Zweiter Akt

[92] Ein Hof im Landesgerichtsgebäude. Mauern. Himmellos. Rechts ein Tor, vor dem zwei Schutzleute postiert sind, links über Stufen der Eingang in den betreffenden Gebäudetrakt. Im Hintergrund der Galgen, vor dem der befrachte Herr mit seinen beiden Gehilfen steht. Ein Spalier Menschen zieht sich von links gegen den Hintergrund. Einige Schutzleute, ein Teil der Geschworenen mit dem Obmann, zwei Votanten, einige Justizbeamte und sonstige legitimierte Zuschauer.

Ein leichter Regen geht nieder Mantelkragen werden aufgestellt ein paar Schirme werden aufgespannt.

Einige verlassen den Kordon und gehen nervös und fröstelnd auf und ab. Manchmal fallen halblaute Bemerkungen, die man nicht versteht. Jemand sieht auf die Uhr.

Am Tor wird geklopft. Ein Schutzmann öffnet einen Spalt, prüft die dargereichte Legitimation und läßt hierauf ihren Träger – den Prinzen – ein. Hinter ihm wird wieder geschlossen. Der Schutzmann weist ihm einen Platz im Spalier an. Lange Pause. Der Regen fällt etwas stärker.


DER EINE VOTANT zieht wieder die Uhr. Schrecklich, noch acht bis zehn Minuten!

DER ZWEITE gähnt. Man weiß nicht recht, ob aus Langeweile oder Nervosität. Mhm! Ich lege mich nachher unbedingt noch einmal ins Bett.

DER ERSTE. Ich habe leider schon um halb neun in Sachen Spirihek zu tun. Da zahlt es sich kaum mehr aus.


Pause.
[93]

DER OBMANN zu einem Geschworenen. Wenn er sich nur nicht verkühlt, der Herr!

DER GESCHWORENE kichernd. Meinen S' den Delinquenten? Dem kann's Wurscht sein!

DER OBMANN lacht zustimmend. A ja, dem schon! Ich mein' den Herrn im Frack da.

DER GESCHWORENE. Ah, der Herr Kurtz? Was glauben S'? Der ist abgehärtet.

EIN JUNGER RECHTSANWALT auf der anderen Seite zu einem Kollegen. Es muß doch eigentlich leichter sein, bei so einem Wetter – – Denken Sie, es wäre ein schöner Tag.

DER ANDERE. Ich glaube, das bleibt sich für den Betreffenden gleich.

DER JUNGE RECHTSANWALT. Meinen Sie? Ich weiß doch nicht. Mir wäre es leichter. Es ist doch alles so entsetzlich trostlos. – –

DER ANDERE. Folgen Sie mir, die ganze Prozedur ist nichts für Ihre Nerven. Sie sollten sich besser – –

DER JUNGE RECHTSANWALT. Nein, nein. Keinesfalls. Das gehört zum Beruf. Das muß man mitgemacht haben.


Pause.
[94]

EIN GESCHWORENER. Kalte Füß' kriegt man.


Pause.


DER ZWEITE VOTANT zum ersten. Gestern in der Oper. Die Morena hat gesungen. Ein Weib – sag' ich Ihnen.


Der Prinz zuckt zusammen.


DER ERSTE. Und nachher natürlich gedraht. Kann mir vorstellen. Na, da müssen Sie in der richtigen Stimmung sein!

DER ZWEITE. Ja, es ist wirklich ekelhaft – –

EIN GESCHWORENER blickt zum Himmel. Ein schiecher Herbst. Und der Sommer war auch darnach. Kann einen guten Wein geben!

DER JUNGE RECHTSANWALT. Aber warum dauert das denn so lange! Das ist ja schrecklich!

EIN PSYCHIATER achselzuckend. Gott, wahrscheinlich macht er drinnen Umstände. Übrigens ist es noch nicht vier Uhr.

DER OBMANN breit. Ah, der Kerl! Ich sag' Ihnen, der hält sich z'samm. Der ist aus Eisen. Der streckt uns allen noch die Zunge 'raus.[95]

DER ÄLTERE RECHTSANWALT unwillkürlich. Das ist allerdings nicht unwahrscheinlich.


Peinliches Schweigen.


DER JUNGE RECHTSANWALT sehr blaß werdend. Entschuldigen Sie – mir ist etwas übel – eine leichte Magenverstimmung – schon seit ein paar Tagen. Wankt gegen den Ausgang zu, sein Kollege unterstützt ihn.

DER ÄLTERE. Aber lieber Freund, das ist wirklich nichts für Sie – – Der junge Rechtsanwalt wird hinausgelassen, das Tor versperrt.

EIN JUSTIZBEAMTER mißbilligend. Diese junge Generation! Nerven haben die Leute, Nerven! Wie Zwirnfäden.

EIN GESCHWORENER Sadist, heimlich zu seinem Nebenmann. Haben S' schon einmal den Kurtz arbeiten g'sehn? Ein Genuß, sag' ich Ihnen. Der versteht's. Passen S' auf, ein Griff beim Gnack – und schwuppdi!

DER ANGESPROCHENE angewidert. Aber ich bitte Sie – wie kann man denn da hinschaun?

DER SADIST fassungslos. Ja, erlauben S' mal – wozu sind Sie denn nachher da?[96]

DER ANGESPROCHENE. Herrgott, wenn man schon den ganzen Prozeß hat mitmachen müssen, will man doch auch beim Finish dabeigewesen sein.

DER PRINZ sein Nebenmann. Entschuldigen Sie – Sie waren Geschworener bei dem Prozeß? Sie haben ihn schuldig gesprochen?

DER OBMANN breit. Na hören S'! Das Verdikt war doch einstimmig. Freisprechen hätt' man ihn auch noch sollen, den Saukerl!

DER PRINZ. War denn sein Verbrechen so entsetzlich? Ich meine – –

DER OBMANN beleidigt. Ja, haben S' denn den Prozeß nicht verfolgt? A Maderl von no net zwölf Jahren in den Wald schleppen und nachher –! Gut, vergewaltigen – der Kerl war ein Viech. Aber den Hals abschneiden und nachher mit 'n Messer noch –!

EIN JUSTIZBEAMTER. Bitte um Ruhe! Leise sprechen!

DER PRINZ fröstelnd. Schrecklich! Grauenvoll!


Pause.
[97]

DER ERSTE VOTANT. Jetzt könnten sie wirklich schon da sein!


Pause.


IRGENDEIN HERR. Wenn ich mir wenigstens Galoschen mitgenommen hätte, wie meine liebe Cäcilie gewollt hat!

DER ZWEITE VOTANT. Endlich!


Die Gefängnisuhr hat entfernt viermal geschlagen.

Vollkommenes Schweigen. Endlosigkeit.


EIN GESCHWORENER. Noo – –

DER PSYCHIATER leise. Er wird eben doch Geschichten machen.

EIN JUSTIZBEAMTER neben ihm. Wenn es nur schon vorüber wäre – –

DER PSYCHIATER nickt.

DER OBMANN. Kommen schon.


Bewegung, dann völlige Erstarrung aller.

Der Zug kommt die Treppe herunter. Alles in Schwarz. Voran ein älterer Herr mit goldener Brille, der präsidierende Landesgerichtsrat, dann der Staatsanwalt mit einem seiner Funktionäre, hierauf der Delinquent mit gebundenen Händen, von zwei Schutzleuten geführt, an einer Seite der Geistliche, leise aus der Bibel lesend, hinter ihm der Verteidiger und der Gerichtsarzt; zwei Schutzleute schließen den Zug.

[98] Der Delinquent erscheint völlig teilnahmslos. Er

wird mehr getragen als er geht. Sein Gesicht ist grau und ausgelöscht wie mit einem Schwamm, seine Augen niedergeschlagen.

Im Hintergrund unter dem Galgen macht der Zug halt. Die Leute drängen sich, so daß der Delinquent hinter den Zuschauern verschwindet.


DER PRÄSIDENT verliest langsam und eintönig das Urteil. Man versteht nur ab und zu ein Wort, wie »tückischen Mordes«, »gemäß Paragraph«, »schuldig«, »zum Tode durch den Strang«, »dem Gnadengesuch keine Folge gegeben«, »zu Rechtskraft erwachsen«, dann etwas deutlicher. Haben Sie das Urteil verstanden?


Keine Antwort.


Haben Sie noch einen Wunsch zu äußern?


Keine Antwort.


Somit übergebe ich Sie dem Nachrichter.


Die Umstehenden treten hastig zurück, einige wenden sich ab. Schweigen. Regen. Die beiden Gehilfen nähern sich dem Delinquenten und fassen ihn an.


DER DELINQUENT beginnt bei der Berührung, ohne die Augen aufzuschlagen, zu brüllen.

Uuuuuuaaaah – – –!!

DIE GEHILFEN werfen sich auf ihn. Einer preßt ihm die Hand auf den Mund.

DER DELINQUENT entreißt sich ihnen trotz seiner auf den Rücken gebundenen Hände und schmeißt sich brüllend auf den Boden.

Uuuuuuaaaah – – –[99]

DER PRINZ durchbricht den Kordon, wirft die beiden Henkersknechte zurück und stürzt sich über den Delinquenten.

Menschen!!! Menschen!!!

VERWORRENE STIMMEN.

»Aber nein! – Das ist doch unerhört! – Wegreißen!«

DER PRINZ.

Menschen! Menschen! Das kann nicht geschehn!

Eine Mutter gebar ihn in blutigen Wehn,

eine Mutter hat uns alle geboren,

ist ihre Qual um diesen verloren?

Wir alle lasen in dämmernden Kindheitstagen,

daß unser Bruder Jesus Christ

für uns ans Kreuz geschlagen ist.

Für diesen ward er an kein Kreuz geschlagen?

Steh auf, steh auf du – und schrei's ihnen zu,

sie sind tausendmal mehr Mörder als du!

Nein, sie sind nicht Mörder, sie sind deine Brüder.

Du hast nicht gemordet. Nicht wirf dich nieder,

nicht heule dein Leid den gefühllosen Steinen.

Steh auf! Sieh uns alle mit dir weinen.

Nicht Mörder, nicht Mörder! Nur hat sich tief

Böses in unsre Seelen verkrochen,

wir haben vor Urzeiten Blut gerochen,

wir waren noch klein und die Mutter schlief.

Nun ist sie erwacht – und sie sandte den Sohn,

er hat uns mit seinen gesegneten Wunden

auf Ewigkeiten vom Blute entbunden,

er trank unser Gift – unser Kreuz ward sein Thron!


Er hat den Delinquenten hochgerissen, der ihn tierisch anglotzt und zu lallen beginnt.


»Muu-a-tta – – – Muu-a-atta – –«[100]

Ich bin deine Mutter, dein Bruder, dein Kind.

In mir quillt dein Blut, dein lebendiger Samen.

Ich trage deinen heiligen Namen.

»Mensch« – wie wir alle Menschen sind!


Der Delinquent versucht vergeblich ihn zu erfassen.


Deine Hände können nicht nach mir greifen,

sie wollten gebunden zur Schlacht dich schleifen,

zürn' ihnen nicht, daß sie dich gebunden,

sieh, ihre Seelen sind wundgeschunden

wie deine, wie meine, – – sie tragen Gelüst

nach Blut, nach Leben – wie du, wie ich – –

ihre Kindheit war Grauen, war fürchterlich.

Vergib ihnen! –


Der Mörder, im Bemühen, sich an ihn zu klammern, ist an seine Brust gesunken und hat den Mund an seinen gepreßt. Betroffene, empörte Ausrufe, wie.


»Aber das gibt's nicht! Pfui Teufel!

– Reißt sie auseinander! – Das Ist ein Skandal!« –


Stimme des Staatsanwaltes.


»Herr, benehmen Sie sich,

wie es unter gesitteten Menschen –«


Schutzleute und Henkersknechte dringen auf die beiden ein. Der Prinz wirft sie wie ein Wahnsinniger zurück.


DER PRINZ.

Ah, er hat mich geküßt!!

Er hat mich geküßt! – Er hat mich geküßt!

Diese Lippen, auf denen der Tod schäumt

dieser Mund, dessen Schrei sich zu Gott gebäumt,

er hat mich geküßt!

Er hat mir die Lippen verdorrt, verbrannt!

Seht, seht doch! Er hat nur den Mund, keine Hand.

Er hat keine Hand, sie nach mir zu strecken,

doch sein Mund kann die Toten vom Tode erwecken.

Ich war tot – amorphes, verfluchtes Gestein.[101]

Ich war Wüste, durch die die Schakale strichen

nach Raub – sein Mund, vor Grauen verblichen,

goß in mich des Lebens

bitteren, brennenden, lebendigen Wein!

DER PRÄSIDENT. Es ist genug! Herr, entfernen Sie sich sofort, sonst muß ich diesem Exzeß –


Er winkt den Schutzleuten, die sich beiden – diesmal vorsichtig – nähern.


DER PRINZ außer sich, wie ein Tiger.

Menschen! – ihr dürft ihn nicht berühren!

Könnt ihr mit den Händen, die jetzt nach ihm greifen,

eurer Kinder heiligen Scheitel streifen? –

Mit den Henkershänden, die jetzt uns trennen,

das Kainszeichen auf eurer Kinder

schattenlose Stirnen brennen?

Ich will euren Bruder zu euch führen.

Der Priester Gottes – Hier sind Sie ja! –

Herr Pfarrer, Sie stehen auf Golgatha,

nicht sehn Sie zur Seite, nicht stehen Sie fern!

Sie müssen mit mir unseren Brüdern sagen,

daß sie unsren Herrn

nicht noch einmal ans Kreuz schlagen!!!

DER GEISTLICHE weicht zurück.

Das ist Lästerung.

DER PRINZ.

Sie weichen zurück?


In diesem Augenblick gelingt es den Schutzleuten, ihn zu packen und von dem aufbrüllenden Delinquenten zu reißen, den sofort die Henker ergreifen.

[102] Mit unmenschlicher, verzweifelter Stimme.


Nehmt mich!! Nehmt mich!!

Ich sehe, ihr müßt zur Schlacht

euer Blut- und Brandopfer haben.

Wir sind nicht erlöst! Umsonst

hat man den Leichnam Jesu begraben,

er hat sich vergeblich dargebracht!

Nehmt mich! Hört auf mein brennendes Bitten!

Ich war eine Bestie, die nie gelitten,

ich hab' nie gemordet – ich bin ein Tier,

schädlich und schlecht, verdammter als ihr.

Nicht ihn! Nicht ihn! – Gebt mir

Galle zu schlucken,

treibt mir Dornen ins Haupt, wollt

ins Antlitz mir spucken!

Schleppt mich zum Holz! Zerbrecht das Genick mir!

Um den fetten Hals legt den würgenden Strick mir!

Erdrückt mir meine schreiende Kehle,

ermordet meine unsterbliche Seele –

nur den Bruder nicht!!!


Sie haben ihn hinausgeschleppt.


DER DELINQUENT unterm Galgen.

Bruu-da –!! Muu-a-atta!!


Vorhang.


Quelle:
Hans Kaltneker: Dichtungen und Dramen. Berlin, Wien, Leipzig 1925, S. 92-103.
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