4.

[107] Eines Tages schaukelten ihn wieder die Wellen des Meeres.

Teilnahmlos saß er auf dem Verdeck und schaute ins Wasser. Alles, was er in dieser Zeit that, geschah halb mechanisch aus dunklem Instinkt heraus. Wie ein Nebel lags über seinem Innern. Er hatte ein festes Gut: die Freude am Leben – gegen ein unsicheres: die Erkenntnis – vertauscht und war dabei zu kurz gekommen.[107]

Die Freude an den Vergnügungen des Alltags hatte sich nicht wieder eingestellt, und die Hoffnung auf Besseres war in weite Ferne gerückt. Wäre es nicht das Klügste, ich machte allem ein Ende? dachte er eines Spätnachmittags, in die Wellen starrend.

Da begann eine laute Bewegung auf dem Schiffe. Die Leute schwenkten Tücher und machten frohe Gesichter. Im roten Abendlichte stieg aus den schimmernden Wasserthälern eine Stadt auf.

Geo rieb sich die Augen! War es möglich! Marseille! Man hatte schon längst die Küste erblickt, aber er in seiner Versunkenheit hatte sich um nichts gekümmert. Mechanisch ließ er sich nun von den Andern treiben.

Sein Fuß betrat denselben Boden, den er mit so vielen Hoffnungen verlassen hatte. Er schritt in die Stadt. Da begannen von allen Türmen die Glocken zum Abendgebet zu läuten. Der Himmel tropfte vor Glanz; purpurne Wolken waren um den versinkenden Sonnenball wie Vasallen geschaart. Bist du Gott? fragten die Augen des Mannes in das große, zügelose Antlitz blickend. Oder giebts wirklich keinen. Ist das Universum in der That nichts weiter als ein in alle Ewigkeit hinrollendes Rad, bewußtlos, ziellos, ein blinder Mechanismus? Dies schien das Credo des Buddhismus. Welchen Gewinn zog die Menschheit daraus? Wurde[108] sie veredelt durch die Aussicht, Tagelöhner der Ewigkeit zu sein? Es ist schön, nicht um Lohn zu arbeiten; aber ein Ziel muß der Schaffende mindestens vor Augen haben.

Hatten diese Menschen etwa eins? Besaßen sie ein Gut und Böse? Wenn ein Lump praßte und seine Mitmenschen zu Tode folterte, sagten sie sanft: Er hat sich seinen gegenwärtigen Lebensfeiertag im vorigen Dasein verdient. Sie kasteiten sich, um gewisse innere Kräfte zu erlangen.

Der schöne Fürst mit dem schönen Weibe zu seinen Füßen, der Adept, nützte er irgend einem Menschen, brachte er einen vorwärts, hatte er in seinem Leben eine Thräne getrocknet?

Die letzten Glockentöne verklangen, nur noch ein ganz kleines Glöcklein irgendwo in der Ferne sang leise ...

Und plötzlich sah Geo eine wilde Gebirgslandschaft vor sich, eine Nacht mit tausend Sternen, und zwei blasse, schweigsame Hände, die einen Kelch an die Brust preßten ...

Laß mich hier bei meinen Sterbenden; hier ist genug Boden, um dem Herrn zu dienen. Laß mich frieren, darben, verlacht werden von den Menschen, verunglimpft durch ihre Zweifel an meiner Ueberzeugung, was macht[109] dies? Christus ist mein Meister, er, der den Elenden das Himmelreich verspricht und die Kinder in seine Arme nimmt... Geo wars als fiele ein Schleier von seinen Augen.

Wie hatte er diesen Menschen des Geizes, der Gleichgiltigkeit zeihen können! Er war wahnsinnig gewesen. Er hatte geglaubt, ein Gott müsse durch Drommetenstöße verkündet werden, durch Feuerbrände, die von allen Altären loderten.

Hatte er vergessen, daß die Stimme des Lichtes lautlos ist? Daß die Wärme kein Wort sagt, wenn sie dem Frühling die Augen wachküßt? Daß der laute Tag, wenn er vor dem Herrn niederkniet, um ihn anzubeten, zur schweigenden Nacht wird?

O, der Gott, dem solche Söhne dienten, mußte wohl ein gewaltiger Gott sein! In der Rechten trägt er die Weltherrschaft, in der Linken die Gnade ...

Geo schritt wie ein Traumwandler durch die im Abendrot brennende Stadt. Dann brach ein heimliches Lachen aus seinen Augen. Er warf sich in den nächsten Eisenbahnzug, der nordwärts ging.

Nach drei Tagen stand er vor Augustinus. Sprechen konnte er nicht. Er lehnte sich an die weißgetünchte Mauer der Stube und senkte den Kopf.

Augustinus erfaßte seine Hände.[110]

»Verstehe ich Sie? Und Sie wollten mir beweisen, daß ich, um des Herrn Triumph zu verkünden, in die Welt hinaus müsse? Sie sehen, die Welt kommt zu mir.«

Sie lächelten und umschlangen einander.[111]

Quelle:
Maria Janitschek: Kreuzfahrer, Leipzig 1897, S. 107-113.
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