3

[26] Also das ist sie, die heißerträumte, heißerwünschte Stadt der Großen, Ninive! .....

In die Ecke einer Droschke gedrückt, ihren großen Holzkoffer vor sich, durchsauste Johanne die Straßen, die nach der Wohnung Herrn Wewerkas führten. Sie sah zum ersten Mal drei, vier Stock hohe Häuser, Pferdebahnen, Schutzleute, Reklamewagen, Dampfbahnen, dazwischen ein schwarzes Gewimmel von tausend und abertausend geschäftig hineilenden Menschen.

Der Lärm der Großstadt erschien ihr ohrenzerreißend; die hinfliegenden Wagen, die Reiter, die Dampfbahnen machten sie schwindlig. Sie hatte sich das alles anders vorgestellt, märchenhaft, still, harmonisch; diese lebenrauchende, brutale Wirklichkeit erschreckte sie. Vor einer riesenhaften Mietskaserne hielt der Wagen. Sie bezahlte und ließ ihren Koffer in den Hausflur stellen; der herbeieilende Portier versprach, ihn gleich hinauf zu Wewerkas[26] zu schaffen. Dann schritt sie über vier Treppen, die mit einem nicht allzu saubern Läufer bedeckt waren, und klingelte an einer Wohnung. Ein »Ah«, eine Hand, die sie faßte und hineinzog, und das Schicksal schloß hinter ihr die Thür. – Die ersten zehn Minuten war sie so befangen, daß sie nichts sah, als die Frau, die sie neben sich aufs Sopha gezogen hatte und freundlich mit ihr sprach.

Frau Wewerka, eine Vierzigerin mit blassem Teint und verschleierten melancholischen Augen, einem schmalen Mund, der das Verschweigen gewohnt schien, war eine nicht unsympathische Person. Ihre Kleidung mochte als nachlässig gelten, nach Johannes Begriffen schien sie sehr elegant.

»Meine Schwägerin hat sehr recht gethan, Sie an uns zu adressieren« sagte sie, »wir werden unser Möglichstes für Sie thun. Morgen gleich wollen wir nach dem Fröbelhaus gehn, wo die jungen Mädchen im Unterricht unterwiesen werden. Ich freue mich sehr, Sie bei uns zu haben, ich liebe die jungen Mädchen sehr, bin selbst ziemlich vereinsamt, wir besitzen keine Kinder; jedenfalls hoffe ich, daß wir manch angenehmes Plauderstündchen miteinander zubringen werden, nichtwahr?«

Durch so viel Freundlichkeit thaute endlich Johannes Verlegenheit hinweg und sie fand einige herzliche Worte. Sie sprach von Sienenthal und wie glühend sie sich hierhergesehnt[27] habe, daß Betty ihr soviel Herrliches von »Ninive« erzählt habe u.s.w.

Als bei dem Worte: Ninive Frau Wewerka fragende Augen machte, teilte ihr Johanne mit, wie sie der großen Stadt um ihrer schönen Gärten und Anlagen, um der herrlichen Bauwerke willen, die sich da befinden sollten, den Namen beigelegt habe.

»Ich glaube, meine Schwägerin hat sehr übertrieben« lächelte mit ihrem müden Munde Frau Wewerka, »übrigens: Ninive ist gut und – bezeichnend. Wir wollen den Namen beibehalten. Und nun will ich Sie aber in Ihr Stübchen führen, damit Sie sich waschen und umkleiden können«.

Sie durchschritten eine Stube, in der viel Schriften und ganze Ballen Papier herumlagen. Ein riesiger Schreibtisch, einige Regale von Büchern vollgepfropft, ein hoher Wandschirm, der irgend etwas verbergen sollte, vervollständigte die Einrichtung dieses Zimmers. Dann folgte ein kleines Gemach, eine Art Eßstube mit Tisch, Stühlen, Büffet, einer Nähmaschine, einem Pianino und endlich das Johanne zugedachte Zimmerchen.

»Sehr hübsch« rief das junge Mädchen und sah sich freudig um.

Die Wirtin lächelte. »Gefällt es Ihnen? Das freut mich. Nun machen Sie sichs bequem. In einer[28] Stunde klopfe ich. Wir essen um drei. Ja richtig, Ihren Koffer –«

»Der Portier bringt ihn eben« sagte ein älteres Dienstmädchen und öffnete dem unter seiner Last keuchenden Mann die Thür.

»Ist das alles?« fragte Frau Wewerka, während die Magd mit geringschätzigem Blick den alten Holzkoffer musterte.

Johanne nickte. »Ja alles«.

»Nun dann, auf Wiedersehen«.

Das junge Mädchen trat an das schäbig aussehende Eisengestell mit dem Waschservice, wusch sich, brachte ihr Haar in Ordnung und kauerte sich nieder, den Koffer auszupacken. Sie öffnete die Laden der Kommode. In der einen befanden sich etliche Herrenhemden, doch die andern waren leer. Ihre zwei Kleider hing sie in eine Ecke, vor die ein Vorhang gezogen war, um die Garderobe vor Staub zu schützen. Ein Tisch mit einer verschossenen roten Sammetdecke, zwei Stühle, ein grüner Plüschfauteuil, ein Bett, über das eine bunte Kattundecke gebreitet lag, bildeten das Innere der Stube. Bis gestern hatte es den Gatten als Schlafzimmer gedient, nun hatten sie ihre Betten hinter den Wandschirm in Herrn Wewerkas Arbeitszimmer gestellt, um dieses hier vermieten zu können. Johanne bewunderte die kleinen Gipsbüsten des Kaisers und der Kaiserin an der Wand,[29] erfreute sich an zwei Oeldrucken, die Rotkäppchen und Schneewittchens Abenteuer darstellten, und fand die Aussicht aus der vier Stock hoch gelegenen Wohnung in die breite endlos sich hinziehende graue Straße bewundernswert.

Als sie so im Anschauen des ihr fremden Lebens vertieft am Fenster lag, klopfte es. Frau Wewerka und ein Herr traten herein.

»Mein Mann möchte Sie gerne begrüßen, Fräulein«.

Er schüttelte dem verlegenen jungen Mädchen die Hand und bot ihm den Arm.

»Herzlich willkommen. Darf ich Sie zu Tisch führen? Wir haben nicht weit zu gehen, unsere Wohnung ist klein wie ein Taubenschlag. Hier bitte!«

Er rückte ihr im Nebenzimmer einen Stuhl zwischen sich und seiner Frau zurecht. Das Dienstmädchen stellte mit unfreundlichem Gesicht eine Suppenterrine auf den Tisch. Johanne war sehr verlegen und brannte sich den Mund mit der heißen Suppe.

Die Hausfrau gewahrte die Unsicherheit der Kleinen, wandte sich an ihren Mann und begann mit diesem zu plaudern.

»Nun und was wars heute? Wird Lohringer kommen?«

Herr Wewerka, der hastig in seinem Teller herumlöffelte, wischte sich den Mund mit der nicht sehr sauberen Serviette.[30]

»Keine Rede. Ich sagte dir ja, er hat wieder den Spleen. Seit einer Woche läßt er Niemanden vor; die leeren Flaschen, die die Dienerin jeden Morgen aus seinem Zimmer nimmt, geben vielleicht die Erklärung dazu«.

Die Frau schüttelte den Kopf und warf etliche Worte des Bedauerns über den wunderlichen Menschen hin. Währenddessen betrachtete Johanne Wewerka von der Seite. Er stand ungefähr im gleichen Alter wie seine Gattin. Sein Gesicht war wie tättowiert von hundert Falten und Fältchen, die sich um Augen und Mund zogen. Das fahlblonde Haar, an den Schläfen schon spärlich, fiel glatt aus der hohen, hügeligen Stirn. Seine Mundwinkel waren etwas schlapp und erzählten mancherlei. Er sah Betty Wewerka nicht im geringsten ähnlich.

»Sagen Sie mal, Fräulein Grün« wandte er sich plötzlich an seine Beobachterin, »wie findet sich meine Schwester eigentlich in die Rolle einer Kaffee-und Zuckerverkäuferin? Macht sie Geschäfte oder bleibt man ihr alles schuldig?«

Er lachte, und Johanne bemerkte seine bräunlichen Zähne, die von starkem Nikotingenuß zeugten.

»O sie ist nicht gern in Sienenthal, sie –«

»Essen Sie zuerst und erzählen Sie dann«. Frau Wewerka legte ihr etwas Gemüse und zwei dünne Scheibchen Hammelfleisch auf den Teller.

Johanne aß einige Bissen, dann sagte sie schüchtern:[31]

»Fräulein Betty will ja auch bald hierherkommen; nur eine gewisse Summe müßte sie beisammen haben, meint sie«.

Das Ehepaar warf sich einen Blick zu.

»Es war eine Thorheit« meinte Wewerka, »daß sie das Geschäft nicht gleich verkaufte. Ihr und uns wäre mit dem Gelde gedient gewesen, so hat keiner etwas. Was für ein Mensch war denn eigentlich der alte Nehring, der Besitzer des Geschäfts?«

»O der war ja schon achtzig Jahr alt« versetzte Johanne.

Wewerka lächelte. »Das weiß ich. Er hatte einen Sohn, dieser war mit meiner Schwester verlobt. Sie hatten einander schrecklich gerne; der Alte widersetzte sich aber ihrer Verbindung. Eines Tages gingen die verrückten Liebesleute in den Wald, und er schoß zuerst ihr, dann sich eine Kugel in den Kopf. Er blieb auf der Stelle tot, sie wurde gerettet; doch trug sie eine große Gedächtnisschwäche davon. Sie lag monatelang im Spital, verlor natürlich ihre Stellung; sie war Leiterin eines großen Putzgeschäftes hier gewesen. Nun – es war ein Elend« – der Sprecher nahm einen Schluck Wasser aus dem Glase vor sich, »ein Elend. Später wandten wir uns wiederholt an den Alten, daß er doch für das arme Geschöpf etwas thun möge; zwingen konnte man ihn ja zu nichts. Er setzte aber allen Vorstellungen[32] ein taubes Ohr entgegen. Erst als er starb – Verwandte besaß er nicht – erinnerte er sich der unglücklichen Kreatur, die durch seine Härte um ihr Lebensglück und ihre Gesundheit ge kommen war. Ihre verlorene Jugend und ihren gesunden Verstand hat er ihr aber doch nicht zurückgeben können«.

Johanne saß stumm da. Frau Wewerka seufzte und bat dann, fertig zu essen; das Mädchen müßte sich etwas beeilen, weil heute Waschtag sei. Nach dem Hammelfleisch gabs nichts mehr, als einige Stückchen Konfekt von dem billigen, das arme Leute für die Christbäume ihrer Kinder kaufen. Herr Wewerka plauderte noch ein wenig mit Johanne, dann erhob man sich. Nachmittags wollten sie dem jungen Mädchen die Stadt zeigen.

Da sie weder einen Wagen noch eine Pferdebahn benutzten, ermüdete Frau Wewerka bald, überließ Johanne ihrem Mann und kehrte nach Hause zurück.

Als die beiden auf ihrem Streifzug eben vor einem glänzenden Schaufenster standen und er meinte, sie schwelge in der Pracht der ausgestellten Juwelen, sagte sie plötzlich, ihm ins Gesicht blickend:

»Die Geschichte, die Sie mir heute erzählt haben, ist sehr traurig. Ich kann sie gar nicht loswerden. Nur eins verstehe ich nicht. Wenn Ihre Schwester ihn so lieb hatte, wie kams, daß sie ihn überlebte?«[33]

Er sah überrascht in die großen, warmen Kinderaugen, die sich auf ihn gerichtet hatten.

»Wie meinen Sie das, Fräulein?«

»Mein Gott, wenn – wenn man einen so lieb hat und man weiß, daß er – fort ist, für immer – ich hätte mich gleich aus dem Fenster gestürzt« .....

Er lächelte in ihr erregtes Gesicht.

»Das sagt man, aber man tötet sich nicht so leicht«.

»Aber er thats doch«.

Sie gingen ein Stückchen weiter.

»Zum Glück giebts nicht viele so entschiedene Naturen da würde die Welt ja nach drei Tagen in Trümmer geschlagen«.

Johanne hatte ein Wort auf den Lippen, doch sie sprach es nicht aus. Später zog anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich. Abends war sie müde und ging bald nach dem Nachtmahl, das noch etwas kärglicher als das Mittagessen war, auf ihr Zimmer. Aber Ninive war doch herrlich, trotz allem!


Am andern Tage machte Frau Wewerka verschiedene Gänge mit ihr, zur Vorsteherin und zu den Lehrerinnen des Fröbelhauses, denen sie das junge Mädchen sehr warm empfahl. Johanne erregte in ihrer geschmacklosen, plumpen Kleidung, mit ihrer bäuerlichen Schüchternheit in der Anstalt[34] weder Interesse noch besondere Teilnahme. Man ließ sie ein kleines Aufnahmeexamen machen, in dem sie nur ihre Lese-und Schreibekünste bekunden sollte, und steckte sie dann in die Klasse zu den andern Schülerinnen. Sie verbrachte täglich fünf Stunden in der Anstalt, und die Vorsteherin versprach ihr, wenn sie sich brav zeige, binnen einem Jahre eine Stellung, wenn auch für den Anfang eine sehr bescheidene. Es galt also ein Jahr tapfer auszuhalten. Johanne schrieb ihrem Vormund, und legte einige Zeilen Wewerkas bei. Ritter antwortete ihr, er würde ihr die nötigen Mittel für ein Jahr geben, damit sie den Kursus absolvieren könne. Dann freilich müßte sie für sich selbst sorgen, denn das Häuschen zu verkaufen liege ihm fern. Das könne sie einmal thun, wenns ihr beliebe und sie volljährig sei.

Die Stunden, die Johanne nicht im Fröbelhaus verbrachte, war sie zu Hause. Herr Wewerka arbeitete viel auf seiner Stube, indeß seine Frau mit dem Dienstmädchen den kleinen Haushalt besorgte.

Dann und wann empfingen sie Besuche.

Meist von Herren. Dann wurde laut debattiert, geschrieen, manchmal auch deklamiert. Es waren wohl Kunstangehörige, die so lebhaft sich bejahten.

Aber sie gingen nicht in goldenen Gewändern, trugen keine Kränze auf dem Haupt, rochen nicht nach den Gärten der Semiramis.[35]

Meist waren sie sogar sehr nachlässig gekleidet und nichts weniger als berückend. Einmal erzählte Johanne bei Tisch, wie sie sich früher Dichter vorstellte. Da brach das Ehepaar in ein nicht endenwollendes Gelächter aus.

»Du Cajetan in einem weißen Kleide mit einem Kranz aus Rosen in den üppigen Locken!«.

»Nein, Sie dachte ich mir nie so« meinte Johanne zu Wewerka, »ich weiß nicht, warum«.

»Oho« protestierte er scherzend, »das fasse ich als Beleidigung auf, Sie zweifeln an meiner ›höheren Veranlagung‹. Heute haben Sie ja recht. Ich bin der Redakteur einer kleinen volkswirtschaftlichen Zeitung, der meist über billige Rapskuchenfabrikation, über Molkerei, Pferdeställe und ähnliches schreibt. Aber einst war es anders. Da machte ich Terzinen und Jamben, daß es nur eine Lust war. Sehen Sie, ich habe schon allerlei versucht. Zuerst studierte ich Jura, dann begleitete ich eine naturwissenschaftliche Expedition auf ihrer afrikanischen Reise, dann wurde ich Sekretär eines reichen Grafen, dann erfand ich ein Instrument, ein Besteck, das als Löffel, Gabel und Messer zugleich diente. Auch Schauspieldirektor war ich.«

»Nein« rief das junge Mädchen mit glänzenden Augen, »wie klug und gelehrt müssen Sie doch sein!«

»Nichtwahr« meinte er mit Humor, »ein famoser Kerl. Ich habe –« Frau Wewerka warf ihm einen[36] mahnenden Blick zu – »ich habe noch allerhand Interessantes begonnen. Man will eben nicht hungern, man braucht täglich, wenn man auch nur von Brot lebt, einige Groschen. Woher die nehmen und nicht stehlen? Da wird man schließlich das Mädchen für alles«.

»Aber liebten Sie denn nicht von dem Vielen, das Sie begonnen hatten, Eins besonders?«

»Und ob« meinte er. Zum Beispiel Jura. Aber wovon hätte ich leben sollen, bis ich als Professor oder Advokat Geld verdient hätte? Dann, wie gerne wäre ich der edlen Dichtkunst treu geblieben. Aber der Magen zieht ein Stück Mettwurst dem duftigsten Liebesgedicht vor«.

Johanne schüttelte eigensinnig den jungen Kopf. Sie war schon vertrauter mit ihren Wirten geworden.

»Ich glaubs nicht, daß Sie Jura besonders liebten. Dann hätten Sie nicht davon lassen können«.

»Auch nicht im Verhungern?«

»Auch nicht«.

»Donnerwetter! Aber da wäre ich ja ein Narr gewesen, mein kleines Fräulein! was denken Sie denn? Wenn die Welt aus lauter solchen Querköpfen bestünde, würde sie sich das Hirn einrennen«.

An diesem Abend, als Johanne zu Bett ging, gelangs ihr nicht, einzuschlafen. Sie mußte immerfort an den Mann denken mit den tausend Fältchen im Gesicht, der alles versucht hatte. Er ist untreu, dachte sie. Er[37] gleicht seiner Schwester; die wars auch, sonst hätte sie nicht leben können. Diese Beiden – aber die andern Menschen gleichen ihnen wohl nicht. Wie seltsam. Alles ist anders, als ich mir vorstellte, dachte die Kleine, aber so ganz, ganz anders .....


Eines Tages, eben als sie sich zum Mittagessen niederließen, kam Besuch. Es war ein großer junger, aber schon stark gebeugt gehender Mann, der Johanne als Herr Schüler vorgestellt wurde.

»Essen Sie mit uns einen Löffel Suppe« sagte die Hausfrau freundlich, ließ noch ein Kouvert auflegen, und rückte ihm einen Platz am Tisch zurecht.

»Du machst ein so ernstes Gesicht? war dein Weg umsonst?« Wewerka und der Neuangekommene wechselten einen Blick.

»Was wars denn?« Frau Wewerka sah ihren Mann an.

»Aber liebes Kind, dränge dich doch nicht –«

»Ja ja, euere ewige Geheimniskrämerei, ich glaube du bist Privatdetektiv geworden, und Schüler ist dein Helfer, wie?«

»Erraten, Gnädige, erraten«.

Er blickte Johanne forschend an.

Frau Wewerka machte einige freundliche Bemerkungen über sie, dann setzte sie munter hinzu:[38]

»Sehen Sie, Johanne, der ist auch einer von den ›Berühmten‹, aber er trägt sich ganz simpel, und hat auch keinen Kranz auf, höchstens einen von Dornen, aber den sieht man nicht«.

Als Schüler von der Naivität des jungen Mädchens vernahm, brach er in herzliches Lachen aus.

»Wir wollen unsere Sache später besprechen« meinte er zu Wewerka und wandte sich Johanne zu.

Sie brachte sehr ungeschickte verlegene Antworten vor, und jedesmal, wenn sie eine Dummheit gesagt hatte, machte sie einen trotzigen Mund und verteidigte hartnäckig ihre Meinung. Nach Tisch gingen sie alle vier in Wewerkas Arbeitszimmer, wo die Hausfrau Cigaretten herumreichte. »Wir erlösen euch bald von unserer Gegenwart« scherzte sie.

Die Herren protestierten, und Johanne fand endlich Mut, den neuen Bekannten zu mustern. Eine Brille verbarg zum Teil den hungrigen Ausdruck seiner dunklen Augen. Seine Züge waren einnehmend, wenn auch nicht hübsch. Ein schwarzer, kurz gehaltener Bart umrahmte das schmale, blasse Gesicht, dessen Charakteristikum Johanne in dem Worte »übernächtig« zusammenfaßte.

Er sah aus wie einer, der nicht zur Ruhe kam – wie ein Gehetzter. Mit achtzehn Jahren hatte er die kleine Summe seines elterlichen Vermögens verausgabt, sein Maturum gemacht, und kam hierher, um philologische Studien an der Universität zu treiben.[39]

Er mietete bei einer kleinen Beamtenfamilie ein Stübchen. Die Frau, eine große hagere Blondine, bediente ihn. Sie stand kurz vor ihrem vierzigsten Jahre und schien mit allen Hoffnungen abgeschlossen zu haben. Sie war eine gute Seele, die mit ihrem wortkargen unfreundlichen Mann in stillem Einvernehmen lebte. Er behandelte sie nicht gut, nicht schlecht, er war ein armer Teufel, der rein mechanisch, ohne innere Freude weiterlebte. Weil es ihnen recht knapp ging, vermieteten sie ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung. Meist waren es Studenten, die bei ihnen wohnten. Sie hatte immer Glück gehabt und ihre Miete von ihnen pünktlich empfangen. Auch Ernst Schüler bezahlte im ersten Monat. Aber im zweiten verschob er die Zahlung von Tag zu Tag. Er lief ratlos umher, pumpte seine Kollegen an, und brachte es endlich so weit, die Hälfte der Mietssumme aufzutreiben.

»Nehmen Sie vorlieb« lachte er verlegen und drückte Frau Wachmann ein paar Markstücke in die Hand, »ich habe beim besten Willen nicht mehr borgen können, schmeißen Sie mich hinaus .....«

Sie hatte Mitleid mit ihm, wie vierzigjährige Frauen mit Jünglingen zu haben pflegen; er gewahrte seinen Vorteil. Im nächsten Monat bezahlte er weder den Rest der alten, noch die neue Miete. Er sah seine Wirtin treuherzig an.[40]

»Ich habe nichts, nichts, Frau Wachmann. Aber Sie können meine Uhr versetzen, vielleicht erhalten Sie dafür einen Teil meiner Schuld an Sie, und es giebt überdies noch ein Mittagessen für mich, ich bin seit drei Tagen nüchtern«.

Er war es in der That. Er sah jammervoll aus. Sie eilte in die Küche und brachte ihm Suppe und einige Brötchen.

Während er hastig aß, rannen ihm zwei Thränen über die Backen.

Sie drehte sich um, dann legte sie die Hand auf sein Haar und sagte leise: »nicht verzweifeln!«

Seit diesem Tage nährte sie ihn, und er wohnte bei ihr, ohne einen Heller zu bezahlen. Sie betrog ihren Mann und berechnete ihm alles höher, um das Nötige für Ernst herauszuschlagen.

Einmal umschlang er sie mit beiden Armen: »Wenn ich dich nicht hätte!«

Da neigte sie ihren Kopf auf seine Schulter und küßte ihn leise auf den Hals. Seit diesem Tage verlangte er mehr als Kost und Wohnung von ihr, und sie gab ihm alles, was er verlangte. Sie war eine ungeschickte Heuchlerin, und bald hatte ihr Mann alles heraus.

Er jagte sie und ihn aus dem Hause.

Ernst Schüler nahm die Ratlose, Verzweifelnde an der Hand und sagte ruhig: Geh nur mit mir. Er blieb[41] die ersten Tage bei einem Freunde, der ein Mansardenstübchen bewohnte.

»Liebst du sie denn?« fragte der Student ironisch. »Sie soll dich doch adoptieren, dann ist euch beiden geholfen; vielleicht nimmt sie ihr Mann dann wieder zurück«.

»Ich liebe sie nicht« antwortete Schüler, »aber sie ist grenzenlos gut gegen mich gewesen. Ich werde sie nicht verlassen«.

»Dann hast du ihre Güte übel vergolten« meinte der andere. »Heute oder morgen setzest du sie ja doch sicher auf die Straße; dann kann sie verkommen, denn einen dritten findet die nicht«.

Ernst antwortete nicht. Von diesem Tag an besuchte er die Universität nicht mehr. Weder Frau Wachmann, noch der Student, bei dem sie alle beide wohnten, wußten durch etliche Wochen, was er trieb. Dann kam er eines Tages nach Hause. Er sah hohläugig und finster aus, legte aber einiges Geld auf den Tisch. Eine Assekuranzgesellschaft hatte ihn engagiert. Er mietete eine Stube mit einer Küche, setzte seine Freundin in die Stube, wohnte in der Küche, und gab sich als ihr »Zimmerherr« aus.

Niemand legte ihnen etwas in den Weg.

Herr Wachmann that keinen Schritt, um seine Frau zurückzuholen. Sie führte kein glückliches Dasein. Schüler war jeden Abend von Hause fort. Kam er dann in der[42] Nacht heim, so war er furchtbar aufgeregt. Sie durfte ihn nie fragen, wohin er ging; dann wurde er grob. Manchmal kamen etliche, meist junge Leute mit ihm. Dann befahl er ihr, unsichtbar zu sein. Sie verkroch sich in einer Ecke der Küche und saß die ganze Nacht halbschlafend da, während von drinnen hitziges Stimmengewirr heraustönte. So gings ein Jahr fort.

Schüler war längst nicht mehr in jener Assekuranzgesellschaft, aber was er that, konnte sie nicht herausbringen, und zu fragen getraute sie sich nicht.

Manchmal fasteten sie mehrere Tage, oder sie bereitete ihm mit dem kargen Geld, das er ihr brachte, dünne Suppen und mageres Gemüse; dann scherzte er: »Saperlot, du bist die schlechteste Köchin meines Lebens, Mathilde«.

Eines Tages las sie auf allen Plakaten den Namen ihres Freundes. Er sollte am Abend in einer antisemitischen Versammlung das Wort führen. Er kam zwei Tage nicht nach Hause, dann mit heiterem Gesichte und Geld in der Tasche. Er schlug ihr ihre zwei Weingläser entzwei, faßte sie um die Mitte, und tanzte mit ihr.

»Miet eine bessere Wohnung, Alte, und setz mir wieder was Ordentliches zu essen vor; wir werden jetzt reiche Leute«.

Es erschienen verschiedene gutgekleidete Herren und sprachen lange in der Stube mit ihm. Einer sagte gar[43] einmal »gnädige Frau« zu ihr, was sie hoch erröten machte. Sie bezogen eine nette kleine Wohnung. Aber die Herrlichkeit war von kurzer Dauer. Eines Tages wurden ihnen ihre Habseligkeiten gepfändet.

Nun mieteten sie sich für etliche Wochen in ein kleines Einkehrhaus ein. Sie bekam Schüler selten zu sehen und grämte und ängstigte sich. Einmal erschien er sehr elend aussehend. Er hatte ein dickes Manuskript in der Tasche. »Wenn das nicht zum Helfer in der Not wird, schieß ich mir eine Kugel vor den Kopf« sagte er finster auf das Papier deutend. Er ging aufgeregt die ganze Nacht hin und her. Am Morgen entfernte er sich. Das Papier enthielt eine mühsame Arbeit. Einige jüdische Familien, deren Häupter an der Spitze großer sozialer Unternehmungen standen, wurden darin verschiedener privater Ausschreitungen beschuldigt. Ihre Stellung in der Gesellschaft war gefährdet. Ein ungeheurer Prozeß mit vielen schmutzigen Enthüllungen drohte. Das bekannte Skelett, das ja in jedem Familienhause verborgen sein soll, war hier mit erbarmungslosem Griff ans Licht gezerrt. Es gehörte zähe Ausdauer, ungewöhnliche Orts- und Personalkenntnis dazu, dies Schriftstück zu verfassen. Es hieß: »Enthüllungen« und war nichts weiter, als die letzte verzweifelte Anstrengung eines zum Schurken gewordenen Menschen, sich Geld zu verschaffen. Nach einigen Tagen kam Schüler heiter und ruhig zurück.[44]

»Ich habe in der Theresienstraße eine Wohnung gemietet, bin Redakteur am ›Tagesbericht‹ geworden, und bitte dich nun, dir anständige Kleider und anständige Mobilien für unsere Wohnung zu kaufen. Hier hast du Geld«. Er drückte ihr einen Tausendmarkschein in die Hand.

Er hatte erreicht, was er wollte.

Man hatte ihm eine feste Stellung zugesichert, wenn er – schweige. Er erhielt einen gut bezahlten Posten an einer nicht übel angeschriebenen Zeitung.

Nun lebten sie sorgenlos nebeneinander.

Er ging täglich nach seiner Redaktion, schrieb wütende Artikel gegen die Antisemiten und gab sich als braven Judenfreund. Er himmelte Baron Hirsch an, und verfaßte ein Adreßbuch der bekanntesten jüdischen Familien. In seinen müßigen Stunden dichtete er auch. Nachdem er zwei Jahre am Redaktionstisch gearbeitet hatte, erzwang er sich einen Urlaub mit guten Diäten. Unter dem Decknamen eines Berichterstatters reiste er ab.

Zunächst nach Frankreich. Seine Freundin ließ er zu Hause. Er sandte etliche Reiseberichte an seine Zeitung. Mathilde Wachmann erhielt dann und wann eine Postkarte. Endlich verstummte er ganz. Es vergingen einige Wochen, es verging ein Monat. Eines Tages klingelt es. Frau Wachmann geht zu öffnen. Ernst Schüler, ein junges, schönes Mädchen an der Hand, tritt ein.[45]

»Hier ist Mathilde Wachmann, meine Wirtschafterin, die mir mehr als Wirtschafterin, die mir Freundin und Beraterin ist. Sei gut gegen sie. Hier meine kleine, süße Frau, die ich deinem Herzen empfehle«. Er warf einen Blick auf die beiden Frauen, die einander anstarrten, und ging hinein, sich seiner Reisekleider zu entledigen.

Alice war klein, herzig, neunzehnjährig. Er hatte sie in einem lothringischen Städtchen kennen gelernt, wo er ihren Bruder, einen ziemlich bekannten Schriftsteller, besuchte. Sie besaß nichts als den Anzug, den sie eben trug, ein verschossenes grünes Röcklein mit gelben Seidenrosetten geziert. Er hatte sich rasend in sie verliebt und sie halb zur Kirche geschleppt.

Der Bruder war nicht dagegen gewesen, denn die Sorge um den Unterhalt seiner Schwester hatte ihn immer viel beschäftigt. Seine schriftstellerischen Einkünfte waren gering, und außerdem hatte er noch für seine beiden Kinder zu sorgen.

Die kleine Alice mit ihrem brauen Lockenköpfchen, ihren sonnigen, großen Augen und wunderbaren Pfirsischfarben lachte gerne, trank mit Vorliebe süße Weine, und brauchte täglich drei Stunden, um ihre Stirnlöckchen vor dem Spiegel zu ordnen. Von Wirtschaft verstand sie nichts. Aber sie kommandierte brav ihre Haushälterin.

Das Weib mit den vor Kummer eingefallenen Wangen,[46] den stumm anklagenden Augen, ging wie ein düsterer Schatten im Hause umher.

Hätte sie fort sollen? Wohin? Jetzt, wo das Alter vor der Thüre stand, wo sie so viel um ihn gelitten, wo sie ihn liebte mit dem Wundgefühl des Weibes, das alles hingegeben hat.

Sie blieb und lauschte vor der Schlafzimmerthür den Liebkosungen des jungen Paares. Alice glaubte anfänglich alles, was ihr Mann über Mathilde Wachmann gesagt hatte. Aber eines Tages warf sich die ältere Frau an die Brust der Jungen und schluchzte in herzzerreißendem Jammer: »Nimm ihn mir doch nicht ganz. Laß ihn mir doch auch ein bischen!«. Da begriff das junge Weib. Von der Zeit an war sie zurückhaltender gegen Ernst. Manchmal, wenn er nach Hause kam, fand er die beiden Frauen Hand in Hand nebeneinander sitzen. Das war ihm nicht recht. Das wollte er nicht. Er verbot seiner Frau den gar zu vertraulichen Umgang mit der andern. »So jag sie fort« schrie sie in Thränen ausbrechend.

Das konnte er nicht. Alice stieß ihn, wenn er sie liebkosen wollte, von sich.

Es kam eine Zeit, wo er in die mütterlichen Arme Mathildens flüchtete, um das Leid, das ihm sein Weib bereitete, zu vergessen.

Die junge Frau weinte sich die Augen rot. Da siegte wieder Mathildens Güte. »Geh zu ihr, versöhne[47] sie; sie stirbt, oder verläßt dich sonst«. Er warb wie ein Liebhaber um sie. Sie wurde wieder gefügig gegen ihn, aber traurig blieb sie, sehr traurig. Und ihre rosige Schönheit begann zu verbleichen.

An einem der Tage in dieser Periode war es, als Schüler zu Wewerka kam. Die beiden hatten immer allerlei geheime Geschäfte miteinander, die meist nicht sehr lauterer Natur waren. Während Ernst mit dem Ehepaare plauderte, aber die warmen neugierigen Kinderblicke Johannens auf seinem Antlitz ruhen fühlte, stieg ein Gedanke in ihm auf.

»Fräulein Grün« wandte er sich an sie, »wissen Sie, wem Sie ähnlich sehen?«

Das junge Mädchen lachte.

»Einem Mops; in der Schule in Sienenthal nannten sie mich immer: die Mopsin, weil ich eine so kleine Nase habe«.

»Einem Mops ähnlich zu sehen, wäre keine Schande« meinte Schüler ernsthaft, »das ist eine Hunderace, die alle Tage seltner wird, aber leider kann ich die angegebene Aehnlichkeit nicht entdecken, hingegen sehen Sie – meiner Frau ähnlich.

Vielleicht macht das, weil ihr beide gleichalterig und von derselben Statur seid«.

»Ja Sie haben recht« nickte Frau Wewerka, »sie haben Aehnlichkeit miteinander«.[48]

»Kann ich nicht finden« meinte der Hausherr.

»Na egal, Fräulein Grün; möchten Sie nicht einmal meine Frau besuchen? Ihr seid beide fremde, eingewanderte Naturkinder, recht unerfahren und müßtet euch gut verstehen. Hm?«

Johanne dankte erfreut. O ja, sie würde sehr gerne hingehen.

Die war so unschuldig, dabei ein herziges, harmloses Ding, die konnte Alice empfangen. Mehrere Frauen seiner Kollegen, bei denen die junge Frau Besuch gemacht hatte, waren so taktlos gewesen, an dem Verhältnis zwischen Mathilde und ihrem Gatten zu rühren. Das hatte sie so in Verlegenheit und Wut versetzt, daß sie nicht mehr zu bewegen war, mit ihnen zu verkehren. So lebte sie ganz einsam dahin. Johanne mit ihrem urwüchsigen Wesen würde ihr sicher Freude machen.

Es wurde ein Tag verabredet, an dem Frau Wewerka sie hinausführen sollte. Sie wohnten in einem ziemlich entlegenen Stadtteile. Später nahm die Hausfrau das junge Mädchen bei der Hand.

»So, jetzt wollen wir diese beiden Männer ihrem geheimen Komplotte überlassen, kommen Sie Johanne«.

Sie entfernten sich.

»Die Idee ist gut« sagte Wewerka und zündete sich eine neue Cigarette an, »das Mädel wird deine Frau[49] freuen. Ich habe selten so ein liebes, unschuldiges Ding gesehen«.

»Na, sie wird sich schon abschleifen«.

Schüler kniff die Augen zu. »Wär schade, wenn sie einem Tölpel in die Hände geriete«.

Und er überlegte, daß dieses kleine Mädchen eigentlich ein Kapital sei, aus dem man Nutzen ziehen könnte.

Dann rückten die Beiden einander näher und redeten mit gedämpfter Stimme von Dingen, von denen sie nicht wünschten, daß sie ein Anderer höre. Sie waren einander ebenbürtig.

Der Kampf ums tägliche Brot hatte sie gemein gemacht, verbrecherisch, ohne daß sie die Kühnheit und den Mut des wirklichen Verbrechers besessen hätten ....[50]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 26-51.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon