1

Es war eine lange Gasse mit niedern Häuschen und Bäumen davor, in der Frau Lobreis wohnte. Am Ende der Gasse stand die alte Kirche mit ihrem etwas schiefen Thurm und der grünlichen Patina auf dem steil abfallenden Dach. Früher, vor Jahrhunderten, war das Kirchlein katholisch gewesen; jetzt gehörte es den Evangelischen.

Alle Sonntage war Gottesdienst. Dann erklang eine alte wundersame Orgel, und der Pfarrer, ein weißhaariger Greis, sprach von der Güte Gottes. Manchmal, wenn die Kirchthüre geöffnet blieb, schlüpfte wohl gar eine Schwalbe in den dämmerigen Gottesraum. Dann kicherten die Kinder und stießen sich verstohlen an. Es war ein stiller Winkel, dieses Sienenthal, und wie für müde Menschen zum Ausruhen geschaffen. Die aber noch nicht müde waren, fanden es unerträglich langweilig. Zu diesen gehörte auch Johanne Grün, die achtzehnjährige[5] Enkelin der Frau Lobreis. Ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben; sie selbst war damals noch so jung gewesen, daß sie sich ihrer fast nicht mehr erinnerte. Sie lebte mit ihrer Großmutter zusammen. Seit die alte Frau das Gehör verloren hatte, sprachen sie wenig miteinander. Johanne besorgte die kleine Wirtschaft. Das Häuschen enthielt nur drei Stuben, die bald in Ordnung gebracht waren. Ebenso der kleine Garten, in dem sie ihr Gemüse pflanzten. Hie und da erschien ein oder das andere flachshaarige junge Mädchen bei Großmuttern, um Grüße von den Eltern zu bestellen, – die Alte ging nie aus – oder mit Johannen ein Viertelstündchen zu plaudern.

Aber das geschah nicht zu häufig.

Da wars denn recht ruhig in dem kleinen Haus. Johanne blieb sehr viel sich selbst überlassen. Sie strickte Strümpfe in allen Farben und Längen und beschenkte alljährlich die Großmutter mit verschiedenen »Haussegen«, Nadelkissen und ähnlichen mühsam und zierlich hergestellten Arbeiten. Aber die Zeit wollte ihr trotz des Fleißes nicht schneller vergehen.

Manchmal, wenn es ihr gar zu einsam wurde, verließ sie das Haus und besuchte einen der beiden Orte, die ihre einzige Freude bildeten. Da war die Kirche mit ihrer dämmerigen Halle, wo sichs so herrlich träumen ließ, oder der alte Kaffee- und Zuckerladen an[6] der nächsten Ecke, wo man gegen geringes Entgelt auch Bücher zu leihen bekam. Die Bücher, die sie da holte, hatten ebenfalls einen leisen Modergeruch an sich. Es waren verschiedene alte Autoren, die mit fleckig gewordenen Kupfern geziert waren. Fräulein und Frauen im Keifrock mit hohen Frisuren und süßlichem Lächeln, oder Jünglinge mit stolzen Zügen, die irgend eine Heldenthat vollführten, sah man da.

Seit der bejahrte Ladenbesitzer gestorben war und eine entfernte Verwandte – man hielt sie wenigstens dafür – das Geschäft übernommen hatte, gabs auch neue Bücher zu lesen. Johanne brauchte keine Leihgebühr zu bezahlen, da sie sämtlichen Hausbedarf in dem Laden kaufte. Die Ladeninhaberin, die aus einer großen Stadt gekommen war, schwärmte mit ihr um die Wette für »interessante Geschichten«. Sie war ein älteres Fräulein, das wenig Aussicht mehr im Leben hatte und deshalb sofort hierhereilte, das Erbe zu übernehmen. Sie lasen Erzählungen von Christoph Schmid und Clauren mit derselben Andacht, sie weinten über das Schicksal der Helden Bulvers, und regten sich über Eugen Sue auf. Am meisten ergriff Johanne in jener Zeit ein Band von der seligen Mühlbach, der »Berlin vor fünfzehn Jahren« hieß und sehr rührselig geschrieben war. Manchmal kamen dann einige moderne Autoren hereingeschneit, die im Auftrage des Fräuleins von den Verwandten in der[7] Stadt für das Geschäft zu billigem Preise eingekauft wurden. Dann saß Johanne halbe Nächte über die Blätter geneigt, das heiße Gesicht in die Hände gestützt, und las. Und die Großmutter schüttelte mißbilligend den Kopf und schalt über den Lichtverbrauch, wenn sie am andern Tag den langen verkohlten Docht in der Oellampe sah.

Die Leute im Markte nannten Johanne wegen ihrer Lesewut scherzend: die Märchenprinzessin. Aeußerlich sah sie aber keiner Prinzessin ähnlich. Sie war mittelgroß, besaß ein etwas stumpfes Näschen, einen kindischen Mund, der fast immer ein wenig geöffnet stand, eine schmale, nicht besonders schön geformte Stirne, und reiches braungoldnes Haar, das sie aber recht ungeschickt aufsteckte. Nur eine Schönheit war ihr eigen. Ein Paar großer, lieber, blauer Augen, voll träumender Sehnsucht und Kindergüte. Ueber diesen Augen wölbten sich tiefschwarze Brauen, in schönen Bogen gezeichnet. Der alte Pfarrer pflegte, wenn er die Großmutter besuchte, mit den Fingern über diese Brauen zu fahren.

»Wirklich nicht gefärbt?« sagte er dann jedesmal, die Spitzen seiner Finger aufmerksam betrachtend. Johanne, wurde immer sehr rot und lachte. Einmal, als er kam fand er sie strickend und dabei lesend.

»Was liest du denn da?« fragte er. Sie reichte ihm das Buch hin. Es war ein Roman Walter Scotts. Der Pfarrer sah sie mißbilligend an.[8]

»Wie kannst du solches Zeug lesen? Das verdreht dir den Kopf. Du müßtest weniger lesen und mehr im Haus arbeiten«.

Solange die Großmutter lebte, ließ sich wenig thun.

Abends ging Johanne zu Fräulein Wewerka und klagte ihr, daß der Pfarrer sie ausgescholten hätte.

»Ach in einem so langweiligen Nest« meinte das Ladenfräulein, »was soll man denn anders thun als lesen, besonders wenn man so allein steht wie Sie. Lesen Sie nur weiter, das ist kein Unrecht«.

Da augenblicklich niemand in den Laden kam, setzten sich die Beiden auf das alte schwarze Ledersopha und plauderten.

»Nirgends ists so gemütlich wie bei Ihnen« meinte das junge Mädchen und blickte in dem engen verräucherten Stübchen umher.

»Das machen wohl nur die vielen Bücher auf den Wandregalen« sagte Fräulein Wewerka, »mir kommts schrecklich ungemütlich hier vor. Ich bin an die großen Räume in der Stadt gewöhnt, aber was will man machen. Hätte ich das Geschäft verkauft, so wäre ich sicher dabei zu kurz gekommen. So trägt es mir, wenn auch nicht hohen, aber sichern Gewinn, von dem ich später einmal in der Stadt leben kann«.

»Also Sie gehen wieder dahin zurück?« Johanne blickte sie neidvoll an.[9]

»Ja später, nach einigen Jahren; sagen Sie es aber noch niemandem«.

»Mein Gott, wie schön muß es dort sein« seufzte die Kleine.

»Und die vielen berühmten Leute, die in so einer Stadt wohnen, der Kaiser und die Generale, und die Künstler alle« setzte Fräulein Wewerka hinzu. »Mein Bruder ist Redakteur einer Zeitung und selbst Schriftsteller; alle die bekanntesten Dichter kommen zu ihm und unterhalten sich mit ihm. Auch große Schauspieler und deren Frauen. Das ist herrlich. Da weiß man doch, daß man lebt und auf der Höhe seiner Zeit steht.«

»Ach ja, jawohl« die Augen des jungen Mädchens glänzten, »wenn ich doch auch einmal dahin könnte. Aber ich habe keinen einzigen Menschen da«.

»O was das betrifft« meinte das alte Fräulein, »ist man erst dort, so macht man genug Bekanntschaften«.

In diesem Augenblick ertönte mit dünnem Klang die Ladenklingel. Betty Wewerka erhob sich, um die eintretenden Kunden zu bedienen. Johanne schüttelte ihr die Hand und entfernte sich, das erhaltene Buch sorgsam unter ihrem Tuche verbergend.

So wenig inhaltreich das Gespräch war, für Johanne barg es dennoch eine Fülle Stoffes zum Nachdenken. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Sie hatte noch keine große Stadt gesehen, und ihre Phantasie[10] zauberte ihr Bulvers Pompeji vor. Marmor auf den Straßen, herrlich gekleidete Menschen, Häuser aus edlem Gestein, Gärten voll köstlicher Gewächse. Und in dieser prächtigen Umgebung schritten sie dahin, die Berühmten, klassisch schöne Gestalten, denen man es ansah, daß sie wunderbare Bücher schrieben und himmlische Musik machten.

»Da weiß man, daß man auf der Höhe seiner Zeit steht«. Ach Gott, ja. Mit einem Seufzer kehrte sich Johanne zum dreißigsten Mal in dieser Nacht in ihrem Bettchen um und entschlief endlich. Am Morgen saß sie verträumt am Herde und bereitete das Frühstück. Drin in der Stube gröhlte die Großmutter, daß der Kaffee so lange auf sich warten lasse. Johanne machte ein Mäulchen. Heute zum ersten Mal fand sie, daß die Großmutter doch gar zu wenig auf sich hielt. Sah sie eigentlich – nicht aus wie eine Hexe in ihrem blauen altmodischen Tuchspenzer über dem schwarzen, kurzen Rock, der die in Filzschuhen steckenden Füße sehen ließ? Und diese große, schwarze Bänderhaube, die sie wer weiß wie lange schon trug, und aus der ihr verrunzeltes blasses Gesicht fast unheimlich hervorblickte. Auch krochen immer ein paar Büschel fahler Haare aus der Haube an den Schläfen hervor. Und manchmal konnte sie ordentlich wild aussehen, die Großmutter, wenn ihr etwas gegen den Willen geschah, denn sie hatte noch recht lebendige[11] Augen, graue, durchdringende, und es wäre schwer gewesen, sie anzulügen. Freilich, in dieser verblichenen, wenig schönen Hülle steckte ein wackeres, braves Herz, das viel gelitten und viel gekämpft hatte.

Während Johanne sie mit weniger zärtlichen Blicken als sonst betrachtete, fiel ihr dies plötzlich ein, und sie trat leise zu ihr und zog ihre Hand an die Lippen.

Dann ging sie, um Raupen von den Kohlköpfen zu suchen. –

Trotzdem äußerlich alles war wie gestern, innerlich, tief in ihr, drängten sich fremde, neue Bilder. Am Nachmittag besuchten sie zwei junge Mädchen.

Sie plauderten wie immer ihre harmlosen Neuigkeiten aus. Nachbar Hausners Hahn war abgestochen worden, weil er von Alter blind war und die Körner im Futtertrog nicht mehr sah. Fiedlers Karl hatte seinen Schuhladen neu angestrichen, und die Bäckerliese hatte endlich das ersehnte kleine Mädchen zu ihren fünf Buben gekriegt.

Johanne bemühte sich, ein interessiertes Gesicht zu zeigen. Aber bei sich dachte sie: sonst giebts nichts? Die jungen Mädchen fanden sie einsilbig, und sie fand die jungen Mädchen langweilig, und so trennten sie sich zum ersten Mal weniger herzlich als sonst. Als sie fort waren, und die Großmutter wie gewöhnlich in ihrem Sessel schlafend saß, während das Strickzeug müßig in[12] ihrem Schooß lag, zog Johanne ihr Buch hervor. Es waren Gedichte, und der Mann der sie geschrieben hatte, hieß Hans Tage.

Johanne las von blauen Lüften mit singenden Sternen, von heimlichen Wäldern mit Vögeln, die träumten und im Schlaf ihr goldenes Gefieder wiegten. Sie las von Menschen, die mit Kronen auf den Häuptern umherschritten und jeden sie Begegnenden »du« und »Bruder« nannten; von großen Festtafeln, die sich von einem Ende der Stadt zum andern zogen und nie leer wurden, so daß es keinen Hunger mehr im Lande gab. Von köstlichen Spielen, an denen alle, auch die keinen Reichtum besaßen, teilnehmen durften. Von Kraft, Schönheit, Gesundheit, die Jeder haben konnte, der sie begehrte. Sie las und las, und weinte warme, junge Thränen über diese Welt voll herrlicher Güte, die der edle Dichter den Armen schenken wollte, und auch schenkte, wenn auch nur auf den – Buchseiten. Johanne küßte den Namen des Autors und saß, die Hände im Schooß gefaltet, lange Stunden in seligem Rausche da. Was mußte das für ein Mensch sein, der so Herrliches schrieb?

Eine Art Christus, ein ganz Großartiger.

Und schön mußte er sein, der so dichten konnte!

Gleich einem Menschen der Vorzeit, mit Schultern stark wie aus Marmor, die mitleidig das ganze Leid der Menschheit auf sich laden wollten; mit Händen die[13] vor Gnade tropften, mit Augen, leuchtend und groß und blau wie die Südsee.

Der stand auf der Höhe seiner Zeit. Wer doch seine Hand berühren, ihm ins begeisterte Auge schauen durfte. Mit ihm sprechen, Geist von seinem Geist empfangen! ..... Johanne suchte schauernd und glühend ihr Schlafstübchen auf .....

Im Sommer glich Sienenthal einem blühenden Garten, in dem sich die kleinen Häuser wie Lusthäuschen ausnahmen. Auch die »Hauptstraße«, die lange Gasse, in der Johanne wohnte, war voll vom Dufte der Linden, dem Gezwitscher der Vögel.

Man konnte sich sehr wohl fühlen in diesen Gäßlein, auf diesen Plätzen wo das Gras zwischen den Steinen wucherte, und Gänse, Enten und gackernde Hühner umherstiegen.

Aber im Winter! Als ob alles ausgestorben wäre! Selbst der Klang der alten Orgel drang nur spärlich herüber und besaß nicht die Macht, den dicken eisigen Nebel zu durchbrechen, der über der Gegend lagerte. Dann schlichen die Leute in große, grobe Tücher gehüllt umher, und nur ihre vor Kälte bläulichen Nasen guckten aus den Hüllen. Und jeder hielt sich soviel wie möglich im Innern seiner Wohnung auf, und draußen war alles voll unbetretnen Schnees und voll Einsamkeit. Johanne erschienen diese leeren langen Tage und Abende an der[14] Seite der tauben Großmutter unbeschreiblich traurig. Sie saßen dann einander gegenüber, die Alte nickte und die Junge beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit und beobachtete dabei das Gesicht der Greisin.

Und dann dachte sie: so werde auch ich einst aussehen wenn ich alt bin; und sie konnte nicht genug staunen, wie diese Frau mit dem eingetrockneten, fahlen Gesichte einmal rund und rosig und schön war und Liebe und Gefallen erregt hatte.

Und doch war ihr oft genug erzählt worden, daß ihre Großmutter die schönste Frau in Sienenthal gewesen sei und ehe sie ihren Mann, den Gemeindeschreiber, geheiratet hatte, von Freiern umlagert war.

Einmal sagte der Pfarrer zu Johanne: »Du müßtest frömmer sein, Kind, dann vergingen auch deine schwermütigen Gedanken.

Siehst du, wer einen liebenden Vater über sich im Himmel weiß, und ein reines Herz hat, wen keine Sorgen und Krankheiten plagen, der ist doch thöricht, wenn er sich nicht glücklich und zufrieden fühlt«. Der gute Pfarrer! Das war alles schön und wahr, aber –

Wenn doch der liebe Vater im Himmel ein wenig näher gewohnt oder sich manchmal herab bemüht hätte, daß man den Kopf auf seine Füße drücken und ihm hätte sagen können, wie lieb man ihn habe. Johanne sehnte sich leidenschaftlich nach einer blutvollen Wirklichkeit.[15] Und da sie durch ihr beständiges Denken und Grübeln, und durch das viele Lesen über die Interessen junger Mädchen ihres Alters hinausgewachsen war, so blieb ihr nur ein Mensch, mit dem sie sich leidlich unterhalten konnte: das Ladenfräulein an der Ecke. Fast jeden Abend saß Johanne ein Stündchen dort und hörte mit glänzenden Augen den wahren und erdichteten Geschichten zu, die Betty Wewerka ihr erzählte. Manchmal brachte sie auch konfuses Zeug vor, daß das junge Mädchen an ihrem gesunden Menschenverstand zu zweifeln begann. Dann rötete sich ihre spitze Nase und die kleinen schwarzen Augen nahmen einen irren unbestimmten Ausdruck an. Aber sie fand sich meist wieder zurecht und ging dann schnell über ihren seltsamen Zustand hinweg.

Natürlich bildete die große Stadt den Schauplatz ihrer Erzählungen, und ihr Bruder, der berühmte Schriftsteller war der Held.

Johanne kannte bereits jede Straße, jeden Platz, jedes größere Gebäude dieser gerühmten Stadt. Einmal erzählte ihr Betty von den köstlichen Gartenanlagen, die sich dort befänden. »Das muß ja das reine Ninive sein« rief Johanne, die eben einen exotischen Roman las, in dem Frau Semiramis vorkam.

Und seit dieser Zeit nannte sie den Schauplatz von Bettys Geschichten scherzend: Ninive. Man wird unwillkürlich[16] zu Uebertreibungen geneigt, wenn man seine Lieblingsstätten jemandem schildert, umsomehr, wenn dieser Jemand gar so wenig mit seiner Verwunderung und naiven Freude geizt wie Johanne. Sie hetzte die Andere förmlich, die Wunder der Großstadt noch wunderbarer zu schildern als sie waren. Und jemehr Johanne mit ihrer Phantasie sich in die Ferne hineinlebte und wünschte, um so entfremdeter wurde ihr die Nähe. Der Ort, wo man nichts erfahren hat, läßt einen kalt, sei er auch noch so schön. Erst das Erlebnis giebt ihm die Weihe, macht ihn lieb, interessant. Johanne hatte hier nichts durchlebt als eine Schulzeit, die ihr heute sehr langweilig erschien, viele, viele mit Handarbeit ausgefüllte Stunden, Nächte, in denen ihr nichts träumte, und Tage, die kein Ende zu nehmen schienen.

Ihr war es, als ob drüben in »Ninive« mächtige Ereignisse auf sie warteten, große Wandlungen ihres Lebens ihrer harrten. Ihre junge Seele war überaus hungrig, denn sie war ganz leer, – weder schlecht noch gut, weder zum Höchsten noch zu Niederm geneigt, die Seele eben eines jungen Mädchens, das noch nichts erfahren hat, als den Frieden seines Hauses. Augenblicklich lebte in ihr eine große warme Liebe zu jenen Menschen, deren Werke sie las. Alle zusammen könnte sie persönlich kennen lernen, wenn sie hinüberkäme in die »Wunderstadt«, meinte Betty. Auch[17] Hans Tage lebte dort, der Dichter mit dem weichen, gnädigen Herzen.

Eines Tages schob die Großmutter die Suppe mit einer Bewegung des Widerwillens zurück.

»Versalzen«.

Am andern Tage brummte sie: »Der Kaffee ist verbrannt, er schmeckt gallig«.

Am dritten Tage schlief sie immerfort und war kaum zu bewegen, die Augen zu öffnen. Da nahm Johanne die Hände der alten Frau in die ihren und hauchte darauf, denn sie waren eiskalt. Sie sah ratlos im Stübchen umher. Die alten, bräunlichen Möbel in ihrer großen derben Eckigkeit konnten ihr nicht raten.

Sie breitete eine gewärmte Decke über die Großmutter und ging zum Arzt. Das war ein alter grober Mann, der schon seit mehreren Dezennien hier Kranke heilte und tötete, wies eben kam. Aber man rief doch lieber ihn, als den modischen Medizindoktor, der einen goldnen Klemmer auf der Nase sitzen hatte, feine gestickte Wäsche trug, und furchtbar über die dummen Sienenthaler schimpfte. Der Doktor verordnete der alten Frau heißen Wein, in den Eierdotter gesprudelt waren, einen warmen Ziegelstein unter die Füße, und wenn dies nicht half, den Pfarrer.

Es half wirklich nicht. Sie that immerzu, als schliefe sie, und stand auf nichts Rede und Antwort.[18] Johanne holte ein paar Nachbarinnen, weinte und ging endlich zum Pastor. Der kam, legte seine Hand der Kranken auf die Stirne und sah ihr lange in das wachsfarbene Gesicht. Er sprach auch einige leise Worte zu ihr; als sie aber regungslos blieb, faltete er die Hände zu einem stummen Gebet und schritt leise hinaus. Draußen stand Johanne zitternd und sah ihn an. Er lächelte mild und nahm ihre Hand in die seine.

»Sie schläft hinüber; sei ganz ruhig und laß sie. Gegen Abend komme ich wieder«.

Und als abends die Lichtlein im Orte angezündet wurden und der Hofhund des Nachbars kläglich zu weinen begann, öffnete der Geistliche behutsam die Thür und sah die Großmutter wie nachmittags in ihrem Bette ruhen, aber ein weißes Tüchlein lag auf ihrem Antlitz. –

Da nahm er das am Bett schluchzende Kind, das er getauft und konfirmiert hatte, in seine Arme und sagte:

»Nun stark sein Kleine. Wir alle haben einen Tag vor uns, da man ein Tüchlein über unser Gesicht breitet« .....[19]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 5-20.
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