Nr. 64. Mondmilch vom Pilatusberg

[1057] Brief – Nachtwandler – Traum


Vult war, sobald er Walts überkühne Liebe gegen Wina und deren Begünstigung, sowie seine eigne Niederlage, sich recht nah vor die eignen Augen gehoben hatte, nach Hause geeilt, mit einer Brust, worin die wilden Wasser aller Leidenschaften brausten, um sogleich an Walt so zu schreiben:

»Nur die Lächerlichkeit fehlte noch, wenn ich Dirs lange verdächte, daß Dein sogenanntes Herz nun auch endlich den Herzpolypen, den ihr Liebe nennt, in sich angesetzt, wenngleich manches dabei so wenig das Beste ist als Dein künstliches Verstecken vor mir. Das aber nimmst Du mir jetzt nicht übel, daß ich zum Teufel gehe und Dich allein Deinem Engel ablasse, da der Liebe die Freundschaft so entbehrlich und unähnlich ist als dem Rosenöl der Rosenessig. Halte denn Deinen geistigen Schar- und sonstigen Bock aus, bis Du auf grünes Land aussteigst und auf der Stelle genesest, die schwerlich auf der Freundschaftsinsel ist.[1057] Himmel! zu was waren wir denn beide überhaupt beisammen und ritten wie alte Ritter, auf einem Trauer- und Folter-Pferd (equuleus) oder Folteresel? – Etwa dazu, daß ich auf dem Wege und zum Besten Deiner Erbschaft Dich und Dein Pferd lenkte und hielte und keinen von Euch steigen oder fallen ließ? – Nun die sieben Erben wissen, ob ich ihnen geschadet. Überhaupt, was sind denn die irrenden Menschen anders als Himmelskörper auf Erden, bei deren täglichen und jährlichen Aberrationen und Nutationen man nichts machen kann als bloß den guten Zach dabei, nämlich die Zachischen Tafeln davon? Ebenso hättest Du Dich auch sonst hintergangen, wenn Du Dir geschmeichelt hättest, ich würde Dich sonderlich ausbilden und ausprägen mit meinem Münzkopf. Ich lasse Dich, wie Du warst, und gehe, wie ich kam. Auch Du hast mich nicht merklich umgemünzt, so daß ich leicht schließe, Du bist der – so wahren – Meinung, es sei im Geisterreich, so wie im Körperreich man trage das Fuhrmannshemde sowohl auf Redouten als auf Chausseen – das Spurfahren verderblich.

Morgen bin ich in die freie Welt hinausgezogen. Der nahe Frühling ruft mich schon ins weite helle Leben. Spielgeld, das meine Schulden bezahlt, liegt bei; – und somit guten Tag. Fällt und klagt mich jemand an, Bruder, so verficht mich nicht; wahrlich, sobald man mich haßt, so frag' ich wenig darnach, ob man mich um drei Stufen stärker hasse oder nicht; und wie viele Menschen verdienen es denn überhaupt, daß man sich von ihnen lieben lässet? Mich ausgenommen, nicht zwei, und kaum.

Wir beide waren uns einander ganz aufgetan, sowie zugetan ohnehin; uns so durchsichtig wie eine Glastür; aber Bruder, vergebens schreibe ich außen ans Glas meinen Charakter mit leserlichen Charakteren: Du kannst doch innen, weil sie umgekehrt erscheinen, nichts lesen und sehen als das Umgekehrte. Und so bekommt die ganze Welt fast immer sehr lesbare, aber umgekehrte Schrift zu lesen.

Wozu sollen wir denn miteinander und voneinander Plagen haben? Du, als liebender Dichter, als dichtender Liebhaber, hältst Deine künftigen so leicht aus als ein Vogel das Erdbeben – und[1058] ich meine so leicht als eine Winterlandschaft den Hagel. Aber warum war ich so dumm und trank täglich eine Flasche Burgunder weniger, ja oft zwei? Du bezahltest mirs nicht, daß ich nichts trank, und ich nicht einmal, wenn ich etwas trank. Oder glaubst Du, daß ein Mann, der seine Flöte bläset, der mehr Welt hat, sah und genoß als alle seine Anverwandten, der in Paris und Warschau abends um 1 Uhr, nach Mitternacht, seine Tasse Suppe trank und seinen Löffel Eis speiste, so leicht sein Paris und Warschau als Du Dein Haßlau und Elterlein in einer Neupeterschen Mansardstube opfert, die nicht einmal den Quadratinhalt eines Opferaltars groß ist? Ich aber glaube, ich war ein Cook, der Freundschafts- und Gesellschaftsinseln entdeckte und darunter die schöne Insel O-Waihi, welche aber den Entdecker und Weltumfahrer zuletzt, als er den Mastbaum wollte wieder zusammenschienen lassen, gar tot machte und auffraß.

Sogar meine Flöte ist Dir entbehrlich, da Du einmal (was Du wohl vergessen) eine Hoboe für eine Flöte angesehen, nämlich angehört. Und da Dir, wie Du sagst, überall die höchsten Töne am meisten gefallen: so wirst Du immer musikalisch-glücklich bleiben, weil in der Tat alle Schrei-, Miß- und Zorn-Töne, die den Ohren auf Gassen begegnen, stets hohe und höchste sind.

Meine Gedanken werfen sich so wild umher wie Granitblöcke; aber ich schreibe hier im Finstern bei hellem Sternenlicht; ich habe keine Zeit – die Post ist bestellt – nichts noch eingepackt; und Du sollst nicht eher von meinem Unsichtbarwerden wissen als nach ihm. Mit Briefen, die ich Dir, hoff' ich, schicke, sollen Dir gar die wenigen Ausschweifungen zukommen, die unserem Hoppelpoppel noch fehlen, wenn er als fest zusammengeleimter und lang-geschwänzter Papierdrache aufsteigen will in Leipzig in der Zahlwoche.

Gehabe Dich wohl, Du bist nicht zu ändern, ich nicht zu bessern; so wollen wir einander denn in wechselseitiger Luftperspektive entlegen erblicken, und jeder von uns sage: ›Warum warst du ein Narr und kein Lamm?‹ Und doch, Walt, bist Du allein an allem schuld.«


*[1059]


Als er eben in das Papier noch den zweiten Inhalt, das Geld, gelegt hatte – und eilte, um noch vorher sein Tagebuch, seine Noten und Notae und alles vorher für die Post zugesperret zu haben, bevor der Bruder erscheine: hörte er ihn kommen. Er warf sich vor dessen Eintreten aufs Bett und schnarchte als Fuhrbergmann ihm entgegen. Walt trat nahe an ihn, sah als Spes ins braunglühende Gesicht voll stürmischer Träume. Leise ging er umher, hauchte sich Tanzmelodien vor und legte als Text Liebesworte unter.

Zuletzt richtete sich Vult – von diesem windstillen und hohen Himmel wie geärgert – auf, trat mit zugeschloßnen Augen im Zimmer umher und stellte sich als Nachtwandler an, um in solcher Rolle ungefragt einzupacken, und sobald jener schliefe, unbedauert fortzugehen. »Heda«, rief er, »her, ihr Leute, und was es noch sonst für Spitzbuben gibt, helft packen, Bestien, und schleppen! Greift mehr zu, ihr Helfershelfer! Soll ich denn nicht heute um 3 Uhr nach der Spitzbubeninsel, und unten steht schon mein Pferd gesattelt, wie?« Dabei zog er sich an. Walt begleitete seine blinden Schritte bewachend. »Allerdings, Freund, taugen die Menschen und die Gurken nichts, sobald sie reif sind; das ist ja mein eigner Satz. Der Mensch im allgemeinen verdient viele Nasen von Gott und mehrere Nasen, als sich je durch einen alten Theatervorhang gesteckt haben, den man daher an manchen Orten in Blech einfaßte. Die Gründe sind freilich nicht jedem geläufig.«

Jetzt ging er in seinen Zimmerverschlag und packte, blinzelnd und sich oft von Walt abkehrend, sein Tagebuch und alles in den Koffer. »Auf der Flöte? – Nein, sondern auf dem Kamm will ich ihn künftig anblasen und abkämmen. Sagen Sie mir nichts von Liebe, Hr. Reisemarschall, sie ist zu dumm, eine hübsche Antike, die man den ganzen Tag ergänzen muß – ein Sonnentempel in Hosentaschenformat – und das dumme Ding glaubt, es lebe. Ich hab' es von ihr selber. Der Mensch führt sogar Gott vor einen Vergrößerungsspiegel, so unersättlich und so einfältig ist er Stecht mich in Kupfer, wie einen britischen Kampfhahn, ich will eben ein Monatskupfer zum Wolfsmonat abgeben, liebster Artilleriesekretär!«[1060] Als er fertig war und bloß den Koffer zuzusperren brauchte, schien er nachzusinnen und auf eine neue Idee zu geraten. »Scher' Er sich weg, Leichenmarschall, ich sperre meinen Sarg schon selber zu und will auch den Schlüssel als Hals-Gehenke tragen und niemand hineinlassen als einen oder den andern guten Freund. Was die ganze und halbe Trauer um mich anlangt, so soll sie niemand anlegen als ich. Musik wird als Re quiem während der Trauerzeit am wenigsten verboten, aber ich bestehe auf einem scharfen Trauer-Reglement. Der Nachtstuhl muß schwarz ausgeschlagen werden – man lasse das Kammergeschirr wie den Degen stahlblau anlaufen; – jede Maus in meinem Haus soll in Krepp gehen – meine Papilloten können Trauerschneppen sein und der Zopf in einer Trauerschleppe herabfallen. Aber was Henker ist das? Dort steh' ich ja leibhaftig und erscheine mir eigenhändig. – Warte, wir wollen gleich finden, wer von uns beiden wahren Du's der wahre und haltbarste ist.«

Hier versetzte er sich und dem Notar zugleich einen derben Schlag und erwachte davon; erst nachdem er wie verdutzt sich von Walten lange auseinandersetzen lassen, wo und was er sei, wurde er dahin gebracht, sich angekleidet aufs Bett zu werfen. Indem beide einander eine Zeitlang bewachten, fielen beide in einen wahren Schlaf.

Jetzt weckte ihn Walt, der noch traumtrunken und in berauschter Vergessenheit der vorigen Szenen ihm aus dem Bette folgenden Traum aufdrang:

»Ich weiß kaum recht, wie oder wo der Traum eigentlich anging, wie ein Chaos wollte die unsichtbare Welt auf einmal alles gebären, eine Gestalt keimte auf der andern, aus Blumen wuchsen Bäume, daraus Wolkensäulen, aus welchen oben Gesichter und Blumen brachen. Dann sah ich ein weites leeres Meer, auf ihm schwamm bloß das kleine graue fleckige Welt-Ei und zuckte stark. Es wurde mir im Traum alles genannt, ich weiß aber nicht von wem. Dann fuhr ein Strom mit der Leiche der Venus durchs Meer; er stand fest, das Meer floß wieder an ihm hin. Darauf schneiete es helle Sterne hinein, der Himmel wurde leer, aber an der Mittagsstelle der Sonne entglomm eine Morgenröte; das[1061] Meer höhlte sich unter ihr aus und türmte in ungeheuren bleiernen Schlangen-Wülsten am Horizonte sich auf sich selber auf, den Himmel zuwölbend – und unten aus dem Meeresgrund stiegen aus unzähligen Bergwerken traurige Menschen wie Tote auf und wurden geboren. Eine dicke Gruben-Nacht quoll ihnen nach. Aber ein Sturm schlug sich auf den Dampf und zerquetschte ihn zu einem Meer. Gewaltig fuhr er auf und ab und schüttelte alle Wellen, hoch oben im stillen Blau flog langsam eine goldene Biene leise singend einem Sternchen zu und sog an dessen weißen Blüten, und rund um den Horizont standen Türme heiter mit leuchtenden Gewitterspitzen, bis wieder ungeheure Wolken, als reißende Tiere gestaltet, ankamen und am Himmel fraßen.

Da hörte ich einen Seufzer, alles war verschwunden. Ich sah nichts als ein glattes stilles Meer, aus diesem brach die böse Feindin, ohne eine Welle zu machen, wie Licht durch Glas: ›Seit der Ewigkeit‹, fing sie an, ›ist das Wasser öl-glatt, das bedeutet eben den großen Sturm. Ich soll dir, sagt man, das älteste Märchen erzählen; bist du aber vorüber?‹ Sie sah seltsam aus, sie war in Meergrün und Meerblüten gekleidet, kleine Floßfedern zuckten an ihrem Rücken, ihr Gesicht war meergrau und doch jung, aber voll kämpfender Farben. Ehe ich antwortete, fuhr die böse Feindin fort: ›Es war einmal ein ewiges Märchen, alt, grau, taub, blind, und das Märchen sehnte sich oft. Dort tief in der letzten Welt- Ecke wohnt es noch, und Gott besucht es zuweilen, um zu sehen, ob es noch flattert und sich sehnt. – Bist du denn vorüber? So schaue die Tiere am Ufer an!‹ – Am glatten Meere hinauf lag es voll reißender Tiere, welche schliefen, aber im Schlafe sprachen und einander einen uralten Heißhunger und Blutdurst erzählten.

Ehe ich antwortete, versetzte die böse Feindin: ›Vernimm das alte Widerhallen; noch kein Wesen hat den Ton gehört, den es nachspricht. Wenn aber einst der Widerhall aufhört, so ist die Zeit vorbei, und die Ewigkeit kommt zurück und bringt den Ton; sobald alles sehr still ist, so werd' ich die drei Stummen hören, ja den Urstummen, der das älteste Märchen sich selber erzählt; aber er ist, was er sich sagt. Hölle, du erschrickst wie ein Sterblicher, bist du denn nicht vorüber, Tor?‹[1062]

Noch eh' ich antwortete, wuchsen ihr die Floßfederchen zu hohen zackigen Schwingen aus, womit sie mich unverdient und grimmig schlug; da verschwand alles, nur das schöne Tönen blieb. Es war mir, als sänk' ich in geflügelte Wogen eines wolkenhohen Meeres. Wie ein Pfeil schnitt ich durch seine weltenlange Wüste; aber ich konnte durch die gläserne Fläche nicht hindurch; sondern hing im dunkeln Wasser und schaute hindurch. Da sah ich draußen, nah oder fern, ich weiß es nicht, das rechte Land liegen, ausgedehnt, glänzend-dämmernd. Die Sonne schien als Ephemere in ihren eignen Strahlen zu spielen, und die Strahlen hörten auf. Nur die leisen Töne des rechten Landes flogen noch um mein Ohr. Goldgrüne Wölkchen regneten heiß übers Land, und flüssiges Licht tropfte überquellend aus Rosen- und Lilien- Kelchen. Ein Strahl aus einem Tautropfen schnitt herüber durch mein düsteres Meer und durchstach glühend das Herz und sog darin, aber das Tönen erfrischte es, daß es nicht welkte. Ich sagte laut: ›Es regnet drüben heiße Freudentränen; nur die Liebe ist eine warme Träne, der Haß eine kalte.‹ – Tief hinten im Lande stiegen Welten, wie Dunstkügelchen, unter einem weit umhüllten Sonnenkörper auf. In der Mitte drehte sich ein Spinnrad um, die Sterne waren mit tausend Silberfäden daran gereihet, und es spann sie immer näher und enger vom Himmel hernieder. – An einer Lilie hing ein Bienenschwarm. Eine Rose spielte mit einer Biene, beide neckten sich mit ihren Stacheln und ihrem Honig. Eine schwarze Nachtblume wuchs gierig gen Himmel und bog sich immer heftiger über, je heller es wurde; eine Spinne lief und wob emsig im Blumenkelche, um mit Fäden die Nacht festzuhalten, ja den Leichenschleier der Welt zu spinnen; aber alle Fäden wurden betaut und schimmerten, und der ewige Schnee des Lichts lag auf den Höhen.

›Es schläft alles im rechten Lande‹, sagt' ich, ›aber die Liebe träumt.‹ Ein Morgenstern kam und küßte eine weiße Rosenknospe und blühte mit ihr weiter – ein Zephyr hing sich küssend an einen Eichengipfel – einer der leisesten Töne kam und küßte eine Maiblume, und ihr Glöckchen wurde heftig emporgeweht – tausend warme Wolken kamen und hingen sich brünstig an Himmel[1063] und Erde zugleich – Turteltauben wiegten sich dufttrunken auf Nachtviolen und warfen girrend sich die Küsse auf Blumenblättern zu.

Auf einmal quoll am Himmel ein scharfblitzendes Sternchen heraus – es hieß die Aurora – wie vor Lust riß sich einen Augenblick mein Meer auf. – Statt der dämmernden Ebene lag ein fester breiter Blitz vor mir. Aber es schlug sich wieder zu, das verdämmerte Land erwachte, und alles wurde verändert; denn die Blumen, die Sterne, die Töne, die Tauben waren nur schlummernde Kinder gewesen. Nun umarmte jedes Kind ein Kind, und die Aurora klang unzählig darein. Die hohe Bildsäule des Donnergottes stand in der Landes-Mitte. Ein Kind um das andere flog auf den Stein-Arm und setzte einen Schmetterling auf den lebendigen Adler, der den Gott umkreiset. Dann flatterte das Kind wie leichtsinnig auf die nächste Wolke und sah herab nach seinem andern, das liebende Arme aufhob. Ach so wird schon Gott, vor dem wir ja alle Kinder sind, unser Lieben nehmen! Darauf spielten die Kinder untereinander ›Liebens‹. ›Sei meine rote Tulpe‹, sagte das eine, und das andere war sie und ließ sich an die Brust stecken. ›Sei mein liebes Sternchen oben‹, und es war es und wurde – an die Brust gesteckt. ›Sei mein Gott‹ – ›und du meiner‹, aber dann verwandelten sich beide nicht, sondern sahen sich lange an voll zu großer Liebe und verschwanden wie sterbend dahin. – ›Bleibe bei mir, mein Kind, wenn du von mir gehst‹, sagte das bleibende; da wurde das scheidende in der Ferne ein kleines Abendrot, dann ein Abendsternchen, dann tiefer ins Land hinein nur ein Mondschimmer ohne Mond, und endlich verlor es sich ferner und ferner in einen Flöten- oder Philomelenton.

Aber der Morgenröte gegenüber stand eine Morgenröte auf; immer herzerhebender rauschten beide wie zwei Chöre einander entgegen, mit Tönen statt Farben, gleichsam als wenn unbekannte selige Wesen hinter der Erde ihre Freudenlieder heraufsingen. Die schwarze Blume mit der Spinne bog sich krampfhaft bis zum Knicken nieder. Zu einem Lilienkranze waren vom Rade die Sterne vom Himmel herabgesponnen und er nun hellblau gemacht. Der Allklang hatte die Blumen zu Bäumen gereift. Die[1064] Kinder waren dem Auge zu Menschen gewachsen und standen endlich als Götter und Göttinnen da und sahen sehr ernst nach Morgen und Abend.

Die Chöre der Morgenröten schlugen jetzt wie Donner einander entgegen, und jeder Schlag zündete einen gewaltigern an. Zwei Sonnen sollten aufsteigen, unter dem Klingen des Morgens. Siehe, als sie kommen wollten, wurde es leiser und dann überall still. Amor flog in Osten, Psyche flog in Westen auf, und sie fanden sich oben mitten im Himmel, und die beiden Sonnen gingen auf – es waren nur zwei leise Töne, zwei aneinander sterbende und erwachende; sie tönten vielleicht; ›Du und ich‹; zwei heilige, aber furchtbare, fast aus der tiefsten Brust und Ewigkeit gezogne Laute, als sage sich Gott das erste Wort und antworte sich das erste. Der Sterbliche durfte sie nicht hören, ohne zu sterben. Ich schlief in den Schlaf hinunter, doch schlaf- und todestrunken, war mir, als verhülle und vergifte mich der Blumenduft eines vorbeifliegenden Paradieses – –

Da fand ich mich plötzlich am alten ersten Ufer wieder, die böse Feindin stand wieder im Wasser; aber sie zitterte wie vor Frost und zeigte ängstlich auf das glatte Meer hinter ihr, mit den Worten: ›Die Ewigkeit ist vorbei, der Sturm kommt, denn das Meer wird geregt.‹ Ich sah hin, und die Unermeßlichkeit gor zu unzähligen Hügeln auf und zum himmelhohen Sturme; doch tief im Horizont wallete hinter den Zacken ein sanftes Morgenlicht empor. Aber ich erwachte; was sagst du, Bruder, zu diesem künstlich-fügenden Traume?«

»Du sollst es sogleich hören in dein Bett hinein«, versetzte Vult, nahm die Flöte und ging, sie blasend, aus dem Zimmer – die Treppe hinab – aus dem Hause davon und dem Posthause zu. Noch aus der Gasse herauf hörte Walt entzückt die entfliehenden Töne reden, denn er merkte nicht, daß mit ihnen sein Bruder entfliehe.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 1057-1065.
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