Vorfrühling an der Ostsee

[107] Hellgrüne Felder,

Braungrüne Wälder,

Jubelnder, jauchzender Singdrosselsang,

Erlsträucher blühen,

Strandläufer ziehen

Lockend und trillernd die Dünung entlang.


Mit wunderbaren

Brandroten Haaren

Prangend ein Köpfchen im Arme mir lehnt,

Schneeweiße Stirne,

Blutjunge Dirne,

Sehnsüchtig schwer sich der Busen ihr dehnt.


Fern schimmert Rügen.

In mächtigen Flügen

Klingeln die Wildenten über uns her,

Schneeweiße Mövchen

Und Wolkenschäfchen,

Hellblauer Himmel und tiefblaues Meer.


Fröstelt dich, Kleine?

Am Rande vom Haine

Weiß ich ein Wirtshaus, von Pappeln umdrängt,

Mit schelmischem Blicke

Die kornblonde, dicke

Fangschiffers Witwe dort Glühwein verschänkt.
[107]

Schatz, einen Halben!

Nicht wie die Schwalben,

Tüchtig geschluckt, daß die Backe dir glüht!

Auf deinen Wangen

Soll Abendrot prangen.

Reichliche Kußernte draus mir erblüht!


Pferdegetrappel.

Unter der Pappel

Hält schon Johann mit dem Rappengespann.

Schatz, in den Wagen!

Hannes, nun jagen!

Aber beim Mühlgarten, da halte an.


In Pelzverstecke,

Kopftuch und Decke

Wickle das fuchsrote Püppchen ich ein.

Vogelbeerbäume

Fliegen wie Träume,

Klippklapp der Hufe auf spitzem Gestein.


Vor uns ein Schimmern,

Funkeln und Flimmern,

Rädergerassel und ferne Musik,

Leuchtende Fenster,

Rudtanzgespenster,

Brummbaßgerummel und Fiedelgequiek.


Halt! Schatz, nun schnelle,

Horch, die Kapelle

Spielt unsern Leibtanz, die Kreuzpolka, schon,

Wehende Röcke,

Dröhnende Decke,

Trappelnder Tritte takthaltender Ton.


Wirbelndes Fliegen,

Leiberumschmiegen,

Noch einmal rund und die Polka ist aus.

Schnell in den Wagen!

Hanns, wieder jagen!

Herzliebes Schatzing, gleich sind wir zu Haus.

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 107-108.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon