Dritter Brief

[273] An ebendenselben


Ehe ich fortfahre, soll ich Ihnen auf verschiedene Punkte antworten. Wohl! Der erste ist dieser: Sie behaupten die Lobeserhebungen des Albrechts wären nicht das einzige gewesen, was Luthern wider den Lemnius aufgebracht; sondern verschiedne bittre Anzüglichkeiten wider den und jenen ehrlichen Mann hätten das ihre dazu beigetragen. Sie berufen sich dieserwegen auf des Matthesius und Luthers eigenes Zeugnis. Allein wie schwer wird es Ihnen fallen, wenn Sie diese Anzüglichkeiten in den ersten zwei Büchern, von welchen allein jetzo die Rede ist, werden erhärten sollen! Wenn Lemnius spottet, so spottet er über die allergemeinsten Laster und Torheiten; er braucht niemals andre als poetische Namen; und das Beißende ist sein Fehler so wenig, daß ich ihm gar wohl einen stärkern Vorrat davon gewünscht hätte; gesetzt auch, daß das Bißchen Ehre dieses oder jenes Toren draufgegangen wäre. Ich behaupte also kühnlich, daß Lemnius so wenig ein Verleumder ist, daß ich ihn nicht einmal für einen guten Epigrammatisten halten kann, welcher das Salz mit weit freigebigern Händen ausstreuet, ohne sich zu bekümmern, auf welchen empfindlichen Schaden es fallen wird. Aber hier sind sie ja, rufen Sie, die gottlosen Sinnschriften, welche eine solche Ahndung gar wohl verdienten. Hat sie nicht Schellhorn angeführt? Und sollten Sie sie nicht gelesen haben? – – – Ja, mein Herr, ich habe sie gelesen; und diese eben sind es, wo ich Sie erwartete, um Ihnen unwidersprechlich zu zeigen, wie unbillig die Aufbürdungen waren, welche man dem Lemnius machte. Martial bittet in der Vorrede zu seinen Sinnschriften: absit a jocorum nostrorum simplicitate malignus interpres, nec Epigrammata mea scribat. – – Und daß sie bei dem Geier wären, die verdammten Ausleger! Bald wird man vor diesem Geschmeiße keinen Einfall mehr haben dürfen! – – Jedoch ich erzürne mich, und zum Beweisen braucht man kaltes Blut. Lassen Sie uns also ganz gelassen anfangen; und zwar bei dem Midas. Der Rang gehet nach[273] den Ohren! Das Sinngedichte, das Lemnius auf ihn gemacht hat, enthält ungefähr dieses: Midas, spricht er; wann schon dein Haus auf Marmorsäulen ruhte; wann du in deinen Kasten gleich venetianische Schätze verschlossen hättest; so bist du doch ungelehrt, und nichts besser als ein Bauer. Denn was du bist, kann der geringste aus dem Pöbel sein. Wen muß er wohl mit dieser Sinnschrift gemeint haben? Einen reichen Edelmann ohne Zweifel, dessen ganzer Verstand der Goldklumpen war; oder wohl gar, wenn es dergleichen schon damals gegeben hat, einen dummen Grafen, den man mit seinem Hofebauer vermengen würde, wenn ihn nicht das reiche Kleid kenntlich machte. – – Ach, was Edelmann? Was Graf? Hier ist ein ganz andrer gemeint. Der Dichter ist ein Majestätsschänder, und er meint niemand geringern, als den Kurfürsten von Sachsen. – – Wen? Den großmütigen Johann Friedrich? Wie ist das möglich? – – Möglich, oder nicht; kurz es ist klar; lesen Sie doch nur das Original:


In Midam

Extent marmoreis tibi splendida tecta columnis.

Et tibi vel Venetas arca recondat opes;

Aurifer et nitidis tibi serviat Albis arenis,

Serviat et culti plurima gleba soli;

Multaque florentes pascant armenta per agros,

Tondeat et teneros rustica villa greges:

Es tamen indoctus; rides? es rusticus idem:

Id quod es, e populo quilibet esse potest.


Nun, finden Sie es noch nicht, daß der Kurfürst von Sachsen gemeint ist? O, Sie sind mutwillig blind! Glauben Sie mir nur, die Zeile


Aurifer et nitidis tibi serviat Albis arenis,


ist nicht umsonst. Wo fließt denn die Elbe? Wem dienet denn dieser Fluß? – – – Doch es fällt mir unmöglich in diesem Tone länger fortzufahren. Im Ernste also: kann eine Beschuldigung boshafter und zugleich ungegründeter sein? Von allen den übrigen Sinnschriften, die man ihm zur Last legt, werde[274] ich ein gleiches sagen müssen. Er schildert einen Thraso, welcher nicht eher Mut hat, als bis er ihn aus den Gläsern in sich gegossen: und das soll der Commendant in Wittenberg sein. Er malet einen Rabulisten ab, dessen nichts bedeutendes Gewäsche er verlacht: und muß den Kanzler Pontanus getroffen haben. Auf ein ehrliches Frauenzimmer sollen folgende Zeilen gehn:


Cur vites semper communia balnea dicam,

Quod sis nigra scio, quod scabiosa puto.


Und was ist gleichwohl klärer, als daß dieses ein Frauenzimmer sein muß, welches nirgends als in der Einbildung des Dichters anzutreffen? Hatte denn Wittenberg damals öffentliche Bäder, welche das Mannsvolk und das Frauenzimmer ohne Unterscheid zugleich besuchen durfte? Oder hat dergleichen jemals eine christliche Stadt gehabt? Erlauben Sie mir also, mein Herr, daß ich die übrigen Vorwürfe von dieser Art übergehe; und suchen Sie, wenn Sie können, in den ersten zwei Büchern stärkere und der Wahrheit gemäßere Beispiele auf, um mich zu überzeugen. Finden Sie aber deren keine; so sein Sie gelehrig, und erlauben, daß ich Sie überzeugen darf. Wollen Sie mir etwan einwenden: Lemnius könne allerdings auf den und jenen gezielet haben, ob es uns gleich jetzo, wegen Entfernung der Zeit, und aus Mangel gewisser kleinen Nachrichten, unmerklich wäre; genug, daß doch damals seine Stiche geblutet hätten, wie man aus dem Zeugnisse der Zeitverwandten sehen könne. – – – Ich will mich dieses zu widerlegen nicht dabei aufhalten, was ich von den Grenzen einer erlaubten Satyre hernehmen könnte; sondern ich will mich gleich zu dem Zeugnisse selbst wenden, auf welches Sie sich berufen. Lassen Sie uns also die Stelle aus des Matthesius Predigten über das Leben unsers Luthers näher betrachten. Hier ist sie: »Im 38. Jar thet sich herfür ein Poetaster, Simon Lemchen genant: der fing an, viel guter Leut mit schendlichen und lesterlichen Versen zu schmehen, und die grossen Verfolger des Evangelii mit seiner Poeterey zu preisen, auch unsern Doctor in seiner Krankheit zu verhöhnen, dazu ihm grosser Leut Verwandten halffen, daß soche[275] Schmehschriften gedruckt, und heimlich ausgestreuet wurden, wie auch dieser Lemnius hernach eine Rifianische und greuliche Lesterschrift, die er den Hurenkrieg nennet, dem heiligen Ehestand und der Kirchendiener Ehe, und viel erbaren Frauen zu Unehren ließ ausgehen etc.« Als Prediger, bin ich hier mit dem guten Matthesius recht wohl zufrieden, aber als Geschichtschreiber gar nicht. Eine einzige Anmerkung wird seine Glaubwürdigkeit verdächtig machen. Er sagt, Lemnius habe Luthern in seiner Krankheit verhöhnt. Wo finden Sie in den ersten zwei Büchern die geringste Spur davon? Suchen Sie, so viel Sie wollen! Matthesius begeht hier ein Hysteronproteron, welches gar nicht fein ist. Lemnius hat Luthers eher mit keinem Worte im Bösen gedacht, als bis er es an Ihm erholte. Das Sinngedichte, auf welches Matthesius hier zielt, stehet in dem dritten Buche, in welchem freilich sehr viel nichtswürdige Sachen stehen, die aber durchaus nicht zur Ursache seiner Verdammung können gemacht werden, weil er sie erst nach derselben den beiden ersten Büchern beifügte. Es ist zwar so schmutzig und so niederträchtig, daß ich mich mehr als die beiden ersten Zeilen, welches folgende sind:


In M. Lutherum

Ipse dysenteriam pateris clamasque cacando

Quamque aliis optas evenit illa tibi etc.


anzuführen scheue: wann es aber auch noch schmutziger, noch niederträchtiger wäre, so würde es dennoch dem Matthesius sehr übel zu nehmen sein, daß er den Lemnius verhaßt zu machen, zu Falschheiten seine Zuflucht nimmt, und dasjenige zum Hauptverbrechen macht, was nichts als die Wirkung eines verbitterten Gemüts war. Da er sich aber hier auf dem fahlen Pferde finden läßt, wie kann man ihm in den übrigen trauen? Werden die schändlichen und lästerlichen Verse auf viel gute Leute, nicht eben so erdichtet, wenigstens zu früh vorweg genommen sein, als die Verhöhnung des kranken Luthers? Und sie sind es auch allerdings, weil, was ich schon mehr als einmal gesaget habe, in den ganzen beiden ersten Büchern keine Spur davon anzutreffen ist. Es bleibt[276] also auch in diesem Zeugnisse dem Lemnius weiter nichts zur Last, als daß er, wie Matthesius sagt, die grossen Verfolger des Evangelii mit seiner Poeterey gepriesen hat. Aber auch das ist nicht eigentlich wahr, weil er den Kurfürsten Albrecht zwar lobt, aber stets bloß als einen Beförderer der Wissenschaften und als einen Beschützer der Gelehrten, welches auch Erasmus und Hutten getan haben, niemals aber als einen Feind der damals neu aufkeimenden reinern Lehre. Kaum daß er ganz von weiten, so viel ich mich erinnere, an einer einzigen Stelle, auf seine Liebe gegen die alte Religion zielt – – Auf ihren ersten Einwurf, mein Herr, glaube ich Ihnen also genug getan zu haben. Ich hätte noch den zweiten zu beantworten, allein ich will es lieber versparen und Sie argwohnen lassen, daß ich nicht sogleich etwas dagegen erwidern könnte, als durch einen unbändig langen Brief Ihre Aufmerksamkeit schwächen. Ich bin etc.

Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 3, München 1970 ff., S. 273-277.
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