2. Der Jäger und der Sohn des Zwergkönigs.

[9] Es war einmal ein König, dem war der Hofjäger gestorben. Da liess er alle Jäger im ganzen Reiche zusammen kommen zu einer Treibjagd; wer das meiste Wild schösse, der sollte der neue Hofjäger werden. Wie's so zu geschehen pflegt, bei dem Treiben gaben die alten Jäger sich selbst die besten Plätze; je jünger einer war, um so schlechter wurde sein Standort, und der allerjüngste gar stand auf so abgelegener Stelle, dass er, als die Jagd begann, keinen Schuss der Schützen und keinen Laut der Treiber zu vernehmen vermochte. Betrübt wartete er zwei lang und zwei breit; und da ihm noch immer kein Stück Wild in den Weg laufen wollte, liess er sich auf einem Baumstumpf nieder, packte seine Jagdtasche aus und ass von den guten Sachen, die ein jeder vom Hofe mit auf die Jagd bekommen hatte. Dann stand er auf und ging immer tiefer und tiefer in den Wald hinein.[9]

Endlich kam er an eine Wiese im Walde; und wie er näher zusah, kämpfte dort ein Unterirdischer, kaum drei Schuh hoch, mit einem wilden Bären auf Tod und Leben. Den kleinen Mann schienen die Kräfte schon zu verlassen, und der Jäger wollte eben auf den Bären schiessen, da bedachte er, dass er leicht mit dem Tiere zugleich auch den Zwerg töten könne. Er zog darum seinen Hirschfänger und lief auf die Wiese hinab und zerschnitt mit dem scharfen Eisen dem Bären die Sehnen der Hinterfüsse. Das Untier heulte vor Schmerz, wollte aber doch mit den Vorderpfoten seinen Gegner nicht lassen. Da durchschnitt ihm der Jäger auch diese, und kaum hatte er das gethan, so fühlte sich das Männlein frei, hub das wilde Tier in die Höhe und warf es mit gewaltiger Kraft auf den Erdboden herab, dass es seinen Geist aufgab.

»Du bist mein Retter,« sprach es darauf zu dem Jäger, »seit früher Morgenstunde schon kämpfte ich mit dem Bären, und ich wäre unterlegen, wenn du mir nicht zu Hilfe kamst. Jetzt aber folge mir nach; denn ich bin des Zwergkönigs Sohn, und er wird dir nicht ungelohnt lassen, dass du sein einziges Kind vom Tode errettet hast.« Das liess sich der junge Jäger nicht zweimal sagen und folgte dem Zwerge durch Buschwerk und Gestrüpp, bis sie auf einen Steig gelangten, der tief in das Innere des Berges hinein führte. Eine Weile war es stichdunkel, dann ward es mit einem Male wieder ganz hell, und ein grosses, weites Land mit Städten und Dörfern lag vor ihnen, und in der Mitte stand das königliche Schloss, und es war eine Pracht, dass es nicht zu beschreiben ist. Die Leute in dem Lande aber waren allesamt nicht grösser und nicht kleiner, als des Jägers Begleiter.

Ehe sie in das Schloss traten, sagte des Zwergkönigs Sohn zu seinem Begleiter: »Nimm von allem, was dir mein Vater, der König, zum Geschenke anbietet, immer das Schlechteste und Unscheinbarste, es wird dein Schade nicht sein.« Das versprach ihm der Jäger, und dann gingen sie in das Schloss und traten vor den König. »Mein Sohn, wo bist du so lange geblieben?« fragte der Zwergkönig. »Das ist so zugegangen:« antwortete der Prinz, »Als ich heute Morgen aus dem Berge stieg, lief mir ein wilder Bär in den Weg. Mit dem habe ich gekämpft, bis die Sonne hoch am Himmel stand; und ich wäre unterlegen, und das Untier hätte mich zerrissen, wenn nicht dieser Jäger hier kam und mich befreite.« Da dankte der Zwergkönig dem Jäger und bat ihn, dass er mit ihm zu Tische sässe, und als sie genug gegessen und getrunken hatten, sagte er zu ihm: »Jetzt komm mit mir, dass ich dich für deine gute That belohne!«

Zuerst kamen sie in ein Zimmer, darin hingen an goldenen Nägeln die herrlichsten Büchsen. Eine glänzte immer herrlicher, wie die andere, von eingelegtem Silber und Bein. Der Jäger sah aber nicht auf die schönen, schimmernden Gewehre, sondern suchte in den dunklen Ecken herum, bis er eine alte, verrostete Flinte fand, die an einem eisernen Nagel hing. »Wenn ich wählen darf, wähle ich diese,« sprach er zum König. »Ach, was willst du mit dem verrosteten Ding,«[10] entgegnete der Zwergkönig, »die bekommst du dein Lebtage nicht rein!« – »Ich bin jung genug und habe Zeit zum Putzen,« antwortete der Jäger, und als der Zwergkönig sah, dass er die schlechte Büchse durchaus behalten wollte, gab er sie ihm und führte ihn in ein anderes Zimmer.

Dort hingen an goldenen Nägeln die schönsten Jagdhörner. »Hiervon magst du dir ein Horn aussuchen,« sagte der König. Der Jäger aber schaute wieder in die dunkeln, verborgenen Ecken, und es dauerte nicht lange, so hatte er ein Horn gefunden, das war mit Grünspan bedeckt und sah so schmutzig und garstig aus, dass es nicht des Mitnehmens wert schien. »Das Horn möchte ich wohl haben, wenn ich es bekäme,« sprach er zum König. Der verwunderte sich über die Massen und sagte: »Sei doch nicht unklug und nimm dir ein goldenes Horn.« Aber der Jäger blieb dabei, das schlechte Horn sei ihm das liebste von allen. Da bekam er es denn von dem Zwergkönig zum Geschenke, und sie gingen in den Pferdestall hinab.

»Zu Büchse und Horn gehört ein gutes Pferd,« sagte der König, »dort stehen meine Rosse: die schwarzen, die braunen und die roten und welche Farbe sie sonst noch haben mögen. Suche dir davon aus, welches du willst, es sei dein Eigen!« Der Jäger aber ging bei all den herrlichen Tieren gleichgiltig vorüber und stand erst stille, als er im äussersten Winkel des Stalles einen abgemagerten, hässlichen Schimmel erblickte, dem der ganze Leib von Schmutz starrte. »Den möchte ich haben,« sagte er zu dem Zwergkönig. »Was willst du mit dem alten Tiere,« antwortete dieser, »das bekommt ja das Gnadenbrot und ist so unbrauchbar, dass es gar nicht mehr von den Stallknechten gestriegelt und geputzt wird.« – »Das schadet nicht,« gab der Jäger zurück, »die andern Rosse sehen mir zu stolz und vornehm aus; dieser Schimmel dagegen gefällt mir von ganzem Herzen. Ich werde ihn schon futtern und pflegen, dass er wieder gut bei Leibe wird.« – »Meinetwegen, so nimm ihn!« brummte der König, und der Jäger schritt mit der verrosteten Flinte, dem mit Grünspan bedeckten Horn und dem schmutzigen, mageren Schimmel zum Thore hinaus.

Draussen erwartete ihn schon des Zwergkönigs Sohn und klopfte ihm auf die Schulter. »Dein Schade ist's nicht gewesen,« sagte er, »dass du mir gefolgt bist; du hast das Beste gefasst, was mein Vater nur hatte. Nun will ich dir aber auch sagen, wozu die einzelnen Stücke gut sind. Wenn du in das Horn bläst, so muss alles Wild, das den Schall hört, zu dir herankommen und kann nicht eher von der Stelle, als bis du die Öffnung des Horns an den Mund setzst und es wieder zurückbläst. Für die verrostete Flinte brauchst du nicht Pulver und nicht Blei; so oft du auch anlegst, sie ist immer geladen, und wonach du zielst, das sinkt, wenn der Schuss fällt, zum Tode getroffen zu Boden. Der Schimmel aber ist das beste Stück, das du dir erworben; denn er kann reden wie ein Mensch. Nimm nur seinen Zaum zu dir und lass ihn laufen, wohin er will; hast du aber seiner oder seines Rates von Nöten, so brauchst du bloss den Zaum zu[11] schütteln, und er hilft dir aus aller Verlegenheit. Sollte aber die Sache ihm zu schwer werden, so denke an mich und wünsche mich herbei; wenn die Not gross ist, werde ich dir stets zu Diensten sein.« Als der Zwerg diese Worte gesprochen hatte, waren sie an den Ausgang des Berges gekommen und nahmen Abschied von einander.

Der Jäger dachte bei sich: »Du willst doch einmal sehen, ob der Zwerg auch die Wahrheit gesprochen!« Schnell setzte er das Horn an den Mund und blies gewaltig hinein, und es dauerte gar nicht lange, so kamen Hirsche und Rehe und Hasen und Füchse und Geflügel ohne Zahl auf ihn zu und blieben vor ihm stehen und konnten weder vorwärts noch rückwärts. Da legte er die verrostete Flinte an und drückte einen Schuss nach dem andern ab, und jedesmal sank ein Stück Wild zum Tode getroffen zu Boden. Als es genug war, dass er damit eine vierspännige Fuhre vollauf beladen konnte, setzte er die breite Öffnung der Trompete an den Mund und blies hinein, und allsogleich machte das übrige Wild, dass es so schnell wie möglich zurück in den Wald kam.

»Mit dem Horn und der Flinte hat's seine Richtigkeit,« rief der Jäger erfreut, »dann wird er mich auch mit dem Schimmel nicht belogen haben.« Sprach's und nahm dem Rosse den Zaum ab und steckte ihn zu sich, dann gab er ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf den Schenkel und liess es in dem Walde grasen; er selbst aber machte sich auf nach des Königs Schloss, damit er sähe, wie alles dort abgelaufen wäre. Als er ankam, sassen die Jäger schon bei Tische und schalten ihn einen Langschläfer, da er die Essenszeit verschlafen habe. Er aber that, als höre er nichts von ihren Reden, und fragte nur, wo der König sei, denn er müsse einen vierspännigen Wagen haben und vier Leute zum Aufladen, damit er das Wild von der Stelle schaffe, das er geschossen.

Die Jäger dachten: »Der Junge will uns zum Narren haben!« und spotteten seiner noch mehr, wie zuvor; als er aber nicht abliess mit seinen Reden, führte ihn einer zum König. »Was willst du?« fragte derselbe. »Herr König,« antwortete der Jäger, »ich bitte um einen Vierspänner und vier Leute zum Aufladen, damit ich das Wild von der Stelle schaffe, das ich geschossen.« Der König sah ihn scharf an und sagte: »Mit mir ist schlecht Spass treiben. Du sollst den Vierspänner und die Leute bekommen; wird aber die Fuhre nicht voll, so häng' ich dich an den höchsten Galgen.« Die harten Worte fochten den Jäger nicht an; er zog mit dem Wagen und den vier Arbeitern in den Wald hinaus, und des Wildes, das er geschossen, war wirklich so viel, dass die Pferde es kaum auf einmal von der Stelle schaffen konnten. Als aber der König sah, dass der junge Jäger nicht gelogen hatte, sagte er zu den übrigen: »Die Sache ist abgemacht, der und kein anderer soll der neue Hofjäger sein!« Und dabei blieb es.

Das war alles recht schön, wären die alten Jäger nicht gewesen. Die konnten es nicht verwinden, dass der junge Bursche ihnen den[12] fetten Bissen vor der Nase weggeschnappt hatte, und sie sannen Tag und Nacht darauf, wie sie ihn verderben möchten. Nun war der König ein leichtgläubiger und jähzorniger Mann; darum sprachen sie eines Tages zu ihm: »Gnädiger Herr König, euer Hofjäger hat jüngst gesagt, unter eurer Laube seien drei Tonnen Goldes verborgen, und kein anderer, als er allein, vermöge sie zu heben.« Da liess der König eilends den Hofjäger rufen und befahl ihm, dass er die drei Tonnen Goldes zur Stelle schaffe. »Welche Tonnen Goldes?« fragte der Hofjäger verwundert. »Nun die, welche unter der Laube liegen und die du nur allein heben kannst,« antwortete der König. Der Jäger beteuerte auf Leben und Seligkeit, dass er von der ganzen Sache nichts wisse; aber je mehr er beteuerte, um so hitziger wurde der König, und schliesslich sagte er zu ihm: »Schaffst du mir nicht binnen drei Tagen die drei Tonnen Goldes zur Stelle, so soll dir der Henker das Haupt abschlagen.«

Da war guter Rat teuer; der Hofjäger rannte, wie ein verlorener Mann, den Garten auf und ab, während sich die alten Jäger vor Vergnügen die Hände rieben. So verging der erste Tag, und als auch der zweite sich seinem Ende näherte, gedachte er plötzlich an das, was ihm des Zwergkönigs Sohn über den Schimmel gesagt. Schnell eilte er in seine Kammer und holte den Zaum hervor, dann lief er in den Garten hinab und schüttelte ihn nach Leibeskräften. Im Augenblick stand der Schimmel vor ihm und fragte nach seinem Begehr. »Lieber Schimmel,« sagte der Jäger, »es ist eine schlimme Geschichte. Die alten Jäger missgönnen mir das Amt und haben dem Könige vorgeredet, ich hätte gesagt, unter der Laube seines Gartens lägen drei Tonnen Goldes verborgen und ich allein vermöchte sie zu heben. Der König hat's ihnen geglaubt, und wenn ich ihm nicht morgen das Gold schaffe, so soll mir der Henker das Haupt abschlagen.« – »Wenn's weiter nichts ist,« antwortete der Schimmel, »die drei Tonnen Goldes liegen wirklich unter der Laube verborgen, und ich werde sie heute Nacht herausholen; doch musst du mir einen Spaten und eine Radehacke, drei Flaschen Wein und drei Napfkuchen verschaffen!« Das versprach der Jäger, und der Schimmel verschwand wieder.

Der Jäger ging sogleich zum König und sprach zu ihm: »Ich habe mir die Sache überlegt und will die drei Tonnen Goldes zu Tage schaffen; doch bedarf ich dazu eines Spatens und einer Radehacke, drei Flaschen Wein und drei Napfkuchen.« »Das sollst du alles haben,« erwiderte der König, »und Arbeiter obendrein, so viel du wünschst.« – »Nein, ich besorge alles selbst,« versetzte der Jäger, und als er die Hacke und den Spaten, den Wein und die Napfkuchen bekommen hatte, ging er damit in den Garten, wartete, bis es Abend war, und setzte es dann in der Laube nieder. Darauf ging er in das Schloss zurück und legte sich schlafen. Am andern Morgen kleidete er sich eilig an und lief hinaus, und siehe da, die drei Tonnen Goldes standen neben der Laube und schimmerten und glänzten in der Morgensonne. Sogleich liess er sich bei dem Könige melden und bat ihn,[13] dass er starke Leute zur Laube sende, damit sie das Gold in die Schatzkammer trügen. »Siehst du,« sagte der König erfreut, »die alten Jäger haben doch recht gehabt. Warum erst das Läugnen und Zieren, wenn du es nachher doch ausrichten kannst!« Dann schickte er Arbeiter hinab, die das Gold auf das Schloss bringen mussten, und der Jäger hatte Ruhe, aber nur eine kleine Zeit.

Die alten Jäger sannen nämlich Tag und Nacht darauf, wie sie dem König etwas vorreden möchten, das dem Hofjäger gewiss zum Verderben gereiche. Endlich hatten sie es gefunden; der älteste von ihnen ging zum König und sagte: »Euer Hofjäger hat sich gestern gerühmt, er könne die alte hölzerne Brücke, die über den Strom in dem königlichen Garten führt, in einer Nacht abbrechen und eine schöne gläserne dafür bauen, mit gläsernen Grundpfeilern und gläserner Wölbung.« – »Das ist ja prächtig,« sprach der König, und sogleich musste ein Diener den Hofjäger holen. »Höre einmal,« redete der König ihn an, »du hast gestern gesagt, du könntest statt der hölzernen Brücke in einer Nacht eine gläserne über den Strom bauen.« – »Wie sollte ich eine solche Thorheit gesprochen haben,« entgegnete der Hofjäger, »gläserne Brücken giebt es überhaupt nicht; und nun soll ich gar eine Brücke von Glas in einer Nacht bauen!« – »Mein lieber Hofjäger,« sagte der König, »dieselben Reden hat er bei den drei Tonnen Goldes geführt. Ich weiss recht gut, dass er die Sache ausführen kann, und steht morgen die gläserne Brücke nicht da, so ist sein Leben Gras.« Da schlich sich der Hofjäger betrübt von dannen und ging in den Garten an das Ufer des Stromes; dort zog er den Zaum aus der Tasche und schüttelte ihn. »Was willst du?« sprach der Schimmel und stand neben ihm. »Lieber Schimmel,« antwortete der Jäger, »mir geht's schlecht. Meine Feinde wollen mein Unheil und haben dem König vorgeredet, ich vermöchte in einer Nacht statt der hölzernen eine gläserne Brücke über den Strom zu bauen. Thu' ich das nicht, so hängt mich der König an den Galgen.« – »So weit wird's wohl nicht kommen,« sprach der Schimmel, »eine gläserne Brücke will ich dir heute Nacht statt der hölzernen bauen; du musst mir nur einen Spaten und eine Radehacke und sechs Flaschen Wein und sechs Napfkuchen bringen, denn die Sache ist schwieriger als die erste Arbeit. Sobald die Glocke zehn schlägt, muss alles bei der Brücke stehen.«

Der Jäger besorgte alles, wie ihm der Schimmel gesagt hatte; dann ging er in das Schloss zurück und legte sich schlafen. Als die Sonne aufging, schaute er zum Fenster hinaus und sah schon das spiegelblanke Glas durch die Bäume schimmern. Schnell wurde der König geweckt, und der konnte sich gar nicht satt sehen an dem herrlichen Wunder. »Siehst du, hab' ich nicht gleich gesagt,« sprach er zu dem Jäger, »dass du es wohl vollbringen kannst?« Dann musste der Kutscher den schönsten Wagen mit Sechsen bespannen, damit der König über die Brücke führe. Doch der Schmied musste die Rosse zuvor mit Demant beschlagen, sonst glitten sie aus, so glatt war das Glas.[14]

Jetzt hatte der Hofjäger wieder einige Wochen Ruhe, solange bis die alten Jäger einen neuen Anschlag ersonnen hatten. Den fanden sie denn auch endlich. Der älteste von ihnen trat zum dritten Male vor den König und sprach zu ihm: »Euer Hofjäger weiss, wohin eure Braut gekommen ist; und er hat gesagt, er könne sie auch wohl wiederbringen, wenn er nur wolle.« Und das war recht schlecht von den neidischen Menschen, denn der Hofjäger konnte gar nicht wissen, wohin die Braut des Königs gekommen sei, denn dieser hatte die Jungfrau selber noch niemals gesehen. Sie war ihm verlobt worden, als er schon bei Jahren und sie noch ein zartes Kind war. Und als sie ihm zugeführt werden sollte, da war sie plötzlich verschwunden. Obgleich der Hofjäger also gar nichts von der Prinzessin wissen konnte, so glaubte der König den alten Jägern doch, liess den Hofjäger kommen und sprach zu ihm: »Du weisst, wo meine Braut ist, die alten Jäger haben es mir gesagt! Schaffst du mir sie nicht zur Stelle, so bist du ein Kind des Todes.« Der Jäger wusste, dass ein Widersprechen doch nichts helfe; er sagte darum, er wolle schon sehen, wie sich's machen lasse, senkte traurig das Haupt und ging in den Garten. Nachdem er den Zaum geschüttelt, stand der Schimmel vor ihm und fragte nach seinem Begehr. »Ach lieber Schimmel,« antwortete der Jäger betrübt, »jetzt soll ich gar dem König seine verlorene Braut wiederschaffen.« – »Das ist schlimm,« versetzte der Schimmel, »wo sie ist, das weiss ich; aber sie wird von dreihundert Räubern bewacht. Da musst du wohl oder übel selber mitkommen, sonst kannst du sie nimmermehr dem Könige bringen.« Der Jäger sagte: »Ich will alles thun, was du mir gebietest.« Da hiess ihn der Schimmel zwölf Flaschen Wein und zwölf Napfkuchen besorgen; denn der Weg sei weit, den sie zurückzulegen hätten.

Als der Jäger mit dem Wein und den Kuchen bei dem Schimmel angelangt war, musste er die guten Dinge in den Mantelsack packen und dann sich selbst auf den Rücken des Pferdes schwingen. Kaum hatte er das gethan, so erhub sich der Schimmel in die Lüfte und rannte mit ihm über die Wolken dahin. Nachdem ein paar Stunden verflossen waren, sprach er: »Jetzt wollen wir Halt machen und uns stärken.« Darauf liess er sich nieder, und sie assen zusammen von den Kuchen und tranken von dem Wein. Als sie genug gegessen und getrunken hatten, ging die Fahrt von neuem an; aber noch zweimal liess sich der Schimmel nieder, um sich an Speise und Trank zu erlaben. Wie er sich jedoch zum dritten Male mit dem Jäger zu den Wolken erhoben hatte, dauerte es gar nicht lange, und sie sahen ein grosses Gebäude und daneben ein kleineres unter sich auf dem Erdboden liegen. »Das ist das Schloss der Räuber, welche die Prinzessin gefangen halten,« sagte der Schimmel, »und das Haus daneben ist ihr Pferdestall.« Dann liess er sich aus den Wolken herab, und sie standen vor dem Räuberschloss.

Der Jäger sprang vom Pferde und pochte an die Thüre; da kamen die Räuber heraus und fragten, was er brächte. »Bringen?«[15] sagte der Jäger, »Ich will holen!« – »Hier kann man nur bringen oder lassen,« erhielt er zur Antwort, »wir sind Räuber, und wer uns nichts bringt, der muss uns sein Leben lassen.« – »Dazu habe ich keine Lust,« sprach der Jäger, »ich bin gekommen, um die Prinzessin zu holen, und bitte euch, dass ihr sie mir gebt.« Das kam den Räubern lächerlich vor, dass der eine Mann den dreihundert die Prinzessin nehmen wolle, und sie sagten zu ihm: »Bring deinen Schimmel in den Stall und verstecke dich darin. Wenn du dich so verstecken kannst, dass wir allesamt dich nicht finden, so sollst du die Prinzessin bekommen.« – »Das will ich mir überlegen,« versetzte der Jäger, führte seinen Schimmel in den Stall und fragte ihn, was er in der Sache thun solle. »Sag den Räubern,« erwiderte der Schimmel, »du wolltest dich im Stalle verstecken, sie könnten sogleich hineinkommen. Darauf stellst du dich geschwind unter meinen Schwanz, und sie können dich suchen drei Tag und drei Nacht und finden dich nicht, denn dann bist du unsichtbar.« Der Jäger that, wie ihm der Schimmel geraten, trat an die Thüre des Stalles und rief den Räubern zu, sie könnten sogleich kommen und ihn suchen; dann lief er schnell zu dem Schimmel und stellte sich unter seinen Schwanz. Die Räuber liessen sich das nicht zweimal sagen und liefen in den Stall, suchten ihn ab an allen Ecken und Enden und rissen alle Bohlen und Bretter aus, aber soviel sie auch suchten, sie fanden ihn nicht. Endlich wurden sie müde, gingen zum Stalle hinaus und riefen hinein, er möge nur heraus kommen, sie könnten ihn doch nicht finden. Da trat er von dem Schimmel und ging zu ihnen.

»Du kannst mehr, wie wir allesamt,« riefen sie erstaunt, »aber die Prinzessin bekommst du doch nicht; wir hatten die Sache nicht ernst gemeint! Du sollst sie aber erhalten, wenn du uns den Schimmelhengst bringst, der zehn Meilen von hier im Walde grast.« Das war ein herrlicher Hengst, gesattelt und gezäumt, aber so unbändig, dass er die stärksten Ketten zerriss, wenn man ihn fangen und bändigen wollte. »Ich werde mir die Sache überlegen,« sagte der Jäger und ging in den Stall zu dem Schimmel und erzählte ihm den Handel. »Sag den Räubern, du würdest es thun,« sprach der Schimmel, »und dann reite auf meinem Rücken in den Wald.« Das that der Jäger auch, und die Räuber versicherten ihm hoch und teuer, er würde die Prinzessin bekommen, wenn er ihnen den Schimmelhengst brächte.

Als der Jäger auf seinem Schimmel in den Wald geritten war, sah er den Hengst, gesattelt und gezäumt, auf einer Wiese weiden. Des Jägers Schimmel war aber eine Stute, und sie wieherte hell auf, und als der Hengst ihre Stimme hörte, sprang er sogleich in gewaltigen Sätzen herbei und liess sich von dem Jäger ruhig beim Zaume ergreifen und neben sich herführen. Indem sie zu dem Räuberschlosse zurück ritten, sprach der Schimmel zu seinem Herrn: »Sei klug und vorsichtig! Wenn du den Räubern auch den Hengst giebst, so werden sie dir dennoch die Prinzessin vorenthalten. Verlange darum von[16] ihnen, sie sollten zuvor die Prinzessin zu dir herabführen, damit sie dir einen Kuss gebe. Wenn sie das gethan, dann wollest du ihnen gerne des Hengstes Zaum überlassen. Darauf werden sie eingehen; du aber sei auf deinen Vorteil bedacht und nimm die Prinzessin zu dir auf meinen Rücken, für das übrige werde ich sorgen.« Die Worte schrieb sich der Jäger hinter die Ohren und ritt dann, den Schimmelhengst zur Seite, vor das Schloss. Die Räuber sperrten Mund und Nase auf, denn sie hatten nicht gedacht, dass der Jäger das fertig brächte. Sie stellten sich darauf in grossem Kreise um ihn herum und hiessen ihn, den Schimmelhengst ihnen übergeben. »Ich werde mich hüten,« antwortete der Jäger, »zuvor bringt die Prinzessin heraus; sonst betrügt ihr mich, wie das erste Mal.« – »Das Vergnügen sollst du haben,« sagte der Räuberhauptmann; denn er dachte in seinem schlechten Herzen: »Wenn wir erst den Schimmel haben, so nehmen wir ihm die Prinzessin wieder ab; und wenn er nicht willig ist, so schlagen wir ihn tot obendrein.« Die Prinzessin wurde also aus dem Kerkerzimmer, in dem sie gefangen gehalten war, hinausgeführt und vor den Jäger gebracht.

»Gieb mir einen Kuss, Prinzessin,« sagte der Jäger, und als die Prinzessin sich auf die Zehen stellte und zu ihm heraufreckte, fasste er sie mit starkem Arm und schwang sie zu sich auf das Ross. In demselben Augenblick erhuben sich die beiden Schimmel hoch in die Lüfte und rannten über die Wolken dem Schlosse des alten Königs zu; die Räuber aber hatten das Nachsehen und ärgerten sich des Todes; denn nun war ihnen Prinzessin und Schimmel verloren.

Nachdem die beiden Schimmel eine Weile über die Wolken gelaufen waren, liessen sie sich nieder und stärkten sich mit Wein und Kuchen. Dann musste die Prinzessin sich auf den Hengst setzen, während der Jäger auf der Stute blieb, und wieder erhoben sich die Schimmel hoch in die Lüfte und eilten über die Wolken dahin. Unterwegs sagte die Prinzessin zu dem Jäger: »Du bist mein Erlöser, du hast mir einen Kuss gegeben, nun musst du mich auch heiraten. Den alten König mag ich nicht, der ist mir zu wunderlich.« Die Worte gefielen dem Jäger wohl, denn die Prinzessin war jung von Jahren und über die Massen schön und lieblich anzuschauen; und er schwur ihr zu, dass er sie heiraten wolle.

Als sich die Schimmel vor dem königlichen Schlosse niedergelassen hatten und der alte König vergnügt und guter Dinge heraus kam, um seine Braut in das Schloss zu führen, sagte darum der Jäger: »Die Prinzessin habe ich gebracht, aber nicht für Euch! Ich habe sie erlöst und will sie auch heiraten.« Und auch die Prinzessin rief: »Der Jäger soll mein Mann werden!« Da sprach der alte König: »Mein Hofjäger ist von Sinnen; aber da er mir meine Braut geholt, die gläserne Brücke gebaut und die drei Tonnen Goldes herbei geschafft hat, so will ich ihm drei Tage Bedenkzeit geben. Liefert er mir die Braut auch dann nicht aus, so hole ich sie mit dem Schwerte!« Kaum war der König in das Schloss zurückgekehrt, so fragte der[17] Jäger seinen Schimmel, was er in der Sache thun solle. »Ich kann dir nicht mehr helfen,« antwortete der Schimmel, »gegen des Königs viele Soldaten ist meine Macht zu klein. Du wirst ihm die Prinzessin wohl geben müssen, sonst lässt er dich hinrichten, und du verlierst die Prinzessin und das Leben obendrein.« Da ward der Jäger sehr betrübt, denn er hatte die Prinzessin von Herzen lieb gewonnen, und es gefiel ihm gar nicht, dass er sie dem alten König überantworten sollte. In seiner Not gedachte er der Worte, welche des Zwergkönigs Sohn zu ihm gesprochen: »Wenn die Not gross ist und der Schimmel dir nicht mehr helfen kann, so denke an mich und rufe mich herbei, ich werde dir helfen.« »Grösser kann die Not doch nicht kommen,« sprach er bei sich, und ehe er recht wusste, was er gethan, hatte er schon mit lauter Stimme des Zwergkönigs Sohn zu Hilfe gerufen.

Kaum waren die Worte zu Ende gesprochen, so stand auch der kleine Prinz vor ihm und fragte nach seinem Begehr. »Schau einmal,« sagte der Jäger, »nun habe ich die Prinzessin erlöst und soll sie dem Könige überantworten, und wenn ich sie ihm nicht gebe, so will er sie mir mit dem Schwerte nehmen.« – »Das thu nicht,« antwortete des Zwergkönigs Sohn, »die Prinzessin soll und muss deine Frau werden. Geh zum Könige hinauf und erklär ihm den Krieg. Morgen früh, wenn die Sonne aufgeht, soll die Schlacht geschlagen werden. Vertraue auf mich, ich werde dir helfen.« Und nachdem er das gesagt hatte, verschwand er wieder.

Geschwind ging der Jäger auf das königliche Schloss, trat vor den König und sprach: »Die Prinzessin gebe ich nicht heraus, das Schwert soll entscheiden. Morgen früh mit Sonnenaufgang mag die Schlacht beginnen.« Der König lachte über diese Rede, dass er sich den Leib halten musste, denn er dachte: »Der Mensch ist ganz von Sinnen; was will er allein gegen meine vielen Soldaten ausrichten?« Er nahm darum vergnügt das Angebot an und befahl den Soldaten, die im Schlosse die Wacht hielten, sie sollten am andern Morgen den Jäger gebunden vor ihn führen, dass er ihn hinrichten liesse.

Als der König aber am andern Morgen bei Sonnenaufgang erwachte, vernahm er Waffengeklirr und Stimmengewirr zu ihm in das Schlafgemach dringen. Schnell stürzte er an das Fenster und sah hinaus; da war, so weit sein Auge zu blicken vermochte, alles mit kleinen, drei Schuh hohen Soldaten besetzt, so dicht, dass kein Apfel zur Erde fallen konnte. Jetzt erkannte er, mit wessen Hilfe der Jäger die schweren Arbeiten verrichtet, und er sah ein, dass jeder Widerstand vergeblich sei. Er sandte darum seiner Diener einen zu dem Jäger herab und liess ihm melden: er erkläre sich für besiegt; und wenn er ihm das Leben schenke, so wolle er freiwillig der Herrschaft entsagen und ihn als seinen Sohn und Nachfolger auf dem Throne ausrufen lassen. Auch die Prinzessin möge er heiraten, wenn es ihm beliebe.

Als der Diener diese Worte des alten Königs gesagt hatte, war die Freude des Jägers und der Prinzessin gross; und sie bedankten[18] sich bei des Zwergkönigs Sohn, denn ohne seine Hilfe wäre es sicherlich anders gekommen. Es wurde darauf eine grosse Hochzeit ausgerichtet, an der auch der Zwergenprinz teilnahm, und dann übergab der alte König dem Jäger das Reich, und er herrschte mit der jungen Königin in Glück und in Frieden.

Die beiden Schimmel standen inzwischen in einem herrlichen Stall und bekamen tagtäglich das schönste Futter vorgeschüttet und Wein zu trinken. Eines Tages ging der junge König hinab, um nach ihnen zu schauen; da sprach die Stute zu ihm: »Wir haben dir aus der Not geholfen, jetzt hilf du uns. Zieh dein Schwert und schlage erst mir und dann dem Hengste das Haupt ab.« – »Wie werde ich das thun und Gutes mit Bösem vergelten,« antwortete der junge König. – »Und thust du es nicht,« erwiderte der Schimmel, »so bringe ich Unglück über Unglück auf dich und dein Weib.« Da musste der junge König gehorchen, und so schwer es ihm auch wurde, er zog sein Schwert und schlug dem Schimmel das Haupt ab. Sogleich sprang es aber wieder auf den Rumpf zurück, und vor ihm stand eine wunderschöne Prinzessin. Flugs that er jetzt mit dem Schimmelhengst ein Gleiches, und auch dessen Haupt sprang wieder auf den Rumpf zurück, und der Hengst verwandelte sich in einen stolzen Königssohn. Da war die Freude erst recht gross, und die beiden erzählten dem jungen König, dass sie Bruder und Schwester seien, beide Königs Kinder, und von einem bösen Zauberer in Schimmel verwandelt wären. Nun habe er sie erlöst; die grossen Wälder, über die sie auf der Fahrt nach dem Räuberschloss geritten, das sei ihr Land, und daraus seien jetzt Städte und Dörfer und Höfe und Mühlen geworden.

Da rief der König seine junge Frau herbei, und die musste das Wunder mit ansehen. Dann blieben die beiden Königskinder noch eine Woche oder zwei bei dem jungen König zu Besuch, bis sie die Sorge um ihre Unterthanen in das erlöste Königreich zurücktrieb. Die lebten hier und die dort in Herrlichkeit und Freuden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 9-19.
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