Fünftes Buch
1.

[433] Das Gerücht von Ernstens Abreise nach Frankreich erscholl und wurde mit aller Bosheit ausgebreitet. Man wußte die wahre Veranlassung, aber jeder schwieg davon; die, welche es redlich mit ihm meinten, aus Schonung, seine Feinde, um diesen Beweis seiner wirklichen Verbindung mit den Feinden des Vaterlandes und aller bürgerlichen Ordnung nicht zu schwächen. Der Fürst allein verteidigte ihn laut, und wenn er die Ursache von Ernstens Flucht nicht öffentlich sagte, so unterließ er es nur aus Achtung und Schonung für den abwesenden Minister, Amaliens Vater.

Amalie lebte eingeschlossen. Sie sah niemanden als den Unglücklichen; sie sah ihn zu ihrer Qual und mußte ihn sehen.

Der Kammerrat stellte ihr das Schreiben zu. Sie wagte es nicht, nach Ernsten zu fragen, auch nicht in des Kammerrats Gegenwart das Siegel zu erbrechen.

Der Kammerrat ging. Ferdinand erbrach den Brief und las.

Amalie rief: »So rächt sich der Edle! Und er weiß, er dachte es nicht, daß dieses die grausamste Rache ist, die er ersinnen konnte. So lassen Sie uns denn so unglücklich werden, als wir es zu sein verdienen, und das von ihm gegebene Brot unter dem nie vergänglichen Gefühle essen, daß es uns täglich ein Mann darreicht, den wir verraten haben, wie nie ein Mensch verraten ward!

Oh, lassen Sie mich niederknien und zu ihm, wie zu einem Heiligen, um Erbarmung, um einen einzigen milden Blick beten! Dieses soll er mir von nun an sein. An seinen reinen Geist will ich mein Gebet wenden, ihn anflehen, es dem Ewigen, an den ich mich nicht zu wenden wage, vorzutragen.«

FERDINAND: Amalie! – Amalie!

AMALIE: Warum reden Sie jetzt in diesem wilden Tone zu mir? Was soll Ihr drohender Zuruf in mir erwecken? Ich verstehe Sie! Ja, wir wollen unsre Hände zusammenschlagen – die[433] Furien grinsen dazu – und wahrlich! wahrlich! sie sind keine fabelhafte Wesen.

Sie riß zum erstenmal wieder hastig das Klavier auf und sang in wilder, kühner, erhabener Begeisterung die Raserei des von den Furien geplagten Orestes nach Gluck. Dann schlug sie es zu und rief:

»Das ist unser hochzeitlicher Gesang. Ich habe ihn gesungen, und die Eumeniden heulten dazu. Nun laßt die Saiten auf ewig verstummen!«

»Wir haben ja alles erhalten, wir leben ja noch!«

Ferdinand schrie ergrimmt: »Ja, wir leben und wollen leben und müssen leben!«

Und er schlug mit geballter Faust auf das Klavier, daß es in Stücken zersprang – seine Hand ward von dem Schlage verwundet, und das Blut rieselte herab.

Amalie riß Ferdinand weg.

»Nicht auf diese heilige Stelle, auf welcher das Leben seines Lieblings entquoll! hier brennt sein reines Blut unter meiner Sohle – und sein Geruch steigt zu meinem Geiste empor. – Hierher! hierher! Sie riß ihr Tuch von dem Busen. Hier laß diese Tropfen jene versühnen, bis mehr Blut fließen wird. Laß es hier kühlen oder in Feuer herunterregnen – Auch dieses ahndete ich in meinem Wahnsinn, der mir wie süße Begeisterung vorschwebte.«

Und als sein Blut ihren vollen, weißen Busen befleckte, zog Todeskälte bei dem Anblick durch Ferdinands Gehirn und Herz. Seine Zähne schlugen vor Frost zusammen – er griff mit der blutigen Faust in seine Brust, riß an seinem Herzen, als wollte er die Wurzel des Lebens ausgraben, und schrie knirschend:

»Dies ist ein Gaukelspiel der Hölle, nicht der Liebe.«

Amalie bedeckte ihren Busen und sagte:

»Da haben Sie recht! das ist unsre Liebe! das mußte sie werden!«
[434]


2.

Ernst erkannte Paris nicht mehr. Die gänzliche Veränderung alles Alten, der herrschende, wilde, leidenschaftliche Ton, die Szenen des Mordens, das Geräusch der Waffen und des Aufstandes, das Siegesgeschrei über errungene Vorteile, die Ermordung oder die Flucht aller seiner Bekannten, nach denen er fragte – vermehrten die Dunkelheit seines Geistes, die Angst seines Herzens. Nur ein Gedanke, nur eine Hoffnung erhielten ihn in dem schrecklichsten Gebrause, das je die Kräfte und Leidenschaften der Menschen erregt hat – Hadem und das Licht, das er durch diesen erwartete. Wie der vor Durst verschmachtende Wanderer eine erquickende Quelle sucht, so suchte er Hadem. In allen Wirtshäusern, an allen öffentlichen Orten, bei allen Bankiers, bei jedem, der jemals in Amerika gewesen war oder dort die entfernteste Verbindung hatte, erkundigte er sich nach ihm. Sein rastloses Bemühen blieb fruchtlos; Hadem war noch nicht angekommen. Vergebens einsam herumirrend, kämpfte er nun in dieser ihn umbrausenden, allem Auflösung drohenden Anarchie, seiner verhüllten moralischen Kraft ihren vorigen Schimmer und ihre vorige Klarheit wiederzugeben.

Es war jetzt der Zeitpunkt, wo ein Mann herrschte, dessen Name dieses Buch nicht beflecken soll.

Renots Briefe an einen berüchtigten Genfer kamen zu gleicher Zeit mit Ernsten in Paris an. Er schilderte ihn als einen Royalisten, der mit den französischen Prinzen in Verbindung stände und von einem großen Hofe mit geheimen Aufträgen nach Paris geschickt wäre. Man beobachtete ihn von dem ersten Augenblick an, belauschte seine stillen Seufzer, seine oft laut ausgesprochnen Worte über sein eignes Schicksal, das immer drückender wurde. Sein rastloses Herumirren, Nachfragen und Suchen bestärkten den Verdacht. Eines Abends, als er nach seiner Wohnung ging, ward er an der Tür ergriffen und nach dem Schreckenshause gebracht, wo man die Schlachtopfer aufbewahrte, um sie truppweise nach dem Blutgerüste zu führen, damit das blutige Schauspiel unterhalten würde.[435]

Er erschien vor dem Ausschusse, den der Mordgeist zusammengesetzt hatte und dessen Mitglieder sich Richter nannten, um der Menschheit Hohn zu sprechen.

Er antwortete kalt und gefaßt auf die ihm vorgelegten Fragen, lächelte über die Verbrechen, die er gegen Frankreich begangen haben sollte, und sagte, ermüdet von ihrem Wahnsinn und seiner Bürde: »Wie, meine Herren? Wenn ich nun, gedrückt von der Last des Lebens, verfolgt von einem schrecklichen, unverdienten Schicksal, in dem Zutrauen nach Frankreich geflohen wäre, daß ihr, die ihr so viele Unschuldige ermordet habt, nun auch in mir einen Unglücklichen töten würdet, der euch für den Dienst, den ihr ihm erweiset, noch dankt?«

»So bereitet Euch auf diesen Dank, Ihr sollt Euch in Eurer Erwartung nicht betrogen haben!« antwortete der Vorsitzer.

Mit diesem Ausspruch ward er zurückgeführt und auf die Liste derer gesetzt, die am folgenden Tage bluten sollten.


3.

Renot hatte diese Nachricht aus Paris bekommen, und er hielt Ernstens Schicksal für entschieden, wie man es ihm auch meldete. Er verbreitete das Gerücht in der Stadt, und die ersten Pariser Zeitungen bestätigten es. Wenige beklagten den Edlen, seine Feinde fanden die Strafe gerecht, welcher ihn, nach ihrer Meinung, das rächende Schicksal entgegengeführt hätte.

Renot konnte Ferdinand zu der Witwe Glück wünschen. Dieser antwortete ihm mit einem gotteslästerlichen Fluche. Er eilte zu Amalien, sie ließ ihn nicht vor sich, und ihre Kammerfrau gab ihm im Namen ihrer Gebieterin einen Brief.

Amalie hatte die Todespost durch einen Brief ihres Vaters erfahren. Sie schrieb an Ferdinand:


Amalie an Ferdinand

Ich weiß, was ich von Ihnen hören soll! – Diese Nachricht aus Ihrem Munde würde ich nicht überleben. Wagen Sie es[436] jetzt nicht, vor mir zu erscheinen. Alles ist für uns zu Ende; nur die Qualen, die wir uns bereitet haben, dauern fort. Auch ich habe die schreckliche Nachricht vernommen, und ich sehe nun nichts als den Edlen, den sein Weib und sein Freund so schrecklich betrogen und dann dem Blutgerüst entgegengetrieben haben. Ich seh ihn in seinem Blute, ich seh ihn in seiner Verklärung, und es ergreifen mich alle Schauder des Todes, den ein Verbrecher leidet. Unter diesem Beben richtet mich eine so ängstlich erhabne Bewunderung des Verratnen auf, daß sich ein Verlangen nach ihm, welches an Wahnsinn grenzt, in meine Seele ergießt. Ich fühle ein Entzücken in meiner Verzweiflung – ich fühle, warum ich ihn nicht lieben konnte. Er war zu hoch, zu erhaben für mich – mein Herz empfand seine eigne Unwürdigkeit, sein Unvermögen, ihn zu erreichen. Ich liebte ihn nicht – nur zu feierlicher, stiller Verehrung zwang er mich – Den Unwürdigern liebt ich, den, der mir mehr glich, und ich liebe ihn noch – und die Glut der Liebe durchdringt mein Herz, da ich dieses auf dem Sarge des Edlen schreibe. O der unbegreiflichen Verirrung! – Sie sind mir ein Gegenstand des Abscheus und der unüberwindlichsten Liebe – Mich verlangt nach Ihrem Anblick, und wenn Sie jetzt vor mir erschienen, so würde der Wahnsinn meine Hände gegen Sie bewaffnen. Fliehen Sie mich – ich will nicht den schnellen Tod der Verzweiflung sterben – ich will langsam vergehen, langsam die Qualen empfinden. Nichts habe ich gerettet, was mich trösten könnte; denn daß ich unterließ, wornach ich mich sehnte, auch das verdanke ich nur ihm. Gleich einem wachenden, drohenden Engel stand er zwischen uns, als er lebte, und das Beben vor dem furchtbaren Reinen erhielt den Schatten dieser einzigen unverdienten Tugend, die ich mir oft in meiner Vermessenheit zuzurechnen wagte. Fliehen Sie! Sollen wir, gleich jenem zum ewigen Durst Verdammten der Fabel, an der Quelle des Verlangens sitzen, ohne es je stillen zu können? – Soll er, wenn wir uns einander nahen – und unser Atem sich berührt – und unsre Seelen sich umfassen möchten, das blutige Totengewand zwischen uns werfen? Sollen unsre Seelen bei seiner kalten Berührung erstarren?[437]

Ich tat mehr als die Verworfenste; denn ich war das Weib des edelsten Mannes. – Dies! dies erwägen Sie, wenn Sie mir mein Urteil nach Verdienst sprechen wollen! Und ich ermordete seinen Liebling, vertrieb ihn vom vaterländischen Boden – jagte ihn dem Blutgerüst entgegen als ein Opfer unsrer Lust! Bewirkte nicht dieses allein seine Flucht? Hätte es die Bosheit der Elenden vermocht? Würde er nicht vor ihnen wandeln, so stark und mutig wie sonst? Also, was fehlt an meinen Verbrechen? Daß ich nun ruhig die Früchte derselben genösse – in Ihren Armen seiner höhnte? Wenn ich nicht zu seiner Tugend hinaufreichen konnte, so ging doch durch den Umgang mit ihm von seinem Geiste so viel zu mir über, daß ich meinen Verbrechen ein Ziel setzen kann. Er ist gerächt an mir, er ist gerächt an Ihnen. Und wenn diese wahnsinnige Leidenschaft Ihr Herz erfüllt wie das meinige und immer dauert, wenn Sie empfinden wie ich, wenn Sie auf sich selbst mit Abscheu blicken wie ich, wenn Sie nach mir verlangen wie ich nach Ihnen und dabei wie ich die Unmöglichkeit fühlen, dieses Verlangen je stillen zu können; und wenn alle gräßliche Erinnerungen mit allen Vorspieglungen einer zerrütteten, entflammten Phantasie Sie unaufhörlich verfolgen – ist er da nicht gerächt? Und wenn Sie nach ihm seufzten, sich nach ihm sehnten, zu ihm flehten wie ich, ihn zwischen sich und den Richter der Welt stellen möchten, um einen seiner hohen Blicke und eins seiner schönen, lieblichen Worte gerne noch mehr Qual erlitten, wenn es noch größre gibt – ist er nicht gerächt genug?

Hier lege ich Ihnen den Brief meines Vaters bei. Er scheint viel zu wissen – genug, um seine Tochter zu verwerfen, aber noch nicht genug, um den Fluch über sie auszusprechen – er wird nicht fehlen. Ein glückliches Los stellte mich zwischen zwei edle, seltne Männer, ein unbegreifliches Verhängnis zog mich zu einem – oh, ich kann es nicht aussprechen – Und kennen Sie sich nicht?

Fliehen Sie! – Während wir ihn verrieten, hat er für Ihr Glück gesorgt – Sie sagten mir ja, daß man Sie auf den Weg des Glücks und der Ehre zurück beriefe – es ist des Edlen[438] Werk – sein letztes Werk. – Vielleicht dürfen Sie sich ihm dort noch nahen, wenn Sie hier Ihre Pflicht erfüllen. Für uns Weiber bleibt nichts übrig, als in der Schande, der Schmach zu sterben, wenn wir einmal gesunken sind.

Ferdinand schrieb zurück:

Ihr Brief hat mich empört – aber mein Kopf blieb kalt, und mein Herz schlug nicht stärker; denn mein Entschluß ist gefaßt. Ich fliehe nicht, ich verlasse Sie nicht, ich will nichts mehr in der Welt als Sie! Da das Schicksal dessen, dem unser Verbrechen, wie Sie es nennen, das Leben kostete, sich so entschieden hat, so sehe ich nicht ein, welches ich nicht noch begehen könnte, um mich Ihres Besitzes zu versichern. Durch jedes neue wird die Glut, die mich verzehrt, nur um so heftiger werden. Ich fühle nur, daß unser Dasein in jenem unbegreiflichen Augenblick auf das Leben entschieden ward; warum drang er sich da auf, wo das Schicksal so stark vorgezeichnet hatte? Amalie, ich habe Sie zu teuer erkauft, um Sie fliehen zu können. Ich werde so wenig von Ihnen lassen wie Ihre Gewissensbisse, ich werde Ihnen noch näher sein – Fliehen Sie, ich folge Ihnen – ich bewache Ihre Schritte von nun an – Besser ist es, Sie bleiben – die Elenden hier werden uns nicht tadeln – Amalie, das Geschick hat in uns beiden seine Sklaven an eine Kette gebunden; Sie lösen sich nicht mehr davon, dies bedenken Sie! Und bedenken Sie auch, daß ich nur um Ihrentwillen noch einigen Wert in mein Leben setze, daß kein Verbrechen zu nennen ist, welches ich nun nicht um Ihrentwillen begehen könnte!


– Weg mit diesen Unglücklichen! Mein Blick ruht auf dem Edlen, zu ihm zieht mich mein Herz.


4.

Als man dem berüchtigten Ungeheuer die Aussagen der am Morgen zum Tode Verurteilten vorlas und er Ernstens Antwort vernahm, sagte er lachend:

»Man hält mich für einen Tyrannen, so will ich es denn einmal[439] beweisen. Der teutsche Edelmann soll leben, weil er sterben will. Man führe ihn über die Grenze.«

Er strich Ernstens Namen durch.

Auch diese unerwartete Rettung ward in dessen Vaterlande als ein neuer Beweis seiner Verbindung mit jenen abscheulichen Menschen angesehen und durch das ganze Land verbreitet. Verfolgt von seinem schrecklichen Schicksal, von der Erinnerung der gräßlichen Begebenheiten, deren Zeuge er gewesen war, und von dem Gedanken an das traurige Schicksal Teutschlands, dessen Verwüstung er zum zweitenmale sah, kehrte Ernst in das Vaterland zurück. Hier fühlte er die Wirkung von der Bosheit seiner Feinde. Gehaßt, verspottet, beschimpft floh er schnell auf sein Gut, aber auch hier fand er das Herz seiner Landleute, deren Wohltäter er immer gewesen war, die einst das größte Zutrauen zu ihm hatten, die ihn als ihren Freund und Vater ansahen, gegen sich vergiftet. Auch sie sahen in ihm einen Freund und Mitgenossen derer, die schon viele ihrer Söhne und Verwandten erschlagen hatten und die ihnen, wie den andern Unglücklichen, mit Verwüstung, mit Erpressung drohten; denn um diese Zeit hatten die Gewalttätigkeit und Zügellosigkeit der französischen Heere längst alle sonstige Gefahr von dem teutschen Boden entfernt.

Ernst stand allein; und jetzt, da sein hoher Sinn unter seinem Schicksal hingesunken war, erreichten und trafen der tolle Wahnsinn und die giftige Bosheit sein Herz. Ferne stand der Geist, der ihn geleitet hatte, die schönen Träume seiner Jugend waren entflohen, seine Grundsätze, auf denen er wie auf Felsen geruhet hatte, zusammengestürzt, sein Glaube erloschen; und die Tugend schwebte nur noch zerstückelt vor seinem düstern Sinne. Seine moralische Kraft war ganz verhüllt, er konnte das große, erhabene Ganze, in welchem die Tugend besteht und sich darstellt, nicht mehr umfassen und übersehen. So zerstückelt sich vor unsern Augen bald die Wolke in Osten, welche die Sonne bei ihrem Aufgang erleuchtet und vergoldet, an einem stürmischen Tage, sie zerfällt in graue, gestaltlose Fetzen und verschwindet in Dunst am Horizont. Hadems letzte Worte erhielten nun den[440] schrecklichen Sinn wieder, den Ernst einst bekämpft hatte, seine Erfahrung an den Menschen, die Begebenheiten in Paris wurden ihm durch Renots Lehren erklärt. Diese stellten ihm nun die Tugend als eine Gaukelei vor, welche die erhitzte Einbildungskraft erschafft und ausschmückt, um Toren zu verblenden. Er kämpfte gegen diese schrecklichen Gedanken und Empfindungen mit aller ihm noch übrigen Kraft, er kämpfte vergebens; denn die Menschenscheu, die Verachtung, die Bosheit, womit man ihn behandelte, hatten Menschenhaß in ihm erzeugt, aber sein Menschenhaß war eigner Art; es lag auch noch da ein erhabnes Gefühl zum Grunde, das in dieser Zerrüttung den vorigen Adel seines Geistes bezeugte. Er haßte nicht den Menschen in andern, er haßte ihn in sich – wegen der Erniedrigung, in welche ihn die nagenden Zweifel und die aus ihnen entspringende Denkart gestürzt hatten. Er haßte den Menschen in sich, weil der hohe Glaube, der ihn einst beseligte, in ihm gesunken war, er haßte ihn in sich, weil er vergebens um das Licht kämpfte, in welchem er einst wandelte. Kalt und gleichgültig gegen sich und alles ging er nun in dem Paradiese seiner Jugend umher. Kein Gegenstand erinnerte ihn an das Vergangene, er lebte nur in dem Gegenwärtigen, mit der quälenden Auflösung des Rätsels beschäftigt, ob er einst nur geträumt habe, ob das Land über den Wolken, von dem er sich entsprossen glaubte und wohin er zurückzukehren hoffte, bloße Täuschung sei. Und wenn ihn diese schrecklichen Gedanken überfielen, rief er klagend: »Ich werde meinen Franz nicht wiedersehen – auch sein Dasein war nur ein Traum – der mir bloß zu augenblicklicher Beschauung vorschwebte – seine Blüte ist zerfallen – er modert – ich finde ihn nirgends als aufgelöst in seinem Grabe! Die Erde hat auch mich gefesselt wie ihn, ihre Bewohner haben meinen Geist gebunden – sie schlugen nun die Pforten am Tempel der Natur, der Wahrheit, der Tugend und jener Welt zu, und ich habe den Sinn verloren, der sie mir einst öffnete!«

Der Kammerrat versuchte seine Aufmerksamkeit zu fesseln, aber es war vergebens. Ernst wich seinen Gesprächen, selbst seinen treuherzigsten, gefühlvollsten Ergießungen aus. Nur wenn[441] jener von Franzen redete, lächelte Ernst zuzeiten schmerzlich; aber oft blickte er finster auf ihn und wiederholte die schrecklichen Worte: »Ich werde ihn nicht mehr sehen!«

Der Kammerrat stand den Geschäften mit der ihm gewöhnlichen Treue, dem ihm eignen Eifer vor, freuete sich über den Fortgang der Wirtschaft und hoffte noch immer, Ernst würde endlich aus seinem Kummer erwachen und sich an sich selbst, an seinem Werke ergötzen. So oft er mit Ernsten ging, deutete er da und dort hin, auf diese und jene Verschönerung oder Verbesserung, auf diese und jene neu keimende Hoffnung.

Ernst antwortete ihm: »Es ist Erde, von oben muß das Licht zu ihrer Verklärung kommen.«

Der Kammerrat antwortete:

»An Licht hat es uns nicht gefehlt. Die Sonne scheint wie sonst, wir mögen ihr nun dafür danken oder nicht, und das ist es eben, was mich so sehr erfreut und so glücklich macht. Sehen Sie nur, wie alles gedeihet! wie alles um Sie her blüht und Ihnen zulächelt und Ihnen vorwirft, daß Sie es nicht sehen.«

Ernst schwieg –

Seine Landleute, deren Herz man vergiftet, denen man ihren Herrn als einen mit den Verwüstern Teutschlands Verbündeten gemalt und denen man gesagt hatte, er sei nach Paris gereist, um sein Vaterland aus Rache zu verraten, haßten und fürchteten ihn nun. Da er dieses nicht zu achten schien und kalt, traurig an ihnen vorüberging, weil er sich aus Menschenscheu nicht getrauete, sie anzureden, so glaubten sie diesem Gerüchte der Bosheit umso mehr und sagten untereinander: »Er hat gewiß ein schreckliches Verbrechen begangen, sein Gewissen foltert ihn nun; er ist wahnsinnig, man muß sich vor ihm hüten.« Diese Meinung bestärkten unter dem gemeinen Volke seine stillen Reden mit sich selbst, seine heimlichen Tränen, seine einsamen Wanderungen in dem dunkelsten Teile des Waldes, sein öfteres Sitzen vor den Pforten der Kirche auf dem Hügel, wo er sich so in Nachsinnen verlor, daß er die Beobachtenden nicht bemerkte und bei ihrem lauten Reden oder bei Geräusche entfloh, als habe man ihn über einem Verbrechen ertappt. Hier überdachte er[442] Teutschlands trauriges Schicksal, hier kämpfte er um den verlornen Glauben, um den vorigen hohen Sinn, hier gelang es ihm oft, durch einen leisen Seufzer, durch wehmütige, zärtliche Erinnerungen die verlornen Gefühle seiner glücklichen Jugend wieder hervorzurufen, sich durch seinen ihm so nahen Liebling, durch den heißen Wunsch, ihn wiederzusehen, an das Land anzuknüpfen, dessen Spur er für verloren hielt. Und es wäre ihm gelungen ohne den ihn ganz betäubenden Schlag, der ihn eines Abends so schrecklich in seinen traurigen und süßen Träumen erschütterte.

Er saß eines Abends bei dem Untergang der Sonne vor den Pforten dieser Kirche und sah starr in ein an dem Horizont dunkel und düster aufsteigendes Gewitter. Schon donnerte es in der Ferne. Die Landleute eilten von den Feldern nach dem Dorfe. Ein roher Bursche bemerkte ihn und rief ihm zu:

»Geht doch von der Kirche weg, gnädiger Herr! Ihr seht ja, daß ein Gewitter aufsteigt; leicht könntet Ihr die Kirche zu Schaden bringen.«

Ernst antwortete verzagt und sanft:

»Warum, mein Freund, sollte denn ich die Kirche zu Schaden bringen?«

»Wer weiß, wem das Gewitter gilt! Uns gewiß nicht«, erwiderte der Bursche.

»Und wie mir? Warum mir, mein Lieber?« fragte Ernst noch sanfter.

»Daß Ihr nur fragt!« antwortete der Bauer rauh. »Wem zürnt anders der Herr als dem Verbrecher, dem sein Gewissen keine Ruhe läßt, weil er das Vaterland verraten hat, mit den Feinden im Bunde steht und kaum erwarten kann, bis sie da sind? Aber laßt sie nur kommen! Ihr sollt wahrlich die Freude nicht lange genießen, und es soll Euch zu nichts helfen, daß die, die alle umbringen, Euch allein nicht umgebracht haben.«

Ernst bebte und zitterte wie ein Verbrecher. Seine plötzlich blitzenden Augen schossen gegen den Himmel, und ihre feurigen Strahlen schienen sich mit den Blitzen, die jetzt die Wolken zerteilten, zu vermischen. Der Donner ertönte – die Erde bewegte[443] sich – die Wipfel der Bäume sausten – er stand da und breitete die Arme gegen den Himmel aus, als forderte er Rettung, Vernichtung von dem Sturme, der an dessen Gewölbe wütete. Sein Herz klopfte, seine Lippen, seine Wangen waren totenbleich – Und als nun die Stille erfolgte und das finstre Dunkel des Ungewitters sich mit dem Dunkel der Nacht vermischte, floh er nach dem Eichenwalde. Bald goß es von dem Himmel – er rettete sich nach der Höhle – Schauder des Todes hatten ihn ergriffen – die Worte des Rohen erschallten fürchterlicher in seinen Ohren als das dumpfe Gebrüll des Donners in dem Widerhall der Höhle – das schnelle Licht eines Blitzes fuhr durch die Spalten der Felsen und erleuchtete ihr schwarzes Dunkel. – Er erblickte den Kranz in der Blende – riß ihn herunter – und schleuderte ihn in den nahen Abgrund. Dann sank er bei dem Abgrund ermattet nieder, und der Geist des Jünglings schwebte düster trauernd über dem Abgrunde, der das Zeichen des Glaubens verschlungen hatte.




5.

Morgens kam Ernst nach Hause. Der Kammerrat, welcher ihn die ganze Nacht unter Todesangst gesucht hatte, vergaß seine Freude, ihn wiederzusehen, als er ihn erblickte. Er sah jetzt aus wie damals, als er aus Amaliens Zimmer zu der Leiche seines Sohnes zurückkehrte.

Von diesem Augenblick an schien er nicht mehr zu leben; denn alles, was ihm einst Leben gab, war durch seine letzte Tat, selbst mit der Hoffnung, verschwunden, er sah nichts mehr, woran sein Geist sich hielt – das Zeichen seines Glaubens mit aller seiner hohen Bedeutung war nicht mehr.

So träumte er düster fort an seinem Grabe und vermied alle Menschen. Hörte er eine Stimme oder das Gehen eines Menschen, so floh er in das dicke Gebüsch, und da umsausten ihn immer die schrecklichen Worte des Unglücklichen.

In diesem dunkeln Gebüsch vernahm er auf einmal die Stimme eines Menschen, deren Laut durch sein Herz drang. Es war[444] Hadem, von dem Kammerrat geführt. Ernst sprang aus dem Gebüsche und eilte dieser Stimme entgegen. Er sah Hadem die Wiese heraufwandeln wie den Priester des erhabenen Tempels, den die Natur um ihn her aufgebauet hatte.

Ernst eilte ihm entgegen, und als er ihm nun nahte und der durch das Alter jetzt noch ehrwürdigere Edle vor ihm stand und ihn an sein Herz zu rufen schien – blieb er stehen und sah ihn mit solcher Verehrung an, als wagte er es nicht, ihn zu berühren, als fühlte er sich nicht mehr würdig, in seine Arme zu sinken. Aber Hadem fiel ihm um den Hals und weinte. Die Freude zuckte einen Augenblick durch Ernstens Adern und Herz, sie verschwand, und er glich einem Menschen, der in düstern Träumen schwebt.

Hadem sagte traurig: »Ich sehe das Land meiner Hoffnung, es ist, wie es ehedem war – alles blühend, es verspricht den Vorschmack jenes Lebens, den ich hier zu genießen hoffte. Aber der Geist, der es einst belebte, der es zum Paradiese machen sollte, wohnet nicht mehr hier. Ich suche meinen Schüler – Er wendete sich zu dem Kammerrat. – O sagen Sie mir, wo soll ich ihn finden?«

Der Kammerrat deutete in rührender Unschuld auf Ernsten.

Ernst sprach: »Sie kamen zu spät, Hadem. Der Traum ist ausgeträumt. Wenn Sie Ihren Schüler hier suchen, so ist Ihre Mühe verloren – der ist lange tot – ist lange verweset! – Übrigens sein Sie willkommen, wenn Sie sich mit seinem hier noch wandelnden Schatten begnügen wollen. – Kommen Sie nur, Sie werden Ihr Zimmer finden, wie Sie es vor Jahren verlassen haben, mit allen Gerätschaften – alles gerade so – dem Äußern nach.«

Hadem hatte tief in seine Seele geblickt, er schwieg, ging mit ihm nach dem Schlosse, bezog sein Zimmer, dankte ihm für das zärtliche Andenken, alles so schön und freundschaftlich erhalten zu haben, und versicherte ihm mit Wärme, dieses tue einem alten Manne, wie er nun sei, dessen Herz noch immer so jung fühle, außerordentlich wohl, und er wenigstens werde für sich schon alles dieses finden, was er gesucht, was er so lange habe entbehren müssen.[445]

Ernst hörte ihn ruhig an. Die Tage vergingen, und er blieb in seiner Stimmung. Hadem erzählte, warum er so lange verweilt, daß ein Kaper den Amerikaner, der ihn nach London geführt, aufgebracht hätte. Ernst hörte ohne Äußerung zu. Selbst Hadems rührende Geschichte in Amerika, seine Beschreibungen des Landes, der neuen Völker, die er gesehen – nichts schien Ernstens Aufmerksamkeit zu fesseln, nichts seine Neugierde zu reizen. Zu seinem größten Schmerz sah Hadem, daß er selbst von den ersten glücklichen Zeiten vergebens redete. Und dieses war die schrecklichste Entdeckung für ihn; denn sie drohte allen seinen Hoffnungen.

Von dem Kammerrate konnte er wenig erfahren. Er wußte, daß sein Schüler keiner Tat von solchen Folgen fähig war, und umso empörender dachte er sich ihre Ursachen von der andern Seite. Woher diese Gleichgültigkeit, die oft an Fühllosigkeit grenzte? dieser in bitterm Lächeln sich ausdrückende Unglaube? dieser entschiedne Haß gegen sich selbst, den er bei jeder Gelegenheit verriet? diese Kälte gegen ihn selbst, seinen Lehrer, seinen Freund? Er sah dieses Herz, welches einst die reinste Tugend erwärmte und belebte, jetzt erstarrt, selbst gegen seine Stimme, gegen seinen Zuruf, gegen seinen Blick fühllos. Er sah diesen Geist, der einst auf ätherischen Schwingen schwebte und nur hohe Gedanken dachte, zur Erde gedrückt, diese Lippen, welche einst die erhabensten Gesinnungen ausgesprochen hatten, verschlossen – alle moralische Kraft in ihm erdrückt – und die Tugend selbst als einen sinnlosen Schall nun an seinen Ohren vorübergehen. Und dieser einst schöne, blühende, junge Mann glich im Äußern einer Leiche – sein Haupt gesenkt, seine begeisterten Augen erloschen, seine Wangen bleich, sein ganzer Körper nahe Auflösung drohend. Und er mußte schweigen, durfte ihn nicht um die Ursache fragen, weil er jedesmal, wenn er nur entfernt darauf hindeutete, eine Erschütterung in ihm bemerkte, die seine schnelle Vernichtung fürchten ließ. Und doch mußte dieser Augenblick herbeigeführt werden; denn nur in der Mitteilung von ihm selbst, in der ganzen Kenntnis seines erlittenen Unglücks konnte er die Mittel zur Heilung erblicken.[446]

Davon überzeugt fing er an, Ernsten kälter zu behandeln. Er sprach oft in seiner Gegenwart mit dem Kammerrat von seiner nahen Abreise, sagte dann, er habe sich betrogen, in aller seiner Hoffnung ganz geirrt, er verdiene es, er habe auf Menschen zu viel gebauet. Das verheißene Paradies hier habe wirklich abgeblüht, er wolle es nun am Ohiostrom, in den Wildnissen Amerikas wieder suchen, so alt er auch sei, so sehr er auch der Ruhe bedürfe. Auch habe er mehr Zutrauen, mehr Liebe, Sicherheit und Tugend unter den dortigen Wilden gefunden als in dem aufgeklärten Europa. Hier spreche man von der Tugend wie von einem Thema der Redekunst, und wenn es zur Probe komme, zeige es sich, daß der Europäer nur schön davon zu reden verstehe. Die Wilden täten, wovon man hier spräche, und dieses ergötze sein altes Herz und mache es wieder jung; er sei nun aller europäischen Schwäche, Gleisnerei und Plage herzlich satt.

Ernst senkte das Haupt, und Tränen träufelten aus seinen Augen. Er suchte sie zu verbergen und schwieg noch.




6.

Einige Tage hierauf sagte der Kammerrat zu Ernsten:

»Herr Hadem macht wirklich Anstalten zur Reise und, wie es scheint, noch auf heute!«

Ernst eilte zu ihm und umfaßte seine Knie:

»O mein Vater! mein Lehrer! nehmen Sie mich mit an den Ohiofluß zu Ihren Wilden!«

Hadem antwortete mit strengem Ernste:

»Was fordern Sie von mir? Ich eile zu den Wilden, um Sie, in welchem ich mich betrogen habe, zu fliehen, um Sie nicht mehr zu sehen, um die wenigen noch übrigen Tage meines Lebens nicht zu hassen. Ich bin müde, um einen Schatten herzuwandeln, der mich bei jedem Blick an den edelsten, den hoffnungsvollsten Menschen erinnert, den meine Augen gesehen haben, in welchem ich den Lohn meines kummervollen Lebens aufblühen sah, der aber keiner meiner Hoffnungen entsprach, der meinen Geist tötet, mein Herz zerreißt, der in seinem Unglück auch das verloren hat,[447] was der Trost des Unglücklichsten ist: das Vertrauen, sein Unglück in den Busen seines Freundes zu gießen. Doch der moralisch Tote glaubt auch nicht an Freundschaft, und damit ich das nicht in Ihrer Gesellschaft werde, so gehe ich, so fliehe ich zu den Wilden, um mir dort noch einen Freund zu suchen, der meine Augen schließe und meinen Leib in die Erde senke.«

Er hob seine Hände zum Himmel empor und rief mit lauter Stimme:

»Geist des Edeln, dem ich diesen Menschen einst anvertrauet habe! kennst du ihn noch? Wirst du ihn erkennen, wenn er einst zu dir tritt? Darf er dir sagen: Ich habe deine Stimme vernommen, ich habe dich verstanden!«

Jetzt stürzten Tränen aus Ernstens Augen. Er warf sich in Hadems Arme:

»O mein Freund! mein Lehrer! erretten Sie mich vor mir selbst! – Wenn Sie alles wüßten, Sie würden mich bei jenem nicht anklagen – Wenn Sie es wüßten, Ihr gutes Herz würde bei meiner Geschichte brechen! O wie ist die Welt mit Ihrem Schüler umgegangen! Wie haben die Menschen ihn gemißhandelt! – Was haben ihm die getan, deren Busen er sein ganzes Glück anvertrauete! Und war jener, den Sie zum Zeugen gegen mich anriefen, nicht unglücklich, nicht verfolgt wie ich?«

HADEM: Nur dann würde er es ganz gewesen sein, wenn er an dem gezweifelt hätte, was er Sie und die Menschen lehrte – Tat er dies? fiel er je so tief? Und mag mein Herz bei der Erzählung Ihrer Geschichte brechen – kann mir mehr geschehen als mir täglich geschieht? Und kann, muß ich nicht Rechenschaft von den Früchten der Lehren fordern, die ich Ihnen gegeben habe? Sind Sie mir ihre Anwendung nicht schuldig? Verdammt, oder rechtfertigt mich nicht die Art, wie Sie das ertragen haben, was Ihnen die Menschen Böses zufügten? Muß ich nicht wissen, was Sie dabei taten? Soll ich Sie mit dem schrecklichen Gedanken verlassen, ich habe Sie irregeführt? Ihre Zweifel, Ihre jetzige Denkungsart klagen mich, Ihren Lehrer, als einen Betrieger an; soll ich mit diesem Gefühl, an dieser Vorstellung sterben?

ERNST: Hadem! keine solche Vorwürfe! – Oh, wohl! es sei so![448]

Zu meiner Verurteilung will ich Ihnen die Geschichten erzählen, die mich hierher gebracht haben.

Sitzen Sie hier, mein strenger, unbestechlicher Richter! sein Sie fühllos gegen mein Unglück! Ihr Verstand allein höre mich!

Ich weiß nicht, wer schuldig ist. Vielleicht können Sie es mir am Ende meiner Erzählung sagen. Aber bevor ich dahin komme, will ich Ihnen erst einen schönen Jugendtraum erzählen, will von mir wie von einem andern reden – wie von einem, der hier zwischen uns im Grabe verscharrt liegt, dessen Leichenrede ich zu halten bestellt bin. Ach, Sie wissen, wie dem bestellten Leichenredner zumute ist, wie viel Anteil er gewöhnlich an dem Verstorbenen nimmt, wie sehr er eilt, des lästigen Geschäfts bald los zu werden. Hier gleich ich ihm nun nicht, ich möchte bis zu meiner Auflösung von dem Toten reden. Und wenn ich dahin komme, wo dieser Jugendtraum verschwunden ist – glauben Sie, ich würde erzählen können, wie er verschwand? Und ich soll es jetzt erzählen – jetzt, da mein Herz ganz zerrissen ist – so wund, so zerrissen, daß alle meine Empfindungen hindurchsinken – jetzt, da keine Fiber mehr zittert, kein Nerve mehr antwortet, da meine Seele so verfinstert und gedankenlos ist, als sei ich in dem dunkeln Schoße der Erde geboren und ihr nie entstiegen, als sei nie ein Lichtstrahl aus jener Welt in mein Gehirn gefallen! Freilich habe ich nun eine Art von Wohlsein errungen, wobei ich schaudere; und, Hadem, mein Lehrer, mein Freund, dieser Schauder ist die einzige Empfindung, die der, den Sie moralisch tot nennen, noch hat, die ihm zeigt, daß er lebt. – Und dann lispelt mir zuzeiten ein Geist aus weiter Ferne: »Du lebtest! du träumtest einst!«

Reden Sie nur jetzt nicht, Hadem! Aus jedem Ihrer Worte würden nur neue Zweifel gleich giftigen Schlangen an meine Brust springen – Jetzt trotz ich der Verzweiflung, was ich sonst nicht konnte; denn es war eine Zeit, wo ich mit geballter Faust das Herz zurückdrückte, wenn es wieder dem Leben entgegenschlagen wollte.

So wie es jetzt ist, ist es recht gut, es könnte ja noch viel schlimmer werden. Und wenn ich Ihnen einst laut zurufen sollte, in[449] dem Tone, der so oft in meine Ohren gellt: »Jüngling mit den grauen Haaren, der ernsten Stirne! auch du träumest!« dann fliehen Sie schnell, dann möchten Lästerungen aus dem Munde stürzen, der zum Segnen, zum Ausdruck der Verehrung gebildet ward. Dann wird der Tempel ganz in Staub zerfallen sein, auf dessen Trümmern ich jetzt sitze wie ein klagender Geist der Vorzeit. – Ich kann ihn nicht mehr aufbauen, es geht über meine Kraft.

HADEM: Den Jugendtraum! Ich bitte, erzählen Sie mir Ihren Jugendtraum.

ERNST: Ah, seine Farbe ist verblüht, in dem Winde zerstreut – ich kann sie nirgends mehr finden. Das Schicksal hat meine Flügel zerschnitten – und der Geist, der sie erschwärmte, wo ist er? Erschuf er sie? Wahrlich, ich vermag es nicht mehr, aber das, was darauf erfolgte, das schreckliche Erwachen, das! das! werde ich Ihnen andeuten können, dazu liegen die schwarzen Farben in meinem Herzen.

Und langsam, unter dem peinlichsten Kampfe, bald stockend, bald in wilder Ergießung, bald mit Tränen, bald mit Heftigkeit erzählte er das Geschehene von Renots Eintritt an bis auf den Augenblick, in welchem er den Kranz aus der Blende riß und in den Abgrund warf.

Und er endigte: »Mein Geist, mein Glaube an die Tugend stürzten ihm nach, und nun hasse ich das Menschengeschlecht, hasse es in mir, hasse es darum in mir, weil ich aufhören konnte, der zu sein, der ich war! Um den Verlust dieses Glückes, dieses Sinnes, um den Verlust der Hoffnung, meinen geliebten Knaben dort wiederzusehen, hasse ich mich! Und dieser wilde Haß wird täglich bitterer, empörender – er, er allein, hält schon lange die Tränen in meinen Augen zurück, die ich über mein Schicksal weinen könnte. Reisen Sie nun ohne mich, wenn Sie es können.« Er floh aus dem Zimmer. Hadem hatte alle Qualen, die er bei der Erzählung empfand, schweigend ertragen – sie trieb ihn an die Pforten des Todes, und oft sank sein Bewußtsein; aber als Ernst die letzte rauhe Behandlung berührte und dann mit dem schrecklichsten Blick, den Hadem je in eines Menschen Auge gesehen,[450] sagte, wie er den Kranz in den Abgrund geschleudert hätte, und dann rief: »Mein Geist, mein Glaube an die Tugend stürzten ihm nach«, da stockte sein Leben einen Augenblick, und als er wieder zu sich kam, sah er angstvoll nach Ernsten, als wollte er sich von dem Dasein desselben überzeugen, als zweifelte er, ob er es wirklich sei, der diesen Augenblick überlebt hätte.

Und nun kannte er die schrecklichen Ursachen von der Verhüllung des Geistes, der moralischen Kraft seines Schülers. Er dankte dem Ewigen für sein Dasein; denn bei jedem neuen Schlage glaubte er, es zerfiele nun und das ihm bekannte edle Herz, der milde Geist seines Schülers könne diesen nicht ertragen. Sein Geist verwirrte sich auf Augenblicke, so daß er glaubte, der zu ihm Redende sei eine täuschende Erscheinung aus der andern Welt. Aber jetzt fand er bei mehrerem Nachdenken eben in den letzten Worten, wodurch sich Ernst alle Hülfe, alle Genesung abzusprechen schien, einen Strahl der Hoffnung. Er bauete diese auf eben das Gefühl, wodurch Ernst seine Verzweiflung an sich selbst andeutete.

Und jetzt fühlte er das Erhabene in dem Bewegungsgrunde zu Ernstens gegen sich selbst gekehrtem Hasse, der diesem verborgen war und verborgen bleiben mußte. »Er haßt nicht die Menschen, die ihm dieses getan, ihn dahin gebracht haben, er haßt sich, weil er nicht mehr ist, was er war; und darum ist er noch in seinem tiefen Innern, was er war!« So lispelte Hadems Geist seinem bekümmerten Herzen zu, aber wie konnte er wieder einen Lichtstrahl aus jener Welt durch die dicke Finsternis, die seinen Geist verhüllte, zu ihm leiten? wie das von diesem Geiste ganz getrennte Herz wieder mit ihm vereinigen?

So saß er lange sinnend. Er empfand, daß alle trockne Worte, alle Gründe der Vernunft hier fruchtlos sein würden. Vielmehr fürchtete er, durch Gründe und Vorstellungen den zu Zweifeln geneigten Geist seines Schülers noch mehr zu reizen. Er überzeugte sich, daß er alles entfernen müßte, was weiteres Nachsinnen über diesen Gegenstand erwecken könnte. Er sah ein, daß ein durch solche Ereignisse hervorgebrachtes düstres Gefühl[451] jedem Gedanken seine Farbe mitteilen müßte, daß er durch Zergliederungen des Geschehenen Gefahr liefe, Ernstens Selbsthaß gegen die Menschen zu kehren oder ihn auf die Klippe des Unglaubens an alle Tugenden zu treiben, vor welchem ihn bisher sein Selbsthaß, ihm unbewußt, noch gerettet hatte. Sein Geist ahndete Rettung, aber noch begriff er nicht, woher sie kommen sollte.

Ernst fragte ihn abends noch einmal:

»Werden Sie reisen? Und wenn Sie zu Ihren Wilden reisen, werden Sie Ihren Schüler nicht mitnehmen?«

HADEM: Edler, der du größer im Unglück bist, als du glaubst, ich verlasse dich nicht. Und wenn du stirbst, so sterbe ich mit dir, denn stürbest du in dieser Dunkelheit – müßte nicht ich dir den Weg zu unserm Vaterlande zeigen, dessen Spur du verloren hast? Du bist seiner noch wert.

Ernst wendete sein Angesicht weg.

Hadem ergriff seine Hand: »Ich, der dir nie eine Unwahrheit gesagt, ich, der mit dir sterbe, ich sage, du bist dieses Landes nie werter gewesen.«




7.

So lebten sie noch einige Zeit fort. Ernst ward sanfter, milder, aber er sprach wenig. Nur nahm die Sorge für seinen Freund täglich zu.

Eines Abends ward Hadem sehr schwach und entkräftet, an Kopf und Hüfte verwundet, von den Bedienten nach Hause gebracht. Ernst sah ihn in seiner Entkräftung, in seinem Blute und konnte nur aufschreien: »Auch dich, mein Vater!«

Der Kammerrat sprang herbei. Hadem winkte auf Ernsten und tat sich Gewalt an, frei auf seinen Füßen zu stehen. Er lächelte Ernsten an und sagte: »Sie glauben mich krank und vergessen, daß ich es durch Ihr Benehmen erst recht werden müßte. Jetzt brauche ich Ihre Hülfe, und die kleine Quetschung, die ich bei einem Falle von den Klippen des östlichen Hügels bekommen habe, wird unser Freund hier bald heilen. Sie wissen ja, wie gut er das versteht.«[452]

Hadems Zureden und sein erzwungenes Herumgehen beruhigten Ernsten. Der Kammerrat untersuchte die beschädigten Teile, machte Bähungen zurecht und setzte Ernsten als Krankenwärter an das Bett. Die Sorge für Hadem nahm seiner Stimmung, seinem Tone das Bittere und Grelle ganz, und darum forderte Hadem sie noch mehr auf und sagte ihm oft: »Nun sehe ich doch, daß Ihnen an meinem Dasein gelegen ist, daß Sie mich lieben.«

ERNST: Und zweifelten Sie daran?

HADEM: Nun nicht mehr. Tragen Sie ja Sorge für mich, daß ich bald ausgehen kann, und versprechen Sie mir, daß Sie mich bei meinem ersten Ausgange begleiten wollen, wohin ich Sie auch führe.

ERNST: Ich verspreche es.

HADEM: Unbedingt?

ERNST: Unbedingt.

HADEM: So sei es morgen früh. Wir gehen in den Eichenwald, und Sie vergessen Ihr Versprechen nicht.


8.

Morgens führte Hadem Ernsten in den Eichenwald. Sie setzten sich auf den Hügel unfern des Stroms. Hadem sprach nicht, er schien in seinem Innern sehr beschäftigt. Bald lächelte süße Hoffnung um seinen Mund, er stand auf und leitete Ernsten an der Hand nach der Höhle. Jetzt fühlte er seines Schülers Hand in der seinigen beben – er sah sich nicht um. Ernst folgte ihm, und er leitete ihn gerade nach dem Abgrunde; dann wendete er sich zu Ernsten und sagte:

»Erinnerst du dich jenes Augenblicks, mein Sohn, da du in diesen grundlosen Abgrund springen wolltest?«

Ernst bebte. – Hadem fühlte den kalten Schweiß auf seiner Hand, die er jetzt wieder hielt.

»Ich frage dich noch einmal, ob du dich dessen erinnerst.«

ERNST: Ja, ich erinnere mich. Oh, hätte ich es damals getan, ich wäre nicht in einen schrecklichern Abgrund gesunken!

HADEM: Doch ist dieser schrecklich, schaudernd, gefahrvoll[453] genug, dieses habe ich erfahren. Es scheint beinahe unmöglich, diesem Schlunde wieder zu entsteigen, und doch konnte ich es, selbst nach ausgestandner Todesangst; denn mich leiteten Glaube, Liebe und Hoffnung.

ERNST: Wie? bist du in diesem Abgrund gewesen, mein Vater?

HADEM: Ja, ich stieg hinunter, ohne mein Leben zu achten. Ich stieg hinunter, um ein kostbares, ganz verlornes Kleinod zu suchen. Den Tod fürchtete ich nicht, ich fürchtete nur, es möchte mir nicht gelingen, dieses Kleinod zu erobern. Lange lag ich leb- und sinnlos auf einem Felsenstück in dieser Höhle, und als ich wieder das Leben fühlte, verlor sich mein Stöhnen und Seufzen in der Tiefe. Aber als meine Kraft wiederkehrte und ich meinen Arm um Rettung ausstreckte, fühlte ich das mühsam gesuchte Kleinod über meinem Haupte, es hing an einer hervorragenden Spitze des Felsens. So brachte ich es an das Licht und sage, mein Leben ist durch diese Tat etwas wert geworden.

Er stellte nun Ernsten gegen die Blende. Sein Kranz, sein Zeichen des Bundes, hing darin; es war die Stunde, zu welcher ein Lichtstrahl durch die Spalte des Felsen dringt und die Blende an der Stelle erleuchtet, wo der Kranz hing.

HADEM: Ernst, du wirst einige Blutstropfen daran finden, ich hoffe, das Zeichen deines Glaubens hat dadurch an Reinheit nicht gelitten. Um es sicherer zu retten, umwand ich meine Schläfe damit; ich wußte damals noch nicht, daß mein Haupt verwundet war. Doch ein solcher Kranz von solcher Bedeutung erwirbt sich nicht anders – Ernst, in jenem Lande werden diese Flecken abgewaschen sein, dort wird er dir glänzen!

Ernst sank in seine Arme – und der Geist aus jenem Lande goß sich in sein Herz. Er rief:

»O mein Vater, an deiner Seite konnte ich an der Tugend zweifeln!«

HADEM: Und Rousseau!

»Rousseau!« antwortete Ernst – und aus den labyrinthischen Felsengängen der Höhle hallte es zurück, als antwortete die Ewigkeit.

Quelle:
Friedrich Maximilian Klinger: Werke in zwei Bänden. Band 2, Berlin 1970, S. 433-454.
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