15. Zykel

[86] Die gutherzige Albine hatte den ganzen Tag vor dem Ehegemahl allen brennenden Stoff (da die Vitriolnaphtha seines Nervengeistes schon von weitem Zornfeuer fing) weggeräumt, damit nichts ihre Lustschlösser in Brandstätten der Freude umkehrte ja als Vorstadt des abendlichen himmlischen Jerusalems hatte Rabette ein vorbeiziehendes Orchester aus Bergknappen ins Kabinett der Tafelstube versteckt – und für Albano hatte Albine schon eine heraldische Tracht ausgesonnen, worin er ihm die Vokation der Landschaft überreichen sollte – ach was hatte aber die Frau davon als Flammen, die der eintretende Wehrfritz auswarf, indes er wie ein Kamel in seinem Magen noch einen kalten langen Wasserstrahl für das Anspritzen des Magisters aufhob! –

Albine, die, wie die meisten Weiber, das männliche Steinigen mit Gallensteinen für die 50 Pfd. Passiersteine nahm, die einem Passagier auf der Ehepost frei passieren, gab ihm anfangs, wie immer, heiter recht und verbarg jede Zähre des Unmuts, weil kaltes Besprengen Männer und Salat verhärtet – dann nahm sie das Recht stufenweise zurück – macht' aber den Tadel erst auf ihrer Zunge mild, wie die Wärterinnen das Waschwasser der Kinder im Munde lau machen – und sagte zuletzt, er solle das Kind nur ihr überlassen.

Aber so schwillet uns unter der Hand der alte Wehrfritz zu einem apokalyptischen Drachen, zu einem Tiere von Gevaudan und Wütriche auf; – und er ist doch nur ein Lamm mit zwei Hörnchen. – Hatt' er nicht an seinem Geburtsfeste im Karrenjahre seines frönenden Lebens einen Anspruch auf einen erleichterten Abend, wenigstens bei einem Kinde, das er stärker liebt[86] als seines und für das er einen Flügel und Lehrer aufgeladen? Und hatt' er ihm – ob er gleich selber zuviel wagte und ausdauerte – es nicht hundertmal verboten, ihm nachzuahmen und sich auf Pferde oder in Sturmwinde, in Platzregen und Schneegestöber zu setzen? – Und kam er nicht vom pädagogischen Knutenmeister, dem Minister, her, dessen Erziehungsanstalt nur eine längere Realterrition und kürzere Verdammnis war? Und macht nicht der Anblick strenger Eltern strenger, der Anblick milder hingegen nicht milder? –

Albano begegnete zuerst Rabetten, mit seiner ledernen Hinterachse in der Hand, auf seinem trotzigen Wege zum Studierzimmer des Vaters und also zur Regimentsstrafe vom rechten Revolutionstribunale. Aber sie fing ihn von hinten mit dem englischen Gruße: »Bist du da, Absalom?« und setzte ihn gewaltsam nieder – und band ihm, nach dem nötigen Erstaunen und Erfragen, die Hohl-Ader der Haare knapp und unsanft an – und zeigte ihm den Stoßwind des väterlichen Zorns im furchtbaren Lichte – und die Windstille des musikalischen Bergdepartements wieder im lächerlichen, das neben der Tafelstube, dieser Renn- und Wildbahn des hin- und herlaufenden Direktors, pausierend Friedenszeiten abwarte – und entließ ihn mit einem Kusse, sagend: »Du dauerst mich, Schelm!«

Er marschierte mit einem Trotze, den das spannende Haar verstärkte, ins Tafelzimmer. »Aus den Augen!« sagte der funkelnde Sturmläufer. Alban trat sofort aus der Türe zurück, zornig über den ungerechten Zorn und eben darum weniger betrübt über den ungesunden, da sein Wohltäter heftig an dem für den Geburtstag gedeckten Tische auf- und ablief und nach der alten Unart die fertig gebrannte Kalkgrube seines Zorns mit Wein ablöschte.

Wenige Minuten nach ihm kam auch die musikalische Akademie und Knappschaft mißmutig und in brummende Kontrabassisten verwandelt, gegangen. Es war ihnen im trocknen Kabinett die Zeit lang geworden, daher hatten der Bassonist und der Violinist sich durch ein leises Stimmen unterhalten wollen. Der Direktor, der nicht begreifen konnte, was ihn immer für ein verlornes Getöne umfliege, nahms lange für melodisches Ohrenbrausen,[87] als plötzlich der Hammermeister des Hackbretts seinen musikalischen Fäustel auf die besaitete Tenne fallen ließ. Wehrfritz riß den Augenblick die Türe auf und sah das ganze musikalische Nest und Komplott bewaffnet vor sich im Zirkel sitzen und aufpassen; – er fragte sie hastig: »was sie im Kabinett zu suchen hätten« und befahl sogleich nach einer flüchtigen Gabe der ganzen Besatzung, ohne klingendes Spiel mit ihren ledernen Tändelschürzen und culs de Paris abzuziehen.

Albine winkte mit einem sanften Gesicht den geächteten Liebling ins Nähzimmer, wo sie ihn recht gelassen um die Wahrheit befragte, weil sie wußte, er lüge nie. Nach der Berichtserstattung stellte sie ihm wenig seinen Fehler (wiewohl sie dem gegenwärtigen Kinde ebenso gegen den abwesenden Mann unrecht gab, wie vorhin dem gegenwärtigen Manne gegen das abwesende Kind) und mehr die Folgen vor – sie zeigte (dabei machte sie ihm das Halstuch auf und um und einige Westenknöpfe zu), wie sich ihr Mann vor dem mitgebrachten zweiten Schulkonsul mit 24 Faszibus, dem Musik- und Tanz-Meister Herrn v. Falterle, der sich droben umkleide, in Albanos Seele schäme – wie der Tanzmeister es wohl gar an Don Gaspard schreiben werde – und wie ihrem guten Manne der ganze süße bemalte Gelee-Apfel der heutigen Freude zu Wasser gemacht worden, und er sich gerade an einem solchen feierlichen Tage einsam härme und vielleicht den Tod hole vom Trunke auf den Zorn. Die Weiber stimmen gewöhnlich, wie Harfenisten, mit geringen Fußtritten die ganzen Töne der Wahrheit unter dem Spielen zu halben um. – Nachdem sie ihm noch die väterlichen Abendgewitter vorgerechnet, die er immer durch sein Reiten und durch seine Robinsonschen Entdeckungsreisen über sich hergezogen und deren Schläge nur immer den Wetterableiter (sie selber) zerschmolzen hätten: so setzte sie mit jener rührenden, nicht aus der knöchernen Kehle, sondern aus dem wallenden Herzen fließenden Stimme dazu: »Ach Alban, du wirst einst an deine Pflegemutter denken, aber zu spät« und weinte recht sanft.

Bisher waren in ihm die strengflüssigen Schlacken und der geschmolzene Teil seines Herzens nebeneinander aufgewallet, und[88] der warme Guß war höher und heißer im Busen emporgedrungen, nur das Gesicht war kalt und hart geblieben – denn gewisse Menschen haben gerade im Punkte der Zerfließung den Anschein und die Anlage der Verhärtung am meisten, wie der Schnee kurz vor dem Zerschmelzen gefriert –; aber jetzt riß er sich durch das Ziehen am zu dicht angegürteten Zopfe, welches das verlegne Zeichen des nahen Durchbruchs war, das würzburgische Anhängsel im Krampfe der Ergrimmung über sich heraus. Eh' Albine es sah, hatte sie ihm die Direktorats-Bestallung mit den Worten gereicht: »Kaum sollt' ich; aber brings ihm nur und sage, es wäre mein Angebinde, und du wolltest künftig ganz anders sein.« – Allein da sie seine Hand bewaffnet sah, fragte sie erschrocken mit dem tiefen Nachklange einer verschmerzten Vergangenheit: »Alban?« und kehrte sich sofort vom armen Kinde, dessen Schmerz sie mißverstand, mit zu bittern Tränen weg und sagte: »Was ist denn das wieder? – O wie quält ihr heute alle mein Herz! – Geh fort!« – »O komm her« (rief sie ihm nach) »und erzähl die Umstände!« Und als ers unschuldig und wahr getan hatte, so konnte ihre von Tränen überwältigte Stimme nicht mehr tadeln, sondern nur milde sagen: »Trage denn das Angebinde hin!« Dennoch hatte sie vor, beim Manne die Abbreviatur des Haars für einen Gehorsam gegen ihren Willen und gegen die Mode der vornehmen Stadtkinder auszugeben.

Alban ging, aber auf dem harten Wege zersprangen die gefüllten Tränendrüsen und das angehaltene Herz, und er trat mit fortweinenden Augen vor den einsamen Pflegevater, der den müden und sinnenden Kopf aufstützte, und reichte ihm weit voraus das großgesiegelte Schreiben hin und konnte nur sagen: »Das Angebinde« und weiter nichts und Funken sprangen mit den Gewittertropfen aus den heißen Augen. Lege dich, Unschuldiger, leise an des Vaters aufgeknöpfte Brust und lasse dich von seiner Linken, indem er den Zauberkelch der Ehre mit der Rechten hält und sich aus ihm betrinkt, durchaus nicht wegstemmen! Die abtreibende Hand wird endlich nur schlaff und ohne Schwere auf deinen nassen Feuerwangen und warmen Augen voll Buße zu pulsieren kommen – dann wird der Alte das Dekret noch langsamer[89] wieder überlesen, fast um den ersten Laut zu verschieben – dann wird er, wenn du unbeschreiblich-ungestüm seine Hand in dein küssendes Angesicht eindrückest, sich stellen, als wach' er eben auf, und wird salpeter-kalt sagen mit Schimmern der Augen: »Rufe die Mutter!« – und dann wird er, wenn du dein glühendes, von Liebe zuckendes Gesicht unter den herübergefallnen Haaren gegen ihn aufhebst und wenn diese sanft von deinen Kirschenwangen zurückschlagen, seinem weglaufenden Lieblinge ziemlich lange nachschauen und aus seinen Augen etwas wegstreifen, damit er die Adresse des Diploms so überlaufen könne, wie er will.....

Sag, Albano, hab' ich recht geraten?

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 86-90.
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