Trost

[124] Entfalte deine trübe Stirne,

Leg die Pistole aus der Hand

Und gräm' dich nicht um deine Dirne,

Die nie dein großes Herz verstand:

Ein buntgeschmücktes Modepüppchen

Mit kleinen Füßen, hohem Zopf,

Mit Wolffschem Unsinn auf den Lippchen

Und Marlitts Blödsinn in dem Kopf.


Naive Puppen – alles finden

Sie reizend, lieblich, niedlich, nett,

Sie haben keine großen Sünden

Und freun sich auf das Ehebett

Wie Kinder auf Geburtstagssachen

Und was das Christkindchen beschert,

Sie passen – du brauchst nicht zu lachen –

Für Türken, doch sind dein nicht wert.


[125] Das Weib, das deinen Weg will gehen,

Muß Seele haben, Herz und Geist,

Muß den Gedankenflug verstehen,

Der stürmend dein Gehirn durchkreist,

Muß dich durch Blick und Kuß berauschen

Zu kühnerem Gedankengang,

Und mußt du Schwerterschläge tauschen,

Dein Schwert dir halten rein und blank.


Dein Weib muß nicht bloß Freudendirne,

Nein, auch ein treuer Freund dir sein,

Mit unerschrockner, starker Stirne

Muß sie sich deinem Lose weihn, –

Vergiß dein Bräutchen, such dir eine,

Die würdig ist für einen Mann,

Komm, klingen wir mit goldnem Weine

Aufs Wohlsein der Zukünft'gen an.


Münster, 4. Dezember 1889


Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 124-125.
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