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[51] Frau Wewerka stellte die beiden jungen Damen einander vor, blieb noch ein Weilchen und empfahl sich mit dem Vorwand, dringende Kommissionen zu haben. Johanne gefiel es sehr gut bei Schülers. Es herrschte im Gegensatz zu Wewerkas eine wohlthuende Ordnung und Sauberkeit da.

Hübsche, gutgehaltene, moderne Möbel zierten die freundlichen Räume. Auf einem Sessel in Alicens kleinem Zimmerchen, in das sie zuletzt ihren Gast geführt hatte, saß eine Taube und gurrte.

»Das ist meine beste Freundin« sagte die junge Frau, das Tierchen an sich nehmend, »es liebt mich und kränkt mich nie«.

Und ihr rosiger Mund preßte sich auf das blaugraue Gefieder. Johanne sah sie zögernd an. Sie hätte gerne gefragt: kann Sie denn jemand kränken, Sie sind ja so lieb und schön. Aber die Zurückhaltung Alicens[51] machte auch sie kälter und zurückhaltender. Frau Schüler, die in ihrem jungen Leben schon so viel Häßliches, Mißtrauenerweckendes gesehen hatte, verlor langsam die herzige Zuthunlichkeit, die junge Frauen und Mädchen so entzückend kleidet. Nachdem sie Johanne mit ein wenig Hausfrauenstolz ihre nette Wohnung gezeigt hatte, setzte sie sich mit großem Ernst an ihr Theetischchen und bereitete Thee. Sie redeten allerlei höchst gleichgültige Dinge. Alice fragte sie, wie ihr die Kindergärtnerei gefiele, und ob sie auch die kleinen unartigen Kinder hauen dürfe. Johanne erzählte von den Eigenarten verschiedener Kleinen; dann trat eine Pause ein. Sie blickten einander an und wußten nicht weiter.

»Sie haben eine reizende Bordure an Ihrer Schürze« stotterte Johanne, um etwas zu reden, »Haben Sie sie selbst gestickt?«

»O nein« Alice sah sie treuherzig an, »ich arbeite nicht gern«.

»So?«

Wieder Pause.

»Haben Sie diesen Kuchen selbst gebacken?«

»Ja, das heißt nicht ich, unsere Wirtschafterin«.

»Aber Ihre Wohnung ist wirklich nett, hier möchte ich auch wohnen?«

»Finden Sie sie nicht klein? Drei Zimmer nur. Man sagt, hier in der Stadt mieteten die Leute ganze Etagen«.[52]

»Wewerkas haben auch nur vier Zimmer«.

»Ja?«

»Aber nicht so hübsch eingerichtet wie Sie«.

»Nein?«

»Die Möbel sind sehr verbraucht«.

»Wohl weil sie sehr viele Umzüge mitmachten. Ernst – mein Mann, erzählte es mir. Auch übersiedelt sind sie schon mehrmals«.

»So?« Johanne sah sie fragend an. Sie hätte gern mehr über ihre Hausherren erfahren. Aber die kleine Hausfrau schwieg und sagte nichts mehr. Nun werde ich wohl gehen müssen, dachte Johanne, warum haben mich Wewerkas nur hierhergeschickt. Dieser eleganten jungen Frau bin ich zu bäuerisch. Alice knapperte an ihrem Konfekt und sah forschend das junge Mädchen an. Endlich blieb ihr Blick an den plumpen genagelten Schuhen ihres Gegenüber hängen. Johanne errötete und zog schnell den Fuß zurück. Dann stand sie auf.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie belästigt habe«.

Sie schüttelten einander die Hände.

»Es hat mich sehr gefreut«.

Draußen zog sie rasch ihr Jaket an und eilte die Treppe hinab. Man hatte noch kein Gas angezündet; es war fast dunkel. Als sie auf dem letzten Treppenabsatz stand, hörte sie von oben leise hastige Schritte und fühlte eine Hand auf ihrer Schulter.[53]

»Kommen Sie bald wieder, ja?«

»O!« mit einem freudigen Ausruf wollte sich Johanne umwenden; doch die andere war schon oben verschwunden. Wie lieb von ihr! Das junge Mädchen trat lächelnd auf die Straße. Alice war ihr überaus sympatisch gewesen, nur hatte deren Kälte sie ein wenig verwirrt.

Freilich, wie hätte sie auch gleich das erste Mal anders sein sollen? Sie kannte Johanne noch gar nicht. Aber von Glück hatte man wenig auf ihrem Gesicht gelesen. Sollte Schüler nicht gut gegen sie sein? Das war doch gar nicht zu denken. Sie war in Gedanken versunken und verlangsamte ihre Schritte. Plötzlich tauchte ein Mann an ihrer Seite auf.

»So allein, schönes Kind?«

Er trug einen Cylinder und sah sehr vornehm aus. Johanne blickte ihn erschrocken an und beschleunigte ihren Gang. Aber das störte ihn nicht.

»Gehen Sie weit?« Er wollte nach ihrem Arm fassen. Sie blieb stehen.

»Ich weiß nicht ... Sie sind sehr komisch ... ich ... kenne Sie doch gar nicht«.

Ihre erschreckten Augen schienen ihm zu gefallen.

»Allerliebster Balg, nun sagen Sie aber – haben wir noch weit zu gehen?«

»Wir? Wohnen Sie denn bei mir im Hause?«[54]

Er lachte auf. »Das wohl kaum. Aber ich werde vielleicht oft zu Ihnen kommen, wenn wir einander gefallen«.

Ihr Gesicht färbte sich glühend.

»Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie –«

»Pst, pst« er legte den Finger an den Mund, »nicht so laut, machen Sie doch keine so langen Geschichten, und kommen Sie. –«

Da fuhr ihre Hand blitzschnell in sein Gesicht. Sie wußte einen Augenblick nichts von sich; erst als jemand ihren Arm ergriff und festhielt, kam sie zur Besinnung.

»Oho, Madamchen, was treiben Sie denn da?« Ein Mann mit einer Pickelhaube stand vor ihr.

»Der, der – der Freche dort« – sie wandte sich suchend um, entdeckte aber nur ein paar fremde Menschen, die sie lachend umstanden, »er wollte mit mir gehen« ...

»Na, das wird Ihnen nicht zum ersten mal passiert sein« meinte der Wächter des Gesetzes.

»Was?« ...

Zornbebend trat sie ihm einen Schritt näher und hätte sich wer weiß wozu in ihrer Unerfahrenheit hinreißen lassen, wenn nicht der Schutzmann, den die ehrliche Entrüstung der Kleinen aufklärte, grob ausgerufen hätte:

»Wenn Sie sich solchen Angriffen nicht aussetzen wollen, wählen Sie keine berüchtigten Gassen zu Ihrem Spaziergang, verstanden?«[55]

Sie begriff nicht ganz, was er meinte; dunkel aber dämmerte es in ihr, daß sie eiligst diese Gegend verlassen müsse. Laufenden Schrittes machte sie sich davon. Zu Hause berührte sie mit keinem Wort ihr häßliches Abenteuer.

Als sie in ihrem Stübchen war, drückte sie das brennende Gesicht in die Hände und weinte. Zum ersten mal in ihrem Leben hatte eine schmutzige Hand in ihre junge, reine Seele gegriffen ...

Das war Ninive, die Stadt der Herrlichen! Wo waren die doch? Wo war das, was sie erträumt hatte?


Mehrere Tage lang fühlte sie sich sehr gedrückt und hätte am liebsten das Haus nicht verlassen. Eines Nachmittags jedoch, als die Schule zu Ende war, schlug sie, einem innern Wunsche gehorchend, den Weg zu Schülers ein. Er würde wie immer wohl in der Redaktion sein, und Alice war allein. Die Mutmaßung traf zu. Die blasse, verhärmt aussehende Frau, die ihr öffnete, sagte, Frau Schüler sei anwesend. Alice kam ihr freundlich entgegen. Sie hatte ihr Täubchen im Arme.

»Das ist nett von Ihnen. Sehen Sie, eben habe ich mit meiner Freundin gespielt. Nun kann ich sie ja wieder zurücktragen«. Sie lief mit dem Tierchen davon, kehrte schnell wieder zurück, zündete den Docht unter ihrer[56] Theemaschine an und zog Johanne neben sich auf das kleine Sopha neben dem Theetisch.

»Was machen Sie immer? Ich langweile mich so sehr. Sie auch?«

»Ich – weiß nicht«, Johanna sah still vor sich hin, »ich langweile mich nicht, aber ich bin gar nicht so froh, wie ich geträumt habe, daß ich es hier sein müsse«.

Alice ergriff sie beim Arm. – »Auch Sie? Sehen Sie, mir gehts ebenso. Ganz genau so. Woran liegt das?«

»Bei Ihnen begreife ichs nicht« meinte Johanne. »Sie müssen doch sehr glücklich sein: Sie haben einen lieben Mann, ein reizendes Heim«.

Alice legte ihre Hand auf Johannens Mund. »Seien Sie still«.

Das junge Mädchen sah sie erstaunt an.

»Wie?« ...

»Haben Sie auch Geschwister?« fragte Alice, hastig weiter plaudernd. »Ich wohnte bei meinem einzigen Bruder. Er ist Schriftsteller in einem kleinen lothringischen Städtchen an der französischen Grenze. Ich war nicht gerade glücklich, aber doch zufrieden bei ihm. Er hatte nämlich ein Verhältnis und zwei Kinder, die sich den ganzen Tag bei uns aufhielten. Ich liebte sie nicht diese Kinder. Sie waren schmutzig und ungezogen. Und sie erst. Eine Hallendame sag ich Ihnen. Aber trotz[57] allem, ich wollte, ich wäre dort geblieben. Wir hatten ein kleines Gärtchen vorm Haus; da gabs Flieder und Jasmin« – sie stockte und schwieg.

»Warum hat er sie nicht geheiratet?« fragte Johanne leise.

»Ach, dazu war sie ihm zu ungebildet«.

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, es ist alles so ... so ... halb«. Endlich hatte sie das Wort gefunden. »Lauter Halbes, wohin man schaut. Keiner giebt sich ganz, jeder nur einen Teil, und begehrt auch wieder nur einen Teil vom Andern. Welch seltsame Welt!«

»Haben auch Sie schon Erfahrungen gemacht?« Alice blickte sie mit wachsender Teilnahme an. »Ich glaube wir sind gleich alt. Nicht?«

»Ich bin bald neunzehn«.

»Und ich war vor etlichen Tagen zwanzig«.

»Sie sind auch schon Frau«.

»Sie werden es wohl bald; oder kennen Sie keinen Mann, den Sie heiraten möchten?«

»Ich kenne überhaupt nur vier Männer« lachte Johanne, »unsern Pastor, meinen Vormund, Herrn Wewerka und Ihren Mann. Nein, unsern alten Doctor in Sienenthal, den ja auch« setzte sie hinzu.

Das harmlose, schlichte, ehrliche Wesen des jungen Mädchens gefiel Alice immer besser. Es strömte etwas[58] Gesundmachendes, Kraftvolles aus ihrer Nähe. Sie war so sauber; ihr roter Mund mit seinen prächtigen, schneeweißen Zähnen glich einer silberklaren Quelle, die nur Reines ans Licht trägt. Sie traten einander immer näher. Bei einem der nächsten Besuche, den Johanne ihr machte, erfuhr sie alles. Ihre Hände waren eiskalt, als sie zum Abschied sie in die ihrer neuen Freundin legte. –

»Daß wir uns nach dem heutigen Tag nicht mehr Sie sagen können, begreifst Du« meinte die junge Frau, sich die letzten Tropfen aus den Augen wischend.

»Ich will Dir auch eine treue Freundin sein, zähle auf mich« sagte Johanne ernst. »Ich hab viel gelesen in früheren Jahren, aber so Trauriges nicht, wie ich hier täglich sehe und höre. Sag mir nur, glaubst Du, daß alle Menschen unrein sind? Vielleicht haben wir eben nur solche kennen gelernt; wir müssen uns umsehen und suchen, damit wir nicht verzweifeln. Diese Frau Wewerka scheint auch eine dunkle Vergangenheit zu haben. Jüngst stritten sich die Beiden im Speisezimmer, ich wohne nebenan und vernehme jedes Wort. Ihr Mann sagte: Angenehm kann es mir ja nicht sein, mit Deinem früheren Anbeter zu verkehren; aber wenn seine Lage wirklich so glänzend geworden ist, laß ihn immerhin herkommen, vielleicht erweist er sich nachträglich dankbar gegen dich«.

Alice preßte die Zähne auf die Lippen.[59]

»Hast Du Deinen Mann lieb?« fragte Johanne, als sie schon an der Thür war.

Die junge Frau sah auf die Spitzen ihrer winzigen Lackschuhe und errötete.

»Er kann – so süß sein. Man schmilzt in seinen Armen dahin. In diesen – solchen Momenten liebe ich ihn; aber dann, wenn wir beide nüchtern sind, bei Tage, oder unter fremden Leuten, möchte ich ihn oft anspeien vor Verachtung. Sie hat mir noch viel anderes von ihm erzählt« ...

»Sie ists doch, die mir immer die Thüre öffnet?«

»Ja, die«.

»Uralt! Wie kann er die nur lieben?«

»Es ist ja blos Mitleid«.

»Er ist doch aber kein guter Mensch«.

»Gott, gut! So'n bischen weich«.

»Ja, ja. Halb. Nicht kräftig genug zu etwas Ganzem. Nicht dich verlieren, nicht die Andere verlieren«.

An diesem Abend geschah etwas Seltenes. Johanne, die sonst keine besondere Freundin des Betens war, warf sich vor dem Schlafengehen auf die Kniee und betete innig. Sie betete, daß Gott ihr und ihrer jungen Freundin gute, reine Menschen entgegenführen möge, an denen sie sich halten und stützen könnten.

Sie war erst wenige Monate da und schien innerlich[60] um Jahre gealtert. Sie erfuhr mit jedem Tage Neues vom Leben.

Ihre kindliche Bewußtseinsdämmerung war einer grellen blendenden Ahnung gewichen. Das Pflaster ihres Ninive schien von Thränen heiß zu sein und von fiebernden Sohlen, die über ihm hinwegschritten. – Manchmal ging sie nach der Kirche und hörte eine Predigt an. Aber die geistreichen, eiskalten Tiraden dieser eleganten Priester machten sie nicht froher. Ihr inneres Leid, zusammen mit der schlechten, wenig gesunden Nahrung, ließ sie rasch abmagern und nahm ihrem Gesichte die rosige Farbe. Sie glich jetzt den anderen Großstadtmädchen mit heißen, überwachten Augen und fahler Haut. Am Abend fiel sie immer totmüde ins Bett. Die Schule lag weit weg von hier, und sie mußte täglich viermal den Weg zu Fuß zurücklegen. Auch gestand sie sich ehrlich, daß ihr die Pädagogik nicht das geringste Interesse abgewann. Sie lernte ohne Freude, ohne Hoffnung. Aber beharrlich, wie sie war, kam es ihr nicht in den Sinn, an einen anderen Beruf für sich zu denken. Einmal sagte sie zu Alice: »Weißt Du, es ist auch trostlos. Die ewige Schule, Herr und Frau Wewerka! Wenn ich Dich nicht hätte!« ...

»Und Du hast doch so wenig von mir« meinte Alice. »Aber weißt Du, mir ist jüngst ein Einfall gekommen. Ich will Ernst bestimmen, daß er nette Leute zu uns bringt. Was meinst Du? Leide ich nicht ebenso[61] wie Du unter dem Einerlei? Den ganzen Tag fast allein, das traurige Gesicht Mathildens vor mir ... Immer kann man auch nicht lesen. Wir wollen uns ins Leben stürzen, willst Du?«

Johanne lächelte. »Aber wie fängt man das an?«[62]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 51-63.
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