22. Eine lügenhafte Geschichte.

[140] Es war einmal ein Schneider, der ging auf die Wanderschaft. Auf der Strasse begegnete ihm ein anderer Handwerksbursche. »Wohin gehst du?« – »In die Fremde.« – »Ich auch. Ich bin Schneider.« – »Ich bin Schmied. Wollen wir zusammen wandern?« – »Warum denn nicht! Einen Reisegefährten hätte ich schon längst gerne gehabt.« Damit war die Sache abgemacht, und sie zogen selbander ihrer Strasse, bis sie in einen grossen Wald kamen. Dort trafen sie einen im grünen Kleide mit der Flinte auf dem Rücken. »Du bist wohl ein Jäger?« fragten die beiden. »Aber ihr könnt einmal raten!« antwortete der dritte, »Was seid ihr denn?« – »Je nun, ein Schneider und ein Schmied, und wir wollen in die Fremde, unser Glück suchen.« – »Da suche ich mit,« sagte der Jäger, und jetzt waren sie ihrer drei und wanderten rüstig weiter und wussten doch nicht, wohin sie wollten.

Gegen Abend sahen sie endlich ein Licht durch die Bäume schimmern. Darauf gingen sie zu, und es dauerte gar nicht lange, so standen sie vor einem kleinen Häuschen; darin war gar niemand zu sehen, aber es war wohnlich eingerichtet. Drei Betten standen in der Stube, in dem Schweefe1 flackerte ein Feuer, in der Tonne lag Fleisch, und an der Wand hingen drei Gewehre, Pulverhörner und Schrotbeutel. »Hier bleiben wir,« riefen die drei aus einem Munde, und so thaten sie auch. Sie wärmten sich an dem Feuer und kochten von dem Fleisch aus der Tonne und schliefen in den weichen Betten ihre Müdigkeit aus. Am andern Morgen beschlossen sie, zu zweien in den Wald zu gehen und Wild zu schiessen, indes der dritte zu Hause das Mittagessen bereitete. Den Schneider traf es zuerst, daheim[140] zu bleiben, und es war ihm auch ganz recht. Nachdem er jedoch in dem Schweefe ein Feuerchen angezündet hatte, dass es lustig flackerte, kam ein kleines Kerlchen mit langem, langem Barte zur Thüre herein, trat an den Ofen und sprach:


»Schneiderlein, ach Schneiderlein,

Ich blas' dir aus dein Feuerlein.«


»Das wirst du hübsch bleiben lassen,« rief das Schneiderlein zornig; aber schon war es zu spät, das kleine Kerlchen hatte in die Flamme geblasen, und kein Funke mochte mehr glimmen. Der Schneider blies und pustete immer fort, aber das Feuer war nicht wieder in Gang zu bringen, und das kleine Männchen, das den Jammer angerichtet hatte, war spurlos verschwunden. So kam's, dass die beiden andern, als sie müde und matt, hungrig und durstig von der Jagd heimkehrten, nichts in der Schüssel fanden. Der Schneider erzählte ihnen haarklein, wie alles gekommen sei; doch die beiden andern lachten ihn aus, dass er sich das habe von dem Kerlchen gefallen lassen. Dann mussten sie wieder ein Stück von dem alten Pökelfleisch aus der Tonne nehmen und damit ihren Hunger stillen.

Am andern Morgen sollte der Jäger daheim bleiben und die Küche besorgen. Dem ging es aber nicht anders, wie tags zuvor dem Schneider; denn kaum hatte er im Schweefe ein tüchtiges Feuer angefacht, so kam auch schon das kleine Kerlchen zur Thüre herein und rief:


»Jägerlein, ach Jägerlein,

Ich blas' dir aus dein Feuerlein.«


Und ehe sich's der Jäger versah, hatte es in die Glut geblasen, und das Feuer war verlöscht und liess sich nicht wieder in Brand bringen. »Dachte ich's mir doch!« sagte der Schneider, als er mit dem Schmied von der Jagd zurück kehrte und das Essen nicht fertig war. »Was nützt es, wenn wir Tag aus Tag ein Wild schiessen,« schalt der Schmied, »und ihr nicht einmal das Feuer in Gang halten könnt, dass wir die Hasen daran braten!« – »Bleib du nur erst zu Hause,« meinten die andern, und das war dem Schmied aus dem Herzen gesprochen, denn er wollte ihnen zeigen, wie man es machen müsste.

Als am andern Morgen der Schneider und der Jäger in den Wald gegangen waren, langte er Hammer und Nägel aus seinem Felleisen hervor und legte es auf die Ofenbank; dann fachte er ein lustiges Feuer an in dem Schweefe. Richtig, als es gerade im besten Gange war, kam das kleine Kerlchen zur Thüre herein und rief:


»Schmiederlein, ach Schmiederlein,

Ich blas' dir aus dein Feuerlein.«


Da war es aber an den Unrechten gekommen, denn eins fix drei hatte der Schmied mit der Rechten den Hammer und mit der Linken einen Nagel ergriffen, und hast du nicht gesehen, schlug er mit einem Schlage dem Männchen den Nagel durch den Kopf und nagelte es fest an den Ofen, dass es sich nicht rücken und rühren konnte. Dann briet er zwei Hasen an dem Feuer, und die beiden andern konnten sich nicht[141] genug wundern, als sie den Braten in der Schüssel und das Männchen am Ofen erblickten. Aber lange dachten sie nicht nach, denn sie waren hungrig geworden, und der Braten roch gar zu schön. Als sie satt geworden waren, wollten sie aufstehen und nach dem Kerlchen sehen. Das fing aber mit einem Male an zu rütteln und zu schütteln, und als es sich los gerissen hatte, ward aus dem kleinen Zwerge ein gewaltig grosser, schwarzer Mann, und der Nagel in seiner Stirne ward zu einem langen Schwerte, das hing an seiner Seite. Der schwarze Kerl sprach aber kein Wort und stand unbeweglich an seiner Stelle; der Schneider, der Jäger und der Schmied waren auch mäuschenstille, denn das Herz war ihnen in die Hosen gefallen. Endlich wollten sie ganz leise, leise zur Thüre hinausschleichen, da that sie sich von selbst auf, und vor ihnen stand eine allmächtig grosse, schwarze Frau, die sprach ebenfalls kein Wort und sperrte ihnen den Ausgang. In dieser Not ergriff der Schmied seinen Hammer und schlug der schwarzen Frau einen Nagel durch den Kopf, dass er ihn an den Thürpfosten heftete. Indem er sich noch über den Streich freute, ward aus dem Weibe ein ungeheurer Bär, der sperrte den Rachen auf, als wollte er sie verschlingen. »Jetzt ist die Reihe an dir,« dachte der Jäger und legte seine Büchse an, paff ging der Schuss los, und durch das Herz getroffen sank der Bär zu Boden.

Nun, dachten sie, wäre der Durchgang frei; aber siehe, aus dem toten Bären wurde ein grosser, starker Gaul, und hast du nicht gesehen, schwang sich der schwarze Kerl am Ofen auf seinen Rücken, um zur Thüre hinaus zu reiten. Es war aber ein recht ungeschickter schwarzer Kerl und ein recht hitziger Gaul, denn er machte so schnell, dass er heraus kam, und der Kerl war so steif, dass er sich nicht bücken konnte, und ratsch stiess der Kopf gegen den Thürpfosten und riss ab und rollte in die Stube; der Gaul aber lief mit seinem kopflosen Reiter in den Wald hinein und hat sich niemals wieder blicken lassen. Sprach der Schmied: »Nun haben wir Ruhe und können uns die Nacht über tüchtig ausschlafen.« Damit ihnen jedoch der blutige Kopf nicht im Wege läge, ergriff er ihn bei den Haaren und trug ihn in die Kammer. Da ward aus dem Kopfe ein Leierkasten, der spielte so schön, wenn man ihn drehte, ei so schön, dass es eine Freude war, dem Spiele zuzuhören.

»Den nehmen wir mit auf die Wanderschaft,« sagte der Schmied, und so thaten sie auch. Als sie ausgeschlafen hatten und die Sonne ins Fenster schien, warfen sie das Los, und da es den Schneider traf, musste er den Leierkasten auf seinen Buckel nehmen. Ja, als er das gethan hatte, war er kein Schneiderlein mehr, sondern ein hübscher Wagen, mit einer Deichsel davor. »Um so besser,« rief der Jäger und ergriff die Deichsel, dass er den Wagen zöge. Da verwandelte er sich in ein Pferd mit Zaum und Lederzeug, und der Schmied hatte mit einem Male Pferd und Wagen und einen Leierkasten dazu. Damit zog er von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt. Erst neulich ist[142] er bei uns gewesen und hat eins aufgespielt, und wir haben ihm einen Groschen gegeben, dass er dafür einen guten Schluck trinken könne. Wartet nur ab, bald wird er auch zu euch kommen, dann könnt ihr euch die Geschichte mit ansehen.

Fußnoten

1 Schweef oder Schweif = Kamin.


Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 140-143.
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