3.

[101] Er fühlte eine kühle und doch warme Luft seine Wangen umspielen. Er sah meilenweite Gärten und Felder, die im durchsichtigen Glanz eines helleren Lichtes schwammen als daheim. Ihm war als hätten alle Blumen des Lenzes Flügel bekommen und wiegten sich in den Lüften. Das waren die Vögel des Orients mit ihrem farbigen Gefieder, die, in fremdartigen Lauten singend, ihrer Daseinslust Ausdruck verliehen.

Und über allem ein seltsamer Duft nach Sandelholz und Jasmin, nach köstlichen Früchten, die irgendwo im Laube versteckt sein mußten. Geos Blicke verloren sich nicht in die Einzelheiten dieses wunderlichen Landes; sie suchten immer wieder und wieder die silbernen Gipfel des Beherrschers aller Gebirge der Erde.

Dort in den Spalten seines gleißenden Schneemantels lag irgendwo versteckt das Thal, in dem der Weise[101] wohnte, er, der Wunderwelt herrlichstes Wunder. Und Geo zog mit den schweigsamen Führern, die er sich gemietet hatte, auf dem Rücken seines Kameels weiter und weiter.

Eines Tages kamen sie an einen Hain mit großen Blumen und murmelnden Quellen. Über den breitästigen Fruchtbäumen ragten goldbraune Felsen empor, die von zarten grünen Grasadern durchzogen waren. Weiter oben wurden sie kahler und ernster und verloren sich in Klippen und Zacken, hinter denen noch höhere und immer höhere in unheimlicher Großartigkeit auftauchten. Manchmal flog es wie weiße durchsichtige Schleier über die Gegend. Das waren Nebel, die sich aus den Schluchten loslösten.

Dann ging es wie ein Aufatmen durch die Blumen und Bäume, und ein Augenblick feiernder Stille nahm alle in seine stumme Seligkeit auf...

Hier in diesem Hain verließen die Führer ihre Tiere und sprachen mit leisen Stimmen unter sich. Und dann sagten sie zu Geo: »So, Herr, nun mußt du allein weitergehen. Wir dürfen nicht tiefer hinein in das Heiligtum. Der, den du suchst, wohnt im Schatten des mächtigen Nigròdho-Baumes, hinter dem sich die vier Gewässer des Gartens treffen. Gehe nur mutig vorwärts. Vor der Hütte des Buddha sitzt ein Jünger, der dich zu ihm hineinführen wird.«[102]

Und Geo strich sich die Haare aus der glühenden Stirn, stieß noch einen tiefen Atemzug aus und schritt weiter in die smaragdenen Schatten des Gartens. Es wurde stiller und stiller um ihn. Selbst die Vögel schienen hier in der Nähe des Erleuchteten sich andachtsvollem Schweigen hinzugeben. Geo gebot seinem Herzen ruhiger zu schlagen.

»Zittert nicht, Hände!« sagte er, »bald sollt ihr den Kleidsaum des Heiligen berühren.« Da drang ein leises, ganz leises Tönen an sein Ohr. Als ob Mondstrahlen zu Stimmen geworden wären oder Libellenflügel über Geigensaiten schwirrten. Und unter dem breiten Blätterdach eines Nigròdho-Baumes tauchten die Umrisse einer Hütte auf.

Auf der Schwelle kauerte ein Mensch, das Haupt in die Hände gestützt, anscheinend in tiefe Gedanken versunken. Bei den nahenden Schritten sah er auf.

»Kann ich Sankàra sprechen?« stammelte Geo. Der Jünger sah ihn einen Augenblick mit seinen halbverschleierten Augen an; dann kreuzte er die Hände über der Brust. »Folge mir.« Er trat in das Innere des Baues.

»Warte, warte!« stotterte Geo, den eine Ohnmacht anwandeln wollte.

Die Majestät des heiligen Greises, von dem er seit Monden träumte, erschütterte ihn, nun er ihr gegenüber[103] treten sollte. Er faßte sich und blickte seinen Begleiter an. Da schlug dieser einen Vorhang zurück, und Geo sank in die Kniee – aber nur, um sich wieder zu erheben und mit zwei gleichsam verwundeten Augen die Szene anzustarren, die sich ihm bot.

In einem mit glänzenden Stoffen ausgeschlagenen Gemach, das hochstielige Blumen in reichen Gefäßen durchdufteten, stand ein thronähnlicher Sessel. In diesem lag, in schneeweiße Seide gekleidet, ein junger Mensch von fürstlicher Schönheit. Ihm zu Füßen ruhte ein Mädchen, das bei Geos Eintritt hastig einen Schleier vor das Antlitz zog. Aber der eine Blick hatte genügt, ihm das bezauberndste Frauenantlitz zu zeigen. Ein wunderlich geformtes, langes, schmales Elfenbeininstrument mit zwei Saiten, das in ihrem Schooße lag und noch von der Berührung ihrer Finger vibrierte, erklärte ihm die Töne von vorhin. Und Geo sah in dieses Leben gewordene Märchen des Morgenlandes. Er sah mit seinen ehrlichen Augen, die einen Heiligen zu begrüßen gehofft hatten und einen Sardanapal fanden.

»Bist du Sankàra?« Seine Stimme zitterte schmerzhaft.

Der Prinz richtete sich leicht in seinem Sessel auf. »Ich bin Sankàra.«

Geo fühlte zwei Augen wie die Augen einer Hindin braun und sanft sich entgegenblicken. Das wie aus[104] dunklem Erz gemeißelte herrliche Gesicht des Indiers dünkte ihm in diesem Augenblick keinem Menschen anzugehören, aber auch nicht dem Ubermenschen, den zu finden er gekommen war. Es war ein fremdartiges Gebilde, das aus einer fremdartigen Schöpfung hervorgegangen zu sein schien.

»Ich wußte, daß du heute kommen würdest.«

Das Weib zu Sankàras Füßen erhob sich und verschwand mit seinem Instrument hinter einem Vorhang.

»Du wußtest es, du! Hast du denn Raum in dir, an anderes zu denken als an die schwelgerische Uppigkeit, die dich umgiebt?«

Sankàras Lippen öffneten sich zu einem Lächeln, das zwei Reihen der wunderschönsten Zähne enthüllte.

»Du bist ein Neuling. Eigentlich hätte dich Teckley noch nicht fortlassen dürfen.«

In Geos Zügen malte sich lebhafte Bestürzung. »Wie, du weißt? .. Hat er dir geschrieben?«

»Nein, er hat mir nicht geschrieben; aber ich wußte es doch.«

»So bist du kein – Gaukler?«

Geo warf sich mit ausgebreiteten Armen vor Sankàra nieder.

»Nein, ich bin kein Gaukler.«

»Aber weshalb duldest du Seide an deinem Leib?[105] weshalb trinken deine Augen den Anblick der Schönheit? weshalb umkost dich Musik?«

»Es ist der Ring.« Sankàras Augen wurden um einen Schatten dunkler und richteten sich über Geos Haupt.

»Es ist der Ring, dessen Wesen du noch nicht begreifst. Als ich noch um Erleuchtung kämpfte und durch jahrtausendelange Wiederverkörperung mich Schritt für Schritt vorwärtsbrachte, habe ich mir diese Raststätte unter dem Baum des Buddha verdient. Dieser Körper, den du heute vor dir prangen siehst, war durch lange Leben elend und siech. In meinem vorigen Dasein war ich ein Fürst der That, in diesem bin ich ein Fürst des Genießens und im nächsten« – er hob die Arme in den langen schneeweißen Ärmeln langsam empor – »werde ich ein Fürst der Ruhe sein.«

»Und dann« brach es fast schreiend aus Geos Munde, »bist du dann erlöst, frei, fertig mit der Zukunft?«

Sankàra bewegte verneinend den Kopf.

»Dann, nach dem Aufgetrunkensein meiner selbst, wird die Wirkung wieder zur Ursache werden, und ich und du, wir werden von neuem einander begegnen.«

»Also hoffnungslos; kein Gott droben im Himmel, bloß der ewige, entsetzliche, leere Kreislauf, das Rad mit der eisernen Rinne, die zermalmt und zwischen[106] ihren Furchen gleich das Tote in neuen Keimstoff umsetzt und aussät!«

Von nebenan ertönte ein weiches Klingen wie aus der Tiefe bewegter Saiten. Geo lauschte einen Augenblick lang. Dann sprang er auf.

»Dein Ring gefällt mir nicht, o Sankàra.« Er hob den Vorhang auf und ließ ihn hinter sich niedergleiten....

Draußen kauerte der Jünger, in tiefes Grübeln verloren. Geo schritt an ihm vorüber. Er schob die hohen schlankstieligen Blumen ungeduldig zurück, die ihre stillen Gesichter an das seine schmiegen wollten und eilte zum Ausgang des Hains. Hier bestieg er sein Kameel und schlug mit den Führern den Rückweg ein.

Quelle:
Maria Janitschek: Kreuzfahrer, Leipzig 1897, S. 101-107.
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