Nr. 49. Blätter-Erz

[899] Beschluß der Reise


Heiliger Morgen! Dein Tau heilet die Blumen und den Menschen! Dein Stern ist der Polstern unserer dahingetriebenen Phantasien, und seine kühlen Strahlen bringen und führen das verwirrte erhitzte Auge zurecht, das seinen eignen Funken nachsah und nachlief!

Als noch viele Sterne in die Dämmerung schienen, rief der General den Notarius mit der frohesten Stimme aus dem Bette zur Berg-Partie; und dann nahm er ihn so liebreich auf – bis an die Stirnhaare lächelte er empor –, daß Walt sehr beruhigt war und beseligt; der General, dacht' er, würde ganz anders mit mir reden, wenn er etwas wüßte. Winas Angesicht blühte voll zarter[899] Morgen-Rosen; im Paradies am Schöpfungs-Morgen blühten keine vollern.

Sie gingen zu Fuße dem zerspaltenen Gebürge zu. Die Stadt war tief still, nur in den Gärten rüstete schon einer und der andere Beete und Rosenhecken für den Frühling zu, und die Rauchsäulen des Morgenbrots bogen sich über die Dächer. Draußen flatterte schon Leben auf, die Singdrossel wurde in den nahen Tannen wach, unten an der Fähre klang das Posthorn herüber, und aus dem Gebürge donnerte der ewige Wasserfall heraus. Die drei Menschen sprachen, wie man am Morgen pflegt gleich der grauen Natur um sie her, nur einzelne Laute. Sie sahen gen Osten, woran das Gewölke zu einem roten Vorgebürge des Tages anfing aufzublühen, und es wehte schon leise, als atme der Morgen vor der Sonne her.

Wina ging an der einen Hand des Vaters, der in der andern einen sogenannten schwarzen Spiegel hatte, um daraus die Natur zum zweiten Male als ein Luftschloß, als einen Abgußsaal einzuschöpfen. Die Frühe – Winas Morgenkleidung – das Träumerische, das der Morgenstern auflösend im Herzen so unterhält, als stehe er am Abendhorizonte – und Walts Bewegungen von der Nacht her, so wie seine Hinsichten auf die nahe Scheide-Sekunde; das zusammen machte ihn sprachlos, leise, sinnend, bewegt, voll wunderbarer Liebe gegen das nähere Jungfrauenherz, welche so weich und vielknospig war, daß er sich auf unterwegs freuete, um in der blühenden Seligkeit recht ruhig zu blättern.

Mit süßer Stimme aber tat an ihn Wina die Bitte um Verzeihung des gestrigen Auseinanderkommens. Da er die Bitte nicht zurückgeben konnte: so schwieg er. Darauf bat sie ihn, Raphaela zu grüßen und ihr als Ursache ihres brieflichen Schweigens den Umweg über Rosenhof nach Leipzig zu sagen. Der General, der so freimütig mit der Tochter vor dem Notarius sprach, als laufe dieser als ein tauber Schattenmann oder als ein stummer verschwiegner Affe mit, machte Winen geradezu Vorwürfe über ihre vielseitigen Sorgen und Schreibereien und über die ewigen Opfer ihres Ichs. Sie versetzte bloß: wollte Gott, sie verdiente den Tadel![900]

Als sie ins Gebürge traten, kroch die Nacht in die Schluchten zurück und unter die Talnebel unter, und der Tag stand mit der Glanz-Stirn schon in den Höhen des Äthers. Plötzlich lenkte der General das Paar in eine Felsenspalte hinein, worin sie hoch oben das eine höchste Berghorn schon vom Morgen-Purpur umwickelt sahen, das andere tiefer vom Nachtschleier umwunden, zwischen beiden schimmerte der Morgenstern – die Jungfrau und der Jüngling riefen miteinander: »O Gott!«

»Nicht wahr?« sagte der General und sah den Himmel im schwarzen Spiegel nach – »das ist einmal für meine Schwärmerin?« – Langsam und ein wenig nickte sie mit dem Kopfe und mehrmals mit dem Augenlide, weil sie vom gestirnten Himmel nicht wegsehen wollte; führte aber die väterliche Hand an den betenden Mund, um ihm stiller zu danken. Darauf zankt' er ein wenig, daß sie so stark empfinde und die Gefühle so gern aufnehme, die er ihr zuleite.

Schnell führte er beide durch einen künstlichen Weg vor das stäubende Grab, worein sich der Wasserfall, wie ein Selbstmörder, stürzte, und woraus er als ein langer verklärter Strom auferstand und in die Länder griff. Der Strom stürzte – ohne daß man sehen konnte, aus welcher Höhe – weit über eine alte Ruinenmauer hinüber und hinab.

Zablocki sagte darauf schreiend, wenn beide nicht scheueten, sich auf Gefahr eines schwachen Dampf-Regens mit ihm hart an der Mauer hin und durch deren niedrige, von lauter grünen Zweigen zugewebte Pforte durchzudrängen: so könnten sie auch etwas von der ebenen Landschaft sehen.

Er ging voraus, mit langem Arme sich Winen nachziehend. Als sie durch das halb versunkne Tor durch waren, sahen sie in Westen eine Ebene voll Klöster und Dörfer mit einem dunkeln Strom in seinem Tal und in Osten die Gebürge, die wieder auf Gebürgen wohnten und, wie die Cybele, mit roten Städten aus Eis, wie mit Goldkronen, im hohen Himmel standen. Die Menschen erwarteten das Durchbrennen der Sonne, welche den Schnee des Erden-Altars schon sanft mit ihren warmen Rosen füllte. Der Donner des Wassers zog noch allein durch den Morgenhimmel.[901] – Jetzt blickte Gottwalt von Osten weg und in die Höhe, denn ein seltsamer Goldschein überflog das nasse Grün da sah er über seinem Haupte den festschwebenden Wasserfall vor der Morgensonne brennen als eine fliegende Flammenbrücke, über welche der Sonnenwagen mit seinen Rossen entzündend rollte. – Er warf sich auf die Knie und den Hut ab und die Hände empor, schauete auf und rief laut: »O die Herrlichkeit Gottes, Wina!«

Da erschien ein Augenblick – niemand wußte wie oder wenn wo der Jüngling auf die Jungfrau blickte und sah, daß sie ihn wunderbar, neu und sehr bewegt anschaue. Seine Augen öffneten ihr sein ganzes Herz; Wina zitterte, er zitterte. Sie schauete auf zum Rosen- und Feuerregen, der die hohen grünen Tannen mit Goldfunken und Morgenrot bespritzte; und wie verklärt schien sie vom Boden aufzuschweben, und der rotbrennende Regenbogen leuchtete schön auf ihre Gestalt herunter. Dann sah sie ihn wieder an, schnell ging ihr Auge unter, und schnell auf, wie eine Sonne am Pol – das herzerhebende Donnern und das Wetterleuchten des Stroms umrauschte, überdeckte beide mit himmlischen goldnen Flügeln gegen die Welt – der Jüngling streckte die Arme nicht mehr nach dem Himmel allein aus, sondern nach dem Schönsten, was die Erde hat – –

Er vergaß beinahe alles und war nahe daran, in Gegenwart des Vaters die Hand des Wesens zu ergreifen, das über sein ganzes Leben diesen Sonnenblick der Zauberei geworfen. Wina drückte schnell die Hand über ihre beiden Augen, um sie zu verdecken. Der Vater hatte bisher den Wasserfall im schwarzen Spiegel beobachtet und sah nun auf.

Alles wurde geendigt. Sie kehrten zurück. Der General wünschte, daß man heftiger und deutlicher lobte. Das Paar konnt' es nicht. »Jetzt«, sagt' er, »nach solcher Freude sehnet man sich nach einem rechten Janitscharen-Marsch!« – Gottwalt erwiderte: »O wohl, nämlich nach solchen Stellen daraus, die piano und aus Moll zugleich gehen, wodurch vielleicht die Entzückung fürchterlich stark hereinspricht, wie aus einem Geisterreich.« – »Es regnet heute noch«, versetzte Zablocki, »die Morgenröte[902] zieht sich närrisch über den ganzen Horizont, so ganz besonders; aber der schöne Morgen war doch wenigstens des Sehens wert, Wina?«

Sie gab kein Ja. Schweigend kam man nach Rosenhof. Zablockis Wagen, Pferde und Bedienten standen schon reisefertig da. Darauf flog alles auseinander und davon. Die Liebenden gaben sich kein Zeichen der vorigen Minute, und der Wagen rollte davon, wie eine Jugend und eine heilige Stunde.

Walt ging im Granatapfel noch einige nachblitzende Minuten in seiner Stube auf und ab, dann in die des Generals. In dieser fand er ein vergessenes beschriebenes Blatt von Wina, das er ungelesen, aber nicht ungeküsset einsteckte, samt einem Flakon. Borstwisch und Sprenggefäß, die Vorarbeiter neuer Gäste, trieben ihn in sein Zimmer zurück. Er steckte die sonderbare Maske zu sich. Darauf machte er – gleich unvermögend, länger zu bleiben und länger zu reisen – sich trunken auf den Weg nach Haßlau zurück. Er sehnte sich mit seinem Folioband voll Abenteuer unter dem Arm in die Stube Vults. Sein Herz hatte genug und brauchte keinen Himmel weiter als den blauen.

Jakobine warf ihm von der Treppe, die sie hinaufging, und er herunter, das Versprechen nach, im Winter in Haßlau zu spielen. – Draußen verwelkte der rosenrote Himmel immer grauer und bis zu Regenwolken. An der Fähre mußt' er lange warten. Es fing endlich an zu regnen. Aber da der Vorhang vor dem Singspiele der Liebe aufgegangen war: so wußt' er, mit Augen und Ohren unter ihren Gesängen und Lichtern wohnend, wenig oder nicht, ob es auf das Dach des Opernhauses regne oder schneie.

Da das Schicksal gern nach dem Feste der süßesten Brote dem Menschen verschimmeltes, wurmvolles aus dem Brotschrank vorschneidet: so ließ es den Notar hinter Joditz auf Irrwege – auf physische – laufen, was dem Verhängnis leicht wurde, da er ohnehin nichts Örtliches behielt, nicht den Riß eines Parks, in welchem er einen ganzen Sommer lang spazieren gegangen. Dann mußt' er die gebogne weiße Hutfeder, welche ohne Kopf von einem Kavalleristen aus einem Hohlweg vorstach, für die Schwanzfeder eines laufen den Hahns ansehen und nachher den[903] Irrtum dem Militär gutmeinend entdecken, der ihn sehr anschnauzte. In einem Kirmesdorf wurd' ihm aus den Fenstern eines betrunknen Wirtshauses ein wenig nachgelacht. Das Rosanatal lief voll Wasser. In einem schönen Gartenhaus spielte der Regenwind auf der Windharfe einen mißtönigen Läufer und Kadenzen voll Schreitöne, da er vorüberlief.

Selig flog er seinen Weg – denn er hatte Flügel am Kopf, am Herzen, an den Füßen und saß als geflügelter Merkur noch auf dem Flügelpferd –, und ohne es kaum zu merken, kam er durch die vorigen Dörfer. Gleich dem Blitze lief sein Geist nur an den Vergoldungen des Welt-Gebäudes hin. Nur Wina und ihre Augen füllten sein Herz; an Zukunft, Folgen, Möglichkeiten dacht' er nicht; er dankte Gott, daß es noch einige Gegenwart auf der Erde gab.

Eine Freude kleinerer Art genoß er hinter Grünbrunn, wo ihm der böheimische Schweintreiber, dessen Klagen er in Joditz gehört, mit einem Pilger-Liede aufstieß und nichts von seinem Plagevieh mehr bei sich hatte als den Hund.

So trug ihn die rollende Erde ohne Erdstöße wiegend um die bedeckte Sonne. Gegen Abend sah er schon Haßlau, die Meilen waren ihm Wersten geworden. In Härmlesberg begegnete er noch einer alten Diebin, die man daraus bis an den Markstein mit dem Staupbesen gekehrt hatte.

Aus Haßlau kamen ihm Feuerspritzen entgegen, welche glücklich hatten löschen helfen. Als er im nassen knappen Badegewand mit fortleuchtenden Entzückungen durch das Haßlauer Tor getreten: sah er an den Kirchturm, wo Flitte und Heering wohnten; und nahm freudig wahr, daß der Testator Flitte, so hergestellt und gesund wie ein Fisch im Wasser, aus dem Schalloch guckte.[904]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 899-905.
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