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[104] Er schlenderte noch eine zeitlang umher; dann begab er sich nach Hause. Er wohnte in einem Riesenmietspalast im fashionabelsten Viertel der Stadt, in einem jener Häuser, wo man einander jahrelang auf der Treppe, im Flur begegnen kann, ohne zu wissen, wer der Andere ist, wie er heißt.

Lohringers Wohnung, behaupteten boshaft einige seiner Freunde, gliche dem, der in ihr hauste. Sie habe schöne Einzelheiten, sei aber im Ganzen kahl. Sie hatten nicht unrecht. Aber das war erst nach seiner großen Wandlung so gekommen.

Als Sohn begüterter Eltern, die längst tot waren, hatte er sich nach seiner Majorennerklärung sofort in den Strom des Lebens gestürzt. Vom Gymnasium mit guten Zeugnissen entlassen, immatrikulierte er sich auf der Universität, um verschiedene Fächer zu studieren. Er liebte Philosophie, hörte aber auch medizinische Collegia, trieb[104] Nationalökonomie und interessierte sich lebhaft für Sternkunde. Man sah ihn am Seziertisch als eifrigsten Hörer Professor Körners, des berühmten Anatomen, und vermutete, er würde den andern Wissenschaften untreu und ganz Mediziner. Doch bald schlug er sein Quartier im eisernen Turm des Observatoriums auf und versenkte sich mit fieberhaftem Eifer in die Geheimnisse des Firmamentes. Eines Tages war er ganz von der Universität verschwunden. Er war an die Malerakademie nach Wien gegangen und schrieb seinen Freunden, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Hier zeichnete und malte er ein Jahr.

Man rühmte ihm gute Befähigung nach, wie ehedem seine Lehrer sein brillantes Auffassungstalent bewundert hatten. Er begann nebenher zu modellieren, und war eben im Begriff sich ein Atelier zu mieten, als ein Bekannter von ihm, der Musiker war und gute Erfolge als Komponist hatte, ihm einredete, er wäre nicht zum Maler, sondern vielmehr zum Musiker befähigt. Hierauf komponierte Lohringer mit Hülfe des Freundes einige Lieder, die von schönen, gefeierten Sängerinnen in den Musiksälen der Residenz gesungen wurden.

Aber eines Tages war ihm auch dieser Sport langweilig geworden. Er besaß die Gabe, seine Empfindungen sehr gut schildern zu können, und ließ auf japanischem Büttenpapier, in nur zweihundert Exemplaren, seine fin de siècle-Gefühle drucken.[105]

Die Kritiker, meist gute Bekannte von ihm, erhoben ein Beifallsgeschrei und begrüßten in ihm ein Talent ersten Ranges. Wenn er nur ein bischen gläubiger gewesen wäre! Aber er war ein kluger und ehrlicher Bursche, wenigstens ehrlich gegen sich selbst. Er warf die Feder fort, verabschiedete sich von seinen Bekannten und ging auf eine Reise um die Welt.

Er sah viel Neues, genoß alles, was der Besitzer eines gewinnenden Aeußern und einer vollen Geldbörse genießen kann, und kam eines Tages hierher.

Während all der Jahre, da er die verschiedenartigsten Wandlungen in sich durchgemacht hatte, war er nach außen hin immer der Gleiche geblieben, ein vornehmer Verschwender.

Die Sektquellen bei ihm schienen von unversiegbarer Tiefe zu sein; man genoß bei ihm die raffiniertesten Diners, und die schönsten Frauen stritten um die Ehre, an seinen Tafeln die Honneurs zu machen.

Eines Tages stand er als lustiger Kahlkopf vor dem Spiegel, was ihm aber näher ging: als Kahlbeutel. Das schwere Vermögen war dahin, dahin bis auf einen Rest Schulden. Max Lohringer war nicht der Mann zu verzweifeln oder in Ratlosigkeit zu versinken. Er schaffte seine Geliebten, seine Pferde, seine fürstliche Wohnung ab. In einer einsamen Nacht leistete er sich selbst Gesellschaft und fragte den vernünftigen Kerl in[106] sich, was er wohl thun könnte, um das zu verdienen, was ihm bisher so unendlich gleichgültig gewesen war: Geld. Der vernünftige Kerl in ihm sagte: Mein Freund, dein Unglück ist deine Universalität. Du kannst alles, deshalb kannst du es in nichts zu etwas Bedeutendem bringen. Denn das Geschrei junger Leute von der Herrlichkeit vielseitiger Begabung ist Unsinn. Große Künstler, überhaupt große Menschen, die mit aller Willenskraft einem Ziel zustrebten, sind immer einseitige Leute gewesen. Wenn sie neben ihrer großen Lebensaufgabe noch anderem Sport huldigten, so ist dies noch allemal Dilettantenarbeit geblieben, die nur blinde Vergötterer als künstlerische That ausschrien. Da jedes Verhängnis aber bekanntlich außer einer Unglücks- auch eine Glücksseite hat, so ist diese Salonvirtuosität des Geistes, dieses Mädchenfürallestum, für eine Sorte von Leuten von nicht zu unterschätzendem Vorteil. Für die, die um Taglohn arbeiten müssen. Sie sind des Vormittags Photographen und schreiben des Abends eine Musikkritik. Sie singen den Ritter vom Gral und verzapfen Bier. Also Max Lohringer, ein Ganzes auf irgend einem Gebiet wirst du nicht leisten, aber es wird dir glücken, Geld zu verdienen, wenn du deine zwei Hälften ausspielst. Oder noch besser, teile dich in acht Achtel oder zwölf Zwölftel. –

So sprach der vernünftige Kerl in Max Lohringer, und er predigte nicht tauben Ohren. Lohringer verkaufte[107] seine Möbel, seine Bilder, alle im Laufe der Jahre gesammelten Kunstschätze. Er mietete sich diese kleine Wohnung in dem großen Zinshaus, stellte einfache Holzmöbel hinein, und begann Schritte zu thun, sich einen Lebensunterhalt zu suchen. Er fühlte sich innerlich nicht gebrochen. Als er alles verloren hatte, erkannte er, wie wenig er verloren hatte. Was geschieht da? Als ob das Schicksal ihn für seine stoische Gleichgültigkeit belohnen wollte! Eines Tages bekommt er eine amtliche Zustellung, daß eine Schwester seiner Mutter, um die er sich niemals bekümmert hatte, gestorben sei und ihn zum Erben eingesetzt habe. Viel wars nicht. Seine Zinsen betrugen viertausend Mark jährlich, ein Pappenstiel für den Lohringer von ehedem. Die Erhaltung seines Stalls hatte ihn mehr gekostet.

Aber es war doch immerhin um nicht zu verhungern. Ein Anderer hätte sich nun zu dem Einkommen noch eine gut honorierte Stellung gesucht. Lohringer that anders. Der Müßiggang, das Ideal mancher Naturen, die zum Philister zu viel Künstler und vielleicht zum Künstler zu wenig Geniales haben, war seine Schwäche.

Aufstehen, wenn andere Leute ihr Mittagbrot verzehren, in einem Klub Zeitung lesen und frühstücken, einer Matinee im Opernhaus beiwohnen, im Café etliche Billardpartien spielen, einige Stunden lang auf dem Sopha ausgestreckt ein gutes Buch lesen, vielleicht ein Rundgang[108] durch die Kunstschätze der Stadt, später ein kleines ausgesuchtes Diner, hierauf ins Schauspiel oder in ein feines Variété-Theater, das war nach seiner Meinung ein reichlich ausgefüllter Tag. Er würde auf alle diese Genüsse verzichten haben können, wenn es hätte sein müssen. Aber da es nicht sein mußte, war er zufrieden und lebte nach diesem Rezept ein bescheidenes, behagliches Junggesellenleben, ohne Aufwand, ohne Freunde und Freundinnen. Nur manchmal, so alle Vierteljahre einmal, geschah es, daß er sich einschloß und ein Dutzend Flaschen leer trank. Man fand ihn dann, wenn er aus seiner freiwilligen Haft wieder hervorkam, ernsthaft und würdig. Es schien, als hätte seine Natur es nötig, von Zeit zu Zeit einen Exzeß zu begehen, um hernach doppelte Einkehr in sich zu halten. Ob er sich besondere Liebenswürdigkeiten in solchen Stunden sagte, wer weiß es. Jedenfalls lag ein guter Kern in ihm, viel Ehrlichkeit, und trotz allen wüsten Lebens in seiner Vergangenheit, eine gewisse unberührte Naivität Menschen und Dingen gegenüber, die ihm imponierten. Das »Kind im Mann« schien bei ihm noch nicht erstorben zu sein.

– – – – Als er jetzt in sein Wohnzimmer trat, dessen Wände nur ein paar Zeichnungen bedeckten und dessen einfache Möbel auf einem blanken Parkettboden standen – er hatte seit seiner Verarmung eine Idiosynkrasie gegen Teppiche und Oelgemälde (vielleicht weil er[109] so auserlesene, wie er besaß, doch nicht mehr haben konnte), blickte ihm von seinem Schreibtisch ein rotes Rohrpostbrieflein entgegen.

»Zu schade! Wir gingen gar nicht fort, d.h. ich nicht! Ich langweilte mich den ganzen Abend zu Hause. Bitte kommen Sie morgen. Vielleicht können wir einen Spaziergang mit einander verabreden. Alice Schüler«.

Donnerwetter! – Max zwirbelte seinen Schnurrbart, er war noch sehr schön, weich und dunkel – zwischen den Fingern. Er lädt mich ein, sie lädt mich ein. Er für die Andere, sie für sich selbst. Ein liebes, gutes Paar! Es ist doch angenehm, wenn man der Vetter des Herausgebers einer Zeitung ist, deren Redakteur mehr Gehalt wünscht. Wenn die Personen nur etwas interessanter in dieser Geschichte wären. Johanne mit ihrem Jungfrauenpathos ...

Lohringer drückte auf den elektrischen Knopf, daß das Zimmer taghell erleuchtet strahlte, trat vor den Spiegel, streichelte seinen Schädel und lachte ...[110]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 104-111.
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