Viertes Buch
1.

[361] Ernstens Jahre des Glücks und der Ruhe flogen schnell und mit guten Taten bezeichnet vorüber; aber das allgewaltige Schicksal schien ihn nur darum in einen so sanften Schlummer versenkt zu haben, um ihn schrecklicher daraus zu erwecken, um ihn beim Erwachen zu zermalmen. Warum muß ich die Feder wieder aufnehmen! ich, der Zeuge des an ihm ausgeübten Frevels! ich, dessen Herz bei dem Anblick der an ihm begangnen Ungerechtigkeit so unaussprechlich litt! Und doch muß ich dem Zuge folgen und das nun einmal übernommene Geschäft vollenden, so qualvoll es auch jetzt für mich wird. Die Ungerechten sollen wenigstens sehen, wen sie in diesem Manne verfolgt haben; und das Mitgefühl der Edlen wird mein Lohn sein. Fasse dich, mein empörter Geist, und wende dich von dem zerstörenden Gedanken weg, nur das, was du zu berichten hast, habe der Rechtschaffene von den Menschen zu erwarten!

Der Kammerrat hatte schon die Grafschaft *** zum Garten umgeschaffen, und Ernst ging neben dem treuen Pflanzer Gottes in dem blühenden Bezirke, den verschönerten reinlichen Dörfern, wo nun Zufriedenheit und einfaches Wohlleben herrschten. Hier wandelte er an der Seite des Kammerrats mit höherem Herzen als Alexander an der Seite seines Lieblings in den Ebenen des von ihm eroberten Asiens. Seine Trophäen waren blühende Bäume, reiche Kornfelder, grünende Wiesen, Striche, die einst das Wasser ertränkte, zu Wiesen durch Fleiß gewonnen. Und beide Freunde belebte die Hoffnung, das Glück, welches sie hier gestiftet hatten, noch weiter um sich her zu verpflanzen. Ernst hatte mit Genehmigung des Fürsten in diesem Bezirk eine neue Ordnung der Steuern und Abgaben zur Probe eingeführt, und diese Probe war so gut ausgefallen, daß er beweisen konnte, seinen beabsichtigten Zweck erreicht zu haben. Durch diese neue Ordnung fiel alles Drückende von dem Landmann ab, und der in den ersten Jahren von dem Adel und den Gutsbesitzern erlittene[361] kleine Verlust ersetzte sich in den folgenden vollkommen. Außerdem hatte sie das vorzüglich Gute an sich, daß sie allem Zwist, allem Hader, allen Klagen über Gewalt und allen heimlichen Eingriffen ein Ende machte. Ernst konnte dartun, daß alle Landleute ihre Abgaben richtig bezahlt hatten, daß keiner verarmt war und daß der Ertrag des Landes um ein Drittel mehr ausmachte als sonst. Dieses legte er seinem Schwiegervater, dem Minister, vor und teilte ihm sein Vorhaben mit, diesen seinen Plan mit Genehmigung des Fürsten dem versammelten geheimen Staatsrate für das ganze Land vorzuschlagen. Der Fürst, der von allem unterrichtet war und mit eignen Augen den guten Erfolg gesehen hatte, forderte Ernsten selbst dazu auf. Er war so entzückt darüber, daß er an seiner Tafel, in seinem Kreise mit Fremden und Einheimischen von nichts sprach als von der Hoffnung, bald sein ganzes Land so blühend und wohlhabend zu sehen als Ernst und Kalkheim den gesegneten Strich gemacht hätten. »Und dann«, setzte er hinzu, »werde ich erst recht fühlen, wie glücklich ich bin, Fürst eines kleinen Landes zu sein; denn nur hier fruchtet die Arbeit guter Menschen, nur hier sind Mittel und Hindernisse gleich sichtbar.«

Doch dieser Plan drohete nicht allein der Gewalt und dem Eigennutze verschiedner Landeskollegien; er griff zu gleicher Zeit auch den Stolz des Adels und der Gutsbesitzer an, denen die alte Ordnung schmeichelte, weil ihre Vorfahren dieselbe entworfen hatten. Sie sahen in der gelinden Abhängigkeit des Landmanns von ihnen, da diese doch allein den Fleiß und die Erfindungskraft desselben beseelt, indem sie ihn von den äußern, drückenden Zeichen der Herrschaft befreiet, nur die Auflösung ihres Ansehens und ihrer Eigenmacht. Es war ihnen nicht genug, daß der Landmann, und sie durch diesen, reicher würden; sie wollten auch, daß er immer in der knechtischen Furcht vor seinen gestrengen Herren verbleiben sollte. Sie wollten nicht dessen Wohltäter, Freunde und Ruhestifter, sondern dessen Herrscher und drohende Richter sein. In den freien, vertraulichen, heitern Gesichtern der Landleute dieses sich auszeichnenden Bezirkes sahen sie Hohn und Aufruhr; in ihren reichen Feldern, ihren[362] schön gebaueten Dörfern, ihrer anständigen bessern Kleidung Reiz zur Üppigkeit, Verschwendung und Eitelkeit, und ihr Spruch war: der Bauer muß immer fühlen, daß er nur Bauer ist.

Natürlich stimmte die Kammer in diesen Ton mit ein, und Ernst wurde bald als ein Feind des Adels und der alten guten Ordnung angesehen. Seine Ruhe, seine Zufriedenheit, seine Sorglosigkeit bei ihren hämischen Äußerungen entzündeten den Haß und Unwillen des Adels noch mehr, und es bildete sich, ohne Verabredung und mit Verabredung, eine geheime Verschwörung gegen ihn, die nur auf Gelegenheit lauerte, den gefährlichen Widersacher zu stürzen. Indes stellte man ihn allenthalben als einen Mann dar, der, stolz auf die Gunst des Fürsten, seinem Dünkel und seiner eingebildeten Weisheit alle zu unterwerfen strebt, der durch die Zerstörung alles Alten sich einen glänzenden Namen machen will und seinen herrschsüchtigen Geist unter dem sanften Schimmer gleisnerischer Tugend zu verbergen sucht.

Ernst ahndete das nicht. Er sah und fühlte wohl, daß den meisten das nicht gefiel, was er tat; doch hoffte er noch immer, der gute Erfolg würde jeden nach und nach von seinen reinen Absichten überzeugen. Bei seinem Plane rechnete er um so mehr auf das Gelingen, da der Vorteil eines jeden so sichtbar war. Aber als er ihn in dem geheimen Rate vorbrachte und sein Oheim heftiger als je auffuhr, als die meisten Anwesenden auf das Recht ihres Adels pochten und geradezu erklärten, der Fürst könne Privilegien nicht antasten, die von ihren Ureltern auf sie vererbt wären, die sie als des Reiches Ritterstand von alten Zeiten her genössen, und als sie ihn als den Schöpfer dieses Plans geradezu angriffen, da erkannte er, wie sehr er sich geirrt hatte, da sah er ein, daß die Menschen noch eher wirklichem Vorteil entsagen als dem eingebildeten des Stolzes und des Wahns. Diese sich ihm jetzt aufdrängende Meinung verbarg ihm auch noch in diesem Augenblick, daß der Haß gegen ihn vorzüglich die Haupttriebfeder seiner Gegner war. Aber sein Oheim öffnete ihm bald die Augen; denn er sagte ihm geradezu: »Neffe, meine Prophezeiung geht nun in Erfüllung. Sie sind nun endlich geworden,[363] was Sie so lange und so eifrig zu werden gesucht haben: der Gegenstand des Hasses aller Vernünftigen; und wenn dieses Ihren Stolz befriedigen, wenn Ihre Schimäre Sie dafür trösten kann, so haben Sie wirklich die höchste Stufe des so sehnlich gesuchten Glückes erreicht.«

Ernst antwortete:

»Es sei! Auf dem Wege, auf welchem ich es erreicht habe, werde ich gleichwohl verbleiben, und eben darum kann ich von der errungenen Höhe niemals fallen. Noch wohnt Ruhe in meinem Herzen; auch war ich auf das, was Sie mir nun ankündigen, nicht so unvorbereitet. Ich rechnete auf Undank, Unbilligkeit und Ungerechtigkeit, doch nicht auf Haß, wenigstens nicht von Ihrer Seite; und, Oheim, am wenigsten auf den Wahnsinn, der sich diesen Morgen bei einer Sache offenbarte, wobei die am meisten gewannen, die am heftigsten dagegen schrien.«

PRÄSIDENT: Dieses kommt alles daher, lieber Neffe, daß Sie nur dem Namen nach ein Edelmann sind; sonst würden Sie mit dem Kleinode, in welchem unsre Ehre und durch sie unser Dasein besteht, nicht so verwegen spielen. Ja, lächeln Sie nur. Aber vergessen Sie nicht, daß wir für dieses Kleinod alles zu wagen fähig sind, was Sie allenfalls um Ihrer Schimäre willen wagen könnten. Ich schenke Ihnen alle Weisheit, die Sie mir jetzt vortragen möchten – wozu? Mir soll der Neffe immer willkommen sein, aber nie der Staatsmann; denn als Staatsmänner sind wir Feinde, in offnem Kriege. Ich weiß wohl, daß Sie dieses nicht abschrecken wird; der Mut wächst Leuten Ihrer Art beim Widerstande. Dem Sieger bleibt am Ende doch das Feld. Wir wollen nun sehen, was der von Ihren Träumen verblendete Fürst weiter unternimmt; für jetzt scheint er Ihren Plan schon auf bessere Zeiten auszusetzen. Wir danken ihm für den Aufschub und wissen, woher es ihm kommt. Wie wohl hätten Sie getan, lieber Neffe, wenn Sie ein wenig mehr auf den klugen Renot gehorcht hätten als auf Ihren Pedanten! Freilich, solchen Leuten und Leuten, wie die sind, mit denen Sie zu Rate saßen, die keinen Fußbreit Lands besitzen und als von geborgtem Glanze übertünchte Bettler nichts zu verlieren haben – denen mag ein solcher Plan[364] ganz wohlgefallen. Sie verstehen hoffentlich, wen ich meine; und sollten Sie nicht, so fragen Sie mich nur!

Ernst erglühte. Zum erstenmal schwellte heftiger Unwille sein Herz, zum erstenmal faltete sich seine Stirn in Grimm, zum erstenmal verzog sich sein Mund, um den sonst nur Weisheit und Güte so sanft sich zeigten. Er sagte nach langem Kampfe:

»Lieben konnt ich Sie nie, Oheim; es war nicht meine Schuld. Von diesem Augenblick an kann ich Sie nicht mehr achten; und auch dieses ist nicht meine Schuld. Sein Sie mein Feind, das Sie schon lange mehr als Mensch denn als Staatsmann sind; als Staatsmann könnten Sie es ja nicht sein, wenn Sie nicht Mensch in dem Sinne wären, in welchem Sie sich mir immer zeigten. Da ich dies aber am wenigsten fürchte und eigentlich nichts mehr fürchte als ebenso tief zu sinken, so steh ich ganz offen und ohne allen Schutz da – das Ziel Ihres Hasses und des Hasses aller derer, die mich wie Sie verkennen. Ich habe viel von Ihnen ertragen, aber die Lästerung des edlen Hadem und des Mannes, bei dessen Bezeichnung Sie sich nur erniedrigten, konnt ich nicht ertragen, denn in diesen lästerten Sie Tugenden, für die Sie keinen Sinn haben.«

Er ging. Sein Oheim wütete, und in seiner Wut rief er: »Er hat Galle, er hat es gezeigt; und davon läßt sich etwas erwarten.«


2.

Nur als Ernst seinen einzigen Sohn sah und dieser ihm freudig entgegensprang, besänftigte sich der Unwille in seiner Brust. Es war die erste Empörung, die erste starke widrige Empfindung, welche Menschen in ihm erzeugt hatten. Er schauderte selbst vor der Wirkung der Erschütterung, er drückte seinen Liebling an das Herz und küßte die unschuldigen Augen, deren Blick die Finsternis erhellte, die jetzt seinen Geist umringte. Der kleine Franz schmiegte sich an ihn, und er hob ihn gegen den Himmel: »Du hast ihn mir gegeben! Und jene! ich bin ja noch, was ich vor einer Stunde war!«

Sein Blick fiel auf Amaliens Zimmer.[365]

Sie kam, weil sie seine Worte vernommen hatte. Er bat sie um Musik, und während sie spielte, hielt er den Knaben auf dem Schoße. Der Knabe lauschte auf die Stimme seiner Mutter, auf die Blicke seines Vaters; und als nun ihr Gesang in das Besänftigende, das Feierliche überging und ihre Saiten wie das Gelispel der Geister ertönten und der Knabe bei dem hohen Gesange ihn starr, bei dem sanften wieder freundlich anblickte, da malten sich seine Jugendträume wieder lebend vor seinen Augen, und der erhabene Gedanke, der diese Träume erzeugt hatte, sauste durch seinen Geist. Er fühlte, sein Glück sei außer der Gewalt der Menschen, solange ihm dieser Gedanke, dieses Weib und dieser Knabe blieben. Amalie hatte seine Bewegungen bemerkt; sie nahte sich ihm nun, und er teilte ihr mit, was er empfand. Aber da sie bald nachher auf dem Klavier zu phantasieren anfing und ihre Klagetöne die Dolmetscher ihrer geheimen Schwermut wurden, die er solange bemerkt hatte, und ihre Blicke aufwärts flogen, als suche ihr Geist in der Ferne die Erfüllung ihrer Wünsche, da drangen leise Tränen in seine Augen, und er küßte den Knaben, um sie zu verbergen. Er fühlte sich von seiner Seite glücklich, aber zwischen ihm und Amalien hatte sich seit ihrer Verbindung ein seltsames Verhältnis entsponnen. Er zeigte ihr die zärtlichste Liebe, das grenzenloseste Vertrauen, und sein Tun, sein Betragen, seine Worte bewiesen ihr, daß er sie mit aller Kraft seiner hohen Seele liebte, daß er sich durch sie so glücklich fühlte als es nur ein Sterblicher werden kann. Sie fühlte dieses; sie sah, wie sie ihn durch ihren Geist, durch ihre Musik bezauberte, sie empfand, wie der Knabe sein ganzes Dasein mit dem ihrigen aufs innigste verbunden hatte, und immer blieb sie in ihrer ernsten Feierlichkeit, in ihrem sonderbaren, unnatürlich scheinenden Schwunge des Geistes. Immer sich gleich, bezeugte sie ihm für alles, was er tat und sagte, jene Achtung, jene Bewunderung, die nur Personen von dem zartesten Herzen, dem ausgebildetsten, edelsten Geiste zu empfinden und auszudrücken fähig sind. Er sprach in sanftem Entzücken von seiner Liebe und seinem Glücke; sie von dem Werte der Tugenden ihres Gemahls, aber nie überließ sie sich einer völligen Ergießung des Herzens,[366] nie einer innigen Zärtlichkeit, immer schien eine Scheidewand zwischen ihm und ihr zu stehen. Es genügte ihm lange; denn da er diese reine Stimmung am meisten achtete, auf sie vorzüglich sein Glück bauete und Amalien hauptsächlich um dieses hohen Sinnes willen gewählt hatte, so glaubte er, es müsse so sein und sein Glück sei um so sichrer. Aber da er sie seit einiger Zeit oft einsam und in Gedanken verloren überraschte und ihre Musik, ihr Gesang, womit sie ihn sonst emporhob und aufheiterte, immer klagender wurden, in ihren Blicken sich etwas bisher von ihm unbemerktes Düstere, Sehnende zeigte und sie seine Fragen nur mit Lächeln beantwortete und er mit der zärtlichsten Hingebung, der herzlichsten Aufforderung keine andere Antwort erhalten konnte als höchstens: »Kann ein Mann wie Sie an dem Glücke seiner Gattin zweifeln? Wer sollte sich dann auf Erden trauen!« – und sie sich in weiter nichts einließ und immer in dieser Stimmung verharrte, so vermutete er geheimen Kummer, schrieb sich die Ursache zu und spannte alle seine Aufmerksamkeit an, ihr zu gefallen. Sie bemerkte es und gab ihm die rührendsten Beweise davon, daß sie es bemerkte. Seine Zärtlichkeit überraschte sie oft; und wenn sie dieselbe nicht mit der Wärme erwiderte, wie sie aus seinen Blicken sprach, so sagte sie:

»Ich bin zu ernsthaft, ich muß die Musik lassen, sie zieht mich mit unwiderstehlicher Gewalt von dieser Erde nach dem Lande, von welchem Sie mir so oft gesprochen haben. Wirklich, ich muß die Musik lassen, sie spannt meine Phantasie über ihr Vermögen, sie macht mich zu weich, zu schwärmerisch. Ich glaube, es geht mir wie den Dichtern, von denen man sagt, sie vermißten immer etwas, sie möchten sein, wo sie wollten. Denn sie sehen, sagt man, alles mit den Augen ihres Geistes an, der sich mehr im Schaffen, im Hervorbringen als in dem Genießen gefällt, der das Geschaffene, um nie müßig zu sein, wenigstens mit den Farben seiner Träume schmückt.«

Ernst lächelte bei dieser Äußerung.

AMALIE: Lächeln Sie nicht! Ich glaube wirklich, daß ich ohne Musik viel glücklicher wäre; ich würde mehr bei mir und viel beschränkter sein, und Franz würde mir dann nicht so oft sagen:[367]

»Du liebst mich nicht, Mutter, du spielst nicht mit mir, du spielst nur mit dem Klavier. Und doch liebt dich das Klavier nicht, wie ich dich liebe.«

ERNST: Und doch küßt er mit mir die Hände, die diese Saiten so süß beleben, und den Mund, dessen Töne seinen Vater mit sanften Schwingen in jenes Land tragen, aus dem seine Mutter, mit dieser Harmonie begabt, herabstieg. Sie vergaßen oder wollten vergessen, daß es der Dichter allein ist, dessen Geist Welten und Schöpfungen sieht, die wir ohne ihn nur dunkel ahnden würden, daß er uns durch seine Schöpfungen von andern Welten ein Glück darbeut, welches uns diese hier nie gewähren kann. Dank sei diesen Lieblingen der Gottheit gesagt, auf denen der Geist der Schöpfung so sichtbar und wirksam ruht, in denen sich die Schöpfung so faßlich und hinreißend für andere abspiegelt! Sie erwecken durch ihre schaffende Kraft, durch die hohe Darstellung ihres innern Sinnes den schlafenden Funken in unsrer Brust und beweisen uns durch seine Entzündung unsre Abstammung aus jenem Lande und unsre Wiederkehr dahin. Ohne sie würde sich der Mensch nie über das Irdische erhoben haben. Und dieses sind Sie mir! Dieses ist mir meine Sängerin! Und Sie wären dadurch nicht glücklich? Sie wären glücklicher ohne die Kraft, dieses auf uns wirken zu können? Fragen Sie nur unsern Franz. Wie oft schleicht er zu mir und sagt mir leise ins Ohr: »Kommen Sie geschwind, Papa! die Mama spielt ohne Noten!« Ahndet der Knabe nicht, daß nun die Dichterin ihre Schöpfungskraft gebraucht?

So schien sich immer ein Rätsel in dem Augenblick aufzulösen, in welchem es sich noch mehr verwickelte.


3.

Trotz dem allen hätte Ernst ohne die Ereignisse, die jetzt so plötzlich unsern Weltteil erschütterten, durch seine Geduld, seine Gefälligkeit, seine Sanftmut dennoch den Neid und die Bosheit der Menschen besiegt, vielleicht gar selbst seinen heißesten Wunsch, seinem Vaterlande einen so wesentlichen Dienst zu[368] leisten, durchgesetzt. Aber die wunderbaren, großen und schrecklichen Begebenheiten, die nun in einem so kurzen Zeitraume sich aufeinander drängten und die alles zu enthalten schienen, was die Menschen in einer Reihe von Jahrtausenden Großes und Ungeheures mögen getan haben, sollte auch über Ernstens Schicksal wie über das Schicksal so vieler tausend Unschuldiger entscheiden.

Der unglückliche Zeitpunkt war gekommen, wo die ruhigen, friedlichen, treuen Bürger Teutschlands, welche die Wörter »Aufruhr« und »Empörung« nur als eine Schreckenssage aus vergangenen Zeiten kannten, plötzlich in Parteien zerfielen, wo in jedem Hause Zwietracht herrschte, die Familien sich trennten, der Freund den alten, erprobten Freund als Feind verließ und man nichts mehr vernahm als den bittern Zwist über politische Meinungen, vor dem alle Freude und alles Zutrauen aus dem gesellschaftlichen Kreise verschwanden. Alle Gefühle der Menschheit schienen in diesem wilden, schonungslosen Kriege über Meinungen, die niemand kalt prüfte, auf einmal zu verstummen; denn keiner fragte den andern: was bist du mir und dem Vaterlande? sondern: wie denkst du über die Ereignisse des Tages? Selbst das Mitgefühl, das Mitleiden, die bestimmtesten Gefühle der Natur, arteten aus; man beklagte nur das Unglück derer, die unsrer Meinung waren, verwendete sich nur für sie. Wissenschaften, Religion, Recht und Gesetz sollten sich nach neuen Formen bequemen; und die Verblendung ging so weit, daß man die Lehren, welche die Schreckensposten so laut ankündigten, weder vernahm noch nutzte. Die Fürsten traueten ihren Völkern nicht mehr, Völker traueten ihren Fürsten nicht mehr; und beide Teile schienen recht zu haben, denn jeden rissen Furcht und andere Leidenschaften über das Ziel. Ein wilder, bisher unbekannter Fanatismus hatte alle ergriffen, alle in einen Zauberkreis gebannt, in welchem rastlose Neugierde, gespannte Hoffnung, steigende Furcht, Angst und Haß sie gegen- und voneinander trieben. Ja, der Teutsche schien sogar seine alte väterliche Sprache mit seiner alten Treue zu verlieren und seine Denkungsart gegen neue Ausdrücke auszutauschen, die nur seine gereizten Leidenschaften dolmetschten.[369]

Aber als der Feind den teutschen Boden betrat und verwüstete, als das Blut der Teutschen die väterlichen Felder fruchtlos düngte, als der Teutsche besiegt ward und der kühne Feind immer vorwärts drang, da wütete die Zwietracht und zeigte dem Feinde die ferneren größren Siege.

Brauche ich zu sagen, von welcher Zeit ich rede? Hat sie nicht, zur Schande der getrennten Teutschen, ein schmähliches unvergeßliches Denkmal aufgestellt? Steht das jetzige Geschlecht nicht mit gebeugtem, überwundenem Nacken davor? und werden die künftigen bei seinem Anblicke glauben, daß ihre Väter Teutsche waren?

In der Stadt, wo Ernst wohnte, pries man anfangs alles, was in Frankreich geschah, und rechtfertigte es mit den alten Mißbräuchen, die dort so lange geherrscht hatten. Ernst, der diese Nation kannte, erlaubte sich bei ihren zu raschen Taten manche Bemerkungen und Zweifel. Man nahm ihm dieses sehr übel und hielt ihn für einen Fürstensklaven, welcher der Gunst des Hofes selbst seine vorige Denkungsart aufopfere. Als aber die so laut gepriesene Sache wirklich die Wendung nahm, die er verkündigt hatte, und alle schrien und er jetzt bei dem wilden Geschrei aus Ursachen schwieg, die der große Haufe nicht erraten konnte, so glaubte man sich berechtiget, sein Schweigen für Billigung alles dessen zu erklären, was Schreckliches geschah. Seine Feinde wußten dieses von ihnen ausgestreute Vorurteil zu benutzen, und Ernst mußte als ein bekannter Feind der alten bürgerlichen Ordnung für einen entschiedenen Gönner der gefährlichen französischen Grundsätze gelten. Wo er sich jetzt befand, in welche Gesellschaft er trat, hörte er nur von den greulichen Begebenheiten des Tages reden, und immer mit Verwünschungen aller Neuerer und aller derer, die solche Gesinnungen billigten und begünstigten. Er, der alles, was vorging, aus einem den Schreiern ganz unbekannten Gesichtspunkt ansah und sich von diesen schrecklichen Begebenheiten wie von einem finstern, bösen Dämon begleitet fühlte, konnte die wilde, sinnlose und wahnsinnige Art, wie diese Menschen davon redeten, nicht ertragen. Sein Geist ward düster unter ihnen, sein Herz litt; er floh und suchte[370] freie Luft; und sowie er den Rücken wendete, fiel man über ihn her.

Erst jetzt vertrauete Renot dem Präsidenten, warum er nicht auf Ernsten so habe wirken können, wie er gewünscht hätte. Rousseaus Schriften, die nun in Frankreich den Aufruhr entzündet hätten, wären schuld daran. Hadem habe ihm vor seiner Abreise dieselben heimlich zugeschickt und Ernst von der Zeit an nichts anderes gelesen. Und eben dieser Rousseau, dessen Geist jetzt Frankreich verheere, habe seines Neffen Gemüt von lange her auf diese Neuerungen vorbereitet; man müsse sich also nicht über sein Schweigen wundern. »Hat er nicht«, fügte Renot hinzu, »durch alles, was er bisher getan, sich als einen treuen Schüler des kühnen, gefährlichen Mannes gezeigt? Und wissen Sie nicht, daß Ihr Neffe, seitdem die Revolution ausgebrochen ist, in einem beständigen Briefwechsel mit den Parisern steht? und ist es nicht klar, daß er bei seinem Aufenthalt in Paris sich mit diesen gefährlichen Menschen in Verbindung eingelassen hat?«

Renot war jetzt Ernstens gefährlichster Verleumder. So wie er hier sprach, äußerte er sich gegen jedermann, besonders gegen den Adel. Er hatte dabei einen doppelten Zweck: er befriedigte seine Eitelkeit und seinen Haß. Ihn drückte Ernstens Wohltat, und nie konnte er diesem die Art, sie zu erweisen, vergeben. Und dadurch, daß er so heftig die Partei des Adels nahm, gab er sich das Ansehen, als gehöre er ihm zu; er war nicht der einzige, der sich aus diesem Grunde zu dessen Verteidigern schlug.

Ernstens Korrespondenz nach Paris wußte der Präsident und jeder. Von dem ersten Augenblicke an, da die Revolution ausbrach, bemühte sich Ernst, durch seine dortigen Bekannten genaue Nachrichten zu erhalten, weil er in einer so wichtigen Sache nicht einseitig urteilen wollte, weil er bei der Wendung, welche die Sache nahm, sehr bald einsah, daß sie für einen denkenden Geist ein ebenso unterrichtendes Schauspiel werden müßte als sie für das Herz empörend wäre. Und da dieses Schauspiel immer wilder und gräßlicher ward und nun hin und wieder ein Lichtstrahl dieses drohende, finstre Chaos erleuchtete, so deuchte ihn, das menschliche Geschlecht sitze auf diesem Punkte der[371] Erde über sich selbst zu Gerichte, um sich in der größten Angelegenheit, die seine Geschichte aufweist, das Urteil zu sprechen. Er bebte vor dem Endausspruch.

Der Präsident freuete sich über Renots Mitteilung, und bald sah man durch beider Bemühen alles, was Ernst getan und gesprochen hatte, in diesem Gesichtspunkt an. Nun hoffte der Präsident, allen fernern Unternehmungen seines Neffen und hauptsächlich dem Durchsetzen des ihm verhaßten Plans auf immer Einhalt tun zu können. Ernstens Verleumder fanden leicht Eingang; denn die Menschen glauben gerne alles Nachteilige von dem Manne, den sie hassen. Und sei es auch noch so ungereimt, sei man auch noch so sehr vom Gegenteil überzeugt, genug, es schadet; und das, was die Bosheit ersonnen hat, breitet die Geschwätzigkeit gern weiter aus. Der Ruf, in welchen der Adel und die Gutsbesitzer Ernsten brachten, wurde noch dadurch verstärkt, daß die Bürger und alle die, welche so dachten, wie man von ihm vorgab, sich mehr an ihn schlossen und ihn in eben dem Maße erhoben, in welchem die andern ihn heruntersetzten. Als aber die Anklagen und Verfolgungen angingen, suchten auch diese ihre Sicherheit in dem allgemeinen Geschrei gegen den Mann, den sie verehrten, liebten und als ihren einzigen Freund erkannten.

Ernst sah und fühlte die Wirkung dieses Vorurteils. Er vermutete dessen Ursprung, aber er glaubte es unter seiner Würde, sein Betragen zu ändern, und verwarf mit Unwillen den Vorschlag des Ministers, die elenden Urheber dieser Verleumdung zu beschämen und Beweise von ihnen zu fordern.

Er antwortete:

»Soll ich in ihren die Vernunft und die Menschheit entehrenden Ton einstimmen? Werden sie mich nicht der Heuchelei beschuldigen und mir noch das einzige zu rauben suchen, was mich über sie erhebt, was sie selbst anerkennen? Wenn mein Leben, meine Handlungen ihnen keine Beweise mehr sind, werden sie meinen Worten glauben? Noch erkenne ich mich, und ich werde ihnen weder das Feld räumen, noch mich vor ihnen beugen; denn nur alsdann hätten sie über mich gesiegt. Glauben Sie mir, das, was[372] Sie mir raten, wünschen diese Leute am sehnlichsten, sie halten mich für geschlagen, sobald ich mich mit ihnen öffentlich einlasse; und nur darin haben sie recht.«


4.

Als nun eine Schreckenspost über die andere erscholl und der Feind den teutschen Boden immer weiter verwüstete, als die Fliehenden durch die benachbarten Länder Schrecken und Furcht vor dem entschlossenen und gefährlichen Feinde verbreiteten und es immer mehr kund ward, daß die teutschen Krieger vergebens den väterlichen Boden mit ihrem Blute tränkten, da entflammte sich in dem Herzen des alten Herrn von Falkenburg die Vaterlandsliebe und der Haß gegen den alten Feind desselben. Sein kriegerischer Sinn fachte beide an. Mit Unwillen sah er auf die starre Ruhe der feigen, bebenden Schreier bei der immer näher rückenden Gefahr. Er erglühte vor Zorn über die Untätigkeit eines Volkes, das bei der Verheerung, der nahen Unterjochung seines Vaterlandes nicht zusammentrat; und sein graues Haar bewegte sich auf seinem ehrwürdigen Haupte bei dem Gedanken, Teutschland, die Mutter der tapfersten Söhne, von einem Feinde besiegt zu sehen, der, so ungerecht er auch in seinem Urteile sonst war, demselben wenigstens dieses nicht abzusprechen wagte. Plötzlich kam er in Uniform zu seinem Sohne und kündigte ihm an, daß er zu Felde gehen würde.

Ein schmerzliches Lächeln der Bewunderung war Ernstens erste Antwort. Er sah auf die grauen Haare seines Vaters und küßte die Locke, welche an der von hohem Gefühle geröteten Wange lag.

»Mein Vater, dies ist die Glut der Jugend.«

VATER: Und dies die Farbe des Alters, meinst du? Er strich die Locke zurück. Laß es nur so sein. Um so sichrer bin ich jetzt vor dem jugendlichen Ungestüm, dem ich meine Wunde verdanke.

ERNST: Und ihre Folgen, die Sie so oft schmerzlich fühlen?

VATER: Ich werde sie nicht fühlen, und mag noch eine kommen,[373] wenn es sein muß! Diese bekam ich, als ich für Sold, für Ehre diente; die für das Vaterland wird nicht so schmerzlich sein. Ich kann es nicht mehr ansehen, Ernst, und ich würde über das, was ich höre, vor Unmut sterben; in Tätigkeit werde ich neue Lebenskraft bekommen. Vielleicht wirkt auch mein Beispiel auf die Schreier, die alles getan zu haben glauben, wenn sie einen Feind lästern, den sie bekämpfen sollten. Ich sehe Verheerung, ich sehe Schimpf, Schmach, ich sehe Ketten für Teutschland in der Zukunft und kann die Vorstellung nicht ertragen, daß ich die Wirklichkeit davon erleben könnte.

ERNST: Und wenn ich Ihre Schuld an das Vaterland übernähme?

VATER: Es ist dein Gewerbe nicht, und ich verlasse dich hier in einem Kriege, wozu mehr Mut gehört als zu dem, zu welchem ich aufsitze. Streite du hier und laß mich dort kämpfen, wir streiten beide für eben dieselbe Sache. Seinem Feinde Stirn gegen Stirne in offnem Felde gegenüberzustehen und zuzuschlagen, das ist nichts; aber dem Feigen, dem Elenden, der im Winkel seine Pfeile zuspitzt und vergiftet, um sie in der Finsternis ohne Gefahr abzuschießen, dem zu widerstehen, dazu gehört mehr. Und doch hoffe ich auf dich; und darum schweige ich zu allem, und darum verlasse ich dich voll Mut und Vertrauen. Du mußt dem Fürsten bleiben. Hat er einen wahren Freund unter diesen wilden Schreiern? Verteidigt einer seine Sache außer nur um seines eignen Vorteils willen? Nur solange er ihnen diesen sichert, halten sie sich an ihn; kann er dies nicht mehr, so sind sie seine gefährlichsten Feinde.

ERNST: Oh, mein edler Vater, leider ist dieses der Fall nicht bei uns allein. Schon längst hätten diese Menschen gerne Teutschlands Fürsten zu unweisen und gewaltsamen Maßregeln gegen ihr treues Volk verleitet. Jedes Wort, jede Äußerung des Volkes machen sie ihnen verdächtig und glauben sie zu erhalten, wenn sie die schützenden Engel, das Vertrauen und die Liebe, von ihrer Seite entfernt haben. Hier ist bisher noch ihr ganzes Bemühen fruchtlos gewesen, aber mit jedem widrigen Gerüchte von empörenden Äußerungen, die nur Leute ihrer Art hervorbringen,[374] verdoppeln sie den Angriff. Und da der Fürst immer von ihnen fordert, durch Weisheit dem drohenden Übel zuvorzukommen, bevor die Notwendigkeit sie dazu zwingt und alles zweideutig macht, was sie alsdann tun mögen, so glauben sie in seinen väterlichen Gesinnungen, in seiner Sorge für sie nichts zu sehen als mein Bestreben, einen Plan durchzusetzen, der längst allen diesen Bedenklichkeiten ein Ende gemacht hätte.

VATER: Mit diesen Worten hast du deine Bestimmung entworfen. Folge ihr, ich folge der meinigen. Laß den edlen Mann einen Freund in dir finden; du weißt, wie er dich geworben hat. Ernst, nie hatten die teutschen Fürsten Freunde nötiger als in dieser bedenklichen Zeit. Furcht, Eigennutz und nahe Not zwingen viele, diese Maske vorzunehmen; aber eben darum sind ihre Eingebungen so gefährlich. Ein teutscher Fürst hat nichts zu fürchten, solange er sein Volk nicht verkennt, solange er selbst treu und ehrlich auf seines Volkes Treue rechnet.

ERNST: Ich will es noch einmal versuchen, mein Vater, und es ist schon eingeleitet. Ja, Sie haben recht. Der Krieg, den ich zu führen habe, ist gefährlicher als der Ihrige. Als Sieger Haß, als Überwundner Haß, dies ist mein Los; dies ist der Unterschied zwischen Ihrem und meinem Schlachtfelde. Auch Sie verlassen mich nun, und ich bleibe allein. Sie gehen in einem Alter, wo Sie der Ruhe bedürfen, dem Tode entgegen und ich in blühender Jugend vielleicht der Schmach; doch Ihr Entschluß, die Wärme, mit der Sie mir ihn angekündigt haben, erhebt mein Herz. Ich fühle vor Ihnen, daß ich ein Teutscher bin, daß ich ein Vaterland habe.

VATER: Oh, daß man diese Stimme, diesen Ruf durch ganz Teutschland hörte! daß er auf alle Herzen wirkte wie auf das meinige! so wäre das Vaterland gerettet. Ach, Ernst, freilich wir sind Teutsche, aber ich sehe keine Teutsche. Umso mehr tut es not, daß sich hier und da der einzelne zeigt. Blieb' ich auf dem Gute – ihre Lauheit, ihre Gleichgültigkeit und ihr Geschrei machten meinen alten Kopf noch wahnsinnig. Darum fort! Freilich wäre es besser gewesen, wenn man die Leute dort ihre Sachen, klug oder toll, hätte machen lassen; auch mögen die Absichten[375] der Mächtigen von unsrer Seite nicht so rein sein, als sie vorgeben. Aber, wie dem auch sei, der Feind steht auf dem teutschen Boden, nur dieses müssen wir jetzt denken und weiter nichts; denn nur dieses dachte und empfand der Franzose, als unsre Heere sein Vaterland betraten, wenn er auch gleich anderer Meinung war. Wache du, daß die Ruhestörer diesen Bezirk nicht anstecken, daß die noch gefährlicheren Eigennützigen, die bei jedem kleinen Vorteil jauchzen und drohend einhergehen, aber bei jeder Schreckenspost zusammenfahren, unsern Fürsten nicht betören. Ich will zu ihm gehen, will ihm sagen, was ich denke. Und dann zu deinem Oheim! Ihm muß ich durch den Sinn fahren, bevor ich reise. Er ist einer von denen, die gern einen Teil des Volkes erwürgten, um dadurch den andern durch Schrecken zu nötigen, auf ihren Zwangmühlen fortzumahlen, in ihren Zwangöfen fortzubacken. Ich muß ihm und den andern Laffen doch noch sagen, daß ein teutscher Edelmann jetzt mehr zu tun hat als auf die Franzosen zu schimpfen, die stillen Bürger zu verleumden und Männer deines Sinns verdächtig zu machen. Diesen Vorsatz erfüllte er auch redlich und auf eine Art, daß wenig zu antworten übrigblieb, besonders da er es durch seine Tat bewies. Man zuckte die Achseln, lächelte und wünschte ihm Glück. Diese Antwort hätte er in allen Kreisen Teutschlands erhalten, wenn er so darin aufgetreten wäre.

Einige, und nicht die Dümmsten, sagten:

»Wir verlieren immer, sind immer die Geschlagenen, die Fehde ende, wie sie wolle.«

Andere meinten, sein Eifer sei zu loben, indes geschehe ja alles, was die Reichsverfassung mit sich bringe. Und wenn jeder Reichsstand seine Pflicht erfülle, so tue er genug, besonders da die meisten Reichsfürsten kein Interesse bei der Sache hätten.


5.

[376] Ernst hatte lange nichts von Ferdinand gehört. Alle seine Bemühungen um Nachricht von ihm waren fruchtlos, und schon fürchtete er, auch sein Freund sei ein Opfer seines aufrührerischen Regiments geworden, als dieser ihn eines Abends plötzlich überraschte. Alle Gefühle ihrer jugendlichen Verbindung erwachten in Ernstens Brust.

Als er sprechen konnte, sagte er zu Ferdinand:

»Du hast mir viele Sorgen gemacht; doch diese Sorgen machen nun deine Anwesenheit umso süßer. Wie dank ich dem Schicksal, daß es dich mir sendet, jetzt, da ich eines Freundes so sehr bedarf, da soeben mein Vater mich verlassen hat!« Ferdinand weinte an seinem Halse.

»Freund, ich habe alles verloren – alle Aussichten – alle Hoffnungen – alles Glück.«

ERNST: Du hast nichts Wesentliches verloren, das du hier nicht wiederfändest. Mich findest du, wie du mich gekannt hast, als wir noch als Knaben Hand in Hand gingen; und ich hoffe, auch dich werde ich wieder so finden. Sei gutes Muts! Ich errate dein Unglück, aber du bist gerettet, du stehst unter dem Dache deines Freundes, der gerne mit dir teilt. War dies nicht unser Bund? Nur dein Zutrauen, nur deine Freundschaft, derer ich so sehr bedarf.

FERDINAND: Könnt ich mein Unglück vergessen, es wäre geschehen, als ich dich erblickte. Mildern, besänftigen kannst du es; heilen nie. Du hast dich nicht verändert, aber ich habe mich verändert, in allem verändert, nur nicht in meiner Liebe zu dir. Du kennst mich, du weißt, wornach ich strebte; und nun ist alles um mich her zerfallen.

ERNST: Du wirst dich hier wiederfinden. Komm, ich muß meiner Amalie meinen Jugendfreund vorstellen. Er führte ihn in das Zimmer seiner Gemahlin und sagte: »Hier, Liebe, ist Ferdinand, um den Sie mich so bekümmert sahen. Er ist glücklich der Gefahr entgangen, und es muß nun unsre Sorge sein, ihn sein Unglück vergessen zu machen.«[377]

Ferdinands schwarze, feurige Augen waren voll Tränen, als er in das Zimmer trat. Sie erstarrten in seinen Augen, als er Amalien erblickte. Amalie erkannte ihn – ein leiser Schrei des Erstaunens entfuhr ihr – der feurige, kühne Blick, womit er nun auf sie sah, stellte plötzlich die lang vergangene Szene lebendig vor ihren Geist, sie schien aus einem Traume zu erwachen, sie hörte seine damaligen Worte, sah seinen kühnen Wink auf das Fenster hin, und alles wurde ihr gegenwärtig.

Ernst verließ beide mit den Worten: »Ich muß dir gleich meinen ganzen Reichtum zeigen.«

Kaum vermochte jetzt Amalie, einige Worte des Bewillkommens zu sagen. Ferdinand stand sprachlos vor ihr und hielt seine Augen immer auf sie geheftet. Sein Geist schien im Vergangenen zu forschen, um das Gegenwärtige begreifen zu können. Und als Amalie die Augen niedersenkte und Röte auf ihre Wangen schoß, erwachte auch in seinem Herzen jener Augenblick in seiner vollen Gewalt, und beider Seelen hatten nur einen Gedanken, beider Herzen trafen nur in einem Gefühle zusammen.

Ernst unterbrach die stumme Szene, als er den kleinen Franz hereinbrachte. Dieser war schon ausgekleidet; als aber sein Vater ihm sagte: »Der Offizier ist da, von dem ich dir so oft erzählt habe«, wollte er noch nicht zu Bette gehen.

Franz hängte sich an Ferdinand. Dieser küßte ihn und sagte zu Ernst: »Dein lebendes Bild! So warst du, als man mich zu deinem Vater brachte. Laß mich zu mir kommen. Ich fühle, daß mich in diesem Kreise das Gefühl meines Unglücks einen Augenblick verlassen kann.«

Als sie sich dann zu Tische setzten und Amalie ihm ein Glas Wein zum Willkommen einschenkte, erinnerte er sich an das kummerstillende Getränk, welches Helena im Homer ihren Gästen reicht.

Amalie lächelte, und Ernst sagte:

»So sei es dir dieser Trank! Und lerne du nur erst die Zauberkraft meiner Amalie recht kennen! Wer ihr widersteht, der ist unheilbar. Ferdinand, und widerstände auch dein Gram unserer zärtlichen Sorge der Freundschaft, so würde doch ihre Musik[378] ihn besiegen. Hier siehst du den Traum meiner Jugend, in allem Reiz der körperlichen Schönheit und des Geistes, in seiner ganzen Wirklichkeit erfüllt; sie ist die Göttin, die so früh mir vorschwebte.«

FERDINAND: Du hast erreicht, was du verdientest. Der Traum, dem ich nachlief, betrog mich; ich erwachte schrecklich, und umso schrecklicher, da ich dem Ziele nahe war, das ich nur in meinen kühnsten Augenblicken zu erreichen hoffte. Einmal muß ich es dir doch erzählen; so sei es jetzt. Und möcht ich dann die Erinnerung so tief in meinem Herzen vergraben können, als alle meine Hoffnung darin gesunken ist!

Er verfiel in Nachsinnen. »Nein, es ist unmöglich!« sagte er mit dem Ausdruck der innigsten Empörung. »Ich muß schweigen. Das Wagestück, welches ich unternahm, wäre nur dann des Erzählens wert, wenn ein besserer Erfolg es gekrönt hätte. Jetzt würdest du nur einen Verwegenen in mir sehen. Ich hatte alles getan, was menschliche Kraft und Kühnheit vermögen, und glaubte nun das Glück zu verdienen, das ich dem Schicksal mit so vieler Anstrengung abgezwungen hatte. Da fühlte ich, was die Helden empfanden, mit deren Denkmälern ich in unsrer Kindheit unsre Höhle ausschmückte. Aber die Menschen, die das blühendste Reich der Erde zerstörten, das geistreichste, beste Volk zu Ungeheuern machten und alles vernichteten, die vernichteten auch mein Glück. Mir bleibt nun nichts übrig als die qualvolle Erinnerung daran und der Wunsch, im Gefühle meiner Kraft in dem Ringen nah am Ziele gefallen zu sein. Wenn der Zauber deiner Gemahlin machen kann, daß ich dieses vergesse, so will ich es dir einst wie eine alte tragische Fabel erzählen. Der Held der Fabel bestieg, zum Unglück für sich, den Olymp in dem Augenblick, da ein neuer Glaube ihn und die auf ihm wohnenden Götter stürzte.«

Ernst schwieg; er erriet, da er Ferdinand kannte, den Inhalt seiner Geschichte. Amalie nahm das Gespräch wieder auf, lenkte es auf die Begebenheiten des Tages und fragte ihn, wie er sich gerettet hätte.

Ferdinands Stirne ward düster:[379]

»Soll ich Ihnen auf lange Ihren Schlaf rauben? und das die erste Nacht, die ich in Ihrem Hause zubringe?«

Ferdinand sagte alles mit einem so leidenschaftlichen Tone, einer so wilden Stimmung des Geistes und begleitete jedes Wort mit solchen düstern Blicken, daß Ernst Amalien winkte, sie nach ihrer Harfe leitete und sie bat, seinem Freunde etwas von ihrer kummerstillenden Arzenei zu geben.

Aber sie nahm die Laute. Ernst setzte sich mit Ferdinand auf den Sofa, und Amalie sang einige ihrer sanftesten italienischen Lieder. Ferdinands Hand zuckte in der Hand seines Freundes, und als Amalie endigte, stand er auf und sagte zu Ernsten: »Alles, alles hat dir das Schicksal gegeben; und alles, wie du es verdienst!«

ERNST: Du fehltest mir noch. Und wenn nun noch einer käme – ich hoffe, Ferdinand, du hast ihn nicht vergessen.

FERDINAND: Du meinst Hadem! So komme er, und wir Darbenden sitzen an der Tafel des Reichen, und wir Unglücklichen werden glücklich durch sein Glück. Laß mich nur erst fühlen, wo ich bin, laß mich nur erst inne werden, daß ich mich gewiß aus der Höhle des Mordes gerettet habe. Sie, die alles zerstören, mordeten auch meinen frohen, heitern Sinn, meine Munterkeit. Ich werde sie wiederfinden; denn sonst wäre ich ein lästiger Gast. Aber ich kenne deine Nachsicht und wage es, auf die Nachsicht deiner Gemahlin zu rechnen. Ich hoffe, das Vergangene zu vergessen und in diesem Elysium zu erwachen.

Ernst führte ihn nach dem für ihn bestimmten Zimmer.

Ferdinand war von dem Augenblick, da er Ernsten in seinem häuslichen Verhältnisse gesehen hatte, mehr mit seines Freundes Glück als mit ihm selbst beschäftiget. Diese Vorstellung überfiel ihn in der Einsamkeit umso stärker, da Amaliens Bild einen so blendenden Glanz auf dieses Glück warf. Sie hatte wie eine Erscheinung aus einer andern Welt auf ihn gewirkt, und er gestand sich laut, nie Schönheit mit diesem Ausdruck, mit dieser Würde, von dieser sanften, melancholischen Erhabenheit begleitet, gesehen zu haben. In dieses Beschauen ganz verloren, sah er weder die Seelenruhe, die reine Herzensgüte, die schöne Einfachheit[380] seines Freundes noch dessen Beharren in Grundsätzen und Gesinnungen, die schon seine Jugend geleitet hatten. Er sah in ihm nur den Glücklichen, den stillen Glücklichen, den reichen Mann, der außer allen Schätzen des Glücks noch den größten und seltensten besaß, der je einem Sterblichen zuteil ward: ein Weib ohnegleichen. Die Erinnerung jenes Augenblicks, der seine inneren, noch schweigenden Empfindungen zum erstenmale so mächtig belebte, drang sich ihm nun immer stärker auf. Er hörte jedes ihrer Worte, sah jeden ihrer Blicke, und sein ganzes damaliges Gefühl glühte in seinem Busen. Ihre plötzliche Verwirrung, ihr leiser Schrei deutete ihm nun an, auch sie habe sich jenes Augenblicks erinnert und ihn eben darum bei seinem Eintritt so schnell erkannt als er sie.

»Ihm ist alles gelungen«, seufzte er; »sogar der Traum seiner Kindheit. Phantastisch sah er an den fernen Wolken eine Gottheit schweben, die er Tugend nannte; sie stieg zu ihm herunter, und die geträumte Göttin, schöner als seine schwärmerische Einbildungskraft sie schaffen konnte, wird seine Gattin. Ich aber, der ich mit Gefahr des Lebens, mit der Gefahr, noch mehr als das Leben zu verlieren, einen Weg betrat, bei dessen bloßer Vorstellung mir nun schwindelt, ich werde in dem Augenblick, da ich das Ziel erstiegen hatte, wieder herabgeschleudert. Und nun sitze ich hier, ein Bettler an dieser Tafel der Götter! Sind sie das nicht beide, durch ihre ruhige, feierliche Erhabenheit? Nun sitze ich da, ein Zeuge seines Glücks, und kann weiter nichts dazu sagen als: er hat es verdient. Hätte mir die Natur den Sinn für Ruhe und Beschränktheit gegeben, ich würde jetzt nur dieses fühlen; aber ich habe den Zauberbecher der Welt gekostet, er ward mir von den Lippen gerissen, als ich den brennenden Durst ganz stillen konnte; und alles, was mir übrigblieb, ist das peinliche, endlose Verlangen.«

So brachte Ferdinand die erste Nacht unter dem Dache seines Freundes zu, der sich unterdessen glücklich pries, ihn gerettet zu sehen, der nur auf Mittel sann, ihm durch Gefälligkeit und Freundschaft und durch alles, was er vermochte, seinen Verlust aus den Gedanken zu bringen und zu ersetzen.[381]

Mit solchen Gesinnungen erwartete ihn Ernst beim Frühstück. Er empfing Ferdinanden mit einer Zärtlichkeit, daß dieser dem milden Blick nicht widerstehen konnte und ihm, in seine Arme sinkend, zurief:

»Hier finde ich Ruhe und Zufriedenheit oder nirgends mehr in dieser Welt. Laß mich von dir lernen, daß das Glück in dieser Geistesruhe besteht, und ich bin geheilt. Du kennst meinen Feind, hilf mir diesen bändigen – der ist es, welcher unsre düstre Höhle mit Helden bevölkerte und nun mit Hohnlachen hinter mich getreten ist. Und doch, Ernst, doch habe ich nicht geschwärmt – doch war es kein Traum!«

ERNST: So laß dir die erprobte Kraft zum Trost gereichen und genieße nun, was das Schicksal dir nicht nehmen kann. Und noch ist dir die Bahn des Ruhms nicht verschlossen. Der sprengt sie leicht wieder auf, der das von sich sagen kann, was du von dir sagst.

FERDINAND: In Teutschland gelten nur stille Tugenden –

ERNST: Und der Krieg?

FERDINAND: In diesem fecht ich nicht –

ERNST: Deine Feinde sind auch Teutschlands Feinde.

FERDINAND: Und doch fechte ich nicht gegen sie; ich hasse sie ...

In diesem Augenblicke trat Amalie mit Franz in das Zimmer. Da der leichte Morgenanzug mehr das reizende Weib als die feierliche erhabne Göttin sichtbar machte und diese vielmehr im nachlässigen Gewände nur zu verhüllen schien, so konnte Ferdinand sich ihr mit freiern Sinnen nahen. Sein Blick ward sanfter, sein Wesen ungezwungener, und der natürliche Zug seines Herzens, vor Weibern nur angenehm und liebenswürdig zu sein, wirkte ohne weiteres Bemühen. Amalien, die ihn den Abend vorher so düster und leidenschaftlich gesehen hatte, schien dieser Ton zu gefallen, und sie konnte jetzt den Freund ihres Mannes ruhiger betrachten. Nur wenn das kühne Feuer in seinen Augen plötzlich erglühte und er dann seinen Blick auf sie heftete, sank der ihrige; und schlug sie die Augen wieder auf, so fühlte Ferdinand, was er damals empfunden hatte.
[382]


6.

Ferdinand machte bald Besuche. Der Präsident nahm ihn gut auf, schimpfte wütend auf die Franzosen, spielte boshaft auf Ernsten an und fragte ihn, ob er Renot schon gesehen hätte. Als Ferdinand dieses mit Nein beantwortete, sagte er:

»Versäumen Sie ja nicht, ihn zu besuchen. Der Fürst, dem ich ihn gegeben habe, beehrt ihn mit seinem Zutrauen. Er kann, und noch mehr, er wird Ihnen gerne sehr nützlich sein, ja er war es Ihnen schon, und mein Narr von Neffe wäre gewiß besser gefahren, wenn er die Lehren des klugen Mannes besser befolgt hätte. Halten Sie sich an ihn. Wir müssen nun Ihren Verlust auf eine oder die andre Art zu ersetzen suchen. Denn ein Mann wie Sie muß nicht von der Gnade eines andern leben. Dieses kann man nur von Fürsten.«

Renot empfing Ferdinand mit Entzücken, mit Bedauern, mit einem Strome von Klagen über sein hartes, unverdientes Schicksal.

»Schade! Schade!« rief er einigemal aus, »ich weiß, wie Ihnen alles geglückt ist; und ohne diese Ungeheuer würden Sie gewissen Leuten gezeigt haben, was ein Mann von Ihrem Geiste, Ihrem Mute, durch mich gebildet, vermag. Ich bedaure Sie jetzt umso mehr, da Sie von den wütenden Demagogen das Schrecklichste erfahren haben und nun bei einem Demagogen Schutz gegen das Elend suchen und Ihre Gesinnungen, Ihr Leiden verbergen müssen.«

FERDINAND: Wie verstehen Sie das?

RENOT: Wie? Sie sind schon einige Tage in dem Hause eines Mannes, der in ganz Teutschland als ein Demagoge bekannt ist, und fragen mich?

FERDINAND: Ich habe noch kein Wort über diesen Gegenstand von ihm gehört.

RENOT: Er schweigt, weil er heimlich wirkt, er schweigt, weil er billigt, weil er fürchtet, weil er sein Spiel verbergen will. Dieses sind gerade die Gefährlichsten. Er hat uns Proben genug davon gegeben, der Adel und die Bürger werden Ihnen davon zu erzählen haben! Es tut mir leid, daß Sie bei ihm haben abtreten[383] müssen, daß Sie wegen Ihrer alten Verhältnisse mit ihm nicht anders konnten, denn seine Freunde finden hier keine Freunde; und Freunde brauchen Sie doch in Ihrer Lage. Sie erstaunen? Sie werden noch mehr erstaunen. Sehen Sie, so weit hat es der Mann gebracht, der seine Schimären der Klugheit vorzog, die ich ihn lehren wollte! Wie hat er Sie denn aufgenommen?

FERDINAND: Ich kann nicht ohne Rührung daran denken.

RENOT: Ich glaube es wohl. Der von allen Verlaßne, der allen Verhaßte nimmt den Unglücklichen freudig auf, das Schicksal des Unglücklichen sagt ihm ja: dieser bedarf meiner; er wird, er muß es mit mir halten.

FERDINAND: Sie haben Ernsten immer verkannt, und nie mehr als in diesem Augenblick. Wenn er hier gehaßt ist, so verdient er es gewiß ebenso wenig als er es zu fühlen scheint. Wenigstens stört es seine Ruhe nicht. Ich habe nie einen edlern, nie einen gutmütigern Menschen gesehen, und ist einer unter uns abhängig, so muß er es von mir sein, denn seit der Zeit, daß ich sein Haus betreten habe, ist er nur um mich besorgt und sein Bestreben geht nur dahin, mich ruhig und zufrieden zu machen und mir angenehme Aussichten zu eröffnen. Und seine Gemahlin –

RENOT: Der Stolze! – Freilich, er, der nur Schimären liebkoset, er ist glücklich, aber – sie ist es nicht.

FERDINAND: Was sagen Sie! Sie ist es nicht? Nun, so ist das Herz des Weibes das unerforschlichste Geheimnis, so genügt ihm nichts!

RENOT: Das weiß ich nicht, und es kann wohl so sein; aber dieses weiß ich, daß sie nicht glücklich ist. Wie? Sie sinnen nach? Und Sie sollten es nicht bemerkt haben, da wir es, ob wir sie gleich nur in Gesellschaften sehen, wo man sich doch zusammennimmt, schon so lange bemerken? – Ich sage Ihnen, es nagt Gram an ihrem Herzen, und aus diesem geheimen Gram entspringt das ernste, feierliche Wesen, wodurch sie jetzt einer tragischen Muse gleicht. Sinnen Sie nur nach, und dann will ich Ihnen ein Geheimnis sagen. – Sie liebt Ernsten nicht. –[384] Ferdinand sprang zurück:

»Renot, schweigen Sie! Sie empören mich.«

RENOT: Was ich noch keinem sagte, sage ich Ihnen: Sie liebt den ruhigen, erhabenen Mann nicht. Nur dieses weiß ich – warum, das weiß ich nicht, aber von der Zeit an, da sie mit ihm verbunden war, nahm sie dieses düstre, feierliche, unnatürliche Wesen an. Seit jener Zeit schweben ihre Blicke über dieser Erde weg, als suchten sie in der hohen Ferne einen ihrem Herzen verwandtern Gegenstand.

FERDINAND: Es ist nicht möglich! Wie könnte er sonst so glücklich sein?

RENOT: Kennen Sie denn den Träumer nicht? Ihn macht nicht sie, ihn macht nur das Ideal glücklich, das er in ihr träumt, das kalte Bild der Tugend, das er in ihr sieht; und nicht das schönste, reizendste Weib der Erde. Wie, wenn nun diesem Weibe ohnegleichen das Ideal der kalten Tugend in ihm nicht genügte? In dem hohen, verstiegenen Sinne, worin er schwärmt, vermißt er die weibliche, süße Zärtlichkeit nicht; wenn nun sie von ihrer Seite etwas an ihm vermißte? Wenn sie nun ein Ideal heißerer, glücklicherer Liebe träumte? Ich habe mir oft den Kopf über dieses sonderbare Verhältnis, über dieses sonderbare Weib zerbrochen und kann es nicht ergründen. Sie müssen mir dieses Rätsel lösen; denn Ihnen kann das Geheimnis nicht lange verborgen bleiben. Hier waltet etwas ob, das sich aufklären muß. Ich erinnere mich genau, wie diese Amalie, die damals die jüngste der Grazien zu sein schien, auf Ihre feurige Einbildungskraft gewirkt hat und was Sie mir von ihr erzählten. Wie fanden Sie nun die erhabene, ernste Göttin? Das hätte sie nicht werden müssen. Diese Erhabenheit zerstört das Weib – er zerstörte es in ihr, und was er darauf pflanzte, ist von zweideutigem Gehalte. Sie haben doch den Zug des stillen Kummers bemerkt?

FERDINAND: Ja, ich bemerkte ihn.

RENOT: Das glaube ich wohl. – Nun, suchen Sie nur, dem Demagogen nicht zu mißfallen. Freilich bei dem Fürsten vermag er viel, doch was vermag der Fürst gegen alle? Sie müssen nun einmal bei ihm bleiben, aber lassen Sie sich von der Klugheit[385] raten. Werfen Sie sich nicht zum Kämpfer für ihn auf; denn hier sieht jeder nur einen Feind in ihm, den Feind der alten Ordnung, und diese ist in dem gegenwärtigen bedenklichen Zeitpunkte natürlich die wichtigste Angelegenheit der Menschen. Ich bedaure Ihren Freund; doch so will er es, nur so gefällt es ihm.

Renot sprach nun von gleichgültigen Dingen und führte Ferdinand auf sein Leben in Frankreich zurück. Er reizte dadurch dessen Eitelkeit, und Ferdinand vertrauete ihm eine Geschichte, die er freilich Ernsten nicht so hätte mitteilen dürfen. Ferdinand war so nahe an den Grenzen des Verbrechens vorübergegangen, daß man Renots Grundsätze haben mußte, um nicht bei seinem Wagestücke zu schaudern.

Renot hörte ihm mit zunehmendem Erstaunen zu; und als Ferdinand geendigt hatte, rief er:

»Und dieser kühne Mann, den die Natur als einen Liebling, mit Gestalt, Geist und Mut ausgerüstet, dem Glücke übergab, als wollten sie beide einmal vereint arbeiten – der soll nun von der Gnade eines Mannes leben, welcher mit denen im Bunde steht, die sein Gebäude zusammenstürzten? Oh, daß es Ihnen nicht ganz gelang! daß der Schwärmer nicht erfahren konnte, was Renots Schüler vermag! – Haben Sie ihm Ihre Geschichte anvertrauet?«

FERDINAND: Nein.

RENOT: Tun Sie es ja nicht! Der Träumer ist nicht fähig, Männertat und -werk zu beurteilen. Sein Spiel ist das sogenannte Glück des Pöbels, der das Ihrige dort zerstörte. Nutzen Sie ihn; denn nur dazu sind solche Phantasten gut.

FERDINAND: Renot, so weit entfernt auch meine Denkungsart von der seinigen ist – bei Gott! wenn ich mich auf diesem elenden Gefühl ertappte, ich würde mein undankbares Herz mit grimmiger Faust zerdrücken. Alles, was Sie sagen, hat nur Sinn, wenn Sie von Menschen reden, wie ich sie habe kennenlernen; sprechen Sie so von ihm, so ist es Lästerung.

RENOT: Ich sehe, die teutsche Luft wirkt auf Sie, oder Sie fangen schon an, sich zu bequemen. Freilich, hier werden Sie[386] keine Rolle spielen, wie Sie dort auf dem Wege zu spielen waren, und darum ist es vielleicht gut, daß Sie es jetzt mit den Träumen Ihres Freundes halten. Ich wünsche Ihnen Glück dazu, doch lassen Sie sich ja nicht so weit von ihm anstecken, daß Sie die feierliche, erhabne Miene annähmen, die seine Gemahlin ihm verdankt; sie beweist die Täuschung. Und um so zufrieden mit diesem Spiel zu sein, muß man gleich ihm mehr Phantasie als Verstand besitzen.

Ferdinand fühlte jetzt Abscheu vor Renot. Er wollte gehen, blieb aber immer, hatte noch immer etwas zu fragen, schien immer noch auf etwas zu warten. In diesem Augenblicke glich er einem Manne, der einem Pestkranken ein Geheimnis abzufragen hat, das über sein Schicksal entscheiden soll: Furcht vor dem Tode hält seinen Fuß zurück, die Begierde, das wichtige Geheimnis zu wissen, spornt ihn vorwärts.

Renot sagte ihm endlich:

»Lassen Sie sich nur bald dem Fürsten vorstellen. Er liebt Leute von Mut und Geist, und ich will ihn schon vorbereiten. Ich freue mich, wenn ich Sie an sehe; ja, so gebauet, lohnt es der Mühe zu leben. Wie mag sich nun neben Ihnen Ernst ausnehmen, der das kalte Bild einer antiken Tugend ganz erträglich vorstellt! Sagen Sie, gleicht er nicht einer marmornen Säule, die der Kenner, weil an ihr die Regeln der Kunst genau beobachtet sind, bewundert, bei der aber das Herz eiskalt bleibt und die die Einbildungskraft eher tötet als belebt? Hier ist lebendige Kraft, hier ist Ausdruck der Leidenschaft, die mit Blitzen wie mit Wasserblasen spielt!«

Ferdinand ging betäubt. Zwei Empfindungen wühlten in seinem Busen. Ernst ein Demagoge! aber diese versank unter der andern: Sie liebt ihn nicht! Ein Schauder ergriff ihn bei dem Gedanken: Und wenn sie ihn nicht liebt, wen könnte sie lieben? Und aus dem Schauder entsprang ein so wildes, leidenschaftliches Gefühl, daß seine Seele erbebte. »Ich muß dieses Geheimnis erforschen«, rief er; »hier liegt etwas Unbegreifliches.«

Und mit dem tiefsten Schmerz muß ich es nun sagen: Renot hatte recht. In Amaliens Herzen lag ein Geheimnis vergraben,[387] ein Geheimnis, von dessen Entdeckung Ernstens und ihr Schicksal abhing. Ich muß es dem Leser mitteilen, ich muß es los werden; denn es drückt so schrecklich auf mich, daß es den Gang dieser Erzählung zu hindern droht. Hätt ich mit der Enthüllung nur alles abgetan, ich wollt es andeuten und dann schweigen. Aber die Pflicht fordert, daß ich das peinliche Unternehmen fortsetze.

Schon früh entdeckte Amaliens Vater die keimenden Talente, das Zarte, Weiche und harmonisch Gestimmte ihres Geistes. Als sie kaum zu blühen anfing, bemerkte er schon die starke Gewalt der Musik über sie. Er ließ sie anfangs von einem Frauenzimmer auf dem Klavier und der Harfe unterrichten; aber bald übertraf die Schülerin die Lehrerin darin. Ihr Vater sah sich nun nach einem vollendeten Musikus um, und diesen fand er in einem Italiener, welcher der Kapelle des Fürsten vorstand. Es war ein junger, gefälliger, schöner Mann, der für seine Kunst schwärmte, unbescholtne Sitten hatte und die zärtlichsten Ergießungen der italienischen Dichter, der Lieblinge zweier Musen, mit allem Zauber sang und vorlas. Alle menschliche Gefühle, alle Bilder der Natur löste seine Phantasie in Töne auf, und seine sanfte, begeisterte Gesichtsbildung findet man nur in Gemälden seines Landsmannes Guido. Dieser Musikus nun führte die junge Amalie in die Geheimnisse dieser bezaubernden Kunst ein und wußte ihr, da er ihr Herz und ihren Geist nur zu berühren brauchte, das Schwere so leicht und faßlich zu machen, daß er bald selbst über das, was er sah, erstaunte. Der Schwärmer ward nun von seinem eignen Werke bezaubert, und sein Entzücken war eine fortdauernde Begeisterung. Unter diesen Schwärmereien, dem Gefühle der Fortschritte, den Entzückungen des begeisterten Lehrers ward Amaliens ganzes Dasein Musik, und die Einbildungskraft, die feine Sinnlichkeit wurde durch die Musik in dem zarten Mädchen zu einem solchen Grade gespannt und entwickelt, daß ihr Geist und ihr Herz im beständigen Genusse unbeschreiblicher Wonne sich immer nach neuer, noch höherer sehnten. Ihr Lehrer setzte für sie die süßesten Laute, die feinsten Empfindungen, die zartesten Bilder seiner[388] Dichter in Noten, machte ihr die ganze Musik nur zu einer Empfindung, das schöne Glück, die süßen Schmerzen, die sanften Klagen und die hohe Begeisterung der Liebe auszudrücken. Zugleich unterrichtete er sie in der italienischen Sprache, und sie las bald sehr fertig die Lieblinge dieses gefährlichen Schwärmers. So erfüllte er Amaliens Phantasie und Seele mit Bildern, die nie erloschen, und reizte durch Musik ihre Sinnlichkeit und ihre Einbildungskraft, ehe noch ihr Geist sich entwickelt hatte.

Um diese Zeit hörte sie Ferdinands kühne Äußerung. Gleich einem Blitze zündeten seine Worte in ihrer Seele, und seine kühnen Blicke, seine schlanke, schöne und heroische Gestalt, sein mutiges, kraftvolles Wesen wirkten so auf sie, daß sie die Augen niederschlug. Es schien ihr, als stellte er plötzlich alle schwankenden Träume, alle zerstreuten Bilder lebendig, vereinigt ihrer Phantasie dar. Als Ernst sprach, konnte sie die Augen wieder aufheben, und ihn konnte sie anblicken. Was er sagte, gefiel ihr, aber das war auch alles. Doch was Ferdinand nach Hadems Rede zu ihr sagte, machte einen dauernden, unauslöschlichen Eindruck, und nie konnte sie sich in das Zaubergelispel ihrer Töne verlieren, in süßen Klagen der Liebe oder in feierlichen, erhabnen Gefühlen an ihrem Klavier, auf ihrer Laute ergießen, ohne daß Ferdinands Worte in ihrem Herzen ertönten, seine Blicke in ihren Geist drangen und das Geschehene mit den kleinsten Umständen in ihrer Seele lebendig machten. So schloß die Musik durch die zu frühe, zu gefährliche Aufregung der Sinnlichkeit, der Einbildungskraft und durch die immer zurückkehrende Erinnerung eines unvergeßlichen Augenblicks sie in einen Zauberkreis, aus dem sie nie mehr treten konnte, den ihr Herz und ihre Phantasie, auch wider ihren Willen, erschufen.

Zu ihrem Glücke zwangen häusliche Umstände den Italiener zur Rückkehr in sein Vaterland. Der Vater selbst fühlte, sie sei für ihre Jahre in dieser Kunst zu weit gegangen, und dachte nun auf bestimmtere Ausbildung ihres Geistes. Ein vortrefflicher Mann ward ihr Lehrer. Ihr Herz, das durch die feinen Gefühle[389] der Musik vorbereitet war, nahm leicht die schöne und edle Stimmung an, die ihr Lehrer ihm zu geben suchte, und ihr Verstand bemeisterte sich der Phantasie, der allzu sehr gereizten Sinnlichkeit. Hohe Gesinnungen und eine besondre Kraft schienen sie nun vor jeder Gefahr zu sichern.

Als sie aber Ernsten zum erstenmal wieder erblickte, stand Ferdinand so vor ihr, als habe die Zeit bisher stille gestanden.


7.

Ferdinand strebte seit der Unterredung zwischen ihm und Renot nach Licht über die Zweifel, die sein Herz und seinen Geist so rastlos beschäftigten und quälten. Er benutzte das erste, ruhige Gespräch mit Ernsten über die Angelegenheiten des Tages, um dessen Gesinnungen über diesen ihm nun so wichtigen Punkt zu hören. Er wußte, daß Ernst ihm nichts verbergen konnte, daß er selbst aus Schonung für ihn keine Lüge sagen und höchstens seine Ausdrücke mäßigen würde. Da aber Ferdinand immer mit Wut von diesem Gegenstande sprach und alles, was geschah, nur in dem Lichte seiner Leidenschaft betrachtete, so schwieg Ernst gewöhnlich und suchte das Gespräch auf andere Gegenstände zu leiten. Jetzt bemerkte Ferdinand dieses mit verdrießlicher Laune, und Ernst erwiderte:

»Ich schweige, weil ich diese Begebenheiten, die uns in einem so kurzen Zeitraume alles vor die Augen stellen, was die Menschen, seitdem sie die Erde bewohnen und verwüsten, in diesem Sinne mögen unternommen haben, aus einem andern Gesichtspunkte ansehe als du. Da unser Herz bei diesen Erscheinungen ohne Unterlaß empört oder von Zweifeln geängstigt wird und da das Interesse, die Vorurteile der Menschen einander hierbei so sehr durchkreuzen, so wundert es mich nicht, daß man die Quellen dieser Erscheinungen übersieht und weder gerecht verfährt, noch verfahren kann. Dir vergebe ich es umso mehr; denn wer kann von dir fordern, daß du vergessen sollst, was du durch diese Begebenheiten erlitten und verloren hast! Es ist menschlich, daß du alles, was dort geschah und geschieht, als[390] Zerstörung deines Glückes, als Vernichtung deiner letzten Hoffnung ansiehst; aber eben darum ist dein Urteil auch so parteiisch, weil es aus Leidenschaften, aus Rücksichten auf dich selbst entspringt.

Du siehst mich unwillig an. – Ferdinand, ich bitte dich, vergiß dich einen Augenblick. Dir kann ich ja wohl sagen, was ich denke, du wirst meine Worte nicht mißdeuten und auch hier deinen Freund nicht verkennen, der sich dir jetzt anvertrauen muß. Längst merkte ich, daß du dies erwartetest; denn leider können in dieser unglücklichen Zeit weder Menschen noch Freunde zusammenleben, ohne sich über diesen Punkt zu verständigen, und dieses ist nicht die kleinste der bösen Folgen für uns und unser Vaterland.

Du hast lange in Frankreich gelebt. Sage mir aufrichtig, hast du etwas anderes von dem Augenblick erwartet, da dieses Volk das morsche, lockre Band zerriß, das es nur noch zusammenzuhalten schien? Hatten seine Vorsteher und Führer nicht schon längst durch ihren an ihm geheim und öffentlich ausgeübten Frevel allen Glauben an Tugend und moralischen Wert in dem Herzen dieses Volkes aufgelöst? es durch ihre Taten zu diesem Unglauben, dieser Verzweiflung an allem Guten gezwungen? Konnten da die Folgen anders sein? Kannten ihre Führer andre Götzen als das Interesse, die Befriedigung ihrer Torheit und ihrer unersättlichen Begierden, die sie öffentlich, ohne alle Scheu und Scham, und immer auf Kosten derer befriedigten, die sie unterdrückten? Ward die den Menschen erniedrigende Lehre der Sinnlichkeit, des Nutzens nicht öffentlich in Systemen aufgestellt? diesem zerdrückten Volke vorgelegt, damit es bei seinem physischen Elende auch die moralischen Quellen desselben kennenlernte und sich fest überzeugte, es sei nun keine Hoffnung der Rettung mehr? Übte man an diesem gutmütigen, seinem Könige so treu ergebenen Volke in dessen mächtigem Namen nicht alle Verbrechen solange aus, bis man das Vertrauen zu dem Könige und alle Keime des Guten in dem Volke erstickt, alles Gefühl der Gerechtigkeit vertilgt hatte? Kann der gerecht sein, gegen den man immer ungerecht war? Und warum schreibst[391] du nun alles das, was Böses geschehen ist, diesem Volke allein zu? Mußte es nicht endlich an seinem Lehrmeister, da dessen Macht und Ansehen verschwunden war, das ausüben, was es von ihm gelernt und erfahren hatte?«

FERDINAND: Mußte, Ernst! mußte!

ERNST: Halte dich nicht an ein Wort, dessen Sinn zum Zergliedern viel zu schrecklich ist. Mein Herz verwirft ihn; und glaubte ich, es hätte so verfahren müssen, ich würde mit dir nicht davon reden.

Alles, was bisher geschah, geschah von dem ersten Augenblick an so schnell, so unerwartet, so außer aller Regel der Erfahrung, war immer trotz dem glänzenden Schleier, in das die Redner es hüllten, mit solchen drohenden Umständen begleitet, schien immer so ganz das Werk der Partei und einer wilden Begeisterung, daß mir vom Anfange an für das Volk und das Gute, welches die Sache an sich hatte, bange ward. Es ist ein fürchterliches, erhaben ängstliches Schauspiel, wenn ein so zahlreiches Volk aufsteht und mit einem Schrei ein Wort ausspricht, dessen Sinn ihm noch dunkel ist, dessen Wert und Gefahren es nicht gekostet und worin es nur das Gegenteil von dem sieht, was es erlitten und erfahren hat. Mit Angst sah ich diesem Schauspiele zu, meine Angst vergrößerte sich, je mehr meine düstre Ahndung in Erfüllung ging. Oft glaubte ich die Erde um mich her mit ihren überreifen Bewohnern versinken zu sehen; meine Blicke hefteten sich auf die ganze Menschheit und erhoben sich von ihr gen Himmel. – Als nun bald unsern ganzen Weltteil grimmige Mordgeister erfüllten, als hier ein Menschenopfer dem andern auf dem Schlachtfelde folgte und immer eine schreckliche Nachricht von dort her durch eine noch schrecklichere verdrängt ward, daß das Herz und das Gedächtnis und das Besinnen erlagen und sich alles, was ich glaube und hoffe, aufzulösen drohte, da, Ferdinand, schwang ich mich neben Jupiter auf den Ida, vor dieses dem Mord und der Zerstörung geweihte Troja, und sah gleich ihm in die Waage des mächtigen Schicksals, ohne Parteilichkeit und ohne Vorliebe, um unter diesem Schauspiele das zu erretten, wodurch ich allein bestehe.[392]

Ferdinand schien einen Augenblick ergriffen von diesem ihn überraschenden Bekenntnisse. Dann sprang er auf und sagte mit Bitterkeit:

»Und dieses wäre alles, was deine kalte Tugend hierzu zu sagen hätte? Nun, so möchte ich diesen erhabenen, dem würgenden Schicksale ruhig zuschauenden Jupiter mitten in Paris sehen!«

ERNST: Ich würde auch da so denken, und aus eben diesem dir schon angedeuteten Sinne. Auch ist es alles, was ich zu sagen habe, wenn du mich verstanden hast. Könnt ich nur so auf Teutschland blicken! Hier blutet mein Herz. Was haben Teutschlands Söhne verbrochen? Warum sollen sie büßen für fremde Verbrechen, für Verbrechen, die sie nicht kannten, nicht ahndeten? Warum soll sich ein Teil von Teutschlands Söhnen für Meinungen eines andern Volks erschlagen lassen, während die Übriggebliebenen zu ihrer Gefahr davon unterrichtet werden? Warum soll die Sache eines Volkes die Sache der Menschheit werden? So ist es ein Kampf der Finsternis mit dem Lichte, der Furcht mit der Rache. Haben wir diese Rache verdient? Oder blutet unser Volk für Absichten, die ich nicht berühren mag, ob sie gleich sich täglich mehr entwickeln? Und was tun die Vorsteher dieses treuen, sich aufopfernden Volkes, um dem Geiste des Aufruhrs, der gleich einem drohenden Gespenste mit dem Feinde uns immer näher tritt, zuvorzukommen? Daß sie die Herzen der Fürsten gegen das beste und treuste Volk der Erde vergiften. So sollen also diese Schreckensszenen auch für uns ohne Nutzen und Lehren vorübergehn, und der Teutsche soll, von innen und außen mit Schmach bedeckt, besiegt dastehen? So soll alles zusammenstürzen? Für Stolz, Wahn oder Eigennutz, mißverstandne Macht wollen sie ihr Dasein und das Dasein derer wagen, durch die das ihrige besteht? Hier, Ferdinand, will ich es noch einmal versuchen, ob das Beispiel gewirkt oder ob uns alle Klugheit in dieser allgemeinen Bezauberung verlassen hat.

Und nun, wenn du meine Ruhe liebst, so ist dieses das erste und letztemal, daß wir von diesem Gegenstande sprechen. Keinem[393] als dir hätte ich geantwortet. Mir ist das elende Gerücht, welches giftige Zungen gegen mich verbreitet haben, nicht unbekannt, aber ich muß für etwas sorgen, das sie nicht kümmert, und mein Sinn würde ihnen nur Torheit scheinen.

FERDINAND: Ich begreife ihn, verzeih ihn dir, nur dir allein, und doch empört er mich.

ERNST: Ich bemerkte es; und um so nötiger ist es, daß wir von dieser Sache schweigen. Laß nicht zwischen uns dieses Elend eintreten, das alle Freude und alles Vertrauen unter den Menschen zu zerstören droht. Ich fordere nichts an dich, fordere nichts an mich.

FERDINAND: Und was willst du hier tun?

ERNST: Mit Genehmigung des Fürsten den von ihm versammelten Adel noch einmal auffordern, allem dem zu entsagen, was nur seinem Stolz und Wahne schmeichelt. Ich will ihn auffordern, sein Dasein durch die Herzen eben der Menschen zu sichern, in denen er jetzt nur seine Feinde sieht.

FERDINAND: Du wirst nicht durchdringen.

ERNST: So laß mich meine Pflicht tun. Mein alter Vater tut die seinige auf dem Schlachtfelde; ich tue die meinige hier, und er selbst sagte, mein Krieg sei gefährlicher als der seinige.

FERDINAND: Ernst, so sehr ich dich liebe und bewundere – ich stimmte doch mit dem Adel, ich stimmte gegen dich.

ERNST: Weil du dich nicht vergessen kannst! Und doch, Ferdinand, würde ich dich nicht weniger lieben.


8.

So rein, schön und menschlich auch Ernst seine Gesinnungen Ferdinanden enthüllt hatte, so fand dieser doch Zweideutigkeit darin. Der Haß, die Wut gegen eine Sache, die ihm so viel gekostet, seinen Stolz, seine Eigenliebe so schrecklich beleidigt und jede Hoffnung, sein Glück wiederherzustellen, zertrümmert hatte, waren stärker als die Freundschaft, die er jetzt noch für Ernsten – nicht fühlte, sondern nur zu fühlen glaubte. Die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen war zu groß, als daß ein Mensch[394] von Ferdinands Denkungsart einen Mann, der ihm diese Verschiedenheit so merklich zu seinem Nachteile zeigte, herzlich lieben konnte. Denn so verderbt auch seine Einbildungskraft durch Renots Lehren, durch den fernern Umgang mit Menschen dieser Art und durch sein eignes bisheriges Leben war, so fühlte doch sein Herz, Ernst sei auf dem rechten Wege, nur er habe die wahre Würde des Menschen nicht allein errungen, sondern auch rein erhalten. Und wenn er sich dieses auch nicht laut gestand, so zeigte es doch sein Betragen gegen Ernst. Aber die Meinung, die er jetzt von ihm faßte, erregte seinen Unwillen. Sah er ihn vorher als einen edlen, gutmütigen Schwärmer an, so hielt er ihn jetzt für einen gefährlichen, und dieses rechtfertigte die Vorurteile seiner Feinde gegen ihn vor seinen verblendeten Augen.

Einige Tage nach dieser Unterredung gab er Ernsten an der Tafel des Fürsten einen Beweis von seiner jetzigen Stimmung gegen ihn, den Ernst von ihm am wenigsten erwartete. Es befanden sich einige neu angekommene Ausgewanderte an der Tafel, und bald drehete sich die ganze Unterhaltung um ihr Schicksal und die Begebenheiten, welche es veranlaßt hatten. Gegen das Ende der Tafel erzählte ein Greis sein und seiner Familie Unglück. Es war schrecklich, erschütternd, Ernst wurde bis in das Innerste seiner Seele bewegt, er sah auf die Silberlocken des Alten, der allein von einer zahlreichen blühenden Familie dem Tode, den alle andern gelitten, durch eine Art von Wunder entgangen war und nun in diesem Gefühl, unter diesem peinlichen Bewußtsein, mit diesem Erinnern die schwere Bürde des geretteten Lebens trug. Ernstens Augen waren feucht, er saß ganz in dieser Empfindung versunken, als plötzlich Ferdinand ihn anblickte und ihm französisch zurief:

»Und wie gefällt nun dieses dem Jupiter Olympius?«

Ernst schwieg und glaubte, Ferdinand würde durch sein Schweigen zu sich kommen, aber dieser forderte ihn noch stärker auf und erklärte sogar den Anwesenden den Sinn seiner Frage.

Ernst antwortete:

»Was soll ich sagen, da der über uns schweigt – er, der nach[395] eurem Glauben alles dieses vorhersah, der nach eurem Glauben das Menschengeschlecht leitet.

»Es herrschte jetzt eine große Stille an der Tafel, und Ernst nahm nochmals das Wort:

»Dächte ich nicht so, die Ereignisse unsrer Tage hätten mich längst um den Verstand – aber vorher um etwas noch Kostbareres gebracht.«

Keiner an der Tafel schien dieses zu verstehen, ausgenommen der Fürst und der Minister, deren Blicke zu gleicher Zeit den seinigen begegneten.

Ernst fuhr fort: »Ich habe über diesen Gegenstand eine Handschrift gelesen, eine Art von Gedicht, das vielleicht mit der Zeit erscheinen wird. Die Erde und die Hölle sind der Schauplatz. Alles ist in wildem, gärendem Aufruhr, nur der Himmel schweigt – nur zwischen ihm und dem klagenden, bebenden, blutenden Menschengeschlechte scheint ein undurchdringliches Gewölbe befestigt, durch welches das Winseln, das Jammern nicht dringen kann. Der schlafende Genius der Menschheit erwacht bei den ersten Erscheinungen. Es scheint ihm, als habe die Zeit ihm die von dem Wahne und der Torheit gefesselten Flügel leise aufgelöst, und freudig und kräftig dehnt er sie aus. Schon schwebt er empor, um Zeuge des schönen Schauspiels zu sein; als sich aber nun die Szene so fürchterlich ändert und er die ungeheuren Taten sieht und über das ganze Menschengeschlecht trauert, erhebt er sich himmelwärts, um vor den Thron des verhüllten Ewigen zu treten und ihn zu fragen, was der verborgene Zweck des Ewigen mit diesem Geschlechte sei, das auf diesem Wege, durch diese Mittel die höhere Entwickelung seiner Bestimmung suche.

Er sucht den Verhüllten, schwebt von Welten zu Welten, immer fragend: Wo ist er? Die großen, die ungeheuren, die schrecklichen Taten und Verbrechen dauern auf der Erde fort – Nun steht er, am Ende des Gedichts, an dem Ziele seiner Reise. Der Glanz, der von dem Throne des Ewigen ausgeht, leuchtet durch den Äther, verklärt das Angesicht des traurigen, bebenden Genius. Nun betritt er die goldnen Wolken vor dem Throne des[396] Verhüllten. Seine zitternden Lippen sprechen die Frage aus – anbetend harrt er auf die Antwort, und eine Stille, ein Schweigen herrscht durch die Himmel wie an dem ersten Schöpfungstage. Mit diesen Worten endet die Handschrift.«

DER FÜRST: Der Sinn dieses Schweigens ist fürchterlich.

ERNST: Mir ist er es nicht, mir scheint er erhaben zu sein und die Anerkennung der eignen Würde des Menschen zu enthalten. Der Ewige sollte durch laute Erklärung das Gefühl der Selbstständigkeit, auf welcher unser moralischer Wert beruhet, nicht erschüttern. Sein Schweigen rettet unser Verdienst, es deutet auf Licht jenseits des Grabes. Wir müssen an den hohen Zweck unsrer Bestimmung glauben, damit wir ihrer wert seien. Die ganze Wendung mißfiel Ferdinanden, und zwar umso mehr, da er in den Augen des Fürsten Beifall wahrnahm und der Minister ihn durch seine Blicke zu fragen schien, wie er, ein Freund Ernstens, an dieser Stelle zu dieser unerwarteten, so leidenschaftlich ausgesprochenen Frage gekommen sei?

Ernst sah ihn freundlich an und hoffte, das Gespräch über diesen Gegenstand würde nun zu Ende sein, als ein junger französischer Edelmann sagte:

»Die Erklärung wie die Dichtung scheint mir mystisch, und nur jene Königsmörder können mit ihr zufrieden sein, da sie alle ihre Greueltaten mit einem Schleier decket.«

Er legte hierauf Ernsten den Mord des Königs auf eine so hämische Art nahe, daß dieser, durch die Zudringlichkeit und nun wiederholte Achtlosigkeit gegen den Fürsten beleidigt, ihm antwortete:

»Ich erinnere mich in diesem Augenblick einer traurigen Geschichte, die sich zu meiner Zeit in Frankreich zugetragen hat. Ein reicher Edelmann, dessen Güter an der savoyischen Grenze lagen, wollte nach Paris reisen, um seine Tochter, die in einem Kloster daselbst erzogen ward, an einen jungen Mann von Geburt und großem Ansehen zu verheiraten. Seine Hausgenossen und Diener begleiteten ihn. Eine Bande Schleichhändler, die von dem Gesetze geächtet waren, hatten ausgekundschaftet, daß er einen großen Schatz von Edelsteinen und eine bedeutende[397] Summe Geldes zum Schmuck und zur Aussteuer seiner geliebten, einzigen Tochter mit sich führte. Sie überfielen ihn. Seine Hausgenossen und Diener, die er so lange wohlgehalten und die sich in seinem Dienste bereichert hatten, verließen ihn, um sich zu retten. Der Edelmann ward beraubt und dann ermordet. Wahr ist es, seine Getreuen eilten, was sie nur konnten, nach den nächsten Dörfern, um Hülfe aufzubieten.«

Jetzt herrschte ein tiefes Schweigen. Man sah einander einen Augenblick an, die Ausgewanderten blickten auf ihre Teller – Der Fürst hob die Tafel auf.

Ernst sagte Ferdinanden weiter kein Wort über das Geschehene, und Ferdinands Gemüt wurde dadurch nur noch mehr erbittert. Er hielt Ernsten nun für das, was Renot in seiner Schilderung aus ihm gemacht hatte, und dieser Gedanke ward durch ein Gefühl verstärkt, das er sich noch nicht zu gestehen wagte.


9.

In dieser Stimmung war Ferdinand, als sich eines Abends zwischen ihm und Ernsten das Gespräch auf die teutsche Literatur wendete. Amalie war gegenwärtig und die Unterredung hatte lange gedauert, bevor sie, dem Anscheine nach zufällig, Ferdinanden fragte:

»Sagen Sie mir doch, Herr von ***, hat der Roman, der einst einen so starken Eindruck auf Sie machte, auch in Frankreich einige Wirkung getan? So viel ich weiß, ward er übersetzt. Ich erinnere mich, daß Sie damals ganz bereit waren, für die erste beste Dame zu sterben. Doch Sie haben dieses wohl längst vergessen.«

Ferdinand fuhr bei dieser unerwarteten Frage so zusammen, als berührte eine Flamme sein Herz. Seine Wangen, seine Augen glühten, dann schoß Frost durch seine Glieder, und erst nach einigen Sekunden konnte er antworten:

»Ja, ich erinnere mich daran und werde es nie vergessen.«

Nun senkten sich Amaliens Augen, und erst jetzt fühlte sie, was sie getan hatte. Ernst, der mit Franzens blonden Locken spielte, sagte nun:[398]

»In dem Lande, worin Ferdinand seitdem gelebt hat, schien eine solche Liebe Raserei, war längst aus der Mode, oder man stellte sie nur aus, um in dieser oder jener Absicht Aufsehen zu erregen.«

AMALIE: Das war ein Glück für Ihren Freund, sonst hätten wir ihn schwerlich wiedergesehen. Sie erinnern sich doch, mit welchem Feuer er sich dem schönen Tode vor unsern Augen weihte? Gut, daß nun die Gefahr vorüber ist!

FERDINAND: Vorüber? Vielleicht! Bisher fand ich indes nicht, daß die Empfindung, deren ich mich von meiner Jugend her bewußt bin und immer bewußt war, schwächer geworden sei; sie ist vielmehr zu einer Leidenschaft geworden, deren Bekämpfung alle meine Kraft erfordert. Freilich ist dieses nun eine der Leidenschaften, über welche wir wenig oder nichts vermögen, da sie schon lange unser Meister ist, wenn wir sie gewahr werden. Indes habe ich nichts mehr für mich zu fürchten – in meiner Lage gleich ich auch hierin einem schmutzigen Bettler, der sich an den Tisch der Erdengötter drängt.

ERNST: Welche sonderbare Wendung du nun wieder diesem Scherze gibst!

FERDINAND: Dieser Scherz macht, daß ich mein Nichts am empfindlichsten fühle, dies ist es alles. Und sage, würde dieses nun nicht trotz Hadems weisen Lehren ein süßer, wünschenswerter Tod für mich sein? Gibt es einen schönern für den Menschen als, von den Flammen seines eignen Herzens verzehrt, zu sterben? Ich rede dir Wahnsinn und werde mir selbst zum Gelächter. Das Opfer eines von dem Schicksal Zertretnen ist ja keiner Träne wert, und darauf rechnet man doch, wenn man es darbringt; wenigstens hofft man auf eine Träne aus den Augen derjenigen, für die man sich opfert. Aber wer forderte ein solches Opfer von einem Unglücklichen! Wer möchte es annehmen! Jetzt freilich, Amalie, wäre die Wiederholung jener Worte Torheit, die Tat selbst würde man nur belachen. Und doch, ist es nicht die Liebe allein, die dem Menschen ohne Maß und Grenze gegeben ward, da er hier nach der Kraft seines Herzens so ganz sein Herr ist, daß selbst das alles vermögende Schicksal in diesem[399] Zustande nichts über ihn vermag? Alle unsre andern Gefühle und Gedanken sind beschränkt, gemessen, auf unser eignes Selbst gekehrt, hier nur fühlen wir uns ganz in dem Dasein eines andern. Und drängt uns der Gegenstand unsrer Liebe endlich gewaltsam auf uns selbst zurück, so ist es natürlich, daß man ganz zerfällt, da einem zurückgegeben wird, was man nicht mehr brauchen, nicht mehr ertragen kann.

ERNST: Diese Empfindungen sind so wild als dunkel. Sonderbarer Mensch, du sagtest, du habest das Ziel des Ruhms erreicht, es schon festgehalten; und wie ich dich kenne, hattest du gewiß dein ganzes Dasein gegen die glänzende Täuschung hingegeben. Die Täuschung verschwand, deine Kraft kehrte zurück, du eiltest in meine Arme und fühltest, dein Leben habe noch Wert. Und kennt die Ehrbegierde Grenzen? Ist etwas, das ihren immer zunehmenden Durst stillt? Wächst sie nicht bei jeder Stufe, die du höher steigst? Ist nicht eben das, was du nicht erreichen kannst, das, wornach du dich am meisten sehnest?

FERDINAND: Ja, sie hat Grenzen in meinem Vermögen, meiner Lage, die Verhältnisse der Menschen gegen mich bestimmen sie nur allzu scharf, und keiner ist toll genug, das Unmögliche unternehmen zu wollen. Aber das Reich der Liebe ist grenzenlos, unermeßlich, da gibt es keine Unmöglichkeit, hier herrscht der Mensch aus eigner Kraft, als Gott und Schöpfer. Hier öffnet er selbst die nie versiegenden Quellen seines Genusses und seines Glücks, und seine Einbildungskraft macht sie zu immer wachsenden Strömen.

Während Ferdinand dieses mit Begeisterung sagte, spielte Amalie, unterbrochen, einige Passagen auf der Laute.

Ein Bedienter kam und meldete den Sekretär des Ministers.

ERNST: Ferdinand, hätte ich dich nicht in Frankreich gesehen, ich zweifelte jetzt, ob du dort gewesen wärest. Was du uns da sagtest, sind Gefühle des Einsamen in unserm Eichenwalde. Ich hoffe, auch die andern sind nicht ganz erloschen, da diese so kräftig in dir leben.

Ferdinand drückte ihm düster lächelnd die Hand. Als Ernst weggegangen war, wendete er sich zu Amalien, welche, in die[400] letzten Töne ihrer Laute verloren, dasaß, einem Träumenden gleich, der über einen entzückenden Gedanken eingeschlummert ist.

Sie schlug die Augen gegen ihn auf. (Die seinigen waren noch ganz von dem vorigen Gefühle begeistert.)

»Wie? und Sie hätten nie geliebt?«

FERDINAND: Einen Augenblick habe ich geliebt, und dieser einzige Augenblick lehrte mich alles, was ich jetzt gesagt habe.

AMALIE: Es ist ein Glück für Sie, daß es nur einen Augenblick gedauert hat.

FERDINAND: Es hätte zugleich mein letzter sein sollen, da es der größte, der glücklichste war, den ich gelebt habe.

Amalie ergriff ihre Laute wieder. »Wo ist mein Gemahl?«

FERDINAND: Man hat ihn abgerufen.

Amalie nahm ihren Sohn bei der Hand und entfernte sich. Ernst kehrte bald zurück:

»Du hast gewiß mit deinen leidenschaftlichen Äußerungen meine Amalie entfernt?«

FERDINAND: So scheint es.

ERNST: Ich glaube es wohl. Sie kennt dich noch nicht genug, sie weiß nicht, wie deine allzu lebhafte Einbildungskraft den Herrn über dich spielt und wie sehr sie sich in verwegenen, übertriebenen Vorstellungen gefällt. Solche Beweise innerer Kraft sind für uns Männer wohl zu vertragen, aber diese zarten Seelen werden dadurch erschreckt. Jetzt fehlt es dir an edlen Gegenständen, diese Kraft zu üben. Indes sei ruhig, diese edlen Gegenstände sollen dir nicht lange fehlen. Unser Vaterland braucht Männer.

FERDINAND: Unser Vaterland? Ernst, unser Vaterland?

ERNST: Ich hoffe, wir haben eins, und morgen hoffe ich, es zu sehen, oder besser, ich wäre in einer Wildnis geboren! Du weißt, der Adel versammelt sich morgen. –

FERDINAND: Ein verlorner Morgen mehr für dich.

ERNST: Für den, der seine Pflicht erfüllt, ist er es nicht, der Erfolg sei, wie er wolle. Es tut mir nur leid, daß der Minister noch vor Tage reisen muß. Er ließ es mir eben sagen, und ich eile[401] zu ihm. Er muß eilends nach ***. So geht es den kleinen Staaten, die nur in Ruhe glücklich sind, wenn die großen Unternehmungen wagen. Sie sollen und müssen, ob sie gleich des Schadens gewiß sind, das Spiel mitspielen und am Ende den Mächtigen zu dem auf ihre Kosten errungenen Vorteile Glück wünschen und sich höflich bedanken, daß man sie noch fortdauern läßt.

FERDINAND: Ich mag davon nichts hören. Es geschieht ihnen selten mehr als sie verdienen; und jetzt nun gar!

Mit diesen unfreundlichen Worten schied Ferdinand mürrisch von Ernsten. Das, was er von Amalien gehört und an ihr bemerkt hatte, durchglühte sein ganzes Wesen. Entzücken, Schauder, die höchste Wonne und die tiefste Erniedrigung wechselten in seinem Herzen. Noch wagte er es nicht, den Gedanken ganz auszudenken, die Möglichkeit desselben sich gegenwärtig vorzustellen. Er ging zu Renot und sagte diesem mehr, als er ihm sagen wollte, weil er kaum wußte, was er ihm sagte. Renot lächelte und stellte sich, als verstände er nicht, als sei ihm das nicht ganz klar, was Ferdinand aus seinen Bemerkungen folgerte. »Es freut mich«, sagte er, »daß das Geheimnis endlich seiner Enthüllung nahe ist, daß dieser hohe, auf Ida sitzende Jupiter der Prüfung so nahe steht; als ein Weiser bedarf er solcher Prüfungen und muß sie wünschen, um seine Tugend vor aller Augen zu bewähren. Ich sehe dieses als einen moralischen Versuch an, den ich nicht vergessen werde in mein Tagebuch aufzuzeichnen.«

Ferdinand horchte, ohne zu hören. Einmal über das andere rief er: »Renot, es ist unmöglich! eins so unmöglich wie das andere! eins so schrecklich für mich wie das andere!«

Renot ließ ihn träumen, aber seine kalten, giftigen Bemerkungen über Ernsten, sein Mitleiden mit Amalien nährten die wütenden Flammen in Ferdinands Herzen. Beim Weggehen schüttelte dieser Renots Hand und sagte:

»Verraten Sie mein Geheimnis, wenn Sie es entdeckt haben. Tun Sie es, ich bitte Sie; denn wahrlich, die Tugend ist keine Torheit, sie ist nur verraten unter Menschen, nirgends sicher, selbst bei dem Freunde nicht, selbst in dem Busen des Weibes nicht, und[402] gliche es einer Göttin an äußerer Reinheit und Erhabenheit. Das sag ich Ihnen, Renot. Aber sie ist, sie lebt in ihm, und in ihm müssen wir sie ermorden, um das ruhig sein zu können, was wir sind.«

RENOT lachend: Wie tragisch die Liebe macht! Das alles wird sich schon geben. Die Weiber verstehen das recht gut, ihnen muß man so etwas überlassen. Morgen wird man ja den Demagogen hören, morgen will er ja uns und den Staat ausgleichen.

FERDINAND knirschend: Warum tut er das? Und jetzt?




10.

Der größte Teil des Adels hatte sich in einem Saale versammelt, jeder wußte den Zweck der Versammlung, und aller Gemüter waren in dumpfer, stiller Gärung.

Einer der ältesten las die Aufforderung des Fürsten vor, worin es hieß: Man möchte in dieser bedenklichen Zeit beratschlagen, wie der Gefahr, die immer mehr nahe, zuvorzukommen sei. Jeder wisse, daß täglich neue, traurige Nachrichten von gesetzwidrigen Unternehmungen und aufrührerischen Äußerungen aus der Nachbarschaft einliefen. Der Fürst bäte sie demnach, sein bisher so treues und gutes Volk vor solchen gefährlichen Unternehmungen zu bewahren. Er für seine Person würde gern augenblickliche Vorteile und vorüberrauschende Ergötzungen, die oft so drückend wären, dem Glücke seines Volkes aufopfern, und er hoffe dieselbe Gesinnung auch von seinem Adel. Jedem von diesem würde bekannt sein, daß wirklich Bedrückungen obwalteten, die um so lästiger und schmählicher wären, da selbst diejenigen, welche sie ausübten, nichts dabei gewönnen, durch die Unterlassung aber wirklich gewinnen könnten. Diese Bedrückungen wären nun in dem gegenwärtigen höchst kritischen Zeitpunkte sehr bedenklich, weil sie die Gemüter durch das gegebene Beispiel so schrecklich erbitterten und selbst das wahre Gute und Nötige verhaßt und zweideutig machten. Er fordere darum gar nicht von dem Adel, daß er eins seiner wesentlichen Rechte aufgeben solle, die er selbst gegen jeden beschützen würde; er[403] wünsche nur, daß man das aufgeben möge, was sich für diese Zeit und die darin lebenden Menschen nicht mehr schicke.

Nach diesem Vortrage herrschte dumpfe Stille.

Nach einer langen Pause erhob Ernst seine Stimme:

»Ein edler, weiser teutscher Fürst, der Vater dieses Landes, der erste Edelmann dieses Landes, hat gesprochen, gesprochen wie es zu dieser Zeit noch keiner tat – Ist er keiner Antwort würdig?«

Noch tieferes Schweigen.

Ernst fuhr fort:

»Er hat für das treuste Volk gesprochen, für teutsche Männer zu teutschen Männern, für ein Volk, das es immer mit seinen Fürsten hielt, das selbst in dieser alles verkehrenden Zeit keine zweideutige Gesinnung geäußert hat, daß alle rechtliche Lasten, wie alle widerrechtliche, mit Geduld erträgt, das euch ernährt, von dem ein Teil jetzt für euch und eure Rechte blutet – ist dieses Volk eurer Aufmerksamkeit nicht würdig?«

Tiefes Schweigen.

»Bin ich noch ein Teutscher? Rede ich zu Teutschen? Ist der Boden, den ich betrete, wirklich mein Vaterland? Was sind wir hier zusammen? Bedenken Sie, meine Herren, daß nie ein Fürst eine menschlichere, eine wichtigere Aufforderung an seinen Adel hat ergehen lassen! Bedenken Sie, daß uns das Schicksal zu keiner Zeit bedeutendere Winke gegeben hat, daß wir jetzt die Stunden zählen müssen, die es uns noch verstattet! Wollen Sie mit Ihrem unbegreiflichen Schweigen die Aufforderung des Fürsten abweisen? Haben wir nicht schon in der Nähe und in der Ferne Beweise genug gegeben von dem Mangel des teutschen Gefühls, der teutschen Vereinigung? Wollen wir nun einen geben, wie zur Ehre unsrer Vorfahren die Geschichte keines Landes im teutschen Reiche einen aufgezeichnet hat? Noch einmal, dieses Landes Fürst fordert Sie auf! Er fordert Sie auf, um Ihres Heils, um Ihres eignen Daseins willen! Und schwiege auch die Menschheit ganz in Ihrem Busen, so ruft er Ihnen, um Ihrer Sicherheit, um Ihres Vorteils willen, zu: Gestatten Sie der Klugheit, was Ihnen spätere Notwendigkeit gewaltsam entreißen kann. –

Soll ich immer allein hier reden? Wohl! so sei es Wahrheit, die[404] Sie mir abzwingen. Und hören Sie auch diese schweigend an, so habe ich doch so viel gewonnen, daß ich allein sie laut gesagt habe.

Was haben Sie bisher getan, den immer mehr nahenden, fürchterlichen Stürmen auszuweichen? die Gefahr von sich, Ihren Kindern und Weibern abzuwenden? Sind Ihre Vorkehrungen, Ihre Hülfsmittel Ihres Ruhms, des Ruhms des teutschen Namens würdig? Soll ich sie Ihnen aufzählen? Von dem Augenblicke an, da jenes Volk das gefährliche Beispiel gab, vermehrten Sie die Last, die dieses treue Volk hier trug, und traten in Verschwörung gegen dasselbe zusammen. Von Ihrem eignen Gewissen gereizt, dungen Sie Ausspäher und Angeber, welche Ihnen die geheimen Gesinnungen und Gedanken dieses aufrichtigen Volkes zutragen mußten, ja die, um Ihr Gold zu verdienen und sich bei Ihnen wichtig zu machen, den treuen, unschuldigen Bürger durch Fragen und Vorspiegelungen zu Äußerungen reizen mußten, die man Ihnen als gefährlich vortragen konnte. Diese, mit allen denen, welche der Haß und der Eigennutz zum Opfer auswählten, wurden nun das Ziel Ihrer Verfolgung. So übergaben Sie den ruhigen Bürger der Gewalt dieser Elenden, so erzeugten Sie das Mißtrauen zwischen Bürger und Bürger, zwischen dem Fürsten und seinem Volke. Gelang es Ihnen bei ihm nicht, so gelang es Ihnen vielleicht von der andern Seite. Soll es dahin kommen, daß er in seinem Volke Verräter sehe, sein Volk in ihm, seinem Vater, einen feigen Tyrannen, der seinen fürstlichen Sitz schon unter sich beben fühlt? Wenn Sie dieses suchen, so haben Sie freilich die besten Mittel dazu erwählt, aber ich verweise Sie auf die Zukunft, wegen des Erfolgs für Sie.

Und wenn Ihre Blicke hier mich töten sollten – Sie schweigen ja, so lassen Sie mich reden! – Blicken Sie ergrimmt auf mich und schweigen Sie, bis Wort und Tat zu nichts mehr helfen.

Selbst die Prediger, die Lehrer der milden Menschlichkeit, der Güte und Sanftmut, haben Sie zu ihren Mitverschwornen gemacht. Sie, die das Volk in diesen traurigen Zeiten unterrichten und trösten sollten, mußten von den Pflichten der Untertanen reden, als sprächen sie zu Sklaven, die Englands Gold an der brennenden Küste von Afrika kauft, in Ketten schlägt und nach andern[405] Welten schickt, um dort unter dem Drucke des Elends, den qualvollen Strafen das Gold zu erwerben, wofür ihr Herr ihre zurückgelaßnen Brüder kaufen kann, wenn sie selbst entkräftet niedersinken. Soll Ihnen unser menschlicher Fürst dafür danken, wenn er seinem Volke unter diesem Bilde erscheint? Kann einer von Ihnen sagen, daß er ihm gleicht? Glauben Sie das Volk durch solche Vorspiegelungen in dem blinden, sklavischen Gehorsam zu erhalten, den Sie von ihm fordern? Glauben Sie, ihm dadurch Mut zu Ihrer Verteidigung einzuhauchen? Glauben Sie, das Volk sei so blödsinnig, Ihre Absichten nicht einzusehen? nicht einzusehen, woher Ihre plötzliche Furcht, Ihr Beben, Ihr Trotz, Ihre verlorne Hoffnung, es bei nahender Gefahr zusammenzuhalten, entspringen? Meinen Sie, es sähe nicht die Larve und den Grund der Heuchelei ein, wenn nun der längst verschriene Ungläubige am öftersten zur Kirche geht? wenn Leute laut beten, die schon lange Gott vergessen zu haben schienen? wenn die, welche einst über alles spotteten, sich laut zu Aufklärern des Haufens aufwarfen, nun den tollsten Wahnsinn, den verworfensten Aberglauben in Schutz nehmen und zu befördern suchen? wenn sie die Vernünftigen, welche dieser Unsinn empört, lästern und als Feinde der guten Sache und der Fürsten ausschreien? Nur die, welche dieses tun, machen die Sache der Fürsten verdächtig und untergraben ihre Throne; denn durch diese Mittel suchen sie Mißbräuche der Macht zu heiligen, um die ihrigen zu sichern. Nur durch diese Mittel enthüllen sie dem Auge, was sie fürchten.

So soll Heuchelei, Betrug, Gewalt, Ausspäherei, geheime Anklage zusammenhalten, was der Lauf der Zeit untergraben hat? Und was für ein Gemälde von dem gemeinen Wesen stellen Sie den Menschen auf, wenn es solcher Stützen bedarf!

Was fordert der Fürst jetzt von Ihnen? Mißbräuchen zu entsagen, die schon zu lange dauern, das Volk drücken und für Sie ganz unbedeutend sind, dem Volke zu zeigen, daß Sie seiner gedenken. Vor vielen Jahren, noch ehe ich geboren wurde, hob mein Vater diese Mißbräuche auf, und ich darf kühn sagen, kein Gut im ganzen Lande trägt im Verhältnis mehr und keines nährt glücklichere, zufriednere Arbeiter.[406]

Ich sehe es ja – Schweigen, Unwille, Haß, Grimm, starre und flammende Blicke sind Ihre Antwort. Mögen Sie mir drohen! ich fürchte keinen von Ihnen, ich fürchte Sie alle, verbunden gegen mich allein, nicht. Jetzt habe ich meine Pflicht getan, als teutscher Mann für meinen Fürsten, für das Vaterland gesprochen. Ich betrog mich nur darin, daß ich glaubte, ich spräche zu Teutschen. Fahren Sie nur so fort, nennen Sie die Patrioten Aufrührer, fachen Sie den Parteigeist an, beschützen Sie die geheimen Angeber, lösen Sie alle Bande der Gesellschaft auf, zerstören Sie alle moralische Bande, alle bürgerliche Tugend, malen Sie den Fürsten als einen Tyrannen, das Volk als Verräter, übertünchen Sie Ihren Stolz, Ihre Hab- und Herrschsucht, Ihre Mißbräuche, Ihre Gewalttätigkeiten mit den Sophismen, welche der Zeitlauf beschöniget, treiben Sie es auf dem ganzen teutschen Boden mit allen, die eines Geistes mit Ihnen sind, so weit, bis das Ungeheuer aus der Finsternis plötzlich hervorspringt, in die Sie alles einhüllen möchten! Dies Ungeheuer wird nur Ihr Werk sein. So laden Sie die rächende Nemesis, die nun dort ihre Strafe ausübt, auch auf den teutschen Boden ein – Ruft dann, wenn alles um euch her zerfällt: des Fürsten waren wir nicht wert!«

Kalt erhob der Präsident die Stimme:

»Wir achten den Fürsten, darum schweigen wir. Durch unsre Rechte wollen wir die seinigen erhalten, darum schweigen wir. Unsre Antwort für jeden andern liegt in den Ereignissen des Tages. Jeder von uns in dieser gefährlichen Zeit getane Schritt kann Verrat an unserm Fürsten, den Mitständen, dem erhabenen Oberhaupte des Reiches werden. Dieses ist des Adels Antwort. Laßt Ruhe und Frieden wiederkehren ... beraten wir, dann scheint das nicht erzwungen, was wir geben, dann wird man uns danken. Jetzt würde jede Wohltat ein Beweis des Zwanges, des Schreckens sein, und wohin dies führt, beweisen uns unsre Nachbarn. – Ihre Rede würde sich übrigens in einem gewissen Klub in Paris recht gut ausnehmen, und sie ist Ihres Lehrers des mehr berüchtigten als berühmten Rousseaus, wert. Doch was Frankreich ihm verdankt, wollen wir ihm nicht verdanken, und sollten wir auch das Unglück haben, seinem feurigsten Schüler zu mißfallen.«[407]

Diese Worte drangen mit allem ihrem Gifte in Ernstens Seele; doch faßte er sich:

»Und dies ist alles, was der Fürst zur Antwort erhält?«

PRÄSIDENT: Alles, was Sie zur Antwort erhalten. Wir sind nicht allein dieses Fürstentums Adel, wir sind auch des Reiches Adel, haben Pflichten gegen dessen erhabenes Oberhaupt. Und nun noch eine Frage von unsrer Seite an Sie: Sagten Sie alles, was Sie uns sagten, kraft der Vollmacht des Fürsten?

ERNST: Nein.

PRÄSIDENT: Wir dachten es wohl! Und es ist darum gut zu wissen, wenn diese Rede etwa bis zu höhern Orten gelangte. So liegt ja in Ihrer Antwort unsre Rechtfertigung, und hier sind der Zeugen genug.

ERNST: Nun erlauben auch Sie mir eine Frage: Wer ist der Aufrührer (denn dieses wollten Sie mir doch vorhin sagen), der, welcher seines Fürsten Antrag mit Schweigen beantwortet, oder der, welcher Sie zur Beherzigung desselben nach Pflicht und Gewissen auffordert?

PRÄSIDENT: Unser Schweigen ist weiser, ehrfurchtsvoller für den Fürsten als Ihr Reden.

Leise zu ihm: Sie werden nun erst die Kraft des Wortes System kennenlernen, das Ihnen in Ihrer Jugend so abscheulich vorkam.

ERNST ebenso leise: Eben weil ich es mir damals so dachte, kam es mir so vor, und Sie haben nie ermangelt, seine Bedeutung in diesem Sinne zu rechtfertigen.




11.

Ernst ging zu dem Fürsten und meldete ihm alles, was vorgefallen war. Der Fürst hörte ihn an und sagte endlich:

»Junger Mann, wir sind hier die einzigen Teutschen. – Die Herren wollen es so, und mir bleibt nichts übrig, als zu wünschen, daß sie den heutigen Tag nicht zu bereuen haben mögen. Ich fühle, was ihnen früh oder spät bevorsteht, und kann es nicht ändern. So handeln wir hier, während die wenigen Edlen und Tapfern für das Vaterland fruchtlos fallen.[408]

Fassen Sie Mut! Sie brauchen ihn jetzt; denn an diesem Tage muß ich Ihnen noch ein Trauerbote sein. In der letzten Schlacht, wo abermals das Blut der Teutschen floß –«

ERNST: Mein Vater –

FÜRST: Er ist schwer verwundet.

ERNST: Oh, er ist tot!

FÜRST: Den Nachrichten zufolge, die ich erhalten habe und die einander widersprechen, nicht. Reisen Sie und stärken Sie ihn durch Ihre Gegenwart. Sie werden ihn in *** finden. Kann es Sie trösten, so sage ich Ihnen von ganzem Herzen: Sie verlassen einen Freund in mir, der auf Sie zählt, auf den Sie zählen können. Und nun geschwind. – Sie müssen noch heute fort.

Er reichte Ernsten die Hand, zog ihn in seine Arme und drückte ihn an seine Brust, indem er sagte:

»Vergessen Sie nicht, daß ich auf Sie zähle, daß ich in diesen schweren Zeiten Ihrer bedarf, daß Ihr Vater Ihre Pflicht mit seinem Blute auf den teutschen Boden geschrieben hat!«

Als Ernst aus dem Zimmer des Fürsten trat, bemerkte man seine Blässe, seine Tränen, sein Schwanken, sein hastiges Eilen. Die Bosheit faßte es auf, deutete es nach ihrem Wunsche und frohlockte schon über seinen vermeinten Fall. Sowie Ernst nach Hause kam, befahl er, die Post zu bestellen und alles zur Abreise fertig zu machen. Er eilte zu Amalien, bei welcher er Ferdinanden fand. Die Worte des Fürsten hatten ihm sein Unglück nur allzu klar angedeutet, er sagte also, sein Vater sei wirklich tot oder habe nur kurze Zeit zu leben und er reise in dieser Stunde ab. Er fragte nach seinem Franz. Ferdinand lief, ihn zu holen. Tief gerührt nahte sich Ernst Amalien, sie ließ ihr Haupt sanft auf seine Schulter sinken, und Tränen füllten ihre Augen. Sie bat ihn, Ferdinand mitzunehmen, da er gewiß in dieser für ihn so traurigen Lage eines Freundes bedürfte.

Ernst antwortete, indem er sie zärtlich küßte: »Sein Sie nicht für mich besorgt, Ihr Geist, Ihre Wünsche werden mich dorthin begleiten. Ich weiß ja, daß ich hier die Quelle meines Trostes und Glückes zurücklasse und daß ich sie wiederfinde.«[409]

AMALIE: Ich bitte Sie, nehmen Sie Ihren Freund mit. Um der Gefahr willen –

ERNST: Wäre Gefahr für mich, so würde ich ihn umso weniger zum Begleiter wählen, und Sie wissen ja, er ist nicht in der Stimmung, die einem kummervollen Herzen wohltut. Wann ich ruhig bin, kann ich alles von ihm ertragen, da ich die Ursachen fasse. Vielleicht könnt ich dieses in meiner jetzigen Lage nicht, vielleicht könnte ich vergessen, daß er unglücklich ist. Liebe, die Menschen verlassen mich alle hier, ich will mir gerne den Freund meiner Jugend erhalten. Sagen Sie ihm darum ja nichts von meiner Äußerung über ihn, seine lebhafte Einbildungskraft könnte sie leicht in einem gehässigen Lichte ansehen.

AMALIE: So erlauben Sie, daß ich Sie begleite.

Ernst küßte sie heftig: »Oh, ich danke Ihnen für den Gedanken, für die Empfindung –«

Amalie sank auf den Sofa und drückte ihre Hände an ihre Brust. Ferdinand trat mit Franz herein, und Ernst fuhr fort:

»Dieser – unser Franz bedarf Ihres Schutzes, nur unter Ihrer Aufsicht kann ich ihn verlassen.«

Als Franz hörte, daß sein Vater ihn verlassen würde, rief er: »Nimm mich mit, Papa! Du weißt, der Großvater liebt mich, und wenn er krank ist, will ich bei ihm sitzen, wie ich bei der Mama sitze, wenn ihr nicht wohl ist.«

Ernst sagte ihm, das ginge nicht an, und führte ihn zu seiner Mutter. Dann wendete er sich zu Amalien:

»Alles das, was mein Glück auf Erden ausmacht, verlasse ich heute zum erstenmal.«

Der Knabe schrie nun heftiger: »Nimm mich mit, Papa!«

Der Abschied war von Amaliens Seite düster, traurig, von seiten Ferdinands leidenschaftlich, beklommen. Ernst riß sich ohne Worte aus Amaliens Armen – und als er Amalien mit der einen Hand und Ferdinand mit der andern umfaßte und in der Betäubung von dem freundschaftlichsten Gefühle beider Hände ineinander legte, stürzten seine zurückgehaltnen Tränen aus seinen Augen. Er drückte Franz an sein Herz und eilte schnell weg.


12.

[410] Ernstens letzte Beurlaubung von dem Fürsten und seine plötzliche Abreise schienen nun seinen Feinden einen Triumph zu versprechen, aber der Fürst ließ sie nicht lange in diesem Wahne.

Als er den folgenden Tag in dem geheimen Rat sein Mißvergnügen und seinen Kummer über das Betragen des versammelten Adels zeigte, entschuldigte sich jeder der Gegenwärtigen mit dem Vorwande, Ernst habe durch seine Heftigkeit, durch seine Anmaßungen, seine beleidigenden Vorwürfe die Gemüter der meisten so erbittert, daß auch den Kältesten und Verständigsten nichts anderes übrig geblieben als für jetzt zu schweigen, um in einer so wichtigen Sache das Ansehen Sr. Durchlaucht nicht auszusetzen.

Der Fürst antwortete:

»So bin denn ich und mein Ansehen es abermals, die hier dem Guten im Wege stehen mußten! Doch, meine Herren, ich kenne die Ursache von dieser zarten Gewissenhaftigkeit meines Adels nur allzu genau und weiß, was Sie zu beschützen suchen, indem Sie meine Macht zu beschützen vorgeben; und darum kann ich Ihnen nicht dafür danken, wie Sie vielleicht wohl gar erwarteten. Auch weiß ich sehr wohl, wie sanft und gesetzt Herr von Falkenburg anfangs gesprochen hat. Aber er sprach zu Schweigenden – zu Schweigenden, von denen ich Antwort forderte – ich, Ihr Fürst, dieses Volkes Fürst und Vater! und zwar über einen so wichtigen Punkt, daß Ihr Schweigen auch den Weisesten hätte empören müssen. Dieses Schweigen bewies nun freilich dem edlen Manne, wie es auch mir beweist, daß man über meinen Antrag schon entschieden hatte, bevor man Ihnen denselben vorlas. Da sprach freilich der junge Mann ein Teutsch, das, mit vielem andern Schönen, unter uns veraltet zu sein scheint. Doch ist es gut, daß es zuzeiten noch erschallt, und diente es auch nur dazu, daß es uns den geraden, offnen, biedern Sinn unsrer Väter erklärt und zurückruft; wir würden sonst sogar die Erinnerung daran verlieren. Hätten auch sie geschwiegen, wie jetzt mein Adel schweigt, wie stände es nun mit uns![411]

Noch ein Wort, und dann entlaß ich Sie für heute; denn ich bin wahrlich nicht gestimmt, über Kleinigkeiten nach der Form zu urteilen, da ich das Wahre, das Gute nicht erreichen kann.

Ich stelle das Schweigen meines Adels zwischen Gott, mein Volk und mich!«


13.

Als Ernst in *** ankam und sich bei dem kommandierenden General nach seinem Vater erkundigte, erfuhr er die Gewißheit seines Unglücks. Sein Vater war in der Schlacht geblieben; eine Kanonenkugel hatte ihn in dem Augenblick getötet, da er mit einem Bataillon eine feindliche Schanze ersteigen wollte, die schon einigemal vergebens und mit großem Verluste angegriffen worden war. Da der Feind das Schlachtfeld behauptet und die Sorge für die Toten übernommen hatte, so verlor Ernst auch den einzigen letzten Trost, bei dem Grabe seines Vaters zu weinen. Er verschwand ihm in die Geisterwelt, ohne für ihn eine Stätte der Vereinigung auf Erden zu hinterlassen. Der General, welcher den schrecklichen Eindruck dieser Nachricht auf ihn bemerkte, sagte:

»Ihr Verlust ist unersetzlich, und Worte können Sie jetzt nicht trösten, aber zum Nachruhm Ihres Vaters muß ich Ihnen sagen: wenn Teutschland viele Männer seinesgleichen hätte, so ständen wir nicht, wo wir stehen. Uns fehlt der Geist, der ihn beseelte; und nur durch diesen vermöchten wir jene Scharen zu besiegen.«

Aber in seinem Hause, da, wo er nach seinem Verluste, in der Lage, in welche seine edlen Gesinnungen für seinen Fürsten, seine aufrichtigen Bemühungen für sein Vaterland ihn nach und nach geführt hatten, Trost und Ersatz erwartete, da entschied sich, eben in diesem für ihn so schmerzvollen Augenblick, sein Schicksal auf das schrecklichste. Seine Ruhe war schon ermordet, alle Blüten seines jugendlichen Traumes, seines schönen Lebens verdorret und zertreten. Die Quelle seines Glücks, welche ihm die Reinheit seiner Tugend, die Erhabenheit seines Sinnes so zusicherte, daß er, stark in diesem Glauben, allen Schlägen des Schicksals, aller Bosheit der Menschen entgegenging, war versunken, so versunken, daß sein Auge die Spur davon nicht mehr[412] entdecken, sein durstendes Herz an dem Abgrund, in welchen sie sich verloren hatte, vertrocknen, erstarren sollte.

Die Verachtung, der Hohn, der Haß, womit Ernstens Feinde unermüdet von ihm sprachen, die Entwürfe, die sie in ihrer Wut gegen ihn schmiedeten, die Ursachen, womit sie alles rechtfertigten, was sie taten und sprachen, machten nach und nach auf Ferdinands Herz, das in eine sträfliche, vermessene, alle Sinne verschlingende Leidenschaft ganz versunken war, einen solchen Eindruck, daß sich in ihm das lockre, kaum noch fühlbare Band der Freundschaft, der Achtung und Pflicht völlig auflöste. Das wilde Geschrei dieses Hasses, dieser Wut und dieses Hohns ward dem Verblendeten was dem noch schwankenden Verbrecher die Sophismen einer durch die heftigen Begierden verdunkelten Vernunft sind. Er sah in seinem Freunde nur den Volksaufwiegler, den Mitgenossen der Zerstörung seines ehemaligen Glücks, den kalten Besitzer des schönsten Weibes auf Erden, das er selbst mit aller der Kraft und Heftigkeit liebte, deren sein durch Renot und die Welt verderbtes, unbändiges Herz, seine glühenden Sinne, die kein anderes Gesetz erkannten als den Genuß, und seine alle Schranken überspringende Einbildungskraft fähig waren. Sein Verlust, sein Neid, seine aus seinem vermeinten Unglück entspringende melancholische Stimmung reizten unaufhörlich seine Leidenschaft. Renot blies leise und um so gefährlicher in die Flammen, die sein Herz verzehrten. In dessen Gegenwart dachte Ferdinand nicht mit einem Gedanken an seinen Freund, nur wenn er Franzen, den sanften, lieblichen Abdruck seines Vaters, sah, lief kalter Schauder durch seinen Busen. Aber glühendes Feuer folgte auf die Erschütterung, wenn er in Amaliens düstre Augen blickte, wenn sie sprachlos vor ihm saß, wenn eben dieses feierliche Schweigen, ihre unwillkürlichen, hastigen Bewegungen, die wechselnde Röte und Blässe auf ihren Wangen, ihr plötzliches Entfernen und Wiederkehren bezeugten, was in ihrem Herzen vorging. In ihrem Zimmer herrschte jetzt die Stille, welche dem Verbrechen vorausgeht – düster, drohend, anlockend, anziehend und dahinreißend durch das schaudervolle, feierliche, das schmachtende Leiden, das[413] Kämpfen, die Blicke, die umso mächtiger reden, je mehr man sie zu bemeistern sucht, durch die bebende Furcht, das Heben des geängsteten Busens, die fliegende Röte, von dem Zurückdrängen der kühnen Wünsche erzeugt. Es erscholl kein Laut mehr. Selbst die Musik, der Gesang verstummte. Klavier, Harfe und Laute waren in das Nebenzimmer gebracht und fest verschlossen, Amaliens Geist schien zu ahnden, daß sie die Urheber der ihn so schrecklich drückenden Schuld wären.

So saßen die Unglücklichen ganze Stunden, Abende und Tage zusammen, wie von dem mächtigen Schicksal in den magischen Kreis gefesselt, den der gefährliche Zauber der Sinne um sie gezogen hatte. Sie saßen gegeneinander, als stände ein drohender Todesengel zwischen ihnen, als säßen sie vor einem Abgrunde, den die bezauberte Einbildungskraft mit einem glänzenden Nebel ausfüllt und aus dem Gespenster aufsteigen, wenn man ihm nahet. Doch über dem Abgrunde, dem Grabe der Tugend, der Pflicht, des Glückes, verdickte sich der Zauberdunst immer mehr, verhüllte immer mehr den Todesengel vor den entflammten Sinnen der Vermessenen, der Verblendeten. Der Anblick der immer Kämpfenden stellte Ferdinand zwischen Leben und Tod. In einer Sekunde, da ihre Blicke sich begegneten und ihre Herzen und Seelen sich in diesen Blicken gegeneinander öffneten und ihr ein Laut entfuhr, als löse sich ihr Leben auf, lag Ferdinand auf den Knien vor ihr und drängte gewaltsam sein Haupt an ihren Busen. Die Lippen des Unglücklichen berührten ihre Lippen und lösten das heilige Siegel der Pflicht.

In diesem Augenblick öffnete der kleine Franz hastig die Tür, streckte sein blondes, liebliches Köpfchen herein und rief freudig:

»Der Papa kommt!«

Das Mädchen hatte ihn mit diesem Zuruf von einem gefährlichen Spiel abhalten wollen, er glaubte es wirklich und lief, seiner Mutter die freudige Nachricht zu verkündigen.

Kaum vernahm Ferdinand seine Stimme, kaum erblickte er das unschuldige, heitere Bild seines Freundes, als er wütend auffuhr und hastig nach der Tür sprang. Der Knabe erschrak vor dem Blicke des Wütenden, er floh und fuhr in der Angst gewaltsam[414] mit der Brust gegen die scharfe Ecke des Klaviers. Er stürzte zu Boden. Ferdinand raffte ihn auf, Amalie eilte hinzu. Aus dem Munde des Knaben floß Blut.

Schmeichelnd sagte Franz: »Es ist nichts, Mama, erschrecken Sie nicht.«

Ferdinand zerschlug seine Stirne. Amalie sah starr vor sich hin. Ihre Augen begleiteten das Blut, das aus dem Munde des lieblichen Kindes floß.

Ferdinand rief um Hülfe. Man eilte hinzu – das Blut hörte auf zu fließen, und man trug den bleichen Knaben in ein Nebenzimmer auf den Sofa.

Amalie stand noch immer mit Ferdinand vor dem Blute. Plötzlich faßte sie seine Hand und sagte mit einem dumpfen, lispelnden Tone, indem sie mit ausgestrecktem Finger auf den Boden zeigte:

»Blicken Sie nur dahin auf dieses Blut! Sehen Sie diese Purpurtropfen nur an, die dem unschuldigsten Herzen entflossen, es sind die ersten Früchte des Verbrechens – sie reifen schnell!«

FERDINAND: Sie töten mich, da ich kaum noch lebe – Es war Zufall und wird nicht von Folgen sein.

AMALIE: Es wird von großen Folgen sein – Und Zufall? Zufall nennen Sie dieses? Wenn dieses Zufall ist – gen Himmel blickend – was bist dann du? Oh, so war es denn auch Zufall, daß ich einst einige Worte hören mußte, die an den Ohren aller andern Horchenden ohne Wirkung vorüberflogen und die nur hier so anschlugen, daß ihr Laut mir immer fortklang und der Blick, der sie begleitete, nie wieder aus meiner Seele verschwindet. Ich weiß nun nicht mehr, was ich bin, ich weiß nicht, was Zufall ist; denn ich fühle nur, daß Sie dieses da durch mich, und ich durch Sie, getan habe. Und Sie sagen noch, es werde nicht von Folgen sein? – Ferdinand, solcher Tropfen, wie diese da, werden mehrere fließen, sie werden langsam dem Herzen Ihres Freundes entquellen. Und ich – ich Unglückliche fühle schaudernd diesen Augenblick, daß dieses Verbrechen und seine Folgen mich noch mehr an seinen Urheber, den ich verabscheuen sollte, fesseln – ja mehr als das vorher Begangene, weil ich die Vorstellung dieses und alles dessen, was geschehen ist, geschehen[415] wird, nicht allein ertragen kann. Nun müssen Sie die Last mit mir tragen. Uns beide unterwirft dieses Verbrechen dem schrecklichsten Joche der Vereinigung.

Sie ging nach dem Nebenzimmer und kehrte nach einigen Minuten zurück.

Ferdinand wagte es nicht, sich nach Franzen zu erkundigen.

AMALIE: Die einzige Brust zerschlagen, an der er sicher ruhen konnte, das einzige Herz zerdrückt, das ihn treu liebte – oh, es ist schrecklich! Und er ist blaß, ruhig, entkräftet und küßt zärtlich besorgt die Hand seiner Mutter, die ihn tötete. Ja, Ferdinand, von allen unseligen Gaben, die dem Geiste des Menschen zu seinem Unglücke verliehen sind, ist die unseligste, sich Ideale zu bilden und zu schaffen. Dieses fühle ich, dieses ist mein Fall mit Ihnen.

FERDINAND: So sei es der unsrige! Ich habe in einem Augenblick alles Leben gelebt und kann nun sterben, kann sterben, ohne es zu bereuen. Sie können mir gebieten zu sterben, aber das, was geschehen, ist nun außer Ihrer, außer der Menschen Gewalt. Das Schicksal hat damals über uns gesprochen, als unsre Blicke einander begegneten, es hat uns hierher geführt. Ich bin zu allem bereit. –

AMALIE: Ja, uns verbindet ein unauflösbares Band, hier knüpfte es nun das Schicksal über das Grab hinaus – vor einigen Augenblicken konnte es wenigstens durch das Leben noch getrennt werden. Fassen Sie sich nur immer, bereiten Sie sich auf Qualen, die nun unser Werk sind. Es ist geschehen, es ist geschehen, wovor ich bebte, und es muß geschehen, was das Schicksal mit dem Blute des süßen Knaben, des Lieblings seines Vaters, hier aufgezeichnet hat. Auch ich bin nun bereitet, alles zu empfangen, was ich verdient habe. Ich konnte nie aufhören, Sie zu lieben, kann ich es jetzt? Und könnte ich es – würde ich nicht unglücklicher als ich bin? Jetzt teilen Sie mit mir, jetzt kann ich mein Verbrechen in das Herz des Mitverbrechers schleudern, jetzt müssen Sie mit mir leiden und mich vor Verzweiflung retten.

Sie drückte ihre Lippen auf die seinigen, und dieser Kuß verknüpfte die Unglücklichen, entfernte alle Rettung.

AMALIE: Ich fasse mich nicht – in diesem Augenblick steht er[416] hier vor mir – Erinnern Sie sich, als er hier, hier auf dieser Stelle, gerührt durch den ersten Abschied von seinem Weibe, unsre Hände faßte, ineinander legte und dann seine Tränen, Unglück weissagend, aus seinen Augen drangen?

FERDINAND: Ja, ich erinnere mich. – Oh, warum mußten Sie ihm Ihre Hand geben, ihm, den Sie nicht liebten!

AMALIE: Ich gab ihm meine Hand, weil ich sie keinem edlern, würdigern unter allen Männern geben konnte. Ich würde sie ihm gegeben haben, auch wenn Sie gegenwärtig gewesen wären. Die Verblendete traute sich, ihrem Geiste und glaubte, ihr Herz gliche diesem. In dieser Täuschung dachte ich nicht, daß, indem ich die Hand des edelsten Mannes berührte, ich ihm die Hand des seiner unwürdigsten Weibes darreichte. Jetzt begreife ich es, jetzt begreife ich, jetzt sehe ich, wie ich fallen, selbst an seiner Seite mich nach diesem Falle sehnen konnte. – Und nun gehen Sie. Jetzt erwarte ich den Arzt.

FERDINAND: Werden Sie ihm die Wahrheit sagen?

AMALIE: Die Wahrheit – ach ja, Sie erinnern mich an das, was ich nun bin, daß ich in meiner Lage keiner Tugend mehr mächtig bin. Darum sagt Ernst, es gibt nur eine Tugend für den Mann und das Weib, und sie muß fest beisammen gehalten werden, denn sie kann keinen Verlust ertragen, auch den kleinsten, unmerklichsten nicht. Schlafen Sie nun wohl. Sie haben Ihren Wunsch erreicht, ich den meinigen. Wir müssen nun tragen, was erfolgt; für mich ist nach jenem Augenblicke keine Rückkehr mehr! – Gehen Sie. Es ist schon spät, und wir müssen von nun an den Anstand beobachten; gestern brauchten wir das noch nicht.


14.

Amalie setzte sich bei Franz nieder, und der Knabe versicherte ihr, es sei ihm ganz wohl, ganz leicht. Er fürchte nur, Ferdinand mochte böse auf ihn sein, daß er ihn erschreckt hätte, er bat seine Mutter, sie möchte ihn wieder gut machen; nur sei es schade, daß das Mädchen eine Lüge gesagt. Dann fragte er, ob sein Vater bald kommen würde.[417]

Amalie antwortete: »Er wird bald kommen«; und ihre Tränen flossen.

FRANZ: Weinen Sie nicht, Mama; ich bin schon wieder gesund. Es ist recht gut, daß ich geblutet habe. Papa sagt mir immer, wenn ich aus der Nase blute, es erleichtert den Kopf. Nun, da ich aus der Brust geblutet habe, wird es wohl das Herz erleichtern. Das tat es gleich; denn als ich Ferdinand so böse sah, klopfte es mir so heftig.

Jedes Wort war ein Dolchstich in das Herz Amaliens, und nun sagte sie mit bebender Lippe:

»Franz, du mußt dem Arzte nicht sagen, daß du vor Ferdinand erschrocken bist, daß du dich darum gestoßen hast; auch dem Papa nicht, er möchte auf Ferdinanden zürnen.«

FRANZ: Gewiß nicht, Mama! Ich war ja an allem schuld. Warum kam ich auch, als wollt ich hören, was Ihnen Ferdinand Geheimes sagte! Hat Papa mich nicht immer gelehrt, ich müßte das nicht tun? Zwar wußte ich's nicht und war voller Freude und wollte Ihnen und ihm die frohe Nachricht zurufen. Ich werde es keinem Menschen sagen, daß der gute Ferdinand einmal auf mich böse war. Er liebt mich und sagt mir oft, ich gliche dem Papa und er glaubte immer, er sähe ihn in mir vor sich, wie er damals war, als sie noch als Kinder zusammenlebten.

Amalie hob ihre Augen gen Himmel und lispelte in ihrem Herzen: »Du rächest dich schrecklich! Des unschuldigen Kindes Worte sind Schwerter, welche die Seele durchdringen.« – Mater dolorosa! sang sie in zitterndem Tone und küßte den bleichen Knaben, legte ihn bequemer und berührte seinen zarten Leib mit einer Behutsamkeit, als fürchtete sie, die erschütterte Seele könnte ihm unter ihrer Berührung entfliehen.

Der Arzt kam. Amalie sagte ihm, das Kind habe sich aus Übereilung an die Brust gestoßen und stark aus dem Munde geblutet. Der Arzt fand den Umstand wegen des zarten Alters bedenklich und sagte leise zu ihr: »Wenn die Lunge nicht durch die Erschütterung gelitten hat, so hoffe ich, es soll vorübergehen. Ich bitte Sie, ihn ruhig zu halten.«

Amalie wachte lange bei dem Kinde. Es entschlief sanft, aber[418] seine Blässe war ihr ein Bild des Todes, sein leises Atemholen ein Zeichen nahender Auflösung. Ihre Nacht war schrecklich, nur am Morgen schien sie mehr gefaßt und entschlossen. Das Weiche, Zärtliche schien ganz verschwunden, aber dafür lag auf ihrer Stirne, in ihren Augen, ihrer Stimme der düstre Ausdruck der Entsagung. Jeder, der sie sah, mußte glauben, das ruhigste, erhabenste Gefühl habe nach einer gefährlichen Erschütterung ihre Seele so gestimmt. Als Ferdinand kam, lächelte sie ihm zu. Er ergriff ihre Hände, drückte sie an sein Herz und sagte:

»Soll ich heute noch leben?«

AMALIE: Sie sollen, Sie müssen es. Das, was uns erreichen soll, eilt mit schnellen Schritten auf uns zu, wir können ihm nicht mehr entgehen.

FERDINAND: Oh, so lassen Sie uns nur einen Augenblick in dem Gefühle leben, das mich gestern gewaltsam zu Ihren Füßen hinwarf. Lassen Sie uns träumen, es sei nichts vorgefallen seit jenem unbegreiflichen Augenblicke.

AMALIE: Dieser Augenblick hat gewirkt, er entfloh nun und kehret niemals wieder. Ich habe eine Nacht gelebt, wovon ich keine Ahndung hatte, und die Ihrige ist wohl nicht besser gewesen. Wenigstens sehen Sie darnach aus. Nun habe ich mich gefaßt, wie der zum Tode Verurteilte, der noch wenige Zeit zu leben hat. Der Unglückliche möchte so gerne genießen, was man ihm anbietet, so gerne nach einem andern Gegenstande hinblicken, umsonst! er sieht nur das nahe, schreckliche Ende, und auch die wenigen, noch übrigen Minuten entfliehen ihm ungenutzt.

FERDINAND: Amalie! und dies nennen Sie gefaßt sein? und Sie sagen, ich soll leben? In diesem Zustande kann ich Sie nicht lange sehen, ich kann selbst den meinigen mit aller meiner Kraft kaum ausdauern. Wohl! Von uns dreien muß eins das Opfer sein; so sei ich es! Ich verschwinde, Sie vergessen mich und sind so glücklich, als sei nichts geschehen.

AMALIE: Sie jetzt vergessen, da ich Sie vorher nicht vergessen konnte? Und ich sollte so glücklich sein, als sei nichts geschehen? Nichts geschehen! Und wenn jetzt auch geschähe, was vorher unmöglich war, wenn ich mich von dieser unbezwinglichen Leidenschaft[419] befreien könnte, die mich gewaltsam zu Ihnen hinzieht, bin ich noch das Weib, das ich gestern war? Zerbrach nicht mein Gelübde auf Ihren Lippen? Ist nicht alles in mir zerstört? Ist da nichts geschehen? kann, konnte noch mehr geschehen? Findet er mich, wie er mich verlassen hat? Ich bin so tief unter ihn gefallen, daß mein Geist die schreckenvolle Tiefe nicht anzublicken wagt; soll ich nun ebenso tief unter mich selbst sinken und ihn als Betriegerin aufnehmen? Das vermag ich nicht; denn so wenig ich dem hinwelkenden Knaben, seinem Lieblinge, die vorige Blüte wiedergeben kann, ebenso wenig kann ich mir meinen vorigen Sinn, meine vorige Reinheit wiedergeben. Und darum kann ich seine Gattin nicht mehr sein. Fliehen Sie nur! Er wird darum nicht glücklicher, ich werde nur unglücklicher; denn wenn ich Sie verliere, so wird mir das Verbrechen selbst unnütz. (Dieses sprach sie mit Spott aus.)

Ferdinand faßte diesen Gedanken mit der heftigsten Leidenschaft; er umschlang sie. Sie ertrug seine glühenden, wilden Küsse, aber als er sich zu vergessen schien, wand sie sich aus seinen Armen, hielt ihn zurück und rief:

»Dieses! dieses sind die Täuschungen, die meine Seele so lange bezauberten! diese Ergießung der Liebe war es, was meiner verblendeten Seele so lange vorschwebte – dieses allein. Kommen Sie! Sie haben dem Kranken noch keinen guten Morgen gesagt. Sie sollen selbst hören, wie er trauerte, sie erzürnt zu haben.«


15.

In dieser Stimmung verharrte Amalie, und Ferdinand fühlte bald, daß er nun alles Glück verloren hatte, das ihm noch auf Erden übriggeblieben war. Er sah ein, daß seine Vermessenheit um allen Preis, um sein Dasein selbst, das nicht erhalten würde, wofür er es geopfert hatte. Er fühlte sich von Amaliens Geiste unterjocht. Sie gestand ihm tausend-, tausendmal ihre sie verzehrende Leidenschaft, zog ihn immer mehr an, und die Früchte für ihn waren – erschütternde Szenen, ein wildes Gewühl von Empfindungen, die bald sein Herz zerrissen, seinen Geist folterten[420] und bald ihn mit einer Wonne erfüllten, zu seiner Erhabenheit emporhoben, für welche es der Sprache an Worten fehlt. Amalie hatte der Musik ganz entsagt, und sein Flehen, seine Tränen, selbst die Bitten des kranken Kindes vermochten hierin nichts über sie. Es schien, als flistere ihr Genius ihr zu: »So weit hat dich diese Zauberkunst gebracht, weiter soll sie dich nicht bringen!«

Renot lachte nur. Er fühlte seinen Triumph, er sah das Glück des Mannes zerstört, der ihn um einer luftigen Schimäre willen verachtet, beleidigt hatte. Er sah ihn in dem Mittelpunkte seines Daseins, in dem Glauben an seinen Traum, verwundet. Er spottete über das feierliche, tragische, düstere Wesen, das nun Ferdinand durch Amaliens Stimmung angenommen hatte, und bewies ihm, es gebe nur ein Mittel, dieses von Ernstens Schimäre angesteckte Weib zu heilen, welches trotz aller Schwärmerei doch so sehr zeige, daß es nur ein Weib sei; und diese Heilung würde allem Übel zuvorkommen, das er befürchte. Ernst würde es dann nicht gewahr werden. Nur halbe Sünder ertappe man, die Kühnen rette das Glück, und er sei seinem Freunde wenigstens die Schonung schuldig, ihm sein Unglück zu verbergen. Alles, was nun geschehen werde, sei ein unvermeidliches Schicksal, das alle Toren dieser Art treffe.

Er drang in Ferdinand, ihn bei Amalien einzuführen, und versprach, sie in kurzem aus diesem langweiligen, düstern Wesen herauszuspotten. Ferdinand tat es. Amalie sagte ihm, als sie jenen einigemal gesehen hatte:

»Bringen Sie mir diesen Menschen nicht wieder. Nur er, nur das, was er mit Zweck zu sagen scheint, könnte mich zur Verzweiflung treiben. Seine Worte erkälten mein Herz und töten meinen Geist. In seiner Gegenwart seh ich nur mein Verbrechen, und ich will es jetzt nicht sehen, ich will dem drohenden Schicksal die letzten Augenblicke rauben und dann vergehen, dann mich ihm hingeben. Die Liebe mit dem Verbrechen soll mich töten, nicht das Verbrechen allein.«

Als sie den folgenden Tag zusammensaßen, trat der Arzt herein:[421]

»Der Knabe hustet; es ist ein Fieber da.«

AMALIE: Und morgen, morgen kommt sein Vater.

Ferdinand bebte und wendete dem Arzt den Rücken. Amalie sagte leise zu Ferdinand: »Ich habe Briefe von ihm und wollte es Ihnen verbergen.«


16.

Voll Schmerz über seinen Verlust, erschüttert durch die Verwüstungen des Krieges und durch das Elend des Volkes, das er nun in seinem ganzen schrecklichen Umfange gesehen hatte, kehrte Ernst nach Hause zurück, wo er allein Trost, Linderung und Ruhe erwartete, wo aber schon alles für ihn verloren war. Der düstre, beklommne Empfang Amaliens und seines vermeinten Freundes fiel ihm jetzt nicht auf, er fand die Ursache in seinem erlittenen Unglück, in seiner eignen trüben Stimmung. Er fragte nach seinem Sohne. Amalie sagte ihm zitternd:

»Erschrecken Sie nicht allzu sehr. Franz ist seit einigen Tagen nicht wohl, wir halten ihn im Bette, damit er ruhiger sei.«

Ernst eilte zu ihm. Der Blitz der Freude traf aus den jetzt großen blauen Augen sein väterliches Herz, aber als er nun seine trocknen, bleichen Lippen, seine eingefallnen Wangen an seinen Wangen fühlte und den kranken Atem vernahm, die welken Hände ansah und ihn lange angestarrt hatte, sank er an Amaliens Busen, und sein Leben schien zu erlöschen. Der freundliche, kranke Zuruf des Knaben erweckte ihn aus dem Todesschlummer, und als ihm Franz versicherte, ihm sei recht wohl, er würde gleich aufstehen, wenn es die Mama erlaubte; und als er dann nach dem Großvater fragte, da zerschmolz Ernstens Herz, und nun erst konnten seine Tränen fließen. Er setzte sich bei dem bleichen Knaben nieder und sah in die verwelkten Blüten seiner Hoffnung. Von diesem Augenblicke an konnte er nichts anders mehr denken und fühlen, er sah nur ihn, lauschte nur auf ihn. Bei jedem leisen Husten, jeder schmachtenden Bewegung drückte er Amaliens Hand, als könnte er nur durch diesen Druck sein Herz in seinem Busen zusammenhalten. Aber Amaliens Hand lag so kalt in der seinigen, als hätte der Tod ihr Blut erstarrt.[422]

Sie konnte ihm die Ursache der Krankheit nur stammeln.

Ernst brach auf und ging zu dem Arzte. Der Himmel und alle Gegenstände hingen schwarz über ihm und um ihn. Seine ganze Seele war in Trauerflor gehüllt, und die düstern Ahndungen schwebten in der Finsternis, ohne Namen, ohne Sinn.

Der Arzt kündigte ihm mit Schonung sein nahes Unglück an und sagte ihm, Franz habe nicht lange zu leben, da in diesem zarten Alter die Brust nicht lange widerstehe.

Ernst antwortete:

»Nun, so will ich alle meine Geschäfte schnell zu Ende bringen und seiner warten.«

Als er nach Hause kam, sagte er zu Ferdinand: »Um deinetwillen habe ich so lange gezögert, zurückzukehren, ich hoffe, dir in einigen Tagen gute Nachricht geben zu können. Halte dich fertig!«

Ferdinand konnte ihm kaum antworten: »Wie kann ich dich jetzt verlassen?«

Ernst erwiderte: »Du verlässest nur Unglückliche.«

Er ging in sein Kabinett und öffnete die Briefe, die in seiner Abwesenheit angekommen waren. Auf einem erkannte er Hadems Hand, er drückte ihn an seine Lippen und schlug ihn auf; denn hier schimmerte ihm Trost entgegen. Hadem schrieb, er habe alles zu Ende gebracht, werde zu der und der Zeit in Paris sein und dann zu seinem Schüler eilen, wo sein Paradies ihm blühe und wo er den Vorschmack des künftigen Lebens schon in dem Lande ihres Bundes zu genießen hoffe. Ernst seufzte: »Komm, Edler! Aber ehe du kommst, werden die schönsten Blüten dieses Paradieses schon verwelkt sein. Dein Schüler wird selbst in deinen Armen wie ein Verlaßner weinen! In ihm solltest du ihn wiederfinden und einen neuen, sichrern Traum beginnen!«

Nun öffnete er einen Brief des Ministers, seines Schwiegervaters. Dieser schrieb, er melde ihm mit dem größten Kummer, daß die niederträchtige Bosheit seiner Feinde ihn an dem großen Hofe, wo er sich wegen wichtiger Geschäfte für den Fürsten aufhalte, als einen wilden Demagogen und Aufrührer bezeichnet und diese Angabe durch seine letzte Rede in der Versammlung des[423] Adels bekräftigt habe. Man beweise es ferner durch einen langen, zwar offnen Briefwechsel, den er mit Parisern unterhalte, und führe sogar seine Reden an der fürstlichen Tafel an, denen man den giftigsten Sinn unterlege. Er würde ihm diesen Unsinn nicht geschrieben haben, wenn der Minister im Namen seines Hofes ihm nicht ausdrücklich aufgetragen hätte, dem Fürsten dieses alles zu schreiben und ihn zu warnen, weil Beispiele dieser Art, von Leuten seiner Bedeutung gegeben, in der jetzigen Zeit allzu gefährlich und an andern Höfen nachteilig für den Fürsten wären. Er habe darauf geantwortet, was Gewissen, was Pflicht erforderten und was sein edler Sohn verdiene. Gleichwohl sei man bei dem Verlangen geblieben, und er habe also diesen für ihn so schmerzlichen Auftrag dem Fürsten schreiben müssen. Er vermute, woher das alles komme; indes sei für jetzt nichts anders zu tun, und man müsse des Fürsten Verhältnis, das in diesem Augenblicke wie die Lage jedes kleineren Fürsten höchst bedenklich sei, zu schonen suchen. Wie dieses aber einzuleiten sei, überlasse er dem Herzen und dem Verstande seines Sohnes, usw.

Ernst hatte schon so viele Ungerechtigkeit von den Menschen erfahren, daß dieser Brief beinahe gar keine Wirkung auf ihn tat. Er lächelte wehmütig und schlug den Brief zusammen. Das einzige, was er dachte, war, den Wink des Ministers zu befolgen und sich eine Zeitlang von dem Fürsten zurückzuziehen. Er sah selbst in dem Vorfalle nur Gewinn für sich, da er sich jetzt seinem Schmerze ohne allen äußern Zwang überlassen konnte. Er ging zum Fürsten. Dieser nahm ihn mit eben der Wärme und eben dem Zutrauen auf, mit welchem er ihn entlassen hatte, und beklagte gerührt seinen erlittnen Verlust.

Ernst antwortete mit nassen Augen:

»Noch drohet mir der zweite, und ich weiß nicht, wie ich ihn ertragen werde.«

Der Fürst glaubte, er deute auf des Ministers Bericht (dieser hatte ihm nämlich gemeldet, er habe an Ernst darüber geschrieben). Er antwortete in diesem Sinne:

»Sein Sie ohne alle Sorge. Ich fürchte weder für mich noch für[424] Sie, ich achte solche Dinge nicht, die, wie es scheint, die einzigen Waffen unsrer Verteidigung sind. Ich werde nie vergessen, daß ich ein Fürst, ein teutscher Fürst bin. Ich werde mir nie, weil mein Fürstentum klein und darum glücklicher ist, Gesinnungen und Handlungen aufdringen lassen, die mein Herz und mein Verstand verwerfen. Der Minister schrieb mir, er habe Ihnen die Bosheit dieser Elenden gemeldet. Ich wünschte, er hätte geschwiegen, aber wir wollen sie entlarven.«

Ernst dankte ihm und versicherte, das, was er höre, gereiche ihm in seiner Lage zu großem Trost. Er setzte hinzu:

»Aber doch nötigen mich die Gesinnungen, die Ew. Durchlaucht mir Ihnen laut zu bekennen erlauben, daß ich mich entfernt halte. Das Gelübde, gnädiger Herr, das Sie mir einst abnahmen, kann nur mit der Tugend in meinem Herzen aussterben; und darum hoffe ich, es soll ewig dauern. Der Haß, die Wildheit, der Eigennutz und der Stolz der Menschen können seine Wirkung auf Augenblicke hemmen, ganz auflösen nie. Meine Pflicht, die Umstände, Ihre eigenen Verhältnis se erfordern, daß ich mich auf einige Zeit zurückziehe – und, gnädiger Herr, das, was ich in meinem Hause fand, macht mich zu allem unfähig. Verzeihen Sie. Sie sind Vater – Ich habe nur einen Sohn. Schön, lieblich, geistreich, hoffnungsvoll, in blühender Gesundheit verließ ich ihn – der nahe Tod lächelte mich zum Willkommen aus seinen Augen an.«

Der Fürst ergriff seine Hand:

»Es bleibt unter uns fest und ewig! Vergessen Sie nie, daß Sie einen Freund in mir haben.«

In dem Vorzimmer fand Ernst seinen Oheim, der auf ihn zutrat und ihm kalt sagte:

»Wie befindet sich Ihr Sohn?«

Ernst antwortete nur mit einem schmerzvollen Blick, und der Präsident sagte noch kälter:

»Bald werden Sie meiner Weissagung glauben. Sie verachteten sie einst, nun ist sie der Erfüllung nahe.«

Ernst begriff ihn nicht, aber es dünkte ihn, eine glühende eherne Faust umfasse sein Herz.
[425]


17.

Ernst fand bei dem Bette seines Sohnes schon den Kammerrat Kalkheim. Dieser konnte kaum seinen Gruß beantworten, er saß da, wie Ernst ihn einst an dem Bette des kranken Knaben in des Schulzen Hause gefunden hatte, aber jetzt niedergeschlagen, hoffnungslos, auf keine Heilungsmittel sinnend; denn auch ihm hatte der Tod aus der hinwelkenden Blume entgegengelächelt. Die Blicke beider begegneten einander – sie schwiegen, sie verließen den Kranken nicht mehr. So verflossen einige Tage. Der Knabe lag ermattet, aber nun erwachten seine letzten Kräfte, und die beiden Freunde standen vor dem begeisterten Redner – Schöne, unzusammenhangende, hüpfende Gedanken und Empfindungen dachte und fühlte die begeisterte Seele des Knaben, die in dem verwelkten, engen Körperchen keinen Raum mehr hatte und sich sehnte, das Bild des Todes in ihm zurückzulassen, um nur das Freie, Fessellose zu denken – Diese Gedanken und Empfindungen drangen von seinen jetzt geröteten Lippen wie der lyrische Gesang des von der Morgenröte begeisterten Dichters, dem in ihr das Bild des künftigen Lebens aus dem Dunkel der Nacht emporsteigt – er lispelt seine Gefühle nur, er deutet sie nur an, er eilt, daß ihm kein irdischer Schatten, kein fremder Gedanke das entzückende Gefühl schwäche – ihm stehen die Pforten der künftigen Welt offen – der Unsterbliche singt dem Unsterblichen, und nur dieser vernimmt und versteht ihn.

In Ernstens Hause herrschte nun die Stille des Todes. Da hörte er keinen Laut, da sah er nur Verzweiflung, Blicke der Angst, bleiche Wangen. Das ihm unbekannte Verbrechen schlich noch leise um ihn – es trat auf wie der Mörder, der den süß schlafenden, bei dem letzten Strahl der Hoffnung eingeschlummerten Unglücklichen ermorden will.

Und in dem einsamen Zimmer saßen Amalie und Ferdinand, sie drängten sich aneinander wie zwei von den stechenden Gewissensbissen Verfolgte, die sich heimliche, unauslöschbare, unversöhnbare begangene Verbrechen entdeckten, getäuscht von dem Wahne, durch die Mitteilung das zerdrückte Herz zu erleichtern,[426] die Folter des Geistes zu besänftigen. Sehnend suchen sie einander, und wenn sie sich finden, so verschwindet die Täuschung. Jeder sieht sein schreckliches Verbrechen in den Zügen, den Augen des andern – sie fliehen sich, eilen wieder zusammen; denn jeden ergreift der Geist der Rache in der Einsamkeit allein – vereinigt umschlingt er sie beide, und ihr Seufzen, ihr Ächzen, ihre Gewissensbisse vermischen sich.

Ferdinands Herz zernagte ein zwiefaches Verbrechen: Schuld an dem nahen Tode des von seinem Vater so geliebten Kleinen, Bruch der Freundschaft und des Gastrechtes, Beraubung alles Trostes, aller Hoffnung und Linderung in der Gattin, auf die der unglückliche Dulder noch jetzt, an dem Bette des sterbenden Knaben, zählte.

Amalie sprach nun nicht mehr, sie schien den Schlag des Todes bei der Auflösung des Knaben zu erwarten.

Und noch betäubte die Flamme der Leidenschaft auf Augenblicke die Schläge des Gewissens, aber diese Flamme brannte, wütete, zehrte, sie konnte nicht beseligen; denn die Liebe hatte sich nun im Gewande des Schreckens, des Mordes zwischen die Unglücklichen gestellt, und sie fuhr mit ihrer kalten, tötenden Hand zwischen die brennenden Küsse, wenn die Strafbaren in Umarmungen ihre von der Verzweiflung umhergetriebenen Seelen suchten.

Die Nacht war tief heruntergesunken, und dunkel brannten die Kerzen in dem stillen Zimmer. Die Unglücklichen lagen Wange an Wange, Arm in Arm verschlungen, wie Bilder des Todes am Grabe; und sie saßen an dem Grabe ihrer Tugend, ihres Glückes.

Ernst trat herein, und mit einem Tone, wie nie sich einer dem Herzen eines Menschen entriß, rief er:

»Mein Franz ist verschieden! wohl ihm! weh mir!«

Als er näher trat und die Unglücklichen Wange an Wange, Arm in Arm starr vor ihm saßen – Todesangst sie ganz ineinander geschlungen hatte – und als er in ihren auf ihn gerichteten Blicken etwas über allen Ausdruck Schreckliches und Bedeutungsvolles erblickte, da stand er vor ihnen, wie das geängstete Gewissen[427] den Richter der Welt vor sich stehen sieht, und rief mit einem feierlichen Tone:

»Über wen soll ich noch Weh ausrufen?«

Jetzt sprang Amalie auf und riß sich aus den Armen des Bebenden, Hinsinkenden:

»Über mich! über diesen hier! über die Verbrecher, die deinen Liebling ermordet haben – Treue, Freundschaft brachen und ihn in dem Augenblick ermordeten, da sie die Treue brachen. Vor dem Zorne dieses fliehend, als er die Treulosen überraschte, stieß sich der Zarte an dem Klavier; das Blut strömte und mit dem Blute die Quelle seines Lebens. Diesen Unglücklichen hier liebte ich mit der Flamme der Leidenschaft, sie schlief in meinem Busen und erwachte, als ich ihn wiedersah. Und noch lieb ich ihn! – Ja, schaudere, bebe und wende dein Angesicht von mir! Von dem Augenblicke an, da das erste und das darauf folgende Verbrechen begangen war, blieb keine Rettung mehr für mich. Der Tod des Unschuldigen, den du mir jetzt ankündigest, macht mich so unglücklich als ich es werden kann; aber durch ihn wird das Band, das die Verbrecher zusammenkettet, unauflöslich. Seine Reize sind jetzt seine und meine Gewissensbisse, seine Lockungen die Qual, daß keiner ohne den andern leben kann, daß jeder in dem Elende des andern leben muß – dies ist es, was uns auf ewig vereinigt!«

Ernst antwortete mit bebender Stimme:

»Oh, es ist genug!«


18.

Als Ernst wieder in das Zimmer zurückkam, trat er neben die Leiche seines Sohnes. Der Kammerrat blickte ihn an und bemerkte an ihm eine Veränderung, die ihn so entsetzte, daß das Schlagen seines Herzens stille stand. Nachdem Ernst den letzten Atemzug von den Lippen des Knaben geküßt, ihn gesegnet und seinem scheidenden Geiste nachgesehen hatte, sagte er zu dem Kammerrat: »Ich kann hier gar nicht weinen! Bei Amalien werde ich es können.« Jetzt, nach seiner Rückkehr, stand er da, ganz mit der grauen Aschfarbe des Todes bedeckt, und[428] heftete seine gebrochenen Augen gleich einem Toten licht- und strahlenlos auf die Leiche seines Sohnes.

Der Kammerrat näherte sich ihm, ergriff seine Hand, drückte sie an seine Lippen, an sein Herz und sagte schluchzend:

»Können Sie noch nicht weinen?«

Ernst schwieg wie in Todesschlummer.

Und abermals schrie der Kammerrat heftig:

»Können Sie noch nicht weinen?« – Er warf sich zwischen ihm und der Leiche auf die Knie nieder und betete:

»Gott, der du mit deinem Regen die Erde und den Durstigen tränkest, gib diesem Menschen Tränen! Er ist eins deiner besten Geschöpfe! Gib ihm Tränen aus der Quelle des bittersten Schmerzes!«

Er erhob sich und umfaßte ihn – seine Tränen netzten die Wangen des Starren –

»Hat Gott mein Gebet erhört? Können Sie weinen?«

Ernst sagte wie träumend:

»Weinen? Nein, noch nicht! Hören Sie doch! Glauben Sie nicht, daß dieser ermordete Jüngling wieder aufwachen wird? Ist gar keine Hoffnung da?«

KAMMERRAT: Er lebt! dort lebt er! Hier erwacht er nie.

Ernst stürzte an dem Bette nieder, ergriff die Hand des Toten, bewegte die Leiche sanft und sagte:

»Er soll, er muß erwachen! Franz, mein Sohn, erwache! Errette deinen Vater! – errette seine Seele, seine Tugend! Lebe, daß er nicht verzweifle, daß er sich an ein treues Herz drücke!«

KAMMERRAT: Ich erkenne Sie nicht mehr – und Sie verwerfen mich. Sie hören nicht auf mich – Und warum rufen sie dem lieben Toten diese schrecklichen Worte nach?

ERNST: Oh, ich habe Dinge vernommen – Er legte die Hand des Toten auf seinen Mund. Ich will es verschweigen – und ich versiegle deinen Mund – indem er ihn küßte – Klage nicht an! schweige dort, wie du hier geschwiegen hast! – Auch ich klage nicht an. – Legen Sie Ihre Hand in die Hand des Toten und verschweigen auch Sie, was Sie gehört haben. – – Wir müssen noch diese Stunde dies Haus verlassen.[429]

KAMMERRAT: Ihr Haus? Jetzt?

ERNST: Es ist nicht mehr mein Haus. Wir müssen es verlassen und den Toten auf mein Gut führen. Lassen Sie schnell den großen Wagen anspannen – indessen will ich ihn in ein Leichentuch einhüllen. Geschwind, geschwind! ehe der Wahnsinn mich dahin bringt, daß ich ihm den letzten Dienst nicht leisten kann. Niemand soll ihn berühren als ich und Sie, niemand in diesem Hause soll ihn sehen – Und bestellen Sie, daß mir nur die alten Diener meines Vaters folgen.

Der Kammerrat ging. Als er zurückkam, fand er Ernsten noch beschäftigt, den Knaben in Leichentücher einzuhüllen. Nun trugen sie den Toten leise und sanft die Treppe hinunter. Als sie an dem Zimmer der unglücklichen Mutter vorübergingen, fühlte der Kammerrat den Körper des Entseelten durch das heftige Zittern des Vaters in seinen Händen beben. Ernst lispelte ihm über die Leiche zu: »Leise! leise! daß man uns nicht höre!«

Ernst setzte den toten Knaben neben sich, dem Kammerrat gegenüber, und hielt ihn fest umschlungen. Als sie aus der Stadt waren, ließ er die Wagenfenster nieder. Sie fuhren langsam und immer schweigend. Der Kammerrat fühlte noch oft nach Ernstens Hand, aber dieser hielt den Toten fest umschlossen und bewegte sich nicht. Der Kammerrat lauschte auf seinen Atem, er hörte ihn nicht und wurde von einer schrecklichen Angst überfallen. Aber als sie um den Forst bogen, als der Mond jetzt heraufgestiegen war und sein Schimmer in den Wagen fiel, als Ernst in diesem Augenblick das Gesicht seines hingeschiednen Lieblings von dem sanften Glanze verklärt sah und sich nun erst seine Tränen ergossen, da fiel der Kammerrat auf seine Knie, drängte sich an ihn und hielt ihn und den Toten fest umschlungen.

Ernst sagte sanft:

»Dort strahlt dein Geist im Lichte lieblicher! Und hier glänzt die zarte Hülle, in welcher er so schön aufblühte, in dem reinsten irdischen Lichte!

Er muß reisen, mein Geliebter, das väterliche Haus verlassen, um ein Grab zu suchen – Glücklicher, du wirst es finden in dem[430] Paradiese deines Vaters, an dem Orte, den er nie hätte verlassen sollen, den er nun mit der Klage betritt, daß ihm seine dort blühende Wiege nicht so früh zum Grabe geworden ist wie dir!«


19.

Der Totenruf der Glocke von dem Hügel herab, auf dem die Kirche einsam stand, versammelte die Gemeinde. Der mit Blumen geschmückte Sarg des lieblichen Knaben war vor den Altar gesetzt, und die Gemeinde vergoß stille Tränen. Der Vater stand neben dem Sarge und weinte nicht mehr, aber sein Anblick erschütterte die Anwesenden, und Weinen und Schluchzen unterbrachen den frommen Redner, der Bilder der Unsterblichkeit sammelte und sie an dem Sarge des Lieblichen zu einem schönen Kranze für jenes Leben flochte. Als man den Sarg in die Gruft senkte und der Geistliche den Segen sprach – sprach der Kammerrat ihn laut nach und aller Stimmen mit ihm. Die Mädchen und Knaben überschütteten Sarg und Grab mit Blumen. Nachdem alle die Kirche verlassen hatten, folgte Ernst, und als die Türen auf ihren Angeln dröhnten und dumpfschallend zufuhren, wendete er sich um und sagte zu dem Kammerrat:

»Der Schall tönt wie aus der Ewigkeit her, die Pforten des Glücks auf Erden schlossen sich mir!«

Nichts, was ihn umgab, schien ihn jetzt zu rühren. Achtlos ging er in dem Garten seiner Jugend umher, ihre goldnen Träume lagen verdunkelt in seinem Geiste, die Tore jenes erhabenen Landes waren mit Finsternis bedeckt, und die Göttin, die ihn geleitet hatte, die ihm einst in Amalien so sichtbar erschien, daß er sie in ihr erkannte, war verschwunden. Wenn ihn das zermalmte Herz an ihr Dasein erinnerte, so sah er in ihr das erhabene Bild erniedrigt und mit Schmach bedeckt – auf ihrem Angesicht erblickte er eine gräßliche Larve, die seinen Glauben verhöhnte. Jetzt lag sein Geist nur an der Erde, er konnte seine gesenkten Schwingen nicht erheben, ihre Flugkraft war zerschnitten, und er saß in seinem blühenden Paradiese wie der düstre Genius des Todes am Grabe. Aber bald entsprangen[431] giftige Zweifel aus den schaudervollen Betrachtungen über sich selbst, die Menschen und das, was sie, was die Geliebtesten unter ihnen ihm getan hatten. Sie drangen in sein Herz und aus diesem zu seinem verfinsterten Geiste. Aber noch trieb er ihren Stachel zurück. Auf einmal stand er plötzlich vor der Höhle, die sein bedeutendes Kleinod in sich verbarg, und es erschien ihm nun wie eine Sage der Fabelzeit – von einer andern Welt erzählt – Er wollte hineindringen und fühlte sich gewaltsam zurückgehalten. Ihn dünkte, als vernehme er Hadems Stimme, ihn dünkte, dessen Geist lispele ihm zu und rufe ihn zurück. Er entfloh, und als er den Kammerrat in dem Garten des Schlosses fand, rief er: »Zu ihm! zu ihm! Nur Hadem kann mich von dem bösen Dämon erretten, den jene mir nachgesandt haben.«

Der Kammerrat bestärkte ihn in seinem Entschlusse und freuete sich, daß ihn ein anderer Gedanke beschäftigte. Nur erschrak er, als er vernahm, daß Ernst seinen Hadem in Frankreich aufsuchen wollte.

»Ja, in Frankreich!« rief Ernst; »dort will ich ihn suchen und erwarten, wenn er nicht angekommen ist.«

Er beschäftigte sich die ganze Nacht, schrieb an den Fürsten, meldete ihm seinen Entschluß und sagte ihm, daß er sich nur so retten könne.

An Amalien schrieb er folgende Zeilen:

»Ich fliehe nach Frankreich – Die Entweichung, das Verlassen berechtigen zu der Scheidung. Der Kammerrat Kalkheim wird, bevor Sie dieses erhalten, dem Notarius die Bekräftigung von meiner Seite überliefert haben. Zugleich werden Sie von ihm Wechsel auf eine Summe und die rechtliche Abtretung des Hauses, worin Sie wohnen, bekommen.«

Dem Kammerrat übergab er die Wirtschaft und verließ denselben Tag den vaterländischen Boden.[432]

Quelle:
Friedrich Maximilian Klinger: Werke in zwei Bänden. Band 2, Berlin 1970, S. 361-433.
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