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[20] Johanne erhielt einen Vormund.

Es war ein alter Mann, der früher das Schlächtergeschäft betrieben hatte und jetzt in einem kleinen Hause mit seiner kränklichen Frau der Ruhe pflegte.

Er war ein guter Freund der Großmutter gewesen, und es schien allen natürlich, daß er die Sorge um das junge Mädchen übernahm. Seltsam, weder die alte Frau noch der Pfarrer, noch Ritter, der Vormund, hatten sich jemals die Frage vorgelegt: was geschieht mit dem jungen Mädchen, wenn es einmal allein in der Welt steht? Der Verkauf des Häuschens mit dem Garten würde kaum mehr als vier-, fünftausend Mark ergeben haben. Davon konnte aber kein Mensch leben. Also lag es nahe, daß Johanne sich irgendwo als Magd verdingte.

Auf dem Lande brauchen sie aber kräftige Dirnen, die gut feldarbeiten können. Und Johanne war eher schwächlich als stark. Außerdem verstand sie gar nichts von der Landwirtschaft.[20] Was sollte man mit ihr beginnen? Ritter meinte: du bleibst jetzt ruhig bei uns. Das Häuschen suchen wir zu verpachten; wenn du dich einmal verheiratest, hast dus bequem und kannst dich gleich in dein Eigentum hineinsetzen.

Johanne wohnte nun bei den beiden alten Leuten. Die Frau war sehr wunderlich und konnte es nicht leiden, wenn Johanne las oder sich mit feinen Handarbeiten beschäftigte. Sie ließ sie unaufhörlich scheuern und putzen, obzwar alles in Küche und Haus vor Sauberkeit glänzte. Man zeichnete ihr jeden ihrer Schritte vor, und wenn sie etwas länger ausblieb als gewöhnlich, gabs Schelte. Und dabei hatte sie ein kleines unfreundliches Stübchen, in dem sich kein Ofen befand und wo sie Winters frieren mußte. Sie wurde von Tag zu Tag trauriger. Die schöne Welt war nun versunken, die ihr von den Büchern, in denen sie früher lesen durfte, in ihre Einsamkeit gezaubert wurde. Die beiden greisen wunderlichen Leute waren kein Ersatz für die Großmutter. Die Sehnsucht nach jungen Menschen, nach Leben, nach Freude wurde täglich mächtiger in ihr. Da draußen in der Welt wars so herrlich! und sie in diese schreckliche Wüste verbannt!

Eines Tages lief sie ohne Erlaubnis davon, in den Laden des alten Fräuleins und klagte ihr Leid. Betty strich ihr beschwichtigend über das Haar und zog sie auf das alte Ledersopha im Stübchen neben dem Laden.[21]

»Wenn ich so ein lieb jung Mädchen wäre wie Sie, ich wüßte wohl, was ich thät. Ich ginge nach ›Ninive‹, lernte da etwas, z.B. Kindergärtnerei, erhielte eine feine Stellung, machte nette Bekanntschaften, und vergnügte mich«.

Johanne faßte die Sprecherin an den Händen.

»Ach Gott, könnt ichs doch, könnt ichs doch! Aber es geht ja nicht. Hab ich doch keine Seele dort, die sich meiner annehmen würde«.

»Und wenn Sie jemand dort fänden – ein bischen Geld besitzen Sie ja auch, um sich irgendwo in einem anständigen Hause einzulogieren – würden Sie hinreisen?«

»Und ob, und ob« rief Johanne mit glänzenden Augen.

»Dann will ich an meinen Bruder schreiben, er soll etwas für Sie Passendes suchen«.

Johanne schrie glückselig auf.

»Ach Gott, wird das herrlich, mit ihnen allen, die ich so lieb habe, die meine Freunde sind, in derselben Stadt sein, dieselbe Luft atmen dürfen, Betty, Betty!« Plötzlich machte sie ein ernstes Gesicht.

»Aber der Vormund? wird ers erlauben, wird er drauf eingehen?«

»Ich rede mit ihm« versprach Betty Wewerka, in deren Interesse es zu liegen schien, Johannes Wunsch zu unterstützen.[22]

In Wahrheit befand sich ihr Bruder in mißlichen Verhältnissen, in denen ihm jede, auch die kleinste Einnahme zu gute kam. Erhielt er Johanne in Pension, so flossen ihm ein paar hundert Mark jährlich mehr zu.

Fräulein Wewerka bearbeitete nun die beiden alten Ritters, stellte ihnen vor, wieviel gute Anregung Johanne im Haus ihres Bruders empfinge, wie sie in der Stadt tüchtig lernen würde; es seien dort viele Fortbildungsschulen für junge Mädchen, man dürfe dem »Bildungsdrang« eines jungen Menschen kein Hindernis in den Weg legen u.s.w.

Schließlich gaben die beiden Alten nach und willigten in die Uebersiedelung ihres Mündels nach der Stadt ein.

Es wurde ein Termin festgesetzt, an dem Johanne reisen sollte.

Das junge Mädchen ging wie im Traum umher. Die Seligkeit ließ sie Essen und Trinken vergessen, ließ sie den Bekannten, die sie anhielten, um ihr ein paar freundliche Worte zu sagen, die Antwort schuldig bleiben. Wenn sie an ihrem lieben alten Häuschen, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, vorüberschritt, lachte sie heimlich und sagte: du altes schräges Ding, nun werde ich bald anderes als dich zu sehen bekommen. Es war sehr undankbar, aber sie hatte noch kein Leid kennen gelernt, wie sollte sie den Frieden zu schätzen wissen?

Sie nähte sich schnell eine Aussteuer, die ihr großartig[23] erschien. Als sie ein halb Dutzend grober Hemden, etliche Röcke und Leibchen zusammengearbeitet hatte, packte sie alles in einen großen alten Holzkoffer, den sie noch von ihren Eltern besaß, und stellte sich ihrem Vormund als reisefertig vor. Man wartete noch etliche Tage, bis der Brief von Bettys Bruder kam. Er lautete sehr freundlich. Das junge Mädchen möge nur kommen. Er und seine Frau würden es selbst überwachen und ihm hülfreich in seinen Bestrebungen an die Hand gehen. »Und – früher oder später sehen Sie mich auch« sagte Fräulein Wewerka. »Ich warte nur, bis ich eine bestimmte Summe beisammen habe; dann komme ich für immer nach ›Ninive‹.«

Nun galts noch zwei Besuche. Der eine war schnell gethan. Es war der auf den Kirchhof. Mutter und Vater hörten still und unbekümmert unter ihren Blumenhügeln die Abschiedsworte der Fortziehenden. Die Toten ereifern sich nicht, denn sie wissen vieles, das da kommt.

Auch der zweite Abschiedsbesuch verlief friedlich. Er galt dem Pfarrer.

»Weißt du« sagte der alte Herr ruhig zu dem jungen Mädchen, »dir abraten, dein Glück in der Fremde zu suchen, würde zu nichts führen. Du gingest doch. Zieh denn. Vergiß nicht dein Abendgebet täglich zu sprechen, und vergiß noch etwas nicht: Du kommst dereinst wieder, Johanne, und dann wirst du kaum erwarten[24] können, diesen alten treuen Boden unter deinen Sohlen zu spüren. Ich werde es vielleicht nicht erleben, aber denke manchmal daran. Es wird dir ein Trost und eine Mahnung sein«.

Und dann segnete er sie und entließ sie. Weinend und doch lachend sah sie einige Tage später nach einem langen Abschied von ihren Bekannten die letzten Häuschen ihres Heimatsortes hinter sich entschwinden. Ein Wäglein brachte sie zur Eisenbahnstation. Noch einen letzten Blick auf die beiden Pappeln vor dem Kirchlein, dann verbarg ein Hügel den Ort, der wie eine treue Mutter ihre ersten Schritte bewacht hatte.

Aber Kinder entlaufen oft ihren Müttern, um in der Fremde zu weinen .....[25]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 20-26.
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