Vierter Teil

[205] 1759


III. Den 18. Oktober 1759

Drei und sechzigster Brief

Freuen Sie sich mit mir! Herr Wieland hat die ätherischen Sphären verlassen, und wandelt wieder unter den Menschenkindern.

Hier haben Sie vors erste sein Trauerspiel »Lady Johanna Gray«! Ein Trauerspiel, das er in allem Ernste für die Bühne gemacht hat, und das auch wirklich bereits aufgeführet worden; in der Schweiz nämlich, und wie man sagt, mit großem Beifalle. Ihnen einen Begriff überhaupt davon zu machen, das werde ich nicht besser als mit einer Stelle aus des Dichters eigener Vorrede tun können. »Die Tragödie, sagt er, ist dem edeln Endzweck gewidmet, das Große, Schöne und Heroische der Tugend auf die rührendste Art vorzustellen, – sie in Handlungen nach dem Leben zu malen, und den Menschen[205] Bewunderung und Liebe für sie abzunötigen.« Von dieser Voraussetzung können Sie leicht einen Schluß auf die Charaktere und auf die Handlung seines Stücks machen. Die meisten von jenen sind moralisch gut; was bekümmert sich ein Dichter, wie Herr Wieland, darum, ob sie poetisch böse sind? Die Johanna Gray ist ein liebes frommes Mädchen; die Lady Suffolk ist eine liebe fromme Mutter; der Herzog von Suffolk ein lieber frommer Vater; der Lord Guilford ein lieber frommer Gemahl; sogar die Vertraute der Johanna, die Sidney, ist eine liebe fromme – ich weiß selbst nicht was. Sie sind alle in einer Form gegossen; in der idealischen Form der Vollkommenheit, die der Dichter mit aus den ätherischen Gegenden gebracht hat. Oder weniger figürlich zu reden: der Mann der sich so lange unter lauter Cherubim und Seraphim aufgehalten, hat den gutherzigen Fehler, auch unter uns schwachen Sterblichen eine Menge Cherubim und Seraphim, besonders weiblichen Geschlechts, zu finden. Teufel zwar erblickt er auch nicht wenige; sie verhüllen sich aber alle vor seinen Augen in finstere Wolken, aus welchen er sie nicht im geringsten zu exorzisieren sucht, aus Furcht sie möchten uns, wenn wir sie näher und in ihrer Wirksamkeit kennen lernten, ein wenig liebenswürdig vorkommen. So hat er es mit seinem Herzoge von Northumberland, und mit seinem Bischof Gardiner gehalten. Abscheulich sind sie genug; aber Schade, daß man sie nur lästern hört, ohne sie handeln zu sehen. – Lassen Sie es gut sein; wenn Herr Wieland wieder lange genug wird unter den Menschen gewesen sein, so wird sich dieser Fehler seines Gesichts schon verlieren. Er wird die Menschen in ihrer wahren Gestalt wieder erblicken; er wird sich, mit dem Homer, weit von den übertriebenen Moralisten entfernen, die sich einbilden,110 μητε τι φαυλον αρετη προσειναι, μητε κακια χρησον; er wird finden, daß εν τοις πραγμασι και τω βιω των πολλων der Ausspruch seines Euripides wahr sei:


Ουκ αν γενοιτο χωρις εσϑλα και κακα.

Αλλ' εσι τις συγκρασις.
[206]

Und alsdenn, wenn er diese innere Mischung des Guten und Bösen in dem Menschen wird erkannt, wird studieret haben, alsdenn geben Sie Acht, was für vortreffliche Trauerspiele er uns liefern wird! Bis itzt hat er den vermeinten edeln Endzweck des Trauerspiels nur halb erreicht: er hat das Große und Schöne der Tugend vorgestellt, aber nicht auf die rührendeste Art; er hat die Tugend gemalt, aber nicht in Handlungen, nicht nach dem Leben.

Ich werde mich in keine Kritik über den Plan seiner Johanna Gray einlassen. Ich finde, daß die Verfasser der »Bibliothek« es bereits getan haben;111 und es so getan haben, daß die Kritik selbst damit zufrieden sein muß. Ich unterschreibe ihren Tadel; noch lieber aber ihr Lob, das sie dem Stücke in Ansehung des Sylbenmaßes, des Stils, des Vortrags erteilet haben. Alles was mir also Ihnen davon zu sagen übrig geblieben, bestehet in einigen Anmerkungen, die den Schöpfergeist des Herrn Wielands in ihr Licht setzen sollen.

Die Geschichte der Johanna Gray ist Ihnen bekannt. Eduard VI. starb den 6ten Julius 1553. Fünf Tage darauf ward Johanna zur Königin ausgerufen. Sie besaß den Thron neun Tage, und ward gefänglich in den Tour gesetzt, wo sie den 12ten Februar des folgenden Jahres hingerichtet ward. – Diesen ganzen Zeitraum von sieben Monaten hat Herr Wieland in die Dauer seines Trauerspiels einzuschränken gewußt. Eduard stirbt: erster Aufzug. Johanna wird Königin: zweiter Aufzug. Johanna wird abgesetzt und gefangen genommen: dritter Aufzug. Johanna ist gefangen: vierter Aufzug. Johanna wird hingerichtet: fünfter Aufzug. Alles dieses rollt bei dem Herrn Wieland so geschwind hinter einander weg, daß der Leser nicht mehr als ein einziges mal, zwischen dem vierten und fünften Aufzuge nämlich Zeit zu schlafen bekömmt.

Doch lassen Sie mich nicht, wie ein Gottschedianer kritisieren! Der Dichter ist Herr über die Geschichte; und er kann die Begebenheiten so nahe zusammen rücken, als er[207] will. Ich sage: er ist Herr über die Geschichte! Wir wollen sehen ob Herr Wieland diese Herrschaft in mehrern und wesentlichern Stücken zu behaupten gewußt hat.

Johanna war ein gelehrtes Mädchen. Sie verstand Griechisch, und konnte den Plato in der Grundsprache lesen. Das sagt die Geschichte, und Herr Wieland sagt es der Geschichte nach, ob er gleich von dieser Eigenschaft seiner Heldin in dem Stücke nicht den geringsten Vorteil ziehet.


––Nimmer werden uns

Bei Platons göttlichen Gesprächen

Die holden Stunden zu Minuten werden!


läßt er das Mädchen ausrufen; und der Leser macht sich in allem Ernste Hoffnung, sie eine Stelle aus dem »Phädon« exponieren zu hören. Aber seine Hoffnung schlägt fehl, und endlich denkt er, das eitle Mädchen habe mit ihrer Gelehrsamkeit nur prahlen wollen. Sie ist ohnedem eine Erzpedantin, der manchmal weiter nichts fehlt, als daß sie noch Hauptstück und Seite zitiere! Man höre nur:


–Was Gut, was Schön, was Edel ist,

Was erst den Menschen, denn den König bildet,

Des ersten Edwards väterlicher Sinn

Zu seinem Volk, und Richards Löwenmut,

Der kluge Geist des Salomons der Briten,

Das ganze Chor der Schwester-Tugenden

Die einst sich Alfreds Brust zum Tempel weihten,

Befruchteten sein Herz. Wie Davids Sohn

Bat er von Gott nicht Macht, nicht Ruhm, nicht Gold,

Er bat um Weisheit und er ward erhört!

Umsonst erbot ihm mit Syrenenlippen

Die Wollust ihre schnöden Süßigkeiten.

Wie Herkules, verschmäht er sie und wählte

Der Tugend steilen Pfad, den Weg der Helden!


Welch eine gelehrte Parentation auf ihren Mitschüler! Von allen ist etwas darin: vaterländische Historie, Bibel und Mythologie!

Die Geschichte sagt ausdrücklich, daß Johanna vornehmlich[208] durch das ungestüme Zusetzen ihres Gemahls, des Guilford Dudley, sei bewogen worden, die Krone anzunehmen. Auch der Dichter adoptiert diesen häßlichen Umstand, der uns von dem Guilford eine sehr nichtswürdige Seite zeiget. Wenn Guilford seine Gemahlin bittet, den Thron zu besteigen, was bittet er anders, als ihn nachzuheben? Diese schimpfliche Eigennützigkeit reimet sich zu dem edeln Charakter, den Herr Wieland dem Guilford sonst gegeben hat, im geringsten nicht.

Ferner sagt die Geschichte, daß der Herzog von Northumberland als der feigste Bösewicht gestorben sei, und noch auf dem Blutgerüste seinen Glauben verleugnet habe. Herr Wieland will dieses nicht um sonst gelesen haben; er bringt es an, ohne zu überlegen, daß der Anteil, welchen der Zuschauer an dem Schicksale seiner Johanna nimmt, unendlich dadurch geschwächt werde. Denn nunmehr, wie die Verfasser der »Bibliothek« mit Recht sagen, ist Johanna mehr eine betrogene, als eine verfolgte Unschuld, die sich mehr über die Ihrigen, als über ihre Feinde zu beklagen hat.

Und so könnte ich Ihnen noch mehr als einen Umstand anführen, den Herr Wieland ganz roh aus der Geschichte genommen hat, und der, so wahr er immer ist, dem Interesse seines Stücks schnurstracks zuwider läuft. Heißt das, als ein Genie arbeiten? Ich meinte, nur der Verfasser der »Parisischen Bluthochzeit« stehe in dem schülerhaften Wahne, daß der Dichter an einer Begebenheit, die er auf die tragische Bühne bringen wolle, weiter nichts ändern dürfte, als was mit den Einheiten nicht bestehen wolle, übrigens aber genau bei den Charakteren, wie sie die Geschichte von seinen Helden entwirft, bleiben müsse.

Aber wozu alle diese Anmerkungen? Das Trauerspiel des Herrn Wielands muß dem ohngeachtet ein vortreffliches Stück sein; und davon überzeugt mich ein ganz besonderer Umstand. Dieser nämlich: ich finde, daß die deutsche Johanna Gray in ihrem wahren Vaterlande bekannt geworden ist, und da einen englischen Dichter gereizt hat, sie zu plündern; sie recht augenscheinlich zu plündern. Die englischen Highwaymen aber berauben, wie bekannt, nur[209] lauter reiche Beutel und machen sie auch selten ganz leer. Folglich! –

Sollte nicht Milton auch einen Deutschen geplündert haben? Gottsched triumphierte über diese vermeintliche Entdeckung gewaltig! Aber es war eine Calumnie, und Gottsched hatte zu zeitig triumphiert. Hier will ich ihm also mit einem bessern, gegründetern Beispiele an die Hand gehen? wie gern sich die englische Biene auf unsern blumenreichen deutschen Auen treffen läßt. Einfältig muß unterdes mein englischer Plagiarius nicht sein; denn er hat sich darauf verstanden, was gut ist. Z E. die vortreffliche Stelle, wo Johanna zu ihrer Mutter sagt:


– – – Doch wenn Edward wirklich

Berechtigt war, die Kron auf Heinrichs Schwesterkinder

Zu übertragen, ist die Reihe denn

An mir? – – Was müßte meine Mutter sein,

Eh mir der Thron gebührte?


und ihre Mutter antwortet:


– – – Deine Mutter!

Und stolzer auf den Titel deiner Mutter

Als auf den Ruhm die glänzende Monarchin

Der ganzen Welt zu sein!


Diese vortreffliche Stelle, sage ich, die so hervorsticht, daß alle Rezensenten des Wielandischen Stücks sie ausgezogen haben, hat sich der Engländer fein eigen gemacht. Er übersetzt sie so:


Ev'n you my gracious Mother, what must you be

Ere i can be a Queen?

DUCHESS OF SUFFOLK. That, and that only,

Thy Mother; fonder of that tender Name,

Than all the proud Additions Pow'r can give.


Der Beschluß künftig
[210]

IV. Den 25. Oktober 1759

Beschluß des drei und sechzigsten Briefes

Nicht schlimm übersetzt! Gewiß, man sieht, der Engländer muß ein Mann sein, der etwas eben so schönes eben so wohl aus seinem eigenen Kopfe hätte sagen können. Vergleichen Sie noch folgende Stellen, und Sie werden finden, daß er Herr Wielanden, in der Wahl der edelsten und stärksten Ausdrücke, fast erreicht hat.


Wieland

– – – Ach, Kerkerbande

Und Schwert und Flammen sind den Heiligen

Gedräut, den unbeweglichen Bekennern

Des Evangeliums! Die Grausamkeit

Der Priester schont des schwächeren Geschlechts

Der Kinder nicht! Der Säugling selber wird

Des Speers geweihtes Eisen färben! –


Der Engländer

Persecution,

That Fiend of Rome and Hell, prepares her Tortures;

See where she comes in Mary's priestly Train!

Still wo't thou doubt, till thou behold her stalk,

Red with the Blood of Martyrs, and wide wasting

O'er Englands Bosom? All the mourning Year

Our Towns shall glow with unextinguish'd Fires;

Our Youth on Racks shall stretch their crackling Bones,

Our Babes shall sprawl on consecrated spears etc.


Wieland

Heil dir, Prinzessin, Heil dir, Enkelin

Von alten Königen, du schönste Blume

Von Yorks und Lancasters vereintem Stamme!

Durch deren Eifer, unter deren Schutze

Die göttliche Religion der Christen

Ihr leuchtend Angesicht, von ihren Flecken

Gereinigt, siegreich über alle Länder

Erheben soll, durch deren klugen Scepter

Gesetz und Freiheit, Fleiß und Überfluß

Und Wonne diese segensvolle Insel[211]

Zur Königin der Erde krönen sollen.

Mein Knie beugt sich zuerst dir ehrfurchtsvoll,

Den Bund der unverletzten Treu zu weihen!

Heil, Ruhm und Glück der Königin Johanna!


Der Engländer

Hail, sacred Princess! sprung from ancient Kings,

Our England's dearest Hope, undoubted Offspring

Of York and Lancaster's united Line;

By whose bright Zeal, by whose victorious Faith

Guarded and fenc'd around, our pure Religion,

That Lamp of Truth which shines upon our Altars,

Shall lift its golden Head and flourish long;

Beneath whose awful Rule, and righteous sceptre,

The plenteous Years shall roll in long Succession;

Law shall prevail and ancient Right take place,

Fair Liberty shall lift her chearful Head,

Fearless of Tyranny and proud Oppression;

No sad Complaining in our streets shall cry,

But Justice shall be exercis'd in Mercy.

Hail, royal Jane etc.


Wieland

Verwünscht sei mein fataler Rat! Verwünscht

Die Zunge, die zu deinem Untergang

So wortreich war. – Ach meine Tochter,

Mir bricht mein Herz.


Der Engländer

Curs'd be my fatal Counsels, curs'd my Tongue

That pleaded for thy Ruin, and persuaded

Thy guiltless Feet to tread the Paths of Greatness!

My Child! – I have undone thee!


Genug! Leben Sie wohl; und lernen Sie hieraus, wie bekannt wir deutschen Dichter unter den Engländern sind.

G.


Vier und sechzigster Brief

So? Vermuten Sie, daß hinter meinem Engländer, der den Herrn Wieland soll ausgeschrieben haben, eine kleine Bosheit stecke? Sie meinen doch wohl nicht, daß ich, ein zweiter Lauder, die englische Verse selbst gemacht habe? Allzuviel[212] Ehre für mich! Nein, nein; mein Engländer existieret; und heißt – Nicholas Rowe. Was kann Herr Wieland dafür, daß Nicholas Rowe schon vor vierzig und mehr Jahren gestorben ist?

Aber Scherz bei Seite! Es sei fern von mir, dem Herrn Wieland ein Verbrechen daraus zu machen, daß er bei seinem Stücke einen der größten englischen Dichter vor Augen gehabt hat. Mich befremdet weiter nichts dabei, als das tote Stillschweigen, welches er wegen dieser seiner Nachahmung beobachtet. Und wenn er dem Rowe nur noch bloße einzelne Stellen zu danken hätte! Allein so hat er ihm auch den ganzen Plan zu danken; und ich kann ohne die geringste Übertreibung behaupten, daß fast keine einzige Situation sein eigen ist. – Sie hiervon zu überzeugen, erlauben Sie mir, Ihnen den Plan der englischen Johanna Gray mit wenigen vorzuzeichnen.

Edward lebt noch, und Johanna Gray ist mit ihrem Guilford noch nicht vermählet. Von diesem Punkte gehet Rowe aus. Die Herzoge von Northumberland und Suffolk, nebst einem gewissen Johann Gates eröffnen die Szene. Wir erfahren, daß der König in den letzten Zügen lieget, und daß der Herzog von Northumberland bereits seine Maßregeln genommen hat, die Nachfolge der päpstischen Maria zu verhindern. Die Gegenwart der Johanna ist dazu unumgänglich nötig; und der Herzog von Suffolk gehet ab, ihre Ankunft bei Hofe zu beschleinigen; so wie kurz zuvor Gates abgehet, ihre Freunde auf allen Fall in Bereitschaft zu halten. Northumberland verrät in einer Monologue weitaussehende Anschläge, deren glücklicher Fortgang vornehmlich darauf beruhe, daß Johanna, noch vor Edwards Absterben, mit seinem Sohne, dem Guilford vermählt werde. Der Graf von Pembrock kömmt dazu; ein junger hitziger Mann, den Northumberland durch Schmeicheleien zu gewinnen sucht. Pembrock stutzt darüber um so vielmehr, da er der erklärte Nebenbuhler seines Sohnes ist. Doch der alte Herzog versichert ihm, daß diese Sache zu klein sei, als daß sie seiner Achtung gegen ihn das geringste benehmen könnte, sie möge auch einen Ausgang haben, was für einen sie wolle. Er geht ab, und sagt,[213] daß er des Pembrocks im geheimen Rate erwarte. Pembrock bleibt allein und spottet des alten Bischofs Gardiner, der nicht aufhöre, ihm den Northumberland als einen falschen Mann abzumalen, ohne Zweifel aus bloßem Hasse gegen die neue Religion, welcher der Herzog zugetan sei. Er hält den Vater für eben so aufrichtig und edelgesinnt als den Sohn, mit dem er, ihrer Rivalität ungeachtet, eine vertraute Freundschaft unterhält. Guilford kömmt, und ihre Freundschaft ist ihr Gespräch. Guilford zittert, daß diese einen so gefährlichen Feind an ihrer beiderseitigen, auf eben denselben Gegenstand abzielenden Liebe haben müsse! Pembrock kann den Gedanken nicht ertragen, daß Johanna ihm den Guilford vielleicht vorziehen möchte. Er wird in den geheimen Rat gerufen, und bedingt sich von seinem Freunde nur noch dieses, daß sie in ihrer gemeinschaftlichen Bewerbung offenherzig und ohne die geringste Hinterlist, zu Werke gehen wollen. Guilford bleibt zurück, und empfängt die Johanna, die nunmehr bei Hofe anlangt. Sie haben ein kurzes Gespräch, in welchem sich, ungeachtet der Traurigkeit über den nahen Tod ihres königlichen Freundes, die Liebe der Johanna gegen den Guilford zeiget. – Aus diesem Aufzuge hat Herr Wieland nichts entlehnen können, indem er mit der Geschichte so weit nicht zurückgegangen ist. Die Person des Pembrocks aber hat er aus seinem Stücke ganz und gar auszuschließen für gut befunden: als eine Person, ohne Zweifel, die in der Geschichte eine ganz andere Rolle spielet. Den Grafen Wilhelm Herbert von Pembrock kann Rowe schwerlich darunter verstehen; er muß vielmehr den Sohn dieses Grafen meinen, welcher nachher mit der jüngern Schwester der Johanna vermählt ward.

Den zweiten Aufzug eröffnen abermals Northumberland und Suffolk. Die Väter haben nunmehr die Verbindung ihrer Kinder verabredet. Die Herzogin von Suffolk und Guilford kommen dazu. Guilford ist in der äußersten Entzückung über sein nahes Glück. Sie gedenken der Johanna, die an dem Bette des sterbenden Königs weine. Indem tritt sie herein, und verkündiget den Tod desselben. – Die letzte Rede des Königs ist bei dem Herrn Wieland folgende:
[214]

O Gott, – –

– nimm mich zu dir.

Nimm meinen Geist aus dieser Welt des Abfalls

Zu dir und zu den Geistern, die dich lieben,

Und deinen Willen tun. – O meine Seele

Lechzt lange schon, dein Angesicht zu schauen!

Du, Vater, weißest es, wie gut mirs wäre,

Bei dir zu sein! Und doch um derer willen,

Die zu dir weinen, laß mich länger leben!

Noch leben, bis das große Werk vollbracht ist,

Dein Reich in Englands Grenzen fest zu gründen.

Doch nicht mein Will, o Vater, sondern deiner

Gescheh! etc. –


In dieser Stelle hat Herr Wieland dem Rowe nichts zu danken; sie ist ganz sein! Rowe glaubte, ohne Zweifel, daß ein sterbender König sich nicht wie eine sterbende alte Frau ausdrücken müsse, und legt ihm pathetischere Worte in den Mund:


–Merciful, great Defender!

Preserve thy holy Altars undefil'd.

Protect this Land from bloody Men and Idols,

Save my poor People from the Yoke of Rome

And take thy painful servant to thy Mercy!


Northumberland und Suffolk beschließen, den Tod des Königs geheim zu halten, trösten die Johanna, und lassen sie mit ihrem Guilford allein, der ihr den gefaßten Entschluß, wegen ihrer schleinigen Verbindung, beibringen soll. Guilford tut es auf die zärtlichste und selbst ihrer Traurigkeit schmeichelhafteste Art. Eine sonderbare Szene! Johanna tritt ab, und auf einmal wird Guilford von seinem Freunde überrascht. Pembrock sieht ihn verwirrt, und will die Ursache seiner Verwirrung wissen. Guilford sucht ihn allmählich darauf vorzubereiten; endlich muß er mit dem Geheimnisse heraus, daß ihm sein gutes Glück bei ihrer Geliebten den Vorzug verschafft habe. Pembrock gerät in Wut, beschuldiget ihn eines verräterischen Verfahrens, daß er, wider ihre Abrede,[215] auf eine unedle Art seine Hoffnung untergraben habe, und geht in völliger Raserei ab.

Die Szene war bisher bei Hofe gewesen, und nunmehr, mit dem Anfange des dritten Aufzuges, verlegt sie der Dichter in den Tower. Gardiner der daselbst in einem weiten Verhafte gehalten wird, unterredet sich mit dem Pembrock. Der Bischof hat erfahren, daß die Vermählung zwischen der Johanna und dem Guilford wirklich vor sich gegangen, und zieht den Pembrock dadurch völlig auf seine und der Maria Seite. Sie treten ab, und Guilford führet seine Johanna herein, weil der geheime Rat sich in dem Tower versammeln will. Er bereitet sie auf die große Nachricht vor, die sie nun bald erfahren soll. Kurz darauf erscheint ihre Mutter, ihr Vater, der Herzog von Northumberland, nebst anderen Herren des geheimen Rats, und der edle Streit nimmt seinen Anfang, mit welchem Herr Wieland seinen ganzen zweiten Aufzug anfüllet. Hier ist es, wo er dem Engelländer das meiste abgeborgt hat.

Die erste Szene des vierten Aufzuges haben wiederum Pembrock und Gardiner. Sie versprechen sich beide, daß das Unternehmen des Northumberland einen blutigen Ausgang haben werde. Indem erscheint die Wache, und führt den Bischof auf Befehl der neuen Königin in eine engere Haft. Auch Pembrock soll abgeführet werden, aber Guilford kömmt dazu, schickt die Wache ab, und sagt, daß er selbst für diesen Gefangenen stehen wolle. Er war gekommen, sei nen Freund zu retten, gibt ihm seinen Degen wieder, und dringt in ihn, daß er sich augenblicklich in Sicherheit begeben soll. Der ergrimmte Pembrock ist über dieses Verfahren betroffen, und will der Großmut seines Freundes lange nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen bis ihm dieser den Befehl seines eignen Vaters zu seiner plötzlichen Hinrichtung zeiget, welchen er auf keine andere Weise, als durch die anscheinende Gefangennehmung, zu vereiteln gewußt habe. Nun kömmt Pembrock auf einmal wieder zu sich, und es erfolgt die rührendste Aussöhnung, bei der man sich unmöglich der Tränen enthalten kann. Kaum aber ist Pembrock fort, als Johanna mit einem Buche in der Hand (es ist der[216] »Phädon« des Plato) herein tritt. Die Katastrophe ist ausgebrochen, und sie beruhiget sich mit Betrachtungen über die Unsterblichkeit der Seele. Diese Szene ist es, welche sich Herr Wieland hätte zu Nutzen machen müssen, wenn seine Heldin nicht vergebens von ihrer Gelehrsamkeit geschwatzt haben sollte. Guilford erfährt von ihr, daß sie der geheime Rat verlassen und sich zu der Maria begeben habe. Die Herzogin, ihre Mutter, kömmt dazu; sie jammert; Guilford tobet, und Johanna bleibt ruhig. Indem erscheinen der Graf Sussex und Gardiner mit der Wache, und nehmen alle drei, im Namen der Königin Maria, gefangen.

In dem fünften Aufzuge erblicken wir den geschäftigen Bischof, der zur Hinrichtung der Gefangenen die nötigen Befehle erteilet. Zu ihm kömmt Pembrock. Seine mit dem Guilford erneuerte Freundschaft hat ihn nicht müßig gelassen; er hat bei der Königin, für die Gefangenen Gnade ausgewirkt, und gibt dem Gardiner frohlockend davon Nachricht. Doch das ist im geringsten nicht nach des Bischofs Sinne, er eilet also zur Maria, ihr diese unzeitige Gnade auszureden; und Pembrock begibt sich zu seinem Guilford. Itzt wird die hinterste Szene aufgezogen, und man sieht die Johanna auf ihren Knien liegen und beten. Guilford tritt zu ihr herein. Sie unterhalten sich mit Todesbetrachtungen, als Pembrock kömmt und ihnen seine fröhliche Botschaft bringet. Nur einen Augenblick glänzet ihnen dieser Strahl von Hoffnung. Gardiner erscheinet, und bekräftiget zwar die Gnade der Königin, aber bloß unter der Bedingung, daß sie beide zur römischen Kirche zurückkehren sollen. Diese Bedingung wird abgeschlagen; sogleich wird Guilford zum Tode geführet; die Szene eröffnet sich noch weiter; man erblickt das Blutgerüste; Johanna besteiget es, als eine wahre Heldin; Gardiner triumphieret; Pembrock verwünscht den Geist der Verfolgung; und das Stück schließt.

Nunmehr sagen Sie mir, was Herr Wieland mit diesem großen Plane anders gemacht hat, als daß er einen prächtigen Tempel eingerissen, um eine kleine Hütte davon zu bauen? Er hat die rührende Episode des Pembrocks herausgerissen, und die letzten drei Aufzüge in fünfe ausgedehnet,[217] durch welche Ausdehnung, besonders des fünften Aufzuges in seine beiden letzten, die Handlung ungemein schläfrig geworden ist. Herr Wieland läßt dem Guilford an einem Orte zur Johanna sagen:


Und selbst, o Scheusal, deine Räte selbst,

Die kaum mit aufgehabnen Händen schwuren,

Dir, dem Gesetz und unserm heilgen Glauben

Getreu zu bleiben, alle sind Verräter,

Verdammte Heuchler! – Pembrock, ach! mein Freund,

Mein Pembrock selbst, vom Gardiner betrogen,

Fiel zu Marien ab.


Man weiß gar nicht, was das für ein Pembrock hier ist, und wie Guilford auf einmal eines Freundes namentlich gedenket, der in dem Stücke ganz und gar nicht vorkömmt? Aber nun werden Sie dieses Rätsel auflösen können. Es ist eben der Pembrock des Rowe, dem er in seinem Stücke keinen Platz gönnen wollen, und der ihm dafür den Possen tut, sich, gleichsam wider seinen Willen, einmal einzuschleichen.

G.


V. Den 2. November 1759

Fünf und sechzigster Brief

Den Einfall des Herrn Professor Gottscheds, seinen Kern der deutschen Sprachkunst den sämtlichen berühmten Lehrern der Schulen in und außer Deutschland, zuzuschreiben, muß man ihn nicht für einen recht unverschämten Kniff eines gelehrten Scharlatans halten? Denn was ist diese Zuschrift anders, als ein Bettelbrief, seine Grammatik zu einer klassischen Grammatik deswegen machen zu helfen, weil sie in vier Jahren dreimal gedruckt worden, und der Herr Autor darüber ein Kompliment aus Wien und aus Chur im Graubündnerlande erhalten hat? Wenn der Name des Verlegers unter dieser Zuschrift stünde, so würde ich weiter nichts daran auszusetzen haben, als daß dieser vergessen, den Herren[218] Rektoren und Konrektoren in jedes Dutzend Exemplare, die ihre Schüler verbrauchen würden, das dreizehnte gratis obenein zu versprechen. Aber daß sich Gottsched selbst durch seine blinde Eitelkeit zu diesem Schritte verleiten lassen, das muß ihn notwendig in den Augen aller Rechtschaffenen nicht bloß lächerlich, es muß ihn verächtlich machen. Denn wenn es auch schon unwidersprechlich wäre, daß seine Sprachkunst, vor allen an dern in den Schulen eingeführt zu werden, verdiente; hätte ein großer Mann, wie er sein will, – denn alle große Männer sind bescheiden – einen dergleichen Vorzug nicht vielmehr in der Stille abwarten, als ihn zu erschleichen suchen sollen? –

Aber die berühmten Lehrer der Schulen, wie haben die sich dabei verhalten? Sehr leidend; doch scheinet es eben nicht, daß sie so leicht zu bestechen gewesen sind. Und in der Tat wäre es für den Herrn Professor selbst sehr zu wünschen, daß sie sämtlich ganz und gar nicht auf seine Zuschrift reflektieret hätten. Denn ich sorge, ich sorge, man fängt auch schon auf kleinen Schulen an, den berühmten Gottsched – auszulachen. Wenn nun der Lehrer das Büchelchen, über welches er zu lesen gebeten worden, auf allen Seiten verbessern und widerlegen muß, was für eine Achtung können die Schüler für den Professor mit auf die Universität bringen?

Und daß jenes zum Teil wirklich geschehen, beweisen unter andern die Anmerkungen, welche Herr Heinz, Rektor zu Lüneburg, über die Gottschedische Sprachlehre vor kurzen ans Licht gestellt hat.112 »Da das Werk, hebt er seine Vorrede an, welches diese Anmerkungen veranlaßt hat, den Schulen gewidmet und zugeschrieben war: so hat, deucht mir, der berühmte Verfasser, wenn er uns anders so viel zutrauet, schon längst eine Kritik darüber vermuten müssen: und da unter so vielen Schullehrern sich doch, meines Wissens,[219] keiner dazu entschlossen hat, so dürfte ich mir wohl ohne Eitelkeit den Vorzug anmaßen, daß ich die Aufmerksamkeit desselben auf die Schulen, unter allen mit der größten Achtung erwidert habe.« – In diesem schleichenden Tone eines trocknen naiven Mannes, fährt Herr Heinz fort, und gestehet endlich, daß freilich seine ganze Beurteilung so ausgefallen, daß ihm der Herr Verfasser schwerlich Dank dafür wissen könne. »Ich verlange, sagt er, auch nichts unmögliches: berufe mich aber schlechterdings darauf, daß sie nicht anders geraten können, und daß sie gerecht sei.«

Ich möchte meinen Brief am aller ungernsten mit grammatikalischen Streitigkeiten anfüllen; und Sie wollen überhaupt, nicht so wohl diese Streitigkeiten selbst, als vielmehr bloß das Resultat derselben wissen. Hören Sie also, wie Herr Heinz seine ganze Kritik schließt.113 »Wollen wir, sagt er, noch kürzlich zusammenrechnen, ehe ich meinen Skribenten verlasse? so ist, deucht mir, durch die bisherige Prüfung folgendes wohl ganz ausgemacht: daß beide Sprachlehren des Herrn Prof. wohl schwerlich mit Einsicht und reifer Gelehrsamkeit geschriebene Werke heißen können: daß sie ohne Kritik beinahe unbrauchbar sind, wegen der gar zu vielen Fehler, welche doch teils durch die ausnehmende Zuversicht, womit Herr G. seine Meinungen vorträgt, teils durch den ihm gewöhnlichen Dunst von Worten, teils durch das Gepränge einer eiteln und magern Philosophie, vor unwissenden und treuherzigen Lesern ziemlich versteckt werden. Ein Gelehrter wird nirgends etwas finden, das die gewöhnliche Erkenntnis der deutschen Sprache überstiege, und woraus ein grammatikalischer Geist, oder ein Naturell, das zur Philologie geboren, oder erzogen wäre, hervorleuchtete. An dessen statt offenbaret sich durch das ganze Werk eine enthusiastische Liebe und eigensinnige Parteilichkeit des V. für die deutsche Sprache, oder vielmehr für seine Meinungen und Vorurteile von derselben, nebst einem allzugroßen Vertrauen auf seine Einsicht, welche oft in unbedächtige Urteile und schnöde Verachtung gegen angesehene Schriftsteller, oder[220] gar gegen unschuldige Städte und Provinzen ausbrechen. Wenn andere Sprachlehrer mit ihm einerlei Frage abhandeln, so wiegt er immer am leichtesten: und der Mangel des Scharfsinnes, der Überlegung, und einer genugsamen Übung in diesem Felde, ist allen seinen Urteilen anzusehen. Die große Grammatik hat vor der andern sonst nichts voraus, als die Weitläuftigkeit, mit welcher die Sachen nicht gründlicher, vollständiger, gelehrter, sondern gedehnter, langweiliger, und in einem gewissen schlechten Verstande, philosophischer gesagt sind. Zur Probe kann das Kapitel von Nebenwörtern dienen; aber auch jedes andere Stück. Sie macht durchgängig viel Aufhebens von Kleinigkeiten, und tut, als ob vor ihr nicht nur keine Deutsche, sondern überall noch keine Sprachlehre geschrieben wäre; und als ob sie alle grammatikalische Begriffe und Einteilungen zuerst aus dem tiefen Brunnen, worin die Wahrheit verborgen liegt, herausholete, welches in der Tat weder Gelehrsamkeit noch Bescheidenheit beweiset. Freilich hätte man denken sollen, daß Hr. G. viel weiter sehen würde, als alle seine Vorgänger: da er sich nicht weniger als vier und zwanzig Jahr zur Ausarbeitung seiner Grammatik genommen, wie das Privilegium und die Vorrede bezeugen. Aber der Leser wird angemerkt haben, daß ich unsern V. oft aus Bödickern und Frischen verbessern können: hingegen zur Verbesserung dieser Männer aus Gottscheden wüßte ich auch nicht eine Stelle anzugeben. Ist das aber recht, seiner Vorgänger Verdienste zu unterdrücken, und ihre Bücher der Jugend aus den Händen zu spielen, wenn man es ihnen nicht einmal gleich tut? Wenn uns Deutschen nicht so gar leicht Genüge geschähe, so würde der Herr Prof. mit seiner lange erwarteten neuen Sprachlehre schwerlich eine andere Aufnahme erfahren haben, als ehemals ein gewisser Poet in Frankreich mit seinem Heldengedichte. Weil aber Herr G. alles mit der Erwartung seiner Grammatik angefüllt hatte, so wurden unsere alten wohlverdienten Sprachlehrer wenig gelesen, sondern die meisten sparten ihren Appetit nach grammatikalischer Erkenntnis auf das große Mahl, so er ihnen bereitete, und das ist wohl die Ursache des großen Beifalles, womit die neue Sprachlehre aufgenommen[221] worden. Was mag er aber in so lieber langer Zeit daran gebauet und ausgefeilet haben! da doch noch itzo nach so vielen gelehrten Erinnerungen so vieler Gönner und Freunde, wie in der andern Vorrede stehet, und nun nach so viel wiederholten Auflagen, gleichwohl noch so viel, ich mag wohl sagen, kindische Fehler darin sind? – Herr Gottsched, schließet er endlich, hätte daher viel besser getan, wenn er doch ein Sprachlehrer werden wollte, daß er die Bödikerischen und Frischischen Grundsätze bloß in bequemere Ordnung gebracht hätte. Ich will damit nicht sagen, daß ers hätte tun sollen, denn meiner Meinung nach, mußte er gar keine Sprachlehre schreiben: weil die grammatische Muse, nach so vielen feindseligen Angriffen, welche er in dem Baylischen Wörterbuche, und sonst überall, auf sie selbst, und auf ihre größten Günstlinge getan hatte, ihm von je her, nicht anders, als gehässig sein konnte.«

Was sagen Sie hierzu; vorausgesetzt, daß Herr Heinz ein ehrlicher Mann ist, der im geringsten nichts übertreibt? (Wenn Sie es nicht voraussetzen wollen, so glauben Sie es so lange auf mein Wort, bis Sie Lust bekommen, sich selbst davon zu überzeugen.) Wird es Ihnen noch wahrscheinlich sein, daß einer, ob er schon ein magrer Philosoph, und ein schlechter Dichter ist, dennoch wohl eine gute Sprachkunst schreiben könne? Oder gestehen Sie es nun bald, daß ein seichter Kopf nirgends erträglich ist?

Und Herr Professor Gottsched muß es selbst gefühlt haben, daß ihm dieser Gegner ein wenig zu sehr überlegen sei! Sie glauben nicht, wie seltsam er sich in seinem Neuesten114 gegen ihn gebärdet! Ohne sich auch nur auf einen einzigen Tadel einzulassen, eifert und sprudelt er da etwas her, woraus kein Mensch klug werden kann; und begegnet dem Rektor mit einem so groben Professorstolze, als verhielte sich der Rektor zum Professor, wie der Schüler zum Rektor; da doch das Verhältnis in diesem Falle grade umgekehrt ist. »Hier steht abermal,« ruft er mit vollem Maule aus, »hier steht abermal ein Grammatiker auf, der an Herrn Prof. Gottscheds[222] Sprachkunst zum Ritter werden will. Herr Rektor Heinz zu Lüneburg, ist von einem innern Berufe genagt worden, sich durch einen Angriff eines berühmten Mannes auch berühmt zu machen. Und was war leichter als dies? Man kann ja bald etliche Bogen über ein Buch zusammen schreiben, dessen gute Aufnahme in Deutschland ihm ein Dorn im Auge war. Besondre Ursachen zur Feindschaft gegen denselben hatte er nicht: das gesteht er selbst. Die Pflichten der Mitglieder einer Gesellschaft, dergleichen die Deutsche zu Göttingen ist, werdens ihm vermutlich auch nicht auferlegt haben, einen seiner ältern Gesellschafter so stürmend anzugreifen. Um desto mehr wundern wir uns, daß er dennoch kein Bedenken getragen, einen solchen Anfall auf einen Mann zu tun, der ihm nicht den geringsten Anlaß dazu gegeben.« – Wenn werden die schlechten Skribenten einmal aufhören zu glauben, daß notwendig persönliche Feindschaft zum Grunde liegen müsse, wenn sie einer von ihren betrogenen Lesern vor den Richtstuhl der Kritik fordert? – »Doch wie?« fährt das Neueste fort; »hat nicht Herr Prof. G. seine kleine Sprachlehre den sämtlichen berühmten Schullehrern in Deutschland zugeschrieben? Es ist wahr, und der Augenschein zeigt es, daß solches mit viel Höflichkeit, mit vielen Lobsprüchen, und in dem besten Vertrauen zu ihnen geschehen ist. War nun das etwa ein zureichender Grund, denjenigen so grämisch anzuschnarchen, der ihm zugleich mit andern eine solche Ehre erwiesen? Welcher Wohlgesittete kann das begreifen?« – Derjenige Wohlgesittete, würde ich hierauf antworten, bei dem die Höflichkeit nicht alles in allen ist. Der die Wahrheit für keine Schmeicheleien verleugnet, und überzeugt ist, daß die nachdrückliche Warnung vor einem schlechten Buche ein Dienst ist, den man dem gemeinen Wesen leistet, und der daher einem ehrlichen Manne weit besser anstehet, als die knechtische Geschicklichkeit, Lob für Lob einzuhandeln. Zudem weiß ich auch gar nicht, was das Neueste mit dem grämischen Anschnarchen will; zwei altfränkische Wörter, die schwerlich aus einer andern, als des Herrn Professors eigener Feder können geflossen sein. Man kann nicht mit kälterm Blute kritisieren, als es Herr[223] Heinz tut; und die Stelle, die Sie oben gelesen haben, ist die stärkste in seinem ganzen Buche. Was finden Sie darin grämisches und angeschnarchtes? Grämisch anschnarchen kann niemand als Herr Gottsched selbst; und zwar fällt er in diesen Ton gemeiniglich alsdenn, wenn er satyrisch sein will. Z.E. Was ist geschnarchter als folgende Stelle? »Doch Herr Heinz besorget, es werde bei seinem Stillschweigen, die Gottschedische Grammatik ein klassisches Ansehen gewinnen; da ers zumal nicht ohne Galle bemerket, daß bisher alle seine Herrn Kollegen stille dazu geschwiegen: weswegen er glaubet, es sei besser, daß einer, als daß keiner das Maul auftue, und diesem großen Unheil steure und wehre. Allein mit seiner gütigen Erlaubnis, fragen wir hier, ob er denn wohl glaube, daß ein Buch darum gleich zu Boden geschlagen sei, weil er, Herr Heinz von Lüneburg, sich demselben widersetzet? Wir glauben es gewißlich noch nicht! Die Gottschedische Sprachkunst hat schon mehr solche grimmige Anfälle überstanden, und steht doch noch. Sie wird gewiß den seinigen auch überstehn.« – Welche Schreibart! Und wie witzig ist das Herr Heinz von Lüneburg, auf welches einige Zeilen darauf der Sekundaner Kunz folgt!

Noch eine recht lustige Stelle aus dem »Heumonde« des Hrn. Prof. kann ich mich nicht enthalten, Ihnen abzuschreiben. Indem er Herr Heinzen aushunzt, kommen ihm auch die Verfasser der göttingischen gelehrten Zeitungen in den Weg, die sich dann und wann unterstehen, ihm eine kleine Wahrheit zu sagen, ohne zu bedenken, daß der Herr Professor ein altes Mitglied ihrer deutschen Gesellschaft ist. Er meint, er habe zu dieser Frechheit nun lange genug stille geschwiegen; und wenn sie ihn weiter »böse machten, so werde er einmal aufwachen, und ihnen durch den Zuruf:


Tecum habita et noris, quam sit tibi curta supellex


ihre Schwäche bekannt machen. – Wir wissen auch nicht, fährt hierauf der ›Heumond‹ fort, was ihn bisher zu solcher Geduld und Gelassenheit bewogen; zumal da die göttingischen Zeitungen für ein Werk von einer ganzen Sozietät der Wissenschaften gelten sollen, unter deren Aufsicht, und mit[224] vermutlicher Genehmhaltung sie herauskommen. Gewiß in solchen Zeitungen verdammt zu werden, ist kein solcher Spaß, als wenn einen ein jeder unbekannter und ungenannter Kritikaster herunter macht. Wer also auf seinen guten Namen hält, der ist in seinem Gewissen verbunden, von einem so unbefugten und gewaltsamen Richter sich auf einen höhern zu berufen, und den Ungrund seiner Urteile zu zeigen. Nichts, als die Verbindung mit der göttingischen deutschen Gesellschaft kann ihn, unsers Erachtens, bisher abgehalten haben, hier so lange stille zu sitzen. Allein wer weiß, wie lange es dauert, so schicket er ihr sein Diplom (nach Hrn. Rat Königs in Haag Beispiele) zurück; und setzet sich wieder in die natürliche Freiheit, seine Ehre zu retten. Bis dahin kann er ihnen mit dem Achill in der Iphigenia zurufen:


Dankt es dem Bande bloß, das meinen Zorn noch hemmet,

Sonst hätt er schon mein Herz gewaltsam überschwemmet.«


– Welch eine Drohung! Die arme deutsche Gesellschaft, wenn ihr dieses Unglück begegnen sollte! Ich glaube, sie würde darüber zu einer wendischen. Denn wie kann eine deutsche Gesellschaft ohne Gottscheden bestehen?

O.


VIII. Den 23. November 1759

Siebenzigster Brief

Hier ist etwas von einem Verfasser, der ziemlich lange ausgeruhet hat! – Es sind die Fabeln des Herrn Lessings.115

Er meldet uns in der Vorrede, daß er vor Jahr und Tag einen kritischen Blick auf seine Schriften geworfen, nachdem er ihrer lange gnug vergessen gehabt, um sie völlig als fremde Geburten betrachten zu können. Anfangs habe er sie ganz verwerfen wollen; endlich aber habe er sie, in Betrachtung so vieler freundschaftlichen Leser, die er nicht gern dem Vorwurfe aussetzen wollen, ihren Beifall an etwas ganz[225] unwürdiges verschwendet zu haben, zu verbessern beschlossen.

Den Anfang dieser Verbesserung hat er mit seinen Fabeln gemacht. »Ich hatte mich, sagt er, bei keiner Gattung von Gedichten länger verweilet, als bei der Fabel. Es gefiel mir auf diesem gemeinschaftlichen Raine der Poesie und Moral. Ich hatte die alten und neuen Fabulisten so ziemlich alle, und die besten von ihnen mehr als einmal gelesen. Ich hatte über die Theorie der Fabel nachgedacht. Ich hatte mich oft gewundert, daß die gerade auf die Wahrheit führende Bahn des Aesopus, von den Neuern, für die blumenreichen Abwege der schwatzhaften Gabe zu erzählen, so sehr verlassen werde. Ich hatte eine Menge Versuche in der einfältigen Art des alten Phrygiers gemacht. etc.«

Und kurz; hieraus ist das gegenwärtige kleine Werk seiner Fabeln entstanden, welches man als den ersten Band der gänzlichen Umarbeitung seiner Schriften anzusehen hat. Ich muß die Ordnung, die er darin beobachtet, umkehren, und Ihnen vorher von seinen beigefügten Abhandlungen über diese Dichtungsart etwas sagen, ehe ich die Fabeln selbst Ihrem Urteile unterwerfen kann.

Es sind diese Abhandlungen fünfe. Die erste, welche die weitläufigste und dabei die wichtigste ist, untersuchet das Wesen der Fabel. Nachdem die Einteilung der Fabeln in einfache und zusammengesetzte, (das ist in solche, die bei der allgemeinen Wahrheit, welche sie einprägen sollen, stehen bleiben, und in solche, die ihre allgemeine Wahrheit auf einen wirklich geschehenen, oder doch als wirklich geschehen, angenommenen Fall, weiter anwenden) vorausgeschickt worden, gehet der Verfasser die Erklärungen durch, welche de la Motte, Richer, Breitinger und Batteux von der Fabel gegeben haben. Bei der Erklärung des ersten, die allen folgenden Erklärungen zum Muster gedienet habe, ist er vornehmlich gegen das Wort Allegorie, und behauptet, daß die Fabel überhaupt nicht in der Erzählung einer allegorischen Handlung bestehe, sondern daß die Handlung nur in der zusammengesetzten Fabel allegorisch werde, und zwar allegorisch, nicht mit dem darin enthaltenen allgemeinen Satze,[226] sondern mit dem wirklichen Falle, der dazu Gelegenheit gegeben hat. An der Erklärung der Richer setzet er vornehmlich dieses aus, daß sie ein bloßes allegorisches Bild zu einer Fabel für hinreichend hält. »Ein Bild, sagt er, heißet überhaupt jede sinnliche Vorstellung eines Dinges, nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir nicht mehrere, oder gar alle mögliche Veränderungen, derer das Ding fähig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und demselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich also zwar wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine Fabel. Der mitten im Wasser dürstende Tantalus ist ein Bild, und ein Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bei dem größten Überflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? – Ein jedes Gleichnis, ein jedes Emblema würde eine Fabel sein, wenn sie nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke übereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdrücken.« – Mit diesem Worte verbindet er aber einen viel weitern Sinn, als man gemeiniglich damit zu verbinden pfleget, und verstehet darunter jede Folge von Veränderungen, die zusammen ein Ganzes ausmachen. Denn daß die Erklärung, welche Batteux von der Handlung gibt, daß sie nämlich eine Unternehmung sein müsse, die mit Wahl und Absicht geschieht, bei der Fabel nicht Statt finde, zeiget er umständlich, indem die allerwenigsten Äsopischen Fabeln in diesem Verstande Handlung haben. Batteux, wie der Verfasser sehr wahrscheinlich zeiget, hat seine Erklärung nur von einem einzigen in seiner Art zwar sehr vollkommenen, deswegen aber doch zu keinem allgemeinen Muster tauglichen Exempel abstrahieret, und überhaupt die Handlung der Äsopischen Fabel mit der Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. »Die Handlung der beiden letztern, sagt er, muß außer der Absicht, welche der Dichter damit verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die Handlung der ersten braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet etc.« Der Grund[227] hiervon liegt in den Leidenschaften welche jene erregen sollen, und auf deren Erregung diese ganz und gar keinen Anspruch macht. – Diese und verschiedene andere Anmerkungen nimmt der Verfasser nunmehr zusammen, und sagt: »In der Fabel wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer Satz, nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen einzeln Fall, nicht versteckt oder verkleidet, sondern so zurückgeführet, daß ich, nicht bloß einige Ähnlichkeiten mit dem moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend darin erkenne.« – Und das ist das Wesen der Fabel? Noch nicht völlig. Noch fehlet ein wichtiger Punkt, von welchem die Kunstrichter bloß ein dunkles Gefühl gehabt zu haben scheinen; dieser nämlich: der einzelne Fall, aus welchem die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellet werden. Begnügen wir uns an der Möglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.


Der Beschluß künftig


IX. Den 29. November 1759

Beschluß des siebenzigsten Briefes

Nachdem der Verfasser diesen wichtigen Unterschied an einigen Beispielen gezeigt, läßt er sich auf die psychologische Ursache ein, warum sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die Fabel nennen kann, nicht mit der bloßen Möglichkeit begnüge, an welcher sich die Exempel an derer Wissenschaften begnügen. Er findet diese Ursache darin, weil das Mögliche, als eine Art des Allgemeinen, die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis verhindere, welche Lebhaftigkeit gleichwohl unentbehrlich ist, wenn die an schauende Erkenntnis zur lebendigen Erkenntnis, als worauf die Moral bei ihren Wahrheiten vornehmlich sieht, erhöhet werden soll. Er zeiget hierauf, daß schon Aristoteles diese Kraft des Wirklichen gekannt, aber eine falsche Anwendung davon gemacht habe, weil er sie aus einer unrechten Quelle[228] hergeleitet. Aristoteles lehret nämlich, die historischen Exempel hätten deswegen eine größere Kraft zu überzeugen, als die Fabeln, weil das Vergangene gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sei. Unser Verfasser aber sagt: »Hierin, glaube ich, hat Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugt werden. Ich glaube bloß deswegen, daß ein Ding geschehen, und daß es so und so geschehen ist, weil es höchst wahrscheinlich ist, und höchst unwahrscheinlich sein würde, wenn es nicht, oder wenn es anders geschehen wäre. Da also einzig und allein die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines Falles glauben macht, und diese innere Wahrscheinlichkeit sich eben sowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die Wirklichkeit des erstern für eine größere Kraft auf meine Überzeugung haben, als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr: da das historisch Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist; da Aristoteles selbst sagt, daß das Vergangene nur gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sei; der Dichter aber die freie Gewalt hat, hierin von der Natur abzugehen, und alles, was er für wahr ausgibt, auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, wäre es wohl klar, daß der Fabel, überhaupt zu reden, in Ansehung der Überzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebühre.« – Und nunmehr trägt der Verfasser seine völlige Erklärung der Fabel vor, und sagt: Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen, und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennet: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.

Die zweite Abhandlung betrifft den Gebrauch der Tiere in der Fabel. »Der größte Teil der Fabeln, sagt der Verfasser, hat Tiere, oder wohl noch geringere Geschöpfe zu handelnden Personen. – Was ist hiervon zu halten? Ist es eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und[229] erleichtert? Ist es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man aber zu Ehren des ersten Erfinders, beibehält, weil er wenigstens schnakisch ist – quod risum movet? Oder was ist es?« Batteux hat sich auf diese Fragen nicht eingelassen, sondern listig genug den Gebrauch der Tiere seiner Erklärung der Fabel sogleich mit angeflickt. Breitinger hingegen behauptet, daß die Erreichung des Wunderbaren die Ursache davon sei, und glaubt daher die Fabel überhaupt nicht besser als durch ein lehrreiches Wunderbare erklären zu können. Allein unser Verfasser zeiget, daß die Einführung der Tiere in der Fabel nicht wunderbar ist, indem es darin vorausgesetzt und angenommen werde, daß die Tiere und andere niedrige Geschöpfe, Sprache und Vernunft besitzen. Seine Meinung gehet also dahin, daß die allgemein bekannte Bestandtheit ihrer Charaktere diese Voraussetzung veranlasset und so allgemein beliebt gemacht habe. »Je tiefer wir, setzt er hinzu, auf der Leiter der Wesen herab steigen, desto seltener kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche, und am allerseltesten vielleicht unter den Werken der Kunst finden läßt. Denn daß es deswegen geschehen sollte, weil es stufenweise immer unwahrscheinlicher werde, daß diese geringern Werke der Natur und Kunst, empfinden, denken und sprechen könnten, will mir nicht ein. Die Fabel von dem ehernen und irdenen Topfe ist nicht um ein Haar schlechter und unwahrscheinlicher, als die beste Fabel z.E. von einem Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so unendlich weit jene von ihm abstehen.«

In der dritten Abhandlung sucht der Verfasser eine richtigere Einteilung der Fabeln festzusetzen. Die alte Einteilung des Aphthonius ist offenbar mangelhaft. Schon Wolf hat bloß die Benennungen davon beibehalten, den damit zu verknüpfenden Sinn aber dahin bestimmt, daß man den Subjekten der Fabel entweder solche Handlungen und Leidenschaften, überhaupt solche Prädikate, die ihnen zukommen, oder solche die ihnen nicht zukommen, beilege. In dem[230] ersten Falle hießen es vernünftige Fabeln; in dem andern sittliche Fabeln; und vermischte Fabeln hießen sie alsdenn, wenn sie etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel hätten. Allein auch diese verbesserte Einteilung will unserm Verfasser darum nicht gefallen, weil das nicht zukommen einen übeln Verstand machen, und man wohl gar daraus schließen könnte, daß der Dichter eben nicht gehalten sei, auf die Natur der Geschöpfe zu sehen, die er in seinen Fabeln aufführet. Diese Klippe also zu vermeiden, glaubt er, man werde am sichersten die Verschiedenheit der Fabeln auf die verschiedene Möglichkeit der einzeln Fälle, welche sie enthalten, gründen können. Diese Möglichkeit aber ist entweder eine unbedingte oder eine bedingte Möglichkeit; und um die alten Benennungen gleichfalls beizubehalten, so nennt er diejenigen Fabeln, vernünftige Fabeln, deren einzelner Fall schlechterdings möglich ist; diejenigen hingegen, wo er es nur unter gewissen Voraussetzungen ist, nennt er sittliche Fabeln. Die vernünftigen sind keiner fernern Abteilung fähig; wohl aber die sittlichen. Denn die Voraussetzungen betreffen entweder die Subjekte der Fabeln, oder die Prädikate dieser Subjekte. Fabeln, worin die Subjekte vorausgesetzt werden, nennet er mythische Fabeln; und Fabeln, worin erhöhtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen werden, nennet er hyperphysische Fabeln. Die ferner daraus entstehende vermischte Gattungen nennet er die vernünftig mythischen, die vernünftig hyperphysischen, und die hyperphysisch mythischen Fabeln. – Welche Wörter! werden Sie ausrufen. Welche unnütze scholastische Grübelei! Und fast sollte ich Ihnen Recht geben. Da doch aber einmal die Frage von der Einteilung der Fabel war, so war es ihm auch nicht so ganz zu verdenken, daß er die Subtilität in dieser Kleinigkeit so weit trieb, als sie sich treiben läßt. – Was er auf die Fragen antwortet, wie weit in den hyperphysischen Fabeln die Natur der Tiere zu erhöhen sei, und ob sich die Äsopische Fabel zu der Länge eines epischen Gedichts ausdehnen lasse, ist wichtiger; ich übergehe es aber, weil es ohne seine Versuche, die er in Absicht der letztern Frage, gewagt hat, nicht wohl zu verstehen ist. Wenn[231] Sie es einmal selbst lesen sollten, so werden Sie leicht finden, daß seine Versuche seine Spekulation nicht erschöpfen.

In der vierten Abhandlung redet er von dem Vortrage der Fabeln. Er charakterisiert den Vortrag des Aesopus und Phädrus, und scheinet mit dem Vortrage des la Fontaine am wenigsten zufrieden zu sein. La Fontaine bekannte aufrichtig, daß er die zierliche Präzision, und die außerordentliche Kürze, durch die sich Phädrus so sehr empfehle, nicht habe erreichen können; und daß alle die Lustigkeit, mit welcher er seine Fabeln aufzustützen gesucht, weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung für jene wesentlichere Schönheiten sein solle. »Welch Bekenntnis!« ruft unser Verfasser aus. »In meinen Augen macht ihm dieses Bekenntnis mehr Ehre, als ihm alle seine Fabeln machen! Aber wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es glaubte, la Fontaine wolle ein bloßes Kompliment machen, und hielt die Schadloshaltung unendlich höher, als das, wofür sie geleistet war. Kaum könnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte allzuviel Reizendes für Franzosen, bei welchen nichts über die Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das Unglück hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben,116 meinte so gar, la Fontaine habe sich aus bloßer Albernheit (par betise) dem Phädrus nachgesetzt; und de la Motte schrie über diesen Einfall: mot plaisant, mais solide!« – Er gehet hierauf die Zieraten durch, deren die Fabel nach dem Batteux, fähig sein soll, und zeiget, daß sie schnurstracks mit dem Wesen der Fabel streiten. Sogar Phädrus kömmt ihm nicht ungetadelt davon, und er ist kühn genug, zu behaupten, daß Phädrus, so oft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln auch nur einen Schritt entferne, einen plumpen Fehler begehe. Er gibt verschiedene Beweise hiervon, und drohet seine Beschuldigung vielleicht gar durch eine eigene Ausgabe des Phädrus zu rechtfertigen.

– Ich besorge sehr, unser Verfasser wird mit dieser Abhandlung am wenigsten durchkommen, und er wird von Glück zu sagen haben, wenn man ihm keine schlimmere Absicht[232] gibt, als die Absicht, seine eigene Art zu erzählen, so viel als möglich, zu beschönigen.

Die fünfte Abhandlung ist die kürzeste, und redet von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen. Es ist hier nicht die Frage von dem moralischen Nutzen, sondern von einem Nutzen, welchen der Verfasser den heuristischen nennet. Er glaubt nämlich, daß die Erfindung der Fabeln eine von den besten Übungen sei, durch die ein junges Genie gebildet werden könne. Da aber die wahre Art, wie eine Fabel erfunden wird, vielen Schwierigkeiten unterworfen ist, so rät er vors erste die Fabeln mehr finden als erfinden zu lassen; »und die allmähligen Stufen von diesem Finden zum Erfinden, sagt er, sind es eigentlich, was ich durch verschiedene Versuche meines zweiten Buches habe zeigen wollen.« Es sind aber diese Versuche nichts anders als Umschmelzungen alter Fabeln, deren Geschichte er bald eher abbricht, bald weiter fortführet, bald diesen oder jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darin erkennen läßt. Aus einigen Beispielen werden Sie sich einen deutlichern Begriff davon machen können. Z.E. die bekannte Fabel von der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn anderer Vögel geschmückt hatte, führt er einen Schritt weiter, und macht folgende neue Fabel daraus.


Die sechste des zweiten Buchs

»Eine stolze Krähe schmückte sich mit den ausgefallenen Federn der farbigten Pfaue, und mischte sich kühn, als sie genug geschmückt zu sein glaubte, unter diese glänzende Vögel der Juno. Sie ward erkannt; und schnell fielen die Pfaue mit scharfen Schnäbeln auf sie, ihr den betriegerischen Putz auszureißen. Lasset nach! schrie sie endlich; ihr habt nun alle das eurige wieder. – Doch die Pfaue, welche einige von den eigenen glänzenden Schwingfedern der Krähe bemerkt hatten, versetzten: Schweig, armselige Närrin; auch diese können nicht dein sein, und hackten weiter.« –


Diese Fabel kann für neu gelten, ob sie gleich aus alten Stücken zum Teil zusammen gesetzt ist: denn es liegt eine neue Moral darin. »So geht es dem Plagiarius! Man ertappt[233] ihn hier; man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, daß er auch das, was wirklich sein eigen ist, gestohlen habe.« – Oder die Fabel von den Fröschen, die sich einen König erbeten hatten:


Die dreizehnte des zweiten Buchs

»Zeus hatte nunmehr den Fröschen einen andern König gegeben; anstatt eines friedlichen Klotzes, eine gefräßige Wasserschlange. Willst du unser König sein, schrien die Frösche, warum verschlingst du uns? – Darum, antwortete die Schlange, weil ihr um mich gebeten habt. – Ich habe nicht um dich gebeten! rief einer von den Fröschen, den sie schon mit den Augen verschlang. – Nicht? sagte die Wasserschlange. Desto schlimmer. So muß ich dich verschlingen, weil du nicht um mich gebeten hast.«


Diese Fabel fängt da an, wo die alte aufhöret, und erhält dadurch gleichsam eine Art von historischer Wahrscheinlichkeit. – Und aus diesen Proben werden Sie zugleich von dem Tone und der Schreibart unsers Fabulisten urteilen können. Jedes von den drei Büchern enthält dreißig Fabeln; und wenn ich Ihnen nunmehr noch einige aus dem ersten und dritten Buche vorlege, so wird es hoffentlich alles sein, was Sie diesesmal von mir erwarten. Die erste, welche ich anführen will, scheinet er mit Rücksicht auf sich selbst und die einfältige Art seines Vortrages gemacht zu haben.


Der Besitzer des Bogens

Die Schwalbe

Der Geist des Salomo

G.


X. Den 6. Dezember 1759

Ein und siebenzigster Brief

Ein Gelehrter, den Sie, so viel ich weiß, in Frankfurt an der Oder suchen müssen, fing bereits im vorigen Jahre an, eine Sammlung ungedruckter Briefe gelehrter Männer herauszugeben.[234] In dem ersten Buche derselben nahmen sich besonders verschiedene Briefe von des Vignoles und Theoph. Sig. Bayern aus, indem sie an nützlichen Sachen ungleich reicher waren, als die übrigen. In dem zweiten Buche versprach der Herausgeber den gelehrten Briefwechsel des Stephanus Vinandus Pighius zu liefern. Es scheinet aber, daß ihn ein sehr glücklicher Umstand dieses Versprechen aufzuschieben, verleitet hat. Sein Unternehmen selbst hat nämlich so viel Beifall gefunden, daß ihm nicht nur verschiedene Gelehrte ihre literarischen Schätze von dieser Art mitgeteilet haben, sondern daß ihm auch, durch Vermittelung des Herrn von Münchhausen, der ganze Vorrat ungedruckter Briefe in der königlichen Bibliothek zu Hannover, zu beliebigem Gebrauche angetragen worden. Durch diesen Beitrag also ist er in den Stand gesetzt worden, uns noch vorher mit andern lesenswürdigern Briefen zu unterhalten, als ihm die Briefe des Pighius mögen geschienen haben.

Die ersten vier Bücher, auf welche die Sammlung nunmehro angewachsen ist, und welche den ersten Band derselben ausmachen, enthalten hundert und neunzig Briefe.117 Bynckershoeck, Beverland, Gisbert Cuper, d'Orville, J.A. Fabricius, Grävius, Gramm, Schannat, J.P. von Ludewig, Gesner etc. sind die berühmten Namen ihrer Verfasser.

Sogar von Leibnizen finden sich in dem vierten Buche ein Dutzend Briefe, und Sie können leicht glauben, daß ich diese zu lesen am begierigsten gewesen bin. Die ersten zwei derselben sind an. P. J. Spenern geschrieben und enthalten wenig mehr, als einige jetzt veraltete Neuigkeiten. Die folgenden sechse aber an den berühmten Huetius sind desto interessanter und enthalten Gedanken eines Philosophen, die noch immer unterrichten können. Die zwei ersten sind von dem Jahre 1673 und zu Paris geschrieben, aus welchen Datis, wenn Sie sich der Lebensgeschichte unsers Weltweisen erinnern, Sie ohngefähr den Inhalt erraten können. Huetius hatte damals die Besorgnung der Ausgabe der klassischen Schriftsteller,[235] welche vornehmlich zum Gebrauche des Dauphins eingerichtet sein sollten; und er glaubte, daß er sich bei dieser Arbeit auch unsers Leibniz versichern müßte. Ob dieser nun gleich damals sich mit ganz andern Dingen beschäftigte, und besonders an seiner Rechenmaschine arbeitete: so ließ er sich doch bewegen; denn ihm war in dem ganzen Bezirke der Wissenschaften nichts zu klein, so wie ihm nichts zu groß war. Nur bat er sich aus, daß man ihm einen Autor geben möchte, bei welchem sich Philosophie, und eine gesunde Philosophie anbringen ließe. Man schlug ihm in dieser Absicht den ältern Plinius, den Mela, die Schriftsteller vom Ackerbaue, den Apulejus, den Capella und den Boethius vor. »Mich zum Plinius zu entschließen, schreibt er, verstehe ich zu wenig von der Arzneigelahrheit; und von den Schriftstellern des Ackerbaues schreckt mich meine geringe Kenntnis der Ökonomie ab.« Er wählte also den Martianus Capella, und das Urteil, das er von diesem Schriftsteller fällt, ist sehr vorteilhaft, und sollte hinlänglich genug sein, dem Capella mehr Leser zu verschaffen, als er itziger Zeit wohl haben mag: Martianum Capellam, usus ingentis auctorem, gratum varietate, scientias non libantem tantum, sed intrantem, solum ex superstitibus scriptorem cujusdam artium liberalium encyclopaediae. Er fing auch schon wirklich an daran zu arbeiten, und wollte die Anmerkungen des Grotius, die dieser in seinem funfzehnten Jahre gemacht hat, seiner Ausgabe ganz einverleiben. Allein welch Schicksal war es, das uns derselben beraubte? Jaucourt sagt in seiner Lebensbeschreibung unsers Weltweisen, daß ihm alles, was er dazu aufgeschrieben, boshaft entwendet worden, und daß er in der Folge keine müßigen Augenblicke finden können, es wieder herzustellen. Leibniz muß diesen Verlust noch in Paris erlitten haben, denn in den Briefen, die er 1679 aus Hannover an den Huetius schreibet, wird des Capella gar nicht mehr gedacht, als einer ohne: Zweifel schon längst aufgegebenen und abgetanen Sache. Jaucourt kann übrigens aus diesem Briefe darin verbessert werden, daß Leibniz den Capella selbst aus eigenem Antriebe gewählet, und daß es eben nicht der Einsicht des Huetius zuzuschreiben, daß er sich nur mit[236] diesem und keinem andern Autor abgeben wollen. Denn Leibniz kannte sich wirklich besser, als ihn Huetius kannte; welches unter andern auch daraus zu ersehen, daß ihm dieser mit aller Gewalt auch den Vitruvius aufdringen wollte, mit dem er sich aber abzugeben rund abschlug, weil er nicht hoffen könne, etwas außerordentliches dabei zu leisten. –

Übrigens muß es ein wenig verdrießen, daß Leibniz bei dieser Gelegenheit nicht allein allzuklein von sich selbst, (denn ein bescheidner Mann kann sich selbst so viel vergeben, als er will,) sondern auch allzu klein von seiner Nation spricht: Id enim fateor, tametsi neque ingenium, neque doctrinam mihi arrogem, diligentiae tamen laudem aliquando apud aequos censores consecutum. Et quid aliud expectes a Germano, cui nationi inter animi dotes sola laboriositas relicta est? Nun wundere man sich noch, wie es komme, daß die Franzosen einen deutschen Gelehrten so gering schätzen, wenn die besten deutschen Köpfe ihre Landesleute unter ihnen so erniedrigen, nur damit man ihnen Höflichkeit und Lebensart nicht absprechen könne. Denn das bilde man sich ja nicht ein, daß diese aus Komplimenten zusammengesetzte Nation, auch das für Komplimente halte, was gewissermaßen zur Verkleinerung ihrer Nachbarn dienen kann.

Die drei folgenden Briefe hat Leibniz bei Gelegenheit des Huetschen Werkes »Von der Wahrheit der christlichen Religion«, geschrieben, und sie enthalten sehr vortreffliche Gedanken über den Gebrauch der Philologie und Kritik. »Die Kritik, sagt er, die sich mit Prüfung der alten Handschriften, Münzen, und Inscriptionen beschäftiget, ist eine sehr nötige Kunst, und zur Festsetzung der Wahrheit unsrer Religion, ganz unentbehrlich. Denn das glaube ich gewiß, gehet die Kritik verloren, so ist es auch mit den Schriften unsers Glaubens geschehen, und es ist nichts gründliches mehr übrig, woraus man einem Chineser oder Mohametaner unsere Religion demonstrieren könne. Denn gesetzt, man könnte die fabelhaften Historien von Theodorico Veronensi, wie sie bei uns die Ammen, unter dem Namen Dietrichs von Bern, den Kindern erzählen, von den Erzählungen des Cassiodorus, eines zeitverwandten Schriftstellers, der bei diesem Könige[237] Kanzler war, nicht unterscheiden; gesetzt, es käme die Zeit, da man mit den Türken zweifelte, ob nicht Alexander der Große des Königs Salomon oberster Feldherr gewesen sei; gesetzt, es wären uns, anstatt des Livius und Tacitus weiter nichts als einige von den zierlichen aber im Grunde abgeschmackten geheimen Nachrichten von den Liebeshändeln großer Männer, wie sie itzt geschrieben werden, übrig; gesetzt, es kämen die fabelhaften Zeiten wieder, dergleichen bei den Griechen vor dem Herodotus waren: würde nicht alle Gewißheit von geschehenen Dingen wegfallen? Wir würden nicht einmal zeigen können, daß die Bücher der heiligen Schrift nicht untergeschoben wären, noch viel weniger, daß sie göttlichen Ursprungs wären. Unter allen Hindernissen, welche die Ausbreitung der christlichen Religion in den Morgenländern findet, ist dieses, meiner Meinung nach, auch das vornehmste, daß das dasige Volk, weil es von der allgemeinen Geschichte ganz und gar nichts weiß, die historischen Beweise; auf welche sich die christliche Religion stützet, nicht begreifen kann.« – Er gibt hierauf eine sehr sinnreiche, aber aus dem vorhergehenden sehr natürlich fließende Ursache an, warum zu Anfange des vorigen Jahrhunderts, die Kritik so stark getrieben, und in den neuern Zeiten hingegen so sehr vernachlässiget worden. »Die Kritik, sagt er, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, ward damals durch die theologischen Streitigkeiten genähret. Denn es ist kein Übel in der Welt, das nicht etwas gutes veranlassen sollte. Indem man nämlich von dem Sinne der Schrift, von der Übereinstimmung der Alten, von echten und untergeschobenen Büchern häufig streiten mußte, und nur derjenige von den Kirchenskribenten aller Jahrhunderte richtig urteilen konnte, der sich in den übrigen Werken des Altertums gehörig umgesehen hatte: so durchsuchte man aufs genaueste alle Bibliotheken. Der König von England Jacobus selbst, und andere von den vornehmsten Gliedern der Kirche und des Staats, gaben sich mit dergleichen Streitigkeiten, vielleicht ein wenig nur allzusehr ab. Als aber diese Streitigkeiten in Kriege ausbrachen, und nach so viel vergossenem Blute, die Klügern wohl sahen, daß mit alle dem Geschrei nichts ausgerichtet[238] werde, so bekamen, nach wiederhergestelltem Frieden, sehr viele vor diesem Teile der Gelehrsamkeit einen Ekel. Und nun fing sich ein neuer Periodus mit den Wissenschaften an; indem in Italien Galiläus, in England Baco, Harväus und Gilbertus, in Frankreich Cartesius und Gassendus, und in Deutschland der einzige, den ich diesen Männern entgegen zu setzen wüßte, Joachim Junge, durch verschiedene treffliche Erfindungen oder Gedanken, den Menschen Hoffnung machten, die Natur vermittelst der mathematischen Wissenschaften näher kennen zu lernen. – Ich will jetzt nicht untersuchen, worin es, wie ich glaube, heut zu Tage versehen wird, und woher es kömmt, daß die Schüler so großer Männer, ob sie gleich mit so vielen Hülfsmitteln versehen sind, dennoch nichts besonderes leisten; denn es ist hier nicht der Ort dazu. Ich will nur dieses einzige anmerken, daß seit dieser Zeit das Studium der Altertümer und die gründliche Gelehrsamkeit hin und wieder in Verachtung gekommen, so daß sich wohl gar einige in ihren Schriften irgend einen Autor zu zitieren, sorgfältig enthalten, teils damit sie alles aus ihrem Kopfe genommen zu haben scheinen mögen, teils weil es ihrer Faulheit so bequemer ist; da gleichwohl die Anführung der Zeugen, wenn es auf geschehene Dinge ankömmt, von der unumgänglichsten Notwendigkeit ist, und nur durch sie gründliche Untersuchungen sich von einem seichten Geschwätz unterscheiden. Damit also dieses Übel nicht weiter um sich fresse, kann man die Welt nicht ernstlich genug erinnern, wie viel der Religion an der Erhaltung der gründlichen Gelehrsamkeit gelegen sei.« –

Und was meinen Sie, wenn diese Erinnerung schon zu Leibniz Zeiten, da noch Gudii und Spanheime, Vossii und Heinsii lebten, so nötig war, wie viel nötiger wird sie jetzt sein, jetzt da wir noch kaum hier und da Schatten von diesen Männern haben, und besonders unsere Gottesgelehrte, die sich die Erhaltung dieser gründlichen Gelehrsamkeit am meisten sollten angelegen sein lassen, gleich das allerwenigste davon verstehen? Doch anstatt diese verkleinernde Parallele weiter auszuführen, erlauben Sie mir lieber, Ihnen noch den Schluß des Leibnizischen Briefes vorzulegen.[239]

»Ich kann überhaupt mit denjenigen gar nicht zufrieden sein, die alle Hochachtung gegen das Altertum ablegen, und von dem Plato und Aristoteles nicht anders als von ein Paar elenden Sophisten reden. Hätten sie diese vortrefflichen Männer aufmerksam gelesen, so würden sie ganz anders von ihnen urteilen. Denn die metaphysische und moralische Lehre des Plato, welche die wenigsten aus ihrer Quelle schöpfen, ist wahr und heilig, und das, was er von den Ideen und ewigen Wahrheiten sagt, verdienet Bewunderung. Die Logik, Rhetorik und Politik des Aristoteles hingegen, können im gemeinen Leben von sehr großem Nutzen sein, wenn sie sich in einem guten Kopfe, der die Welt und ihre Händel kennet, finden. Sogar kann man ihm nicht genug dafür danken, daß er in seiner Physik den wahren Begriff des Stetigen gegen die scheinbaren Irrtümer der Platoniker gerettet hat. Und wer endlich den Archimedes und Apollonius verstehet, der wird die Erfindungen der allergrößten Neuern sparsamer bewundern.«

Gewiß die Kritik auf dieser Seite betrachtet, und das Studium der Alten bis zu dieser Bekanntschaft getrieben, ist keine Pedanterei, sondern vielmehr das Mittel, wodurch Leibniz der geworden ist, der er war, und der einzige Weg, durch welchen sich ein fleißiger und denkender Mann ihm nähern kann. – Aber welchen lustigen Kontrast machet mit dieser wahren Schätzung der Kritik und alten Schriftsteller, die Denkungsart dieses und jenen grundgelehrten Wortforschers, von welchem sich in eben dieser Sammlung Briefe finden. Z.E. Gisbert Cupers. Dieser Mann war ohnstreitig einer von den größten Antiquariis, der aber die Antiquitäten einzig und allein um der Antiquitäten willen studierte. Er hält sich stark darüber auf: Saeculis superioribus plerosque eruditorum magis stilo operam dedisse, quam ritibus, moribus, aliisque praeclaris rebus, quae veterum libris continentur, illustrandis. Und damit Sie ja nicht etwa denken, daß er unter diesen praeclaris rebus vielleicht auch die philosophischen Meinungen der Alten verstehe, so lesen Sie folgende Stelle aus einem andern seiner Briefe: Recte facis, quod edere constitueris Jamblichi Protrepticon, nam illius nec Greca valent[240] nec Latina. Ego olim illud percucurri, sed eidem inhaerere non poteram, quia me magis oblectabant antiqui ritus, veteris aevi reliquiae et historia; nec capiebar admodum tricis philosophicis etc.

Unterdessen ist doch in den Briefen dieses Cupers, deren uns eine ansehnliche Folge an den von Almeloveen und an J. A. Fabricius mitgeteilet wird, viel nützliches und nicht selten auch angenehmes. So macht er unter andern die Anmerkung, daß die Wahrheit bei den Alten zwar als eine allegorische Person eingeführet, und von einigen die Tochter des Jupiters, von andern die Tochter des Saturnus oder der Zeit, von andern die Säugamme des Apollo genennt werde, daß sie aber doch als keine Göttin von ihnen verehret worden, daß sie weder Tempel noch Altäre gehabt habe. Vossius, sagt er, in seinem Werke de Idololatria habe zwar angemerkt, daß Anaxagoras zwei Altäre, den einen dem Verstande, und den andern der Wahrheit gesetzt habe. Allein Vossius habe sich hier geirret, weil diese Altäre nicht Anaxagoras gesetzt habe, sondern sie dem Anaxagoras gesetzt worden, welcher durch die Aufschrift derselben Νου und Αληϑειας selbst bezeichnet worden, indem, wie anderweitig bekannt sei, Anaxagoras wirklich den Beinamen Νους geführet habe. (Wenn Sie Kühns Ausgabe des Aelianus nachsehen wollen, so werden Sie finden, daß Cuper den Vossius hier nur zur Hälfte verbessert hat. Denn Kühn zeigt deutlich, daß Aelian nicht von zwei Altären, sondern nur von einem einzigen rede, welcher nach einigen die Aufschrift Νου und nach andern die Aufschrift Αληϑειας geführt habe.) Die Betrachtung endlich die Cuper über diese von den Heiden unterlassene göttliche Verehrung der Wahrheit anstellet, macht seiner Frömmigkeit mehr Ehre, als seiner Scharfsinnigkeit: Quodsi jam admiscere vellem hisce profanis rebus sanctae nostrae religionis christianae mysteria; an non inde concludere possemus, Deum veritatem genuinam suis, et primo quidem Iudaeis, inde Christianis, et praecipue veris, solis revelasse; gentiles eam male quaesivisse in indagatione rerum naturalium, et ita Deum voluisse, ut nec summam hanc virtutem uti aliquod Numen colerent etc. Ich würde auf eine[241] natürlichere Ursache gefallen sein. Wenn die Alten die Wahrheit als keine Göttin verehret haben, so kam es ohne Zweifel daher, weil der abstrakte Begriff der Wahrheit nur in den Köpfen ihrer Weltweisen existierte, und ihre Weltweisen die Leute nicht waren, die gern vergötterten, und die Menge der Altäre vermehrten.

Wollen Sie, daß ich Sie noch ein andermal mit verschiedenen artigen Kleinigkeiten und literarischen Anekdoten aus dieser Sammlung von Briefen unterhalten soll: so erwarte ich nur einen Wink.

G.

Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 5, München 1970 ff., S. 205-242.
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