Der ferne Stern

[318] Am Himmel steht ein heller Stern,

Hell ist der Tag, schwarz ist die Nacht,

Der ist mir nah und ist mir fern,

Liebe hält treuliche Wacht;

Du reines Licht, du klarer Stern,

Fern bist du mir, so fern, so fern,

Da hinten über dem Walde.


Ich weiß ein Herz und das ist mein,

Hell ist der Tag, schwarz ist die Nacht,

Und kann doch nie mein eigen sein,

Liebe hält treuliche Wacht;

Mein ist es und ist doch nicht mein,

So fern ist's wie der helle Schein

Da hinten über dem Walde.


Die Nachtigall voll Schmerzen weint,

Hell ist der Tag, schwarz ist die Nacht,

Zwei Herzen bleiben unvereint,

Liebe hält treuliche Wacht;

Zwei Augen weiß ich, rotgeweint,

Und einen Stern, der einsam scheint

Da hinten über dem Walde.

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 317-318.
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