2.

[171] Der Frühling verging und der Sommer brach an.

»Bis jetzt habe ich für andere Leute Häuser gebaut, nun baue ich mir mein eigenes« sagte Ralph. »Bis Allerheiligen muß es fix und fertig sein. Dann ziehst du ein, geliebte Frau, und sollst mit deinem Baumeister zufrieden sein. Kein Ofen soll rauchen, und die Fenster sollen alle gut schließen, damit kein Fremder dein süßes Lachen hört. Du wirst doch lachen, nicht wahr, Anselma? Es geht nichts über das Lachen. Christus sagt: Wo zwei in meinem Namen versammelt sind, bin ich unter ihnen. Ich sage: Wo zwei Menschen mit einander herzlich lachen, sieht Gott zu und freut sich.«[171]

Einmal gab er ihr solange keine Ruhe, bis sie ihn begleitete. Der Rohbau des Hauses stand fertig. Sie kletterten über die Treppe hinauf ins erste Stockwerk.

»Die Fenster haben noch keine Scheiben, aber die Aussicht kannst du doch schon von ihnen aus bewundern.« Er führte sie durch mehrere Gemächer. Die Arbeiter grüßten alle freundlich und bemühten sich, der jungen Frau gefällig zu sein und ihr die gröbsten Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Sie dankte durch ihr herzgewinnendes Lächeln.

»Bereits alle erobert« flüsterte Ralph. »Von nun an will ich dich immer mit mir nehmen, wenn ich auf Inspektionstouren gehe. Du wirst doch nicht schwindlig, wenn du auf Gerüsten herumkletterst?«

»Nein, nicht im mindesten« gab sie scherzend zur Antwort, »ich bin ja derlei von Kind auf gewöhnt.«

Dann trat sie an das Fenster eines kleinen Gemaches, das er als ihr künftiges Schmollkämmerchen bezeichnet hatte.

»Die Aussicht ist wirklich entzückend. Die Ill mit ihren friedlichen Ufern, jenseits der Wald, rechts unser Städtchen mit seinen alten wackligen Türmen. Links die Höhenzüge des Schwarzwaldes, Felder, Wiesen, Dörfer und – was ist das für ein Garten dort?«

»Garten, wo?«[172]

»Dort, dort, gar nicht so weit von uns, eine Kapelle – –«

»Ach das – du sag mal, jetzt müssen wir auch an die Wahl der Tapeten denken, was hältst du – –« Er sah ihre Augen groß und ernst auf den Hain drüben gerichtet.

»Anselma, Anselma.«

»Ja ich höre.«

»Kokettiere mit den Lebendigen, die Toten laß zufrieden.«

»Hier kann ich gut hinübersehen« meinte sie leise.

Er legte den Arm um sie und zog sie vom Fenster fort, hinab.

»Liebst du helle oder dunkle Tapeten? Für dieses freundliche Haus würde ich dir helle vorschlagen.«

»Natürlich helle.« Dabei sahen ihre Augen wie traumverloren um sich.

»Mit der Herrichtung des Gartens beginnen wir nächstes Frühjahr. Ich habe da großartige Pläne, weißt du. Jetzt über ein Jahr werden sich schon Ranken um dein Fenster ziehen. He Schatz, freuts dich?«

Sie nickte mechanisch.

»Wenzler, hören Sie, Wenzler, Wenzler! Alle Wetter, der Kerl hat sein Gehör verloren. Wenzler!«

Die Maurer ließen ihre Kalkkufen stehen und eilten, den Gerufenen zu holen. Er erschien.[173]

»Wenzler, wann kommen die Fensterrahmen? Sie wissen, daß Sie für alles verantwortlich sind.«

Wenzler machte dem Baumeister mehrere Mitteilungen.

»Darf ich gehen?« fragte Anselma schüchtern.

»Nein, du bleibst. Ich bin gleich fertig.« Als er seine Aufträge an den Polier beendet hatte, sah er sich nach ihr um. Sie war verschwunden.

Das gnädige Fräulein sei nach oben gegangen, bemerkte einer der Arbeiter.

Mit einigen hastigen Schritten sprang Ralph hinauf. Richtig, da stand sie am Fenster und sah hinüber.

Er faßte sie wie ein Kind und trug sie hinaus. Sie bat, er möge sie loslassen. Mehrere Handwerksleute gingen über den Korridor und lachten vergnüglich. Auf der letzten Stufe der Treppe ließ er sie aus seinen Armen. Sie war hochrot im Gesicht.

»Was werden die Leute denken! Du bist häßlich.«

»Die Leute? Was gehen die mich an?«

»Du beschämst mich.«

»Wieso? Unser Verhältnis ist kein Geheimnis. Ich wollte die ganze Stadt sähe zu, wie ein braver Kerl sein Weib freit. So, jetzt darfst du auch in Gottes Namen nach Hause gehen. Ich habe hier noch Einiges in Ordnung zu bringen. Aber du, das vergiß nicht: die Vergangenheit[174] ist tot. Laß sie begraben sein und erwecke nicht zu Scheinleben, was Erde bedeckt.«

Sein Gesicht, ohne das Lächeln zu verlieren, hatte in diesem Augenblick einen harten, drohenden Ausdruck. Sie senkte erschreckt die Wimpern und wandte sich zum Gehen.

Gleich darauf hörte sie seine mächtige Stimme. Er gab mehrere Befehle in seinem gewöhnlichen Kommandoton, und die Leute beeilten sich, seinen Worten zu gehorchen. Sie zitterten vor dem Krümmen seiner Brauen, sie lachten vor Freude, wenn er sie lobte. Manchmal ballten sie wohl die Fäuste gegen ihn – in der Tasche. Er war unnachsichtig streng und seine Freundlichkeit besaß etwas Gefährliches. Wer sich, auf sie gestützt, eine Vertraulichkeit erlauben wollte, bekam plötzlich ein kaltes Sturzbad über den Kopf und mußte sich schleunig in seine alte Unterwürfigkeit zurückverkriechen. Er erzog sich gleichsam die Menschen, mit denen er zu thun hatte. Er war die verkörperte Rücksichtslosigkeit. Anselma spürte noch Schauer des Unwillens, als sie sich des Lächelns der arbeitenden Leute erinnerte. Sie wie ein Kind auf den Armen über die Treppe zu tragen! Es war unsinnig. Er trat alle feinen Empfindungen des Weibes in den Staub. Und doch! Wenn sie ehrlich gegen sich war, bildete nicht grade der Gegensatz ihrer beiden Naturen den Anziehungspunkt in ihrer Neigung[175] zu ihm? Das ganz Ungleiche ihrer Gefühlswelt? Löste er nicht gerade das Weiblichste in ihr aus? Der sie früher behütet und vor jedem Erröten bewahrt hatte, war wie ein Bruder neben ihr gewandelt. Sie war hoch und stolz neben ihm geblieben. Dieser hier handelte als ihr Herr, ihr Beherrscher. Er drückte ihr den Stempel seines Wesens auf, er verschlang sie.

Ihre Schläfen pochten, wie sie all dies erwog. In ihrem einsamen Zimmer zu Hause warf sie sich aufs Sofa und schloß die Augen. Aber nicht lange hielt sie es so aus. Sie erhob sich und begann auf- und niederzuschreiten. Hatte er nicht bereits seine Unruhe auf ihr stilles harmonisches Wesen übertragen? Es war nicht zu leugnen. Und sie lief wie ein von ihm aufgezogenes Uhrwerk herum und zeigte seine Stunden an. Das Rot der Empörung färbte ihre Wangen. Unselige Frauennatur! dachte sie bei sich. Siebenfache Schleier um dein Antlitz, eine Brünne über die Brust, und doch bist du unbeschützt vor den kühnen Händen des Eroberers, den Mutter Natur in deine Kammer schickt, wenn es ihr an der Zeit dünkt. Jemehr er dich knechten wird, um so mehr wirst du mit deiner Knechtschaft prahlen. Willst dus leugnen? Dann lügst du.

»Lina, Lina!«

Die Alte kam herein und schlug fassungslos die Hände zusammen.[176]

»Was ist schon wieder geschehen?«

»Lina, ich bin blos unruhig .... ich weiß nicht, so unruhig. Die Sinne tanzen in mir. Ich möchte mir das Fleisch vom Leibe reißen....«

»Aber mein liebes, dummes Frauchen!« Die alte Frau legte die Hände auf die Stirn ihrer Herrin. »Wer wird sich denn so aufregen. Das geht alles vorüber. War der Herr – –«

»Reden wir nicht von ihm. Du Lina, erinnerst du dich noch an Engelberts stilles Gesicht? An die lieben milden Augen? An die Sanftmut seiner Stimme? Wenn er: Anselma! rief, wie das klang! So reinigend, so beruhigend. Und wenn er in der Schule stand, weißt du noch? Oftmals lauschten wir im Sommer vor den geöffneten Fenstern. Die Knaben bogen ihre Häupter andächtig vor, wie in der Kirche, wenn er mit ihnen sprach, wenn er ihnen erzählte. Und nachher, wenn die Schule beendet war, und sie tollten, selbst da war ein ganz eigener Geist in ihrem Spiele, ihrem Gebahren. Jedes Gemeine, Rohe war daraus verbannt, sie waren alle wie Kinder Gottes. Und er freute sich mit ihnen und scherzte, und wenn er einem über das Haar strich, war der Knabe selig und stolz – –«

»Ja, er war ein seltener Mensch.«

»Und er achtete alle, mit keinem spielte er blos, alle waren für ihn Geschöpfe des Höchsten. Das geringste[177] Dienstmädchen besaß für ihn Würde und Menschenhoheit. Er sah keine Sklavin im Weibe. Hat er mich einmal auch nur vor mir selbst gedemütigt? Ging ich nicht die drei Jahre neben ihm wie eine Fürstin hin? Du weißt es ja Lina, du hörtest und sahst alles.«

Die Lippen der Alten zitterten.

»Ja, ich hörte und sah alles. Aber solche Menschen sind eben keine wirklichen Menschen und werden deshalb auch nicht alt.«

»Glaubst du deshalb?«

Quelle:
Maria Janitschek: Kreuzfahrer, Leipzig 1897, S. 171-178.
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