V.

Von einem besondern Nutzen

der Fabeln in den Schulen

[415] Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er gehörte in die allgemeine praktische Philosophie: und würde ich mehr davon sagen können, als Wolf gesagt hat? Noch weniger will ich von dem geringern Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren Vorübungen von den Fabeln zogen; indem sie ihren Schülern aufgaben, bald eine Fabel durch alle casus obliquos zu verändern, bald sie zu erweitern, bald sie kürzer zusammenzuziehen etc. Diese[415] Übung kann nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; und da jede kleine Geschichte eben so geschickt dazu ist, so weiß ich nicht, warum man eben die Fabel dazu mißbrauchen muß, die sich, als Fabel, ganz gewiß nur auf eine einzige Art gut erzählen läßt.

Den Nutzen, den ich itzt mehr berühren als umständlich erörtern will, würde man den heuristischen Nutzen der Fabeln nennen können. – Warum fehlt es in allen Wissenschaften und Künsten so sehr an Erfindern und selbstdenkenden Köpfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott gibt uns die Seele; aber das Genie müssen wir durch die Erziehung bekommen. Ein Knabe, dessen gesamte Seelenkräfte man, so viel als möglich, beständig in einerlei Verhältnissen ausbildet und erweitert; den man angewöhnet, alles, was er täglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt, mit dem, was er gestern bereits wußte, in der Geschwindigkeit zu vergleichen, und Acht zu haben, ob er durch diese Vergleichung nicht von selbst auf Dinge kömmt, die ihm noch nicht gesagt worden; den man beständig aus einer Scienz in die andere hinüber sehen läßt; den man lehret sich eben so leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder herab zu lassen: Der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts in der Welt werden.

Unter den Übungen nun, die diesem allgemeinen Plane zu Folge angestellt werden müßten, glaube ich, würde die Erfindung äsopischer Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schülers am aller angemessensten wären: nicht, daß ich damit suchte, alle Schüler zu Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, daß das Mittel, wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen Erfindern überhaupt das allergeläufigste sein muß. Dieses Mittel ist das Principium der Reduktion, und es ist am besten, den Philosophen selbst davon zu hören: Videmus adeo, quo artificio utantur fabularum inventores, principio nimirum reductionis: quod quemadmodum ad inveniendum in genere utilissimum, ita ad fabulas inveniendas absolute necessarium[416] est. Quoniam in arte inveniendi principium reductionis amplissimum sibi locum vindicat, absque hoc principio autem nulla effingitur fabula; nemo in dubium revocare poterit, fabularum inventores inter inventores locum habere. Neque est quod inventores abjecte de fabularum inventoribus sentiant: quod si enim fabula nomen suum tueri, nec quicquam in eadem desiderari debet, haud exiguae saepe artis est eam invenire, ita ut in aliis veritatibus inveniendis excellentes hic vires suas deficere agnoscant, ubi in rem praesentem veniunt. Fabulae aniles nugae sunt, quae nihil veritatis continent, et earum autores in nugatorum non inventorum veritatis numero sunt. Absit autem ut hisce aequipares inventores fabularum vel fabellarum, cum quibus in praesente nobis negotium est, et quas vel inviti in Philosophiam practicam admittere tenemur, nisi praxi officere velimus.70

Doch dieses Principium der Reduktion hat seine großen Schwierigkeiten. Es erfordert eine weitläuftige Kenntnis des Besondern und aller individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie ist diese von jungen Leuten zu verlangen? Man müßte dem Rate eines neuern Schriftstellers folgen, den ersten Anfang ihres Unterrichts mit der Geschichte der Natur zu machen, und diese in der niedrigsten Klasse allen Vorlesungen zum Grunde zu legen.71 Sie enthält, sagt er, den Samen aller übrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Samen der Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet, nicht auf die bloßen Eigenschaften der Tiere, und anderer geringern Geschöpfe, sondern auf die Äsopischen Fabeln, welche auf diese Eigenschaften gebauet werden, gesehen haben.

Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schüler an dieser weitläuftigen Kenntnis nicht mehr fehlte, würde man ihn die Fabeln Anfangs müssen mehr finden, als erfinden lassen; und die allmähligen Stufen von diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch verschiedene Versuche meines [417] zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein gewisser Kunstrichter sagt: »Man darf nur im Holz und im Feld, insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der wilden Tiere aufmerksam sein, und so oft etwas sonderbares und merkwürdiges zum Vorschein kömmt, sich selber in den Gedanken fragen, ob es nicht eine Ähnlichkeit mit einem gewissen Charakter der menschlichen Sitten habe, und in diesem Falle in eine symbolische Fabel ausgebildet werden könne.«72 Die Mühe mit seinem Schüler auf die Jagd zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln selbst eine Art von Jagd zu legen weiß; indem er die Geschichte derselben bald eher abbricht, bald weiter fortführt, bald diesen oder jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darin erkennen läßt.

z. E. Die bekannte Fabel von dem Löwen und Esel fängt sich an: Λεων και ονος, κοινωνιαν ϑεμενοι, εξηλϑον επι ϑηραν – Hier bleibt der Lehrer stehen. Der Esel in Gesellschaft des Löwen? Wie stolz wird der Esel auf diese Gesellschaft gewesen sein! (Man sehe die achte Fabel meines zweiten Buchs) Der Löwe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich denn der Löwe dieser Gesellschaft nicht zu schämen? (Man sehe die siebende) Und so sind zwei Fabeln entstanden, indem man mit der Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu einem Ziele, aber zu einem andern Ziele führet, als Aesopus sich dabei gesteckt hatte.

Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Vögel geschmückt hatte, schließt sich: και ό κολοιος ην παλιν κολοιος. Vielleicht war sie nun auch etwas schlechters, als sie vorher gewesen war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glänzenden Schwingfedern mit ausgerissen, weil man sie gleichfalls für fremde Federn gehalten? So geht es dem Plagiarius. Man ertappt ihn hier, man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, daß er auch das, was wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines zweiten Buchs)[418] Oder man verändert einzelne Umstände in der Fabel. Wie wenn das Stücke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel schmeichelte, vergiftet gewesen wäre? (S. die fünfzehnte) Wie wenn der Mann die erfrorne Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus Begierde ihre schöne Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen gesteckt hätte? Hätte sich der Mann auch alsdenn noch über den Undank der Schlange beklagen können? (S. die dritte Fabel)

Oder man nimmt auch den merkwürdigsten Umstand aus der Fabel heraus, und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein in dem Schlunde stecken geblieben. In der kurzen Zeit, da er sich daran würgte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute Tat anrechnen? (S. die vierte Fabel) Herkules wird in den Himmel aufgenommen, und unterläßt dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder würde es dem Herkules anständiger gewesen sein, ihr für ihre Verfolgungen zu danken? (S. die zweite Fabel)

Oder man sucht eine edlere Moral in die Fabel zu legen; denn es gibt unter den griechischen Fabeln verschiedene, die eine sehr nichtswürdige haben. Die Esel bitten den Jupiter, ihr Leben minder elend sein zu lassen. Jupiter antwortet: τοτε αυτους απαλλαγησεσϑαι της κακοπαϑειας, όταν ουρουντες ποιησωσι ποταμον. Welch eine unanständige Antwort für eine Gottheit! Ich schmeichle mir, daß ich den Jupiter würdiger antworten lassen, und überhaupt eine schönere Fabel daraus gemacht habe. (S. die zehnte Fabel)

– Ich breche ab! Denn ich kann mich unmöglich zwingen, einen Kommentar über meine eigene Versuche zu schreiben.

Fußnoten

1 Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.


2 La Fable est une instruction deguisée sous l'allegorie d'une action. Discours sur la fable.


3 Florus. lib. I cap. 7.


4 Fabul. Aesop. 171.


5 Fab. Aesop 297.


6 Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.


7 – Allegoria dicitur, quia αλλο μεν αγορευει, αλλο δε νοει Et istud αλλο restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis Ironia Allegoria esset. Vossius Inst. Orat. lib. IV.


8 von Hagedorn; Fabeln und Erzählungen, erstes Buch. S. 77.


9 Lib. IV. fab. 3.


10 Aristoteles Rhetor. Iib. IL cap. 20.


11 Fab. Aesop. 126.


12 – – – contre la justesse de l'allegorie. – – Sa morale n'est qu'une allusion, et n'est fondée que sur un jeu de mots équivoque. Fables nouvelles, Preface, p. 10.

13 Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous donnera à boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du Jugement dernier, tout ce que vous avez caché avec tant de soin, paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors couvert de honte et de confusion.


14 Moralische Fabeln des Baron von Holbergs s. 103.


15 La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte caché sous une image allegorique. Fables nouvelles Preface p. 9.


16 Libri I. Fab. 15.


17 Lib. V. Fab. 8.


18 Fab. Aesop. 154.


19 Phaedrus libr. IV. Fab. 10.


20 Der Kritischen Dichtkunst, ersten Bandes siebender Abschnitt, S. 194.


21 Ich kann meine Verwunderung nicht bergen, daß Herr Breitinger das, was Wolf schon damals von der Fabel gelehret hatte, auch nicht im geringsten gekannt zu haben scheinet. Wolfii Philosophiae practicae universalis Pars posterior § 302–323. Dieser Teil er schien 1739, und die Breitingersche Dichtkunst erst das Jahr darauf.


22 Principes de Litterature, Tome II, I. Partie p. V. L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.


23 Aesop. Fab. 145.


24 Fab. Aesop. 181.


25 Fab. Aesop. 230.


26 Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. s.


27 Phaedrus libr. I. Fab. 10.


28 Fab. Aesop. 20.


29 Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.


30 Fabul. Aesop. 33.


31 Kritische Briefe. Zürich 1746. S. 168.


32 Fab. Aesop. 268.


33 In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat, die 187 te.


34 Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.


35 Nach der Ausgabe des Camerarius S. 28.


36 4. B. Mos. XXII. 28.


37 Fab. Aesop. 316.


38 2. B. Samuelis XII.


39 Fab. Aesop. 6.


40 Seite 166.


41 Man sehe die kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.


42 Nach der Ramlerschen Übersetzung, S. 244.


43 Philosoph. practiceae universalis Pars post. § 303.


44 Fab. Aesop. 32.


45 Fabul. Aesop. 34.


46 Fab. Aesop. 67.


47 Fab. Aesop. 71.


48 Fab. Aesop. 187.


49 Phaedrus libr. IV. Fab. II.


50 Phaedrus libr. III. Fab. 15.


51 Phaedrus libr. I. Fab. 25.


52 Phaedrus libr. I. Fab..


53 Phaedrus libr. IV. Fab. 7.


54 Fab. Aesop. 313.


55 Fabul. Aesop. 143.


56 Fabul. Aesop. 336.


57 Fabul. Aesop. 20.


58 Fabul. Aesop. 127.


59 Fabul. Aesop 280.


60 Fabul. Aesop. 197.


61 Fabul. Aesop. 189.


62 Fabul. Aesop. 2.


63 Phaedrus libr. II. Fab. 4.


64 In der Vorrede zu seinen Fabeln.


65 Fontenelle.


66 Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.


67 Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam exponimus. Idem, ibidem.


68 Discours sur la Fable p. 17.


69 S. die erste Fabel des dritten Buchs.


70 Philosophiae practicae uneversalis pars posterior § 310.


71 Briefe die neueste Literatur betreffend I. Teil S. 58.


72 Kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.


Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 5, München 1970 ff..
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Abhandlungen [über die Fabel]
Abhandlungen Ueber Die Fabel
Fabeln / Abhandlungen über die Fabel (Fischer Klassik)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon