Neunte Szene.

[78] Mehrere Bauern, Martin, dann Elegius Obenaus. Vorige.


MEHRERE BAUERN. Was ist's denn da – was gibt's denn da?


Die frühern belehren die ganze Masse über den Vorgang. Alle nehmen eine drohende Gebärde gegen Robert und Christoph an.


GRUND steht seitwärts, sich vergnügt die Hände reibend; zu Haller. Es geht ganz gut so; so sieht er am besten, wie weit er mit seinen Projekten kommt!

MARTIN mitten unter den Bauern. Ja – 's ist nichts mit den Neuerungen!

ELEGIUS. Recht so, Leute! Bravo, ihr gefallt mir! Ihr müßt euch nichts aufzwingen lassen![78]

DIE BAUERN. Das lassen wir auch nicht!

ELEGIUS. Und wenn euch der Gutsherr auch sagt, daß er nur das Bestreben habe, euch zu beglücken – auch darin liegt Tyrannei!

DIE BAUERN. Ja, ja, ein Tyrann ist er! –

ELEGIUS. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, wo die Herren ihre Untertanen beglücken dürfen! – Diese sind reif geworden, sie können sich selbst beglücken.

DIE BAUERN. Ja, wir beglücken uns selber!

MARTIN. Ja, ich beglücke mich selber, heda! Gegen das Wirtshaus gehend. Wirtshaus, a Maß Wein heraus!

ELEGIUS. Ihr seid kluge Leute – seid erfahrene Männer. Ihr müßt unter euch selbst beraten, selbst Beschlüsse fassen und dann darauf dringen, daß der Gutsherr die Mittel schafft, eure Beschlüsse auszuführen – denn nur dazu ist er Gutsherr.

DER RICHTER. Ja, Leut'! Der Herr da hat echt, – das ist ein gescheiter Herr! Alles das hab' ich mir auch schon denkt, aber nur so sagen hab ich's nicht können.

ELEGIUS. Ist's euch recht, so will ich Vertreter sein – will für euch sprechen.

DIE BAUERN. Ja, ja, tu' der Herr das! –

ELEGIUS. Zieht hinauf zum Gutsherrn – ich will an eurer Spitze sein, will für euch reden.

ALLE. Ja, ja, hinauf, gleich jetzt!

ELEGIUS. Ha – es naht für mich ein großer Augenblick, das Ziel meiner Wünsche ist erreicht – ich bin Agitator, kommt!

ALLE setzen sich in Bewegung.

TORF UND HOCHMANN kommen dem Zuge gerade entgegen. Was ist's denn? Was geht hier vor?[79]

ELEGIUS stehen bleibend. Ha! Da sind zwei von seiner Sekte!

HOCHMANN. Obenaus, was macht Ihr hier mitten unter den gemeinen Leuten?

ELEGIUS. Ja – das ist mein Platz. Ihr aber, Hochmann, Torf, – Ihr mögt vor Scham vergehen! Ihr wollt freie Künstler sein und findet euch behaglich, im Trosse eines Millionärs zu sein und dafür, daß er euch füttert, seine kurzsichtigen Gedanken groß und erhaben zu finden? Schämt euch! Schämt euch!

HOCHMANN. Wer sagt Euch denn, daß wir die Gedanken dieses Parvenus groß finden?

TORF. Hahaha! – Wir machten eben unsere Glossen darüber, daß er sich darin gefällt, den Rudolphe aus den Mystères de Paris zu spielen.

HOCHMANN. Robert dient mir als Studie zu einem satirischen Romane, den ich anonym herausgeben will. Ich hoffe, der Roman wird Absatz finden.

ELEGIUS. Wollt Ihr das im Ernst? Nun, das versöhnt mich mit Euch!

HOCHMANN. Mein Freund Torf wird zu dem Werke einige Illustrationen mit Porträtähnlichkeit liefern. –

TORF. Was sagt Ihr zu dieser Skizze Zieht ein kleines Album hervor und zeigt es aufgeschlagen.

ELEGIUS es betrachtend. Hm! Die Ähnlichkeit ist noch nicht frappant genug.

TORF. Ich hab's auch nur so nach der Idee entworfen. Die Figur wäre wohl komisch genug aufgefaßt, aber das Gesicht will mir nicht recht gelingen.

ROBERT ist mit Christoph leise zu dem Tisch getreten, so daß er Torf gerade gegenübersteht.[80]

TORF. Wenn ich mir ihn nur so recht vergegenwärtigen könnte – aber er hat ein so nichtssagendes Gesicht und ist deshalb so schwer sprechend zu treffen. Sieht gerade vor sich hin und somit auf Robert.

ROBERT reißt plötzlich die Maske vom Gesicht und lehnt sich vor ihn auf den Tisch. So sehe ich aus!

ALLE fahren erschreckt zurück. Er selbst!

ROBERT. Nun so zeichne – zeichne – lege den ganzen Ausdruck in das Bild, den du jetzt in meinen Mienen siehst; – doch zeichne auch die ganze Gruppe dazu, die vor Angst, Beschämung und Verlegenheit verzerrten Gesichter!

TORF verwirrt. Aber, lieber Freund –

ROBERT. Schweig – nenne mich nicht Freund, – es gibt keine Freundschaft, keine Liebe, keine Dankbarkeit! Sie aber, Herr Hochmann, schreiben Sie Ihren Roman, stellen Sie mich hin als einen aberwitzigen Toren – Sie haben recht – Sie haben vollkommen recht; ich überschätzte mich selbst und meine Kraft, als ich das Ziel, die Beglückung der Menschen, anstrebte – denn zwei Riesen, die Torheit und die Schlechtigkeit, verwahren den Eingang zu diesem Ziele. Ich geb' es auf, danach zu ringen! – Wenn ich aber von nun an hart erscheine – so fällt auf euch die Schuld. Ihr habt das glühende und in der Glut so weiche Erz in das Eiswasser der Enttäuschung gestoßen, nun ist's zum harten Stahl geworden. Komm, Christoph! Stützt sich auf Christophs Arm und geht dem Schlosse zu.


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Friedrich Kaiser: Ausgewählte Werke. Band 1, Wien, Teschen, Leipzig [1913], S. 78-81.
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