6. Hundposttag

[555] Der dreifache Betrug der Liebe – verlorne Bibel und Puderquaste – Kirchgang – neue Konkordaten mit dem Leser


Knefs Antwort ist elend: »Aus dem vom 6ten dieses von Ew. Wohlgeboren Erlassenen ersehe, daß das Publikum Geschmack hat und einige Feinheit – welches mich gar nicht wundert, da man solches den Goldplatten, die erst zwischen einem Buch von Pergament und dann zwischen zwei von Rindsblättern dünn und fein geschlagen werden, ähnlich behandelt und es ebenso von einem Buch ins andre tut und darin durch den Druck der Preß-Bengel so fein macht wie Kavalierpapier. Wenns Publikum noch ein paar Jahre so fortlieset, so kanns zuletzt gescheiter werden als Deutschland selber. Anlangend die Unwahrscheinlichkeiten in unserem Werke, so wären dergleichen freilich mehre zu wünschen, weil ohne diese eine Lebensbeschreibung und ein Roman schlecht gefallen, da ihnen der Reiz fehlet, womit uns das deutsche Hospital- und Narrenschiff voll romantischer Originalromane so sehr anzieht welches Schiff als Absonderungdrüse widerlicher Werke mit Recht die Leber der gelehrten Republik genannt werden mag, und der Buchladen der Gallengang. Aber in Rücksicht der Unwahrscheinlichkeiten besorge selber nur gar zu sehr, daß auch die[555] wenigen, worauf wir fußen, am Ende verschwinden. Der ich u.s.w.«

Der Schäker, merkt man leicht, will nur mich und den Leser gern mit Hasenschwänzen behängen. Für mich aber ists doch ein herrliches Dokument, daß ich das Meinige getan und an den Schelm geschrieben habe. –

Gewisse Menschen sind, wenn sie abends sehr warm und freundschaftlich waren, am Morgen sehr finster und kalt – wie Maupertuis' Halbsonnen, die nur auf der einen Hälfte brennen, und die uns verschwinden, wenn sie die erdige vorkehren –; und waren sie kalt, so werden sie warm. Flamin vergaß am Morgen entweder den warmen Abend oder die Nachtkälte. Heute ist das Kirchgangfest! – Droben bei Sebastian rückt' er, wie ein deutscher Polizei-Puritaner und Purist, mit Speiteufeln und Musketenfeuer aus gegen den Kirchgang – gegen Kindtaufschmäuse – gegen das Holzfällen zu Weihnachten und Pfingsten – gegen Feiertage und gegen allen Spaß der Menschen.

Viktor wurde von unserm Jahrhundert durch nichts so erzürnt als durch dessen stolze Kreuzpredigten gegen unmodische Torheiten, indes es mit unmodischen Lastern in Subsidientraktaten steht. Er holte mit einem weiten Atem aus und bewies, daß das Glück eines Staates, wie eines Menschen, nicht im Reichtum, sondern im Gebrauche des Reichtums, nicht in seinem kaufmännischen, sondern moralischen Werte bestehe – daß die Ausscheurung des altertümlichen Sauerteigs und unsre meisten Institutionen und Novellen und Edikte nur die fürstlichen Gefälle, nicht die Moralität zu erhöhen suchten, und daß man begehre, die Laster und die Untertanen brächten, wie die alten Juden, ihre Opfer nur in einer Stadt, nämlich in der Residenzstadt – daß die Menschheit von jeher sich die Nägel nur an den nackten Händen, nicht an den verhüllten Füßen, die oft darüber selber herunterkamen, beschnitten habe – daß Aufwand- und Prachtgesetze den Fürsten selber noch nötiger wären, wenigstens den höchsten Ständen, als den tiefsten – daß Rom seinen vielen Feiertagen viel von seiner Vaterlandliebe verdanke.... Flamin hatte für die kleine Perlenschrift der häuslichen Freude, für Aufgußblümchen des Vergnügens keine[556] Augen; dafür hielt seine Seele mit einem Brutus gleichen Schritt, wenn er groß ans Bild des Pompejus trat und mit einem Seufzer über das Schicksal die Parzenschere in das größte Herz der Erde trieb, das seinen Wert mit seinem Recht verwechselte. Viktor hatte ein geräumiges Herz für die unähnlichsten Gefühle.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß heute der Kirchgang ist. Ich will ihn der Nachwelt abzeichnen, aber nicht mit jener Kürze, womit ein Zeitungschreiber den Leichenzug eines Königs auf drei Bogen bringt, sondern ein wenig umständlicher. Zu den pomphaften Anfangbuchstaben dieses Tages hatte das Pfarrhaus ganz andre Gründe in petto, als man meines Wissens unserem Zeitalter noch zu entdecken beliebte: betrügen wollten drei Teilnehmer einander, allemal zwei einen.

Betrügen wollte erstlich die Pfarrfrau den Helden, der nicht wußte, daß heute der Geburttag seines Vaters war, und daß dieser – freimütig von ihr eingeladen – heute auf fünf Minuten lang komme. Sie ließ am Morgen ihre zwei Töchter Garn sieden, damit sie dem Viktor – nichts beichteten, wenigstens keine Wahrheit; denn es ist ein bekannter Aberglaube, daß das Garn am weißesten gesotten werde, wenn man dabei recht lügt. Daher sollte man auch, wenn die Weiber lügen, behutsamer sein und fragen, ob sie mit ihren poetischen Täuschungen etwas anderes weißbrennen wollen als Garn. Ihr geliebter Viktor sollte – das war ihr Plan – ihrem Manne, dessen Wiegenfest heute auch einfiel, den gewöhnlichen Glückwunsch bringen und ihn nachher halbieren und dem Lord hinlangen müssen, der mit seinem eignen Geburttag ausstieg.

Betrügen wollte zweitens Sebastian und sie den alten Kaplan, der vergessen, daß er geboren worden – welches ihm schon bei seinem ersten Geburttage begegnet war. Die Menschen behalten einen fremden Lebenslauf besser als den eignen: wahrhaftig, wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war, und welche die Hülse der verflognen Stunden ist, viel zu wenig, und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinnerung zum Regenbogen des Genusses. Die Männer wissen, wenn alle Kaiser geboren und alle Philosophen gestorben sind –[557] die Weiber wissen aus der Chronologie bloß das, wenn ihre Männer, die ihre Regenten und klassischen Autoren sind, beides taten. Viktor, dessen feines Gefühl von zu großen Aufmerksamkeiten für ihn versehret wurde, war froh, daß Eymanns Schultern die Hälfte der heutigen Ehre tragen mußten.

Betrügen wollte drittens der Pfarrherr so gut als einer, und zwar jeden. Da für ihn dieser Festtag – wie die drei hohen Feste der Klöster – zugleich Rasiertag war, an welchem die gescheitsten Köpfe die dümmsten Gesichter machen: so schnitt der Barbier mit der Rasier-Lanzette in des Seelensorgers Haut wie in eine Birkenrinde sein Andenken; aber dieses wenige Blut, das ausquoll, führte dem Pfarrer einen klügern Gedanken zu als das, was der Bader darin ließ, welches doch den Nervensaft absonderte, der nach den seichtesten Denkern die Gelenkschmiere unsrer geistigen Bewegungen, die Goldauflösung unsrer reichhaltigsten Ideen und der Geist unsers Geistes ist. Dieser klügere Gedanke, den ich so lobe, war der, sich auf dem linken Arm zur Ader zu lassen – es dem ganzen Hause zu verhalten – abends dem Lord Glück zu wünschen und jedem – und am Ende den Ärmel auszuziehen und die Wunde zu zeigen, wie ein Römer, und zu sagen: gratuliert doch zur Aderlaß! – Er setzte es durch, und der Scherer mußte staunend etwas anderes zerhacken als das Kinn. Der Blessierte gab ihm das Geleite bis an die Hoftüre, nicht sowohl aus Höflichkeit, als damit ers nicht der ganzen Hausgenossenschaft vortrüge, sondern den Vorfall überhaupt bei sich behielte, ausgenommen in Häusern, wo ein Bart war und ein Ohr. Denn ein Geschichtschreiber sei immerhin der Monatzeiger der Zeit – und folglich sei der Zeitungsetzer der Stundenzeiger derselben – mithin ein Weib ihr Sekundenzeiger: so ist doch der Bartputzer beides, das Weib und der Sekundenzeiger.

Als Flamin und Viktor hinuntergingen ins Wohn-, Putz-, Sommer- und Winterzimmer, stach unter lauter frohen Gesichtern ein verdrießliches vor, das dem wie besessen umhersetzenden Pfarrer gehörte: er konnte zweierlei unmöglich ausspüren, seine Bibel und seine Puderquaste. Drei Minuten vorher hatt' er so gejammert: »Bin ich und mein elendes Leben denn zu einer wahren[558] Passionhistorie ausersehen? Man gebe mir einen Glücktopf, aus dem jeder andere ganze Königreiche herauskrebsen würde – sobald mich der böse Feind nahe merkt, so legt er seinen Unrat hinein; und diesen heb' ich dann statt der Krebse und Königreiche heraus, und weiter nichts. – Es wär' heute hübsch geworden, sah der Teufel – wir hätten bis abends um vier Uhr keine Lust gehabt, sondern Hundearbeit – dann wär's losgegangen, das Essen im Gartenhaus, das Gratulieren und Salutieren und wahrer Spaß.... Euch ist er auch noch beschert; mir aber schenkt nur, wenn der Püster und die Bibel nicht erscheinen, etwas Ruß und Asche (die etwa vom Abendschmause nachbleiben), damit ich damit dem Fuchs (Pferd) das Gebiß abbürste – und abends kann ich neben dem Gartenhause den Rettich ausjäten.«

Hier mußte er mit der niedergelassenen Flagge seines Kopfes, mit der Trottelmütze, den eintretenden Briten salutieren – als dadurch aus der Mütze ein Haar-Büschel ausfiel, der zwar nicht die gesuchte Bibel, aber der gegebene Püster war. Es muß nämlich die Denk- und Lese-Welt, der man oft die wichtigern Tatsachen nicht hinterbringt, am wenigsten um diese kommen, daß der Hofkaplan – so wie Menschen aus Menschen gerissen werden, um die übrigen zu übertreffen und zu beherrschen – gerade so die Haare, die sein Kamm auszupfte, in einen Pelz-Faszikel oder Haar-Verein zusammenwickelte, um damit die übrigen, die noch standen, einzupudern, welches nun wohl vom erhabensten Geist und Pentameter nicht anders zu benamsen ist als ein Haarpüster. Gleichwohl wurde Eymanns Gesicht länger als die Mütze: er ließ diese Spritze des Farbenpulvers des Kopfes kalt daliegen und sagte: »Mach' ich nicht die Bibel ausfündig: so seh' ich nicht ab, wie mich dieser Schopf allein herausziehen will.«

Wie vor Luther die Bibel, wurde jetzt die Cansteinische mit ihren schwarzen Käfer-Flügeldecken gesucht. Wenn etwas diesen harten Schlag noch herber machen konnte, so wars dies, daß Eymanns Bäffchen – gleich seiner Vernunft – zwischen den verlornen kanonischen Blättern wie zwischen einer Serviettenpresse lag: denn die Geistlichen – besonders der Papst – machen das Bibelwerk gern zur Glanzpresse und zum Schmuckkästchen ihres[559] äußern Menschen. Ob er gleich noch acht Bibeln, sogar die einfältige Seilerische Bibel-Chrestomathie, im Hause hatte und in der Wochenkirche heute gar keine brauchte: so war es doch besser und menschlicher – d.h. närrischer –, daß er den Kopf seines Sakristei-Pedells, des Schulmeisters, aus dem Fenster pfiff und den Gottesdienst – wie eine Aufklärung – durch ein viertelstündiges Interim verschob, als daß er statt der Stunde des Lautens nichts Geringers änderte als Bibel und Bäffchen.

Lieber Himmel! wie man gleich Exegeten und Kennikottisten suchte und lächelte! – »Dieses Forschen nach der Bibel«, sagte Sebastian, »gereicht einem Geistlichen zur Ehre, zumal da er die biblischen Wahrheiten nur beim Taglicht, nicht bei Scheiterhaufen-Fackeln sucht.«

Die Mönche haben, wie die Anzünder der öffentlichen Laternen, eine Leiter und viel Öl, aber mit dem Öl löschen sie die Lampen aus und den eignen Durst, und mit der Leiter reichen sie die, die wieder anzünden, dem – Galgen.

Als der Kaplan vor dem ruhigen Kopf des sechswöchentlichen Kindes vorbeiging, den schon die heutige Tressenhaube preßte: so ging er aus Ärger über dessen Gleichgültigkeit wieder zurück, hob seinen geputzten Kopf empor mit der rechten Hand und fuhr in den Schacht des Wiegenstrohes ein mit der linken und wollte da die Bibel – die gewöhnlich das Kopfkissen und die Amulett-Unterlage der Kinder (besonders der Dauphins) ist – ausgraben, indem er sagte: »Der miserable kleine Fratz läge bei unserem Elend nur kalt da, mir nichts dir nichts, wenn ich ihn nicht aufstörte.« – Und hier fiel etwas, nicht wie ein Schuß, sondern wie ein Buch, wiewohl mans durch meinen Kiel bis ins dreißigste Jahrhundert hören kann. Eymann sprang denkend ins zweite Stockwerk und fand zu seinen Füßen eine erschmissene – Maus unter seiner gesuchten Bibel. Den protestantischen Reichskreisen können die Studenten- oder Doktor Luthers-Mausfallen niemals unbekannt gewesen sein, zu denen man nichts braucht als ein Buch, und die für Mäuse sind, was symbolische Bücher für Kandidaten. Sebastian zog die Leiche beim Schwanze unter der biblischen Quetschform und Seilerischen Bibelanstalt hervor, schwenkte[560] den Kadaver gegen das Licht und hielt diesen Leichensermon ex tempore: »Armer Schismatiker! dich erschlug das Alte und Neue Testament, aber du und die Testamente sind außer Schuld! – Sei nur froh, daß die Bibel dich nicht gar zu Asche sengte, wie einen portugiesischen Israeliten; aber du fielest in aufgeklärte Zeiten, wo sie nichts nimmt als Pfarrdienste. Es ist echter Witz, wenn ich frage: da sonst die Bibel die Feuerbrünste, worein man sie warf, auslöschte: warum denn Autodafés nicht auch?« –

Ich laure hier längst der Welt auf, um sie zur Untersuchung zu nötigen, warum ein Maus-Sterbefall sie mehr interessiert als eine erschossene Armee in der allgemeinen Weltgeschichte, ein verlorner fremder Haarpüster mehr als Christinens verlegte Krone... Daher kömmt dieses Interesse, woher es bei denen kömmt, denen die Sache wirklich begegnet: weil ich sie weitläuftig erzähle, d.h. weil die Leser gleich den dabei interessierten Helden mühsam einen Augenblick der kindischen Historie um den andern überleben. Viele kleine Schläge durchlöchern den festesten Menschen so sicher als ein großer, und es ist einerlei, ob sie das Schicksal oder ein Autor tut. So ist also der hiesige Mensch so nahe an den Zeiger der Zeit gestellt, daß er ihn rücken sehen kann; darum wird uns eine Kleinigkeit, wenn sie viele Augenblicke einnimmt, so groß, und das kurze Leben, das, wie unsre gemalte Seele im orbis pictus, aus Punkten besteht, aus schwarzen und goldnen, so lang. Und darum steht überall, wie auf diesem Blatte, unser Ernst so nahe an unserem Lachen!

Flamin ausgenommen, rückten sie alle in die Kirche, Pat' und Patchen: es war eine sogenannte Wochen-Betstunde, die in jedem vernünftigen Herzogtum und Markgraftum wird beibehalten werden, wo man noch darauf sieht, daß der Pfarrer wöchentlich ein paarmal erfriert, und daß er, so wie Novizen zur Übung der Obedienz verdorrte Stecken begießen müssen, den Samen des göttlichen Wortes in leere Kirchenstühle wirft, wie Melanchthon in leere Töpfe. In den deutschen Ländern – meines und wenige ausgenommen – gehören zwei Jahrhunderte dazu, um eine vollständige Narrheit abzuschaffen – eines, um sie einzusehen – noch eines, um sie abzuschaffen. Die Einsichten eines Konsistoriums[561] werden allemal ein Jahrhundert früher vernünftig als die Befehle (Cirkularia) desselben.

Im Eymannischen Gitterstuhle, dessen Türe mit der Sakristei ihrer fast einen rechten Winkel machte, fand Sebastian alle Blumen, wenigstens die Blätterskelette derselben wieder, die um seine schönen Kindertage geblühet hatten – uneigentliche und eigentliche –, und die eigentlichen, die beschmutzt unter dem Fußschemel des Chorstuhls sich verkrochen, schlugen zu Blumen der Erinnerung wieder aus. Er dachte an seine kindischen Leiden darin – worunter die Länge der Predigt – und an seine kindischen Freuden, unter welche die Länge des Präludiums und Eymanns Knien auf der Mitte der Kanzeltreppe gehörte. Er schob das hölzerne Gitterfenster zurück und fand in dessen hölzernem Gleise seinen Namenzug V.S.H. von eignen Händen eingesägt. Vom Kinde zum Jüngling ist so weit! Und der Mensch verwundert sich über die Ferne. »Ach damals« – sagte Horion, und wir wollens mit ihm sagen – »war dir noch alles unendlich, und nichts klein als dein Herz – ach in jener warmen erquickenden Zeit, wo der Vater uns noch Gott der Vater und die Mutter die Mutter Gottes ist, drückte sich noch die von Geistern, Gräbern und Stürmen beklemmte Brust getröstet an eine menschliche – alle vier Weltteile waren in diese Kirche eingepfarret, alle Ströme hießen Rhein und alle Fürsten Jenner – ach! diesen schönen stillen Tag faßte ein goldner Horizont der unendlichen Hoffnung ein und ein Ring aus Morgenrot. – Jetzo ist der Tag dahin und der Horizont hinab und bloß das Gerippe noch da: der Gitterstuhl.«

Aber wenn wir schon jetzt in den Mittagstunden des Lebens so denken und seufzen: wie wird uns nicht am Abend, wo der Mensch seine Blumenblätter zusammenlegt und unkenntlich wird wie andre Blumen, am Abend, wo wir unten am Horizont in Westen stehen und auslöschen, wird uns da nicht, wenn wir uns umwenden und den kurzen, mit ertretenen Hoffnungen bedeckten Weg überschauen, wird dann uns der Garten der Kindheit, der in Osten, tief an unserm Aufgange, und noch unter einem alten blassen Rote liegt, nicht noch holder anblicken, noch magischer anschimmern, aber auch noch weicher machen? – Und darauf legt[562] sich der Mensch nicht weit vom Grabe nieder auf die Erde und hofft hienieden nicht mehr.

Für Eymann mußt' es rührend sein, daß er, da er jahrelang fremde Kindbetterinnen in der Kirche einsegnete, einmal einer nähern seine Wünsche geben konnte. Viktor kroch in alle Knabensonntage und ihre Täuschungen dadurch zurück, daß er heute – wie im zehnten Jahr – unter dem Singen der ganzen Gemeinde in die Sakristei zum Pfarrer ging und ihn fragte um die Blattseite des Lieds. Es labte ihn als Kind, daß es vier gehende Wesen im Tempel gab, den Pfarrer, den Schulmeister und den Renteimeister des Gotteskastens und ihn: gibt es etwas Erhabeners, dacht' er, als einen Klingelbeutelvater mit einer langen waagrechten Balancierstange allein einherwandelnd durch lauter befestigte Statuen?

Nach der Kirche fing sich das Fest an mit bloßen Vorarbeiten dazu, wie ein Friedenschluß mit den Schlüssen über den neutralen Ort, über den Rang u.s.w. Die Welt muß nur nicht denken, daß eher als um fünf Uhr nachmittags etwas angehe, oder daß jemand früher aus der prosaischen Wochen-Einkleidung in die poetische festliche wischen oder sich ruhig neben einen Nachbar niederlassen könne – sondern nach der Prozeßordnung der Lust muß jetzt alles hinauf –, hinabrennen – Apollonien, dieser Majorin domus, gehorchen – die Bohnenstangen und Samen-Düten aus dem Gartenhause tragen – entpuppte Schmetterlinge daraus fächeln und aufgewachte Brummfliegen – das vorgeschossene Gezweig von den Fenstern zurückbinden – die Orangerie, die aus hundert Blüten eines Pomeranzenbaums bestand, aus dem Pfarrhause in die Garten-Straße herunterheben, desgleichen ein invalides Klavier, dessen Sangboden nicht so oft als sein Saitenbezug gesprungen war... Der ernsthafte Flamin wurde vom lärmenden Sebastian zu diesen Haupt- und Staatsaktionen mit gezwungen, und zwischen ihnen mußte in dieser Vorjagd der Freude das gequälte Eymannische Gesicht arbeiten, an das Viktor die nötigsten Ermahnungen hielt: »Herr Gevatter, wir können nicht ernsthaft und fleißig genug sein – es kann von diesem Feste noch an Orten gesprochen werden, wo es Einfluß hat – aber ein Mittelweg[563] zwischen Fürstenpracht und belgischer Knauserei wird, denk' ich, das vorteilhafteste Licht auf uns werfen.« – Es ging alles gut sogar das Gewölk zerwarf sich – Klotilde wollte kommen – der Primas des Festes, dem zu Ehren der Kirchgang war, der kleine Sechswöchner, memorierte laut an seiner Rolle, die er nach fünf Uhr zu machen hatte, und die, wie bei mehren Helden von Festlichkeiten, in nichts bestehen sollte als in Schlafen. – –

Das Memorieren bestand darin, daß er in einem fort wachte und schrie nach dem Busen, in dem der Schöpfer ihm das erste Manna in der Lebenswüste bereit gelegt. Aber nicht eher als um fünf Uhr stillte die Mutter ihn mit dem mütterlichen Schlaftrunk und ließ den kleinen Sprecher Kehldeckel und Augendeckel miteinander schließen. Anfangs hätt' ichs beinahe – aus Achtung gegen die Pfarrerin – unterdrückt, daß sie säugte und so, gleichsam wie ein Walfisch noch unter die Säugetiere gehörig, an ihrem Busen ein andres Kind ernährte als den Amor; aber ich schmeichelte mir nachher, eine Person, die weder eine Theater- noch eine Kronprinzessin ist, werde nicht so strenge als andre beurteilt werden, wenn sie Kinder hat oder Milch....

Eh ich sage, daß Klotilde kam, will ich sie, da sie acht Quartiere hat – wiewohl mancher Magnat, der sechzehn adlige Quartiere hat, doch noch ein siebzehntes gemauertes sucht, wo er schläft –, ein wenig entschuldigen, daß sie in ein bürgerliches ging; es kömmt ihr aber in der Tat nichts zustatten, als daß sie auf dem Lande war, wo oft das älteste Blut keinen bessern Umgang habhaft wird als bürgerlichen, wenns nicht etwan Vieh ist, das auch einige nicht unkluge Kavaliere wirklich vorziehen....

Es schlägt fünf Uhr – die Schönste tritt herein – der Mond hängt wie ein weißes Blütenblatt aus dem Himmel auf sie herab – das freudige schuldlose Blut in St. Lüne steigt wie die Flut unter ihm auf – alles ist umgekleidet....

Aber das sechste Kapitel ist aus....

– Und da der Spitz mit dem siebenten noch nicht da ist: so können ich und der Leser ein vernünftiges Wort miteinander reden. Ich gestehe, er schätzt mich und mein Tun lange, er sieht ein, alles ist im schönsten biographischen Gange, der Hund, meine[564] Wenigkeit und die Helden dieser Hundtage. – Ich habe auch nie abgeleugnet, daß er immer mehr von dem Glanz und Blitze dieser Fußgeburt werde geblendet werden; da ich so sehr daran wichse, reibe und bohne, mehr als an einem Menschenstiefel oder militärischen Roßhuf in Berlin – Ja ich brauche aus keiner Tasse voll Kaffeesatz es mir erst wahrsagen zu lassen (denn ich erseh' es schon aus der menschlichen Natur und aus dem Kaffee, den ich trinke), daß das noch das Geringste ist, und daß die eigentliche Lesewut den guten Schelm erst dann befallen wird, wenn in diesem Werke, woran wie an der Basselisse zwei Arbeiter auf einem Stuhle seßhaft weben, die historischen Figuren dieser Basselisse samt ihrer Gruppierung von dem Fußballen bis zur Wirbelnaht hervorsteigen werden – – Jetzt ist ja kaum noch eine Ferse, ein Schienbein, ein Strumpf fertig gewürkt...

Aber wenn zwanzig bis dreißig Ellen am Werke werden abgewoben sein: dann können ich und mein Beisitzer das erwarten, was ich hier schildern will: des Teufels völlig wird der Leser sein mit Eilen – einen Hundposttag hinauszubringen, lässet er sechs Schüsseln kalt werden und den Nachtisch warm – Doch was will dies sagen: ein leibhafter römischer König reite durch die Straße, und ein Kanonendonner fahre hinterdrein, er hörts nicht – seine Ehehälfte gebe in seinem Lesekabinett einem ehelichen Überbein das beste Abendessen, er siehts nicht – das Überbein selber halte ihm Teufelsdreck unter die Nase, es gebe ihm scherzend mit einem Waldhammer leichte Hiebe, er spürts nicht... so außer sich ist er über mich, ordentlich nicht recht bei Sinnen. – –

Das ist nun das Unglück, dessen Gewißheit ich mir vergeblich zu verbergen suche. Ists einmal da, und bring' ich ihn unglücklicherweise in jene historische Hellseherei, wo er nichts mehr hört und sieht als meine mit ihm in Rapport gesetzte Personen, weder seinen Vater noch Vetter: so kann ich versichert sein, daß er einen Berghauptmann noch weniger hört – denn Geschichte will er, und von mir weiß er gar nichts mehr – ja ich will setzen, ich brennte die buntesten Feuerwerke des Witzes ab, ja es hingen aus meinem Maul philosophische Schlußketten, wie aus eines Taschenspielers seinem Bänder, in Zaspeln heraus: hülf's mir was? –[565]

Dennoch müssen Bänder heraushängen und Feuerwerke abbrennen; es soll aber so werden: Wie von jedem Jahre so viel Stunden übrigbleiben, daß aus den Überbleibseln von vier Jahren ein Schalttag zu machen ist – und wie mir selber nach vier Hundposttagen allezeit so viel Nachschriften, so viel Witz und Scharfsinn ganz unnütz als Ladenhüter liegen bleiben, daß daraus recht gut ein eigner Schalttag zu machen wäre: so soll er auch gemacht werden, sooft vier Hund-Dynastien vorüber sind; nur dies braucht es noch, daß ich vorher mit dem Leser folgenden Grenz- und Hausvertrag abschließe und ratifiziere, also und dergestalt:

I. Daß von seiten des Lesers dem Berghauptmann auf St. Johannis für ihn und seine Erben zugestanden und bewilligt werde, von nun an nach jedem vierten Hundposttage einen witzigen und gelehrten Schalttag, in dem keine Historie ist, zu verfertigen und drucken zu lassen.

II. Daß von seiten des Berghauptmanns dem Leser bewilligt wird, jeden Schalttag zu überschlagen und nur die Geschichttage zu lesen – wofür beide Mächte entsagen allen beneficiis juris – restitutioni in integrum – exceptioni laesionis enormis et enormissimae – dispensationi – absolutioni etc. Auf dem Kongreß zu St. Johannis den 4ten Mai 1793.

So lautet das echte Instrument des so bekannten Hund-Vertrags zwischen dem Berghauptmann und Leser, und diese Renunziationsakte kann und muß in zukünftigen Mißhelligkeiten beider Mächte von einem Mediateur oder einem Austrägalgericht einzig zum Grunde gelegt werden.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 555-566.
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