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[94] Als sie am nächsten Tag bei Schülers klingelte, öffnete ihr Alice selbst.

»Du!?« Sie sah verwundert und erfreut aus. »Weißt Du, wer da ist? Na leg nur erst ab.« Sie half der Freundin aus dem Jacket und führte sie in ihr Empfangszimmer. Von dem Sopha in der Ecke erhob sich – Lohringer. Er begrüßte Johanne.

»Ist das nicht nett?« rief Alice, »Sie zum ersten mal hier und nun kommt sie«. Sie schenkte der Freundin ein Schälchen Thee ein. »Du siehst schlecht aus, Liebchen, fehlt Dir etwas?«

»O nichts« sagte Johanne, mir gehts gut; ich bin nur schnell gelaufen«.

»Die Damen haben sich gewiß allerlei mitzuteilen« meinte Lohringer und wollte sich erheben.

»Wie? Sie wollen schon gehen? Sie sind ja erst gekommen«.[94]

»Ihr Gemahl erlaubte mir auch nur einen Blick auf Sie zu werfen, Gnädigste. Gucken Sie doch morgen nachmittag mal zu meiner Frau, sagte er gestern, als er bei mir war, sie langweilt sich so. Ich habe nun seinen Wunsch erfüllt, finde Sie aber nichts weniger als gelangweilt«.

»So, so«. Alice sah schmollend vor sich hin. »Also nur auf Bitten meines Mannes kamen Sie hierher. Ich dachte, es geschah aus eigenem Antrieb«.

Er zerkrümelte gleichgültig ein Stückchen Kuchen zwischen seinen Fingern. »Sie haben mich ja gar nicht eingeladen, Frau Schüler«.

»So« sagte sie linkisch. »Nun, ich will diese Versäumnis nachholen. Ich will sehr liebenswürdig gegen Sie sein«.

»Das ist nett von Ihnen« sagte er lachend und versenkte seine Augen in die ihren.

Johanne errötete, ohne zu wissen warum.

»Haben Sie Tage nicht gesehen?« fragte ihn Alice in leichter Verlegenheit. »Er versprach mir, zu kommen, kam aber nicht mehr nach dem ersten Male«.

»Ich habe ihn nicht gesehen, vielleicht aber kann Ihnen Ihre Freundin Auskunft über den berühmten Dichter geben«.

»Sie irren« bemerkte Johanne trocken, »ich bin dem Herrn seit mehreren Tagen nicht mehr begegnet.«[95]

»Warum sagst du ›dem Herrn‹ mit so verächtlicher Betonung?«

»That ich das«. Ihre Blicke beschäftigten sich angelegentlich mit der Bordure des Serviettchens. »Ich weiß es nicht«.

»Ja überhaupt, das gnädige Fräulein hat sich merkwürdig verändert«.

»Sagen Sie nicht das ›gnädige‹, sonst verderben Sie sichs mit ihr«.

»Ich sah Sie nämlich neulich mit Tage und wunderte mich, nein, nein, Sie sahen mich nicht, – wunderte mich, wie ein junges Mädchen sich so schnell verwandeln kann«.

»Wie sehe ich denn aus?« Ihre Augen begegneten kalt den seinen.

»Sie waren früher sehr hübsch und – uninteressant, jetzt sind sie sehr interessant und – weniger hübsch«.

Alice konnte eine kleine Bewegung der Freude nicht unterdrücken. Sie würde ihre Freundin noch viel inniger geliebt haben, wenn sie weniger schön gewesen wäre. »Ich finde Sie haben recht« meinte sie. »Du grämst Dich über etwas, Johanne. Man merkts Deinen trüben Augen an«.

»Ich wüßte nicht, worüber« sagte das junge Mädchen ruhig. »Mir steht Niemand so nahe, daß ich mich um seinetwillen grämen könnte«.[96]

»Mit neunzehn Jahren« rief Lohringer und schlug scherzhaft die Hände zusammen. »Sie reden wie ein über die Welt erhabener indischer Heiliger«.

»Woher wissen Sie mein Alter?«

»Kann mich wahrhaftig nicht mehr besinnen.« Er dachte einen Augenblick nach. »Ich glaube von Schüler«.

In diesem Augenblick trat der Genannte herein. Alle waren erstaunt. Er warf einen flüchtigen Blick auf Johanne, dann auf Lohringer und lachte.

»Schaut mich nicht so verblüfft an, ich komme vom Leichenbegängnis eines Freundes, da wollte ich, bevor ich ins Bureau gehe, noch einen Blick herauf thun«. Er setzte sich zärtlich neben seine Frau.

»Gieb mir ein Schälchen Thee. Haben Sie die gewünschten Papiere erhalten, Lohringer? Wie gehts, Johanne? Blaß und – zum Anbeißen schön. Na, gieb mir einen Kuß, Ali! So; adieu, meine Freunde«.

Lohringer zog seine Uhr und erhob sich.

»Ich werde mich ebenfalls empfehlen«.

Schüler blieb unter der Thüre stehen.

»Sie wollen fort? Und Sie desgleichen, Johanne? Na, dann, weißt Du was, kleine Frau? Bist Du im Stande, in zehn Minuten ein Kleid überzuwerfen? Um halb sechs erhalte ich einen interessanten Besuch auf meinem Bureau. Ali ben Hirun, der Indier, der Schlangen in Nähnadeln verwandelt und kleine böse Frauen in Eichkatzen,[97] hat sich bei mir angekündigt. Willst Du ihn sehen? Vielleicht verehrt er Dir eine indische Kostbarkeit, den Zahn eines heiligen Elephanten, oder einen versteinerten Wurm aus den Wunden eines sechstausend Jahre alten Säulenheiligen. Herr Lohringer ist gewiß so gütig, Fräulein Johanne nach Hause zu bringen.«

»Warum denn?« fragte das junge Mädchen, indes Alice sich umzukleiden eilte.

»Weil ich es nicht für gut halte, daß Sie im Finstern den weiten Weg nach Hause machen.«

»Es ist ja erst sechs«.

Er lachte. »Es ist November, Fräuleinchen. Bitte wollen wir uns noch einmal setzen, wir gehen dann alle miteinander«. Er warf sich in einen Sessel.

»Ich muß gleich fort« sagte Johanne hastig, »grüßen Sie Alice«.

»Dann gestatten Sie« bemerkte Lohringer mit kühler Höflichkeit, »daß ich dem Wunsch unseres Wirtes Rechnung trage. Adieu, Schüler«.

Dieser erhob sich. »Also wirklich? Sie sind eine Satanin, Johanne. Möchte wohl wissen, was Sie heute vorhaben. Adieu, Lohringer; gute Nacht, gnädiges Fräulein«.

Sie traten auf den Korridor, wo eben eine ältere, nur notdürftig bekleidete Frau das Gas entzündete.

Schüler fuhr bei ihrem Anblick heftig zurück und[98] flüsterte ihr zornig etwas zu. Johanne riß ihr Jäckchen vom Kleiderhaken und eilte, von Lohringer gefolgt, hinaus. Draußen zog sie es an.

»Weshalb eilen Sie so« fragte er lächelnd.

»Das ist leicht zu erraten« antwortete sie.

»Pflegen Sie durch die Langegasse oder über den Naschmarkt nach Hause zu gehen?«

»Wos näher ist«.

Sie schritten ein Stück stillschweigend hin. Sie hatten den nächsten Weg eingeschlagen.

»Die schönen Schaufenster« sagte er nach einer Weile, »nicht einen Blick erhalten sie von Ihnen. Sonst ist es das Entzücken der Damen, vor jeder dieser Spiegelscheiben stehen zu bleiben«.

»Ich interessiere mich nicht für Putz« sagte Johanne apathisch.

»Aber für Juwelen?«

»Auch nicht«.

Er lachte. »Aber vielleicht für hübsche Kunstgegenstände, oder auch das nicht?«

»Augenblicklich auch das nicht«.

»Wahrhaftig« er betrachtete sie von der Seite, »Sie sind eine seltsame junge Dame. Die Liebe interessiert Sie nicht und der Glanz der Welt läßt Sie kalt; sind Sie etwa – fromm?«

»Nein«.[99]

»Auch nicht fromm?«

»Ich bin unzufrieden«.

»Glückliches Kind« sagte er, »wenn ich noch unzufrieden sein könnte«. Er nahm den Cylinder ab und fuhr sich mit seinem Taschentuch über den Schädel. »Unzufriedenheit ist das Symptom der Jugend. Unzufriedene haben noch allerlei Wünsche. Sagen Sie doch, was wäre der Ihre? Es interessiert mich insofern, als Sie einen ganz besonderen Wunsch haben müssen, da Sie die von Andern am meisten begehrten Dinge kalt lassen«.

»Wunsch? Ach Gott, ich möchte von hier fort sein –«

»Ninive, nannten Sie einmal die Stadt« scherzte er.

»und vergessen können, daß ich dagewesen sei«.

»Haben Sie denn so traurige Erfahrungen gemacht?« Er verlangsamte seine Schritte.

»Ja, recht traurige«.

»Schade, daß wir nicht näher mit einander bekannt sind, vielleicht würden Sie mir einiges mitteilen, vielleicht könnte ich Sie trösten«.

»Das könnten Sie wohl nicht« meinte sie zögernd, »Sie müßten mich denn blind machen«.

»O, wie meinen sie das?« Er sah sie interessiert an.

»Ich meine, man sieht allenthalben so Trauriges, daß einem das Herz schwer wird«.

Er blieb stehen.[100]

»Hm. Ich glaube Sie zu verstehen, aber ich kann Ihren Mißmut nicht gut heißen. Er ist kindisch. Entschuldigen Sie meine Offenheit. Sie sollten lachen zu dem, was Sie sehen, und kein schweres Herz bekommen«.

»Da müßte ich schlecht sein«.

»O nein, liebes Fräulein, nur klug. Wenn es schlecht Wetter ist, schürzen Sie Ihr Kleid hoch, damit der Straßenschmutz es nicht berührt. Wollen Sie etwa Mitleid mit dem armen Schmutz haben und ihm zu Liebe Ihr Kleid unsauber machen? Sollten Sie ihn beweinen? Nein, Sie schreiten leichtfüßig drüber hinweg«.

»Wie seltsam, daß Sie so sprechen. Gehören Sie denn nicht auch zu Jenen, mit denen Sie verkehren?«

Sie sah ihm neugierig ins Gesicht.

Er schwieg ein Weilchen, dann sagte er nachlässig: »Nicht so ganz. Ich lebe hier, verkehre in allen möglichen Kreisen, ohne die Einen zu hoch, die Andern zu gemein zu finden. Ich kann nicht behaupten, daß die Fürstin Rammelsburg, bei der ich gestern meinen Thee trank, mir mehr imponierte, als – wen kennen wir gemeinschaftlich? als etwa Frau Wewerka. Jede besitzt die Fehler und Vorzüge eben ihrer Klasse, die eine führt ein Battisttaschentuch an ihr Näschen, die andere ein baumwollenes. Der Effekt ist der gleiche. Aber – was ich sagen will, ich gehöre weder zu den Spitzbuben, noch zu den Biedermännern. Man braucht Wewerkas, um sich[101] ihrer hier und da in heiklen Angelegenheiten zu bedienen. Man ist in einer vorgerückten Nachtstunde, nachdem man verschiedene Flaschen Sekt hinabgespült hat, nicht abgeneigt, mit Babinskys und Konsorten Bruderschaft zu trinken. Was schadet es? Narren sind wir ja alle, nur giebt sich jeder anders. Ich meinerseits ziehe ja auch die vor, die ihr Narrentum in anständige Form kleiden. Aber –« über sein scharfgeschnittenes Gesicht flog ein gutmütiges Lächeln, »wer wird sich die Komik des Lebens zu Herzen nehmen

»Ich kann nicht so kalt sein« versetzte Johanne leise, »mich schmerzt all das, was ich sehe. Und dann der Gedanke, daß ich werden könnte wie sie.«

»Warum nicht? Es giebt Menschen, die ein Unrecht auf sich laden müssen, um nachher durch ihre Reue zu sittlicher Höhe zu gelangen. Vielleicht gehören Sie zu diesen. Ueben Sie immerhin ein bischen Niedertracht; vielleicht finden Sie dadurch den Weg zu sich«.

»Nein, nein« rief sie lebhaft, »lieber will ich nicht übermäßig gut werden, als auf unsauberen Nebenwegen zur Vollkommenheit gelangen«.

Er zuckte die Schultern. »Was ist auch im Grunde unsauber? dem einen dies, dem andern das. Was Ihnen schrecklich erscheint, empfindet zum Beispiel Ihr Freund Schüler als Verdienst«.

»Mein Freund Schüler« rief sie mit Nachdruck und[102] blieb stehen. »O Herr Lohringer, wie können Sie mir so unrecht thun? Ist er nicht der Ihre mehr als der meine?«

Lohringer sah einem auffallend gekleideten hübschen Mädchen nach; dann sagte er gleichmütig:

»Ich habe das Schicksal, ein entfernter Vetter des Herrn von Buch zu sein, des Herausgebers der Zeitung, an der Schüler angestellt ist. Wenn er irgend ein Anliegen hat, das er sich nicht getraut dem Chef vorzutragen, wendet er sich an mich. Ich habe ihn einmal auf einem litterarischen Kongreß kennen gelernt. Das ist die Freundschaft, deren Sie mich bezichten, mein Fräulein«.

»Bat er Sie heute zu sich?« Ihre Augen hingen forschend an seinem Gesichte. Er sah sie an, zögerte, während ein fast unmerkliches Lächeln seine Lippen umspielte, und sagte dann: »nein«.

Sie athmete auf. »Aber Sie sagten es doch«.

»Das that ich nur, um die kleine Frau zu ärgern und ihr recht ungalant zu erscheinen«.

»Wirklich? Ich danke Ihnen«. Sie reichte ihm die Hand. Sie waren vor ihrem Hause angekommen. Er las mit seinem Scharfblick in ihrer Seele.

»Gute Nacht, Fräulein Johanne, und lachen Sie, bitte; Sie doch gewiß«.

»Wenn ich kann« entgegnete sie, und ging hinauf.[103]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 94-104.
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