Sarpedon

[68] Zeus liebte seinen Sohn

Den Sohn der Laodamia: Sarpedon:

Wie ein Geliebter den Geliebten.[68]


Heimlich zuweilen

In der Gestalt einer Schlange

Lag er bei ihm.


Eines Tags begegneten einander

Sarpedon und Hyakinthos,

Schöne Hirten.

Zwischen sie trat Aphrodite

Lüstern beider.

In den Händen ihre Brüste tragend wie zwei Teller

Voll von Früchten.


Da stiessen die Jünglinge gegeneinander

Wie Geier

Mit ihren Lanzen und strohenen Schilden.


Auf seinem gläsernen Stuhl

Schloss Zeus die Augen,

Und eine Träne tropfte aus den Wimpern.

Denn keine Macht er hatte über Ananke,

Das Schicksal

Und den Tod.


Die Träne tropfte Sarpedon ins Auge

Und machte ihn blind,

Dass er der Deckung vergass.

Da traf ihn der wütige Feind

Ins Zwerchfell,[69]


Dass er stürzte

Wie eine Fichte am Bergbach.

Rot floss der Bach.


Tief auf seufzte Zeus,

Dass die Erde bebte

Und die Sonnenscheibe wie ein Zinnteller

Klirrte.


Hyakinthos aber umarmte über der Leiche

Die girrende Göttin.


Am Abend flog Apollon hernieder

Und schlug den Leichnam in seinen flatternden Mantel.

Er trug ihn an die Gestade des Meeres

Und wusch ihn rein von Blut und Staub

Und salbte ihn mit Ambrosia.


Da nahten flügelrauschend zwei Tauben

Schwarz und weiss.

Die schwarze Taube setzte sich auf die Schulter de Toten,

Die weisse auf den Helm des schimmernden Gottes,

Der auf Wolken zum Olympos stieg.

Quelle:
Klabund: Das heiße Herz. Berlin 1922, S. 68-70.
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