20. Der gehörnte Siegfried.

[128] Es war einmal ein reicher König, der hielt streng darauf, dass in seinem Lande alles den Weg des Rechten ginge, und darum hatten ihn seine Unterthanen lieb, aber die Zigeuner hassten ihn. Als nun der kleine Sohn des Königs ins zweite Jahr ging und er von seiner Amme eines Tages in den Wald geführt wurde, dass er dort spiele, fielen die Zigeuner über sie her und nahmen dem Mädchen das Kind weg. Die Amme kam in das Schloss zurück gelaufen und klagte dem König, was geschehen war; da liess derselbe überall im Lande nachspüren, und alle Zigeuner wurden aufgegriffen, aber man fand den kleinen Prinzen nicht wieder. Und das kam daher: Die Zigeuner hätten das Kind zwar gerne bei sich behalten, weil vornehmer Herren Kinder geschickter sind, wie ihre eigenen oder gar die Bauerjungen und Mädchen, und weil sie gut seiltanzen und reiten lernen, aber sie fürchteten des alten Königs Rache; darum legten sie den Prinzen unter einem Eichbaum nieder und machten, dass sie von dannen kamen.

Es dauerte gar nicht lange, so wankten ein Paar Bauersleute durch den Busch, und als sie das Weinen hörten, ging die Frau zu dem Orte und rief: »Komm her, Vater, welch schönes Kind! Das hat uns Gott gesandt, weil wir keine Kinder haben. Wir wollen es gross ziehen und pflegen, dass es uns eine Stütze sei, wenn wir alt und grau werden.« Dem Manne gefielen die Worte seiner Frau von Herzen, und sie nahmen das Kind mit sich, und weil sie nicht wussten, ob es schon getauft sei, so liessen sie es von dem Pastor taufen, und es wurde Friedrich genannt. Die Pflegeeltern liessen es an Speise und Trank nicht fehlen, und das Kind wurde bald über die Massen stark, dass es die andern Jungen in der Schule durchprügelte, wenn sie ihm an den Leib wollten. Und auch der Schulmeister hatte seine liebe Not mit ihm. Endlich war er so weit gekommen, dass er eingesegnet war, da sprach sein Vater zu ihm, denn er wusste selbst nicht anders, als dass er des Bauern Sohn sei: »Friedrich, du bist gross und stark geworden und musst jetzt ein Handwerk lernen. Wozu hast du am[128] meisten Lust?« Antwortete Friedrich: »Ich will ein Schmied werden, da kann ich meine Stärke am besten gebrauchen.« Das war der Bauer zufrieden, und er brachte ihn zu dem Schmied in die Lehre. »Bist du auch stark genug?« fragte der Schmied, »Das Eisen ist hart und die Hämmer sind schwer.« – »Das will ich meinen,« antwortete der Junge, und als ihm der Meister Eisen gab, hämmerte er so wacker darauf ein, dass er alles Eisen zu Schanden schlug. »Du musst nicht so grob schlagen,« schalt der Schmied; aber Friedrich war Schelten nicht gewohnt, wurde zornig und schlug mit dem Hammer so hart auf den Amboss, dass derselbe mit samt dem Block tief in den Erdboden fuhr. »Dich kann ich nicht brauchen!« rief der Schmied voll Schrecken; denn es überkam ihn ein Grauen vor dem starken Burschen. »So schnell geht es nicht, Meister,« erwiderte der Junge, »ich gehe, aber du sollst mir zuvor einen Wanderstab schmieden!« Da nahm der Schmied von seinem besten Eisen und schmiedete eine Stange, wie sie ein Riese nicht schwerer tragen konnte. Als sie fertig war, ergriff sie der Junge mit der Rechten und schlug damit über den linken Arm. Da bog sich das Eisen, als wäre es Draht. »Die Stange ist schlecht, Meister,« sagte er, »auch ist der Stock zu nichts nutze; schmiede mir ein Schwert, so will ich freiwillig aus dem Dienst gehen.« Der Schmied freute sich, wenn er den Jungen nur los werden konnte, und arbeitete Tag und Nacht, und Friedrich half ihm dabei, bis er ein Schwert geschmiedet hatte, gross und lang und so hart, dass es alles durchschnitt. Das gürtete sich der Junge um, dann sagte er den Meistersleuten Lebewohl und wanderte aus der russigen Schmiede in die weite Welt hinaus.

Nachdem er ein Weilchen gegangen war, dachte er bei sich: »Nun hast du ein Schwert, nun könntest du auch Soldat werden!« Gedacht, gethan, er ging in des Königs Heer, und da er so stark und tapfer war, so stieg er höher und höher und, weil er immer Sieger blieb und niemals einen Kampf verlor, so wurde er nicht mehr Friedrich, sondern Siegfried genannt. Um seiner Stärke willen konnten ihn aber die Herren am Hofe nicht leiden, und sie setzten dem Könige des Landes zu bei Tag und bei Nacht, bis er sich auch vor Siegfried fürchtete und darauf sann, wie er sich seiner entledigen könne. Nun lebte in dem Walde des Königs ein erschrecklich grosses Einhorn, das Menschen und Vieh tötete und ungeheuren Schaden anrichtete. »Siegfried,« sagte eines Tages der König, »wer so stark ist, wie du, der sollte auch wohl des Einhorns Herr werden!« – »Das will ich meinen!« versetzte Siegfried und machte sich sogleich mit seinem Schwerte auf den Weg. Als er im Walde war, roch ihn das Einhorn von ferne und stürmte auf ihn los. Da erschrak Siegfried ob seiner Grösse, dachte, sein Leben sei Gras, und sprang, als es auf ihn zukam, flink hinter einen Eichbaum. Das Einhorn war blind vor Wut und rannte auf den Eichbaum und stiess sein Horn so tief in den Stamm hinein, dass es fest sass und nicht vorwärts und nicht rückwärts zu gehen vermochte. Jetzt kam Siegfried hinter dem Baume[129] hervor und machte dem Einhorn mit dem Schwert den Garaus. Dann liess er es in seinem Blute liegen und ging wieder auf das Königsschloss zurück. Nun war er gar stolz geworden, und niemand wagte mehr, mit ihm anzubinden.

So verging ein ganzes Jahr. Da erscholl das Gerücht im Lande, dem König des Nachbarreiches sei sein einziges Kind, die Prinzessin, gestohlen worden von einem zwölfköpfigen Drachen, und wer sie erlöse, solle sie zur Frau bekommen und Erbe werden im Königreich. »Das wäre eine Arbeit für dich,« dachte Siegfried, nahm Urlaub von seinem König und machte sich mit seinem Schwert auf den Weg. Als er im Walde war, führte ihn sein Weg an der Stelle vorbei, wo er im Jahre vorher das Einhorn getötet hatte. Das Horn steckte noch in dem Eichbaum, aber das Fell und das Fleisch hatten die Ameisen bis auf das Gebein abgenagt; doch unter den Knochen schwamm eine gelbe Masse. Das war das Fett des Einhorns, das nicht verwesen konnte und das die Ameisen nicht anrühren mochten. Siegfried verwunderte sich darüber und tauchte einen Finger in die Masse hinein; da wurde er sogleich mit einer Hornhaut bezogen, und das Schwert glitschte davon ab, wie er sie mit der Schärfe berührte. Als Siegfried das sah, that er die Kleider von sich und rieb sich den ganzen Körper mit dem Fette ein; nur zwischen die Schultern konnte er nicht kommen. Das wusste er aber nicht, sonst hätte er sich auf den Rücken gelegt und in dem Fette gebadet. Bis auf die Stelle ward er dadurch hörnern am ganzen Leibe, und kein Mensch konnte ihm etwas zu Leide thun. »Nun soll's mir an der Prinzessin nicht fehlen,« rief er vergnügt und wanderte seines Weges weiter.

Als er bei der Stadt angelangt war, aus welcher der zwölfköpfige Drache die Prinzessin geraubt hatte, ging er sogleich auf das Schloss und liess sich bei dem König melden. »Wer bist du?« fragte der König. »Ich bin der gehörnte Siegfried,« antwortete er, »und will deine Tochter erlösen.« Da wäre ihm der alte König vor Freuden beinahe um den Hals gefallen, denn er war der allererste, der sich dazu angeboten hatte; so sehr fürchteten sich alle vor dem zwölfköpfigen Drachen. Er versprach ihm auch, wenn er die Prinzessin erlöse, so solle er und kein anderer ihr Mann werden. Das gefiel Siegfried wohl, denn er hatte viel von der Schönheit der Prinzessin gehört; er sagte dem König Lebwohl und machte sich auf den Weg in den Wald, wo der Drache hausen sollte. Als er ein Weilchen in dem Walde gewandert war, traf er drei allmächtig grosse Riesen. »Halt, Erdwürmchen,« rief der eine von ihnen und vertrat ihm den Weg, »bis hierher und nicht weiter!« – »Das kommt auf mich an,« antwortete Siegfried und setzte sich zur Wehr. Da hieb der Riese mit seiner Stange auf ihn ein, Siegfried aber war schnell genug, wich aus, und als die Stange in die Erde fuhr und den Riesen mit sich riss, holte er weit aus und schlug dem Riesen mit dem Schwerte mitten durch den Leib, dass er in zwei Teile auseinander fiel. Darauf hatten die beiden andern Riesen nicht gerechnet, und einer von ihnen[130] stand auf, um das Erdwürmchen, das ihren Bruder getötet, zu erschlagen; denn beide mochten über den kleinen Mann nicht herfallen, dazu erschien er ihnen zu schwach. Es dauerte aber gar nicht lange, so hatte Siegfried mit dem zweiten Riesen ebenso gethan, wie mit dem ersten, und es blieb nur noch der dritte übrig, um seine Brüder zu rächen. Doch dem glückte es auch nicht, und über ein Weilchen lag er bei den beiden andern im Grase. Darauf ging Siegfried auf die Riesenburg, das war ein herrlicher Palast, und ruhte aus von dem Kampfe und ass und trank von den Speisen, welche die Riesen auf die Burg geschleppt hatten.

Nachdem er ein paar Tage dort verweilt hatte, zog er tiefer in den Wald hinein; und je weiter er kam, um so wilder wurde die Gegend. Es begegneten ihm starke Löwen und wilde Zottelbären, aber er kehrte sich nicht daran; und wenn sie ihm zu nahe kamen, so ergriff er sie beim Maule und riss sie auseinander und hängte die eine Hälfte zur Rechten des Weges und die andere zur Linken und schrieb darunter: »Der gehörnte Siegfried hat's gethan.« Eines Tages kam jedoch ein grosser, starker Reiter auf ihn zu und rief: »Auf dich habe ich schon lange gewartet! Ergieb dich, so will ich deines Lebens schonen!« Antwortete Siegfried: »Hüte dich und freu dich, dass du das Leben hast.« Als aber der Reitersmann mit seinen Waffen auf ihn eindrang, zog er sein scharfes Schwert vom Leder und schlug so gewaltig auf ihn ein, dass er vom Rosse sank und in das Gras fiel. Siegfried hatte ihn bis auf den Tod verwundet, aber ehe er starb, sprach er zu ihm: »Ich war verwünscht, in dem Walde zu bleiben, bis ich einen Mann gefunden hätte, der meine Stelle vertreten würde. Hätt' ich gewusst, dass du so stark seist; ich hätte dir nimmermehr etwas zu Leide gethan.« Dann schloss er die Augen und war tot. Siegfried grub ihm mit seinem Schwerte ein Grab und legte ihn hinein, scharrte einen Hügel darüber und steckte ein Kreuzchen auf die Stelle, wo der Kopf lag. Darauf zog er weiter.

Es dauerte gar nicht lange, so kam wieder ein Reitersmann und rief: »Auf dich habe ich schon hundert Jahre gewartet! Ergieb dich, so will ich dein Leben schonen!« Antwortete Siegfried: »Lass mich meiner Wege gehen, mich zwingst du doch nicht.« Der Reiter aber hörte nicht und schlug auf ihn ein; da zog auch Siegfried sein Schwert, und der Schlag sass, und der Reiter stürzte kopfüber zu Boden. Er konnte ebenfalls nur so viel erzählen, dass er, wie der andere Reiter, verwünscht worden sei, im Walde zu gehen, bis er einen Stellvertreter gefunden. Als Siegfried fragte, wie weit es noch sei bis zu der Höhle des Drachen, antwortete er: »Der Drache wohnt unweit von hier auf einem grossen Felsen, und in ihm hausen Zwerge, lass dir die Nebelkappe geben, die kann dir helfen!« dann neigte er sein Haupt und verschied. Siegfried begrub ihn, wie den ersten Reiter, und setzte ihm ein hölzernes Kreuz zu Häupten des Grabes, dann machte er, dass er die Drachenhöhle erreichte.

Vor dem grossen Felsen versperrten ihm Unterirdische über[131] Unterirdische den Weg. »Ihr Männchen, macht, dass ihr von dannen kommt!« rief Siegfried, aber die Unterirdischen hörten nicht auf ihn, sondern vertrauten ihrer Stärke und stürzten auf ihn ein. Da ergriff Siegfried ihrer fünf oder sechs bei den langen, eisgrauen Bärten und schlug sie mit den Leibern an das harte Gestein, dass sie ach und weh schrien. »Lass uns leben, Siegfried,« riefen sie da, »wir wollen dir auch helfen, unsern Herrn, den Drachen, bezwingen.« – »Ist's auch euer Ernst,« fragte Siegfried. »Das schwören wir dir zu,« riefen die Graumännlein, »und damit du siehst, dass wir es ehrlich meinen, wollen wir dir eine von unsern Nebelkappen schenken. Wenn du dieselbe auf deinen Kopf setzt, so bist du unsichtbar für jedermann.« Da liess Siegfried die Unterirdischen los, und sie liefen in den Berg hinein und holten ihm die Nebelkappe. Auch gaben sie ihm Speise und Trank, und als er satt gegessen und getrunken hatte, führten sie ihn auf den Stein hinauf, wo die geraubte Prinzessin sass und um die verlorene Freiheit klagte.

Als sie Siegfried erblickte, war sie aller Freuden voll und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. »Wo ist der Drache?« fragte Siegfried. »Der kommt erst um die Mittagszeit zurück,« antwortete die Prinzessin, »dann ist er müde vom Fliegen und hungrig, und ich muss ihm zu essen geben.« Nachdem Siegfried vernommen hatte, dass der Drache noch kommen müsse, stellte er sich vorn an den Rand des grossen Steines, und es dauerte auch gar nicht lange, so vernahm er ein Sausen und Brausen in der Luft, und noch ein Weilchen, und der Drache stand vor ihm und rief: »Was willst du hier, Erdwürmchen?« – Antwortete Siegfried: »Die Prinzessin holen, die du gestohlen hast!« Da schlug der Drache mit der rechten Klaue nach ihm, und die zwölf Köpfe bissen nach ihm, dass sie ihn in Stücke rissen. Aber Siegfried war flink bei der Hand und schlug dem Drachen die rechte Klaue vom Leibe. Da wurde das Untier zornig und spie Feuer und Flammen aus den zwölf Rachen heraus, und die Hitze war so gross, dass die Hornhaut an Siegfrieds Leibe zu schmelzen begann und das Horn, wie Blutstropfen, herunterlief. Das war auch für den starken Siegfried zu viel, und er setzte die Nebelkappe auf sein Haupt, nachdem er dem Drachen zwei Köpfe vom Rumpfe geschlagen, und machte, dass er zu den Zwergen am Fusse des Drachensteines herab kam. Die kühlten seine Haut mit kaltem Wasser, dass sie wieder fest wurde, und gaben ihm Braten zu essen und Wein zu trinken, und er ruhte bei ihnen aus bis auf den andern Morgen, als der Drache wieder auf Raub ausgeflogen war. Da stieg er zum zweiten Male zu der Prinzessin auf den Drachenstein und tröstete sie in ihrem Leid, bis das Untier nach Hause zurückkehrte.

Da entbrannte der Kampf von neuem, und Siegfried schlug ihm auch die andere Klaue ab und zwei Köpfe obendrein; dann musste er aber machen, dass er die Nebelkappe auf das Haupt bekam und zu den Zwergen flüchtete, sonst hätte ihn die Glut, welche der Drache ausspie, bis auf die Knochen verzehrt. Die Hornhaut war[132] wieder geschmolzen, aber die Unterirdischen wussten Rat dafür, und als er am andern Morgen erwachte, war er stärker und kräftiger, wie je zuvor. Diesmal war die Prinzessin schon weniger verzagt, als er zu ihr auf den Drachenstein kam, denn sie hatte seine grosse Kraft und Tapferkeit gesehen und hoffte, dass er sie erlösen würde; und sie herzten und küssten einander, bis der Drache kam. Der hatte an Kraft viel verloren, da ihm die Klauen und vier Köpfe fehlten; um so mehr spie er Feuer und Flammen aus den übrigen acht Häuptern heraus. Doch Siegfried setzte ihm gewaltig zu und ruhte nicht eher, als bis er ihm vier Köpfe vom Rumpfe geschlagen hatte. Dann machte er sich unsichtbar und kehrte zu den Zwergen zurück, um seine Hornhaut abkühlen zu lassen. Den vierten Tag war der Drache schon matt und müde, und er hatte kaum noch die Kraft, auf Raub auszufliegen. Und als er zurückkam, schlug ihm Siegfried auch die letzten vier Köpfe vom Rumpfe. Da war der Drache tot und die Prinzessin erlöst; und auch die Unterirdischen waren von der Drachenherrschaft befreit und hatten von nun an Siegfried als ihrem König zu dienen. Sie trugen ihm darum Silber und Gold aus dem Berge, dass er davon nähme, so viel er haben wolle. Siegfried aber bedurfte ihrer Schätze nicht, sondern liess sich nur zwei gute Rosse geben, und dann machte er, dass er mit der Prinzessin in ihres Vaters Reich zurück kehrte.

Auf der Reise dahin mussten sie durch eine Dickung, und als sie mitten darin waren, stürzten zwölf Räuber auf sie ein und riefen: »Gieb uns die Pferde und die Prinzessin heraus, dann wollen wir deines Lebens schonen!« Siegfried zog als Antwort sein Schwert aus der Scheide und schlug von rechts und von links auf die Räuber ein, und mit jedem Streich, den er führte, musste einer von den Räubern sein Leben lassen, bis er auch den letzten getötet hatte. Darauf setzten sie ungestört ihre Reise fort, und nachdem sie ein paar Tage geritten waren, langten sie auf dem Schlosse, wo der Vater der Prinzessin wohnte, an. Da war die Freude gross, und es wurde sogleich Hochzeit gefeiert, und Siegfried wurde von dem alten König zu seinem Nachfolger im Reiche ernannt, wenn er einmal sterben würde.

Es war aber ein Minister im Lande, dem war die Prinzessin von dem König zugesagt worden, ehe sie der Drache geraubt hatte. Der konnte es nicht verschmerzen, dass Siegfried mit seiner Braut Hochzeit gefeiert hatte, und er sann Tag und Nacht darauf, wie er ihn umbrächte. Äusserlich liess er sich freilich nichts merken; darum erzählte auch die Prinzessin ihrem Manne nichts von der Sache, damit er nicht ohne Grund eifersüchtig würde, und Siegfried gewann den Minister so lieb, dass er ihn hielt, wie seinen eigenen Bruder. So vergingen zwei Jahre, und die Prinzessin hatte ihrem Manne schon einen kleinen Sohn geboren, da geschah es eines Tages, dass Siegfried mit dem Minister zusammen im Strome badete. Der falsche Mensch sah mit Neid auf Siegfrieds starken Körper, und es schien ihm, als habe er ein Mal zwischen den Schultern. Das kam ihm verdächtig vor, und als er seinem Herrn beim Abtrocknen und Ankleiden behülflich[133] war, fasste er mit dem Finger auf die Stelle, und siehe, dieselbe war weich, wie jedes andern Menschen Haut, und nicht mit Horn umgeben. Da merkte er sich die Stelle genau, auf dass er Siegfried dort verwunden könne, denn sonst war ihm nirgends bei zu kommen.

Als sie nun einmal, wie sie zu thun pflegten, gemeinschaftlich auf der Jagd waren und den Hirschen und Rehen nachstellten, brannte die Sonne so heiss, dass sie vor Durst bald verschmachtet wären. Endlich stiessen sie auf einen Spring, der aus einem Berge hervorquoll, und Siegfried beugte sich hastig nieder, dass er in dem klaren Wasser seinen Durst löschte. Wie er so lag und trank, sah er plötzlich im Wasser das Bild des Ministers, wie er den Jagdspiess in der Hand hielt, um ihn zu durchbohren. Schnell wollte er aufspringen, aber schon war es zu spät, der Minister hatte gerade zwischen die Schultern getroffen und stiess ihm das Eisen mitten durch das Herz, dass er sein Leben von sich gab und sein Blut in das klare Wasser floss. Als er tot war, lud der Minister die Leiche auf Siegfrieds Ross und kehrte mit ihr auf das Schloss zurück. Da war alle Freude in Jammer und Klage verkehrt, und die Prinzessin weinte und weinte und wollte sich nicht trösten lassen. Dem alten König aber sagte der Minister, Siegfried sei vom Pferde gestürzt und habe sich dabei das Schwert zwischen die Schultern gerannt. Und das glaubte ihm der König auch.

Nachdem die Prinzessin ein Jahr lang um Siegfried getrauert hatte, dachte der Minister, jetzt sei es Zeit, um ihre Hand zu werben, und er ging zu ihr in die Kammer und sagte: »Prinzessin mein, denkt daran, dass Ihr mir schon zugesagt wart, ehe der Drache euch raubte, gedenkt auch des kleinen Prinzen, den Siegfried Euch zurückgelassen hat, und gebt ihm einen Vater wieder.« Die Prinzessin aber hatte immer geargwöhnt, dass kein anderer, als der Minister, Siegfried erschlagen habe. Um hinter das Geheimnis zu kommen, antwortete sie darum: »Du sollst mein Mann werden, wenn du mir sagst, wie Siegfried gestorben ist.« Dabei sah sie ihn freundlich an, und der Minister glaubte, sie liebe ihn noch, wie vordem, und er gestand ihr, er habe Siegfried an der Quelle erstochen, da er nicht länger mit ansehen gekonnt, dass seine Braut eines anderen Frau sei. Kaum hatte er die Mordthat gestanden, so lief die Prinzessin zu ihrem Vater und erzählte ihm die Geschichte. Da wurde sofort der Henker geholt, der musste dem Mörder das Haupt abschlagen. Darauf lebte die Prinzessin mit Siegfrieds kleinem Sohne an ihres Vaters Hofe noch lange Zeit, und als der alte König starb, verwaltete sie für ihren Sohn das Reich, bis er herangewachsen war und das Land selbst beherrschen konnte. Da wurde er ein Held so stark und gewaltig, wie sein Vater gewesen war, und führte viele Kriege und verrichtete grosse Thaten, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 128-134.
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