9

[81] Am nächsten Tage verließ sie später als gewöhnlich ihre Wohnung. Sie ging nach dem Tiergarten und setzte sich dort auf eine Bank. Die Ereignisse der Nacht traten lebhaft vor sie hin.

Und da wollten die Frauen die Verwaltung ihres Vermögens, und desjenigen ihrer Kinder selbst übernehmen? Bei dieser Unkenntnis der einfachsten wirtschaftlichen Dinge? Bei diesem spielenden Leichtsinn, womit sie die Geldfrage behandelten! Bei dieser gewissenlosen Gleichgültigkeit, mit der sie die Schädigung ihres Besitzes hinnahmen. Hildegard fühlte sich nach den Erfahrungen dieser Nacht noch gedemütigter als gestern. Der Kopf schmerzte ihr von all dem Denken und Grübeln, von all der inneren Schau, die sich vor ihr aufthat. Sie hatte keine Lust, heute in der Pomona zu essen. Im Vorbeigehen kaufte sie sich bei einer Obsthändlerin einige Äpfel und verspeiste sie.

Dann begab sie sich nach ihrer Wohnung. Fräulein Schulze hatte ihr einen Zettel hinterlassen, sie würde[81] heute Abend eine Aufwärterin mitbringen; bis dahin möchte Hildegard Geduld haben. Dieser war es ganz gleichgültig, ob das Zimmer aufgeräumt wurde oder nicht. Ihre Gedanken schweiften anderswohin. Heute Abend konnte Einhart ihren Brief haben. Wenn er ihr doch telegraphisch das Geld schicken würde! –

Der Hunger begann sie zu quälen. Aber ihre letzten zwanzig Pfennig wagte sie nicht auszugeben, und so hungerte sie. Abends erschien eine ältere Person und räumte auf. Fräulein Schulze ließ die Betten wieder umwechseln. Nun aber zum letzten Mal, meinte sie.

Hildegard schlief die ganze Nacht nicht. Sie wagte das Fenster nicht zu öffnen, aus Furcht vor den langen Leitern im Hofe und der entlassenen Magd. Bei geschlossenem Fenster war aber dieser luftlose Raum unerträglich.

Am andern Morgen stand sie zeitig auf. Obzwar sie sich vernünftiger Weise sagen mußte, daß heute unmöglich schon eine Antwort da sein konnte, wartete sie doch fieberhaft auf das Erscheinen des Postboten. Er kam nicht.

Hildegard trieb sich den ganzen Tag im Freien umher. Einen Augenblick lang hatte sie den Gedanken, Frau von Werdern um ein Darlehen zu bitten, aber dann verwarf sie ihn wieder. Morgen, morgen würde sicher Geld von ihrem Manne kommen. Sie kannte ja seine Güte. Im Unglück verließ er sie nicht. –[82]

Quelle:
Maria Janitschek: Die Amazonenschlacht, Leipzig 1897, S. 81-83.
Lizenz:
Kategorien: