männchen Sonderbar nach. Das gab ihm zur Probe seinen Stock zu tragen; aber der Riese sank auf die Knie und konnte den Stab nicht heben. Da lachte Sonderbar und nahm seinen Stock wieder selbst auf den Rücken und schritt mit dem Riesen fürbass.

Über ein kleines sahen sie einen Mann, der hantierte zwischen[121] den Eichenstämmen herum, ergriff einen Baum nach dem andern am Zopfe und riss ihn samt den Wurzeln aus dem Erdboden heraus. Dann brach er die Stämme über dem Knie in kleiue Stücke; hier schichtete er einen Haufen Klobenholz auf, dort Backholz und an einer dritten Stelle Kleinholz. »Du verdienst dir wohl einen schönen Lohn mit deiner Arbeit?« fragte Sonderbar. »Viel gerade nicht,« erhielt er zur Antwort, »den Tag fünf Silbergroschen und schlecht Essen und Trinken und am Abend noch oft einen Buckel voll Schläge.« – »Dann geh mit mir,« sagte Sonderbar, »ich gebe dir auch fünf Silbergroschen und gut Essen und Trinken und keine Schläge.« – »Der Vertrag ist gemacht,« sagte der Baumausreisser, verliess seine Arbeit und ging mit dem Männchen Sonderbar davon.

Das gab ihm ebenfalls zur Probe seinen Stock zu tragen, und der Baumausreisser konnte den gewaltigen Eisenstab auch heben; als er aber damit gehen sollte, versagten ihm die Kräfte, und Sonderbar musste seinen Stock wohl oder übel wieder selbst auf den Buckel nehmen.

Nachdem sie ein Stückchen gewandert waren, sahen sie einen am Wege sitzen, der hieb mit der Faust Mühlsteine aus einem grossen Felsblock. »Du verstehst es aber!« sagte Sonderbar, »Was verdienst du denn mit deiner kunstreichen Arbeit?« – »Fünf Silbergroschen den Tag und schlecht Essen und Trinken und am Abend manchmal noch Schläge,« sagte der Steinhauer. – »Dann hast du's bei mir besser,« erwiderte Sonderbar, »ich gebe dir fünf Silbergroschen und gut Essen und Trinken und keine Schläge. Komm in meine Dienste.«

Das that der Steinhauer denn auch, und Sonderbar gab ihm, wie den beiden andern Riesen, zur Probe seinen Stock zu tragen. Den trug der Steinhauer wohl drei Stunden weit, dann warf er ihn auf die Erde und sprach: »Auf die Dauer wird er mir doch zu schwer.« Da lachte das Männchen Sonderbar und freute sich, das es einen so starken Diener bekommen, und nahm seinen Stab wieder selbst zur Hand.

Nun wanderten sie immer weiter und weiter, und der Wald wollte gar kein Ende nehmen. Als es Abend ward, sagte Sonderbar: »Jetzt wird's Zeit, dass wir uns nach einem Nachtlager umsehen. Bergschieber, steig' auf eine hohe Eiche und halt Umschau, ob du nicht ein Licht durch die Bäume schimmern siehst!« – Der Bergschieber that, wie Sonderbar ihm geheissen, konnte aber kein Licht erspähen. Da musste der Baumausreisser hinauf, aber ihm ging es nicht besser, und dasselbe war bei dem Steinhauer der Fall. Weil das Männchen Sonderbar nun durchaus in einem ordentlichen Hause übernachten wollte, stieg es selbst auf den Baum, und da es Augen, wie ein Falke, hatte, erblickte es einen dünnen Lichtstrahl, der durch die Blätter schimmerte und den die andern nicht bemerkt hatten.

»Wo ich meinen Hut hinwerfe, ist die Richtung!« schrie Sonderbar und warf den Hut nach dem Lichte. Dann stieg er wieder herab, und nachdem sie eine Zeit lang gegangen waren, trafen sie wirklich in der Richtung, in welcher der Hut geworfen war, ein Häuschen an, aus dem der Lichtschimmer strahlte.[122]

Vor dem Häuschen befand sich ein kleiner Hof, in dem war weiter nichts als ein grosser Sägeblock; aber drinnen war eine Küche und eine Stube, darin standen vier Betten, vier Stühle und ein Tisch, auch hingen drei Gewehre an der Wand. »Das ist ja, als wäre es für uns geschaffen,« sprach Sonderbar erfreut, »hier wollen wir wohnen bleiben.« Und so thaten sie auch; sie richteten sich so gut oder schlecht ein, als es eben ging, und verbrachten die Nacht daselbst.

Am andern Morgen sprach Sonderbar zu seinen Dienern: »Ich will mit zweien von euch auf die Jagd gehen, der Bergschieber mag während dessen zu Haus bleiben und uns das Mittag besorgen.« Alle waren damit einverstanden, und der Bergschieber blieb in der Küche zurück. Er hatte soeben ein tüchtiges Feuer auf dem Herde angemacht, als es poch, poch, poch an die Thüre klopfte. »Herein,« rief der Bergschieber, und siehe, ein steinaltes, kleines Männlein humpelte herein. In seinen Bart waren drei Kreuzknoten geschlagen, und doch reichte er bis an die Füsse herab. Das Männlein stöhnte und klagte, dass es draussen vor Kälte verkäme, und bat, dass es sich ein wenig am Herdfeuer wärmen dürfe.

»Setz dich nur am Herde nieder,« sagte der Bergschieber mitleidig. Über eine Weile hub das Männlein wieder an zu ächzen: »O, du mein Gott, wie hungert mich!« – »Da hast du etwas für den Hunger,« sprach der Bergschieber und reichte ihm eine Schüssel mit Erbsen. – »Ach, gieb mir auch etwas Fleisch.« – Und auch das bekam das Graumännchen in die Hand. Die war aber so zittrig, dass das Fleisch zu Boden fiel. »Mein guter Herr,« klagte das Männlein, »hebt mir das Fleisch wieder auf, seht, ich bin zu alt und schwach zum Bücken.« Da beugte sich der Bergschieber zur Erde, aber in demselben Augenblick hatte das Männchen ihn auch mit der rechten Hand im Nacken gepackt und schlug mit der Faust dermassen auf den Riesen ein, dass ihm Hören und Sehen verging und er für tot auf dem Fussboden lag. Dann schüttete es alle Speisen in das Feuer und ging wieder davon.

Als Sonderbar mit dem Baumausreisser und dem Steinhauer zur Mittagszeit in das Häuschen zurückkehrte, war kein Essen bereitet, und der Bergschieber lag im Bett und war krank. »Das nenne ich mir eine schöne Wirtschaft,« brummte Sonderbar, »morgen wird der Baumausreisser zu Hause bleiben und das Essen besorgen.« Dann zog er den Bergschieber aus seinem Bette heraus und gab ihm eine tüchtige Tracht Schläge.

Am andern Tage stiess dem Baumausreisser dasselbe zu, was Tags zuvor dem Bergschieber zugestossen war. Und als am dritten Tage der Steinhauer zurückbleiben musste, erging es ihm nicht besser. Sonderbar liess es zwar bei beiden an Scheltworten und Schlägen nicht fehlen, aber das verdorbene Essen wurde dadurch nicht wieder gut gemacht. Da entschloss er sich endlich, den vierten Tag selbst die Küche zu übernehmen.

Kaum waren die drei Diener in den Wald hinaus, da klopfte es[123] wieder: »Poch, poch, poch!« an die Thüre. »Wer ist da?« rief Sonderbar unwillig und stiess die Thüre auf; da trat jammernd und klagend das alte Graumännchen herein und bat, sich am Herde wärmen zu dürfen. Auch bettelte es um etwas Speise für den Hunger. »Da hast du etwas zu fressen,« fuhr Sonderbar das Männlein an und schob ihm eine Schüssel mit Erbsen hin. »Bitte, gieb mir auch einen Bissen Fleisch,« bettelte der Zwerg. »Kann denn das Gesindel nicht ohne Fleisch auskommen!« schalt Sonderbar und warf ihm ein Stück von dem Braten, den er soeben zubereitet hatte, in die Schüssel hinein. Das Graumännlein zog es mit zitternden Händen heraus und liess es auf den Boden fallen und weinte darüber, dass es einen Stein jammern konnte. Sonderbar wollte ihm das Fleisch aber nicht aufheben; doch der Zwerg setzte ihm solange mit Bitten zu, bis dass er es that.

Nun sollte es Sonderbar ebenso ergehen, wie seinen drei Dienern; das dachte das Graumännlein wenigstens. Aber es war an den Unrechten gekommen. Denn kaum merkte Sonderbar, was das Kerlchen im Sinne hatte, so schüttelte er es von sich ab, griff mit den Worten: »Jetzt weiss ich, was den dreien gefehlt hat!« unter die Bettlade nach Axt und Keil und trug dann das Männchen auf den Hof hinaus. Dort klöbte er den Sägeblock mit gewaltigem Schlage tief auf, steckte den Keil in die Spalte und dann den Bart hinein; darauf zog er den Keil heraus, und schnapp schlug das Holz zusammen, und der Zwerg sass mit dem Barte fest und war gefangen.

Vergnügt ging Sonderbar in die Küche zurück und freute sich darauf, wie die Diener lachen würden, wenn sie den Vogel in der Falle sähen. Als die drei aber heimkehrten, steckte nur noch der lange Bart in der Spalte, das Graumännlein hatte den Bart zurückgelassen und war in seine Wohnung entwischt. Doch ein langer Streifen Blut zeigte den Weg an, den es genommen. Die Spur führte zu einem Erdloch, das tief, tief in den Boden ging. Oben an der Öffnung war ein Seil mit einem Korbe befestigt, daran musste es sich in das Loch hinabgelassen haben. Sprach Sonderbar: »Ich will wissen, was der Zwerg da unten treibt! Du, Bergschieber, setz dich in den Korb und fahre hinab!«

Der Bergschieber gehorchte; es dauerte aber gar nicht lange, so schrie er laut, sie möchten ihn doch ja wieder in die Höhe ziehen, er hielte es unten nicht aus. Gerade so thaten der Baumausreisser und der Steinhauer. Da sprach das Männchen Sonderbar: »Gut, dann werde ich hinabfahren,« nahm den Hundert-Scheffel-Korb und die Eisenstange zu sich und fuhr hinab, so tief, dass er Sommer und Winter während der Fahrt zu überstehen hatte; denn einmal war der Boden um ihn siedend heiss, und dann wieder wurde er eiskalt. Endlich langte er unten an.

Da fiel ihm ein, seine Diener möchten ihm die Schläge nachtragen, die er ihnen gegeben, und er lud deshalb einen schweren Stein in den Korb, dass es aussah, als wolle er sich wieder in die Höhe ziehen lassen. Und richtig, als der Korb zur Hälfte in die Höhe[124] gezogen war, schnitten die Schelme das Tau durch, dass der Korb herunter stürzte und der Stein in Stücken splitterte. Da dankte Sonderbar Gott, dass er dem Tode entgangen war, denn hätte er drinnen im Korbe gesessen, so war sein Leben Gras.

Lange dachte er aber nicht über die Bosheit der Diener nach; denn er suchte nach dem Zwerg, und endlich fand er ihn auch in einer Ecke kauern. »Du bist schuld daran, dass ich hierher gekommen bin,« fuhr er das Graumännchen an, »jetzt sorge auch dafür, dass ich wieder in die Oberwelt zurückkehre.« – »Hätte ich noch meinen Bart,« erwiderte der Zwerg, »so würde ich dir sogleich helfen. So aber sind mit meinem Barte auch meine Kräfte geschwunden.« – »Was ist denn hier unten zu finden?« fragte Sonderbar missmutig. »Hier sitzt eine verwünschte Prinzessin,« erhielt er zur Antwort, »die wird von drei grossen Drachen bewacht. Davon hat der erste drei und der zweite sechs Köpfe, der dritte aber, der so stark ist, wie die beiden andern Drachen zusammen genommen, hat neun Häupter auf dem Rumpfe sitzen. Wenn du die drei Drachen tötest, hast du die Prinzessin erlöst.«

Die Arbeit schien dem Männchen Sonderbar der Mühe wert, und er ging in das Schloss, in dem die Prinzessin sass. Als sie Sonderbar erblickte, hub sie vor Freude an zu weinen, dass sie wieder einen Menschen schauen durfte. Zugleich wurde sie aber auch blass vor Furcht, da sie glaubte, die Drachen würden ihn zerreissen. Sonderbar hiess die Königstochter jedoch getrost sein, er sei als ihr Befreier gekommen und werde mit Gottes Hülfe die Drachen erlegen. Dann musste ihm die Prinzessin Bescheid sagen, wann die Ungeheuer sie zu besuchen kämen.

Zu dem Schlosse der verwünschten Königstochter führten nämlich drei Brücken, von denen die eine dem ersten, die andere dem zweiten, die letzte dem dritten Drachen gehörte. Unter der ersten Brücke beschloss Sonderbar den dreiköpfigen Drachen zu erwarten. Er nahm seinen Eisenstab zur Hand und kroch darunter. Es dauerte auch gar nicht lange, so kam ein Brausen durch die Luft, wie von einem gewaltigen Winde, und der erste Drache fuhr über die Brücke. Sonderbar stiess mit dem Stocke nach ihm; da brüllte ihn das Untier an: »Was willst du hier, Erdwurm?« – »Ich werde dich beerdwurmen,« sagte Sonderbar, sprang unter der Brücke hervor und schlug mit dem Stabe so gewaltig auf die drei Köpfe des Drachen ein, dass sie bald zerschmettert am Boden lagen.

»Das war leichte Arbeit,« sprach Sonderbar und ging zur zweiten Brücke, um dort den sechsköpfigen Drachen zu erwarten. Als der herbei geflogen kam, ertönte sein Flügelschlag wie Donnerschall, und noch entsetzlicher, als der dreiköpfige Drache, schrie er das Männchen Sonderbar an: »Was willst du hier, Erdwurm?« – »Deinem Bruder ist es mit dem Erdwurm schlecht ergangen,« gab ihm Sonderbar trotzig zurück, »du wirst nicht besser bei mir fahren,« und damit begann der Kampf. Diesmal hatte aber Sonderbar alle seine Kräfte zusammen[125] zu nehmen, um des sechsköpfigen Ungeheuers Herr zu werden, und es hätte wenig gefehlt, so wäre er von dem Drachen überwältigt und zerrissen worden.

Als dieser Kampf vorüber war, ging er darum zur Prinzessin in das Schloss zurück und klagte ihr sein Leid. »Wenn der Zwerg recht hat, dass der letzte Drache so stark ist, wie die beiden andern zusammen genommen, so ist mein Leben Gras; dann muss ich sterben.« Die Königstochter tröstete ihn aber und wies ihm einen Brunnen am Fenster; an dessen Bord war geschrieben: »Wasser der Stärke.« Davon sollte Sonderbar trinken, bis er so stark geworden sei, dass er das grosse Schwert, welches über dem Brunnen hing, zu führen vermöchte.

Sonderbar that, wie ihm geheissen war, und fand auch den Brunnen, und über ihm an der Mauer des Schlosses hing das Schwert. Er versuchte, es herabzunehmen, aber so sehr er auch seine Riesenkräfte anstrengte, es wollte ihm nicht gelingen. Da trank er einen Becher aus dem Brunnen der Stärke, und siehe, jetzt konnte er das Schwert schon herabnehmen und sich zur Seite hängen. Flugs schöpfte er noch einmal und trank einen zweiten Becher von dem Zauberwasser; darnach konnte er mit dem Schwerte fegen und kehren, ob es ihm schon noch sauer wurde. Dachte er bei sich: »Du willst es noch ein drittes Mal versuchen,« und als er den dritten Becher getrunken hatte, überkam ihn eine solche Kraft, dass er das Schwert schwingen konnte, als wäre es ein Flederwisch.

Vergnügt kehrte er zur Königstochter zurück, und die versteckte ihn unter ihr Bett, damit er dort abwarte, bis der Drache käme. Es dauerte auch gar nicht lange, so erscholl ein Lärmen und Toben im Schloss, als solle die Welt untergehen, und der dritte Drache flog in die Stube und sah so greulich aus, dass der Teufel aus der Hölle nicht schlimmer ausschauen kann. Die Prinzessin aber kannte ihn schon und that gar zutraulich mit ihm, dass er seine Köpfe in ihren Schoss legte; dann kraute sie ihm die Haare, bis er einschlief.

Darauf hatte Sonderbar nur gewartet, er sprang unter dem Bette hervor, riss den Drachen von dem Schosse der Jungfrau herab und schlug ihm mit dem grossen Schwerte auf einen Schlag die neun Köpfe ab, dass sie auf den Erdboden rollten. Nun war die Prinzessin erlöst; aber wie sollten sie aus der Unterwelt wieder herauf kommen, wo die liebe Sonne scheint? In dieser Not wusste der kleine Zwerg Rat. »Hier unten nistet der Vogel, welcher der grösste ist unter allem Getier, das Federn trägt, unter dem Himmel,« sprach er zu Sonderbar, »der ist so gross, dass er, um satt zu fressen, so lange Zeit braucht, dass seine Kinder inzwischen verhungern müssen. Er kann darum keine Jungen gross kriegen, wenn er sie ausgebrütet hat. Willst du seine Kinder füttern, so mag dir der grosse Vogel samt der Prinzessin aus der Not helfen.«

Der Rat gefiel Sonderbar, und er ging hin zu dem Neste des grossen Vogels und fütterte dort die Jungen, bis der Alte wieder[126] erschien. Das dauerte aber viele Wochen. Endlich kam er und wunderte sich, dass die Jungen noch lebten. »Das kommt daher,« sprachen die kleinen Vögel, »weil ein fremder Mann uns hier im Neste gefuttert hat.« – »Zeigt mir den Mann,« sagte der grosse Vogel, »er hat euch zu fressen gegeben, dafür will ich ihn auch fressen.« – Das wollten aber die Jungen nicht leiden und sagten zu ihrem Vater: »Nicht doch, der Mann hat uns das Leben gerettet, und nun willst du ihn fressen?« Da sah der grosse Vogel ein, dass er Unrecht thue, und versprach seinen Jungen, dass er den Menschen nicht fressen wolle.

Als Sonderbar dies hörte, kroch er unter dem rechten Flügel des jüngsten Vogels, denn darunter hatte er sich versteckt, hervor und stellte dem grossen Vogel sein Anliegen vor. »Ich würde dir gerne helfen,« erwiderte der grosse Vogel, »wenn ich aber dich und die Königstochter zur Oberwelt hinauf tragen soll, werde ich hungrig werden. Bekomme ich dann keine Nahrung, so versagen meine Kräfte, und ich muss euch fallen lassen.« – »Wie viel brauchst du denn, um satt zu werden,« fragte Sonderbar. »Zwölf Happen,« versetzte der grosse Vogel. »Dafür werde ich Sorge tragen,« antwortete Sonderbar, »sei so gut und trag uns hinauf.« Darauf nahm er seine Stange, sein Schwert und den Hundert-Scheffel-Korb zu sich, dann ergriff ihn der grosse Vogel mit der rechten Klaue und die Prinzessin mit der linken, und fort ging es, hoch in die Lüfte.

Sonderbar machte einen Bissen nach dem andern aus dem Kober fertig und reichte ihn während des Fluges dem Vogel dar. Aber, o weh, er hatte sich verrechnet, es waren nur elf Bissen darin und, wo jetzt den zwölften hernehmen? In seiner Not griff Sonderbar zum Messer und schnitt sich damit ein grosses Stück Fleisch aus dem Schenkel und reichte es dem Vogel dar. »Das schmeckte aber,« sagte der Vogel und schnalzte mit der Zunge. »Das glaube ich wohl,« entgegnete Sonderbar, »es ist mir auch sauer genug angekommen.«

Da wurde der Vogel neugierig und fragte, was Sonderbar damit besagen wolle, und nun erfuhr er, woher der zwölfte Happen stamme. »Das thut mir leid,« sprach der Vogel, »aber warte nur, ich werde es dir wieder ansetzen.« Und richtig, als sie oben waren, spie er Sonderbar das Fleisch wieder an den Schenkel, dass es aussah, als habe er nie dort eine Wunde gehabt. – »Bist du solch ein Vogel,« rief Sonderbar verwundert, »dann kannst du aus mir wohl gar noch einen hübschen Mann machen? Sieh nur an, wie klein und verwachsen ich bin, und doch möchte ich so gerne ein hübscher, schierer, schlanker Kerl werden.« – »Meinetwegen,« antwortete der grosse Vogel und verschluckte das Männchen Sonderbar; nach einer kleinen Weile gab er es wieder von sich, und Sonderbar stand vor der Prinzessin so schön, wie der schönste Königssohn; und dabei hatte ihm die Verwandlung von seiner ehemaligen Kraft nichts geraubt, sondern er war so stark, wie zuvor.

Da herrschte einmal Freude bei Sonderbar, und auch die Königstochter sah ihn mit liebevollen Blicken an. Sie bedankten sich darauf[127] bei dem grossen Vogel und zogen zunächst in das kleine Häuschen, wo Sonderbar dem Bergschieber, dem Baumausreisser und dem Steinhauer für ihre Arglist seinen Eisenstab zu fühlen gab. Dann zog er in das Reich des Königs, dessen Tochter er erlöst hatte, und da die Prinzessin den schönen Mann lieb gewonnen hatte, heirateten sie einander. Sie herrschten glücklich und zufrieden und bekamen auch einen Sohn, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 119-128.
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