8. Die drei Raben.

[44] Es war einmal ein reicher König, der hatte zwei Söhne. Der älteste davon, welcher dem alten König in der Herrschaft folgen sollte, hörte eines Tages von fremden Wandersleuten die Schönheit der Tochter des Königs von Engelland preisen. Das entzündete ihm das Herz in der Brust, und er lief zu seinem Vater und bat ihn, dass er um die Hand der Prinzessin anhalten dürfe. Der alte König aber sprach zu ihm: »Der König von Engelland ist ein gewaltiger, stolzer Herrscher, dem sind alle Könige der Welt nicht reich und mächtig genug, und jedem, der kommt und um seine Tochter wirbt, lässt er das Haupt abschlagen. Bleib darum im Lande und nimm dir eine andere Prinzessin.«

Der Königssohn schlich betrübt von dannen, ass nicht und trank nicht und wurde von Tag zu Tage zusehends schwächer. Da sah der alte König ein, dass dem Unglück nicht mehr zu wehren sei: »So oder so tot,« dachte er und erlaubte den Brüdern, ein Schiff auszurüsten und nach Engelland zu segeln. Der jüngere Prinz aber war ein über die Massen kluger Mann, er liess darum die herrlichsten Kunstwerke aus der Schatzkammer des Königs und, was sonst von schönen Dingen in dem Lande zu finden war, auf das Schiff bringen und kleidete seinen Bruder und sich selbst als Kaufleute aus; dann stachen sie in See.

Nach vielen Tagen und Nächten bekamen sie Engelland in Sicht, und es dauerte gar nicht lange, so lagen sie hart an dem königlichen Schloss vor Anker. Die beiden Prinzen stiegen in ihren Kaufmannskleidern aus dem Schiffe, sechs Diener mussten allerhand Kostbarkeiten[44] vor ihnen her tragen, und so schritten sie durch das Thor in das Schloss hinein. Drinnen sass der König auf seinem Throne und die Tochter zu seiner Rechten neben ihm. Als die fremden Kaufleute die schönen goldenen und silbernen Geräte als Geschenk überreicht hatten, ward die Prinzessin begierig, auch die andern Kostbarkeiten zu sehen, die noch in dem Schiffe waren, und sie liess ihrem Vater keine Ruhe, bis er ihr erlaubte, mit ihren Kammerjungfern zum Schiff herabzugehen und dort die Schätze zu besichtigen.

Als sie nun auf dem Verdeck waren, stieg der älteste Prinz mit der Königstochter und ihren Jungfrauen in den Schiffsraum hinab, und sie konnten sich gar nicht satt sehen an all den herrlichen Dingen, welche er ihnen zeigte. Inzwischen hiess sein Bruder die Schiffsleute die Anker lichten, die Segel wurden gesetzt, ein frischer Wind blies in die Leinewand, und ehe sich's die Prinzessin im Raum und der König auf seinem Schlosse versahen, schwamm das Schiff schon auf hoher See. Nachdem die Prinzessin ihre Augen genugsam an den reichen Schätzen geweidet hatte und wieder hinaufgestiegen war, rang sie vor Verzweiflung die Hände und wollte über Bord in das Meer springen. Da stürzte ihr jedoch der Prinz zu Füssen, nannte seinen Namen und schwur ihr zu, nur deshalb habe er die ganze Fahrt unternommen, weil er sie so innig liebte und ohne List nicht in ihren Besitz gekommen wäre. Als die Prinzessin erfahren hatte, dass der fremde Kaufmann eines reichen Königs Sohn sei, und da sie befand, dass er jung von Jahren und hübsch von Ansehn wäre, so hörte sie mit dem Weinen auf und ergab sich in ihr Schicksal.

Anders war's mit dem alten, stolzen König von Engelland; der tobte und fluchte und befahl sofort, die ganze Flotte auszurüsten und den Räubern nachzusetzen. Aber der kluge Bruder des Prinzen hatte zuvor die Fahrzeuge des Königs angebohrt, und so sanken die Schiffe, als sie im tiefen Wasser waren, und die Verfolgung musste aufgegeben werden.

Nun lebten aber in Engelland drei garstige, alte Zauberweiber, die alles Übel verrichten konnten. Nach denen sandte der König, und als sie bei ihm waren, befahl er ihnen, den Räuber zu töten und seine Tochter, tot oder lebendig, wieder zu ihm zurückzubringen. Da verwandelten sich die drei Hexen in kohlschwarze Raben, stiegen hoch in die Luft und flogen seewärts dem Schiffe nach. Als die Nacht hereinbrach, hatten sie die beiden Prinzen eingeholt und liessen sich auf den Spitzen der Mastbäume nieder. Alle Schiffsleute schliefen, nur über die Augen des jüngeren Prinzen konnte kein Schlaf kommen, und er sass einsam am Fusse des Hauptmastes.

Da hörte er, wie der eine Rabe sprach: »Schwestern, wie werdet ihr's beginnen, des Königs Gebot zu vollführen? Ich mache es so: Wenn das Schiff vor Anker geht, so wird der Prinz mit seiner jungen Gemahlin von Vater und Mutter und dem ganzen Hofe feierlich empfangen. Für die Prinzessin steht ein herrlicher Schimmel mit goldenem Sattelzeug bereit, dass er sie in das Schloss trage. In[45] diesen Schimmel verwandle ich mich selbst, und wenn sich die Prinzessin auf meinen Rücken gesetzt hat, so trage ich sie durch die Luft zurück in ihres Vaters Reich.« – Sprachen die beiden andern Raben: »Schwester, hat auch niemand deine Reden gehört?« – Antwortete die Hexe: »Mag's gehört haben, wer will. Wenn er's dem Prinzen sagt, so wird er bis zu den Knien zu Stein. Aber nun erzählt auch ihr, wie ihr dem Könige dienen wollt!«

Da hub der zweite Rabe an und sprach: »Wenn der Prinz mit seiner jungen Gemahlin vor das Königsschloss kommt, so wird ihnen die Königin einen Becher Weines darreichen; den habe ich vergiftet. Trinken sie davon, so sinken sie zu Boden und sind tot.« – »Weiss auch niemand darum?« fragten die anderen Raben. »Meinethalben mag jemand darum wissen, ausser mir,« versetzte die zweite Hexe, »denn sagt er dem Prinzen davon und warnt ihn, so wird er bis an die Brust zu Stein. Da wird er's wohl bleiben lassen.«

»Jetzt will ich auch sagen, was ich vorhabe,« sprach der dritte Rabe. »Wenn der Königssohn und die Prinzessin in das Brautgemach treten, so fallen sie tot zu Boden; denn ich habe die ganze Kammer verhext, und der Zauber kann nicht anders gehoben werden, als dass jemand seinen Degen zieht und damit vor dem Eintritt des jungen Paares drei Kreuze in der Luft beschreibt.« – »Wenn nun aber jemand deine Worte gehört hat?« sprachen die beiden ersten Raben. »Das hilft ihm wenig!« sprach der dritte; »erzählt er dem Prinzen davon, so wird er vom Kopf bis zur Sohle ein Stein.« Nachdem sie das gesagt hatten, huben sich die drei Raben in die Lüfte und flogen krächzend davon.

Der jüngere Prinz hatte auf die Reden der drei Raben genau Obacht gegeben und behielt alle Worte, die sie gesprochen, in seinem Herzen. Als das Schiff endlich die Stadt anlief, wo der Vater der beiden Prinzen König war, zog ihnen richtig der alte König mit seinem ganzen Hofstaat entgegen, und zur Einholung der Braut brachte er einen herrlichen Schimmel mit. Schon wollte die Königstochter von Engelland das Ross besteigen, als ihr Schwager dazwischen sprang und dem Schimmel seinen Degen durch's Herz stach, dass er tot zusammenbrach und sein rotes Blut den weissen Seesand färbte.

Der alte König war sehr zornig darüber und schalt seinen jüngeren Sohn; auch dem Bruder war die Sache nicht recht; indessen trösteten sie sich damit, dass das Geschehene nun einmal nicht mehr zu ändern sei. Als sie nun an das Schloss kamen, stand die alte Königin vor dem Thor und hielt einen Becher Wein in der Hand, dass das junge Paar den Ehrentrunk daraus tränke. Ehe sie's sich versahen, war ihnen aber wieder der jüngere Prinz zuvor gekommen und schlug mit seinem Degen auf den Becher ein, dass das Glas in tausend Stücke sprang und der köstliche Wein verschüttet wurde. Das war dem Könige denn doch zu viel. »Erst hast du mich gekränkt, als du den Schimmel erstachst, und nun beleidigst du deine eigene Mutter!« rief er ergrimmt; »Begehst du noch einmal solch' grosse Frevelthat, so[46] lass ich dich in ein Gefängnis werfen, das weder Sonne noch Mond bescheint.« Der jüngere Prinz biss sich mit den Zähnen auf die Lippen, dass das Blut hervordrang, doch sprach er kein Wort der Rechtfertigung. Stumm und still schritt er hinter dem Bruder und der Königstochter von Engelland einher; als die beiden aber das festlich geschmückte Brautgemach betreten wollten, sprang er zum dritten Male ihnen in den Weg, drängte sich vor ihnen auf die Schwelle und schlug mit seinem Degen dreimal kreuzweis in die Luft hinein.

»Nun thut der Bösewicht gar seinem eigenen Bruder und der jungen Braut etwas an,« schrien der alte König und die Königin mit einer Stimme; »ihm war's nicht genug, uns beide zu kränken!« Und der König rief den Henker, der musste den Prinzen nehmen und ihn bei Wasser und Brot in einen finsteren Kerker werfen. Nur einmal an jedem Tage durfte er das liebe Sonnenlicht sehen; dann liess ihn der König zu sich in den Krönungssaal rufen und fragte ihn vor seinem Bruder und allen Grossen des Reiches, warum er den Schimmel erstochen, das Glas zerschlagen und mit dem Degen die drei Kreuze beschrieben habe. Aber der Prinz war standhaft und antwortete jedesmal nichts weiter darauf, als die kurzen Worte: »Ich darf nicht sagen, warum ich das alles gethan habe; denn sag' ich es euch, so werde ich vom Kopf bis zur Sohle ein Stein.«

Das schien dem König und seinem ganzen Hofe eine schändliche Lüge; man glaubte ihm nicht und spottete seiner noch obendrein. So ging es ein halbes Jahr; da ward seine Seele müde, und als ihn sein Vater wieder hinaufführen liess und fragte: »Warum hast du den Schimmel erstochen, das Glas zerschlagen und mit dem Degen die drei Kreuze beschrieben?«, antwortete er: »Wenn ihr mein Unglück wollt, so will ich's euch erzählen. Der Schimmel war ein verwandeltes Zauberweib. Hätte sich die Königstochter von Engelland darauf gesetzt, so hätt' er sich mit ihr in die Lüfte erhoben, und sie wäre unwiederbringlich verloren gegangen. Das wusste ich, und darum erstach ich das Tier; sagte ich aber irgend einem Menschen davon, so musste ich bis zu den Knien zu Stein werden. Seht nur her, Vater und Bruder, zu Stein, wie ich jetzt bin!«

Dem König und dem ältesten Prinzen ward himmelangst bei diesen Worten, und sie liefen herbei und sahen, dass er wirklich bis zu den Knien kalter Stein geworden war. Jetzt baten und flehten sie: »Halt inne, mein Sohn, halt inne, lieber Bruder!« denn sie sahen seine grosse Treue; er aber antwortete: »Habt ihr mich so weit in's Elend getrieben, mögt ihr mich auch ganz zu Grunde richten,« und erzählte darauf, wie's mit dem Becher bestellt gewesen. »Schaut her, Vater und Bruder,« rief er dann, »dass ich dies verraten habe, macht meinen Körper bis zur Brust zu Stein.« – Mit dem König und seinem ältesten Sohne baten nun alle Grossen des Reiches und das ganze Hofgesinde, er möge doch jetzt schweigen und wenigstens das Haupt und die Brust retten. Aber ihr Reden half ihnen nichts, schon hatte der Prinz seinen Mund wieder aufgethan und begann zu erzählen,[47] warum er mit dem Degen die drei Kreuze in der Luft beschrieben. Und als er das letzte Wort gesprochen, erstarrte ihm seine Zunge, und vom Kopf bis zur Sohle war er ein kalter, toter Stein, wie die drei Raben vorher gesagt hatten.

Der alte König weinte und jammerte, aber noch weit mehr klagte der älteste Prinz, denn es fiel ihm schwer auf die Seele, dass er die Treue seines Bruders mit Undank belohnt habe. Um nun doch etwas von ihm zu haben, mussten seine Diener den Stein in sein Schlafgemach tragen, und immer, wenn er seinen armen Bruder dort stehen sah, betete er zum lieben Gott, dass er ihn noch einmal erlösen möchte. So vergingen ein paar Jahre, und die Königstochter von Engelland hatte ihrem Gemahl zwei herzige Kinder geschenkt, rot wie Blut und weiss wie Schnee, als ihm eines Nachts träumte: »Du kannst deinen Bruder erlösen, wenn du deine beiden Kinder schlachtest und mit ihrem Blute den Stein bestreichst.« Als er erwachte, däuchte ihm, der Traum käme von Gott, zu dem er so oft um das Leben seines Bruders gebetet; und ohne sich lange zu besinnen, nahm er die beiden Kinder aus ihren Bettchen heraus, schlug ihnen mit dem scharfen Schwerte das Haupt ab und besprengte mit dem warmen Blute den Stein.

Es dauerte auch gar nicht lange, so begann sich der Felsblock zu regen und zu bewegen, und ehe er sich's versah, stand sein Bruder gesund und munter vor ihm, und sie herzten und küssten einander. Darnach gedachte er jedoch seiner Kinder und wandte sich traurig um, damit er ihre Leichen betrachte; aber wie verwunderte er sich, als die Kleinen vergnügt am Boden spielten, als sei ihnen niemals etwas Böses zugestossen, und verlangend die Händchen nach ihm ausstreckten. Jetzt war die Freude erst recht gross, und es wurde ein herrliches Fest gefeiert, bei dem es hoch herging. Ich wollte, du und ich, wir wären mit dabei gewesen; denn wer's mit gemacht hat, dem ist der Mund noch darnach lecker.

Quelle:
Ulrich Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen l, Norden/Leipzig 1891, S. 44-48.
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