Erster Akt

[55] In einem reichen, schönen Hause vollständig wirkliches Interieur, nicht stilisiert.

Eine Reihe von Räumen. Die Szene selbst ist ein Salon. Goldrot. Brokatbespannung. Möbel schwer, dunkel und festlich. Rechts große offene Eingangstüre aus der Halle, links Tür ins Musikzimmer. Dämpfende Portieren. Im Hintergrund große offene Bogentür in einen zweiten Salon, der seinerseits in das weiße, strahlende Speisezimmer durchblicken läßt. Zurückschiebbare Glastüren.

Festlich gekleidete Menschen sitzen an der Tafel. Sie essen Früchte zum Dessert, trinken Sherry und reden zueinander. Die Glastüren lassen keinen Laut durch. Man sieht nur heitere, bewegte Gesten.

Diener kommen (in einfacher, dunkler Livree), öffnen Spieltische zum Bridge, legen Kartenpakete zurecht, stellen Liköre und Tassen schwarzen Kaffee auf einen Tisch und rücken Fauteuils. Dann wird die Glastüre zum Speisezimmer zurückgeschoben. Die Menschen an der Tafel erheben sich und kommen in die Salons. Worte fliegen auf, Konversation wird gemacht, einzelne Sätze werden vernehmlich. Gruppen bilden sich.


DIE DAME DES HAUSES schön, ganz leicht ergraut, warm, menschlich. Zu irgendeinem der Gäste. Sie spielen natürlich Bridge, Herr Oberst? Wieviel Partien haben wir? Drei? Oh, und ein Partner fehlt? Aber nein! Zum Staatsanwalt. Herr Staatsanwalt, Sie spielen nicht?

DER STAATSANWALT zögernd. Ich weiß nicht, Gnädigste. Ich glaube, ich werde heute nicht den richtigen Kopf – –[55]

EIN ANDERER HERR enragierter Bridgespieler, bei einem Tisch im Hintergrund. Aber lieber Freund, es ist theoretisch unmöglich, daß du heute schlechter spielen solltest als sonst. Wir brauchen dich leider unbedingt.

DER STAATSANWALT geht zum Spieltisch. Ja, also – vielleicht versuchen wir einen Rubber.

DER ANDERE HERR zu einem dritten. Er sagt nämlich prinzipiell Sans-Atout an, wenn der Gegner alle Asse hat. Bitte, du mischst. Man müßte dagegen einen eigenen Paragraphen im Strafgesetzbuch – –

DER STAATSANWALT mischt. Bitte, bitte – Berufssachen ganz aus dem Spiel –

DIE DAME DES HAUSES. Also alle versorgt. Zu dem Grafen, der unbestimmbaren Alters ist und sich etwas gesucht altmodisch kleidet. Sie erwarten sie? Sie kommt bestimmt. Sie hat es mir noch am Nachmittag telephonisch versprochen.

DER GRAF sieht auf die Uhr, die alt und von schwerem Gold ist. Mir auch. Aber nach »Manon«. Übrigens kann die Oper erst in einer Viertelstunde zu Ende sein.

DIE DAME. Wie kommt es, daß Sie nicht in der Oper sind?[56]

DER GRAF. Ich darf sie jetzt nicht mehr hören. Ich mußte es ihr versprechen.

DER MILLIONÄRSSOHN nicht taktlos, im Gegenteil sehr bescheiden, doch mit der Selbstverständlichkeit, mit der alle von ihr sprechen. Ich durfte immer in die Oper gehen – damals.

DER GRAF lächelnd. Sie sind wahrscheinlich sehr musikalisch, lieber Freund.

DER MILLIONÄRSSOHN etwas traurig. Ja, leider.

DIE DAME läßt sich in einem Fauteuil, Vordergrund links, nieder. Das ist interessant Erklären Sie mir das. Ich selbst verstehe auch ein wenig von Musik. Aber ich glaube doch, sie singt so, daß sie gerade einen Menschen, dessen innerster Brennpunkt so ganz Musik ist wie bei Ihnen, Graf, nicht zu scheuen hätte, im Gegenteil, eher brauchte. – –

DER GRAF. Ehrlich gestanden, hoffte ich es auch. Erblickte eine Basis darin. Aber jetzt verstehe ich sie vollkommen. Sie kann mir einfach nicht alles geben. Draußen zwischen sieben und zehn Uhr singt ihr Unsterbliches. Ich habe keinen Teil daran. Ich wäre dessen auch kaum würdig.[57]

DIE DAME nachdenklich. Ja, etwas dergleichen wird es wohl sein. Sie lieben sie sehr, um das zu erkennen?

DER GRAF. Sprechen Sie selbst: Leben wir nicht alle in ihr?

DER DICHTER ist dazugetreten. Ja, sie ist etwas, das in unser Leben getreten ist wie der Tod. Nach ihr ist nichts mehr, aber in ihr haben wir alles erkannt.

DER MILLIONÄRSSOHN geht traurig. Ich habe nichts erkannt, aber nach ihr ist wirklich nichts mehr.

DIE DAME sieht ihm nach. Er leidet sehr?

DER DICHTER. Es ist anzunehmen. Ich leide nichts. Ich finde, man kann nach dem Tode nichts mehr leiden.

DER GRAF. Sie sind zu literarisch. Die Möglichkeiten des Leidens sind ziemlich unbegrenzt.

DER DICHTER. Vielleicht haben Sie recht. Und doch ist heute jemand unter uns, dem ich es zutraue, nie gelitten zu haben.[58]

DIE DAME lebhaft. Sie meinen den Prinzen?

DER GRAF. Ach ja, ihn. Sie müssen mir mehr von ihm erzählen. Er ist so jung und scheint so tief ruhig. Er hat eine Art, Banalitäten auszusprechen, wie jemand Öl auf das Wasser zu gießen vermag, um ruhige See um sich zu schaffen.

DIE DAME. Doch glaube ich nicht, daß er selbst banal ist. Sein äußeres Erleben war nicht so geartet.

DER GRAF. Seine Mutter war die schönste Frau der Welt.

DER DICHTER. Vor der Morena oder nach ihr?

DER GRAF zögernd. Ich weiß nicht. Anders, aber keineswegs geringer. Denken Sie einen griechischen Tempel, über dem die Sonne aufgeht. Aber einen, in dem kein Gott wohnt.

DER DICHTER. Auch kein unbekannter, unsichtbarer?

DER GRAF. Leer.

DER DICHTER. Vielleicht geriet der Sohn dann nach ihr?[59]

DIE DAME. Ich glaube, Sie urteilen über beide falsch. Übrigens soll sie eines seltsamen Todes gestorben sein.

DER GRAF. Ich hörte auch davon reden. Aber man hat zeitlebens so viel Legenden um sie gesponnen. Sie wissen Näheres?

DIE DAME. Er erzählt, sie sei in einer Nacht vom Schiffe verschwunden. Auf hoher See. Einfach ein Unglücksfall. Andere wollen wissen, sie sei in einer Matrosenkneipe in Buenos Aires erschlagen worden.

DER DICHTER. Oh, nun bin ich erst im Bilde. Das ist die mythische Fürstin, die fünf Jahre lang auf ihrer weißen Yacht die Meere durchkreuzte? Und nur nachts ans Land ging? Und verschleiert? Und an seltsame Orte?

DIE DAME. Man spricht viel. – Jedenfalls – er war die ganze Zeit mit ihr.

DER DICHTER. Aber er kann doch kaum die Zwanzig überschritten haben.

DIE DAME. Ich sagte Ihnen ja, sein äußeres Leben verlief ungewöhnlich. Wie weit sein Inneres daran teilnahm, weiß ich nicht. Ich sehe ihn heute zum zweiten Male. Als ich von seiner Ankunft hörte, habe ich[60] ihn gleich aufgesucht. Seine Mutter war eine Freundin – nein, das kann ich kaum sagen – eine Verwandte von mir.

DER DICHTER. Darf man fragen, wieso er hierher kam? Wir liegen doch eigentlich ziemlich kontinental.

DIE DAME. Die weiße Yacht ist untergegangen.

DER DICHTER. Ach –!

DIE DAME. Ein paar Monate nach dem Tode seiner Mutter. Er hat sich – glaube ich – nur mit Mühe gerettet. Allein. Und schließlich ist er ja hier zu Hause.

DER GRAF. Kennen Sie nicht das Palais in der Gutenbrunnstraße, das seinen Namen trägt?

DER DICHTER. Ach so, das gehört ihm? Ja, da würde ich selbst ganz gerne scheitern. Also Romantik. Strandung in einem Barockpalais. Ich hätte ihm das gar nicht zugetraut. Mir fiel nur das vollkommen Unberührte seines Gesichtes auf. Er hat die Maske eines Gottes.

DIE DAME. Ja, nicht wahr? Sie sieht ihn versunken näherkommen. Ein Gesicht wie ein Spiegel, der kein Bild zurückwirft.[61]

DER GRAF sehr zart lächelnd. Wenn er das Ihre empfinge?

DIE DAME. Sie spotten, mein Freund? Bin ich schön?

DER GRAF mit sehr altmodischer Galanterie. Sollte ich heute abend das erstemal vergessen haben, Ihnen das zu sagen?

DIE DAME. Vielleicht, weil Sie zu oft auf die Uhr sehen – –

EIN BRIDGESPIELER vom Tische rückwärts. Die drei Coeurs kontriere ich.

DER PARTNER DES STAATSANWALTES. Natürlich kontriert er. Na, lieber Freund, da hast du uns hübsch hineingeritten. Ich habe doch unaufhörlich gepaßt. Mit geradezu tragischem Ausdruck.

DER STAATSANWALT. Ich habe dir ja schon gesagt, ich bin heute – Übrigens machen wir sie ja.

DER PARTNER. So? Tant mieux. Legt auf. Ich bin natürlich in Coeur chicane.

ZWEI DAMEN UND DER KOMPONIST jung, häßlich, nervös.

DIE EINE DAME. Warum spielen Sie nicht, Meister?[62]

DER KOMPONIST sich umblickend. Ich glaube, man wartet noch – – –

DIE ANDERE DAME zum Grafen. Oh, auf die Morena. Sind wir ganz unwürdig, den César Franck von Ihnen zu hören?

DER KOMPONIST. Aber bitte, gnädige Frau – –! Übrigens weiß ich nicht, ob ich heute den César Franck vorspielen werde. Ich werde vielleicht etwas Eigenes – –

DIE ERSTE DAME. Oh, etwas Neues! Ist es schön?

DER KOMPONIST. Ja.


Ins Musikzimmer, doch wird nicht gespielt.


DER PRINZ ist hinter der Gruppe erschienen und tritt auf die Dame des Hauses zu. Er ist klein, sehr schlank, sehr zart. Seine tiefschwarzen Haare sind fest anliegend, aus der Stirn gekämmt. Sein Gesicht ist merkwürdig elfenbeingelb und von maskenhafter Ruhe. Seine ganze Erscheinung fast etwas zu sehr soigniert. Der Jüngling aus dem Quattrocento drüben in der Botticelli-Manier – wissen Sie, daß es ihn noch einmal gibt?

DIE DAME. Nein, ich wußte es nicht Zum Grafen. Denken Sie, lieber Freund, der Jünglingskopf mit dem Barett, den Sie mir aus Ferrara brachten – Secundus behauptet, daß noch eine Kopie von ihm existiert.[63]

DER PRINZ. Nein, wahrscheinlich das Original. Ein sehr reicher Pflanzer in Florida besitzt es. Auf der Rückseite der Tafel steht dort die Legende, soviel ich mich erinnern kann: »Antonio Pisanelli ultimo die ante mortem se ipsum pinxit.« Er malte sich am letzten Tag vor seinem Tode. Wahrscheinlich hat er Selbstmord begangen, da er es so genau wußte, und ein Schüler oder Freund hat den Kopf später kopiert.

DER DICHTER skeptisch. Oder er hat es sich überlegt und später den Kopf auf Auftrag wiederholt.

DER PRINZ etwas erstaunt. Ja, das ist auch möglich. Schade.

DER GRAF. Sie hatten wohl viel Gelegenheit, Bilder zu studieren auf Ihren Reisen?

DER PRINZ fast lebhaft. Oh, ich verstehe gar nichts von europäischer Kunst. Ich sagte Ihnen ja, ich sah das Bild zufällig bei einem Plantagenbesitzer in Florida und –

DER DICHTER. Sie sagten »europäisch« fast etwas wegwerfend. Sie haben sich wohl mehr mit exotischer Kunst befaßt?[64]

DER PRINZ. Ja. Etwas mehr. Das heißt befaßt ist eigentlich zuviel gesagt. Wir kauften manchmal schöne Dinge von Chinesen oder Malayen. Götzen und Tiere und lebendige Seiden. Wir hatten viel davon an Bord.

DER DICHTER. Und alles verloren?

DER PRINZ. Wie meinen Sie? Ach, bei dem Untergang? Na, natürlich. Es gibt mehr davon, obwohl manche Stücke selten waren.

DER GRAF. Wie merkwürdig! Ein Sammler, der so ruhig von dem Verlust seiner Schätze spricht. Ich muß sagen, ich könnte das kaum.

DER PRINZ zuvorkommend. Ich war wohl kein Sammler in Ihrem Sinne, Graf. Alle diese Dinge – es waren auch sehr häßliche darunter – hatten ihren Sinn und ihre Stunde. Für meine Mutter oder mich. War sie vorbei, hätten wir sie ebensogut ins Meer werfen können. Es blieb kein Schatten von Erinnerung an sie zurück.

DER DICHTER. Warum hoben Sie sie dann auf?

DER PRINZ. Es hatte ja keinen Sinn, sie zu zerstören! Galten sie mir auch nichts mehr, blieben die meisten doch[65] objektiv schön. Aber soll ich darum meinen kleinen Götzen und Tieren nachträumen? Es liegt mir etwas fern.

DIE DAME. Dachte sie ebenso?

DER PRINZ. Meine Mutter? Ich glaube, ja.


Kleine Pause.


DIE DAME. Sie haben spät in mein Haus gefunden, Secundus. Es ist fast ein Monat, seit ich bei Ihnen war.

DER PRINZ. Sie sind mir nicht böse. Ich hatte viel mit der Sternwarte zu tun.

DER DICHTER. Sternwarte?

DER PRINZ. Ja, ich habe mir eine auf das Haus gebaut.

DER GRAF. Auf das schöne Barockpalais? – – –

DER PRINZ. Ja. Ich kann doch nicht sein ohne freien Blick in die Nacht. Das ist eine alte Gewohnheit von der See her. Und bis man hier die paar Instrumente bekommt – – –[66]

DER GRAF. Aber das Palais wird nicht sehr gewonnen haben.

DER PRINZ höflich. Ich gebe zu, daß es sehr stillos aussieht. Aber wenn ich schon hier lebe –

DIE DAME lebhaft. Sie wollen also bei uns bleiben? Gefällt es Ihnen hier?

DER PRINZ lächelnd. Aufrichtig gesprochen, nicht sehr. Ich muß mich erst gewöhnen. Fremde Städte sind mir lieb, aber hier kommen ab und zu Leute zu mir und versichern mir, daß ich zu Hause sei. Und ich erinnere mich wirklich an manche Straßenzüge, Gebäude und so weiter wie an einzelne Gesichtszuge eines Menschen, der mir als Ganzer fremd geworden ist Ich wohne im Hotel. Und wenn ich in unser Haus ziehe, wird die stillose Sternwarte darin das einzige sein, das ich kenne.

DIE DAME. Es ist wahr. Sie waren eigentlich selten hier.

DER PRINZ. Bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr jeden Winter ein paar Wochen. Meine Mutter machte ein paar Bälle mit und nahm mich manchmal mit in die Oper. Übrigens nur zu Balletten.[67]

DER GRAF lacht. Halten Sie das jetzt auch so?

DER PRINZ. Nein. Ich gehe nie ins Theater.

DER DICHTER. Es liegt Ihnen wohl auch da die östliche Art näher?

DER PRINZ. Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich ein Barbar sei, haben Sie recht Theater – das ist für mich wirklich mehr die japanische Heldentragödie mit Samurais und Dämonenfratzen. Unverständlich, bunt, lärmend. Oder gewisse phantastische Tänze in den Hafenvaudevilles Yokohamas oder Singapores. Oder meinetwegen noch die Stagione in Buenos Aires. Alles ist durchstrahlt wie von Scheinwerfern, und die Menschen stellen sich zur Schau – ich meine nicht die uninteressanten auf der Bühne, die dazwischen für Geld singen – nein die wirklichen in den Logen, auf den Galerien, in den Promenoirs. Aber hier tritt man in einen verdunkelten Saal und läßt sich andächtig von fremden, meist eher widerwärtigen Menschen in Mysterien einweihen, die einem gleichgültig sind oder die man besser kennt. Nein, finden Sie das im Ernst schön, wenn Ihnen jemand Richard den Zweiten im Kerker vor' spielt, wo Sie jeden Tag die Möglichkeit haben, sich der Stille Ihres Zimmers gefangen zu geben und Richard der Zweite zu sein? Ich für mein[68] Teil will ein Spektakel in einer fremden Sprache, die ich keinesfalls verstehe. Sonst Zirkus!

DER DICHTER etwas gereizt. Aber erlauben Sie –!

DIE DAME lachend. Nein, nein, lieber Freund, gegen dieses Bekenntnis werden Sie nichts ausrichten. Es ist wenigstens ehrlich. Ein Glück nur, daß die Morena noch nicht da ist.

DER PRINZ. Ich höre diesen Namen in der Stadt schon ein paarmal. Das ist eine Sängerin, nicht?

DIE DAME. Eine Sängerin, nicht? – Unser kleiner Prinz ist doch nett. Sind Sie mir böse, wenn ich Sie so nenne? Ich bin doch eine Art alter Cousine. Das ist nämlich die Sängerin, Secundus!

DER PRINZ kühl und sehr höflich. Sie verzeihen. Ich muß meine Unwissenheit damit entschuldigen, daß ich diesen Namen eigentlich mehr in einem anderen Zusammenhang hörte.

DIE DAME ein wenig ernst. Ja. Man sagt hier von ihr, daß sie eine Dirne sei. Aber wie Sie sehen, verkehrt sie hier im Hause und wir lieben sie alle sehr.[69]

DER PRINZ verneigt sich leicht. Schon das erstere genügt naturlich, und das letzte sichert der Dame meine unbedingte Verehrung.

DIE DAME. Wenn Sie sie sehen oder gar singen hören wollten, werden Sie uns verstehen. Sie müssen deshalb doch einmal Ihren Prinzipien untreu werden und in meine Loge kommen.

DER PRINZ küßt ihre Hand. Sie sind sehr gütig. Es wird mir natürlich eine Freude sein. – – –


Der Flügel im Musikzimmer rauscht einen Augenblick auf und verstummt wieder. Es kommt Bewegung in die Gruppen. Bridgepartien werden abgebrochen. Die Sängerin ist eingetreten. Sie trägt keinen Schmuck außer einer Unmenge von Ringen, mit denen ihre Hände besät sind.


DIE SÄNGERIN zu vielen. Guten Abend! Guten Abend! Oh, Sie sind alle noch hier! Wie schön! Es ist warm. Es sind gute Menschen hier. Zu der Dame des Hauses, ihr ein Heer von Veilchen reichend, das sie trägt. Danke, daß Sie mich gerufen haben. Hier sind Blumen. Man hat sie mir geschenkt. Darf ich sie Ihnen geben? Sie lieben Veilchen!

DIE DAME. Ich danke Ihnen, liebste Freundin, daß Sie gekommen sind. Ich hoffte es kaum mehr, nach »Manon«.[70]

DIE SÄNGERIN. Oh, Manon ist tot! Arme Manon! Aber ich lebe noch. Und es ist gut bei Ihnen. Darf ich mich zu Ihnen setzen? Zum Grafen. Lieber Abend!

DER GRAF küßt ihre Hand. Sie sind glücklich? Mit sich zufrieden?

DIE SÄNGERIN. Manon war schön. Sie dürfen mir nicht böse sein. Ich habe Des Grieux gehört. O, Sie lachen, er ist klein und fett und sieht wie aufgeplustert aus in der rosaseidenen Weste. Aber es hätte mir weh getan, Sie in der Loge zu wissen. Ich hätte notwendig einen betrügen müssen. Und wenn ich Manon bin, kann ich nur Des Grieux gehören.

DER GRAF. Bedeutet »gehören« – »lieben«? Dann bin ich es zufrieden, da Sie jetzt Sie selbst sind.

DIE SÄNGERIN. Sie quälen mich. Sie fragen so viel. Ich bin da.

DER GRAF zu ihr gebeugt, sehr leise. Ich habe den Smaragd.

DIE SÄNGERIN aufzuckend. Oh – –! Er ist schön!

DER GRAF. Er ist fast Ihrer würdig.[71]

DIE SÄNGERIN. Sie tragen ihn bei sich? Ich will ihn sehen!

DER GRAF. Nicht hier.

DIE DAME wieder herantretend, reicht ihr eine kleine Tasse schwarzen Kaffee. Alle haben den ganzen Abend nur an Sie gedacht. Sehen Sie, die verbissensten Bridgespieler stoppen. Soll ich eifersüchtig auf Sie sein?

DIE SÄNGERIN zauberhaft. Seien Sie's nicht. Alle wissen doch, daß alles Gute nur von Ihnen ausgeht. Sie geben Wärme, Licht, Ruhe, Freude. Was kommt von mir? Eine Sensation, für die Besten eine tragische. Ich bin nur eine unter allen, die sich in Ihre sanften, dunklen Sessel schmiegen dürfen. Behüten Sie mich ein wenig. Eine, zwei Stunden. Dann, oh dann – – wissen Sie, was mich der heutige Abend gekostet hat? Und übermorgen Senta und Samstag die Tosca – – Und dazwischen ganz allein gelassen.

DIE DAME warm. Sie? Würde das einen Freund von uns nicht schmerzen, wenn er's hörte?

DIE SÄNGERIN. Ja, Sie haben recht, ich bin undankbar. Heimlich, fasziniert. Wissen Sie es nicht? Er hat den schönsten Smaragd der Welt für mich erhandelt Eine Großfürstin[72] besaß ihn. Sie wollte ihn nicht hergeben. Aber sie hatte Schulden. Nun hat er alle Forderungen aufgekauft. Sehr schmutzige darunter. Skandal! Nun mußte sie. Die Bestie!

DIE DAME. Sie werden sich zugrunde richten mit dieser Leidenschaft. Und er – Sie wissen doch, daß er nicht reich ist. Er wird vielleicht sein Letztes geopfert haben. Wie können Sie, die so gut sind –

DIE SÄNGERIN wild. Er hat mich gehabt. Es war ausgemacht. Er wird mich heute wieder haben. Vielleicht noch morgen. Scheint Ihnen der Preis zu hoch?

DIE DAME. Liebste – nie werden Sie mich glauben machen, daß Sie sich verkaufen.

DIE SÄNGERIN. Warum nicht? Ich liebe meine Steine. Sie sind rein und kalt wie Gestirne. Meine Hand badet im Licht verzauberter Götter. Ich bin erst nackt, wenn ich meine Ringe von mir abtue. Auch Manon hat sich verkauft.

DIE DAME. Sie sind nicht Manon.

DIE SÄNGERIN. Nein. Ich bin nicht Manon. Des Grieux ist klein und fett und zittert vor dem hohen B.[73]

DIE DAME lachend. Nun also. Kommen Sie, Sie fangen an, bösartig zu werden. Zum Komponisten, der in der Nähe steht. Wir wollen jetzt die neue Sonate hören. Sie werden spielen, nicht wahr? Unsere Freundin freut sich darauf.

DIE SÄNGERIN. Wie hübsch, daß Sie hier sind. Aber es ist wahr, Sie haben mich ja begrüßt. Ich hörte den A-dur-Akkord. Sie haben eine Sonate geschrieben? Was macht die Oper? Ich freue mich auf die Partie.

DER KOMPONIST. Sie wartet.

DIE SÄNGERIN spöttisch. Oh, kann Sie das? Ich auch. Ich habe Zeit.

DER KOMPONIST stöhnend. Verzeihen Sie!

DIE SÄNGERIN. Gehen Sie, den Leuten Sonaten vorspielen. Sie waren häßlich. Sie wissen, daß ich einem anderen Mann gehöre.

DER KOMPONIST verbissen. Der Smaragde hat – –

DIE SÄNGERIN hochmütig. Die ich bezahle. Wie Ihre Musik. Wobei noch sehr die Frage ist, was höher im Kurse steht.[74]

DER KOMPONIST geht schweigend ins Musikzimmer, wohin ihm alle folgen.

DIE SÄNGERIN zum Grafen. Kommst du nicht mit? Du hörst doch meine Musik gern.


Die Sonate setzt mit einem großen Thema ein. Die Sängerin steht an der Portiere plötzlich dem Prinzen gegenüber.


Du gehst doch hinein. Das Thema ist stark. Wie wird er es durchführen – –?


Der Graf versteht, schweigt. Geht ins Musikzimmer. Die Portiere fällt hinter ihm zu. Die Musik tönt gedämpft weiter herein.

Sie stehen sich schweigend gegenüber.


DIE SÄNGERIN ganz verwandelt, sehr sanft, sehr ruhig. Sie hören nicht zu? Sie bleiben hier?

DER PRINZ leise, noch blässer, verwandelt. Ich höre Sie sprechen. Oder singen Sie? Ich weiß nicht.

DIE SÄNGERIN. Wir wollen hier bleiben. Sie setzen sich. Das Speisezimmer wird verdunkelt, so daß das Licht etwas gedämpfter scheint. Sie sind – warten Sie. Meine Freundin sprach mir von Ihnen. Ich kenne Sie.

DER PRINZ. Ich kenne Sie von länger her. Ich war ein Kind.

DIE SÄNGERIN. Still, still – ich weiß.[75]

DER PRINZ. Sie wissen um mich?

DIE SÄNGERIN weint leise, kurz vor sich hin. Sie zweifeln daran! Sie! Sie mußten es doch wissen!

DER PRINZ. Liebe, Liebe – ich war ein Kind.

DIE SÄNGERIN. Ich auch. Erzählen Sie von Anfang an. Oh, seien Sie gut! Lügen Sie nicht!

DER PRINZ. Könnte ich es?

DIE SÄNGERIN. Alles. Alles. Und alles, was dann war. Von allen Frauen. Von allem, was war. Ich werde vielleicht sterben daran. Aber Sie müssen sprechen.


Ein Vorhang, dunkelblau, schließt sich hinter ihnen. Die Sonate tönt fort. Sie sitzen sich gegenüber. Alles Licht auf sie konzentriert. Sonst Dämmerbeleuchtung.


DER PRINZ mit einem unwirklichen, verträumten Ausdruck. Ich war dreizehn Jahre. Es war Sommer. Sie wissen es noch? Das Korn stand reif. Der Wind lief rot durch das gebeugte Korn.

Mittag war heiß. Der Wind fiel ab. Madonna – Sie wissen, daß ich meine Mutter so nannte – schlief in ihrem kühlen, blauen Zimmer. Ich saß mit einem Buch auf der Terrasse. Von der Stadt,[76] die nah unserem Gute lag, stieg senkrechter Rauch in den Himmel. Dunst und gelbe Wolken brüteten über der Stadt.

Ich ging auf die Stadt zu. Seltsam angezogen. Am Abend stand ich in den häßlichen Straßen. Der Himmel verbrannte über schwarzen Dächern. Im Theater spielte eine Sommerschmiere. Ich setzte mich in die erste Reihe. Die Leute sahen mich verwundert an. Ich trug einen blauen Matrosenanzug, den Hals frei, und hatte keinen Hut mit. Dann erkannten mich einige – der Notar, der Restaurateur – und grüßten. Es war entsetzlich heiß und die Leute rochen nach Bier und Schweiß und Sommer. Sie spielten. Sie waren ein Kind wie ich.

DIE SÄNGERIN. Ich war fünfzehn Jahre.

DER PRINZ. Es war eine obszöne Farce und Sie tanzten manchmal und sangen und sprachen unanständige Pointen. Ihr Kindergesicht war weiß geschminkt und sah unsäglich lasterhaft aus. Ich fühlte es, obgleich ich Laster damals nicht kannte. Aber Ihre Augen waren keusch und hatten Angst vor allem. Und wenn Sie sangen – einen blödsinnigen Refrain – spiegelte sich ein blendender Himmel in ihnen. In Ihren Augen kreisten alle Gestirne und es ward Tag und Nacht.

Und allmählich kamen Ihre Augen zu mir. Erst mit der gleichen Angst wie zu allen, dann wuchs Vertrauen in Ihnen und Sie lächelten mir zu. Dann[77] liebten Sie mich, Ihre Augen, und wurden nun erst ganz wach. Und wurden feucht vor Zärtlichkeit und Güte und dunkelten vor Schmerz, und das Ende war Verzweiflung und Tod. Und als Ihre Augen brachen – während eines gemeinen Couplets – war meine Kindheit abgebrannt von mir wie Zunder. Ich war alt und schien mir reif für allen Tod in der Welt. Ich stürmte hinaus, ehe. das Stück zu Ende war. Gegen Morgen kam ich heim.

Madonna hatte auf mich gewartet, um mich zu strafen. Mit ein paar Worten, die brennen konnten wie Peitschenhiebe. Als sie mich sah, sagte sie kein Wort. Sie ließ mich bewachen von unserem alten Diener, aber es gelang mir doch, noch vor Tagesanbrach, in Wasser aufgelöste Phosphorköpfe einer Streichholzschachtel zu schlucken.

DIE SÄNGERIN. Ich versuchte in jener Nacht aus dem Fenster zu springen. Aber man hielt mich auf und band mich auf das Bett. Dann tat mir unser Bonvivant Gewalt an.

DER PRINZ nach einer kurzen Pause. Die Dosis war zu klein, ich starb nicht. Aber bald darauf wurde ich krank – o nein, nicht infolge jener Vergiftung! Es war nur die Lunge. Nicht sehr schwer. Aber Madonna ging mit mir in die Schweiz, ins Hochgebirge, und wir wohnten zwei Jahre lang in einem großen Sanatorium. Ich vergaß Sie, ja, glauben Sie es mir!

Viele Menschen lebten und starben an uns vorbei. Aber mich rührte das Leiden nicht mehr an und[78] ich genas schneller, als die Ärzte dachten. Ich war gefeit wie Madonna, an deren Schönheit der Schmerz zerbrach. Wir waren anders als die anderen – mit unserem Ich verankert in einer fremden Welt. Gehärtet in der Glut eines fremden Sternes, daß die Feuer dieser Erde uns nicht mehr brannten, ihre Kälte nicht mehr fror. Madonna merkte, daß ich war wie sie, und wir gehörten fortan zusammen, ohne es uns zu sagen.

DIE SÄNGERIN tonlos. Sie lieben Ihre Mutter?

DER PRINZ. Manchmal vielleicht.

Hören Sie.

Als ich genesen war und um Madonnas Auge die erste Falte kroch, gingen wir zu Schiff.

Auf die weiße Yacht. Zwölf Burschen an Bord, von denen keiner gescheut hätte, für uns zu morden, aber gelegentlich auch uns zu erschlagen.

Fünf Jahre Meer. Verstehen Sie das?

Die Erde war nicht mehr. Das südliche Kreuz uns verwandter als Menschen.

Manchmal fuhren wir an heißen Flüssen hinauf, über denen Wolken weißen Fiebers dunsteten.

An brennenden Urwäldern vorbei. Südseeinseln standen in Flammen.

Wir brachten Feuerwasser in rauchige Negerkrale. Nachts heulten betrunkene Wilde um das Lagerfeuer. Mit Malayen trieben wir Tauschhandel. Vergiftete[79] Pfeile zischten um unsere Stirnen.

Wir lagen in goldenen Zelten nachts in der Wüste. Der Donner der Löwen kam von den Quellen.

Ein brauner Scheich besaß Madonna. Mir schenkte er seine drei schönsten Frauen.

Durch Monate blieben wir dann auf hoher See. Das Wasser war faulig und das gesalzene Fleisch verbrannte uns den Mund. Im Zwieback wuchsen Würmer. Es war gut, nicht ohne Revolver herumzugehen und selten zu schlafen. Den Boys stand der Schaum grün vor den Lippen.

Sie forderten, daß Madonna sich ihnen gebe. Sonst über Bord. Wir schlugen die Meuterei nieder und sie nahm sich nachher den Schönsten. In Rio mußten wir ihn leider ausschiffen. Er taugte nichts mehr an Bord. Dann gingen wir an Land. Ich meine in die Städte. Die großen Hafenstädte. Yokohama, Valparaiso, Singapore. Wir wohnten in den großen Hotels und ich hatte die schönsten Kokotten und spielte Poker mit den geriebensten Falschspielern. In den Hafenvierteln suchte ich Händel. Um die letzte Dirne von Cadix erhielt ich diesen Messerstich.

DIE SÄNGERIN. Und litten nie wieder? Nicht an dem bösen Fleisch der Kokotten, an den falschen Brillanten der Hochstapler, dem Schmutz und Dunkel der Hafengassen?

DER PRINZ fast erstaunt. Litt? Nein. Schmutz und Trübes gehörten dazu, Kulissen, vor denen wir spielten. Amüsierte es uns nicht mehr, brachen wir ab. Die Yacht wartete.[80]

DIE SÄNGERIN leise. Und ich? Kam ich nie wieder in ihre Welt?

DER PRINZ zögernd, nachdenklich. Doch. Ich weiß von zwei Malen, wo Sie noch da waren.

In einer Nacht, unsäglich gestirnt, trieb ich in einem Kanoe an der Küste. Ein Weib lag bei mir. Ein Annamitenmädchen, das kein Wort meiner Sprache verstand. Ich keines der ihren. Ihr sagte ich alles von Ihnen. Warme Nacht. Vom Himmel stürzten Sternschauer herab. Segnend waren Ihre Augen aus Milchstraßentiefen über mir.

DIE SÄNGERIN. Geliebter – –

DER PRINZ. Dann später.

In einer Nacht, die weiß von Nebeln war, tief im Pazifischen Ozean – merkte Madonna, daß sie nicht mehr schön war. Hatten meine Augen es ihr gesagt oder nur der Spiegel – ich weiß nicht. Am Morgen fanden wir sie nicht mehr.

DIE SÄNGERIN. Da littest du – –

DER PRINZ. Nein. Sie mußte so sterben. Sie war eine Göttin. Man leidet um Götter nicht wie sie nicht um uns.[81] Ein halbes Jahr später ging unser Schiff unter. – Still, ich bin am Ende und dann ist das alles gewesen oder nicht gewesen, wie du es willst.

Ich selbst zerschlug die Instrumente und wir trieben ziellos. Ich wußte, daß die Boys mich einmal erschlagen würden. Ein Zyklon war im Anzug. Ich gab ihnen Branntwein, so viel, daß ihnen sogar die Lust zum Morden verging. Wir scheiterten nachts. Zwei Tage trieb ich an einen Balken gebunden und sprach mit dir. Das war das zweitemal. Dann nahm mich ein englischer Schoner auf. Nun bin ich wieder hier. Mein Leben gehört ganz dir. Es ist neu. Ich weiß nichts mehr. Ich habe nie eine Frau berührt.

DIE SÄNGERIN. Mein Leben ist anders. Was tut es, da es nun in deines mündet. Traurigkeit, Erniedrigung und manchmal Haß. Und die Kunst. Meine schöne, schöne Stimme. Nein, laß! Ich werde nie mehr singen, wenn du es nicht willst!

Nur dies eine ist gleich in unserem Leben: Ich habe nie einem Manne gehört.

Viele, viele haben mich besessen. Es mußte so sein. Viele hatten Macht über mein Blut. Zu manchen trieb mich die Musik und das gräßliche Nichts, wenn die Rampen ausflammten.

Und auch das noch. Ich habe Edelsteine. Sieh diese Ringe an. Für jeden habe ich mich verkauft. In jedem Stein ist Musik, Musik des Lichtes – und mehr noch, etwas von der kühlen Lieblichkeit deiner Augen, deiner Augen, wie ich sie sah an jenem Abend, da du in einem Matrosenanzug in[82] der ersten Reihe eines Sommertheaters saßest und ich obszöne Lieder sang.

Glaube mir, ich bin ganz rein von dir. Nur daß ich gelitten habe und du das Leiden vergessen hast. Mein armer Geliebter! Du wirst noch viel leiden müssen!

DER PRINZ zum erstenmal ganz jugendlich. Ich werde nie leiden. Nie. Ich werde glücklich sein. Muß ich nicht glücklich sein, dir alles Glück zu geben? Ich will – – Nein, nein – nicht Worte, nicht – – – Ich habe keine Gewalt über das Wort. Geben Sie mir einen Augenblick Ihre Hand. So – –


Die Sängerin erhebt sich, beugt sich über ihn und will ihn küssen. Sie verharrt einen Augenblick so, ohne seine Lippen zu berühren. Sie lieben sich so, daß ihre Münder sich nicht zu finden wagen. Langsam entfernt sich ihr Antlitz von dem seinen.

Der dunkelblaue Vorhang hat steh gehoben. Der Salon, in der gleichen Beleuchtung wie früher, ist wieder um sie. Die Sonate endet.


DIE SÄNGERIN. Ich werde morgen abend bei Ihnen sein. Nein. Ich will diese Nacht allein sein. Ich muß diese Nacht haben – mich ganz suchen, um mich ganz an dich zu verlieren. Still – – still – –


Sie stehen sich sprachlos gegenüber wie am Anfang der Szene. Stimmengewirr: Die Menschen strömen aus dem Musikzimmer zurück. Bewundernde, beifällige Ausrufe.


EIN KRITISCHER ZUHÖRER. Nein, schön ist seine Musik nicht, aber er kann etwas.[83]

EIN JUNGES MÄDCHEN. Ich weiß nicht, im Gegenteil, er kann viel zu wenig, aber es ist etwas Schönes in seiner Musik.

DER KRITIKER. Gut, gnädiges Fräulein, wir gleichen uns aus, jeder gibt fünfzig vom Hundert nach. Die Musik ist nicht schön, aber dafür kann er zu wenig.

DIE DAME DES HAUSES zum Komponisten. Ich verstehe nicht viel davon, aber ich glaube, daß diese Sonate den Höhepunkt Ihres bisherigen Schaffens bedeutet.

DER DICHTER. Mir gefiel besonders der zweite Satz. Er ist wie das Erlebnis einer Reise durch abenteuerliche, gefährliche Zonen. Mit einem Blick auf den völlig versunken dastehenden Prinzen. Oder kommt mir diese Interpretation nur von außen – –

DER GRAF zur Sängerin, ganz unbefangen. Wie fanden Sie das Werk?

DIE SÄNGERIN erwachend, einfach. Was ich davon hörte, schien mir schön.

DER STAATSANWALT zur Dame. Sie entschuldigen, gnädige Frau, wenn ich mich schon verabschiede.[84]

SEIN BRIDGEPARTNER sucht sich seiner zu bemächtigen. Aber erlaube mir, wir müssen doch den Rubber fertig machen! Nachdem du mich in ein Defizit von achtzig hineingerissen hast –

DER STAATSANWALT. Ja, entschuldige – es wird aber nicht mehr gehen. Die Musik vorhin –

DER PARTNER. Staatsanwälte stehen grundsätzlich in keiner Beziehung zur Musik. Es sei denn, sie tritt als nächtliche Ruhestörung auf. Gnädige Frau, helfen Sie mir doch. Wenn wir einen anderen Vierten hätten –

DIE DAME. Aber im Ernst, Herr Staatsanwalt, bleiben Sie doch! Es ist kaum elf. Sie könnten sonst ein schlechtes Beispiel geben.

DER STAATSANWALT. Sie dürfen mir nicht böse sein, Gnädigste – ich muß wirklich gehen. Ich habe morgen um drei Uhr aufzustehen und werde ohnehin kaum mehr schlafen.

DER PARTNER. Ja, aber, was hast du denn um drei Uhr früh – da gibt sich noch kein Mensch Rendezvous.

DER STAATSANWALT sehr zurückhaltend, aber sichtlich im Bestreben, endlich fortzukommen. Ich habe einer Hinrichtung beizuwohnen.


Ein paar Umstehende haben, so gedämpft er spricht, das Wort aufgefangen. Es pflanzt sich fort. Peinliches Schweigen tritt ein.
[85]

DER STAATSANWALT sehr nervös, unangenehm berührt. Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Gnädigste – aber ich hätte mich sonst unseres lieben Freundes nicht erwehren können. Und ich habe wirklich keinen Kopf zum Bridgespielen. Ich habe es ja vorhin versucht.

DIE DAME etwas betroffen. Aber ich bitte Sie, lieber Herr Staatsanwalt – das ist doch selbstverständlich.

DER STAATSANWALT hastig, wie unter einem Zwange. Ich weiß, ich hätte überhaupt Ihrer liebenswürdigen Einladung keine Folge leisten sollen. Aber Sie werden mich vielleicht verstehen, ich griff geradezu nach ihr – ich bin so doch über einen Teil der Nacht hinweggekommen. Ich habe ja selbst die Anklage vertreten – und ich darf sagen, nicht immer mit so völliger Überzeugung wie in diesem Falle – aber man ist schließlich doch ein Mensch – wenn das auch natürlich den Lauf der Gerechtigkeit nicht tangieren kann – natürlich –

DER PRINZ irgendwie hat das Wort »Hinrichtung« auch zu ihm gefunden. Er begreift nicht ganz. Hört den letzten Sätzen interessiert zu. Verzeihen Sie, bitte – Sie sagten da etwas, das mir merkwürdig vorkam. Das kann also den Lauf der Gerechtigkeit nicht berühren, daß man ein Mensch ist? Gerechtigkeit und Menschliches widersprechen sich also bei uns irgendwie?[86]

DER STAATSANWALT. Nein – derartiges zu behaupten konnte absolut nicht in meiner Absicht liegen. Es ist völlig gerecht, diesen Menschen morgen hinzurichten. Ich habe selbst alles getan, um das bezügliche Verdikt herbeizuführen und billige es als Mensch vollkommen.

DER PRINZ noch nicht ganz bei der Sache. Einen Augenblick – aber Sie äußerten doch vorhin, daß Ihnen dabei nicht wohl zumute sei, daß Sie nicht – wie soll ich mich ausdrücken – von Ihrem Erfolge befriedigt seien?

DER STAATSANWALT etwas ungeduldig. Gott, das ist doch begreiflich – das ist eben menschliche Schwäche!

DER PRINZ immer beteiligter, wie vor etwas ganz Neuem. Sie sagen immer »menschlich« in Verbindung oder im Sinn von Schwäche. Gott – ich meine nicht unseren Katechismusbegriff, sondern überhaupt irgendein vollkommenes Wesen im Gegensatz zu »Mensch« – Gott wäre also über diese Schwäche erhaben, er wäre nur »gerecht«? Er könnte ohne weiteres Bridge spielen mit dem Gedanken an morgen?

DER STAATSANWALT geärgert. Ja, wahrscheinlich – selbstverständlich.[87]

DER PRINZ. Aber – das ist doch seltsam – wäre dieser Gott dann nicht eher eine Art Ungeheuer?

DIE DAME. Aber ich bitte, meine Herren, wir wollen doch nicht –

DER PRINZ wie fasziniert von dem seltsamen Gedanken, der sich bei ihm anspinnt. Verzeihen Sie, Cousine – nur noch einen Moment. Darf ich Sie fragen, warum an diesem Menschen morgen – die Gerechtigkeit vollzogen wird?

DER STAATSANWALT. Ich glaube nicht, daß sich eine Fortführung dieses Gespräches für diese Umgebung eignet. Aber wenn Sie es durchaus wissen wollen – es handelt sich um einen Lustmörder.

DER PRINZ unwillkürlich leicht angeekelt. Oh, das ist allerdings häßlich – –

DER STAATSANWALT. Vielleicht genügt Ihnen das und ich muß nicht auf die näheren Details des Deliktes eingehen, die haarsträubend sind. Sie billigen mir also zu, daß ich das Recht habe, auch als Mensch mit dem »Lauf der Gerechtigkeit« einverstanden zu sein?

DER PRINZ. Ja – – vielleicht – –[88]

DER STAATSANWALT. Sie sind natürlich grundsätzlicher Gegner der Todesstrafe?

DER PRINZ verwirrt. Ich muß gestehen, daß ich mich mit dieser Frage eigentlich noch nie befaßt – –

DER STAATSANWALT leicht ironisch. Vielleicht würde es Sie dann interessieren, der morgigen Justifizierung beizuwohnen?

DIE DAME empört. Aber nein, Herr Staatsanwalt – das geht zu weit.

DER PRINZ versteht nicht gleich. Wie meinen Sie das?

DIE SÄNGERIN ist dem Dialog vom Moment an, da der Prinz seine erste Frage gestellt hat, gespannt gefolgt. Nun geht sie auf ihn zu und legt ihre Hand leicht auf seinen Arm. Sie sollten nicht weiter fragen.


Leichte Bewegung um sie. Man flüstert.


DER STAATSANWALT noch gereizter. Ich meine, ob Sie morgen der Hinrichtung zusehen wollen. Ich gebe Ihnen eine Karte von mir, die Sie zum Eintritt legitimiert. Dreiviertel vier Uhr früh. Landesgerichtsgebäude.


Völliges Schweigen.
[89]

DER PRINZ. Ja – – natürlich – geben Sie.

DER STAATSANWALT schreibt mit einer Füllfeder ein paar Worte auf eine Visitenkarte. Bitte.

DIE SÄNGERIN ganz laut, langsam. Ich bitte dich, geh nicht.


Bewegung.


DER PRINZ sieht sie an, wie aus einem Abgrund hervortauchend. Nein, wenn du es wünschest – gehe ich nicht.


Neue Bewegung Es liegt eine leichte Stimmung von Skandal in der Luft.


DER STAATSANWALT. Es ist auch – glaube ich – besser für Sie. Nur – verzeihen Sie, Durchlaucht – sollten Sie dann nicht so viel über Gerechtigkeit und dergleichen philosophieren. Theorien im Salon sind ja ganz schön. Zur Dame. Sie verzeihen mir, Gnädigste, ich bitte tausendmal um Entschuldigung für diesen etwas peinlichen Auftritt. Meine Nerven sind begreiflicherweise etwas überreizt, und wenn dann ein junger Mann kommt, der über diese Probleme Er küßt ihre Hand. Also noch einmal, Sie vergeben mir.


Er verabschiedet sich von einigen Zunächststehenden und geht dann zur Türe.


DIE DAME zu jemandem in ihrer Nähe. Der arme Staatsanwalt Er tut mir leid. Dieser Mensch ist die Güte selbst – Und Sie, Secundus, haben ihn wirklich etwas gereizt.[90]

DIE SÄNGERIN ohne auf irgendjemand zu achten, leise begütigend. Komm, komm, wir wollen gehen. – – Du bringst mich nach Hause.

DER PRINZ auffahrend, entsetzlich wach, taumelnd. Aber – ich muß doch gehen. Ich muß doch! Er erreicht den Staatsanwalt an der Türe. Ich bitte um die Karte.

DER STAATSANWALT. Bitte sehr, Landesgericht, III. Hof. Er geht.

DER PRINZ vor der Dame. Sie verzeihen, liebe Cousine. Dank für den Abend. Ich muß jetzt gehen. Vor der Sängerin, einen Moment wieder ganz versunken in ihren angstvollen Blick, dann langsam, nachdrücklich. Nein, Sie müssen das verstehen. Ich kann nicht anders. Sagten Sie nicht selbst, man müsse sich erst ganz suchen, um sich ganz verlieren zu können? Ich muß da noch etwas in mir suchen, dem ich auf die Spur gekommen bin. Gute Nacht.


Er verneigt sich leicht gegen die übrige gleichfalls aufbrechende Gesellschaft und geht.


DIE SÄNGERIN tonlos. Morgen abend.


Die ganze Gesellschaft verabschiedet sich etwas überhastet. Die Dame des Hauses begleitet eine Gruppe zur Tür.


DER GRAF sehr alt, unsäglich traurig, nähert sich der Sängerin. Darf ich Sie in meinem Coupé nach Hause – ich meine, bis zu Ihrem Hause bringen? Sie sind erregt.[91]

DIE SÄNGERIN bricht in einem Fauteuil zusammen. Oh, nun wird er leiden müssen!


Pause. Die letzten Gäste gehen. Der zweite Salon wird verdunkelt.


DER GRAF hilflos, mit einem gequälten Lächeln nach einer Tasche tastend. Möchten Sie ihn nicht wenigstens sehen, Ihren Smaragd?

DIE SÄNGERIN schüttelt langsam den Kopf. Wollen Sie mich mir selbst verkaufen? – Nein, ich weiß. Sie dachten nicht daran. Danke. Ich brauche nun keine Steine mehr. Auf dem Kalvarienberg trägt man keine Edelsteine mehr. Keine Steine – –.


Sie geht. Der Graf folgt ihr langsam – Ein dunkel livrierter Diener dreht das Licht ab.

Vorhang.


Quelle:
Hans Kaltneker: Dichtungen und Dramen. Berlin, Wien, Leipzig 1925, S. 55-92.
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