38. Der Kater Johann.

[208] Es war einmal eine alte Hexe, die wohnte tief im Walde in einer Höhle. Darin hielt sie haus mit ihrem einzigen Diener, das war ein schwarzer Kater, der hiess Johann. Was es nur auf der Welt gab, musste der Kater Johann besorgen, Kochen und Braten, Waschen und Kehren, aber die meiste Zeit trieb er sich im Walde herum und jagte Wild für die Hexe. Eines Tages hörte er im Buschwerk etwas rascheln, er dachte es sei ein Mäuschen oder ein Wiesel und sprang mit einem Satze darauf zu; da war es ein neugeborenes Knäblein, das von seiner Mutter, der Wildtaube, zwischen die Blätter gekratzt war. Dem Kater Johann that das arme Kind leid; er hob es auf und legte es in seine Jagdtasche und nahm es mit sich nach Hause.

»Aber, Johann,« sagte die Hexe, als sie das Kind erblickte, »da hast du dir etwas Schönes aufgebunden! Nun du es gebracht hast, wollen wir es gross ziehen; doch du musst sein Lehrer sein.« Das war der Kater zufrieden, und die Alte machte dem Kinde ein Kleidchen von Lumpen und gab ihm einen kräftigen Thee zu trinken, und wenn es satt war, musste der Kater Johann mit ihm spielen, bis es müde ward und einschlief. Nachdem der Junge sechs Jahre alt geworden war, lehrte ihn der Kater schreiben und rechnen und aus dem gedruckten Buche lesen, und das Kind konnte so gut behalten und war so anstellig, dass ihm sein Lehrmeister mit dem vierzehnten Jahre nichts mehr beizubringen vermochte. »Mit den Wissenschaften sind wir fertig,« sprach die Hexe, als sie das merkte, »nun geht es an andere Künste!« Darauf gab sie dem Kater einen Besenstiel und dem Jungen die Ofengabel und befahl ihnen, dieselben zwischen die Beine zu nehmen. Alsbald wurden aus dem Besenstiel und der Ofengabel die schönsten Pferde, und die Stöcke, welche ihnen die Hexe zuvor in die Hand gegeben, wandelten sich zu blitzblanken Schwertern. Nun mussten sie reiten und fechten lernen, und das übten sie Tag aus Tag ein, bis sie die Kunst verstanden. »Jetzt geht's ans Schiessen,« sagte die Alte und reichte dem Jungen und dem Kater je ein Holzscheit dar. Sogleich wurden daraus die trefflichsten Schiessgewehre, und der Kater lernte seinen Zögling so gut an, dass er einer Mücke auf hundert Schritt die Beine unter dem Leibe wegschoss.

Endlich hatte der Junge ausgelernt. Da trat eines Morgens, als er erwachte, die alte Hexe vor sein Bett und sprach zu ihm: »Du musst in die Welt hinaus, um Land und Leute kennen zu lernen. Steh auf, draussen sind zwei Pferde, eins für dich und eins für den[209] Kater.« Die Rede gefiel dem Jungen, und er griff nach seinem Zeug; siehe, da lag statt der Lumpen ein goldenes Prinzenkleid auf dem Stuhl, das musste er anziehen. Und als er aus der Höhle heraustrat, standen zwei prächtige Pferde vor der Thür am Pfosten und scharrten mit den Hufen den Boden. Auf das eine schwang sich der Junge, auf das andere der Kater Johann; aber ehe sie fortritten, packte die Hexe den Kater am Schwanze und sprach zu ihm: »Johann, dass du mir auf den Jungen gut acht giebst! Wenn ihm ein Haar gekrümmt wird, kostet es dich dein Leben.« Der Kater versprach, hübsch aufzupassen; dann gaben sie den Rossen die Sporen und ritten auf und davon, von einer Stadt zur andern und von einem Dorf zum andern. Drei Wochen blieben sie hier und drei Wochen dort, und wo irgend ein Kampf war oder ein Krieg, half der Junge dem Schwächeren. Und weil ihn der Kater Johann beschützte, blieb er überall sieghaft; und wegen seiner Stärke und Tapferkeit, und weil er zottig am ganzen Körper war, wurde er nur der Bärritter genannt. Endlich liess es aber dem Jungen keine Ruhe mehr in der Fremde, und er kehrte mit dem Kater in die Waldhöhle zu der alten Hexe zurück.

Nachdem er eine Zeit lang dort gewohnt hatte, sagte die Hexe zu ihm: »Der König des Landes liegt mit seinem Nachbar im Krieg, und wenn ihm niemand beisteht, so ist er verloren.« – »Da möchte ich ihm wohl helfen,« antwortete der Bärritter, »wenn ich nur dürfte.« – »Gewiss darfst du,« sagte die alte Hexe, »wozu habe ich dich denn gross gefüttert und alle Künste lernen lassen!« Darauf gab sie dem Bärritter ein ganz goldenes Prinzenkleid, und nachdem er sich das angethan hatte, verwandelte sie den Kater in einen kohlschwarzen Rapphengst und sprach zu ihm: »Du sollst während des Krieges für den Jungen sorgen; wenn ihm ein Leides geschieht, will ich es dreifach an dir rächen.« Da wieherte Johann hell auf, zum Zeichen, dass er die alte Hexe verstanden hätte, und der Bärritter setzte sich auf seinen Rücken, und fort ging es über Stock und Block, bald über der Erde, bald unter der Erde, bis dass sie auf das Schlachtfeld gelangten, wo des Königs Soldaten schon in hellen Haufen flohen. Dort stürzte er sich auf die Feinde; und wo er hin hieb, da flogen die Köpfe, und wo er hinschoss, floss das Herzblut, und es dauerte gar nicht lange, so begannen die Feinde zu weichen, und noch ein Weilchen, so steckten sie eine weisse Fahne aus und baten um Waffenstillstand, um ihre Toten zu begraben. Die Bitte wurde ihnen gewährt, und der König zog mit dem Bärritter auf sein Schloss und gab ihm zu Ehren ein grosses Fest. Dabei sah er des Königs einzige Tochter, die war über die Massen schön, und er verliebte sich in sie, und die Prinzessin liebte ihn wieder. Der König merkte es wohl, aber er wollte noch nichts sagen, bis dass die Feinde ganz besiegt wären. Als nun aber der Bärritter ihm, nachdem der Waffenstillstand abgelaufen war, auch in der zweiten Schlacht beigestanden und zum Siege verholfen hatte, da sprach er zu ihm: »Du sollst meine Tochter bekommen und nach meinem Tode mein Erbe[210] im Königreiche werden.« Antwortete der Bärritter: »Ich thue es gerne; doch habe ich eine alte Mutter zu Hause, die muss ich zuvor um Erlaubnis fragen.« Das konnte ihm der König nicht verwehren, und der Bärritter ritt auf seinem Rapphengst in die Waldhöhle zurück.

»Mutter,« sagte er zu der alten Hexe, als er in der Höhle war, »Mutter, der König will mir seine Tochter zur Frau geben, und ich soll bei ihm wohnen, und wenn er stirbt, soll ich der Erbe des Landes werden.« – »Gegen die Königstochter habe ich nichts,« sprach die alte Hexe, »aber ihr Königreich ist zu schlecht für dich. Geh hin und bring deine Braut zu mir, dass ich dir ein besseres gebe.« Der Bärritter gehorchte und kehrte auf dem Kater Johann zu dem König zurück. Der freute sich, dass sein Schwiegersohn selbst ein König sei und so reich wäre, dass er seiner Tochter Erbe verschmähe. Er hiess sogleich die Pferde satteln und die grosse Staatskutsche anspannen, und dann machten sie sich auf die Reise. Zuerst war der Bärritter lustig und guter Dinge, denn er sah nur auf die schöne Prinzessin; je näher er aber der Waldhöhle kam, um so stiller wurde er, denn er fürchtete, dem König und seiner Braut möchte das Erdloch der alten Hexe übel gefallen. Da hatte er sich aber umsonst geängstet; denn als er an die Stelle kam, wo die Waldhöhle lag, stand an ihrer Stelle ein prächtiges Schloss mit hohen Thoren und Türmen und vielen tausend Fenstern; und Diener kamen herbei gelaufen, die nannten den Bärritter ihren König und halfen ihm vom Rosse und der Prinzessin aus dem Wagen und führten sie samt den Gästen in das Schloss hinein. Drinnen war ein grosses Mahl gedeckt, und die alte Hexe sass oben an und winkte dem Bärritter. »Guten Tag, Mutter,« sagte der Bärritter und stellte die alte Hexe dem König und der Prinzessin vor, und sie setzten sich nieder und liessen sich das leckere Hochzeitsmahl gut schmecken. Mit der Zeit war es Abend geworden; da legten sie sich nieder und schliefen.

Am andern Morgen stand der Bärritter frühe auf, wie er gewohnt war, und schaute zum Fenster hinaus. Da erblickte er unten den Kater Johann, der rief ihm zu: »Gürte dein Schwert um und komm zu mir herab, ich habe dir etwas mitzuteilen!« Das that der Bärritter auch; und wie er unten war, nahm ihn der Kater seitwärts in das Gebüsch und sprach zu ihm: »Ich habe dich im Walde aufgelesen und gross gezogen, ich habe dich alles Wissen und alle Künste gelehrt, ich habe dich in hundert Schlachten geschützt und dir zu der Prinzessin verholfen, jetzt vergilt mir, was ich an dir gethan, und schlage mir den Kopf ab.« – »Liebster Kater Johann,« antwortete der Bärritter, »das wäre ein schöner Entgelt für deine Dienste. Ich will dich wie meinen Bruder achten, aber den Kopf schlag' ich dir nicht ab!« – Sagte der Kater Johann: »Thust du es nicht, so kostet es dich dein Leben.« Das Leben wollte der Bärritter nun auch nicht gerne verlieren, und weil er keinen andern Ausweg sah, zückte er das Schwert und schwang es in der Luft, drückte[211] die Augen zu und schlug los, dass dem Kater der Kopf vom Rumpfe flog. Kaum lag er auf der Erde, so sprang er aber auch schon wieder auf seine alte Stelle zwischen die Schultern zurück, und siehe da, aus dem Kater wurde ein wunderschöner Prinz. Zugleich krachte und bebte die Erde ringsum, und aus dem Walde ward eine grosse Stadt und Dörfer und Mühlen, Felder und Wiesen. Das war das grosse Königreich, welches die Hexe gemeint hatte und das von dem Bärritter nun erlöst war. Die alte Hexe war die Königin darin gewesen, und der Kater Johann war ihr Sohn und Kronprinz des Landes, bis ein böser Zauberer alles verwünscht hatte; jetzt aber traten sie das Königreich an den Bärritter ab, und der lebte dort mit seiner jungen Frau, der Königin, und dem Prinzen Johann und seiner Mutter glücklich und zufrieden bis an sein seliges Ende, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 208-212.
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