Die Elster mit den Pfauenfedern

[76] Ein Pfau in der Mauser ließ Federn fallen.

Eine Elster nahm sie und legte sie an,

Stolzierte unter andre Pfauen dann

Und meinte, sie müsse allen

Als Schönste wohlgefallen.

Doch irgendeiner erkannte sie.

Man beschimpfte, verlachte, verspottete sie,

Man hielt sie zum besten, man pfiff sie aus

Und riß ihr die fremden Federn heraus.

Man hat sie zu ihrer Sippe gehetzt,

Dort wurde sie auch vor die Tür gesetzt.


's gibt viele Elstern wie die unsrer Fabel,

Doch mit einer Nase statt einem Schnabel,

Die schmücken sich unentwegt

Mit Sachen, die andere abgelegt.

Plagiatoren pflegt man sie zu nennen.

Doch halt! Ich will mir nicht den Mund verbrennen.

Quelle:
Lafontaine, Jean de: Fabeln. Berlin 1923, S. 76-77.
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