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[228] »Wie gefiels dir gestern?« fragte Johannes sie am nächsten Tag in seiner gewohnten gütigen Weise.

»Deine Rede war mir zu weich, aber am meisten verdroß mich der Bilderverkauf und die – Sammelbüchse. Du forderst ja die Wahrheit, Meister«. Sie sah ihn mit Augen an, in denen Thränen zitterten.

Er lächelte gutmütig, scheinbar ohne sich im mindesten über ihre Offenheit zu ärgern.

»Das alles verstehst du nicht, Kind. Aber ich danke dir für deine Offenheit«.

Sie senkte den Kopf. Diese Demut seiner Worte ergriff sie wieder. War sie abermals gegen den Gerechten ungerecht gewesen? O, ihr Kopf schmerzte von all dem Denken und Grübeln. Ihr Herz zwang sie beständig vor ihn auf die Kniee, aber der Verstand, der kalte, unerbittliche Richter! .....

Bei Tisch sagte Johannes:[228]

»Warum sprichst du nicht mehr mit Johanne, Paulus? Habt ihr Streit mit einander gehabt? Kinder, Kinder!«

Paulus schüttelte den Kopf.

»Ich habe nichts gegen dich, Johanne«.

Er sah sie kalt an, und doch fühlte sie ein unbestimmtes Lodern aus seinem Wesen.

»Auch ich bin dir nicht böse« erwiderte sie ihm ruhig.

Nach dem Essen ging sie ihren kleinen Spaziergang zu machen. Als sie wiederkam und eintrat, stockte ihr der Atem vor Bestürzung.

Auf einem Stuhl, Johannes gegenüber, saß – Schüler. Paulus und Angelus, leicht aneinander gelehnt, standen neben ihrem Meister. Angelus' Augen hingen mit fast zärtlichem Blick an Schülers Lippen. Johanne war einen Augenblick wie gelähmt; dann grüßte sie leicht, und ließ sich, ohne Hut und Jäckchen abzulegen, am Schreibtisch nieder. Ihre Pulse hämmerten. Mechanisch schlug sie eine Schreibmappe auf und that, als suche sie etwas.

»Wie gesagt« fuhr Johannes weiter fort, »wenn Sie das nicht anficht, ist nichts im Wege, daß Sie einer der Unseren werden«.

»Wie sollte mich der Hohn der Plebs bekümmern, Meister? Verspottet sie nicht alles Hohe, Ernste, was[229] über ihren niedern Horizont hinausreicht?« Schüler sah leicht nach der zusammengekauerten Gestalt am Schreibtisch hinüber, und fügte hinzu: »Was meine Bekanntschaft in andern Städten betrifft, muß ich sagen, daß sie sich meist auf die oberen Zehntausend erstreckt. Aber das wird Sie nicht hindern, mich zu ermächtigen, für Ihre gute Sache Propaganda zu machen. Das Volk« er lachte, »das Volk steckt man ja leicht in die Tasche; zu fürchten sind nur die kritischen Kreise. Und wie gesagt, ich habe Freunde im Reichstag, tüchtige Redner; wenn so einer mal Ihre Ideen ernsthaft anpackte und unter die Leute brächte, wissen Sie, das zöge. So einer gilt als nichts weniger, dem als Schwärmer; den hält man nüchterner Beurteilung fähig«.

»Das wäre allerdings sehr fördernd für uns« meinte Johannes, »nur – ich kann so wenig – Ihre Mühe vergüten, Herr Schüler –«

»Aber, lieber Meister« Schüler machte eine abwehrende Handbewegung, »ich wiederhole Ihnen ja, der angebotene Gehalt genügt mir einstweilen. Und – was ich sagen will, wünschen Sie im Interesse Ihrer Sache, daß ich – eh –« er lächelte ein wenig – »gekleidet gehe wie Sie?«

»Darüber will ich noch nachdenken« bemerkte Johannes.

»Schön; dann erlaube ich mir also, in diesen Tagen[230] vorzusprechen, um dieselbe Stunde, nichtwahr?« Er erhob sich rasch, verbeugte sich tief vor Johannes und schüttelte Paulus und Angelus die Hand. Dann schritt er, ohne rechts oder links zu sehen, hinaus.

Mit einer heftigen Bewegung war Johanne vom Schreibtisch aufgesprungen und ihm nachgeeilt. Auf der Treppe erreichte sie ihn.

»Was soll das?« Ihre Lippen zitterten. »Sie lügen und beschwindeln diese Menschen. Das kann ich nicht zugeben. Ich stehe in den Diensten dieses Mannes. Seine Interessen sind auch die meinen«.

»Aber zum Teufel – vor allem bleibe ich nicht hier auf der Treppe stehen –«

»Nein, ich gehe mit Ihnen« sagte sie fest. Sie schritten zusammen hinab. Auf der Straße bohrte sie ihre Augen in die seinen. »Also stehen Sie mir Rede, weshalb wollen Sie diesen Mann, der Ihnen sicher nichts Böses zugefügt hat, betrügen? Sie bieten sich ihm als Träger seiner Ideen an, als seinen Herold, Sie!«

Aus ihren Worten klang unsägliche Geringschätzung.

Schüler drehte nervös die Enden seines Schnurrbarts zwischen den Fingern.

»Vor allem, schreien Sie nicht so laut; die Leute bleiben stehen. Dann sagen Sie mir: sind Sie verrückt, oder mit welchem Recht mischen Sie sich eigentlich in meine Angelegenheiten?«[231]

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich in Diensten dieses Mannes stehe, daß ich ihn hochschätze, er mir heilig ist –«

»Ja, ja, ja, das ist alles recht, das geht mich ja nicht im mindesten etwas an«.

»Und daß ich es nicht dulden werde, daß Sie ihn irreführen«.

»Wer will ihn denn irreführen, alle Wetter«. Schüler blieb stehen; seine Brauen furchten sich zornig. »Er ist ein bekannter Schwindler, der, zu faul zum Arbeiten, sich aufs Komödiespielen verlegt. Er weiß, daß die Welt heute nach Neuem hungrig und jeder Gaukler und Taschenspieler ihr willkommen ist. Er nützt das aus. Er hat ganz recht; ich würde es auch so machen wie er, wenn ich schon früher auf die gute Idee gekommen wäre, einen Heiligen zu spielen«.

»Es ist nicht wahr, was Sie sagen« rief Johanne ungestüm, »der Mann glaubt, was er lehrt«.

»Aber so lassen Sie sich doch nicht –« Der Redakteur lachte hell auf. »Er glaubt kein Wort von dem Schwefel, den er predigt. Für so dumm dürfen Sie ihn nicht halten; das hieße, ihn wirklich beleidigen. Uebrigens saß er bereits zweimal im Gefängnis wegen Erbschleicherei, – er versucht sich auf allen möglichen Gebieten, natürlich immer in der Maske des Christus, das versteht sich von selbst. Auch Paulus, der schöne, junge Ritter, saß etliche[232] male. Er hat mit verschiedenen Medien, die er hypnotisierte, unerlaubte Dinge getrieben. Na, Fräulein Johanne, Sie schütteln sich, ich kann Ihnen versichern, die Gesellschaft ist nicht sauberer als ich – vielleicht den kleinen Angelus ausgenommen, den er noch nicht ganz eingeweiht hat. Vor kurzer Zeit noch hätte ich mich für viel zu gut gehalten, mit diesen Leuten in Verbindung zu treten, aber augenblicklich stehe ich vor de rien. Meine Stellung an der Zeitung ist mir gekündigt worden, meine Möbel sind verkauft. Daß meine Frau mit Babinsky durchging, werden Sie wohl längst erfahren haben –«

Johanne blieb stehen und schlug stumm die Hände zusammen.

»Mir bleibt nichts übrig, als einen Verdienst zu suchen, wo ich ihn finde«.

Er nahm den Hut von der feuchtgewordenen Stirn.

»Aber trotzdem, weiß Johannes wer Sie sind?« hauchte Johanne totenbleich.

»Natürlich, natürlich, weiß ers; er kennt mich ja schon längst. Glauben Sie mir, er weiß auch, daß ich ihn ganz kenne, deshalb stellt er sich so fügsam an. Er macht mir auch den Schwindel des Dusagens nicht vor, wie Sie bemerkt haben werden, er –«

»Ich danke Ihnen« sagte das junge Mädchen plötzlich, wandte sich kurz um und ging in das Bureau zurück. Johannes schrieb; Angelus las. Paulus war abwesend.[233]

»Meister« sagte Johanne mit einer ihr selbst fremden Stimme, »hüte dich vor dem Mann, der da eben von dir ging; er ist dir nicht gut«.

»Wieso?« Johannes Augen blickten sie scharf an. »Woher weißt du das?«

»Er sagte mir Dinge von dir, die nicht wahr sein können, nicht wahr sein dürfen« schrie das junge Mädchen auf, seine Hände wie im Fieber ergreifend. »Hörst du Johannes, jag ihn fort, wenn er wiederkommt«.

»Ich verstehe dich nicht«. Er erhob sie würdevoll. »Was meinst du? Fasse dich vor allem«.

Angelus trat erschrocken zu den Beiden.

»Er sagt, du seist ein Gaukler, der nicht glaubt, was er lehrt«.

»Bah« Johannes lächelte schwach. »Du weißt doch längst, daß ich Feinde habe«.

»Gut, aber bediensten, bei dir bediensten wirst du doch einen solchen nicht« .....

»Gerade« sagte er ruhig.

»Nein, du wirsts nicht« rief sie in Thränen ausbrechend.

»Das ist meine Sache, denk ich –«

»Nein, das ist aller Sache, die sich für deine Ideen interessieren«.

»Johanne, du wirst anmaßend«.

»Fürchtest du ihn?« brach es verzweifelt aus ihr, »bangt dir vor ihm? Thust du deshalb wie er will«.[234]

Da trafen sie zwei Blitze aus seinen Augen, und eine jähe, brennende Röte ergoß sich über sein Gesicht.

»Gehe«.

Er wandte sich ab.

»Johannes, beim lebendigen Gott, du ahnst nicht, was du an einer Menschenseele verbrichst, wenn du mich im Glauben an die Wahrheit der Worte dieses Schurken läßt«.

»Dieser Mann ist kein Schurke, er ist mein Freund; und übrigens« – er drehte sich blitzschnell nach ihr um, »entfernen Sie sich gefälligst sofort, aber sofort«. Seine Züge waren von wildem Zorn verzerrt. Angelus fiel vor ihm auf die Kniee und suchte seine Hände zu fassen.

Johanne schritt hinaus.

Sie spürte ein kaltes Gefühl im Rücken; sonst meinte sie sich ganz wohl zu fühlen. Ich kann ja noch lesen, sagte sie sich auf der Straße, die Namen der Ladenschilder buchstabierend. Ich lebe noch. Das ist die Kasernengasse und dort biegt die Straße ein, in der ich wohne. Der Schlag hat mich also nicht getroffen, denn ich habe noch meine Sinne beisammen. Mit festen Schritten stieg sie ihre vier Treppen hinauf, öffnete ihr Stübchen und ließ sich an dem hölzernen Tisch nieder. Sie stützte den Kopf in die Hände.

Ja, Johanne, Johanne Grün, aber mein Gott! Mit einemmale wurde ihr unheimlich zu Mut; sie sprang auf und eilte zu der alten Blumenmacherin hinüber.[235]

»Herr je, haben Sie kalte Hände« sagte das Mädchen, das den feinen Draht weggelegt und Johannes Rechte ergriffen hatte.

»Eine Wasserrosenguirlande« murmelte Johanne, die Blumen, an denen die Arbeiterin beschäftigt war, mechanisch betrachtend. »Wirklich hübsch, ich liebe sehr diese Blumen; bei uns zu Hause, auf dem kleinen See im Walde, gabs ihrer genug. Ach, die Welt ist doch toll, Marie, nicht? Aber wissen Sie, ich werde wieder gehen; ich geh zu Bett, es ist mir zu kalt. Wir haben ja auch erst März, da darfs einen schon frieren, ohne daß man sich dessen zu schämen braucht, nicht?« Mit gebeugtem Kopf schritt sie hinaus, gefolgt von den erstaunten Blicken der Anderen.

In ihrem Stübchen begann sie sich auszukleiden; plötzlich fuhr sie sich an die Stirne, zog die abgestreiften Kleider wieder an und eilte fort. Auf der Straße sahen ihr die Leute nach. Sie lief lange, beinahe dreiviertel Stunden. Mit dem Instinkt der Trunkenen fand sie die Straße, die sie suchte, die Nummer, von der sie in früheren Zeiten viel hatte reden hören.

Sie rannte die Treppe hinauf, klingelte an einer Thür, nannte der öffnenden Frau ihren Namen und trat ein.[236]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 228-237.
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