An Friedrich Christoph Scheele bei seiner Amtsjubelfeier

[205] dargebracht von der Gesammtheit der Kaufmannschaft zu Stralsund.


1817.


Was sind der Volkskraft Sehnen? Was die Adern

Des Bürgerthums? Was dessen Band und Kranz?

Sind es die Mauern? Sinds die starren Quadern?

Ists der Palläste Prunk? der Münster Glanz?

Nein, Treu' und Glaub' ists, Eintracht und Vertrauen,

Der schöne Sinn, der keine Opfer scheu't;

Der Jugend frischer Muth, die strenge Zucht der Frauen,

Der Alten heit'rer Ernst, der sich des Jenseits freut!
[206]

Wohl uns! Nicht gar verschwand aus uns'rer Mitte

Die Tugend, die uns von den Vätern kam:

Nicht gar verloren ging der Ahnen Sitte;

Nicht gar zur Fabel ward uns Zucht und Scham.

Noch mangeln nicht die Männer unserm Kreise,

In deren Brust das heil'ge Feuer brennt;

Noch grünen da und dort die ehrenwerthen Greise,

Die achtend ihre Zeit, preisend die Nachwelt nennt.


Zu solchen zählt, Heil Ihm! auch unser Scheele,

Der G'rade, Brave, Wackre, Würdige;

Der Mann von biedrem Sinn und lautrer Seele,

Der, wie er sprach, auch dacht' und handelte;

Er, der durch funfzig arbeitsvolle Jahre

Mit Kraft und Treue des Berufs gepflegt,

Dem trotz des Alters Frost, und trotz dem Reif der Haare,

Ein vaterländisch Herz im warmen Busen schlägt.
[207]

Ihm sprudelt noch der reiche Born der Kräfte,

Der Ihn gestärkt, wo mindre Kraft erlag.

Er pflegt, wie sonst, der löblichen Geschäfte

Mit jugendlichem Eifer Tag vyr Tag.

Schon mehr denn einmal ward um Ihn erneuert

Der Sterblichen hinfälliges Geschlecht.

Das Licht, was jenen schwand, glänzt Ihm noch unverschleiert;

Sie ruhn! Er wirkt und schafft rastlos und ungeschwächt.


Sey uns gegrüßt dann zu dem Doppelfeste,

Das Wenigen des Schicksals Gunst gewährt!

Wir bringen Dir das Liebst' und Schönst' und Beste,

Was uns der Gott zu Trost und Lust beschert:

Ein herzlich Lied, ein Deutsches Händedrücken,

Glückwünsche, die nicht hohler, leerer Trug,

Und Augen, die gerührt für Dich gen Himmel blicken,

Und Herzen sonder Falsch und Lippen sonder Lug.
[208]

Mag schützend über Dir auch künftig walten

Die Macht, die liebend Dich bisher geschützt!

Mag spät und lange noch Dich aufrecht halten

Der Arm, der hülfreich Dich bis itzt gestützt!

Mag Deines Lebenstages Sonne sinken,

Wie sie gestiegen, ruhig, roth und rund!

Magst Du des Daseyns Wein aus güldnem Becher trinken,

Nach wackrer Zecher Art, rein aus bis auf den Grund!


In Frieden, Bester, magst Du niederwandeln

Des Wegs, den Dir der Ewige bestimmt!

Magst wirken unverdross'nen Muths und handeln,

So lang' in Dir des Lebens Lohe glimmt!

Und wird Dich einst die lange Nacht ereilen,

Die schnelle, der kein Sterblicher entrann;

So ziere Deinen Stein die schlichteste der Zeilen:

»Tritt leise, Wanderer! Hie ruht ein Biedermann!«[209]

Quelle:
Ludwig Gotthard Kosegarten: Dichtungen. Band 7, Greifswald 1824, S. 205-210.
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