52. Zykel

[250] Einige Menschen werden verbunden geboren, ihr erstes Finden ist nur ein zweites, und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu, sondern auch eine Vergangenheit; – die letztere forderten einander die Glücklichen ungeduldig ab. Roquairol antwortete auf Albans Frage, wie er hieher komme, mit Feuer: »er sei ihm diesen ganzen Abend gefolgt – er habe ihn am Fenster unter dem Leichengepränge so peinlichschmachtend angeschauet und beinahe umarmen müssen – er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden und habe auf seine Frage: ›wer da?‹ sogleich die Maske abgetan.« – – Jetzt griff wieder Albanos gefallner Arm straff durch das dünne Schattenspiel der Geisterfurcht, da er nun erfuhr, der zweiköpfige Riese sei bloß vom optisch-vergrößernden Wahne der Ferne einer so nahen Gestalt erwachsen, und der Leichenkopf habe auf der Treppe seinen Rumpf nur eingebüßt durch die finstern Überhänge und durch die schwarze Bekleidung; sogar die harte Geisterszene am Altare schien ihm jetzt bezwinglicher durch den reichen Gewinst der lebendigen Liebe.

Roquairol fragte ihn, welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher auf einen herrnhutischen Gottesacker getrieben und wohin er den Menschen mit dem Degen abgeschickt. Albano wars unbekannt, daß hier Herrnhuter ruhen; und ebenso hatt' er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verübten Diebstahl des Degens nicht bemerkt. Er antwortete: »Meine tote Schwester wollte am Altare mit mir reden; und sie hat geredet«; aber er fürchtete sich, mehr davon zu sprechen. Da änderte sich plötzlich Roquairols Gesicht – er starrte ihn an und forderte Beteuerung und Erklärung – unter dieser schauete er in die Luft, als wollt' er aus ihr durch Blicke Gesichter ziehen, und sagte, indem er doch Albano ansah, eintönig: »Tote, Tote, rede wieder!« – Aber nur der Totenfluß redete unter ihnen fort und nichts weiter. Aber er warf sich vor dem Altare auf die Knie und sagte vermessen und doch mit bebenden Lippen: »Spring auf, Geisterpforte, und zeige deine durchsichtige Welt – ich fürcht'[250] euch Durchsichtige nicht, ich werde einer von euch, wenn ihr erscheint, und gehe mit und erscheine auch.« – »O mein Guter, lasse nach«, bat Albano, nicht nur aus Gottesfurcht, auch aus Liebe; denn ein Zufall, ein vorüberschießender Nachtvogel konnte sie ja durch ein Entsetzen töten; – auch stand dieses Entsetzen nicht weit von ihnen; denn auf der erleuchteten Seite der Trauerbirken trat eine majestätische weiße alte Gestalt heraus. Aber da Roquairol, durch Wein und Phantasie wahnsinnig, die sterbende Larve in die Lüfte reichte und gegen das Grab des Herzens sagte: »Nimm dieses Gesicht, wenn du keines hast, alter Mann, und blicke mich an hinter ihr!« so riß ihn Albano auf die weiße Gestalt trat mit gebücktem Kopfe und gefalteten Händen in die Zweige zurück – der runde Turm auf dem Schlachtfelde schlug die Stunde aus, und die träumende Gegend schlug sie murmelnd nach.

»Komm an mein warmes Herz, du heftige Seele – o daß ich dich gerade an meinem Geburtstage in meiner Geburtsstunde erhalten durfte!« – Dieser Laut schmolz auf einmal den immer wechselnden Menschen, und er hing sich mit nassen Freudenaugen an ihn und sagte: »– und bis in unsre Sterbestunden hinein! O sieh mich nicht an, du Unveränderlicher, weil ich so schwankend und gebrochen erscheine – in den Wogen des Lebens bricht sich und ringelt sich der Mensch, wie der Stab im Wasser flattert, aber das Ich steht doch fest wie der Stab. – Ich will dir folgen in andre Orte des Tartarus; aber erzähle auch die Geschichte.«

Diese Geschichte geben, hieß ein Allerheiligstes des Innern oder auch einen Sarg dem Tageslichte öffnen; aber glaubt ihr, daß Albano sich eine Minute bedachte? Oder ihr selber? – Wir sind alle bessere, offnere, wärmere Freunde, als wir wissen und zeigen; es begegne euch nur der rechte Geist, wie ihn die dürstende Liebe ewig fordert, rein, groß, hell und zart und warm, dann gebt ihr ihm alles und liebt ihn ohne Maß, weil er ohne Fehler ist. Albano fand in diesem Fremdlinge den ersten Menschen, der sein ganzes Herz mit gleichen Tönen erwiderte, das erste Auge, das seine schüchternen Gefühle nicht flohen, eine[251] Seele, vor deren erster Träne aus seinem ganzen künftigen Leben Blumen auffuhren wie aus den trocknen Wüsten heißer Länder unter der Regenzeit; – daher gab die Liebe seinem starken Geiste nur die gleiche weite Bewegung eines Meeres, indes der obwohl Ältere und länger gebildete Freund ein Strom mit Wasserfällen war.

Karl führte ihn in die sogenannte Katakombe, indes er der Geistergeschichte von Isola bella zuhörte, aber, von der vorigen erschöpft, mit fallender Furcht. Ein ödes verkohltes Tal voll offner verfallner Schachte sonnte sich grau im Mondscheine; aus dem Walde kroch unter ihren Füßen der Totenfluß hervor und sprang auf eine steinerne Treppe in die Katakomben hinein; beide folgten ihm auf einer darneben. Der Eingang trug als Stirnblatt ein altes Zifferblatt, wovon einmal der Donner gerade die Stunde Eins weggeschlagen: »Eins?« (sagte Alban) »Sonderbar! Gerade unsre künftige Stunde?«

Wie abenteuerlich zieht sich die Katakombe fort! Der lange Totenfluß murmelt verfinstert tief hinein und blitzt zuweilen unter dem silbernen Dampfe, den das Mondlicht durch die Schachtlöcher hereintreibt – feste Tiere, Pferde, Hunde, Vögel, stehen saufend am finstern Ufer, nämlich ihre ausgepolsterten Häute – schmale, von der Zeit geschleifte Leichensteine mit wenigen Namen und Gliedern sind das Pflaster – an einer hellern Nische lieset man, daß hier eine Nonne eingemauert gewesen in einer andern steht das vererzte Skelett eines verschütteten Bergmanns mit vergoldeten Rippen und Schenkeln – an zerstreueten Orten waren schwarze Papierherzen arkebusierter Menschen und Blumensträußer armer Sünder gesammlet, die Rute, die einen Begnadigten durch Bestreifen getötet, eine gläserne Büste mit einem Phosphorpunkte im Wasser, Westerhemdchen und andre Kinder-Kleider und Spielwaren und ein Zwergskelett – –

Als ihm Roquairols erklärende Worte, dessen Lebensweg immer in Grüfte hinab- und auf Gräber hinauflief, das Leben immer durchsichtiger und flitterhafter schlugen; so fuhr Zesara nach seiner Art auf einmal kopfschüttelnd, die Brust vorhebend, in[252] den Sand einstampfend und fluchend (was er leicht im Erschrecken und in großer Rührung tat) mit den Worten auf: »Beim Teufel! – Du zerdrückst mir und dir die Brust. Es ist ja nicht so! Sind wir nicht beisammen? Hab' ich nicht deine warme lebendige Hand? Brennt in uns nicht das Feuer der Unsterblichkeit? Ausgebrannte Kohlen sind diese Gebeine und weiter nichts; und das himmlische Feuer, das sie zerlegte, hat wieder andres Brennholz ergriffen und lodert fort. – O,« (setzt' er wie getröstet dazu und trat in den Bach und blickte durch die Schacht-Öffnung zum reichen Monde empor, der vom Himmel herunterströmte, und seine großen Augen standen voll Glanz) »o, es ist ein Himmel und eine Unsterblichkeit – wir bleiben nicht in der dunkeln Höhle des Lebens – wir ziehen auch durch den Äther wie du, du glänzende Welt!«

»Ach du Herrlicher!« (sagte Karl, dessen Seele aus Seelen bestand) »ich will dich nun auch zu einer frohern Stelle bringen.« Sie waren kaum acht Schritte weg, als es sich hinter ihnen verdunkelte und ein oben hereingeworfener Degen aufrecht mit der Spitze in den Sand der Wellen fuhr. »O du höllischer Teufel droben!« rief der ergrimmte Roquairol; aber Alban wurde weich über die eiserne Jungfrau der Sterbensstunde, die so nahe an ihm die scharfen Arme zusammengeschlagen hatte. Sie faßten sich wärmer und gingen still und bange einem leisen Getöne und einem Grabhügel entgegen. Sie setzten sich auf ihn, gegenüber einem mit der quälenden Katakombe einen rechten Winkel bildenden Gang, den grünes Moos auslaubte und dessen Länge die zerbröckelten Funken von faulem Holze bezeichneten. Er verlor sich in eine offne Pforte und Aussicht ins – Elysium, von welchem nur die weißen Gipfel einiger Silberpappeln zu erkennen waren, und in der Ferne sah man das Frühlingsrot der Mitternacht am Himmel blühen, und zwei Sterne blitzten darüber. Doch wurde die Pforte vergittert und bewacht durch ein Skelett mit einer Äolsharfe in der Hand, das auf ihr die dünnen Molltöne zu greifen schien, mit denen jetzt der Zugwind in die Höhle floß.

»Erzähle hier« (sagte Karl an der schönen Stelle und neugieriger[253] durch den Mörderwurf von Albans Degen) »das Heutige aus!« Albano berichtete ihm redlich das Wort der Schwesterstimme: »Linda de Romeiro geb' ich dir.« Er dachte im Geräusche seines Innern nicht an die Anekdote, daß ja Karl für eben diese als Knabe sterben wollen. »Die Romeiro?« (fuhr dieser auf) »Sei still! – O diese? – Spielender Scharfrichter, du Schicksal! Warum sie und heute? Ach Albano, für diese ging ich früh dem Tode entgegen,« (fuhr er weinend fort und sank ihm an die Brust) »und darauf ist mein Herz so schlecht geworden, weil ich sie verloren habe – Nimm sie nur hin, denn du bist ein reiner Geist – die herrliche Gestalt, die dir auf dem Meere erschien, so sieht sie aus, oder jetzt noch schöner. – – Ach Albano!« – Dieser edle Mensch erschrak über die Verwickelung und über das Schicksal und sagte: »Nein, nein, du lieber Karl, du denkst über alles ganz falsch.«

Plötzlich war es, als tönten alle Gestirne und ein melodisches Geisterchor dränge unsichtbar durch die Pforte herein; Albano war betroffen. »Nichts, laß es!« (sagte Karl) »Es ist das Skelett nicht; der fromme Vater geht im Flötentale und zieht jetzt seine Flöten, weil er betet – – Aber wie sagst du, ich dächte über alles falsch?« – – »Wie?« wiederholte Albano und konnte im zauberischen Kreise dieser Nachklänge, die den Sonntagsmorgen allmächtig wiederbrachten, nicht denken und reden. Wehten denn nicht die Silberpappeln an den Sternen hin und her, und Rosenwolken lagerten sich um den Himmel, und das ganze Elysium zog offen vorüber mit den Lauten, die es durchschwebet, mit den Tränen, die es benetzet hatten, und mit den Träumen, die kein Herz vergisset, und mit der heiligen Gestalt, die ewig in seinem bleibt? – Die Hand ihres Bruders hielt er jetzt so fest; der Liebe und der Freundschaft, diesen zwei Brennpunkten in der Ellipse der Lebensbahn, war er so nahe; – ungestüm umfassete er den Bruder mit den Worten: »Bei Gott, sag' ich dir, die, so du genannt, geht mich nichts an – und sie wird es nie.«

»Aber, Albano, du kennst sie ja nicht?« sagte Karl, viel zu hart fortfragend; denn der edle Jüngling neben ihm war zu blöde und zu fest' dem Verwandten der Geliebten – einem Fremden viel[254] leichter – das Heiligtum seiner Wünsche aufzuschließen. »O martere du mich nicht!« (antwortete er empfindlich; aber er setzte sanfter hinzu) »glaube mir doch das erstemal, mein guter Bruder!«- Karl gab ebenso selten nach wie er und sagte, obwohl den Fragton verschluckend und recht liebend, doch dieses: »Bei meiner Seligkeit, ich tu' es; und mit Freude – ein Herz muß herrlichgeliebt und göttlich-glücklich sein, das ein solches entbehren kann.« Ach weiß denn das Albano? – Nur schweigend lehnt' er sich mit der Feuerwange voll Rosen an Lianens Bruder, verschämt das Erforschen scheuend; bloß als die schwindenden Rufe des Flötentals sich wie Seufzer in seiner Brust versammelten und ihn zu oft erinnerten, wie der Sonntagsmorgen schloß, wie Liane wich und wie er ihr mit nassen dunkeln Blicken vom Altare nachsah: so brach sein Auge, obwohl nicht sein Herz, und er weinte heftig, aber schweigend an seinem ersten Freunde.

Dann kehrten sie mit stummen Seelen nach Hause und schaueten sinnend den langen schwindenden Wegen der Zukunft nach; und als sie schieden, fühlten sie wohl, daß sie sich recht von Herzen liebten, nämlich recht schmerzlich. –

Am Morgen darauf lag der fromme Vater an einer Erschütterung darnieder, die mehr selig als traurig war; denn er sagte, er habe in der Nacht seinen Freund, den verstorbenen Fürsten, weißgekleidet im Tartarus gehen sehen. –


Ende des ersten Bandes[255]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 250-256.
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