9

[111] Etliche Tage später saß Johanne Alice gegenüber. Beide schienen sehr unruhig. Beide sahen zerstreut nach der Thür und erröteten bei jedem Geräusch. »Er wird kommen« sagte Alice und legte die bunte Stickerei, an der sie wie ein Kind mit dicken Kreuzstichen arbeitete, zur Seite. »Er wird kommen. Er kommt immer, wenn ich ihn darum bitte«.

»Sonst nicht?« fragte Johanne mit leiser Bosheit.

»Ich weiß es nicht, ob er sonst käme«. Die junge Frau zuckte die Schultern. »Weißt Du, mir ists schon egal. Mag er denken, was er will; wenn er nur kommt und mich unterhält. Er ist der einzige Mensch meiner Bekanntschaft, der etwas Vertrauenerweckendes hat. Man kann sich auf ihn verlassen«.

»Ja er ist der Einzige, der wenn auch kein Heiliger, doch ein anständiger Mensch zu sein scheint« versetzte Johanne mit einem leisen Seufzer.[111]

»Warum meinst Du, daß er kein Heiliger sei?« fragte Alice, der Freundin in die Augen blickend.

»Er thut oft Aeußerungen, die darauf schließen lassen«.

»Macht er Dir Liebeserklärungen?«

Johanne lachte. »Nicht die Spur. Im Gegenteil. Als er mich neulich nach Hause brachte, sah er unterwegs jedem hübschen Mädchen nach«.

»Hat es nicht geklingelt?«

»Ja es hat geklingelt?«

Alice neigte sich mit errötendem Gesicht über den Theekessel und zündete den Docht an.

»Herr Lohringer« meldete die kleine Zofe. (Sie war erst seit kurzem hier.)

»Guten Tag! ah, gnädiges Fräulein –« er verbeugte sich vor Johanne, »das ist nett; wie gehts Ihnen? sind Sie schon heiterer geworden?«

Sie ließen sich nieder.

»Ich bin sehr heiter« meinte Johanne verlegen, »Sie auch?«

»Sie sehen es ja« scherzte er. »Wenn ich nicht heiter wäre, würde ich dann hierher kommen?«

Er sah ihr in die Augen. Sie schlug die ihren nieder. Seine Bemerkung mißfiel ihr; sie wußte nicht warum. Unterdessen hatte Alice den Thee eingegossen und reichte ihn in winzigen Schälchen unher.

»Ich habe die Eukalyptusmarmelade nirgends auftreiben[112] können, Lohringer, wir wollen morgen zusammen nach Straffs Conditorei gehen, vielleicht finden wir eine andere Sorte, die Ihnen schmeckt«.

»O sehr gütig, liebes, gnädiges Frauchen!«

»Schon wieder« rief Alice schmollend. »Haben Sie mir nicht neulich versprochen, mich einfach Alice zu nennen? Vor der da« – sie deutete auf Johanne, »brauchen Sie sich nicht zu hüten, sie ist meine Freundin«.

Um Lohringers Lippen zuckte es leicht.

»Es ist nicht die geringste Ihrer guten Eigenschaften, daß Sie so klug in der Wahl Ihrer Freundinnen sind«.

Die jungen Damen sahen einander an. Eine von uns ironisiert er, aber welche? dachten beide.

Lohringer beobachtete die jungen Gesichter, die seinetwegen in heißem Rot prangten. Es schien ihm Scherz zu machen, hier den Tausendsassa zu spielen. – Johanne trank ihren Thee hastig aus.

»Ich mag die Leute nicht, die nie ernst sind«.

»O! ist das auf – Frau Schüler gemünzt?«

»Nein, auf Sie«.

»Du brauchst ihn doch auch gar nicht zu mögen« rief Alice.

»Woher wissen Sie das?« meinte er. »Mir liegt sehr viel daran –«

»Hoffentlich nur, daß ich Sie mag«.

»Glauben Sie?« Er sah Alice mit einem unverschämt[113] harmlosen Lächeln in die Augen. »Ich bin ein guter Mensch, der das Gebot der Nächstenliebe befolgt«.

»Und wer ist Ihnen der Nächste?« Sie sprang auf und trat so dicht zu ihm, daß ihr Kleid ihn streifte.

»Da nun doch Eine aufgestanden ist, stört es weniger, wenn auch die Andere sich erhebt. Leb wohl!«

Johanne reichte Alice die Hand hin.

»Du gehst schon? Hast Du es so eilig? Nun, dann adieu«.

Sie bemühte sich nicht, sie zurückzuhalten. Lohringer stand auf und verneigte sich vor Johanne.

»Gnädiges Fräulein, behalten Sie mich nicht in zu schlechtem Andenken. Sehen Sie, Sie gefielen mir riesig, blos Ihr Pathos, Ihre tragische Art der Auffassung ist mir ärgerlich«.

»Das bedauere ich sehr, aber ich bin eben wie ich bin ...«

Sie versuchte zu lächeln, aber in ihren Augen lag ein Glanz wie von aufsteigenden Thränen. Sie schritt rasch hinaus. Draußen auf der Straße wurde sie so müde, daß ihre Füße sie kaum trugen. Von allen Menschen hier interessierte sie nur Einer und diesen Einen gewann die Freundin. Und diese Freundin war doch verheiratet; hatte ein Heim, eine Zukunft, einen Mann, der sie in seiner Weise anbetete. Sie, Johanne, besaß nichts, Niemanden. Sie biß die Zähne zusammen. Nun würde[114] sie auch Alice verlieren. Sie konnte es nicht mit ansehen, wie sie ihn umschmeichelte, umstrickte. Erstens lehnte sich ihr Herz dagegen auf, dann aber ihr Rechtsgefühl. Und da schalt er sie pathetisch. Empfand er denn nicht selbst das wenig Vornehme seiner Handlungsweise? War es notwendig, daß er dem Beispiel der Andern folgte? Heute hatte sie es deutlich gesehen, daß Alice mit ihm in vertraulichere Beziehungen trat. Geahnt hatte sie es schon früher.

An diesem Abend weinte sie sich in den Schlaf. In der Nacht erwachte sie alle Augenblicke. Es war doch traurig, kaum zu ertragen. Rings nichts wie Elend, moralisches, anderes. Wenn sie wenigstens eine Beschäftigung gehabt hätte, die ihren Geist ausfüllte. Aber diese Pädagogik, die sie so kalt und gelangweilt ließ! Obs denn nichts anderes für sie gab? Aber was?

Sie erwog alle Beschäftigungen, die eine Frau erwählen kann. Doch überall stand ein nicht wegzuräumendes Hindernis im Wege: ihre zu mangelhafte Erziehung. Sie sprach keine fremde Sprachen, konnte sich schwer in feineren Formen bewegen. Sie hatte die Zeit, in der andere junge Mädchen sich fürs Leben vorbereiten, bei der alten Großmutter verträumt. Sie konnte nicht hoffen, jemals eine bessere Stellung zu finden. Es war zu traurig.

Einige Tage ging sie überaus elend umher. Selbst[115] Frau Wewerkas freudige Mitteilung, daß ihre Mittel es nun erlaubten, eine größere, elegantere Wohnung zu mieten, stimmte sie nicht besser. – Einmal, als sie den Schulhof verließ, begegnete ihr draußen Tage. Er errötete leicht bei ihrem Anblick und zog tief den Hut.

»Es wäre abgeschmackt, zu behaupten, daß ich Ihnen zufällig hier begegne. Sie schrieben mir einen bösen Brief; ein Anderer würde es nicht gewagt haben, Ihnen jemals wieder vor die Augen zu treten. Aber ich versuche es. Zürnen Sie mir noch?«

Er sah ihr flehend ins Gesicht. Zuerst war sie empört, als sie ihn sah, dann that es ihr ordentlich wohl, daß ein Mensch so gut zu ihr sprach. Sie schüttelte den Kopf.

»Ich zürne nicht, aber« –

»Ach den Nachsatz, lassen Sie ihn, Fräulein Johanne«.

Er nahm ihr die Schulmappe aus der Hand und trug sie, wie er es früher immer gethan hatte.

»Gehen Sie nach Hause?«

»Ja«.

»Darf ich Sie begleiten?«

Sie antwortete nicht.

»Ach schmollen Sie doch nicht. Seien Sie gut. Die Stärke der Frauen ist ja das Verzeihen. Verzeihen Sie. Darf ich Sie begleiten?«

Er sah sie hartnäckig an. »Uebrigens wissen Sie,[116] Sie sehen aus, als wären Sie sehr krank. Fehlt Ihnen etwas?«

»Ja und nein« sagte sie gleichgültig. »Ich langweile mich«.

»Endlich!« Er seufzte affektiert auf. »Ich habe immer im Stillen gestaunt, daß Sie diese gräßliche Kleinkinderbewahranstalt da besuchen«.

»Was sollt ich sonst?« fragte sie achselzuckend. »Ich verstehe zu wenig, um etwas Besseres zu beginnen«.

»Mein Gott, man braucht doch kein Philo der Gelehrsamkeit zu sein, um im Leben etwas zu erreichen«.

Sie schritten langsam neben einander hin.

»Wie bin ich glücklich neben Ihnen gehen zu dürfen« sagte er, »Sie glauben nicht –«

»Machen Sie mir keine Liebeserklärungen« bemerkte sie mit der Kälte der Frau, die nicht liebt.

»Das würde ich nicht wagen« sagte er schlau, »ich wollte Ihnen nur eine Freundschaftserklärung machen. Sie sind wirklich das einzige junge Mädchen –«

»Das dumm genug war, einen Augenblick lang an Ihre Idealität zu glauben«.

»Wieso« fragte er lauernd.

»Nun, Sie sind doch ein sehr praktischer Mann«.

»Man scheint mich bei Ihnen verleumdet zu haben« versetzte er mit einem bösen Zucken seiner Mundwinkel.[117]

»Das schadet nichts. Menschen wie ich haben immer Neider. Was hat man Ihnen denn alles erzählt?«

»O nichts«.

»Aber bitte, sagen Sies doch. Es interessiert mich wirklich«.

Sie warf den Kopf zurück und sah ihn etwas geringschätzig an. »Daß Sie sehr schlau in der Wahl Ihrer Freunde sind, nicht die Regungen Ihres Herzens, sondern Ihres rechnenden Verstandes sprechen lassen«.

Er zuckte die Schultern. »Sonst nichts? Mein Gott, das ist ja nicht einmal eine Verleumdung. Das ist wahr. Finden Sie es schlecht?«

Jetzt, wie er so sprach, fand sie im Innern eigentlich keinen Grund, ihn zu verachten. War sie schlechter oder besser und klüger geworden? Sie vermochte sich ihre Selbstfrage nicht zu beantworten.

»Sie machen eine alte Frau glauben, daß Sie sterblich in sie verliebt sind, um sich ihres Einflusses, ihrer Börse zu versichern«.

Er errötete stark.

»Also das! Nun, sehen Sie, wenn diese alte Frau so thöricht ist, sich in einen jungen Menschen zu vergaffen, sich und ihr Hab und Gut zu seiner Verfügung zu stellen, weshalb sollte der junge Mensch nicht das Anerbieten annehmen, sie ›glücklich‹ machen und sich gleichzeitig von etlichen dummen Sorgen befreien?«[118]

»Das ist aber gemein«.

»Fragen Sie die Welt, Fräulein Johanne, ob sies gemein findet«.

»Sie thun keinen Schritt, der Ihnen nicht Vorteil verheißt. Sie hingen sich an einen Mann, der großen Einfluß besitzt und verherrlichten ihn. Warum war es kein einfacher, schlichter, lieber Mensch, sondern ein Machthaber, der seine Kreaturen gut und reich versorgt«.

Tage lächelte vergnügt. »Mich freuts, daß Sie so ehrlich reden. Auch freuts mich, daß Sie sich etwas in der Welt, in der wir leben, umzusehen beginnen. Glauben Sie, ich wäre im Unklaren über den Wert der Schätzung Kneilenbreggs?«

»Aber –«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden; glauben Sie, er wäre im Unklaren über den Grund meiner öffentlich betonten Verehrung für ihn? Fräulein Johanne, wir Menschen benützen einander, manchmal lieben wir uns dabei, um so besser, manchmal nicht, dann scheinen wir etlichen empfindsamen Seelen roh und egoistisch. Aber – glauben Sie mir, aus purem Edelmut liebt kein Jüngling sein Mädchen und sei er noch so schwärmerisch veranlagt«.

»Sie reden von Ihresgleichen –«

»Nein, von – Unseresgleichen. Warum würden Sie lieben? Nicht weil er reich, schön, gefeiert ist, beileibe.[119] Weil Sie in seinen Armen sich selig fühlten. Sie benützten ihn also als Spender beglückender Gefühle für Sie«.

»Häßlich« sagte sie kurz.

»Ach gehn Sie. Häßlich! Das Leben ist nun einmal so, dagegen läßt sich nichts machen. Ich benütze die Anderen, mögen sie mich auch benützen, wenns ihnen paßt«.

»Ich möchte wohl wissen –« sie hielt verschämt lächelnd über ihr vorschnelles Wort inne, »ich möchte wissen, warum Sie mich –«

»Warum ich Sie verehre?« Er bemühte sich eines treuherzigen Blickes. »Sehr einfach, weil Ihre Anmut meine Dichterphantasie anregt, weil Sie wunderbar reinigend und gut auf mich wirken«.

»So? ist das auch wahr?« fragte sie ernst.

»Gewiß ists wahr, Fräulein Johanne. Ich verspreche Ihnen, auch immer ungeheuer brav zu sein«.

»Gut, es soll mich freuen«.

Er blieb stehen. »Dann darf ich also auch hoffen, Sie dann und wann zu sehen?«

»Gewiß, Sie können mich ja immer sehen, wenn ich zur Schule geh«.

»Ach diese Schule! Thun Sie doch etwas anderes. Schriftstellern Sie«.

Er wußte, daß sie ihn jetzt mit zwei halb freudigen, halb fragenden Augen anblickte. Er sah weg. Er hatte[120] lange darüber gegrübelt, wodurch er sich dieses Mädchens, das einen starken Eindruck auf ihn machte, versichern konnte. Er war noch nie im Leben der Erste bei Einer gewesen, hier konnte er es werden, wenn er einigermaßen klug war. Sein Rat war der glatte Boden, wohin er sie locken wollte.

»Wie können Sie glauben, daß ich Talent habe, ich bin nie über das Briefschreiben hinaus gekommen«.

»Wenn Sie sich mir ein wenig anvertrauen wollten« –

»Das ist doch nur Scherz von Ihnen«.

»Aber gar nicht«. Sie waren bei ihrem Hause angekommen. »Sehen Sie, es wäre doch viel schöner, als gefeierte Schriftstellerin große Honorare einzustreichen, als eine arme, schlechtbezahlte Bonne bei verzogenen Kindern zu spielen«. Er stand ihr gegenüber und sah sie lächelnd an. Sein Gesicht schien ihr den Ausdruck großer Gutmütigkeit zu besitzen.

»Das abzuleugnen wäre dumm, aber wie anfangen?«

»Pah, wie? Schreiben Sie etwas, irgend eine Kleinigkeit, eine Skizze, was immer. Ich brings unter. Als Erstlingsarbeit braucht es keine besondere Sache zu sein«.

»Aber ich weiß gar nichts«.

»Ach Gott, beschreiben Sie, wie traurig einem Mädchen zu Mute ist, das allein steht und sich sein Brot verdienen soll. Oder die Gefühle einer ganz jungen Dame,[121] die gern auf einen Ball möchte, aber von ihren Eltern zu Hause gehalten wird u.s.w.«

Johanne lehnte neben ihrer Hausthür und sah sinnend vor sich nieder.

»Und wenn es zu dumm wird und niemand es drucken will?«

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Ueberhaupt deshalb machen Sie sich keinen Kummer. Der Grad seiner Begabung ist nicht Hauptsache beim Schriftsteller. Er muß nur in maßgebenden Kreisen, wo die Kritik gemacht wird, verkehren«.

»Wahrhaftig?«

»Aber selbstverständlich. Ich kenne ganz talentlose Schriftsteller, die in allen Blättern als Genies gepriesen werden. Warum? Sie verkehren in Salons, wo die Größen der Presse und Tageskritik aus- und eingehen. Ueber den Mann, mit dem man gestern politisiert und angestoßen hat, kann man doch heute nicht vernichtend herfallen. Schließlich, ist es nicht vielleicht auch ein armer Teufel? Hat er nicht erzählt, daß er drei kleine Kinder und außer seiner Frau noch deren Eltern zu erhalten habe? Man fertigt sein Buch, das tief unter der Mittelmäßigkeit steht, mit einigen lobenden Worten ab. Man gönnt dem armen Tropf Erfolg«.

»Und glauben die Leute solche Berichte?«

»Das Publikum glaubt alles, was gedruckt ist. Bei[122] uns kritisieren die Kritiker weniger die Bücher, als die Menschen, die sie geschrieben haben.

Eine Gans mit vornehm klingendem Namen veröffentlichte jüngst in einem großen Tagesblatt einen Roman, der so dumm war, daß viele Leute ihn für eine Mystifikation ihres gesunden Verstandes hielten. Die Kritik lobte. Wie könnt ihr euch so blamieren? fragte ich einen Rezensenten. Was willst du, meinte er, die Frau ist bekannt als brillante Reiterin, als gute Mutter, als treffliche Hausfrau. Viele Mädchen und Frauen der Gesellschaft verehren sie. Man würde es übelnehmen, ihr nachzusagen, daß sie ein Schaf sei. Auch weiß man nie, ob man solche Leute nicht einmal brauchen kann«.

»Unglaublich« meinte Johanne mit bäuerlichem Ernst, »aber jetzt muß ich hinaufgehen«.

»Fräulein Johanne« er griff mit gutgespielter Schüchternheit nach ihrer Hand, »versprechen Sie mir, eine Kleinigkeit zu schreiben. Ich mache schon das Uebrige. Sie sollen sich einmal so einen Salon ansehen, wo die ›Tagesgrößen‹ verkehren. Es muß Sie doch auch interessieren?«

»Das thut es auch. Nun aber – adieu«.

Sie nickte ihm zu und sprang die Treppe hinauf. Er ist doch ein guter Mensch. Und Schriftstellerin zu werden, wie herrlich!

Und wenn sie am Ende wirkliches Talent hätte?[123] Wenn sie berühmt würde? Freilich unangenehm wars, daß sie ihm und seiner Anregung das alles danken sollte. Aber was thats? Schließlich mußte sie sich wirklich ihre allzuschwere Auffassung vom Leben ab gewöhnen. Dieser Tage z.B., den sie so baar aller guten Eigenschaften geglaubt hatte, war im Grunde kein schlechter Mensch. Er besaß vielleicht mehr Charakter als der, der so bittere Worte über ihn gefällt hatte. Wer weiß, wer weiß? Ihre Augen blickten wieder munterer. Eine Hoffnung war über sie gekommen. Die weiße Winterlandschaft, die sie von ihrem Fenster aus sah, erschien ihr nicht mehr so entsetzlich. Sie suchte die ganze Nacht nach einem Stoff, den sie zu einer Skizze verarbeiten wollte.

Am nächsten Tag ließ sie sich krank melden, blieb zu Hause, bekritzelte etliche Bogen, zerriß sie wieder und schrieb endlich in einem Zuge etwas nieder, von dem sie nicht wußte, ob es brauchbar war oder nicht.[124]

Quelle:
Maria Janitschek: Ninive. Leipzig 1896, S. 111-125.
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