Helljagd

[270] Schneelicht die Heide, hell und klar,

Zu Ende geht das alte Jahr;

Sucht sich sein Grab im weißen Schnee

Samt seiner Wonne, seinem Weh.


Ich starre in die Nacht hinein.

Der Himmel ist voll blankem Schein;

Ein Sternlein bei dem andern steht,

Wie Silberblumen ausgesät.


Ich bin nicht traurig, bin nicht froh,

Mein Herz, das ist in Nirgendwo;

Es ist nicht da, es ist nicht dort,

Es ist an einem andern Ort.


Da kommt mein Blick zu mir zurück,

Da heb' ich das gesenkte Genick,

Da horch' ich in die Nacht hinein,

Da hör' ich eine Eule schrei'n.


Der Eule Schrei, der war es nicht,

Ich senke wieder das Gesicht;

Denk' nicht an dies, denk' nicht an das,

Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht was.
[270]

Mein Blick geht wieder gradeaus,

Der Fuchs steht auf dem Seelenhaus,

Steht schwarz auf dem verschneiten Stein,

Bellt heiser in die Nacht hinein.


Des Fuchses Bellen war es nicht,

Ich senke wieder das Gesicht;

Da kommt der Ruf von Nimmermehr

Und Nirgendwo noch einmal her.


Hohl kommt er her vom Seelenland,

Ich nehm' die Büchse in die Hand;

Im wilden Walde geht der Wind,

Sein Lied zu summen er beginnt.


Der Wind im Walde war es nicht,

Ich senke wieder das Gesicht;

Bis ich vergesse, wo ich bin,

Da hallt es nochmals nach mir hin.


Die Uhr im fernen Dorfe schlägt,

Zwölf Schläge es herüber trägt;

Da lausche ich mit off'nem Mund,

Ich höre meinen toten Hund.


Viel' Stimmen kommen querfeldein,

Mit Ho Rüd ho und Hussaschrei'n;

Weit weg sind sie und wieder nah,

Sind hier nicht und sind auch nicht da.


Die Sterne springen hin und her,

Sie springen in die Kreuz und Quer;

Sie treten rechts und links zur Seit'

In ihrer hellen Herrlichkeit.


Es öffnet sich das Himmelstor,

Der weiße Keiler bricht hervor;

In seiner Fährte braust die Jagd

Hernieder durch die Weihenacht.


Ich halt' das Hifthorn an den Mund:

Daher, daher, mein lieber Hund;

Gesellmann mein, Gesellmann fein,

Heut' wollen wir beisammen sein.
[271]

Daher, daher, mein roter Hund,

Es trieb dich her zur guten Stund';

Daß du gelassen hast dein Grab,

Darein ich dich gebettet hab'.


Voran, mein Hund, voran, voran,

Weis' her, weis' her, die Jagd geht an;

Es hallt das Horn, es hallet nah',

Der hohe Jagdherr, der ist da.


Er reitet kreuz, er reitet quer,

Der weiße Keiler flieht daher;

Und hinter ihm das Grauhundpaar,

Und hinterdrein die ganze Schar.


Der Grauhund bellt, der Rabe schreit,

Nun ist sie da, die hohe Zeit;

Zur Fährt', mein Hund, mein roter Hund,

Zur Fährt', mein Hund, und such' verwund't.


Hei Helljagd schön, hei Helljagd gut,

Der hohe Jagdherr schwenkt den Hut;

Sein Schimmel trabt ob Stock und Stein,

Wir müssen beide hinterdrein.


Dahin, dahin, mein roter Hund,

Wir trafen uns zur guten Stund';

Das ist die Nacht, die helle Nacht,

Die Toten reiten auf die Jagd.


Sie reiten scharf, sie reiten schnell,

Sind allzusammen heut' zur Stell';

Schön laut, mein Hund, mein Hündlein rot,

Gestorben, ist noch längst nicht tot.


Was Tod, was Grab, was Weh, was Leid,

Der Grauhund bellt, der Rabe schreit;

Den weißen Keiler jagen wir,

Das adelige Hochgetier.


Es wetzt sein goldenes Gewapp'

Und schlägt die bunte Meute ab;[272]

Aus seinem Blatte, blink und blank,

Da rinnt der rote Schweiß entlang.


Der Rüdemann, der reitet vorn,

Er bläst sein gelbes Rüdehorn;

Er schwingt die Peitsche lang und schwank,

Ihr Knall, der ist wie Donnerklang.


Ein blauer Blitz folgt hinterher,

Der Helljagdreiter warf den Speer;

Hu Hatz, mein Hund, hu Su, hu Su,

Dazu, mein Hund, dazu, dazu!


Dazu, mein Hund, mein lieber Hund,

Dazu, dazu und such' verwund't;

So recht, so schön, mein Hündlein rot,

Daher, daher, laß ab, tot, tot!


Tot, tot, mein Hund, daher, daher,

Der grimme Basse lebt nicht mehr;

Der weiße Schnee ward rosenrot,

Es ruft das Horn: Sau tot, Sau tot.


Ein Horüdhoh hallt durch die Nacht,

Daß jeder Ast im Walde kracht;

Daß jedes Sternlein sich versteckt,

Vom wilden Weidgeschrei erschreckt.


Dahin, mein Hund, dahin, mein Hund,

Die Uhr, die schlägt die erste Stund';

Aufs Jahr, mein Hund, auf Wiedersehn,

Die Toten müssen schlafen gehn.


Das andre Jahr um diese Zeit,

Mein liebster Hund, halt' dich bereit;

Verschlafe nicht die helle Nacht,

Verschlafe nicht die hohe Jagd.


Leb' wohl, mein Hund, mein toter Hund,

Leb' wohl, aufs Jahr um diese Stund;

Bei Schneelicht und bei Sternenschein,

Will ich für immer bei dir sein.

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 270-273.
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