44. Summula

[298] Die Stuben-Treffen – der gebotene Finger zum Frieden


Unterwegs stammelte er nach Vermögen, und was er sagte, sollte nicht sowohl Sinn haben als wenigen »Ich brauche keinen guten[298] Rat,« sagt' er, »so wenig als ein Hund Zahnpulver und -stocher – ich werde meine Sache schon so machen, daß man vielleicht dies oder jenes davon sagt – Mancher ist ein geiziger Hund, und ziehe mir einmal einen Hundsschwanz gerade, ich bitte sehr – Gut, der Mann soll abstehen, wie Fische vom Donnerwetter, auch ungetroffen, oder wie ein Wagen voll Krebse, wenn unten ein Schwein durchkriecht.« –

Sie fanden den Wagen vor Strykius Türe, der sich wieder laut gegen das Nacht-Fahren erklärte und den Doktor die Treppe hinaufzog, um droben leiser sich über den Leibmedikus auszuschütten. Er schickte sogar den Bedienten, sobald er den Ofen für den Tee geheizt, mit Aufträgen in ferne, schon zugesperrte Häuser davon, um unbehorcht zu bleiben.

Der Wein – die Nacht – die Einsamkeit – der Schlag auf die Hand – dieses Ineinandergreifen so vieler Zufalls-Räder brachte den Doktor auf einmal in der Stube so weit, als er nach andern Planen kaum in einer Woche sein konnte. Er zog daher einen Taschen-Wind-Puffer heraus, schoß die Kugel in die Wand – zog und spannte einen zweiten und sagte: »Ein lautes Wort von dir, so schieß' ich dich leise nieder, und ich fahre davon. Du bist mein Rezensent, Dieb, nicht der ehrliche gelehrte Semmelmann – und ich bin noch nüchterner als du Saufaus. Schweig; ein Wort, ein Schuß! Es macht mich schon dein bloßes Waschschwamm-Gesicht mit seinen schlappen Vorderbacken und seinem Gelächel halb wütig. Ein Strafexempel muß ich nun an dir zum Vorteil der ganzen gelehrten Welt diese Nacht statuieren; nur steh' ich noch an, ob ich dich ganz aufreibe oder bloß lahmschlage oder gar nur ins Gesicht mehrmals streiche. Hier schleudr' ich noch zum Überfluß den Hakenstock von dem Giftpfeil auf deinen Nabel ab (der Stock fuhr aber ans Knie) – sieh den ausländischen Pfeil, womit ich dich harpuniere auf ewig, wenn du schreiest oder läufst. Jetzt verantworte dich leise, nenne mich aber Sie; denn ich bin der Richter und du der Inquisit.«

»In der Tat,« (hob der Brunnenarzt an) »es wird mir schwer, nach vielen heutigen geschickten scherzhaften Rollen von Ihnen – und insofern so angenehmen – diese mit einem Überfall auf[299] Leib und Leben nicht für Scherz zu nehmen, besonders da Sie ja nicht ganz gewiß wissen können, ob ich die Rezensionen gemacht.«

»Hier werf' ich dir« – sagte der Doktor, in die Tasche fahrend, und nahm das Heft des Pfeils in den Mund, um mit dem Windpistol fort zu zielen – »deine Handschrift aus der Druckerei vor die Füße, Räuber zu Fuß.«

»Gut, dies entschuldigt Ihre erste Hitze gewiß; aber erwägen Sie auch, daß überall von jeher der Gelehrte, besonders der Kunstrichter, gegen den Gelehrten zum Vorteile der Wissenschaft auf dem Papier eine freie Sprache führt, die er sich nie im Zimmer unter vier Augen...«

»Zum Wissenschaft-Vorteil? – Ist es nicht jammerschade, daß Leute wie du auch nur das Geringste davon verstehen? Können solche Leute unwissend genug sein? Die Wissenschaft ist etwas so Großes als die Religion – für jene sollte man ebensogut Mut und Blut daransetzen als für diese – und doch wagen die Rezensenten nicht einmal ihre Namens-Unterschrift daran. Eine Sünde pflanzt sich nicht fort, und jeder Sünder erkennt sie an; ein unterstützter Irrtum kann ein Jahrhundert verfinstern. Wer sich der Wissenschaft weiht, besonders als Lehrer der Leser, muß ihr entweder sich und alles und jede Laune, sogar seinen Nachruhm opfern –«

»Wie schön gesagt und gedacht!« lispelte Strykius. – »Schweig! – oder er ist ein Rezensent wie du; und der Teufel hole jeden Esel, der schreibt, und den er reitet; es ist genug, wenn das Tier spricht. Mache mir jetzt etwas Tee zurecht, denn das Wasser kocht; schneide aber deine Hosenknöpfe ab, damit du mir nicht entläufst.«

»Lieber mein Leben lass' ich als meine Ehre,« sagte Stryk »bloß aufknöpfen will ich den Hosensack und herunterlassen; und es tut ja der Länge wegen denselben Dienst...«

Während er im Hemd mühsam das Teewasser aufgoß: zog der Doktor den Widerruf hervor und sagte, wenn er ihn beschwöre und unterschreibe, so woll' er ihm das Leben selber schenken und ihn nur an den Gliedern, wo er es für gut befinde, mit dem Stab[300] Sanft bestreifen. Strykius schwur und schrieb. Darauf begehrte der Doktor, daß ers auswendig vor ihm lerne, weil er selber das Dokument wieder zu sich stecken müsse. Der Arzt predigte den Aufsatz endlich auswendig (der Hosensack war seine Kanzel) her. »Gut!« sagte Katzenberger »Nun haben wir beide nichts Wichtiges weiter miteinander abzumachen, als kollegialisch zu überlegen, welches von den Gliedmaßen ich denn vor dem Einsitzen zu zerschlagen habe; wir haben die Wahl. Wir könnten die Nase nehmen und solche breitschlagen; teils weil du auf meine grobe knollige kurze Fuhrmanns-Nase etwas heruntersiehst, teils weil nach Lavater sich unter allen Gliedern die Nase am wenigsten verstellen kann, und du also bei deiner Vermummerei Gott und mir danken wirst, wenn du ein aufrichtiges Glied weniger hast – Wir könnten aber auch zum Kopfe greifen, womit oder worin du besonders gesündigt und rezensiert, und ich könnte, da er noch nicht offen genug scheint, wenigstens die sieben Sinnenlöcher, die der Vorderkopf hat, auch dem Hinterkopf durch den Natur-Trepan eines sogenannten Stocks einoperieren – Oder vor und von der Hand könnten so viele Finger, als leider rezeptieren und rezensieren, bequem dezimiert werden – Oder ich könnte auch das Pistol an deine Wade halten und sie durchschießen, um aus der Hämatose zu sehen, ob sie eine falsche sei – Die Auslese wird schwer, du hast verdammt viel Glieder, und ich glaube, gerade so viel, als Pestalozzi in seinem Buch der Mütter aufzählt – Oder wählt man am besten das Ganze, die dreihäutige Oberfläche, und zeigt man sich dir mehr von der liebenden Seite, wann ich eben auf dich, als meinen Nachfolger, beeidigten Priester und Lehrboten, geradeso wie der Franziskus und andere Heilige die Wundenmäler von ihrem erscheinenden Herrn bekamen, alle die blauen und braunen und gelben Flecken, womit mich in mehr als einer Prügel-Disputa mancher Raffael angemalt, gleichsam als stigmata übertrage und abfärbe, um unsere Vereinigung zu zeigen – Nun so stimme doch mit über das Glied, sage, welches!« –

– »Mein Herz«, versetzte er. – »So vertraut spricht man nicht mit mir«, sagte Katzenberger. – »Meines mein' ich ja«, sagte Stryk.[301]

»In dies Glied mögen die Weiber ihre dummen Wunden machen! Herr, hier liegt Euer dummer Dachsschliefer, der niemand anbellt und anwedelt; das unnütze Vieh sollt Ihr mir, wenn ich unter den wählbaren Gliedmaßen etwas naschen soll, zum Zerschneiden mitgeben und vorher vor meinen Augen erdrosseln, da ich die Bestie sonst nicht fortbringe!« – »Er ist«, sagte der Arzt, »nur so still, weil er vor Alter keine fünf Sinne mehr hat; erdrosseln kann ich das treue Tier unmöglich, aber hergeben will ich ihn, da er doch bald abgeht.«

Hier hob er den leben- und schlaftrunknen Dachsschliefer auf und gab ihm den Judas- und den Todeskuß. »Behalt ihn, unwissenschaftlicher Narr!« rief der Doktor; »eh' ich ein veraltetes Vieh, lieber meine zehn Finger gäb' ich her!« – Dieser Zufall öffnete plötzlich dem Brunnenarzt einen Himmel und eine Aussicht: »Ich besitze hier«, sagt' er, »im Kabinett aus dem Fraisch-Archiv eine alte abgedürrte Hand, zwar keine ausnehmende Mißgeburt, aber es ist doch eine Hand mit sechs Fingern, die nicht jeder am Arme hat.«

»Si bon! – Ganzer Mann! Schatz, gebt mir die Hand, nicht Euere – so geh' ich ab und schone jeden Hund.« – Während Strykius die Sechsfingerhand als einen Reichsabschied gegen das Faustrecht aus dem Kasten holte, säete Katzenberger hinter dessen gebognem Rücken mehre Knallkügelchen auf verschiedne erwärmte Plätze des Ofens und legte nicht sowohl Feuer als Donner ein, um auch in seiner Abwesenheit das Strykische Gewissen nachts oder sonst mehrmals fürchterlich zu wecken durch Lärmkanonen, Notschüsse, Türkenglocken oder andere Metaphern. Während der Donnersaat sprach er fort und sagte ins Kabinett hinaus: »Ich bin aber heute so weich wie ein Kind; das macht der Trunk. Darwin bemerkt schon längst, daß sich den Säufern die Leber, folglich die Galle verstopfe; daher ihre Gallensteine und Gelbsuchten.«

Strykius brachte die eingeräucherte Hand, wogegen Esaus und Van Dyks Hände dem Doktor nur als invalide oder defekte erschienen. Nachdem er den Plus-Finger genau daran besehen: mußte sie ihm jener selber in die Tasche stecken, damit er in der[302] gerüsteten Stellung verbliebe. Freundlich und ganz verändert bat er, ihm ein Fläschchen mit Tee mitzugeben, um es ruhiger im Wagen zu trinken. »Nach der Schenkung der fremden Hand verzicht' ich gern auf jeden lebendigen Handdruck; Eure Kußhand in meiner Tasche hat alles ins reine und uns einander näher gebracht, und wir lieben uns, so gut wir können. Nur bitt' ich Euch noch, mir die Stockscheide, womit ich vorher in die Scheibe des Knies getroffen, selber an den Giftpfeil anzustoßen, weil ich mich aus Mißtrauen nicht bücke, Schatz!«

Als Stryk etwas ängstlich die obere Hälfte des Hakenstocks an die untere angeschienet hatte, händigte Katzenberger mit dem Gemsenhorn noch schleunig einen beträchtlichen Schlag den Schreibknöcheln des Mannes ein – es sollte ein Siegel auf die Bundakte sein – und sagte »Nur ein Katzenpfötchen und Handschlag für den in der Höhle, Addio!« Er eilte die Treppe hinunter und in den Wagen hinein, um schnell über die Grenze des Hauses und Landes zu kommen. Noch im Dorfe begegnete ihm Stryks Bedienter, dem er neuen Dank an seinen Herrn mitgab, und vor dem er fahrend die Gesundheit desselben in Tee trank. Frohlockend fuhr er mit dem Reichtum von sechs Fingern und von zwei Allianz-Hasen im Geleise des Himmelweges seiner Tochter nach. Strykius sang zu Hause Dankpsalmen an seine Geschicklichkeit und an das Geschick, daß er sich durch eine tote Hand aus einer lebendigen gerettet, und machte singend die Beinkleider und dann die Haustüre zu; erst da er die letzte dem Bedienten wieder öffnete, stimmte er Kriegslieder und Wettergebete gegen dessen ungeheures Außenbleiben an und gegen den Räuber von Doktor. Sein erster Gedanke war, diesem in einer ganz neuen Zeitung durch die zehnte Hand statt einer Benefiz- lieber eine Malefizkomödie zu geben und ihn zu einem Mitgliede in die Unehren-Legion der erbärmlichen Autoren aufzunehmen. Ferner hatt' er den zweiten Gedanken, bei sich anzustehen, ob er überhaupt einen ihm mit dem Pistol auf der Brust abgenötigten Eid und Widerruf nur wirklich zu halten habe. Da platzte auf dem Ofen eine Knallkugel, und sein Gewissen, von dieser Krachmandel gestärkt, sagte: »Nein, halte deinen Eid und nimm dir nur die[303] Zeit; denn nach zwanzig Jahren kannst du ebensogut widerrufen, wenn du nicht stirbst, als morgen.«

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 298-304.
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