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[77] Es war kein erfreuliches Leben.

Der Unterricht dieser Kinder mit ihren frühreifen, altklugen Gesichtern, in denen der Charakter der Eltern bereits ausgeprägt stand, lastete wie eine schwere Pflicht auf Johanne. Man merkte es in ihrem Umgang mit den Kleinen. »Sie sollen mit Liebe den Kindern entgegentreten, nicht mit der Miene verdrossenen Pflichtgefühls« sagte die Lehrerin.

»Es sind ja nicht meine eignen« drangs unwillkürlich über die Lippen des Mädchens. Nachher schämte sie sich des Wortes. – Eine unendliche Leere und Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer.

Diese riesigen Mietskasernen mit ihren prunkvollen Aufgängen, ihren Telephonen, elektrischen Beleuchtungsapparaten, Dampfheizungen, ihren hundertartigen technischen Ueberraschungen, diese Mietspaläste, in denen eine bis zur Sinnlosigkeit unruhige, hastende Menge aus- und eineilte, erschienen ihr wie mächtige steingewordene Lügen.[77] Früher hatte sie geglaubt, daß in schönen Palästen glückliche Menschen wohnen müssen; nun hatte sie mehr und mehr Einblick in das Leben erhalten. Die Füße aller dieser hinstürmenden Menschen waren schmutzig und staubig von den Wegen, die sie wandelten. Die Kinder sahen nicht wie Kinder aus, und die Erwachsenen besaßen alle etwas greisenhaft Blasiertes, Erschöpftes. Auf der Straße durfte man keinen Moment langsam gehen, oder vor einem Schaufenster stehen bleiben, ohne sich den ärgsten Insulten auszusetzen.

In den Kirchen predigten Priester, die eher alles, als das was sie verkündeten, zu glauben schienen. Und die Kunst? Waren die Herren Mink und Babinsky nicht typisch für die Zustände, die da herrschten.

»Ninive« stand als Sonnenuhr über den andern Städten des Reiches. Welche Stunde sie in Sachen des guten Geschmacks zeigte, die galt für alle Kunstfreunde des Landes. Wenn Herr Babinsky Herrn Mink in langen Berichten lobte und Herr Mink Babinsky als das größte Genie pries, mußten die guten Provinzler es nicht glauben? Und der Ehrenmann Schüler, der an der Spitze eines großen Blattes stand und im »Brustton ehrlicher Ueberzeugung« seine hochherzigen, lieberalen Gesinnungen und Ansichten in die Welt posaunte (einstweilen genügte ihm der Gehalt, den sein Chef ihm auszahlte), stand er etwa vereinzelt da? War Wewerka[78] besser? Daß seine sogenannte Redakteurstellung nur ein Scheinamt war, hinter dem er allerlei dunkle Spekulationen verbarg, mit denen er von Zeit zu Zeit irgend einen der biederen Landwirte brav »hineinlegte«, war Johanne längst klar. Schmutz überall, wo man anfaßte.

In manchen Augenblicken war ihr, als höre sie langes Gras um sich flüstern und spüre frischen Wind auf ihren Wangen spielen. Aber mit ihrer angeborenen Festigkeit – oder wars der Trotz der Jugend, die ein einmal ins Auge gefaßtes Ziel nicht lassen will – sagte sie sich: nein. Der Kurs mußte hier beendet werden; koste es, was es wolle, und wenn selbst ihr körperliches Wohlbefinden darunter leiden sollte. Alle die Erfahrungen, die ihre kindlich reine, durch ihr einsames Jugendleben doppelt empfindsame Seele trafen, zehrten an ihrer Gesundheit und Kraft. Ihre Wangen wurden von Tag zu Tag blasser. Sie unterschied sich jetzt in nichts mehr von den anderen Großstadtmädchen, mit ihrer ärmlichen Eleganz, ihrer zierlichen Haltung, ihren alles sehenden und sich über nichts verwundernden Augen.

Ihre braven, genagelten Schuhe hatte sie schon lange in die Ecke geworfen. Sie konnte auf diesem heißen Asphaltpflaster nicht darin gehen. Sie trug jetzt dünne Schuhchen, die wenig kosteten und bald zerrissen waren.

Eines Tages erhielt sie ein winziges rosa Briefchen.[79] »Meine liebe kleine Hanne, komm übermorgen Nachmittag zu mir. Nimm Dir aber vor, stark zu sein, denn Du wirst den treffen, nach dem Dein Herz verlangt. Ich möchte beinahe glauben, daß Schüler in Dich verliebt sei. Kaum sprach ich Deinen Wunsch aus, als er auch schon Schritte that, ihn zu erfüllen. Hüte Dich vor Ernst. Er thut nichts umsonst .....«

Im ersten Moment sagte sich Johanne: nein, ich gehe nicht hin. Dann, als der Tag anbrach, da sie hingehen sollte, faßte sie eine verzehrende Neugierde, eine Hoffnung, eine Rührung. Vielleicht kam Gutes aus der Begegnung mit diesem Manne, der doch kein niederer Mensch sein konnte, nach all dem, was er geschrieben hatte. Sie zog ihr bestes Kleid an und ging zu Schülers. Alice war am Theetisch beschäftigt; um sie gruppiert saßen drei Herren. Zwei von ihnen kannte Johanne. Es waren Mink und Babinsky; der dritte war ein kleiner, verwachsen aussehender Mensch mit wulstigen Lippen, einer birnenförmigen Nase, rötlichem Haar und klugen, spähenden Augen.

»Herr Tage, Fräulein Grün«, stellte Alice die beiden einander vor. Alle schwiegen und blickten auf das junge Mädchen. Sie wurde rot und blaß; dann sagte sie, die innere Belustigung der Andern ahnend, zu Tage: »Gerade so habe ich Sie mir gedacht«.

Alice lachte und zog die Angekommene neben sich[80] auf das Sopha. Tage, der sich neben den Freunden niederließ, blickte ironisch auf die Andern.

»Wie schlecht müssen meine Gedichte sein«.

Mink schlug ihm auf die Schulter. »Sag doch lieber: was muß ich für ein prächtiger Junge sein, denn daß deine Gedichte vortrefflich sind, bist du ebenso überzeugt wie wir«.

Es flogen einige Wortwitze hin und her; dann reichte Alice den Thee herum. Tage wandte sich an Johanne und zog sie in ein Gespräch. Er hatte etwas Feines, Wählendes in seiner Sprache, etwas überaus Beruhigendes. Jedes Wort schien, ehe es ausgesprochen war, wohl überdacht zu sein. Auch seine Art sich auszudrücken war ungewöhnlich. Man sah, daß er mit Leuten aus der Gesellschaft zu verkehren pflegte. Er war nicht der Mann, wie ihn Johanne aus seinen Gedichten erwarten konnte, aber sie war nun schon gewohnt, alles anders zu finden, als sie gehofft hatte.

Im Laufe des Gesprächs fiel ihr auf, daß er gewisse gelehrte, nach Litteraturgeschichte riechende Phrasen wieder und wieder gebrauchte; auch daß die beiden andern jungen Leute ihn mit besonderer Zuvorkommenheit behandelten. Sie konnte nicht recht klug aus ihm werden. Indes sie nach und nach ihre natürliche Lebendigkeit und Anmut wiederfand und ihre Augen[81] den gewöhnlichen treuherzigen, warmen Ausdruck erhielten, fühlte er sich von Wort zu Wort, das sie sprach, mehr gefesselt.

Seine Stärke war es ja, solche kinderreine, liebliche Mädchengestalten zu zeichnen, Mädchen mit blauen Bändern im Haar, voll süßer thörichter Einfalt. Und weil jeder Mann in jeder Frau nur das sieht und hört, was er in sie hineinlegt, so spürte Tage nichts von all dem Starken, Ringenden in dieser jungen Seele. Er hörte nur ihre Unschuld und Sehnsucht reden. Alice unterhielt sich mit Mink und Babinsky, indes sie von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die beiden miteinander Sprechenden warf.

Als Johanne endlich aufstand – sie fühlte, wie ihre Wangen zu brennen begannen – erhob sich mit ihr zugleich Tage.

»Sie gehen? Darf ich Sie geleiten?«

»Bitte« sagte sie einfach.

Die Dichterfreunde erhoben sich ebenfalls. Auf der Straße trennten sie sich von Johanne und ihrem Begleiter.

Die Beiden gingen eine zeitlang schweigend hin, dann sagte Tage:

»Dichter besitzen etwas, was man poetische Licenz nennt, das heißt: die Freiheit, zu sagen, was andere nicht sagen dürfen. Und wenn ich nun von diesem[82] meinem Rechte Gebrauch mache, werden Sie mir hoffentlich nicht zürnen, nichtwahr nein?«

Sie schwieg verlegen.

»Sie sind ein wunderbares Geschöpf. Sagen Sie, haben Sie eigentlich schon einmal geliebt?« Sie fühlte einen schmerzlichen Stich durch ihr Herz gehen. Sie geliebt? Wen etwa? Sie die ganz Einsame.

»Nein, ich – ich ging immer allein«.

Klang es nicht wie das Bekenntnis eines mittelalterlichen Gretchens: Ich ging immer allein?

»Geben Sie mir doch Ihren Arm« bat er, »es geht sich so besser in dem Gedränge«. Sie legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm. Sie gingen durch elektrisch beleuchtete Straßen, mit herrlichen Schaufenstern, tausenden von Menschen, einem Gewimmel von Wagen, die sich des riesigen Verkehrs wegen nur stockend fortbewegen konnten.

Sie fühlte, wie er sie ansah, wie er von Zeit zu Zeit ihren Arm inniger an sich drückte. Ein leiser Taumel ergriff sie. Als ob sie träumend dahinschwebe ...

Als sie endlich bei ihrem Hause hielten, sagte er leise: Fräulein Johanne, wann gehen Sie immer nach dem Fröbelhaus? Würden Sie zürnen, wenn ich – Ihnen begegnete?« Sie antwortete nicht, sondern schüttelte nach Kinderart den Kopf. Er sah ihr einen Moment lang starr in die Augen, zog ihre Hand an seine Lippen, öffnete ihr die Hausthür und verschwand[83] im Gewühl der Straße. Sie schritt langsam hinauf, berührte kaum ihr Nachtessen, und begab sich zu Bette. Lange Stunden lag sie mit offenen Augen da und lauschte in sich hinein in heimlicher Verwunderung......

Am andern Tag, als die Unterrichtsstunden beendet waren, kam er wirklich auf sie zugeeilt. Er war elegant gekleidet und überreichte ihr drei rote Rosen. Sie freute sich, plauderte ein wenig mit ihm und dachte so oft sie ihn ansah: Gott wie häßlich. Aber mit der Zeit würde sie es vielleicht übersehen. Sie blühte wie die Rosen in ihren Händen; nur um ihre Augen lag ein ganz feiner träumerischer Ausdruck.

Tage blickte sie sehr verliebt an.

Sie machten einen Umweg nach ihrem Hause. Heute sprach er auch von seinen Gedichten.

»Wissen Sie« meinte er unter anderem, »ich verkehre nur selten mit meinen Kollegen. Es sind alles rohe und was mehr ist: unfähige Burschen. Im Litteraturverein trifft man sich ja zuweilen; aber ich schneide sie, wo ich kann. Man wird gleich um Protektion angepumpt und haste nicht gesehen rufen sie einen als ihren Freund und Genossen aus. Meine Einzelstellung in der Litteratur verbietet mir solche Verbrüderung«.

»Ja, ich lachte und weinte damals über Ihre Strophen« sagte Johanne, »ich fühlte mich erhoben, wenn ich in Ihren Gedichten las«.[84]

»Das höre ich oft und es freut mich, sind sie doch –« er seufzte tief auf, »mit Herzblut geschrieben. Manches junge Mädchen hat mir schon bekannt: seit ich Ihre Poesien kenne, glaube ich wieder an das Gute und Schöne im Leben«.

Von diesem Tag an begleitete er sie sehr häufig nach Hause.

Eines Herbstabends, es dunkelte schon früh, zog er sie in den Flur ihres Hauses und stammelte: »Johanne, Johanne, ich vergeh vor Sehnsucht«. Und er brachte sein Gesicht dem ihren nah. Sie wollte etwas erwidern; da hatte er beide Lippen auf die ihren gepreßt, als wollte er ihre Seele schlürfen und war davongeeilt. Sie stand einen Augenblick an die Mauer des dunklen Eingangs gelehnt und vermochte sich nicht zu rühren. Dann ging sie hinauf und weinte. Am andern Tag wollte sie ihm einen empörten Brief schreiben, aber sie kannte seine Adresse nicht.

Zum Glück erschien er heute nicht. Sie würde vor Scham und Aerger wahrscheinlich auf der Straße eine Szene gemacht haben.

Nachmittags ging sie zu Schülers. Sie wollte dort seine Straße erfahren. Auf dem Wege dahin überlegte sie, ob er vielleicht vorhabe, sie zu heiraten. Aber selbst dann, schien es ihr, durfte er sich nicht so betragen. Sie war mit sich unzufrieden, obzwar sie nicht wußte, wie[85] sie sich hätte anders benehmen sollen. Er hatte sie überrascht. – –

Bei Schülers öffnete Alice die Thüre. Sie hatte rotgeweinte Augen und war sehr aufgeregt.

»Denk Dir, Madame ist krank, oder behauptet mindestens es zu sein. Sie arbeitet nichts und liegt auf der faulen Haut. Glaubst du, er ließe mich einen andern Dienstboten mieten? Keine Spur. Ich, meint er, soll so lange das Nötige besorgen, bis sie wieder flott ist. Wie findest du das? Ich finde es unerhört«. –

Die kleine Frau trippelte nervös in ihrem Zimmer auf und ab. »Unsere alte Wirtschafterin in St. Estephe ließ mich nie in die Küche. O, ich bin sehr unglücklich«. Sie warf sich in einen Sessel. »Weißt du, was er jetzt thut? Er macht sich sein Bett selbst und läßt Essen aus dem Gasthaus kommen. Alles wegen der Alten. Welch gutes Herz, wie?«

Johanne suchte die Freundin so gut sie konnte zu beruhigen. Dann bat sie um Tages Adresse.

»Ich weiß sie nicht« sagte Alice, »aber Mink kennt sie. Er soll sie dir mitteilen. Liebst du etwa das Scheusal Hans Tage?«

Johanne errötete. »Muß man alle gleich lieben, mit denen man auf der Straße geht?«

»Na ich, ich schaff mir jetzt um jeden Preis einen Verehrer an, mir ist dies Leben unausstehlich«.[86]

Johanne faßte ihre Hände. »Alice, mach nicht so böse Scherze. Du bist eine verheiratete Frau«.

»Wer hat denn angefangen?« rief die junge Frau erregt, »er oder ich? Wer hat mich schändlich hintergangen. Und ich hielt so viel von ihm!« Sie brach in Thränen aus. »Nun thue ich ihm, was er mir gethan hat«.

»Harre doch aus. Es muß sich ja ändern, wenn sie stirbt –«

»Ach was, die stirbt nicht«.

Johanne ging traurig fort. Nichts als Elend, wohin man blickte. Und in ihrer eignen Brust ein Sturm widersprechender Gefühle. Ach, wenn sie doch wirklich Einen besessen hätte, der ihr gehörte mit Leib und Seele. Es war zu trostlos, so allein dahinzutreiben. Wenn Tage ihr Halt und Stütze sein könnte? Aber durfte sie das hoffen? Berechtigte sein Benehmen dazu? Faßte er etwa einen Kuß ebenso ernsthaft auf wie sie? Vielleicht. Die Thränen traten ihr in die Augen, als sie das Glück erwog, jemanden zu haben, an dessen Brust sie ihr Haupt lehnen könnte.

Wenn sie ihn jetzt hier gehabt hätte, sie würde ihm weich und hingebend begegnet sein .....

Am andern Tag, als sie aus der Schule kam – er hatte sie wieder nicht erwartet – klopfte es und ihr Hausherr trat herein. Die hundert Falten in seinem Gesicht waren alle lebendig und zuckten.[87]

»Ich bringe Ihnen die gewünschte Adresse« sagte er sich niederlassend, »Mink begegnete mir vorhin und teilte sie mir mit. Er wollte selbst zu Ihnen kommen, hatte es aber sehr eilig. Fräulein Johanne, Fräulein Johanne, sind Sie eifersüchtig, wollen Sie ihn überraschen? Lassen Sie sich von einem Uneigennützigen davor warnen. Sie würden keine angenehmen Entdeckungen machen«. Er rückte seinen Stuhl näher dem ihren. »Tage ist durchaus kein tadelloser Charakter, Fräulein Johanne. Ich würde dies Ihnen nicht mitteilen, wenn mich nicht durch meine liebe Frau Freundschaft mit Ihnen verbände«.

»Aber« stotterte das junge Mädchen, »Herr Tage geht mich ja eigentlich nichts an, ich weiß nicht was Sie –«

»Sie interessieren sich für ihn, Sie gehen mit ihm, ich selbst habe Sie an seinem Arm gesehen«, er sah ihr tiefes Erröten – »Sie sind ein unschuldiges, erfahrungsloses Mädchen. Ehe Sie es recht wissen, stecken Sie im Unglück«.

»Was wollen Sie mir also sagen?« fragte sie plötzlich kühl. Dieser Mensch da spielte sich auf den Wächter der Unschuld, der Tugend hinaus. War es nicht lächerlich?

Er! Der! Wewerka erriet aus dem verächtlichen Aufwerfen ihrer Lippen ihre Gedanken.[88]

»Ich wollte Sie nur warnen« versetzte er in biederem Ton, »sich Hoffnungen zu machen, wenn Tage Ihnen Dinge verspricht, wie man sie zuweilen jungen Mädchen verspricht. Er ist nicht mehr frei. Er ist durch die verschiedensten Bande an eine Frau gefesselt, die ebenso alt und kokett wie hochvermögend ist. Das letztere weniger durch ihren Reichtum, als durch ihre Verbindungen. Sie arbeitet für die ersten Blätter der Residenz. Sie hat ihm zu seiner Berühmtheit verholfen, sie und sein Protektor, der berühmte Professor Kneilenbregg, vor dem Tage auf den Knieen rutscht. Früher trieb er philologische Studien unter ihm. Der Mann, der sich so angebetet sieht und der als Gesellschaftsfex in den Salons, wo er Sekt trinkt und den Frauen den Hof macht, viel für einen jungen Autor thun kann, bestimmte seine Verehrerinnen, nicht allein Tages Bücher zu kaufen, sondern auch in ihm eine Zukunftsnummer zu erblicken. Die Weiblein gehen ja immer auf den Leim, wenn ein berühmter Mann sie da haben will. Innerlich denkt er, zu seiner Ehre will ichs annehmen, ebenso wie die andern, nämlich, daß Tage ein Phrasenheld, aber nichts weniger als ein echtes Talent sei. Aber der Kerl verstehts, wo es ihm darum zu thun ist, ausgezeichnet zu schmeicheln. Und dem ›großen Mann‹ ist das Lob und die Bewunderung, selbst wenn sie aus dem Munde des Allerkleinsten kommt, immer willkommen. Der bekannte Dichter Tage singt ihm, widmet[89] ihm Bücher, was Wunder, wenn er sich gedrängt fühlt, zu quittieren.

Die pikante Baronin, Tages Geliebte und Gönnerin, ist schon etliche Male sehr eifersüchtig auf den ›großen Mann‹ gewesen. Aber sie haben sich wieder verständigt. Daß Tage, wenn er den Dichterkranz aus dem roten Haar legt, auch ein Mensch sei, dem es nach ihren geschminkten Lippen nach frischen dürstet, scheint sie nicht wissen zu wollen. Er hintergeht sie fortwährend mit kleinen Ladenmädchen, ohne daß sie es ahnt. Und – aber vergeben Sie, Sie sind ganz blaß geworden.« – –

Johanne hatte sich erhoben und ging heftig auf und nieder.

»Warum erzählen Sie mir das alles? Herr Tage kann thun, was ihm beliebt. Er ist sein eigner Herr. Er kümmert mich nicht«.

»Mir scheint – ich hätte über diesen Mann nichts Böses sagen sollen. Aber daß das Ihnen so nahe geht« –

»Herr Wewerka« rief sie zornig mit dem Fuße stampfend, »ich verbitte mir jede Beleidigung von Ihnen«.

Er trat zu ihr und wollte besänftigend ihre Hand ergreifen.

»Aber Fräulein Johanne, nur die Freundschaft für Sie ließ mich von diesem Unwürdigen –«

»Lassen Sie das Wort Unwürdiger, es giebt noch viel Unwürdigere als den«. Ihre Augen blitzten.[90]

In Wewerkas Gesicht regte sich keine Miene. »Fräulein Johanne, Sie haben recht; es giebt noch bösere Burschen als ihn, lassen wir das Thema«.

In diesem Augenblick wurde geklopft, und Schüler trat herein.

»Fräulein Johanne, guten Tag, 'n Tag, Wewerka. Laßt Euch nicht stören«.

»Ich war eben im Begriff zu gehen, Herr Gott« rief Wewerka, seine Uhr hervorziehend, »schon so spät! Auf Wiedersehen«.

Er verneigte sich vor Johanne, zwinkerte Schüler zu und eilte hinaus.

»Wie gehts, wie gehts, Schönste der Schönen. Irr ich mich, oder sind Sie erregt? Ihre Augen blitzen, Ihre Wangen brennen. Hat er das zustande gebracht?« Er deutete nach der Thüre, durch die Wewerka verschwunden war. Johanne lächelte schwach.

»Ja, wir plauderten und ich geriet in Eifer«.

Schüler sah im Zimmer umher. »Eigentlich ein Käfig hier, viel zu armselig für eine Gestalt wie Sie. Na, sagen Sie Fräulein Johanne – apropos, sind Sie mit mir zufrieden, daß ich Ihnen so prompt Ihr Ideal, Herrn Tage, offeriert habe?«

»Reden wir nicht von dem« rief Johanne. Schüler lächelte. »Sie hatten wohl Streit mit einander? Na, ich meinte nur, Sie sehen, ich thue[91] Ihnen zu Liebe, was ich kann; thuen Sie mir auch etwas zu Liebe«.

»Und das wäre?« Ihre Augen richteten sich fest auf ihn.

»Kommen Sie öfter zu meiner Frau. Das arme kleine Ding liebt Sie herzlich und fühlt sich grenzenlos einsam. Ich kann aber nicht anders. Ich bin tagsüber an meine Redaktion gefesselt. Fangen Sie gleich morgen an, ja? Ich möchte sie überraschen mit Ihnen; sagen Sie aber nicht, daß Ihr Besuch nur auf meine Bitte erfolgt sei. Ja, wollen Sie, schlagen Sie ein«.

Sie legte flüchtig ihre Fingerspitzen in seine dargebotene Hand. Dann ging er. Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.

Die Geschichte, die ihr Wewerka mitgeteilt hatte, beschäftigte sie. Ob sie wahr wäre? Warum nicht? Weshalb sollte er sie erfunden haben? Das häßliche Aeußere des Mannes ließ auf ein ähnliches Inneres schließen. In seinen klugen Augen lag Berechnung. Und ein anständiger Mensch hätte sich gegen ein junges, schutzloses Mädchen auch nicht so betragen. Das war der beste Beweis für seine unvornehme Seele. Schmerz bereitete ihr das Gehörte nicht, aber eine leise Beschämung. Hatte sie doch gedacht, ihm wirkliches Interesse einzuflößen. Er verkehrte mit jungen Mädchen, um die Zärtlichkeit seiner alten Geliebten besser ertragen zu können.[92] Dort entschädigte er sich für den bitteren Trank, der ihm im vergoldeten Kelche gereicht wurde. Und der »große Mann« hielt seine schützenden Fittige über diesen stolzen Charakter gebreitet und baute mit seinen weißen, vornehmen Händen an dem Piedestal, auf das er seinen Schützling stellte. Wie hochherzig! Wenn es nicht zum Weinen wäre, wäre es zum Lachen. Mein Gott, in welche Gesellschaft bin ich geraten, dachte sie, und legte die Hände vor das heiße Gesicht ...[93]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 77-94.
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