102. Zykel

[565] So flogen die Tage mit ihren Städten und Landschaften vorüber, und in Albanos Leben spiegelte sich wie in einem Gedichte die Welt. Eine Kraft nach der andern, die ganze gebeugte Ernte seines Innern stand allmählich wieder auf und grünte tropfend; aber zu gleicher Zeit erstarkte auch der Dorn des Schmerzes. Während sein Auge und Geist sich mit der Welt und jeder Beute der Kenntnis erfüllte: so wohnte das böse Gespenst der Pein in der Ruine und drang hervor, wenn das Herz allein war, und ergriff es.

Er berührte Wien, wo er sich gefallen lassen mußte, einigen[565] vornehmen Freunden Gaspards vorgestellt zu werden, der ihm erst hier entdeckte, daß er nicht zu den Cavalleros del Tuzone gehöre, sondern ein österreichischer Vliesritter sei. »Mir ist es hier« (sagte Albano) »so sonderbar bekannt; woher kommt das?« »Von irgendeiner ähnlichen Stadt« (sagte Gaspard)- »wer viel reiset, kommt aus ähnlichen Städten in ähnliche.« Täglich wurd' ihm der Vater lieber und verständlicher; und doch nicht vertrauter und näher; nach einem warmen Tage und vertrauten Gespräche mit Gaspard stand man in der nächsten Zusammenkunft darauf wieder im Vorzimmer seiner Bekanntschaft; wie bei strengen Mädchen fing nach jedem Wonnemondstag der geschmolzene Maifrost wieder von neuem einzufallen an. Das Alter achtet die Liebe, aber – ungleich der Jugend – wenig die Zeichen der Liebe. Indes behielt Albano den Stolz, daß er sich dem Vater ganz und mit allen Verschiedenheiten sehen ließ, ohne den Sommer vor dem Winter zu verstecken.

Von Tag zu Tag fand Gaspard Briefe an sich auf den Posten, besonders von Pestitz, wie Albano außen an den Post-Lettern ersah; denn es wurden ihm keine gegeben. Er wünschte immer mehr, der Fürstin nachzukommen, die nur noch eine Tagereise vor ihnen voraushatte. Sie sahen schon die Riesen des Winters, die Schweizer- und Tiroler Alpen, im Lager; die Göttersöhne standen, mit Lauwinen und Katarakten und Wintern bewaffnet, Wache um das göttliche Land, wo Götter und Menschen einander wechselseitig nachahmten. Wie oft blickte Albano, wenn abends die Sonne sich glühend mit den beschneieten Alpenhöhen vermischte, schmerzlich ergriffen nach diesen Thronen hin, die er einmal ganz anders, viel goldner, so hoffend und so glaubend, von Isola bella angeschauet. – Die Höhen deiner Vergangenheit, sagt' er sich, sind auch weiß, und keine Alphörner tönen mehr droben unter sonnenhellen Tagen, und du bist tief im Tal!

Sie kamen noch vor dem Volksfeste einer verspäteten Weinlese vorüber. Der Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wißbegierde eines Weinhändlers und mit der Kenntnis eines Winzers. So botanisierte er überall auf der Erde nach jedem Gräschen und Kraut der Erkenntnis. Albano verwunderte sich darüber, da[566] er bisher geglaubt, Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris- und Hesperiden-Äpfeln der Kunst, weil er alle andre Früchte und ihr Fleisch und ihren Kern in seinem Stande weder zum Genießen noch zum Säen brauchen konnte.

Sie versanken in die Tiefen der Tiroler Gebürge. Die Höhen standen schon ins feste weiße Leichentuch des Winters gehüllt, und durch die Täler ging nur der kalte Sturm lebendig hin und her. Albanos Sehnen nach dem milden Lande der Jugend wuchs zwischen den Stürmen und Alpen immer höher; und Roms Bild breitete sich kolossalisch aus, je länger es sich ihm näherte. Gaspard ließ die Reise auf Flügeln gehen, um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen.

In einer dunkeln Reise-Nacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Gebürge hindurch, gleich ihrem Gefährten, dem Adigo-Strom, der einen Riesen-Felsen aufreißet und in die milde Ebene stürzt und darin sanft weitertaumelt. Die Sonne erschien und Italien.

Es hatte geregnet, eine laue Luft flatterte von den Zypressenhügeln durch das Tal und durch die Wein-Gehenke der Maulbeerbäume her und hatte sich zwischen Blüten und den Früchten der Pomeranzen durchgedrängt – der Adigo schien wie eine geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhäusern und Olivenwäldern zu ruhen und Regenbogen aneinanderzusetzen. – Das Leben spielte im Äther- nur Sommervögel schweiften in dem leichten Blau – nur der Venuswagen der Freude rollte über die sanften Hügel.

Albanos volle Seele ergoß sich gleichsam in das breite Bette, das ihn von der milden Ebene zu der prächtigen Roma führte! – »Wenn wir rückwärts reisen,« (sagte Gaspard) »so erinnere dich an deinen Eintritt.« – Sie hielten in einem Dorfe mit großen steinernen Häusern. Albano sah das warme außerhäusliche Leben um sich an, den unbedeckten Kopf, die nackte Brust und die blitzenden Augen der Männer – das große Schaf mit Seidenwolle – das schwarze kleine muntre Schwein und den schwarzen Truthahn als er plötzlich vom Balkon herab einen deutschen Gruß und seinen Namen hörte.[567]

Es war die Fürstin, ihre Wagen standen seitwärts, Bouverot und Fraischdörfer bei ihr. Wie dringt es balsamisch durchs Herz, im fremden Lande, und sei es das schönste, den Bruder, die Schwester des rauhern wiederzufinden, gleichsam in der zweiten Welt den verwandten Erdensohn! – Auch der Adigo, der vorher ihn im wilden Gebürge unter dem Namen Etsch begleitet hatte, folgte ihm mit dem schönern in die Ebene nach. Die Fürstin schien ihm, er wußte nicht warum, milder, jungfräulicher geworden in Gestalt und Blick, und er warf sich seinen frühern Irrtum vor. Aber er beging einen spätern: über ihre stark gezeichnete Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen schärfern empor, und die schreienden Farben, worein sie sich gern kleidete, wurden von den italienischen überschrien. Ein fremder Boden ist ein Redouten- und Brunnensaal, wo nur menschliche Verhältnisse und keine politische walten, und in der Fremde ist man sich am wenigsten Fremdling – alles berührte sich freundlich, wie fremde Hände sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen. Wie verehrend sah Albano die Fürstin an! Denn er dachte: »Sie wollte die Erblaßte mitnehmen in das heilende Eden. – O die Heilige würde ja an diesem Morgen glücklich sein und weinen mit dem blauen Auge vor Seligkeit.« – Dann tat es seines, aber nicht vor Seligkeit; und so sind die Feuerwerke des Lebens, wie die andern, immer an und auf Wasser gebauet. Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schönen Totenhaupte Lianens abgelegt: »Ich will der Freund ihrer Freundin recht sein!« – Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am wärmsten und besten; über unsern Antrittspredigten schwebt der heilige Geist brütend mit Taubenflügeln – nur später liegen die Eier kalt. Albano, noch in keine Freundschaft eingeweiht als in die männliche, betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn, und für diese fand er, wie für die männliche, weit mehr Opfer-Kräfte in seiner warmen Seele aufbewahrt als für die Liebe. In der Freundschaft ist der Mann wie in der Liebe die Frau – und umgekehrt –; nämlich mehr den Gegenstand suchend als die Empfindung für ihn.

Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln – in geschmückten[568] singenden Schiffen – mit günstigen Seitenwinden – flog die muntere Fahrt durch Städte und Auen.

Nichts hängt über einen langen Reise-Korso eine schönere Frucht- und Blumenschnur hin – für einen Wagen, der vorausgeht – als ein paar Wagen, die nachkommen. Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier! Welches Besprechen der Marschroute! Welche Freude über die nach- und vorfahrenden Avanturen, nämlich über die Berichte davon! Und wie liebt einer den andern!

Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Kälte; aber der Ritter war freundlich. Albano, mehr unter Büchern als unter Menschen aufgewachsen, wunderte sich oft, daß ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht vorüberging, die ihn unter diesen so scharf anfiel. Am Ende fragt' ihn einmal sein Vater: »Warum benimmst du dich gegen Herrn v. Bouverot so fremd? Nichts erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen, das leidenschaftlichste weit weniger.« – »Weil es mein Gesetz ist,« (antwortete er) »die ewige Unwahrheit der Menschen in ihren Verbindungen zu fliehen und zu hassen. Aus bloßer Humanität sich Ungleichen gleichstellen, einem irgendeiner Absicht wegen ein freundliches Gesicht machen, so sein gegen jemand, daß man es ihm nicht auf der Stelle heraussagen darf, das ist wohl ganze Knechtschaft und verwirrt den Reinsten.« – »Wer nichts lieben will als sein Ebenbild,« (versetzte Gaspard) »hat außer sich nichts zu lieben. Von Bouverot« (setzt' er lachend hinzu) »ist doch ein braver Wirt und Reise-Kompagnon.« – Albano, der sogar Menschen widerstehen konnte, die er verehrte, fragte nichts nach seinem Vater, sondern fand den deutschen Herrn nur desto verächtlicher.

Dieser, ganz zu Hader und Handel geboren, hatte sich nämlich tiefe Fußstapfen im Schnee des Ritters und der Fürstin welche beide, wie alle lange Reisende, ungemein geizig waren dadurch gebahnt, daß er alle Wirte und Welsche, das Patto berichtigend, übersah und überlistete, und daß er sogar die Kunst verstand, zur rechten Zeit tief-grob zu sein, indes er, vom Wirte sich umkehrend, gegen die Fürstin wieder ein Mann von Welt[569] war wie Fontenelle oder irgendein Franzose, der in solchen Fällen länger rechnet und flucht als zehrt. Der Vliesritter, der, wie er gestand, nie so wohlfeil gereiset, bedeckte ihn daher mit dem Lorbeer, der hier überall wuchs, und sah so heiter aus wie niemals. Nur dem Sohne war der kalte, zornige, grobe Mensch ein Vulkan, der Schlamm und Wasser auswirft. Reitet einem gekrönten Haupte oder einem klassischen Autor, der auch eines ist, eine Meile vor und überhaupt Leuten, die Geld haben und nicht schonen, und erkargt ihnen nur täglich einige Goldstücke: nie werdet ihr beide Häupter froher oder dankbarer gesehen haben als in diesem Fall!

Überall wollte Albano aussteigen und in große Ruinen und in den Glanz der entfallnen Kleinodien treten, welche den Welteroberern auf dem Wege nach Rom von den Triumphwagen verloren gegangen. Aber der Ritter riet ihm an, seine Augen und Begeisterung zu sparen und aufzuheben für Rom. Wie schlug sein Herz, als sie endlich in der wüsten Campagna, die voll Lava-Würfe um den Horst der römischen Adler, dieser über die Welt getriebnen Sturmvögel, lag, auf der Flaminischen Straße rollten! – Aber er und Gaspard fühlten sich wunderbar beklommen – den stehenden See einer schwülen Schwefelluft glaubt' man zu durchwaten, die sein Vater den Schwefelhütten zu Baccano zuschrieb er lechzete nach dem Schnee auf den fernen Bergen – der Himmel war schwarzblau und still – einzelne hohe Wolken flogen pfeilschnell durch die stille Wüste – ein Mann in der Ferne setzte eine ausgegrabene Urne wieder hin und betete, ängstlich gen Himmel blickend, seinen Rosenkranz – Albano wandte sich nach den Gebürgen, denen die Abendsonne, wie aufgelöset in stechendem Glanz, zusank. – Auf einmal ließ der Ritter den Postillon halten, der heftig die Arme, da es unter dem Wagen noch fortrollte, gen Himmel warf und rief: »Heilige Mutter Gottes, ein Erdbeben!« Aber Gaspard berührte den sonnentrunknen Sohn und sagte zeigend: »Ecco Roma!« – Albano blickte hin und sah in tiefer Ferne die Kuppel der Peterskirche im Sonnenglanz. Die Sonne ging unter, die Erde bebte noch einmal, aber in seinem Geiste war nichts als Rom.[570]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 565-571.
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