Gotthold Ephraim Lessing

Friedrich Nicolai

Moses Mendelssohn

Briefwechsel über das Trauerspiel


 

[Von Friedrich Nicolai]


Berlin, d. 31. August 1756.


Liebster Freund,


Da Sie verlangen, daß ich Ihr Schreiben nach Amsterdam beantworten soll, so wird dies hoffentlich so zu verstehen sein, daß Sie drei Wochen nach dem 28. Julius noch in Amsterdam sein wollen; das ist, wie Sie wissen, ungefähr die Frist, in der man an die Antwort auf einen Brief denken kann. Ich habe den Sommer im Garten, mit der Bibliothek, mit gelehrten Neuigkeiten nach Frankreich, mit Hrn. Moses, mit Musik, mit Faulheit, und wer weiß womit mehr, zugebracht. Gestern habe ich den Garten verlassen, und heute fällt mir ein, daß ich ein Buchhändler bin, und daß ein Buchhändler seine Briefe beantworten muß; ich beantworte also – aber vorher muß ich mich ein wenig zanken.

Ich bin sehr übel mit Ihnen zufrieden, daß Sie es an Prof. Gellert gesagt haben, daß ich der Verfasser der Bibliothek bin; es kann es sonst niemand verraten haben, denn es weiß es sonst niemand. Hr. Prof. Gellert hat es vielleicht gemeint recht gut zu machen, wenn er diese Neuigkeit, nebst der vorläufigen Nachricht von der Bibliothek, an den Grafen Brühl schickte; und dieser ist so galant gewesen, in einem Schreiben, das er aus Paris an mich abgelassen hat, mir deswegen ein Kompliment zu machen. – Keine Satyre hätte mir so verdrüßlich sein können, als dies unerwartete Kompliment. Ich kann es Ihnen nicht vergeben, daß Sie mich verraten haben; ich sehe mich dadurch manchen verdrüßlichen Umständen ausgesetzt. Gesetzt, daß der Graf Brühl und Prof. Gellert verschwiegener wären, als Sie, warum ich sie sehr gebeten habe, so bin ich doch dadurch selbst in Absicht auf die Bibliothek vielfältig geniert. Ich wollte ganz frei schreiben können, und eben deswegen gänzlich unbekannt sein. Ich kann nichts mehr als Sie bitten, mich nicht weiter zu verraten. Dies ist einer der wesentlichsten Dienste, den Sie mir erzeigen können.

Herr Moses, der mir Ihre Abwesenheit etwas erträglicher macht, würdigt mich seiner Freundschaft. Ich habe ihm die vergnügtesten Stunden des vergangenen Winters und Sommers zu danken, und bin, so oft wir auch zusammen gewesen sind, niemals von ihm gegangen, ohne entweder besser oder gelehrter zu werden. Er hat die Gefälligkeit für mich gehabt, ein Mitarbeiter an der Bibliothek sein zu wollen: eine Gefälligkeit, von der ich immer mehr einsehe,[155] wie nützlich sie mir und dem Publikum sein wird. Ihre Gedanken über das bürgerliche Trauerspiel erwarte ich mit Begierde. Ich wünschte nur, daß Sie meine Abhandlung über das Trauerspiel, die nun schon unter der Presse ist, vor dem Abdrucke hätten durchsehen können. Herr Moses, (der aber gewiß zu nachsehend ist), hat zwar seinen Beifall darüber bezeugt; aber ich selbst bin damit nicht zufrieden. Ob ich gleich ein Vierteljahr damit zugebracht habe, so habe ich doch nicht Zeit gehabt, gewisse Gegenstände genug durchzudenken, und deswegen die Lehre vom bürgerlichen Trauerspiele ganz weggelassen, weil sie mir wichtig genug schien, eine besondere Abhandlung zu verdienen. Nichts hätte mir dazu erwünschter kommen können, als Ihre Anmerkungen.

Ich will Ihnen indes einen Begriff von meinen Sätzen machen. Erstlich müssen Sie wissen, daß weil die Abhandlung hauptsächlich für die geschrieben ist, welche Trauerspiele zum Preise einsenden wollen, ich alle allgemeinen Sätze, worüber jedermann eins ist, voraus gesetzt habe; denn es war mir zu ekelhaft, alle hundertmal wiederholten Sätze noch einmal zu wiederholen. Ich habe nur die Lehre vom Trauerspiel von einer neuen Seite betrachten wollen, und also gedacht nichts in die Abhandlung zu bringen, als was gewissermaßen neu ist. Hauptsächlich habe ich den Satz zu widerlegen gesucht, den man dem Aristoteles so oft nachgesprochen hat, es sei der Zweck des Trauerspiels die Leidenschaften zu reinigen oder die Sitten zu bilden. Er ist, wo nicht falsch, doch wenigstens nicht allgemein, und Schuld daran, daß viele deutsche Trauerspiele so schlecht sind. Ich setze also den Zweck des Trauerspiels in die Erregung der Leidenschaften, und sage: das beste Trauerspiel ist das, welches die Leidenschaften am heftigsten erregt, nicht das, welches geschickt ist, die Leidenschaften zu reinigen. Auf diesen Zweck suche ich alle Eigenschaften des Trauerspiels zu vereinigen. Das vornehmste Stück ist und bleibt die Handlung, weil dieselbe zu der Erregung der Leidenschaften am meisten beiträgt. Die wesentlichen Eigenschaften der Handlung sind die Größe, die Fortdauer, die Einfalt. Die tragische Größe einer Handlung bestehet nicht darin, daß sie von großen oder vornehmen Personen vollbracht wird, sondern darin, daß sie geschickt ist, heftige Leidenschaften zu erregen. Die Fortdauer einer Handlung bestehet darin, daß sie nie durch eine andere Handlung unterbrochen werde; und die Simplizität, daß sie nicht durch Inzidenthandlungen so verwickelt werde, daß es Mühe kostet, ihre Anlage einzusehen. Hat sie diese beiden letzteren Eigenschaften,[156] so hat sie zugleich die Eigenschaft, welche die Kunstrichter schon längst unter dem Namen der Einheit anbefohlen haben. Die Einheit der Handlung ist durchaus notwendig; ohne sie können wohl Teile, aber niemals das Ganze schön sein. Die Einheiten der Zeit und des Orts dürfen nicht so strenge beobachtet werden, und es ist am besten, Zeit und Ort nicht allzu genau zu bestimmen. Die Trauerspiele lassen sich nach den Leidenschaften, die sie erregen wollen, einteilen: 1) in Trauerspiele, welche Schrecken und Mitleiden zu erregen suchen. Diese nenne ich rührende Trauerspiele, und hieher gehören alle bürgerliche Trauerspiele, ferner alle die, in welchen bürgerliches Interesse herrschet, als Merope, Medea etc. 2) Trauerspiele, welche durch Hülfe des Schreckens und Mitleidens Bewunderung erregen, nenne ich heroische; als Brutus, Cato. 3) Trauerspiele, worin die Erregung des Schreckens und Mitleidens mit der Bewunderung vergesellschaftet ist, sind vermischte Trauerspiele, als der Graf v. Essex etc. 4) Trauerspiele, welche ohne Hülfe des Schreckens und Mitleidens Bewunderung erregen sollen, sind nicht praktikabel, weil der Held im Unglücke die größte Bewunderung, aber auch zugleich Mitleiden erregt. Der Canut könnte ein mißratenes Beispiel von dieser Gattung sein. Aus den Eigenschaften der Handlung, leite ich die Art des Plans her. Die Exposition muß natürlich sein. Die Fortsetzung der Handlung enthält die Mittel zu dem Zwecke oder der Auflösung. So bald wir anfangen zu zweifeln, was die Mittel für Zwecke haben, so ist der Knoten geschürzt; so bald wir den Zweck zu vermuten anfangen, fängt auch die Auflösung an; so bald der Zweck völlig gewiß ist, so ist auch die Auflösung vollkommen, die Glücksänderung mag sein, wo sie will. Der Dichter überhaupt ahmet die Natur nach, aber nur in so fern sie sinnlich ist; also ahmet der tragische Dichter die Natur nach, aber nur in so fern sie Leidenschaften erregt. Wenn also der Dichter einen Gegenstand auf zweierlei Art vorstellen kann, wovon die eine natürlicher ist, die andere aber mehr Leidenschaften erregt, so hat die letzte den Vorzug. Z.E. Die Vertrauten sind natürlich, aber kalt; also muß man caeteris paribus lieber einen Monologen machen, der zwar nicht so natürlich ist, aber leidenschaftlicher sein kann. Das Tragische in den Charakteren liegt wieder darin, daß sie heftige Leidenschaften erregen, nicht daß sie die Sitten bessern. Die tragischen Charaktere sind, ein tugendhafter Mann, welcher durch einen Fehler, den er begeht, unglücklich wird, und ein Bösewicht, der auch unglücklich wird, aber der durch ein falsches System von[157] Sittenlehre uns gewisser Maßen für sich einnimmt (ein Satz von Hrn. Moses). So ist Canut, ein Beispiel eines guten Königs, aber kein tragischer Held, eben darum, weil er keinen Fehler begeht. Ulfo hingegen, seiner Gottlosigkeit ungeachtet, nimmt uns durch sein falsches System von Ehre so ein, daß er uns auf gewisse Weise heroisch scheinet; eben darum ist er tragisch. Der Fehler in einem Charakter ist nichts Böses, sondern eine Handlung oder Neigung, welche eben dadurch, daß sie für den Helden unglücklich ausschlägt, ein Fehler wird; so ist z. E. in des Sophocles Oedipus der Fehler des Oedipus nicht der Mord des Lajus, welcher außer der Handlung ist, sondern die Neugier, aus welcher die Auflösung fließt. Eben so hätte auch Schlegel Canuts Gütigkeit selbst zu dem Fehler machen können, wodurch sein Trauerspiel ein ganz anderes Ansehen bekommen haben würde. Nämlich die Gütigkeit Canuts, daß er dem Ulfo bei seiner Versöhnung ein Heer anzuführen gibt, müßte (wie schon die Anlage dazu da ist) die Folge haben, daß Ulfo den Canut ermordete, und Canut dem Ulfo auch noch im Sterben vergäbe etc. Was den Ausdruck betrifft, so wird vorausgesetzt, daß der Dichter edel denke; aber er muß sich auch edel, sinnlich und schön ausdrücken. Die Fehler des Ausdrucks werden mit leichter Mühe an der Gottschedischen Übersetzung der Alzire gezeigt. Dies sind ungefähr meine Gedanken. Ich habe sie etwas verwirrt vorgetragen, so wie die Abhandlung selbst nicht allzu ordentlich ist.

Zum zweiten Stücke der Bibl. habe ich eine kurze Geschichte der englischen Schaubühne bis auf die Revolution unter Karl II. gemacht. Sie wissen, daß dazumal die englische Schaubühne aus ihrem Grabe hervor stieg. Seit der Zeit, bis hieher, habe ich nicht genugsame Nachrichten zu einer zusammen hangenden Historie, sonderlich fehlt es mir an Nachrichten von den jetzt in England blühenden Schaubühnen. Wenn Sie nach England kommen, so werden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie mich mit Materialien zu einer Fortsetzung meiner Geschichte versehen wollen. Wenn Sie sonderlich ein Buch finden, welches die Geschichte der Schaubühne nach Karl II. bis hieher beschreibt, so senden Sie es mir; ich werde gern alle Kosten erstatten.

Zu der Korrespondenz nach Frankreich habe ich mich endlich auf das sehr höfliche Schreiben des Hrn. Gr. v. Brühl entschließen müssen. Doch verlange ich nichts dafür, und will mich auch zu nichts gewissem engagieren. Hr. Rabener und Schlegel sollen, wie mir Gellert schreibt, auch versprochen haben, zuweilen Nachrichten[158] einzusenden. Ich habe den Franzosen vor der Hand nichts geschickt, als einen Catalogue raisonné von den jetzt in Deutschland bekannten Journalen etc.

Es ist nichts besonders Gutes neu herausgekommen; darüber könnte ich mich trösten. Aber es ist viel Mittelmäßiges herausgekommen, das man als etwas Besonderes anpreiset; und das ärgert mich. Naumann ist nach Hamburg gereiset, aus Furcht (in Ernste) angeworben zu werden! Weil jetzt die Wissenschaften und seine Verdienste nicht belohnt werden, will er ein Kaufmann werden. Er hat Herrn Moses gebeten, ihn das Buchhalten zu lehren; und weil dieser nicht wollte, so will er es vermutlich in Hamburg lernen.

Auf das erste Stück der Bibl. kommt das Bildnis des Hrn. v. Kleist, mit dem Motto:


Qui ferox bello, tamen inter arma

Liberum et musas canit.

Horat.


Ich werde Sie zu einem der folgenden Stücke gewiß stechen lassen, und sollte es auch zu Pferde sein. Was wollen Sie für ein Motto haben?

Ich erwarte Ihre Antwort mit Verlangen. Wissen Sie, daß wenn Sie eine Wurst nach einer Speckseite geworfen haben, ich meine Speckseite wenigstens nach einem gemästeten Schweine werfe.

Schuch soll in Breslau gestorben sein. Ich wünsche, daß sein Nachfolger klüger, und besser fürs Theater sein möge. Aber es wird wohl heißen:


And Dunce the second reigns like Dunce the first.


Fahren Sie fort mich zu lieben. Ich bin

stets der Ihrige,

Nicolai.


[An Friedrich Nicolai]


im Nov. 1756.


Liebster Freund!


Ihren Brief vom 3ten November bekam ich vorgestern Abends, und den vom 31. August habe ich erst vor einigen Stunden erhalten; denn der Weg von Berlin nach Leipzig über Wittenberg ist näher, als der über Amsterdam. Jetzt[159] antworte ich auf beide, und weil ich in Kleinigkeiten ein großer Liebhaber der Ordnung bin, so beantworte ich den ältesten zuerst. Was steht in diesem?

Erstlich hunzen Sie mich aus, eine ganze Seite lang! Ich aber brauche nur ein paar Worte, mich zu verantworten. Das Geheimnis Ihrer Autorschaft habe ich nicht ausgeschwatzt, sondern es ist mir abgestohlen worden. Ich war nicht allein, als ich Ihren Brief mit der Ankündigung erbrach. Wer schreibt Ihnen das? fragte man mich. Herr Nicolai – das durfte ich doch sagen? Was gedruckt ist, darf man doch ansehen? fuhr der Neugierige fort. Ja. – Ei! und also wird Herr N. mit an dem Journale arbeiten? – – Warum nicht gar! Er kommuniziert mir bloß die Ankündigung. Warum denn aber 2 Exemplare, wenn er keinen Teil daran hat? Nun war ich drum! Und wenn Verräterei mit untergelaufen ist, wahrhaftig! so habe ich nicht das Geheimnis, sondern das Geheimnis hat mich verraten.

Auf den politischen Teil Ihres Briefes folgt der didaktische. Ich danke Ihnen aufrichtig für den kurzen Auszug aus Ihrer Abhandlung über das Trauerspiel. Er ist mir auf mancherlei Weise sehr angenehm gewesen, und unter andern auch deswegen, weil er mir Gelegenheit gibt zu widersprechen. Überlegen Sie ja alles wohl, was ich darauf sagen werde; denn es könnte leicht sein, daß ich nicht alles wohl überlegt hätte – Ich will umwenden, um das freie Feld vor mir zu haben!

Vorläufiges Kompliment! Da die Absicht, warum ich gewisse Wahrheiten abhandele, die Art, wie ich sie abhandeln soll, bestimmen muß, und da jene es nicht allezeit erfordert, auf die allerersten Begriffe zurück zu gehen; so würde ich gar nichts wider Ihren Aufsatz zu erinnern haben, wenn ich Sie nicht für einen Kopf hielte, der mehr als eine Absicht dabei hätte verbinden können.

Es kann sein, daß wir dem Grundsatze: Das Trauerspiel soll bessern, manches elende aber gutgemeinte Stück schuldig sind; es kann sein, sage ich, denn diese Ihre Anmerkung klingt ein wenig zu sinnreich, als daß ich sie gleich für wahr halten sollte. Aber das erkenne ich für wahr, daß kein Grundsatz,[160] wenn man sich ihn recht geläufig gemacht hat, bessere Trauerspiele kann hervorbringen helfen, als der: Die Tragödie soll Leidenschaften erregen.

Nehmen Sie einen Augenblick an, daß der erste Grundsatz eben so wahr als der andere sei, so kann man doch noch hinlängliche Ursachen angeben, warum jener bei der Ausübung mehr schlimme, und dieser mehr gute Folgen haben müsse. Jener hat nicht deswegen schlimme Folgen, weil er ein falscher Grundsatz ist, sondern deswegen, weil er entfernter ist, als dieser, weil er bloß den Endzweck angibt, und dieser die Mittel. Wenn ich die Mittel habe, so habe ich den Endzweck, aber nicht umgekehrt. Sie müssen also stärkere Gründe haben, warum Sie hier vom Aristoteles abgehen, und ich wünschte, daß Sie mir einiges Licht davon gegeben hätten; denn dieser Verabsäumung schreiben Sie es nunmehr zu, daß Sie hier meine Gedanken lesen müssen, wie ich glaube, daß man die Lehre des alten Philosophen verstehen solle, und wie ich mir vorstelle, daß das Trauerspiel durch Erzeugung der Leidenschaften bessern kann.

Das meiste wird darauf ankommen: was das Trauerspiel für Leidenschaften erregt. In seinen Personen kann es alle mögliche Leidenschaften wirken lassen, die sich zu der Würde des Stoffes schicken. Aber werden auch zugleich alle diese Leidenschaften in den Zuschauern rege? Wird er freudig? wird er verliebt? wird er zornig? wird er rachsüchtig? Ich frage nicht, ob ihn der Poet so weit bringt, daß er diese Leidenschaften in der spielenden Person billiget, sondern ob er ihn so weit bringt, daß er diese Leidenschaften selbst fühlt, und nicht bloß fühlt, ein anderer fühle sie?

Kurz, ich finde keine einzige Leidenschaft, die das Trauerspiel in dem Zuschauer rege macht, als das Mitleiden. Sie werden sagen: erweckt es nicht auch Schrecken? erweckt es nicht auch Bewunderung? Schrecken und Bewunderung sind keine Leidenschaften, nach meinem Verstande. Was denn? Wenn Sie es in Ihrer Abschilderung getroffen haben, was Schrecken ist, eris mihi magnus Apollo, und wenn Sie es getroffen haben, was Bewunderung ist, Phyllida solus habeto.[161]

Setzen Sie sich hier auf Ihre Richterstühle, meine Herren, Nikolai und Moses. Ich will es sagen, was ich mir unter beiden vorstelle.

Das Schrecken in der Tragödie ist weiter nichts als die plötzliche Überraschung des Mitleides, ich mag den Gegenstand meines Mitleids kennen oder nicht. Z.E. endlich bricht der Priester damit heraus: Du Ödip bist der Mörder des Lajus! Ich erschrecke, denn auf einmal sehe ich den rechtschaffnen Ödip unglücklich; mein Mitleid wird auf einmal rege. Ein ander Exempel: es erscheinet ein Geist; ich erschrecke: der Gedanke, daß er nicht erscheinen würde, wenn er nicht zu des einen oder zu des andern Unglück erschiene, die dunkle Vorstellung dieses Unglücks, ob ich den gleich noch nicht kenne, den es treffen soll, überraschen mein Mitleid, und dieses überraschte Mitleid heißt Schrecken. Belehren Sie mich eines Bessern, wenn ich Unrecht habe.

Nun zur Bewunderung! Die Bewunderung! O in der Tragödie, um mich ein wenig orakelmäßig auszudrucken, ist das entbehrlich gewordene Mitleiden. Der Held ist unglücklich, aber er ist über sein Unglück so weit erhaben, er ist selbst so stolz darauf, daß es auch in meinen Gedanken die schreckliche Seite zu verlieren anfängt, daß ich ihn mehr beneiden, als bedauern möchte.

Die Staffeln sind also diese: Schrecken, Mitleid, Bewunderung. Die Leiter aber heißt: Mitleid; und Schrecken und Bewunderung sind nichts als die ersten Sprossen, der Anfang und das Ende des Mitleids. Z.E. Ich höre auf einmal, nun ist Cato so gut als des Cäsars. Schrecken! Ich werde hernach mit der verehrungswürdigen Person des erstern, und auch nachher mit seinem Unglücke bekannt. Das Schrecken zerteilet sich in Mitleid. Nun aber hör ich ihn sagen: Die Welt, die Cäsarn dient, ist meiner nicht mehr wert. Die Bewunderung setzt dem Mitleiden Schranken. Das Schrecken braucht der Dichter zur Ankündigung des Mitleids, und Bewunderung gleichsam zum Ruhepunkte desselben. Der Weg zum Mitleid wird dem Zuhörer zu lang, wenn ihn nicht gleich der erste Schreck aufmerksam macht, und das Mitleiden nützt sich ab, wenn es sich nicht in der Bewunderung[162] erholen kann. Wenn es also wahr ist, daß die ganze Kunst des tragischen Dichters auf die sichere Erregung und Dauer des einzigen Mitleidens geht, so sage ich nunmehr, die Bestimmung der Tragödie ist diese: sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Sie soll uns nicht bloß lehren, gegen diesen oder jenen Unglücklichen Mitleid zu fühlen, sondern sie soll uns weit fühlbar machen, daß uns der Unglückliche zu allen Zeiten, und unter allen Gestalten, rühren und für sich einnehmen muß. Und nun berufe ich mich auf einen Satz, den Ihnen Herr Moses vorläufig demonstrieren mag, wenn Sie, Ihrem eignen Gefühl zum Trotz, daran zweifeln wollen. Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes tut, tut auch dieses, oder – es tut jenes, um dieses tun zu können. Bitten Sie es dem Aristoteles ab, oder widerlegen Sie mich.

Auf gleiche Weise verfahre ich mit der Komödie. Sie soll uns zur Fertigkeit verhelfen, alle Arten des Lächerlichen leicht wahrzunehmen. Wer diese Fertigkeit besitzt, wird in seinem Betragen alle Arten des Lächerlichen zu vermeiden suchen, und eben dadurch der wohlgezogenste und gesittetste Mensch werden. Und so ist auch die Nützlichkeit der Komödie gerettet.

Beider Nutzen, des Trauerspiels sowohl als des Lustspiels, ist von dem Vergnügen unzertrennlich; denn die ganze Hälfte des Mitleids und des Lachens ist Vergnügen, und es ist großer Vorteil für den dramatischen Dichter, daß er weder nützlich, noch angenehm, eines ohne das andere sein kann.

Ich bin jetzt von diesen meinen Grillen so eingenommen, daß ich, wenn ich eine dramatische Dichtkunst schreiben sollte, weitläuftige Abhandlungen vom Mitleid und Lachen voranschicken würde. Ich würde beides sogar mit einander vergleichen, ich würde zeigen, daß das Weinen eben so aus einer Vermischung der Traurigkeit und Freude, als das Lachen aus einer Vermischung der Lust und Unlust entstehe:[163] ich würde weisen, wie man das Lachen in Weinen verwandeln kann, wo man auf der einen Seite Lust zur Freude, und auf der andern Unlust zur Traurigkeit, in beständiger Vermischung anwachsen läßt; ich würde – Sie glauben nicht, was ich alles würde.

Ich will Ihnen nur noch einige Proben geben, wie leicht und glücklich aus meinem Grundsatze, nicht nur die vornehmste bekannte Regel, sondern auch eine Menge neuer Regeln fließe, an deren Statt man sich mit dem bloßen Gefühle zu begnügen pflegt.

Das Trauerspiel soll so viel Mitleid erwecken, als es nur immer kann; folglich müssen alle Personen, die man unglücklich werden läßt, gute Eigenschaften haben, folglich muß die beste Person auch die unglücklichste sein, und Verdienst und Unglück in beständigem Verhältnisse bleiben. Das ist, der Dichter muß keinen von allem Guten entblößten Bösewicht aufführen. Der Held oder die beste Person muß nicht, gleich einem Gotte, seine Tugenden ruhig und ungekränkt übersehen. Ein Fehler des Canuts, zu dessen Bemerkung Sie auf einem andern Wege gelanget sind. Merken Sie aber wohl, daß ich hier nicht von dem Ausgange rede, denn das stelle ich in des Dichters Gutbefinden, ob er lieber die Tugend durch einen glücklichen Ausgang krönen, oder durch einen unglücklichen uns noch interessanter machen will. Ich verlange nur, daß die Personen, die mich am meisten für sich einnehmen, während der Dauer des Stücks, die unglücklichsten sein sollen. Zu dieser Dauer aber gehöret nicht der Ausgang.

Das Schrecken, habe ich gesagt, ist das überraschte Mitleiden; ich will hier noch ein Wort hinzusetzen: das überraschte und unentwickelte Mitleiden; folglich wozu die Überraschung, wenn es nicht entwickelt wird? Ein Trauerspiel voller Schrecken, ohne Mitleid, ist ein Wetterleuchten ohne Donner. So viel Blitze, so viel Schläge, wenn uns der Blitz nicht so gleichgültig werden soll, daß wir ihm mit einem kindischen Vergnügen entgegen gaffen. Die Bewunderung, habe ich mich ausgedrückt, ist das entbehrlich gewordene Mitleid. Da aber das Mitleid das Hauptwerk ist,[164] so muß es folglich so selten als möglich entbehrlich werden; der Dichter muß seinen Held nicht zu sehr, nicht zu anhaltend der bloßen Bewunderung aussetzen, und Cato als ein Stoiker ist mir ein schlechter tragischer Held. Der bewunderte Held ist der Vorwurf der Epopee; der bedauerte des Trauerspiels. Können Sie sich einer einzigen Stelle erinnern, wo der Held des Homers, des Virgils, des Tasso, des Klopstocks, Mitleiden erweckt? oder eines einzigen alten Trauerspiels, wo der Held mehr bewundert als bedauert wird? Hieraus können Sie nun auch schließen, was ich von Ihrer Einteilung der Trauerspiele halte. Sie fällt mit Ihrer Erlaubnis ganz weg. Ich habe nicht Lust noch einen dritten Bogen anzulegen, sonst wollte ich mich noch über einige andere Punkte erklären. Ich verspare es bis auf einen nächsten Brief, welcher zugleich die Beantwortung Ihres zweiten enthalten soll.

Jetzt melde ich Ihnen nur noch, daß ich Ihr zweites Avertissement besorgt habe; verlange, daß Sie mir Ihre aufrichtige Meinung über dieses Geschwätz je eher je lieber entdecken sollen, und empfehle mich Ihrer fernern Freundschaft. Leben Sie wohl! Ich bin etc.


N.S. Wenn Sie über meine Zweifel freundlich antworten wollen, so schicken Sie mir diesen Brief wieder mit zurück; denn es könnte leicht kommen, daß ich über acht Tage nicht mehr wüßte, was ich heute geschrieben habe.


[An Moses Mendelssohn]


den 13. Nov. 1756.


Liebster Freund!


Ich habe heute an unsern Hrn. Nicolai einen sehr langen und langweiligen Brief geschrieben, und ich vermute, daß sie einen desto kürzern bekommen werden. Je kürzer je angenehmer! Zu lesen oder zu schreiben? werden Sie fragen.

Dieser kurze Brief kann aber keine Antwort auf Ihre Antwort meines letztern sein, den Ihnen Herr Joseph mitgebracht hat, nam epistolae nullae sunt responsiones. Sondern[165] er ist eine Antwort auf Ihren Brief, den ich Ihnen von Amsterdam aus beantwortet hätte, wenn der König von Preußen nicht ein so großer Kriegsheld wäre.

Es ist mir recht sehr angenehm, daß mein Freund, der Metaphysiker, sich in einen Belesprit ausdehnt, wenn sein Freund, der Belesprit, sich nur ein wenig in einen Metaphysiker konzentrieren könnte oder wollte. Was ist zu tun? Der Belesprit tröstet sich unterdessen mit dem Einfalle – denn mit was kann sich ein Belesprit anders trösten, als mit Einfällen? – daß, wenn Freunde alles unter sich gemein haben sollen, Ihr Wissen auch das meinige ist, und Sie kein Metaphysiker sein können, ohne daß ich nicht auch einer sei.

Z.E. ich bitte Sie, das, was ich an Hrn. Nicolai geschrieben habe, zu überdenken, zu prüfen, zu verbessern. Erfüllen Sie nun meine Bitte, so ist es eben das, als ob ich es selbst nochmals überdacht, geprüft und verbessert hätte. Ihre bessern Gedanken sind weiter nichts als meine zweiten Gedanken. So bald Sie also, unter andern, meinen Begriff vom Weinen falsch finden werden, so bald werde ich ihn auch verwerfen, und ihn für weiter nichts halten, als für eine gewaltsame Ausdehnung meines Begriffs vom Lachen. Jetzo halte ich ihn noch für wahr; denn ich denke so: alle Betrübnis, welche von Tränen begleitet wird, ist eine Betrübnis über ein verlornes Gut; kein anderer Schmerz, keine andre unangenehme Empfindung wird von Tränen begleitet. Nun findet sich bei dem verlornen Gute nicht allein die Idee des Verlusts, sondern auch die Idee des Guts, und beide, diese angenehme mit jener unangenehmen, sind unzertrennlich verknüpft. Wie, wenn diese Verknüpfung überall Statt hätte, wo das Weinen vorkommt? Bei den Tränen des Mitleids ist es offenbar. Bei den Tränen der Freude trifft es auch ein: denn man weint nur da vor Freude, wenn man vorhero elend gewesen, und sich nun auf einmal beglückt sieht; niemals aber, wenn man vorher nicht elend gewesen. Die einzigen sogenannten Bußtränen machen mir zu schaffen, aber ich sorge sehr, die Erinnerung der Annehmlichkeit der Sünde, die man jetzt erst für strafbar zu erkennen anfängt, hat ihren guten Teil daran; es müßte denn sein, daß die Bußtränen nichts[166] anders als eine Art von Freudentränen wären, da man sein Elend, den Weg des Lasters gewandelt zu sein, und seine Glückseligkeit, den Weg der Tugend wieder anzutreten, zugleich empfände.

Ich bitte Sie nur noch, auf die bewundernswürdige Harmonie Acht zu haben, die ich nach meiner Erklärung des Weinens, hier zwischen den respondierenden Veränderungen des Körpers und der Seele zu sehen glaube. Man kann lachen, daß die Tränen in die Augen treten; das körperliche Weinen ist also gleichsam der höchste Grad des körperlichen Lachens. Und was braucht es bei dem Lachen in der Seele mehr, wenn es zum Weinen werden soll, als daß die Lust und Unlust, aus deren Vermischung das Lachen entsteht, beide zum höchsten Grade anwachsen, und eben so vermischt bleiben. Z.E. der Kopf eines Kindes in einer großen Staatsperücke ist ein lächerlicher Gegenstand; und der große Staatsmann, der kindisch geworden ist, ein beweinenswürdiger.

Ich sehe, daß mein Brief doch lang geworden ist. Nehmen Sie mir es ja nicht übel. Leben Sie wohl, liebster Moses, und fahren Sie fort mich zu lieben. Ich bin

ganz der Ihrige

Lessing.


[Von Moses Mendelssohn]


Berlin, den 23. Nov. 1756.


Liebster Freund!


Ich muß mich aufmachen, daß ich Ihnen wieder voraus komme. Sie machen es ungefähr wie die alten Wettläufer, die ihrem Rival einen kleinen Vorschritt gelassen, um ihn desto plötzlicher zu überraschen, und den eingebildeten Sieg ihm unvermutet aus den Händen zu reißen. In Wahrheit, Ihr letzter Brief an Hrn. Nicolai enthält so viel Merkwürdiges, daß ich mir einige Zeitfrist ausbitten muß, alle Ihre Gedanken reiflich zu überlegen, bevor ich darauf antworten kann. Wenn Ihnen die Langeweile zu Leipzig diese vortrefflichen Gedanken eingegeben, so gerate ich fast in Versuchung, Ihnen öfters Langeweile zu wünschen. Ich bitte mir indessen vorläufig einige Erläuterungen über Ihre Gedanken von[167] der Bewunderung aus. Wenn Sie hierin den rechten Punkt verfehlet hätten, so verspreche ich mir, Ihr ganzes System niederreißen zu können.

Wenn wir an einem Menschen gute Eigenschaften gewahr werden, die unsre Meinung, die wir von ihm oder von der ganzen menschlichen Natur gehabt haben, übertreffen, so geraten wir in einen angenehmen Affekt, den wir Bewunderung nennen. Da nun eine jede Bewunderung ungemein gute Eigenschaften zum Grunde hat, so muß dieser Affekt schon an und für sich selbst, und ohne in Absicht des Mitleidens, dessen die bewunderte Person entbehren kann, in dem Gemüte des Zuschauers ein Vergnügen zuwege bringen. Ja es muß sogar der Wunsch in ihm entstehen, dem bewunderten Held, wo es möglich ist, nachzueifern; denn die Begierde zur Nacheiferung ist von der anschauenden Erkenntnis einer guten Eigenschaft unzertrennlich, und ich werde nicht nötig haben, Ihnen die Erfahrung anzuführen, daß diese Begierde öfters die vortrefflichste Wirkung gehabt hat.

Ich gestehe es, daß die Bewunderung öfters das Mitleiden mildert, oder, wenn Sie wollen, auf eine Zeitlang gänzlich aufhebt, das wir vorhin der leidenden Tugend aufgeopfert hatten. Allein sie tut dieses nicht immer, und wenn sie es tut, so ist es bloß eine zufällige Wirkung, die unmöglich ihren ganzen Wert erschöpfen kann, weil sie ihr mit dem völligen Tode des Helden gemein ist. Die tote Zayre fordert eben so wenig unser Mitleiden, als der sterbende Gusmann, und dennoch ist es etwas mehr als ein gedämpftes Mitleiden, das uns in dem vortrefflichen Betragen dieses Letztern dahin reißt, und, wo ich nicht irre, in jeder menschlichen Brust den Wunsch erzeugt, eben so erhabner Gesinnung fähig zu sein. Wenn Mithridates in den bedrängtesten Umständen, darin er sich befindet, noch mit einem Anschlage auf Rom schwanger geht, und seinen Söhnen den Plan dazu so vortrefflich aus einander setzt, daß wir sogar die Möglichkeit der Ausführung einsehen; so erregt er unstreitig Bewunderung. Hat aber Mithridates mißliches Schicksal im Kriege wider die Römer uns je zum Mitleid bewogen? Würde es nicht ein unvergeblicher Fehler des Dichters sein, wenn er ein Mitleiden dämpfen wollte, das gleichsam außer der Szene vorgegangen und in die Verwickelung kaum den allerentferntesten Einfluß hat? Bitten Sie also die Bewunderung, diese Mutter der Tugend, um Verzeihung, daß Sie von ihrem Werte so nachteilig gedacht haben. Sie ist nicht bloß ein Ruhepunkt des Mitleidens, der nur deswegen da ist, um dem von neuem[168] aufsteigenden Mitleiden wieder Platz zu machen; nein! die sinnliche Empfindung des Mitleidens macht einer höhern Empfindung Platz, und ihr sanfter Schimmer verschwindet, wenn der Glanz der Bewunderung unser Gemüt durchdringt. Die Bewunderer der Alten mögen zusehen, wie sie es entschuldigen wollen, daß die größten Dichter Griechenlands nie bewundernswürdige Charaktere auf die Bühne gebracht haben. So viel mir von ihren Trauerspielen bekannt ist, weiß ich mich nicht einen einzigen Zug eines Charakters zu erinnern, der von Seiten seiner Moralität unsere Bewunderung verdienen sollte. Ihre Bildhauer haben sich diesen würdigen Affekt besser zu Nutze gemacht. Sie haben die Leidenschaften fast durchgehends von einem gewissen Heroismus begleiten lassen, dadurch sie ihre Charaktere etwas über die Natur erheben, und die Kenner gestehen, daß ihre Bildsäulen von dieser Seite fast unnachahmlich sind.

Ich will mein langweiliges Geschwätz hier abbrechen. Meine Gedanken vom Schrecken und vom Weinen kann ich Ihnen nicht eher eröffnen, bis ich mich mit unserm Hrn. Nicolai darüber besprochen habe. Es scheint mir immer, als wenn eine jede Illusion vom Schrecken, auch ohne Beihülfe des Mitleidens, angenehm sein müsse. Ein Beispiel davon sei die vom Aristoteles angeführte gemalte Schlange, oder vielmehr die von Ihnen selbst angeführte Erscheinung eines Geistes auf der Schaubühne. Die Art und Weise, wie Sie dieses Schrecken auf ein Mitleiden reduzieren wollen, ist allzu spitzfindig, als daß sie natürlich sein könnte. Über alles dieses wollen wir uns weitläufiger heraus lassen, wenn wir erst unsere Gedanken von der Wirkung der theatralischen Illusion, und von dem Streite derselben mit der deutlichen Erkenntnis, in Ordnung gebracht haben. Dieses soll geschehen, so bald der Krieg die Handlung so sehr zu Grunde gerichtet haben wird, daß sowohl Herr Nicolai als ich einige Stunden zur Spekulation übrig haben werden. Ich lasse jetzt meine Gedanken von der Wahrscheinlichkeit abschreiben, um sie Ihnen zu überschicken. Sie werden mir verzeihen, daß ich die Geduld unsers Hrn. Nicolai nicht gehabt habe, die besten Gedanken daraus in einen Auszug zusammen zu ziehen, um Sie der Mühe zu überheben, alles durchzulesen. Es gehört auch eine besondere Gabe dazu, dasjenige kurz vorzubringen, was man weitläufig gedacht hat.

Ich habe noch einen Vorwurf von mir abzulehnen, den Sie mir in dem Schreiben durch Hrn. Joseph zu machen belieben. Sie beschuldigen mich einer seichten Gefälligkeit für das herrschende[169] System, und glauben, ich hätte mir vorgenommen, den Hrn. von Leibnitz von seiner schwachen Seite nachzuahmen. Ich erkenne in diesem Vorwurfe Ihre Freundschaft, und gestehe es, daß ich nichts Erhebliches zu meiner Entschuldigung vorzubringen habe. Ich bitte aber diese für Sie nicht geschriebenen Stellen zu übergehen, und mich von den übrigen Ihr Urteil wissen zu lassen. Leben Sie wohl, mein teuerster Lessing, und wachen Sie beständig auf alle Schritte


Ihres

wahren Freundes

Moses.

Alle meine Freunde sind auch die Ihrigen.


[An Moses Mendelssohn]


Leipzig, den 28. Nov. 1756.


Liebster Freund!


Ich muß Ihnen auf Ihren letzten Brief den Augenblick antworten: denn was bei mir nicht den Augenblick geschieht, das geschieht entweder gar nicht, oder sehr schlecht. Da ich aber nichts weniger als lange Weile habe, und den größten Teil des Tages mit unsern Gästen zubringen muß – (denn das wissen Sie doch, daß nunmehr auch Leipzig nicht länger von Preußischer Einquartierung verschont ist?) so werde ich von der Faust weg schreiben, und meine Gedanken unter der Feder reif werden lassen.

Es kömmt mir sehr gelegen, was Sie von der Bewunderung sagen; und in meinem Briefe an unsern Freund habe ich diesen Affekt nicht sowohl überhaupt erklären, als anzeigen wollen, was für Wirkung er in dem Trauerspiele hervorbringe; eine Wirkung, die Sie selbst nicht ganz in Abrede sind.

Wir geraten in Bewunderung, sagen Sie, wenn wir an einem Menschen gute Eigenschaften gewahr werden, die unsre Meinung, die wir von ihm oder von der ganzen menschlichen Natur gehabt haben, übertreffen. In dieser Erklärung finde ich zweierlei Dinge, die zweierlei Namen verdienen, und in unserer Sprache auch wirklich haben. Wenn ich an einem gute Eigenschaften gewahr werde, die meine[170] Meinung von ihm übertreffen; so heißt das nicht, ich bewundere ihn, sondern ich verwundere mich über ihn. Bewundern Sie den sterbenden Gusmann? Ich nicht, ich verwundere mich bloß, daß aus einem christlichen Barbaren so geschwind ein Mensch geworden ist, ja ich verwundere mich so sehr, daß ich mich nicht enthalten kann, den Dichter ein wenig zu tadeln Die Veränderung ist zu zäh, und nach dem Charakter des Gusmann durch nichts wahrscheinlich zu machen, als durch eine übernatürliche Wirkung der Religion. Voltaire muß es selbst gemerkt haben:


Sieh hier den Unterschied der Götter, die wir ehren,

Die deinen konnten dich nur Wut und Rache lehren.


Bis diesen Augenblick habe ich den Gusmann gehaßt: ich freue mich fast, daß ihn der Wilde erstochen hat; er erstach ein Ungeheuer, das eine Welt verwüstete; wo sollte das Mitleiden herkommen? Nunmehr aber höre ich, er vergibt; er tut die erste und letzte gute Tat, die ich nicht von ihm erwartet hätte; das Mitleid erscheint an der Hand der Verwunderung, das ist, es entsteht durch die endlich und plötzlich entdeckte gute Eigenschaft. Ich sage mit Fleiß: plötzlich, um eine Erfahrung daraus zu erklären, die ich wirklich gehabt habe, ehe die Spekulation noch daran Teil nehmen konnte. Ich bin, als ich diese Szene zum erstenmal las, über die Vergebung des Gusmann erschrocken. Denn den Augenblick fühlte ich mich in der Stelle des Zamor. Ich fühlte seine Beschämung, seine schmerzliche Erniedrigung, ich fühlte es, was es einem Geiste, wie dem seinigen, kosten müsse, zu sagen: ich schäme mich der Rache! Zum Tode, dem kleinern Übel, war er vorbereitet; zur Vergebung, dem größern, nicht.

Also, wenn ein Bösewicht oder jede andere Person eine gute Eigenschaft zeigt, die ich in ihm nicht vermutet hätte, so entsteht keine Bewunderung, sondern eine Verwunderung, welche so wenig etwas Angenehmes ist, daß sie vielmehr weiter nichts, als ein Fehler des Dichters genannt zu werden verdient, weil in keinem Charakter mehr sein muß, als man sich Anfangs darin zu finden verspricht. Wenn der Geizige[171] auf einmal freigebig, der Ruhmredige auf einmal bescheiden wird; so verwundert man sich, bewundern aber kann man ihn nicht.

Wenn nun dieser Unterschied keine falsche Spitzfindigkeit ist, so wird die Bewunderung allein da Statt finden, wo wir so glänzende Eigenschaften entdecken, daß wir sie der ganzen menschlichen Natur nicht zugetrauet hätten. Um dieses näher einzusehen, glaube ich, werden folgende Punkte etwas beitragen können.

Was sind dieses für glänzende Eigenschaften, die wir bewundern? Sind es besondere Eigenschaften, oder sind es nur die höchsten Grade guter Eigenschaften? Sind es die höchsten Grade aller guter Eigenschaften, oder nur einiger derselben?

Das Wort Bewunderung wird von dem größten Bewunderer, dem Pöbel, so oft gebraucht, daß ich es kaum wagen will, aus dem Sprachgebrauche etwas zu entscheiden. Seine, des Pöbels Fähigkeiten sind so gering, seine Tugenden so mäßig, daß er beide nur in einem leidlichen Grade entdecken darf, wenn er bewundern soll. Was über seine enge Sphäre ist, glaubt er über die Sphäre der ganzen menschlichen Natur zu sein.

Lassen Sie uns also nur diejenigen Fälle untersuchen, wo die bessern Menschen, Menschen von Empfindung und Einsicht, bewundern. Untersuchen Sie Ihr eigen Herz, liebster Freund! Bewundern Sie die Gütigkeit des Augustus, die Keuschheit des Hippolyts, die kindliche Liebe der Chimene? Sind diese und andere solche Eigenschaften über den Begriff, den Sie von der menschlichen Natur haben? Oder zeigt nicht vielmehr die Nacheiferung selbst, die sie in Ihnen erwecken, daß sie noch innerhalb diesem Begriffe sind?

Was für Eigenschaften bewundern Sie denn nun? Sie bewundern einen Cato, einen Essex – mit einem Wort, nichts als Beispiele einer unerschütterten Festigkeit, einer unerbittlichen Standhaftigkeit, eines nicht zu erschreckenden Muts, einer heroischen Verachtung der Gefahr und des Todes; und alle diese Beispiele bewundern Sie um so viel mehr, je besser Sie sind, je fühlbarer Ihr Herz, je zärtlicher Ihre Empfindung[172] ist. Sie haben einen zu richtigen Begriff von der menschlichen Natur, als daß Sie nicht alle unempfindliche Helden für schöne Ungeheuer, für mehr als Menschen, aber gar nicht für gute Menschen halten sollten. Sie bewundern sie also mit Recht; aber eben deswegen, weil Sie sie bewundern, werden Sie ihnen nicht nacheifern. Mir wenigstens ist es niemals in den Sinn gekommen, einem Cato oder Essex an Halsstarrigkeit gleich zu werden, so sehr ich sie auch wegen dieser Halsstarrigkeit bewundere, die ich ganz und gar verachten und verdammen würde, wenn es nicht eine Halsstarrigkeit der Tugend zu sein schiene.

Ich werde also der Bewunderung nichts abbitten, sondern ich verlange, daß Sie es der Tugend abbitten sollen, sie zu einer Tochter der Bewunderung gemacht zu haben. Es ist wahr, sie ist sehr oft die Tochter der Nacheiferung, und die Nacheiferung ist eine natürliche Folge der anschauenden Erkenntnis einer guten Eigenschaft. Aber muß es eine bewundernswürdige Eigenschaft sein? Nichts weniger. Es muß eine gute Eigenschaft sein, deren ich den Menschen überhaupt, und also auch mich, fähig halte. Und diese Eigenschaften schließe ich so wenig aus dem Trauerspiele aus, daß vielmehr, nach meiner Meinung, gar kein Trauerspiel ohne sie besteht, weil man ohne sie kein Mitleid erregen kann. Ich will nur diejenigen großen Eigenschaften ausgeschlossen haben, die wir unter dem allgemeinen Namen des Heroismus begreifen können, weil jede derselben mit Unempfindlichkeit verbunden ist, und Unempfindlichkeit in dem Gegenstande des Mitleids, mein Mitleiden schwächt.

Lassen Sie uns hier bei den Alten in die Schule gehen. Was können wir nach der Natur für bessere Lehrer wählen? Um das Mitleid desto gewisser zu erwecken, ward Oedipus und Alceste von allem Heroismus entkleidet. Jener klagt weibisch, und diese jammert mehr als weibisch; sie wollten sie lieber zu empfindlich, als unempfindlich machen; sie ließen sie lieber zu viel Klagen ausschütten, zu viel Tränen vergießen, als gar keine.

Sie sagen, das benähme der Bewunderung ihren Wert nicht, daß sie das Mitleiden schwäche oder gar aufhebe, weil[173] sie dieses mit dem Tode des Helden gemein habe. Sie irren hier aus zu großer Scharfsinnigkeit. Unter 1000 Menschen wird nur ein Weltweiser sein, welcher den Tod nicht für das größte Übel, und das Totsein nicht für eine Fortdauer dieses Übels hält! Das Mitleiden hört also mit dem Tode noch nicht auf; gesetzt aber, es hörte auf, so würde dieser Umstand weiter nichts, als die Ursache der Regel sein, warum sich mit dem Tode des Helden auch das Stück schließen müsse. Kann sich aber das Stück mit der Bewunderung schließen? Wenn ich aber gesagt habe, der tragische Dichter müsse die Bewunderung so wenig sein Hauptwerk sein lassen, daß er sie vielmehr nur zu Ruhepunkten des Mitleids machen müsse; so habe ich dieses damit sagen wollen, er solle seinem Helden nur so viel Standhaftigkeit geben, daß er nicht auf eine unanständige Art unter seinem Unglück erliege. Empfinden muß er ihn sein Unglück lassen; er muß es ihn recht fühlen lassen; denn sonst können wir es nicht fühlen. Und nur dann und wann muß er ihn lassen einen effort tun, der auf wenige Augenblicke eine dem Schicksal gewachsene Seele zu zeigen scheint, welche große Seele den Augenblick darauf wieder ein Raub ihrer schmerzlichen Empfindungen werden muß.

Was Sie von dem Mithridat des Racine sagen, ist, glaub' ich, eher für mich, als für Sie. Eben die edelmütige Szene, wo er seinen Söhnen den Anschlag, vor Rom zu gehen, entdeckt, ist Ursache, daß wir mit ihm wegen seines gehabten mißlichen Schicksals in dem Kriege wider die Römer kein Mitleiden haben können. Ich sehe ihn schon triumphierend in Rom einziehen, und vergesse darüber alle seine unglücklichen Schlachten. Und was ist denn diese Szene bei dem Racine mehr, als eine schöne Flickszene? Sie bewundern den Mithridat, diese Bewunderung ist ein angenehmer Affekt; sie kann bei einem Karl dem XII. Nacheiferung erwecken, aber wird es dadurch unwahr, daß sie sich besser in ein Heldengedicht als in ein Trauerspiel schicke?

Doch ich will aufhören zu schwatzen, und es endlich bedenken, daß ich an einen Wortsparer schreibe. Ich will, was ich wider die Bewunderung bisher, schlecht oder gut, gesagt[174] habe, nicht gesagt haben; ich will alles wahr sein lassen, was Sie von ihr sagen. Sie ist dennoch aus dem Trauerspiel zu verbannen.

Denn – Doch ich will erst eine Erläuterung aus dem Ursprunge des Trauerspiels voranschicken. Die alten Trauerspiele sind aus dem Homer, ihrem Inhalte nach, genommen, und diese Gattung der Gedichte selbst, ist aus der Absingung seiner Epopeen entsprungen. Homer und nach ihm die Rhapsodisten wählten gewisse Stücke daraus, die sie bei feierlichen Gelegenheiten, vielleicht auch vor den Türen ums Brod, abzusingen pflegten. Sie mußten die Erfahrung gar bald machen, was für Stücke von dem Volke am liebsten gehört wurden. Heldentaten hört man nur einmal mit sonderlichem Vergnügen; ihre Neuigkeit rührt am meisten. Aber tragische Begebenheiten rühren, so oft man sie hört. Diese also wurden, vorzüglich vor andern Begebenheiten bei dem Homer, ausgesucht, und Anfangs, so wie sie erzählungsweise bei dem Dichter stehen, gesungen, bis man darauf fiel, sie dialogisch abzuteilen, und das daraus entstand, was wir jetzt Tragödie nennen. Hätten denn nun die Alten nicht eben sowohl aus den Heldentaten ein dialogisches Ganze machen können? Freilich, und sie würden es gewiß getan haben, wenn sie nicht die Bewunderung für eine ungeschicktere Lehrerin des Volks als das Mitleiden gehalten hätten.

Und das ist ein Punkt, den Sie selbst am besten beweisen können. Die Bewunderung in dem allgemeinen Verstande, in welchem es nichts ist, als das sonderliche Wohlgefallen an einer seltnen Vollkommenheit, bessert vermittelst der Nacheiferung, und die Nacheiferung setzt eine deutliche Erkenntnis der Vollkommenheit, welcher ich nacheifern will, voraus. Wie viele haben diese Erkenntnis? Und wo diese nicht ist, bleibt die Bewunderung nicht unfruchtbar? Das Mitleiden hingegen bessert unmittelbar; bessert, ohne daß wir selbst etwas dazu beitragen dürfen; bessert den Mann von Verstande sowohl als den Dummkopf.

Hiermit schließ' ich. Sie sind mein Freund; ich will meine Gedanken von Ihnen geprüft, nicht gelobt haben. Ich sehe Ihren fernern Einwürfen mit dem Vergnügen entgegen, mit[175] welchem man der Belehrung entgegen sehen muß. Jetzt habe ich mich, in Ansehung des Briefschreibens, in Atem gesetzt; Sie wissen, was Sie zu tun haben, wenn ich darin bleiben soll. Leben Sie wohl, und lassen Sie unsre Freundschaft ewig sein!

Lessing.


[An Friedrich Nicolai]


Leipzig, d. 29. Novemb. 1756.


Liebster Freund,


Vorigesmal bekamen Sie den langen Brief; jetzt hat ihn Herr Moses bekommen, und Sie bekommen den kurzen.

Gesegnet sei Ihr Entschluß, sich selbst zu leben! Um seinen Verstand auszubreiten, muß man seine Begierden einschränken. Wenn Sie leben können, so ist es gleichviel, ob Sie von mäßigen, oder von großen Einkünften leben. Und endlich sind Plätze in der Welt, die sich besser für Sie schicken, als die Handlung. Wie glücklich wäre ich, wenn ich Ihre Einladung annehmen könnte! Wie viel lieber wollte ich künftigen Sommer mit Ihnen und unserm Freunde zubringen, als in England! Vielleicht lerne ich da weiter nichts, als daß man eine Nation bewundern und hassen kann.

Ich komme zur rückständigen Beantwortung Ihrer Briefe. Ich wollte lieber, daß Sie mein Stück, als die Aufführung meines Stücks, so weitläuftig beurteilt hätten. Sie würden mir dadurch das Gute, das Sie davon sagen, glaublicher gemacht haben. Ich kann mich aber doch nicht enthalten, über Ihr Lob eine Anmerkung zu machen. Sie sagen, Sie hätten bis zum fünften Aufzuge öfters Tränen vergossen; am Ende aber hätten Sie vor starker Rührung nicht weinen können: eine Sache, die Ihnen noch nicht begegnet sei, und gewisser Maßen mit ihrem System von der Rührung streite. – Es mag einmal in diesem Komplimente, was noch in keinem Komplimente gewesen ist, jedes Wort wahr sein – wissen Sie, was mein Gegenkompliment ist? Wer Geier heißt Ihnen ein falsches System haben! Oder vielmehr: wer Geier heißt Ihrem Verstande sich ein System nach seiner Grille machen, ohne[176] Ihre Empfindung zu Rate zu ziehen? Diese hat, Ihnen unbewußt, das richtigste System, das man nur haben kann; denn sie hat meines. Ich berufe mich auf meinen letzten Brief an Hrn. Moses. Das Mitleiden gibt keine Tränen mehr, wenn die schmerzhaften Empfindungen in ihm die Oberhand gewinnen. Ich unterscheide drei Grade des Mitleids, deren mittelster das weinende Mitleid ist, und die vielleicht mit den drei Worten zu unterscheiden wären, Rührung, Tränen, Beklemmung. Rührung ist, wenn ich weder die Vollkommenheiten, noch das Unglück des Gegenstandes deutlich denke, sondern von beiden nur einen dunkeln Begriff habe; so rührt mich z.E. der Anblick jedes Bettlers. Tränen erweckt er nur dann in mir, wenn er mich mit seinen guten Eigenschaften so wohl, als mit seinen Unfällen bekannter macht, und zwar mit beiden zugleich, welches das wahre Kunststück ist, Tränen zu erregen. Denn macht er mich erst mit seinen guten Eigenschaften und hernach mit seinen Unfällen, oder erst mit diesen und hernach mit jenen bekannt, so wird zwar die Rührung stärker, aber zu Tränen kömmt sie nicht. Z.E. Ich frage den Bettler nach seinen Umständen, und er antwortet: ich bin seit drei Jahren amtlos, ich habe Frau und Kinder; sie sind Teils krank, Teils noch zu klein, sich selbst zu versorgen; ich selbst bin nur vor einigen Tagen vom Krankenbette aufgestanden. – Das ist sein Unglück! – Aber wer sind Sie denn? frage ich weiter. – Ich bin der und der, von dessen Geschicklichkeit in diesen oder jenen Verrichtungen Sie vielleicht gehört haben; ich bekleidete mein Amt mit möglichster Treue; ich könnte es alle Tage wieder antreten, wenn ich lieber die Kreatur eines Ministers, als ein ehrlicher Mann sein wollte etc. Da sind seine Vollkommenheiten! Bei einer solchen Erzählung aber kann niemand weinen. Sondern wenn der Unglückliche meine Tränen haben will, muß er beide Stücke verbinden; er muß sagen: ich bin vom Amte gesetzt, weil ich zu ehrlich war, und mich dadurch bei dem Minister verhaßt machte; ich hungere, und mit mir hungert eine kranke liebenswürdige Frau; und mit uns hungern sonst hoffnungsvolle, jetzt in der Armut vermodernde Kinder; und wir werden gewiß noch lange hungern[177] müssen. Doch ich will lieber hungern, als niederträchtig sein; auch meine Frau und Kinder wollen lieber hungern, und ihr Brot lieber unmittelbar von Gott, das ist, aus der Hand eines barmherzigen Mannes, nehmen, als ihren Vater und Ehemann lasterhaft wissen etc. – (Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen. Sie müssen meinem Vortrage mit Ihrem eignen Nachdenken zu Hülfe kommen.) Einer solchen Erzählung habe ich immer Tränen in Bereitschaft. Unglück und Verdienst sind hier im Gleichgewicht. Aber lassen Sie uns das Gewicht in der einen oder andern Schale vermehren, und zusehen, was nunmehr entsteht. Lassen Sie uns zuerst in die Schale der Vollkommenheit eine Zulage werfen. Der Unglückliche mag fortfahren: aber wenn ich und meine kranke Frau uns nur erst wieder erholt haben, so soll es schon anders werden. Wir wollen von der Arbeit unsrer Hände leben; wir schämen uns keiner. Alle Arten, sein Brot zu verdienen, sind einem ehrlichen Manne gleich anständig; Holz spalten, oder am Ruder des Staates sitzen. Es kömmt seinem Gewissen nicht darauf an, wie viel er nützt, sondern wie viel er nützen wollte. – Nun hören meine Tränen auf; die Bewundrung erstickt sie. Und kaum, daß ich es noch fühle, daß die Bewundrung aus dem Mitleiden entsprungen. – Lassen Sie uns eben den Versuch mit der andern Waagschale anstellen. Der ehrliche Bettler erfährt, daß es wirklich einerlei Wunder, einerlei übernatürliche Seltenheit ist, von der Barmherzigkeit der Menschen, oder unmittelbar aus der Hand Gottes gespeist zu werden. Er wird überall schimpflich abgewiesen; unterdessen nimmt sein Mangel zu, und mit ihm seine Verwirrung. Endlich gerät er in Wut; er ermordet seine Frau, seine Kinder und sich. – Weinen Sie noch? – Hier erstickt der Schmerz die Tränen, aber nicht das Mitleid, wie es die Bewundrung tut. Es ist –

Ich verzweifelter Schwätzer! Nicht ein Wort mehr. Ist Ihre Rezension vom Devil to pay schon gedruckt? Ich habe eine sehr merkwürdige Entdeckung in Ansehung dieses Stücks gemacht; wovon in meinem nächsten.

Leben Sie wohl, liebster Freund!

Lessing.


[178] Nachschrift.


Was macht denn unser lieber Marpurg? Grüßen Sie ihn tausendmal von mir. Ich lasse mich wegen des berühmten Dichters in seinen Oden schöne bedanken.


[Von Moses Mendelssohn]


[Berlin, erste Hälfte Dezembers 1756]


Liebster Freund!


Schreiben Sie immer, wenn ich bitten darf, Ihre langen Briefe an Hrn. Nicolai. Er hat das Glück, daß Sie ihm immer die besten Briefe schreiben. In Wahrheit, der kurze Brief an Nicolai enthält bessere Gedanken, als der lange, der mir zu Teil geworden. Ich schicke Ihnen Ihren Brief mit, weil ich ihn stückweise widerlegen will, aber ich beschwöre Sie, mir ihn wieder zuzustellen. Er soll mir zur Demütigung dienen; denn er beweiset, welch ein kleiner Gegner ich sein müsse, daß man sich mit so schlechten Waffen wider mich verteidigen zu können glaubt! Zur Sache!

Ich glaube, die jetzigen politischen Begebenheiten haben Sie veranlaßt, Bewunderung mit Verwunderung zu vertauschen. Eine unvermutete Begebenheit, deren Ursache ich nicht ergründen kann, setzt mich in Verwunderung. So verwundere ich mich über den Donner, über die Elektrizität, über die Handlungen eines Menschen, die in seinem moralischen Charakter nicht gegründet zu sein scheinen, und endlich über Sie, wenn Sie mir eine so fehlerhafte Distinktion einbilden wollen. Ich bewundere hingegen einen Menschen, an welchem ich eine gute Eigenschaft gewahr werde, die ich ihm nicht zugetrauet habe, die aber dennoch in seinem sittlichen Charakter gegründet ist. Staleno (ein Exempel, das Ihnen bekannt sein würde, wenn Sie Ihre eigenen Schriften fleißig gelesen hätten) verwunderte sich Anfangs über seinen Freund Philto, daß er eine Schelmerei hat begehen können, die mit seinem Charakter gar nicht überein kömmt. Allein eben der Staleno bewunderte die Gesinnung seines Freundes, als er ihn auf eine sehr vorteilhafte Art von seiner Unschuld überzeugte, und verwunderte sich gewissermaßen über sich selbst, daß er so nachteilige Gedanken hat von seinem Freunde hegen können.

Ist die Religion anders nicht fähig, eine so plötzliche Veränderung zu verursachen, als Voltaire in dem Gemüte des Gusmann vorgehen läßt; so erregt die schnellste Besserung dieses Christen Verwunderung, und der Dichter ist, wie Sie selbst bemerken, zu[179] tadeln, daß er zwei so widersinnige Charaktere in der Person des Gusmann vereiniget hat. Wäre es aber der Religion nicht unmöglich, einen Menschen plötzlich zu bekehren, (und dieses ist nach der herrschenden Meinung wenigstens poetisch wahrscheinlich) so erregt der Charakter des Gusmann Bewunderung, weil die Besserung, die wir ihm nicht zugetrauet haben, dennoch in seinem Charakter gegründet ist. Ja Ihre eigene Empfindung hätte Sie überzeugen können, daß das Letztere sein müsse; denn wenn die Besserung des Gusmann schlechterdings seinem Charakter widerspräche, so hätte sie in Ihnen wohl Unwillen über den fehlerhaften Dichter, aber nicht Schrecken, aber keine sympathische Beschämung mit dem betroffenen Zamor erregen können. Diese Anmerkung gebe ich Ihnen zu bedenken.

Überhaupt, eine jede Handlung, die sich mit dem bekannten Charakter der handelnden Person nicht reimen läßt, setzt uns in Verwunderung, und ist in dramatischen Stücken ein Fehler des Dichters, außer wenn sich die Verwunderung zuletzt in Bewunderung auflöst, d.i. wenn wir in der Entwickelung solche Umstände erfahren, die die Handlung wirklich wahrscheinlich machen. Ich halte diese Art von Knoten für die vortrefflichste, in welcher die Handlungen einer sonst tugendhaften Person mit ihrem Charakter zu streiten scheinen, zuletzt aber alle aus einer Quelle zu fließen, befunden werden. Die Angehörigen der Clarissa müssen, wie von einem Donner gerührt, dastehen, als ihre Verwunderung über die widersprechende Aufführung ihres Clärchens plötzlich in eine Bewunderung ihrer siegenden Unschuld aufgelöst ward.

Ich komme zu meiner Definition von der Bewunderung zurück. Wenn eine vorzüglich tugendhafte Person (Cato) so handelt, daß er gleichsam die menschliche Natur übertrifft, oder wenn ein zweideutiger Charakter so handelt, daß er uns von seinen Gesinnungen eine bessere Meinung beibringt, so entstehet Bewunderung. Jetzt will ich mein eigen Herz untersuchen. Bewundere ich die Gütigkeit des Augustus? Ja! und zwar mit Cinna und dem römischen Volke, weil sie dem herrschsüchtigen Kaiser keine solche Sanftmut zugetrauet haben. Die Keuschheit des Hippolytus? Nein! Die kindliche Liebe der Chimene? Ja! in so weit ich keinem Frauenzimmer eine solche heroische Gewalt über ihre Leidenschaft zugetrauet hätte. – Bisher verträgt sich mein Herz noch ziemlich mit meinem Verstande. Allein ich bewundere auch einen Cato, einen Essex etc. wegen ihrer ungemeinen heroischen Tugenden, und dennoch ist es mir niemals in den Sinn gekommen, ihnen hierin[180] nachzueifern. Wie gehet dieses zu, da doch eine Eigenschaft, die ich bewundere, notwendig nachahmungswürdig scheinen muß? Hier ist der Knoten, den Sie gefunden, aber nicht aufgelöst haben. Ich will mich bemühen, es für Sie zu tun.

Alle unsere Urteile gründen sich entweder auf einen deutlichen Vernunftschluß, oder auf eine undeutliche Erkenntnis, welche man in Sachen, die die Wahrheit angehen, Einsicht, in Sachen aber, die die Schönheit betreffen, Geschmack zu nennen pflegt. Jener stützt sich auf eine symbolische Erkenntnis, auf die Wirkungen der obern Seelenkräfte; diese hingegen auf eine intuitive Erkenntnis, auf die Wirkung der untern Seelenkräfte. Es ist Ihnen bekannt, daß öfters der Geschmack oder die Einsicht (Bonsens) mit der symbolischen Erkenntnis streiten könne, ja, daß die erstere öfters einen größern Einfluß in unsern Willen hat, als die letztere. (Ich bin auf einige ganz neue Gedanken von dem Streite der untern und obern Seelenkräfte gekommen, die ich Ihnen ehestens zur Beurteilung vorlegen werde.) Die theatralische Sittlichkeit gehört nicht vor den Richterstuhl der symbolischen Erkenntnis. Wenn der Dichter, durch seine vollkommen sinnliche Rede, unsre intuitive Erkenntnis von der Würde und Unwürde seiner Charaktere überzeugen kann, so hat er unsern Beifall. Wir verdunkeln gern die deutlichen Vernunftschlüsse, die sich unsrer Illusion widersetzen; so wie wir uns vermittelst der Illusion in ein ander Klima, in andre Umstände, und unter andre Menschen versetzen, um die Stärke der Nachahmung recht nachdrücklich zu fühlen. (Ich kann mich hierein nicht weiter einlassen, so lange Herr Nicolai noch nicht Zeit hat, die versprochenen Gedanken von der theatralischen Illusion mit mir zu entwickeln.) Weg also mit der deutlichen Überzeugung von der Nichtigkeit eines halsstarrigen Heldenmuts! Sie kann weder die Bewunderung noch den augenblicklichen Vorsatz der Nacheiferung stören, wenn der Dichter unsre untern Seelenkräfte hat einzunehmen gewußt. Aber sie kann verhindern, daß dieser augenblickliche Wunsch nie zur Wirklichkeit gedeihet, weil nach geendigter Illusion die Vernunft wieder das Steuer ergreift. Bei einem Menschen hingegen, der nicht Vorrat von deutlicher Erkenntnis genug hat, der Illusion die Stange zu halten, wird der Wunsch zur Nacheiferung anhaltend sein, und sogar in Taten ausbrechen. Ein Beispiel sei Karl der XII., und jener Engländer, der sich, nachdem er den Cato hat aufführen sehen, ermordete, da man alsdenn folgenden Spruch bei ihm fand: What Cato does and Addison approves cannot be wrong. – Jetzt erklären sich eine[181] Menge von Erscheinungen gleichsam von selbst. Werden Sie mich nun noch wohl fragen können, ob ich glaube, daß die Bewunderung uns mehr zur Nacheiferung antreiben kann, als die bloße Betrachtung guter Eigenschaften? Können Sie nunmehr noch zweifeln, daß die anschauende Erkenntnis der Vollkommenheit durch die Bewunderung sinnlicher wird, weil sie uns unvermutet überrascht oder weil wir die anscheinende Vollkommenheit in einem solchen Grade antreffen, daß sie gleichsam über Natur und Schicksal siegt, und den unerschrockenen Held zeigt, wo wir den gebeugten unter seiner Last seufzenden Menschen erwarteten? – Also kann uns die Bewunderung auch solche Handlungen als nachahmungswürdig anpreisen, die wir mit der Vernunft für untugendhaft erkennen? hör' ich Sie fragen. – Allerdings! und dieses ist eine von den Ursachen, die Hrn. Nicolai bewog zu behaupten, der Endzweck des Trauerspiels sei nicht eigentlich, die Sitten zu bessern.

Jedoch müssen Sie nicht denken, Ihr Mitleiden habe hierin einen Vorzug vor meiner Bewunderung. Auch das Mitleiden kann uns zu Untugenden bringen, wenn es nicht von der Vernunft regiert wird, von der kalten symbolischen Vernunft, die man gänzlich von dem Theater verbannen muß, wenn man gefallen will.

Ich gehe mit Ihnen in die Schule der alten Dichter, allein wenn wir sie verlassen, so kommen Sie mit mir in die Schule der alten Bildhauer. Ich habe ihre Kunststücke nicht gesehen, aber Winckelmann, (in seiner vortrefflichen Abhandlung von der Nachahmung der Werke der Griechen) dem ich einen feinen Geschmack zutraue, sagt: ihre Bildhauer hätten ihre Götter und Helden niemals von einer ausgelassenen Leidenschaft dahin reißen lassen. Man fände bei ihnen allezeit die Natur in Ruhe (wie er es nennt) und die Leidenschaften von einer gewissen Gemütsruhe begleitet, dadurch die schmerzliche Empfindung des Mitleidens gleichsam mit einem Firnisse von Bewunderung und Ehrfurcht überzogen wird. Er führt den Laokoon z.E. an, den Virgil poetisch entworfen, und ein griechischer Künstler in Marmor gehauen hat. Jener drückt den Schmerz vortrefflich aus, dieser hingegen läßt ihn den Schmerz gewissermaßen besiegen, und übertrifft den Dichter um desto mehr, je mehr das bloße mitleidige Gefühl, einem mit Bewunderung und Ehrfurcht untermengten Mitleiden nachzusetzen ist.

Ich habe gesagt, wenn die Bewunderung sonst nichts als ein Ruhepunkt des Mitleidens wäre, so würde es diese Wirkung mit dem Tode des bedauerten Helden gemein haben; und Sie glauben,[182] ich habe geirrt, weil der größte Haufe das Todsein für eine Fortdauer des Übels hält. – Ich kann Ihnen auch dieses nicht gelten lassen. Warum bedauern wir die tote Zayre und bedauern nicht die sterbende Sara, oder den sterbenden Alten im Mahomet? Irgend weil sie über ihr Unglück durch ihre großen Gesinnungen siegen? Allein sie werden sterben? Unmöglich kann der gemeine Mann, oder unsere sinnliche Empfindung glauben, derjenige Tod – Jedoch hierin möchten Sie Recht haben.

Warum haben Sie aber meinen Einwurf nicht beantwortet? Wie kann uns in der Szene des Racine eine Bewunderung gefallen, die ein Mitleiden dämpfen soll, das wir gar nicht gefühlt haben? Sie sagen, es sei eine Flickszene des Racine? Wohl! aber sie ist doch schön; also ist die Bewunderung schön, auch wo sie kein Mitleiden zu stillen hat.

Ihr letzter Beweis, von dem Ursprunge des Trauerspiels hergenommen, gefällt mir einigermaßen. Ich zweifle aber, ob Sie bewundernswürdige Charaktere (ich meine solche, wie Cato, Grandison, Brutus u.s.w.) im Homer finden werden. Im Ringen bestunden damals ihre heroischen und Bewunderung erregenden Verdienste. Achilles ist am Ende des Spiels nichts als ein tapferer Schläger, und Agamemnon hat weiter kein Verdienst, als daß er ein König der Könige ist. Die Griechen scheinen zu Homers Zeiten von ihren Königen gedacht zu haben, ungefähr wie jetzt die Franzosen von den ihrigen denken. Ulysses ist ein listiger Feldherr, und Calchas ein mittelmäßiger Priester, der lange so viel Bewunderung nicht erregen kann, als Ihr Theophanes. (Ich habe Ihren Theophanes vergessen. Dieser erregt bei dem Freigeist Bewunderung, ob er gleich weiß, daß seine guten Eigenschaften nicht die ganze menschliche Natur übertreffen.) Ich will durch diese Anmerkung keinesweges den Homer herunter setzen, und glaube vielmehr, daß ihn keiner von den Dichtern im Ganzen erreicht hat, die nachher gekommen sind, aber von der Seite der großen und Bewunderung erregenden Charaktere, dünkt mich, haben ihn viele übertroffen.

Ich habe noch eine kleine Anmerkung hinzuzutun. Sie behaupten, der Dichter müsse seinen Helden notwendig das Unglück empfinden lassen, wenn wir gerührt werden sollen, und nennen die Bewunderung bei dieser Gelegenheit abermals den Ruhepunkt des Mitleidens. Das Letztere bedarf keiner weitern Widerlegung. Das Erstere hingegen gebe ich zu, aber aus einem ganz andern Grunde. Der Dichter muß uns sinnlich überzeugen, daß sein Held[183] die Gefahr kennt, über welche ihn seine Unerschrockenheit hinweg setzt. Durch eine bloße Erzählung der bedrängten Umstände, in welchen sich sein Held befindet, wird die Nachahmung nicht sinnlich genug. Wenn wir aber schon zum voraus für den Helden besorgt sind, wenn der Dichter die Geschicklichkeit besessen, uns auf andere Weise sinnlich zu überführen, daß der Held sein Unglück vorher sieht, daß alle Anwesende für ihn in Angst sind, weil sie die größte Gefahr vor Augen sehen; alsdenn kann er ihn im völligen Triumphe über das drohende Schicksal erscheinen lassen. In der Geschichte des Grandison wird der Held von dem nichtswürdigen Hargrave herausgefordert. Alle Angehörigen des Grandison können sich vor Schmerz kaum fassen, und zittern für sein unschätzbares Leben. Wie erstaunet man aber, als Grandison selbst mit seiner gewöhnlichen Munterkeit erscheint, und den größten Verdruß, der ihm hatte begegnen können, mit mehr als gleichgültigen Augen ansiehet! Er fühlet nichts, aber desto mehr fühlen Byron, Charlotte etc. und der Leser wird von einer freudigen Bewunderung eingenommen, die gewiß den heißesten Wunsch der Nacheiferung in ihm zurück läßt.

So viel zu Widerlegung Ihrer Begriffe von der Bewunderung! Hingegen sind Ihre Gedanken vom Weinen unverbesserlich, und einige Kleinigkeiten, die ich dabei zu bemerken finde, verspare ich aufs Künftige.

Hier ist endlich meine Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit. Der Professor Aepinus hat in unserer Gesellschaft vorigen Donnerstag eine Widerlegung davon vorgelesen. Ich werde sie Ihnen ehestens nebst meiner Beantwortung überschicken. Ich bitte, meine Gedanken so freundschaftlich zu beurteilen, als Sie Hrn. Nicolais Abhandlung beurteilt haben. Ich bin

Ihr

wahrer Freund

Moses.


N.S. Schicken Sie mir ja Ihren Brief wieder mit, wenn ich Ihnen künftig trauen soll.

Nennen Sie mich noch einen Wortsparer?[184]


[An Moses Mendelssohn]


Leipzig, den 18. Dez. 1756.


Liebster Freund!


Sie haben Recht; ich habe in meinem Briefe an Sie ziemlich in den Tag hinein geschwatzt. Heben Sie ihn nur immer auf; aber nicht zu Ihrer, sondern zu meiner Demütigung. Er bleibe bei Ihnen ein dauerhafter Beweis, was für albernes Zeug ich schreiben kann, wenn ich, wie ich mich auszudrücken beliebt habe, meine Gedanken unter der Feder reif werden lasse. Lassen Sie mich jetzt versuchen, ob sie durch Ihre Einwürfe und Erinnerungen reifer geworden. Ich lösche die ganze Tafel aus, und will mich über die Materie von der Bewunderung noch gar nicht erklärt haben. Von vorne!

Ich hatte in dem ersten Briefe an Hrn. Nicolai von dieser Materie geschrieben: die Bewunderung müsse in dem Trauerspiele nichts sein, als der Ruhepunkt des Mitleidens. Haben Sie mich auch recht verstanden? Herr Nicolai machte zu seiner zweiten Gattung der Trauerspiele diejenige, wo man durch Hülfe des Schreckens und des Mitleidens Bewunderung erregen wolle. In dieser Gattung also wird die Bewunderung zum Hauptwerke, das ist, das Unglück, das den Helden trifft, soll uns nicht sowohl rühren, als dem Helden Gelegenheit geben, seine außerordentlichen Vollkommenheiten zu zeigen, deren intuitive Erkenntnis in uns den angenehmen Affekt erwecke, welchen Sie Bewunderung nennen.

Ein solches Trauerspiel nun, sage ich, würde ein dialogisches Heldengedicht sein, und kein Trauerspiel. Der bewunderte Held, habe ich mich gegen Hrn. Nicolai ausgedrückt, ist der Stoff des Heldengedichts. Da Sie mir doch also wohl zutrauen werden, daß ich ein Heldengedicht (ein Gedicht voller Bewunderung) für ein schönes Gedicht halte; so kann ich nicht einsehen, wie Sie mir Schuld geben können, daß ich der Bewunderung alles Schöne, alles Angenehme rauben wolle. Sie ist ein angenehmer Affekt, gut; aber kann ihr dieses die vornehmste Stelle in einem Trauerspiele verdienen? Das Trauerspiel (sagt Aristoteles, Hauptstück 14) soll uns nicht jede Art des Vergnügens ohne Unterschied gewähren, sondern nur allein das Vergnügen, welches ihm eigentümlich zukömmt.[185]

Warum wollen wir die Arten der Gedichte ohne Not verwirren, und die Grenzen der einen in die andern laufen lassen? So wie in dem Heldengedichte die Bewunderung das Hauptwerk ist, alle andere Affekten, das Mitleiden besonders, ihr untergeordnet sind: so sei auch in dem Trauerspiele das Mitleiden das Hauptwerk, und jeder andere Affekt, die Bewunderung besonders, sei ihm nur untergeordnet, das ist, diene zu nichts, als das Mitleiden erregen zu helfen. Der Heldendichter läßt seinen Helden unglücklich sein, um seine Vollkommenheiten ins Licht zu setzen. Der Tragödienschreiber setzt seines Helden Vollkommenheiten ins Licht, um uns sein Unglück desto schmerzlicher zu machen.

Ein großes Mitleiden kann nicht ohne große Vollkommenheiten in dem Gegenstande des Mitleids sein, und große Vollkommenheiten, sinnlich ausgedrückt, nicht ohne Bewunderung. Aber diese großen Vollkommenheiten sollen in dem Trauerspiele nie ohne große Unglücksfälle sein, sollen mit diesen allezeit genau verbunden sein, und sollen also nicht Bewunderung allein, sondern Bewunderung und Schmerz, das ist, Mitleiden erwecken. Und das ist meine Meinung. Die Bewunderung findet also in dem Trauerspiele nicht als ein besonderer Affekt Statt, sondern bloß als die eine Hälfte des Mitleids. Und in dieser Betrachtung habe ich auch Recht gehabt, sie nicht als einen besondern Affekt, sondern nur nach ihrem Verhältnisse gegen das Mitleiden zu erklären.

Und in diesem Verhältnisse, sage ich noch, soll sie der Ruhepunkt des Mitleidens sein, nämlich da, wo sie für sich allein wirken soll. Da Sie aber zum zweitenmal auf dem Exempel des Mithridats bestehen, so muß ich glauben, Sie haben meine Worte so verstanden, als wollte ich mit diesem Ruhepunkt sagen, sie soll das Mitleiden stillen helfen. Aber das will ich damit gar nicht sagen, sondern gleich das Gegenteil. Hören Sie nur!

Wir können nicht lange in einem starken Affekte bleiben; also können wir auch ein starkes Mitleiden nicht lange aushalten; es schwächt sich selbst ab. Auch mittelmäßige Dichter haben dieses gemerkt, und das starke Mitleiden bis zuletzt[186] verspart. Aber ich hasse die französischen Trauerspiele, welche mir nicht eher, als am Ende des fünften Aufzugs, einige Tränen auspressen. Der wahre Dichter verteilt das Mitleiden durch sein ganzes Trauerspiel; er bringt überall Stellen an, wo er die Vollkommenheiten und Unglücksfälle seines Helden in einer rührenden Verbindung zeigt, das ist, Tränen erweckt. Weil aber das ganze Stück kein beständiger Zusammenhang solcher Stellen sein kann, so untermischt er sie mit Stellen, die von den Vollkommenheiten seines Helden allein handeln, und in diesen Stellen hat die Bewunderung, als Bewunderung, Statt. Was sind aber diese Stellen anders, als gleichsam Ruhepunkte, wo sich der Zuschauer zu neuem Mitleiden erholen soll? Gestillt soll das vorige Mitleiden nicht dadurch werden, das ist mir niemals in die Gedanken gekommen, und würde meinem System schnurstracks zuwider sein.

Da nun aber diese Stellen (ich will sie die leeren Szenen nennen, ob sie gleich nicht immer ganze Szenen sein dürfen, weil die Bewunderung, oder die Ausmalung der außerordentlichen Vollkommenheiten des Helden, der einzige Kunstgriff ist, die leeren Szenen, wo die Aktion stille steht, erträglich zu machen) da, sage ich, diese leeren Szenen nichts als Vorbereitungen zum künftigen Mitleiden sein sollen, so müssen sie keine solchen Vollkommenheiten betreffen, die das Mitleiden zernichten. Ich will ein Exempel geben, dessen Lächerliches Sie mir aber verzeihen müssen. Gesetzt, ich sagte zu jemand: heute ist der Tag, da Titus seinen alten Vater, auf einem Seile, welches von der höchsten Spitze des Turms bis über den Fluß gespannt ist, in einem Schubkarren von oben herab führen soll. Wenn ich nun, dieser gefährlichen Handlung wegen, Mitleiden für den Titus erwecken wollte, was muß ich tun? Ich müßte die guten Eigenschaften des Titus und seines Vaters auseinander setzen, und sie beide zu Personen machen, die es um so viel weniger verdienen, daß sie sich einer solchen Gefahr unterziehen müssen, je würdiger sie sind. Aber nicht wahr, dem Mitleiden ist der Weg zu dem Herzen meines Zuhörers auf einmal abgeschnitten, so bald ich ihm sage, Titus ist ein Seiltänzer, der diesen Versuch[187] schon mehr als einmal gemacht hat? Und gleichwohl habe ich doch weiter nichts als eine Vollkommenheit des Titus den Zuhörern bekannt gemacht. Ja, aber es war eine Vollkommenheit, welche die Gefahr unendlich verringerte, und dem Mitleiden also die Nahrung nahm. Der Seiltänzer wird nunmehr bewundert, aber nicht bedauert.

Was macht aber derjenige Dichter aus seinem Helden anders, als einen Seiltänzer, der, wenn er ihn will sterben lassen, das ist, wenn er uns am meisten durch seine Unfälle rühren will, ihn eine Menge der schönsten Gasconaden, von seiner Verachtung des Todes, von seiner Gleichgültigkeit gegen das Leben herschwatzen läßt? In eben dem Verhältnisse, in welchem die Bewunderung auf der einen Seite zunimmt, nimmt das Mitleiden auf der andern ab. Aus diesem Grunde halte ich den Polyeukt des Corneille für tadelhaft; ob er gleich wegen ganz anderer Schönheiten niemals aufhören wird zu gefallen. Polyeukt strebt ein Märtyrer zu werden; er sehnet sich nach Tod und Martern; er betrachtet sie als den ersten Schritt in ein überschwenglich seliges Leben; ich bewundere den frommen Enthusiasten, aber ich müßte befürchten, seinen Geist in dem Schoße der ewigen Glückseligkeit zu erzürnen, wenn ich Mitleid mit ihm haben wollte.

Genug hiervon; Sie können mich hinlänglich verstehen, um mich zu widerlegen, wenn ich es verdiene. Aber die Feder läuft einmal, und ich will mich nunmehr über die Verschiedenheit zwischen den Wirkungen der Bewunderung und den Wirkungen des Mitleids erklären. Aus der Bewunderung entspringt der Vorsatz der Nacheiferung: aber, wie Sie selbst sagen, dieser Vorsatz ist nur augenblicklich. Wenn er zur Wirklichkeit kommen soll, muß ihn entweder die darauf folgende deutliche Erkenntnis dazu bringen, oder der Affekt der Bewunderung muß so stark fortdauern, daß der Vorsatz zur Tätigkeit kommt, ehe die Vernunft das Steuer wieder ergreifen kann. Das ist doch Ihre Meinung? – Nun sage ich: in dem ersten Falle ist die Wirkung nicht der Bewunderung, sondern der deutlichen Erkenntnis zuzuschreiben; und zu dem andern Falle werden nichts geringeres als Fantasten erfordert.[188] Denn Fantasten sind doch wohl nichts anders, als Leute, bei welchen die untern Seelenkräfte über die obern triumphieren? Daran liegt nichts, werden Sie vielleicht sagen, dieser Fantasten sind sehr viele in der Welt, und es ist gut, wenn auch Fantasten tugendhafte Taten tun. Wohl; so muß es denn eine von den ersten Pflichten des Dichters sein, daß er nur für wirklich tugendhafte Handlungen Bewunderung erweckt. Denn wäre es ihm erlaubt, auch untugendhaften Handlungen den Firnis der Bewunderung zu geben, so hätte Plato Recht, daß er sie aus seiner Republik verbannt wissen wollen. Herr Nicolai hätte also nicht schließen sollen: weil der Wein nicht selten blutige Gezänke erzeugt, so ist es falsch, daß er des Menschen Herz erfreuen soll; oder weil die Poesie oft schlechte Handlungen als nachahmungswürdig anpreiset, so kann ihr Endzweck nicht sein, die Sitten zu bessern.

Ich gehe noch weiter, und gebe Ihnen zu überlegen, ob die tugendhafte Tat, die ein Mensch aus bloßer Nacheiferung, ohne deutliche Erkenntnis, tut, wirklich eine tugendhafte Tat ist, und ihm als eine solche zugerechnet werden kann? Ferner dringe ich darauf: die Bewunderung einer schönen Handlung kann nur zur Nacheiferung eben derselben Handlung, unter eben denselben Umständen, und nicht zu allen schönen Handlungen antreiben; sie bessert, wenn sie ja bessert, nur durch besondere Fälle, und also auch nur in besonderen Fällen. Man bewundert z. E. den Gusmann, der seinem Mörder vergibt. Kann mich diese Bewunderung, ohne Zuziehung der deutlichen Erkenntnis, antreiben, allen meinen Widersachern zu vergeben? Oder treibt sie mich nur, demjenigen Todfeinde zu vergeben, den ich mir selbst durch meine Mißhandlungen dazu gemacht habe? Ich glaube, nur das Letztere.

Wie unendlich besser und sicherer sind die Wirkungen meines Mitleidens! Das Trauerspiel soll das Mitleiden nur überhaupt üben, und nicht uns in diesem oder jenem Falle zum Mitleiden bestimmen. Gesetzt auch, daß mich der Dichter gegen einen unwürdigen Gegenstand mitleidig macht, nämlich vermittelst falscher Vollkommenheiten, durch die er[189] meine Einsicht verführt, um mein Herz zu gewinnen. Daran ist nichts gelegen, wenn nur mein Mitleiden rege wird, und sich gleichsam gewöhnt, immer leichter und leichter rege zu werden. Ich lasse mich zum Mitleiden im Trauerspiele bewegen, um eine Fertigkeit im Mitleiden zu bekommen; findet aber das bei der Bewunderung Statt? Kann man sagen: ich will gern in der Tragödie bewundern, um eine Fertigkeit im Bewundern zu bekommen? Ich glaube, der ist der größte Geck, der die größte Fertigkeit im Bewundern hat; so wie ohne Zweifel derjenige der beste Mensch ist, der die größte Fertigkeit im Mitleiden hat.

Doch bin ich nicht etwa wieder auf meine alten Sprünge gekommen? Schreie ich die Bewunderung durch das, was ich bisher gesagt habe, nicht für ganz und gar unnütz aus, ob ich ihr gleich das ganze Heldengedicht zu ihrem Tummelplatze einräume? Fast sollte es so scheinen; ich will es also immer wagen, Ihnen einen Einfall zu vertrauen, der zwar ziemlich seltsam klingt, weil er aber niemand Geringers als mich und den Homer rettet, Ihrer Untersuchung vielleicht nicht unwürdig ist.

Es gibt gewisse körperliche Fähigkeiten, gewisse Grade der körperlichen Kräfte, die wir nicht in unsrer willkürlichen Gewalt haben, ob sie gleich wirklich in dem Körper vorhanden sind. Ein Rasender, zum Exempel, ist ungleich stärker, als er bei gesundem Verstande war; auch die Furcht, der Zorn, die Verzweiflung und andre Affekten mehr, erwecken in uns einen größern Grad der Stärke, der uns nicht eher zu Gebote steht, als bis wir uns in diesen oder jenen Affekt gesetzt haben.

Meine zweite vorläufige Anmerkung ist diese. Alle körperliche Geschicklichkeiten werden durch Hülfe der Bewunderung gelernt; wenigstens das Feine von allen körperlichen Geschicklichkeiten. Nehmen Sie einen Luftspringer. Von den wenigsten Sprüngen kann er seinen Schülern den eigentlichen Mechanismus zeigen; er kann oft weiter nichts sagen, als: sieh nur, sieh nur, wie ich es mache! das ist, bewundere mich nur recht, und versuch es alsdann, so wird es von selbst gehen; und je vollkommener der Meister den Sprung vormacht,[190] je mehr er die Bewunderung seines Schülers durch diese Vollkommenheit reizt, desto leichter wird diesem die Nachahmung werden.

Heraus also mit meinem Einfalle! Wie, wenn Homer mit Bedacht nur körperliche Vollkommenheiten bewundernswürdig geschildert hätte? Er kann leicht ein eben so guter Philosoph gewesen sein, als ich. Er kann leicht, wie ich, geglaubt haben, daß die Bewunderung unsre Körper wohl tapfer und gewandt, aber nicht unsre Seelen tugendhaft machen könne. Achilles, sagen Sie, ist bei dem Homer nichts als ein tapfrer Schläger; es mag sein. Er ist aber doch ein bewundernswürdiger Schläger, der bei einem andern den Vorsatz der Nacheiferung erzeugen kann. Und so oft sich dieser andere in ähnlichen Umständen mit dem Achilles befindet, wird ihm auch das Exempel dieses Helden wieder beifallen, wird sich auch seine gehabte Bewunderung erneuern, und diese Bewunderung wird ihn stärken und geschickter machen, als er ohne sie gewesen wäre. Gesetzt aber, Homer hätte den Achilles zu einem bewundernswürdigen Muster der Großmut gemacht. So oft sich nun ein Mensch von feuriger Einbildungskraft in ähnlichen Umständen mit ihm sähe, könnte er sich zwar gleichfalls seiner gehabten Bewunderung erinnern, und zu Folge dieser Bewunderung gleich großmütig handeln; aber würde er deswegen großmütig sein? Die Großmut muß eine beständige Eigenschaft der Seele sein; und ihr nicht bloß ruckweise entfahren.

Ich bin es überzeugt, daß meine Worte oft meinem Sinne Schaden tun, daß ich mich nicht selten zu unbestimmt oder zu nachlässig ausdrücke. Versuchen Sie es also, liebster Freund, sich durch Ihr eigen Nachdenken in den Geist meines Systems zu versetzen. Und vielleicht finden Sie es weit besser, als ich es vorstellen kann.

In Vergleichung meiner, sollen Sie doch noch immer ein Wortsparer bleiben; denn ich habe mir fest vorgenommen, auch diesen zweiten Bogen noch voll zu schmieren. Ich wollte Anfangs aus dem Folgenden einen besondern Brief an Hrn. Nicolai machen; aber ich will seine Schulden mit Fleiß nicht häufen. Lesen Sie doch das 13te Hauptstück der Aristotelischen[191] Dichtkunst. Der Philosoph sagt daselbst: der Held eines Trauerspiels müsse ein Mittelcharakter sein; er müsse nicht allzu lasterhaft und auch nicht allzu tugendhaft sein; wäre er allzu lasterhaft, und verdiente sein Unglück durch seine Verbrechen, so könnten wir kein Mitleiden mit ihm haben; wäre er aber allzu tugendhaft, und er würde dennoch unglücklich, so verwandle sich das Mitleiden in Entsetzen und Abscheu.

Ich möchte wissen, wie Herr Nicolai diese Regel mit den bewundernswürdigen Eigenschaften seines Helden zusammen reimen könne – – Doch das ist es nicht, was ich jetzt schreiben will.

Ich bin hier selbst wider Aristoteles, welcher mir überall eine falsche Erklärung des Mitleids zum Grunde gelegt zu haben scheint. Und wenn ich die Wahrheit weniger verfehle, so habe ich es allein Ihrem bessern Begriffe vom Mitleiden zu danken. Ist es wahr, daß das Unglück eines allzu tugendhaften Menschen Entsetzen und Abscheu erweckt? Wenn es wahr ist, so müssen Entsetzen und Abscheu der höchste Grad des Mitleids sein, welches sie doch nicht sind. Das Mitleiden, das in eben dem Verhältnisse wächst, in welchem Vollkommenheit und Unglück wachsen, hört auf, mir angenehm zu sein, und wird desto unangenehmer, je größer auf der einen Seite die Vollkommenheit, und auf der andern das Unglück ist. Unterdessen ist es doch auch wahr, daß an dem Helden eine gewisse άμαρτια, ein gewisser Fehler sein muß, durch welchen er sein Unglück über sich gebracht hat. Aber warum diese άμαρτια, wie sie Aristoteles nennt? Etwa, weil er ohne sie vollkommen sein würde, und das Unglück eines vollkommenen Menschen Abscheu erweckt? Gewiß nicht. Ich glaube, die einzige richtige Ursache gefunden zu haben; sie ist diese: weil ohne den Fehler, der das Unglück über ihn zieht, sein Charakter und sein Unglück kein Ganzes ausmachen würden, weil das eine nicht in dem andern gegründet wäre, und wir jedes von diesen zwei Stücken besonders denken würden. Ein Exempel wird mich verständlicher machen. Canut sei ein Muster der vollkommensten Güte. Soll er nur Mitleid[192] erregen, so muß ich durch den Fehler, daß er seine Güte nicht durch die Klugheit regieren läßt, und den Ulfo, dem er nur verzeihen sollte, mit gefährlichen Wohltaten überhäuft, ein großes Unglück über ihn ziehn; Ulfo muß ihn gefangen nehmen und ermorden. Mitleiden im höchsten Grade! Aber gesetzt, ich ließe den Canut nicht durch seine gemißbrauchte Güte umkommen; ich ließ ihn plötzlich durch den Donner erschlagen, oder durch den einstürzenden Palast zerschmettert werden? Entsetzen und Abscheu ohne Mitleid! Warum? Weil nicht der geringste Zusammenhang zwischen seiner Güte und dem Donner, oder dem einstürzenden Palast, zwischen seiner Vollkommenheit und seinem Unglücke ist. Es sind beides zwei verschiedene Dinge, die nicht eine einzige gemeinschaftliche Wirkung, dergleichen das Mitleid ist, hervorbringen können, sondern, deren jedes für sich selbst wirkt. – Ein ander Exempel! Gedenken Sie an den alten Vetter, im »Kaufmann von London«; wenn ihn Barnwell ersticht, entsetzen sich die Zuschauer, ohne mitleidig zu sein, weil der gute Charakter des Alten gar nichts enthält, was den Grund zu diesem Unglück abgeben könnte. Sobald man ihn aber für seinen Mörder und Vetter noch zu Gott beten hört, verwandelt sich das Entsetzen in ein recht entzückendes Mitleiden, und zwar ganz natürlich, weil diese großmütige Tat aus seinem Unglücke fließet und ihren Grund in demselben hat.

Und nun bin ich es endlich müde, mehr zu schreiben, nachdem Sie es ohne Zweifel schon längst müde gewesen sind, mehr zu lesen. Ihre Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit habe ich mit recht großem Vergnügen gelesen; wenn ich sie noch ein paarmal werde gelesen haben, hoffe ich, Sie so weit zu verstehen, daß ich Sie um einige Erläuterungen fragen kann. Wenn es sich von solchen Dingen so gut schwatzen ließe, wie von der Tragödie! Ihre Gedanken von dem Streite der untern und obern Seelenkräfte lassen Sie ja mit das erste sein, was Sie mir schreiben. Ich empfehle Ihnen dazu meine Weitläuftigkeit, die sich wirklich eben so gut zum Vortrage wahrer, als zur Auskramung vielleicht falscher Sätze schickt.[193]

Bitten Sie doch den Hrn. Nicolai in meinem Namen, mir mit ehestem denjenigen Teil von Cibbers Lebensbeschreibung der englischen Dichter zu schicken, in welchem Drydens Leben steht. Ich brauche ihn.

Leben Sie wohl, liebster Freund, und werden Sie nicht müde, mich zu bessern, so werden Sie auch nicht müde werden, mich zu lieben.

Lessing.


N.S. Damit dieser Brief ja alle Eigenschaften eines unausstehlichen Briefs habe, so will ich ihn auch noch mit einem P.S. versehen.

Sie haben sich schon zweimal auf die griechischen Bildhauer berufen, von welchen Sie glauben, daß sie ihre Kunst besser verstanden hätten, als die griechischen Dichter. Lesen Sie den Schluß des 15ten Hauptstücks der Aristotelischen Dichtkunst, und sagen Sie mir alsdenn, ob den Alten die Regel von der Verschönerung der Leidenschaften unbekannt gewesen sei.

Der Held ist in der Epopee unglücklich, und ist auch in der Tragödie unglücklich. Aber auf die Art, wie er es in der einen ist, darf er es nie in der andern sein. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich die Verschiedenheit dieser Arten irgendwo gehörig bestimmt gefunden hätte. Das Unglück des Helden in der Epopee muß keine Folge aus dem Charakter desselben sein, weil es sonst, nach meiner obigen Anmerkung, Mitleiden erregen würde; sondern es muß ein Unglück des Verhängnisses und Zufalls sein, an welchem seine guten oder bösen Eigenschaften keinen Teil haben. Fato profugus, sagt Virgil von seinem Aeneas. Bei der Tragödie ist es das Gegenteil, und aus dem Ödip z.E. wird nimmermehr ein Heldengedicht werden, und wer eins daraus machen wollte, würde am Ende weiter nichts als ein Trauerspiel in Büchern gemacht haben. Denn es wäre elend, wenn diese beiden Dichtungsarten keinen wesentlichern Unterschied, als den beständigen oder durch die Erzählung des Dichters unterbrochenen Dialog, oder als Aufzüge und Bücher haben sollten.

Wenn Sie Ihre Gedanken von der Illusion mit dem Hrn.[194] Nicolai aufs Reine bringen werden, so vergessen Sie ja nicht, daß die ganze Lehre von der Illusion eigentlich den dramatischen Dichter nichts angeht, und die Vorstellung seines Stücks das Werk einer andern Kunst, als der Dichtkunst, ist. Das Trauerspiel muß auch ohne Vorstellung und Akteurs seine völlige Stärke behalten; und diese bei dem Leser zu äußern, braucht sie nicht mehr Illusion als jede andre Geschichte. Sehen Sie deswegen den Aristoteles noch gegen das Ende des 6ten und den Anfang des 14ten Hauptstücks nach.

Nun bin ich ganz fertig. Leben Sie wohl!


[Von Moses Mendelssohn (und Friedrich Nicolai)]


[Berlin, Januar 1757]


Liebster Lessing!


Ich bin mit meiner Jahrrechnung zu Stande, und könnte nunmehr vollkommen ruhen und zufrieden leben, wenn ich nicht gewissermaßen für Ihre Ruhe besorgt wäre. Warum fliehen Sie diesen Ort der Unruhe, der Betrübnis und der allgemeinen Verzweiflung nicht? Kommen Sie zu uns, wir wollen in unserm einsamen Gartenhause vergessen, daß die Leidenschaften der Menschen den Erdball verwüsten. Wie leicht wird es uns sein, die nichtswürdigen Streitigkeiten der Habsucht zu vergessen, wenn wir unsern Streit über die wichtigsten Materien, die wir schriftlich angefangen, mündlich fortsetzen werden!

Sie sehen, wie weit ich es zu treiben gedenke. Ich sage, wir hätten den Streit erst angefangen, da Sie ihn vielleicht schon geendigt zu haben glauben. Jedoch metaphysische Streitigkeiten sind nicht so bald entschieden. An logischen Fechterstreichen darf es uns niemals fehlen.

Damit Sie aber nicht glauben, Sie hätten durch Ihren langen Brief gar nichts ausgerichtet; so muß ich Ihnen gleich voran sagen, daß ich in den meisten Stücken völlig Ihrer Meinung bin. Warum nicht in allen? fragen Sie. Geduld! Ich will Ihre Gedanken Stückweise untersuchen. Gleich im Eingange weisen Sie den beiden tragischen Leidenschaften, der Bewunderung und dem Mitleiden, verschiedene Provinzen an, und wollen, daß jene in dem Gebiete des Heldengedichts, dieses aber auf der Schaubühne herrschen soll. Bei dieser Gelegenheit fragen Sie: Warum wollen wir die Arten der Gedichte ohne Not verwirren, und die Grenzen der einen in die andre laufen lassen? Hier haben Sie ein Vorurteil[195] zur Schutzwehr genommen, das ich Sie selbst so oft habe bestreiten hören. Worauf gründet sich diese eingebildete Grenzscheidung? In Ansehung der Werke der Natur hat man in dem letzten Jahrhundert ausgemacht, daß sie von ihrer Meisterin in keine besondern und getrennten Klassen eingeteilt sind. Warum wollen wir die Kunst nicht auch hierin eine Nachahmerin der Natur werden lassen? Hat der Sprachgebrauch, die Autorität der Alten, die Einteilung der Künste in ihre besondern Arten, und tausend andre Vorurteile, nur solche dramatische Stücke mit dem Namen Trauerspiel belegt, die vornehmlich Mitleiden erregen: so können sich die Sprachlehrer an diese Vorschrift halten. Aber die Vernunft redet anders; sie zählet eine jede große und würdige Begebenheit zu den Gegenständen des Trauerspiels, wenn sie nur durch die lebendige Vorstellung eines größern Grades der Nachahmung fähig ist. (Siehe beikommende Gedanken von der ästhetischen Illusion.) Schließen Sie also keine einzige Leidenschaft vom Theater aus. So bald die nachgeahmte Leidenschaft uns anschauend von der Vortrefflichkeit der Nachahmung überzeugen kann, so verdient sie auf der Bühne aufgeführt zu werden. Auch der Haß und der Abscheu können, trotz dem Aristoteles und allen seinen Anhängern, auf der Schaubühne gefallen, weil es genug ist, wenn die nachgeahmte Leidenschaft überzeugen kann, daß die Nachahmung dem Urbilde ähnlich sei. (Ich bitte beikommende Gedanken vorher zu lesen, bevor Sie diese Stelle verurteilen.)

Wir wollen indessen etwas näher zusammen kommen. Ich räume Ihnen ein, daß das Mitleiden uns leichter intuitive illudieren kann, als die Bewunderung. Ich meine, es ist leichter, uns durch ein nachgeahmtes Mitleiden zu überführen, daß die Nachahmung dem Urbilde ähnlich sei, als solches durch die Bewunderung zu bewerkstelligen. Gestehen Sie mir aber auch, daß sich die Kunst alsdann in ihrem vollen Glanze zeigt, wenn sie sich wagt, die feinsten Züge der Natur nachzuahmen, eine große Seele in ihrem hellsten Lichte vorzustellen, wenn sie einen Helden abbildet, der sich unter der Last der Drangsale mutig aufrichtet, sein Haupt bis in die Wolken erhebt, und die Donner unerschrocken um seine Füße brüllen hört, die wir aus einer ästhetischen Illusion mit der größten Angst sich um ihn haben zusammen ziehen sehen. Der Weg ist schwer, sehr schwer, und nur große Geister können sich Hoffnung machen, ihn mit Erfolg zu betreten! Ich gestehe es; wenn aber hat mein Lessing für Wege gesorgt, darin mittelmäßige Geister fortkommen sollen?[196]

Sie sagen, auf der Schaubühne müsse allezeit Schmerz und Bewunderung vermischt sein, und diese Vermischung nennen Sie Mitleid. Was soll denn aus dem Cinna nach dieser Meinung werden? Kommen Sie mir ja nicht wieder mit Ihrem gekünstelten Mitleiden mit dem Cinna, daß er sich muß verzeihen lassen, oder mit dem August, daß ihm nicht erlaubt ist, sich zu rächen. Unsere Empfindungen denken so spitzfindig nicht.

Entschuldigen Sie Ihren Ausdruck, die Bewunderung sei der Ruhepunkt des Mitleidens, nur nicht. Freilich die Auseinandersetzung der Vollkommenheiten, die den Helden zieren, oder vielmehr die Bekanntmachung seines Charakters kann nicht selten eine Nebenszene ausfüllen, einen Ruhepunkt des Mitleidens abgeben. Dieses ist aber nicht die Bewunderung, sondern die Hochachtung, ein niederer Grad der Bewunderung, die uns eine Zeitlang unterhält, so wie wir öfters in der Komödie, um nicht immer zu lachen, rührende Stellen mit hinein bringen. Wo aber die Bewunderung der Hauptaffekt sein soll, da muß sie in einem Cato, in einem Brutus, in einem Grandison, und warum sage ich nicht, in einem Theophanes etwas mehr als solche subalterne Bedienungen haben. Es ist überhaupt das Schicksal aller theatralischen Leidenschaften, daß sie fast gar nicht mehr zu erkennen sind, wenn sie als Begleiterinnen anderer Leidenschaften erscheinen. Die Liebe z.B. ist eine rasende und entsetzliche Leidenschaft, wo sie, wie im Hippolytus, den ersten Rang einnimmt; wie kindisch und lächerlich ist sie aber in tausend französischen Stücken, wo sie nur einige Nebenszenen ausfüllt! Ich will den Polyeukt nicht entschuldigen; wo Sie ihn aber mit dem Kerl vergleichen, der vom Turme hinunter purzeln soll, so glaube ich, der Springer hat das tertium comparationis verloren. Der Held muß das moralische Gute ungleich höher schätzen als das physische Gute. Wenn Schmerz, Ketten, Sklaverei und Tod mit einer Pflicht streiten, so muß er nicht anstehen, allen diesen Übeln entgegen zu eilen, um seine Unschuld unbefleckt zu erhalten. Dieser innerliche Sieg, den seine göttliche Seele über den Körper davon trägt, entzückt uns, und setzt uns in einen Affekt, dem keine sinnliche Wollust an Annehmlichkeit beikömmt. Die bloße Bewunderung der körperlichen Geschicklichkeit, die Sie Ihrem Schubkarrenführer noch lassen, ist ohne Affekt, ohne jenes innerliche Gefühl und Wärme der Eingeweide, (wenn ich mich so ausdrücken darf) mit welcher wir die Großmut eines Orestes und Pylades z.E. bewundern. (Im Vorbeigehn erinnere ich, daß dieses vielleicht die einzigen Charaktere[197] der Alten sind, die eine wahre Bewunderung erregen.) Ich schweige von einer gewissen Situation in einem chinesischen Trauerspiele, die Sie selbst jederzeit zu bewundern pflegten. Ein alter Mann wird auf Befehl des Tyrannen von seinem Freunde jämmerlich geprügelt, von eben dem Freunde, dem zum Besten er ein gewisses Geheimnis nicht offenbaren will. Er siehet mit halbzornigen Blicken auf denjenigen zurück, der die Befehle des Tyrannen auf seinem Rücken vollziehet. Jetzt wird er seinen Mund öffnen und durch ein einziges Wort sich von den entsetzlichen Schmerzen befreien. Doch nein! Er erblickt seinen Freund, erinnert sich seiner Pflicht, und der grausamen Gewalt, die seinen Freund nötigt, sein Henker zu werden. Sein Zorn verwandelt sich in Wehmut, er seufzet und bleibt seiner Pflicht getreu. Hier ist Großmut, hier ist Standhaftigkeit, hier ist innerlicher Kampf, und der herrlichste Sieg, den Sterbliche jemals erfochten!

Wenn die Vernunft die Nacheiferung billiget, die durch die Bewunderung in uns erzeugt wird; so wollen Sie die Wirkung nicht der Bewunderung, sondern der deutlichen Erkenntis zuschreiben. Ich habe aber in beikommenden Blättern bewiesen, daß die intuitive Erkenntnis die Quantität der Motive vermehren müsse, wenn der tugendhafte Vorsatz zur Wirklichkeit kommen soll, und nichts vermehret, meines Erachtens, diese Quantität so sehr, als die Bewunderung.

Wenn Herr Nicolai behauptet,1 die Poesie könne zur Besserung der Sitten nichts beitragen, so hat er offenbar Unrecht, und ich beweise das Gegenteil hiervon in beikommenden Blättern. Wenn er aber behauptet, die Besserung der Sitten könne nicht der Hauptendzweck des Trauerspiels sein, weil die Nachahmung immer noch vollkommen sein kann, wenn auch die zum Grunde liegende Sittlichkeit nicht völlig mit der Vernunft übereinstimmt: so glaube ich, daß ihm die eifrigsten Verfechter der Poesie beipflichten müssen. Die ästhetische Illusion ist wirklich im Stande, die obern Seelenkräfte auf eine Zeitlang zum Schweigen zu bringen, wie ich solches in meinen Gedanken von der Illusion ziemlich deutlich mache. Daß aber selbst die Fertigkeit zu bemitleiden (erlauben Sie mir dieses schweizerische Wort) nicht immer gute Wirkung tut, erhellet aus meinen Gedanken von der sittlichen Empfindlichkeit, die ohne Hülfe der Urteilskraft unser Gefühl nur zärtlicher macht, und uns antreibt, sowohl wahren als scheinbaren[198] Gütern mit größerer Begierde nachzujagen. Ihre Gedanken von den körperlichen Geschicklichkeiten, und von der Bewunderung, die sie erregen, gefallen mir ungemein, und Sie beschämen mich, wenn Sie über das Unvermögen, Ihre Gedanken richtig auszudrücken, klagen. Was kann ich Ihnen hierauf antworten, ohne Ihnen ein Gegenkompliment zu machen?

Erheben Sie nur nicht die Bewunderung der körperlichen Geschicklichkeiten auf Kosten der Seele! Sie irren ungemein, wenn Sie glauben, die Großmut in bestimmten einzelnen Fällen errege bloß den Wunsch, in ähnlichen Fällen großmütig zu handeln. Aus meinen Gedanken von der Herrschaft über die Neigungen werden Sie ersehen, wie zuträglich es der Tugend sei, wenn die allgemeinen abstrakten Begriffe auf einzelne Fälle reduziert werden. Diese Reduktion kann durch die Erfahrung, durch Beispiele oder auch durch Erdichtung geschehen. Unsere symbolische Erkenntis wird allemal in eine anschauende verwandelt, die Gewalt der Motive wird belebt, und ihre Quantität wird größer, als die Quantität der sinnlichen Lust, die sich ihnen widersetzt.

Sie sehen, ich beziehe mich sehr oft auf beikommende Blätter, und es versteht sich, daß ich vor allen Dingen Ihr Urteil über die Gedanken, die darin enthalten sind, erwarte. Ich habe sie ohne Ordnung und Zusammenhang, fast so wie ich sie gehabt habe, zu Papier gebracht. Sagen Sie mir, ob etwas daraus zu machen sei?

Ihre Gedanken über das 13te Hauptstück der aristotelischen Dichtkunst, und insbesondere über die Regel, daß der Held des Trauerspiels nicht vollkommen tugendhaft sein müsse, sind unverbesserlich. Sie tragen das untrügliche Kennzeichen der Wahrheit an sich, daß man beim Durchlesen über sich selbst böse wird, weil man sie verfehlt hat. Für das Kompliment, das Sie mir dabei machen, danke ich.

Ich komme zu Ihrer Nachschrift. Sie heißen mir das 15te Hauptstück der aristotelischen Dichtkunst (das 15te soll es doch wohl sein? denn Sie haben das 16te gesetzt) nachlesen, darin der Dichter einige Regeln von der Verschönerung der Leidenschaften geben soll. Ich verstehe, wie Sie wissen, kein Griechisch. Ich muß also glauben, was Curtius sagt. Dieser versichert, die Ausleger könnten mit dieser Stelle nicht fertig werden. Wie sie Corneille und Dacier nimmt, sagt sie gerade das Gegenteil von demjenigen, was Sie darin suchen. Die Curtiussche Übersetzung verträgt sich noch so ziemlich mit Ihrer Auslegung. Aber wie wenig hat Curtius selbst die Stelle verstanden, die er doch so gut übersetzt hat! Er sagt in seinen[199] Anmerkungen, Homer habe dadurch den Jachzorn des Achilles verschönert, daß er ihm andere löbliche Eigenschaften beigelegt hat. Ist dieses Aristoteles Meinung gewesen, so hat er die beste Art, die Leidenschaften durch sich selbst zu verschönern, verfehlt; von welcher ich in meinen vorigen Briefen genug geschwatzt habe. Jedoch lieber mag ihn Curtius nicht verstanden haben.

Was ich für einen Begriff mit dem Worte Illusion verknüpfe, werden Sie aus beikommenden Blättern ersehen. Im 14ten Hauptstück vom Aristoteles finde ich nichts, das meinen Lehrsätzen widerspricht: die prächtigen Verzierungen gehören freilich nicht für das Trauerspiel; sie sind für die Oper und für tausend andere Ergötzlichkeiten, daran unsere Seele keinen Teil hat; und wenn ich dem Worte Illusion nicht den Verstand gegeben, den es nach dem Sprachgebrauch haben sollte, so streichen Sie es immer durch, und setzen ein anderes Zeichen dafür hin.

Leben Sie wohl, liebster Freund! und werden Sie nicht müde, mich zu bessern, so werden Sie auch nicht müde werden, mich zu lieben. Dieses sind Ihre eigenen Worte, und ich zweifle, ob Sie so viel dabei gedacht haben, als ich, wenn ich Sie versichere, daß ich Sie liebe.

Moses.


N.S. Zählen Sie beikommende Blätter mit; so habe ich immer noch einige Seiten voraus.


Herr Moses sagt, ich müßte auch an Sie schreiben, und mit einem Einfalle anfangen – Hier ist einer – Die Briefe, die ich oder Herr Moses an Sie schreibe, sind so wie die Stadtdekrete, die allemal der andere Bürgermeister auch unterschreiben muß, wenn sie ihn gleich sonst nichts angehen. Glauben Sie aber nicht, mein liebster Lessing, daß ich es so mache, wie die Bürgermeister, und unterschreibe, ohne gelesen zu haben. Ich mache es vielmehr umgekehrt: ich lese alles, wenn ich auch manchmal nicht unterschreibe. – – Was man für Geschwätze macht, wenn man gern einen Einfall heraus bringen will! – Kurz, mein liebster Lessing, ob ich gleich jetzt nicht unzerstreut genug bin, um an Ihrem Streite mit Hrn. Moses Teil zu nehmen, so gebe ich doch einen aufmerksamen Zuschauer dabei ab, so wie – Doch das würde wieder ein Einfall werden, und heute mache ich keinen mehr. Wegen der Bibliothek werde ich wohl nächstens Ihre Antwort lesen, vornehmlich aber[200] Ihr Urteil über meine Abhandlungen und Ihre noch restierende Antwort wegen Hrn. B.**. Leben Sie wohl, lieben Sie ferner

Ihren

Nicolai.


Ich muß doch wohl das letzte Wort haben. Ich habe meine Gedanken von der Illusion u.s.w. nicht kopiert. Ich bitte mir sie also wieder aus, aber lesen sollen Sie sie erst.

Moses.


Die letzte Erinnerung ist freundschaftlich; sollten Sie sie wohl wirklich zurückschicken können, ohne sie zu lesen? – So habe ich doch das letzte Wort!

Nicolai.


[An Moses Mendelssohn]


Leipzig, den 2. Febr. 1757.


Liebster Freund!


Ich glaube es eben so wenig, als Sie, daß wir bis jetzt in unserm Streite viel weiter, als über die ersten Grenzen gekommen sind. Haben Sie aber auch wirklich so viel Lust, als ich, sich tiefer hinein zu wagen, und dieses unbekannte Land zu entdecken, wenn wir uns auch hundertmal vorher verirren sollten? Doch warum zweifle ich daran? Wenn Sie es auch nicht aus Neigung täten, so würden Sie es aus Gefälligkeit für mich tun. – –

Ihre Gedanken von der Herrschaft über die Neigungen, von der Gewohnheit, von der anschauenden Erkenntnis sind vortrefflich, Sie haben mich so überzeugt, daß ich mir auch nicht einmal einen logischen Fechterstreich dawider übrig gelassen finde. Warum kann ich von Ihren Gedanken über die Illusion nicht eben das sagen! Hören Sie meine Zweifel dagegen; aber machen Sie sich gefaßt, eine Menge gemeiner Dinge vorher zu lesen, ehe ich darauf kommen kann. Über das Wort werde ich Ihnen keine Schwierigkeiten machen.

Darin sind wir doch wohl einig, liebster Freund, daß alle Leidenschaften entweder heftige Begierden oder heftige Verabscheuung[201] sind? Auch darin: daß wir uns bei jeder heftigen Begierde oder Verabscheuung, eines größern Grads unsrer Realität bewußt sind, und daß dieses Bewußtsein nicht anders als angenehm sein kann? Folglich sind alle Leidenschaften, auch die allerunangenehmsten, als Leidenschaften angenehm. Ihnen darf ich es aber nicht erst sagen: daß die Lust, die mit der stärkern Bestimmung unsrer Kraft verbunden ist, von der Unlust, die wir über die Gegenstände haben, worauf die Bestimmung unsrer Kraft geht, so unendlich kann überwogen werden, daß wir uns ihrer gar nicht mehr bewußt sind.

Alles, was ich hieraus folgere, wird aus der Anwendung auf das aristotelische Exempel von der gemalten Schlange am deutlichsten erhellen. Wenn wir eine gemalte Schlange plötzlich erblicken, so gefällt sie uns desto besser, je heftiger wir darüber erschrocken sind.

Dieses erkläre ich so: Ich erschrecke über die so wohlgetroffne Schlange, weil ich sie für eine wirkliche halte. Der Grad dieses Schreckens, als eine unangenehme Leidenschaft, oder vielmehr der Grad der Unlust, die ich über diesen schrecklichen Gegenstand empfinde, sei 10; so kann ich den Grad der Lust, die mit der Empfindung der Leidenschaft verbunden ist, 1 nennen, oder 10, wenn jener zu 100 wüchse. Indem ich also 10 empfinde, kann ich nicht 1 empfinden, das ist, so lange als ich die Schlange für eine wirkliche halte, kann ich keine Lust darüber empfinden. Nun werde ich aber auf einmal gewahr, daß es keine wirkliche Schlange, daß es ein bloßes Bild ist: was geschieht? Die Unlust über den schrecklichen Gegenstand = 10 fällt weg, und es bleibt nichts übrig, als die Lust, die mit der Leidenschaft, als einer bloßen stärkern Bestimmung unsrer Kraft, verbunden ist; 1 bleibt übrig, das ich nunmehr empfinde, und in dem Grade 8 oder 10 empfinden kann, wenn jener Grad, anstatt 10, 80 oder 100 gewesen ist.

Wozu brauchen wir nun hier die Illusion? Lassen Sie mich meine Erklärung auch an einem entgegengesetzten Exempel versuchen, um ihre Richtigkeit desto ungezweifelter darzulegen. – – Dort in der Entfernung werde ich das schönste,[202] holdseligste Frauenzimmer gewahr, das mir mit der Hand auf eine geheimnisvolle Art zu winken scheint. Ich gerate in Affekt, Verlangen, Liebe, Bewunderung, wie Sie ihn nennen wollen. Hier kömmt also die Lust über den Gegenstand = 10 mit der angenehmen Empfindung des Affekts = 1 zusammen, und die Wirkung von beiden ist = 11. Nun gehe ich darauf los. Himmel! Es ist nichts als ein Gemälde, eine Bildsäule! Nach Ihrer Erklärung, liebster Freund, sollte nunmehr das Vergnügen desto größer sein, weil mich der Affekt von der Vollkommenheit der Nachahmung intuitiv überzeugt hat. Aber das ist wider alle Erfahrung; ich werde vielmehr verdrießlich; und warum werde ich verdrießlich? Die Lust über den vollkommnen Gegenstand fällt weg, und die angenehme Empfindung des Affekts bleibt allein übrig. Ich komme auf Ihre 2te Folge b). Daher gefallen uns alle unangenehmen Affekte in der Nachahmung. Der Musikus kann uns zornig etc. Hierwider sage ich: Die unangenehmen Affekten in der Nachahmung gefallen deswegen, weil sie in uns ähnliche Affekten erwecken, die auf keinen gewissen Gegenstand gehen. Der Musikus macht mich betrübt; und diese Betrübnis ist mir angenehm, weil ich diese Betrübnis bloß als Affekt empfinde, und jeder Affekt angenehm ist. Denn setzen Sie den Fall, daß ich während dieser musikalischen Betrübnis wirklich an etwas Betrübtes denke, so fällt das Angenehme gewiß weg.

Ein Exempel aus der Körperwelt! Es ist bekannt, daß, wenn man zwei Saiten eine gleiche Spannung gibt, und die eine durch die Berührung ertönen läßt, die andere mit ertönt, ohne berührt zu sein. Lassen Sie uns den Saiten Empfindung geben, so können wir annehmen, daß ihnen zwar eine jede Bebung, aber nicht eine jede Berührung angenehm sein mag, sondern nur diejenige Berührung, die eine gewisse Bebung in ihnen hervorbringt. Die erste Saite also, die durch die Berührung erbebt, kann eine schmerzliche Empfindung haben; da die andre, der ähnlichen Erbebung ungeachtet, eine angenehme Empfindung hat, weil sie nicht (wenigstens nicht so unmittelbar) berührt worden. Also auch in dem Trauerspiele. Die spielende Person gerät in einen unangenehmen[203] Affekt, und ich mit ihr. Aber warum ist dieser Affekt bei mir angenehm? Weil ich nicht die spielende Person selbst bin, auf welche die unangenehme Idee unmittelbar wirkt, weil ich den Affekt nur als Affekt empfinde, ohne einen gewissen unangenehmen Gegenstand dabei zu denken.

Dergleichen zweite Affekten aber, die bei Erblickung solcher Affekten an andern, in mir entstehen, verdienen kaum den Namen der Affekten; daher ich denn in einem von meinen ersten Briefen schon gesagt habe, daß die Tragödie eigentlich keinen Affekt bei uns rege mache, als das Mitleiden. Denn diesen Affekt empfinden nicht die spielenden Personen, und wir empfinden ihn nicht bloß, weil sie ihn empfinden, sondern er entsteht in uns ursprünglich aus der Wirkung der Gegenstände auf uns; es ist kein zweiter mitgeteilter Affekt etc.

Ich hatte mir vorgenommen, diesem Brief eine ungewöhnliche Länge zu geben, allein ich bin seit einigen Tagen so unpaß, daß es mir unmöglich fällt, meine Gedanken beisammen zu behalten. Ich muß also hier abbrechen, und erst von Ihnen erfahren, ob Sie ungefähr sehen, wo ich hinaus will; oder ob ich nichts als verwirrtes Zeug in diesen Brief geschrieben habe, welches bei meiner außerordentlichen Beklemmung der Brust (so muß ich meine Krankheit unterdessen nennen, weil ich noch keinen Arzt um den griechischen Namen gefragt habe) gar leicht möglich gewesen ist.

Ich schreibe nur noch ein Paar Worte von der Bibliothek. Es ist mir wegen des Verlegers ein unvermuteter verdrießlicher Streich damit begegnet. Erschrecken Sie aber nur nicht, mein lieber Nicolai, ich habe dem Unglück schon wieder abgeholfen. Lankischens drucken Sie nicht; beruhigen Sie aber nur Ihre Neugierde bis auf den nächsten Posttag, da Sie den Kontrakt des neuen Verlegers zur Unterschrift bekommen, und gewiß damit zufrieden sein sollen.

Leben Sie beide wohl; sobald ich besser bin, werde ich Hrn. Nicolai einen langen Brief über verschiedene Punkte in seiner Abhandlung schreiben, die mir, ohne auf meine eigentümlichen Grillen zu sehen, außerordentlich gefallen hat.[204]

Ihren Aufsatz von der Herrschaft über die Neigungen erhalten Sie hier nach Verlangen zurück. Ich habe ihn abschreiben lassen.

Leben Sie nochmals wohl; ich bin Zeitlebens

der Ihrige

Lessing.


[Von Moses Mendelssohn]


Berlin, den 2. März 1757.


Ich habe auf Ihren letzten Brief noch nicht geantwortet. Wissen Sie aber, warum? Ich muß erst wissen, was Sie von Ihrem sehr schönen Grundsatze für Gebrauch machen wollen. Sie haben vollkommen Recht. Das Vermögen, Vollkommenheiten zu lieben, und Unvollkommenheiten zu verabscheuen, ist eine Realität, und also eine Vollkommenheit. Die Ausübung derselben muß uns also notwendig Vergnügen gewähren. Schade, daß mir diese feine Betrachtung unbekannt war, als ich meine Briefe über die Empfindungen geschrieben. Du Bos und ich haben viel von der Annehmlichkeit der nachgeahmten Vollkommenheiten geschwatzt, ohne den rechten Punkt getroffen zu haben. Wollen Sie aber aus diesem Satze irgend Folgen ziehen? Versprechen Sie sich einigen Nutzen davon in unsrer Streitsache? Dieses muß ich wissen, und zwar bald, damit wir näher zum Zwecke schreiten können. Wir führen Kriege, lieber Lessing, die ohne Ihren Schaden für mich sehr vorteilhaft sind. Wir wollen sehen, ob die streitenden Mächte so viel reellen Nutzen von ihrem kostbaren Kriege haben werden.

Das Trauerspiel, »der Freigeist«, habe ich gelesen. Mit Nächstem melde ich Ihnen mein Urteil darüber. Einige Situationen haben mir ungemein gefallen; aber mit dem Titel bin ich nicht zufrieden. In dem allgemeinen Charakter des Freigeists liegt nichts weniger, als der Grund zu so vielen Gottlosigkeiten. Sie verstehn mich schon, daß dieses kein Tadel an der Ausführung des Charakters ist: denn wer wollte die poetische Möglichkeit eines solchen Charakters in Zweifel ziehen? Aber der allgemeine Titel erweckt Schaudern.

Ich bin Ihnen noch die Widerlegung des Hrn. Prof. Aepinus, meiner Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit, nebst meiner Beantwortung schuldig. Ich glaube immer noch, ich habe Recht, ob mir gleich Hr. Aepinus die Gegenantwort nicht schuldig geblieben ist. Der Mann ist ein hitziger Widersacher Wolfens, und[205] ein Partisan des Aequilibrii indifferentiae. Es schmerzt ihn, den Satz des zureichenden Grundes, in Ansehung der freiwilligen Handlungen des Menschen, auf eine so neue Art bewiesen zu sehen.

Leben Sie wohl, und fahren Sie fort, mich zu lieben. Ich bin

Ihr

wahrer Freund

Moses.


[An Friedrich Nicolai und Moses Mendelssohn]


Leipzig, d. 29. März 1757.


Liebster Freund,


Mein ewiges Stillschweigen, wie es Herr Moses nennt, – von drei Wochen, war durchaus nötig, um meiner alten Weise wieder einmal Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das ist meine ganze Entschuldigung; und vielleicht sagt sie noch weniger, als sie zu sagen scheint.

Mit der Bibliothek hat alles seine Richtigkeit, nur daß es bis jetzt noch ein wenig langsam damit gehet. Hier ist unterdessen der erste Bogen. Das Portrait des Herrn von Kleist wird bei Bernigeroth gestochen. Aber wissen Sie denn noch nicht in Berlin, daß das Original schon länger als acht Tage bei uns in Leipzig ist? Er ist als Major zu dem hier liegenden Hausenschen Infanterieregimente versetzt worden. Jetzt ist der gute Mann krank, und muß schon seit drei Tagen das Bette hüten; welches mich um so viel mehr bewegt, ihn täglich zu besuchen. Seine Bescheidenheit scheint nicht so recht damit zufrieden zu sein, daß er in Kupfer gestochen werden soll. Ein Mann, sagte er zu mir, der mit genauer Not fünf Bogen geschrieben hat. – Wenn es auf die Bogen ankömmt, habe ich ihm geantwortet, so verdient es freilich Schönaich weit eher.

Auch das wissen Sie vielleicht noch nicht, daß Herr Ewald hier durch gegangen ist; und zwar auf gutes Glück nach England. Er hat in Dresden jemanden gefunden, der ihn frei mit dahin nimmt, und er hofft, daß es ihm nicht fehlen werde, einen jungen reichen Engländer in London zu finden, mit welchem er auf Reisen gehen könne. Ich für mein Teil glaube,[206] daß viel Unbedachtsamkeit bei diesem Unternehmen ist. Aber muß man nicht oft unbedachtsam handeln, wenn man das Glück anreizen will, etwas für uns zu tun?

Bei Herrn Ewald hatte ich bereits ihr kleines Gedicht auf die Verbindung Ihres Herrn Bruders (welchem ich hiermit mein vielfältiges Kompliment und meinen herzlichen Glückwunsch abstatte) gelesen, und mit vielem Vergnügen gelesen. Wenn Sie mehr solche Gedichte machen sollten, so würde man Sie den poetischen Achselträger nennen müssen.

Ihre Nachricht von der in Berlin gemachten sinnreichen Entdeckung, daß ich der Verfasser des Schreibens an einen Buchdruckergesellen sei, hat mich nichts weniger als belustiget. Vor einigen Wochen gab man mir hier Schuld, daß ich das Schreiben eines Großvaters etc. gemacht habe; und da dieses Schreiben wider das Sächsische Interesse ist, so bin ich dadurch bei dem patriotischen Teile meiner Landsleute eben nicht in den besten Ruf gekommen. Da man mich nun auch in Berlin für fähig halten kann, etwas wider das Preußische Interesse zu schreiben, so muß ich gegen mich selbst auf den Verdacht geraten, daß ich entweder einer der unparteiischsten Menschen von der Welt, oder ein grausamer Sophist bin.

Ich werde für jetzt hier schließen, und mit Ihrer Erlaubnis auf dem andern Blatte noch ein wenig mit unserm Moses reden. Ich bin

ganz der Ihrige,

Lessing.


Mein liebster Moses,


Ich bin mit Ihrem Betragen gar nicht zufrieden. Wenn ich ein schlechter Bezahler bin, müssen Sie deswegen ein unbarmherziger Eintreiber sein? Eben da ich an einem ordentlichen Buche an Sie arbeite, (denn mit einem Briefe sind Sie leider nicht zufrieden) machen Sie mir Vorwürfe der Trägheit, die Sie doch lieber durch Ihr eignes fleißigeres Schreiben beschämen, als ohne selbst zu schreiben verdammen sollten. Denn Sie werden doch wohl nicht verlangen, daß ich ihre Versicherung: Sie hätten mir tausenderlei Sachen zu[207] schreiben, wollten mir aber von allen eher nichts melden, als bis ich wieder geschrieben hätte; für ein förmliches Schreiben halten soll?

Das ordentliche Buch an Sie wird die Folgen enthalten, die ich aus meinem letzt gedachten Grundsatze ziehen zu dürfen glaube. Ich wundere mich, daß Sie mir wenigstens die Folgen nicht zugeben wollen, die wider Ihre Lehre von der Illusion daraus fließen. Denn, wenn aus diesem bloßen Grundsatze das Vergnügen an nachgeahmten Unvollkommenheiten zu erklären ist, so sehe ich nicht, warum man das Vergnügen der Illusion erst zu Hülfe rufen müsse.

Weil Sie mahnen, so will ich nun auch mahnen. Wo bleibt Ihre fernere Beurteilung des Trauerspiels, der »Freigeist«? Sie werden antworten: eben da, wo mein Urteil über den »Codrus« bleibe. Das wird künftige Woche kommen.

Von wem habe ich denn die Widerlegung meiner paradoxen Gedanken vom Mitleiden zu erwarten? Von Ihnen, oder von Hrn. Nicolai? Und warum heißen es denn paradoxe Gedanken, da es Sie schon, wo ich nicht irre, einmal sie wahre Gedanken zu nennen beliebt hat?

Sie schreiben zwar, daß Sie mir meine Briefe, in welchen ich etwas von dem Trauerspiele geschrieben, wieder schickten; aber ich habe keine bekommen. Auch Herr Nicolai hat mir noch keine zurück geschickt. Ich wiederhole also meine Bitte.

Leben Sie unterdessen wohl, und hören Sie nicht auf zu lieben

Ihren beständigen Freund,

Lessing.


[An Friedrich Nicolai]


Leipzig, d. 2. April 1757.


Mein lieber Nicolai,


Ich hatte mich vorigen Posttag mit beiliegendem Briefe zu lange verweilt; er blieb daher liegen, und Sie bekommen jetzt zwei für einen. Auch bekommen Sie zwei Aushängebogen für einen, und können folglich mit meiner Verzögerung gar wohl zufrieden sein.[208]

Ich will auch jetzt anfangen, mein Versprechen zu halten, und Ihnen einige fernere Anmerkungen über Ihre Abhandlung von dem Trauerspiele mitteilen. Ich werde alles schreiben, was mir in die Gedanken kömmt, gesetzt auch, daß vieles falsch, und alles sehr trocken wäre.


Zu S. 18

wo Sie die aristotelische Erklärung des

Trauerspiels anführen.


Furcht und Mitleiden. Können Sie mir nicht sagen, warum so wohl Dacier als Curtius, Schrecken und Furcht für gleich bedeutende Worte nehmen? Warum Sie das aristotelische φοβος, welches der Grieche durchgängig braucht, bald durch das eine, bald durch das andre übersetzen? Es sind doch wohl zwei verschiedne Dinge, Furcht und Schrecken? Und wie, wenn sich das ganze Schrecken, wovon man nach den falsch verstandenen aristotelischen Begriffen bisher so viel geschwatzt, auf weiter nichts, als auf diese schwankende Übersetzung gründete? Lesen Sie, bitte ich, das zweite und achte Hauptstück des zweiten Buchs der aristotelischen Rhetorik: denn das muß ich Ihnen beiläufig sagen, ich kann mir nicht einbilden, daß einer, der dieses zweite Buch und die ganze aristotelische Sittenlehre an den Nicomachus nicht gelesen hat, die Dichtkunst dieses Weltweisen verstehen könne. Aristoteles erklärt das Wort φοβος, welches Herr Curtius am öftersten Schrecken, Dacier aber bald terreur, bald crainte übersetzt, durch die Unlust über ein bevorstehendes Übel, und sagt, alles dasjenige erwecke in uns Furcht, was, wenn wir es an andern sehen, Mitleiden erwecke, und alles dasjenige erwecke Mitleiden, was, wenn es uns selbst bevorstehe, Furcht erwecken müsse. Dem zu Folge kann also die Furcht, nach der Meinung des Aristoteles, keine unmittelbare Wirkung des Trauerspiels sein, sondern sie muß weiter nichts als eine reflektierte Idee sein. Aristoteles würde bloß gesagt haben: das Trauerspiel soll unsre Leidenschaften durch das Mitleiden reinigen, wenn er nicht zugleich auch das Mittel hätte angeben wollen, wie diese Reinigung durch das Mitleiden möglich werde; und dieserwegen setzte er noch[209] die Furcht hinzu, welche er für dieses Mittel hielt. Jenes hat seine Richtigkeit; dieses aber ist falsch. Das Mitleiden reiniget unsre Leidenschaften, aber nicht vermittelst der Furcht, auf welchen Einfall den Aristoteles sein falscher Begriff von dem Mitleiden gebracht hat. Hiervon können Sie sich mit Herrn Moses weiter unterreden; denn in diesem Punkte, so viel ich weiß, sind wir einig. Nun behalten Sie, durch die ganze Dichtkunst des Aristoteles, überall wo Sie Schrecken finden, diese Erklärung der Furcht in Gedanken, (denn Furcht muß es überall heißen, und nicht Schrecken,) und sagen mir alsdann, was Sie von der Lehre des Aristoteles dünkt.


Zu S. 19.


Daß Sie die Gedanken des du Bos so schlechterdings angenommen haben, damit bin ich nicht so recht zufrieden. Hiervon aber werde ich an unsern Moses weitläuftiger schreiben. Wenn das, was du Bos sagt, kein leeres Gewäsche sein soll, so muß es ein wenig philosophischer ausgedrückt werden.


Zu S. 21. 22. 23.


Was ich hier von der Nachahmung, und den nachgeahmten Leidenschaften, wie Sie sie nennen wollen, sagen könnte, muß ich gleichfalls auf ein andermal versparen. Ich sage jetzt nur so viel: Ist die Nachahmung nur dann erst zu ihrer Vollkommenheit gelangt, wenn man sie für die Sache selbst zu nehmen verleitet wird; so kann z.E. von den nachgeahmten Leidenschaften nichts wahr sein, was nicht auch von den wirklichen Leidenschaften gilt. Das Vergnügen über die Nachahmung, als Nachahmung, ist eigentlich das Vergnügen über die Geschicklichkeit des Künstlers, welches nicht anders, als aus angestellten Vergleichungen, entstehen kann; es ist daher weit später, als das Vergnügen, welches aus der Nachahmung, in so fern ich sie für die Sache selbst nehme, entsteht, und kann keinen Einfluß in dieses haben. Doch, wie gesagt, davon ein andermal. Ich hätte fast Lust, auch dieses Wenige wieder auszustreichen.[210]


Zu S. 21.


Sie hätten einen ältern anführen können, als den Brumoy, welcher den Nutzen des Trauerspiels in die nähere Bekanntschaft mit dem Unglücke und dem Unglücklichen, und in den für uns daraus fließenden Trost, gesetzt hat. Stobäus hat uns eine sehr schöne Stelle von dem Komödienschreiber Timocles aufbehalten, aus welcher ich die letzten Verse, nach der lateinischen Übersetzung, hersetzen will.


Primum Tragoedi quanta commoda adferant,

Perpende sodes: si quis est pauperculus,

Majore pressum si videbit Telephum

Mendicitate, lenius suam feret

Mendicitatem: insanus estne quispiam?

Furiosum is Alcmaeona proponit sibi.

Captus quis oculis? aspicit caecum Oedipum.

Gnatus obiit? Niobe dabit solatium.

Claudus aliquisne est? is Philoctetem aspicit.

Miser aliquis senex? tuetur Oeneum etc.


Ich will Ihnen gern alle meine Anmerkungen mitteilen; und also habe ich Ihnen auch diese sehr unbedeutende mitteilen müssen.


Zu S. 25.


Daß die Verbesserung der Leidenschaften nicht ohne Sitten und Charaktere geschehen könne, das sagen Sie, mein lieber Nicolai, ohne allen Beweis. Ich will Ihnen aber den Beweis des Gegenteils geben. Daß die Tragödie ohne Charaktere und Sitten Mitleiden erwecken könne; das geben Sie selber zu. Kann sie aber Mitleiden erregen, so kann sie auch, nach meiner obigen Erklärung, Furcht erwecken; und aus der Furcht ist die Entschließung des Zuschauers, sich vor den Ausschweifungen derjenigen Leidenschaft, die den bemitleideten Helden ins Unglück gestürzt hat, zu hüten, eine ganz natürliche und notwendige Folge. Sie werden zwar einwenden: wenn Leidenschaften einen Helden ins Unglück stürzen, so müsse dieser Held auch einen Charakter haben. Aber das ist, mit Ihrer Erlaubnis, falsch; die Leidenschaften sind nicht hinlänglich, einen Charakter zu machen: denn sonst müßten[211] alle Menschen ihren Charakter haben, weil alle Menschen ihre Leidenschaften haben.


Zu S. 26.


Sie sagen nicht allzu richtig, daß der Charakter des Oedipus, in dem Trauerspiele dieses Namens von Sophocles, der einzige sei. Auch Creon hat einen Charakter, und zwar einen sehr edeln. Den Fehler des Oedipus suche ich auch nicht in seiner Heftigkeit und Neugierde, sondern ich habe hierin meine eigenen Gedanken, die ich Ihnen ein andermal melden kann, wenn Sie mich wieder daran erinnern wollen.

So viel für diesesmal. Der Herr Major von Kleist läßt sich Ihnen bestens empfehlen; er wird Ihnen antworten, so bald er sich besser befindet. Er wird von Tage zu Tage wegen seines Portraits schwieriger, und läßt Sie inständig ersuchen, ihm mit dieser Ehre, die ihn bei seinen Nebenoffizieren lächerlich zu machen nicht ermangeln könnte, keine Schamröte abzujagen. Fragen Sie ja nicht, wie er es weiß, daß bei Verhinderung dieser Sache sehr viel auf Sie ankomme; von mir weiß er es gewiß nicht. Er wußte es, ehe ich ihm die geringste Eröffnung darüber machen konnte. Schreiben Sie mir ja mit ehestem, wie ich mich hierbei verhalten soll, und ob Sie allenfalls die Zeichnung zu einem andern Bildnisse verschaffen können.

Fahren Sie, bitte ich, in Ihrer Freundschaft und Liebe gegen mich fort. Ich bin

ganz der Ihrige,

Lessing.


Nachschrift


Mit meinem ordentlichen Buche an Herrn Moses bin ich noch nicht weit gekommen. Er wird also so gut sein, und sich bis künftige Woche noch gedulden. Dieser Brief aber sei zugleich mit an ihn geschrieben. Denn wer sonst als er, wird zwischen uns beiden Schiedsrichter sein können?[212]


[Von Friedrich Nicolai]


Berlin, d. 14. Mai 1757.


Liebster Freund,


Alle Posttage haben wir, das heißt Herr Moses und ich, auf Aushängebogen von der Bibliothek, und auf lange Briefe von Ihnen gewartet; alle Tage haben wir nichts erhalten. Ich muß endlich das Stillschweigen brechen; und da wir bisher in Ihrer Schuld gewesen sind, so wollen wir uns nun auf einmal los machen, damit wir nun von Ihnen wieder etwas hoffen können. Geben Sie Acht, was Sie alles bekommen. I. hat Herr Moses eine Art von Kapitulation aufgesetzt, um die Punkte zu bestimmen, über die wir in unserm Streite einig oder nicht einig sind. II. habe ich Ihre Anmerkungen über meine Abhandlung beantwortet, und erwarte nun, daß Sie Ihre Anmerkungen fortsetzen sollen. III. schicke ich Ihnen Ihre Briefe, die Sie zu unserm Streite brauchen können, wieder. IV. sende ich Ihnen einige Gedanken von Herrn Moses über die Künste, die Nachahmung und das Naive, welche ungemein viel Neues enthalten, und Stoff zu einer Abhandlung in der Bibliothek abgeben sollen. Nun sehen Sie nur zu, daß Sie uns auf dies alles eine baldige lange Antwort schicken.

Ich umarme Sie, liebster Freund, und bin

der Ihrige,

Nicolai.[213]

[Erste Beilage]

Ausgemachte Punkte

§ 1. Diejenigen Leidenschaften, die in der Natur unangenehm sind, gefallen uns in der Nachahmung.


a) Das Vermögen, zu den Vollkommenheiten eine Zuneigung zu haben, und Unvollkommenheiten zu fliehen, ist eine Realität. Daher führt die Ausübung dieses Vermögens ein Vergnügen mit sich, das aber in der Natur comparative kleiner ist, als das Mißvergnügen, das aus der Betrachtung des Gegenstandes entspringt. In der Nachahmung hingegen, da der unvollkommne Gegenstand abwesend ist, muß die Lust die Oberhand gewinnen, und den geringen Grad der Unlust verdunkeln.


b) Zu dieser Verdunkelung trägt die Nachahmung selbst, wenn sie vollkommen ist, nicht wenig bei, weil sie die Quantität der sinnlichen Lust vermehrt.


Moses.


Streitige Punkte

c) Das Vergnügen aus der Nachahmung ist kein einfaches, sondern ein zusammengesetztes Vergnügen. Denn nicht nur die Geschicklichkeit des Künstlers; sondern auch die Vortreff- lichkeit der Nachahmung selbst kann uns anschauend vergnügen. Sonst würden uns öfters groteske Gestalten besser gefallen, als[214] die Nachahmung der Natur, wenn sich in jenen der Witz des Künstlers mehr gezeigt hat. Es braucht nichts mehr als Reflexion, um diese Ähnlichkeit zu bemerken, denn sie fällt Kennern beim ersten Anblick in die Augen.


Ausgemachte Punkte

ad a) Ich habe diesen Satz S. 20. meiner Abhandlung vom Trauerspiele behauptet, obgleich nicht so philosophisch genau ausgedrückt. Hier hat es Herr Moses für mich getan. S. 23. wende ich diesen Satz auf das Trauerspiel an, und mache ihn zur stärksten Grundsäule meines Systems: ich rede zwar daselbst vielleicht wieder nicht ganz philosophisch genau; Sie werden aber finden, daß meine Sinnlichkeit und Ihre philosophische Strengigkeit ungemein wohl mit einander übereinstimmen.

Nikolai.


NB. Herr Nikolai muß nicht alle Briefe gelesen haben, sonst würde er mir nicht zuschreiben, was Sie gesagt haben.


§ 2. Daher solche unangenehme Leidenschaften, deren Ausübung selbst für keine Realität gehalten wird, gänzlich von der Schaubühne wegbleiben, oder als häßlich abgebildet werden müssen. Als z.E. Neid etc. und alle Affekten, die in einer Unlust[215] über eines Andern Vollkommenheiten bestehen.


§ 3. Die anschauende Betrachtung unsers Unglücks gebieret Unlust.


a) Ist das Übel gegenwärtig, so wird die Empfindung desselben, nachdem es größer oder kleiner ist, Unlust, Mißvergnügen, Traurigkeit, Betrübnis u.s.w. genannt.


b) Ist es bevorstehend und mit Wahrscheinlichkeit zu vermuten, so erregt es Furcht.


c) Ist es groß und unvermeidlich, so entsteht Verzweiflung.


d) Kömmt es unvermutet und plötzlich, so entsteht Schrecken, und wenn das Übel groß ist, Entsetzen.


§ 4. Die anschauende Betrachtung eines Andern Unglücks gebieret eine Unlust, die wir Mitleiden betiteln.


Streitige Punkte

a) Da nun auch das Unglück, das einen Andern trifft, so wohl der Zeit als der Quantität nach verschieden sein kann; so siehet man leicht, daß uns Worte fehlen, alle Modifikationen des Mitleidens mit besondern Namen zu belegen. Es gibt eine mit- leidige Furcht, eine mitleidige Verzweiflung ein mitleidiges Schrecken, ja sogar einen mitleidigen Zorn u. s. w. (wenn man mir dieses Beiwort erlauben will); so wie es bei der Vorstellung unsrer[216] eignen Unvollkommenheit, Traurigkeit, Furcht, Schrecken u.s.w. gibt. Das Mit- leiden begreift als das nomen generis alle Modifikationen der Unlust in sich, die wir über eines andern Unlust empfinden. Man hat sich aber mit diesem allgemeinen Namen begnügt, und die besondre Abänderung dieses Affekts entweder nicht bemerkt, oder man hat sich mit den Namen beholfen, die der Modifikation der Unlust über unser eignes Unglück gegeben worden sind.


Ausgemachte Punkte

b) Wahr ists, die bemitleidete Person wird von uns geliebt. Wir nehmen also Teil an ihrem Schicksale, und empfinden bei jedem Vorfalle etwas ähnliches von demjenigen, was sie selbst empfindet. Es wäre aber dennoch zu wünschen, daß man Erscheinungen in unsrer Seele, die von verschiedenen Ursachen herrühren, verschiedentlich charakterisiert hätte. Dieses unphilosophische Willkürliche in den Sprachen macht den Weltweisen am meisten zu schaffen. Ich denke itzt schon eine halbe Stunde, nicht ohne Verdruß, auf ein allgemeines Wort für die Unlust, die wir über unser eigen Unglück empfinden, um es dem Mitleiden entgegen zu[217] setzen, sed sudo multum frustraque laboro.


Streitige Punkte

c) Werden Sie nicht bald um Ihren Aristoteles verlegen sein? Wie unphilosophisch setzt er, wie Sie uns in seinem Namen berichten, das Mitleiden der Furcht entgegen! Das Wort φοβος, sagen Sie, erklärt Aristoteles durch die Unlust über ein bevorstehendes Übel, (also Furcht) und setzt hinzu: alles dasjenige erregt in uns Furcht, was, wenn wir es an andern sehen, Mitleiden erwecket, und alles dasjenige erwecket Mitleiden etc. Wo φοβος in dieser zweiten Stelle nicht eine jede Unlust bedeutet, die wir über unser eignes Unglück empfinden, und also das Wort ist, das ich im Deutschen suche; so begreife ich gar nicht, warum er Mitleiden und Furcht einander entgegen gesetzt habe. Empfinden wir keine Unlust, wenn unserm Freunde ein Übel bevorsteht? Ist diese Unlust nicht Furcht? Wir fürchten also nicht bloß für uns, sondern auch für diejenigen, die unser Mitleiden verdienen. Ja, wir zürnen, erschrecken, verzweifeln, hoffen für eine Person, wenn uns der Dichter für sie einzunehmen weiß.[218] – – Pectus inaniter angit, Irritat, mulcet, falsis terroribus implet Ut magus.


Ausgemachte Punkte

d) Diese falsi terrores, die der Dichter in uns erregt, entstehen keinesweges aus der Beziehung auf uns selbst, weil wir befürchten, einst in gleiche Umstände zu geraten, wie Sie in Ihren Briefen deutlich genug bewiesen, sondern es sind Schrecken, die uns überfallen, wenn die bemitleidete Person plötzlich in Gefahr kömmt. Es sind besondere Modifikationen des Mitleidens, denen man keinen besondern Namen gegeben.


Streitige Punkte

e) Sie sehen also, daß die unbestimmten Ausdrücke des Aristoteles an diesem Mißverständnisse Schuld gewesen. Kein Wunder, daß Dacier Boileau und Curtius bald crainte, bald terreur gesetzt haben: denn beide Affekten können so wohl unser eignes Unglück als das Unglück eines Andern zum Grunde haben, und also nicht weniger Modifikationen des Mitleidens, als der Unlust über unser eigenes Unglück sein.


Ausgemachte Punkte

§ 5. Man läßt also gelten, Aristoteles habe sagen wollen: das Mitleiden reiniget die Leidenschaften durch die Furcht, und ist auch darin einig, daß Aristoteles Unrecht habe. Sie[219] behaupten, ohne die Erlaubnis des Stagiriten:


§ 6. Das Mitleiden reinige die Leidenschaften ohne Hülfe der Furcht, bloß dadurch, daß es den Menschen geselliger macht, indem er das Unglück seines Nebenmenschen wie sein eignes fühlt. Allein eine Leidenschaft reinigen heißt, die heftige Begierde, die damit verknüpft ist, von Scheingütern ablenken, und ihr das Überflüssige benehmen, das mit dem Gesetz der Natur streitet. Dieses tut das Mitleiden nicht, sondern wir erlangen durch die öftere Übung eine Fertigkeit, das Interesse unsers Nebenmenschen zu beherzigen, und mit seinem Unglücke Mitleiden zu haben. Diesen Vorzug muß auch* Herr Nikolai dem Mitleiden eingestehen. Allein er ist von der Reinigung der Leidenschaften sehr weit entfernt, und zwar um so viel mehr, da das Mitleiden selbst wiederum von der Vernunft regiert werden muß.


*Ja, dies gestehe ich dem Mitleiden nicht allein zu, sondern ich mache es auch zu der einzigen Wirkung, die die Leidenschaften im Trauerspiel haben können, und die das Trauerspiel auf uns haben kann, S. 29.; philosophischer zu reden, es kann unsere sittliche Empfindlichkeit vermehren; aber unser Freund hat in seinen Gedanken von der anschauenden Erkenntnis § 10. a) gewiesen, daß dies zur Reinigung nicht hinlänglich ist. Nikolai.[220]


Ausgemachte Punkte

§ 7. Vermöge (§ 1.) desjenigen Grundsatzes, den wir Ihnen zu danken haben, werden wir die Absicht des Trauerspiels etwas genauer bestimmen können. Ich nenne das Vermögen der Seele, vermittelst der anschauenden Erkenntnis Laster zu verabscheuen, die Tugend zu lieben, und über die physikalischen Unvollkommenheiten, die mit der Tugend in einem Subjekt verknüpft sind, Unlust zu empfinden, den moralischen Geschmack. Die Absicht des Trauerspiels wird also sein: diesen moralischen Geschmack durch eine schöne lebendige Nachahmung zu üben. Durch das Beiwort schön verstehe ich eine einzige, vollständige und große Handlung; durch lebendig aber, daß sie dramatisch eingerichtet und vorgestellt zu werden geschickt sein soll. Wie leicht sich diese Definition auf den Grundsatz unsers lieben Nikolai reduzieren läßt, werde ich nicht nötig haben zu erklären. Ja, nichts als Affekten sind vermögend, diesen moralischen Geschmack zu üben. Das Trauerspiel muß also Affekten erregen, aber nicht reinigen.


§ 8. Aus den obigen Definitionen erhellet, daß sowohl Bewunderung als Mitleiden den[221] moralischen Geschmack beschäftigen können, und ich wünsche mit dem Hrn. Nikolai, daß man künftig statt Schrecken und Mitleiden, Bewunderung und Mitleiden setzen möchte, weil das Schrecken bloß eine besondre Modifikation des Mitleidens ist.


Streitige Punkte

§ 9. Das Mitleiden rührt unser Herz, die Bewunderung erhebt unsre Seele. Jenes lehrt uns fühlen, dieser erhaben denken. Jenes läßt uns unsern unglücklichen Freund bedauern, diese mit der Gefahr unsers Lebens ihm zu Hülfe eilen. Aber all diese Wirkungen sind bloß die zwote Absicht des Trauerspiels.


Ausgemachte Punkte

§ 10. Ich würde also einem Dichter anraten, er solle so wohl Mitleiden als Bewunderung in seinem Trauerspiel zu erregen suchen. Fragt er aber, welcher von diesen beiden Affekten darin herrschen soll? so würde ich für meinen Teil dem Mitleiden freilich keinen Vorzug einräumen. Die Bewunderung ohne Mitleiden ist jederzeit kalt, wie Nikolai solches von dem Canut angemerkt hat.


§ 11. Streichen Sie in der oben angeführten Definition das Wörtlein lebendig aus; so haben Sie die Absicht des Heldengedichtes. Ich bedarf es[222] einem Lessing nicht zu sagen, daß ein Heldengedicht in ein Trauerspiel verwandeln weit mehr ist, als es in Dialogen abteilen, und ich weiß nicht, wie Sie mir dieses in einem Ihrer Briefe haben Schuld geben können. Das Trauerspiel muß fähig sein, durch die Vorstellung die Nachahmung schöner, und die Affekten lebhafter zu machen.


§ 12. Nehmen Sie, statt des moralischen Geschmacks, nach unsrer Erklärung, die Fähigkeit, Anderer Handlungen zu beurteilen, insofern sie Lob oder Tadel verdienen; so haben wir die Absicht der Komödie. Der Tadel wird öfters, wenn wir für die Person nicht sonderlich eingenommen sind, vom Lachen begleitet; daher sucht man in der Komödie sonderlich das Lachen zu befördern, und bedient sich sogar öfters des Burlesken, (das keine sittliche Absurdität zum Grunde hat) um uns in die Disposition zum Lachen zu setzen.


[Zweite Beilage]

Erste Anmerkung zu S. 18.


Ich weiß nicht, warum die Übersetzer des Aristoteles das Wort φοβος so unbestimmt übersetzt haben; auch kann ich nicht bestimmen, wie es eigentlich müsse übersetzet werden. Wollen Sie dieses[223] von mir wissen, so müssen Sie künftigen Winter anfragen, wenn ich mich mit Moses wieder ins Griechische hinein werfen werde.

Ich will es Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich bei meiner Abhandlung die alten und neuern Kunstrichter nicht sonderlich zu Rate gezogen habe. Ich suchte aus meinen Empfindungen gewisse allgemeine Maximen zu abstrahieren, und aus diesen eine Art von System zu machen; so ist meine Abhandlung entstanden. Es kann also wohl sein, daß ich den Aristoteles nicht verstanden habe. Sie sagen, um seine Dichtkunst zu verstehen, müsse man seine Redekunst und seine Sittenlehre an den Nikomachus gelesen haben. Wissen Sie was? Ich habe seitdem angefangen, sie nebst dem Original in einer verwünscht dunkeln lateinischen und in einer sehr deutlichen französischen Übersetzung zu lesen, und ich finde wieder, daß, um des Aristoteles Redekunst und Sittenlehre an den Nikomachus zu verstehen, noch mehr nötig ist, als seine Dichtkunst gelesen zu haben: zu verstehen nämlich so, wie Sie sie verstehen; – denn sonst verstehe ich sie auch wohl ein wenig: aber wenn ich über die Gegenstände mehr nachdenke, so stoße ich an.

Herr Moses hat Ihnen in den beikommenden Kapitulationspunkten, wie ich glaube, bewiesen, daß die Lehre des Aristoteles von Furcht und Mitleiden falsch ist. Gesetzt aber auch, sie wäre wahr, was würde sie Ihnen wider mich helfen? Sie werden allemal nicht mehr beweisen, als was ich selbst zugegeben habe: daß das Trauerspiel, mit Hrn. Moses Worten zu reden, unsere sittliche Empfindlichkeit vermehren könne; oder, mit Ihren eigenen Worten (in einem vorigen Briefe) unsere Fähigkeit Mitleiden zu fühlen, erweitern könne. Sie werden finden, daß ich S. 29 dieses selbst behauptet habe. Noch mehr, ich gebe zu, daß die Vermehrung der sittlichen Empfindlichkeit ein Schritt zu der Reinigung der Leidenschaften sein könne. Aber ist denn dieser Schritt der ganze Weg? Unstreitig nicht; und wenn auch bloß durch das Vermehren der sittlichen Empfindlichkeit, die Leidenschaften gereinigt werden könnten – wie folgt denn daraus, daß die Reinigung die Absicht des Trauerspiels sein soll? Wäre sie die Absicht, so ließe der Dichter sich entschuldigen, wenn er die Absicht auch durch andere Mittel zu erreichen suchte; und Sie wissen, daß es Mittel zur Reinigung der Leidenschaften gibt, die ganz und gar nicht tragisch sind. Gleichwohl ist es gewiß, daß wenn der Dichter seine Absicht erlangen kann, so sind die Mittel caeteris paribus gleichgültig. Weil nun viel unschickliche Folgen entstehen, wenn man die Reinigung zur Absicht des Trauerspiels machen will, so habe ich[224] sie ganz aus der Erklärung weggelassen, und mich an das gehalten, worauf der Dichter zunächst zu sehen hat, nämlich auf die Erregung.


Zu S. 19. 21. – 22. 23.


Ich habe mit Ihrer Erlaubnis die Gedanken des du Bos nicht schlechterdings angenommen; ich sage vielmehr: sein Satz könne mit gehöriger Einschränkung der Grund alles Vergnügens sein, das wir aus den schönen Wissenschaften schöpfen; nur sei du Bos mit den Folgen, die er daraus gezogen, zu freigebig gewesen. Aber ich habe den Satz auch nicht näher bestimmt; denn dazu war der Ort nicht. Es ist wahr, ich habe mich so wenig philosophisch genau ausgedrückt, als du Bos; aber der Unterschied ist: du Bos schloß falsch, und ich denke immer noch, ich habe richtig geschlossen. Inzwischen hat nun Herr Moses für mich bestimmt geredet. Sehen Sie nur:


Herr Moses


Das Vermögen zu den Vollkommenheiten eine Zuneigung zu haben, und Unvollkommenheiten zu fliehen, ist eine Realität. Daher führt die Ausübung dieses Vermögens ein Vergnügen mit sich, das aber in der Natur comparative kleiner ist, als das Mißvergnügen, das aus der Betrachtung des Gegenstandes entspringt.


Ich


Selbst alsdann noch, wenn uns die Heftigkeit der Leidenschaften unangenehme Empfindungen verursachet, hat die Bewegung (was ist diese Bewegung anders, als das Vermögen, Vollkommenheiten zu lieben etc.?) die sie mit sich führet, noch Annehmlichkeiten für uns. – Es ist die Stärke der Bewegung, die wir lieben, auch der schmerzlichen Empfindungen ungeachtet, die wider das Angenehme der Leidenschaft streiten, und in Kurzem obsiegen.

Der Schluß ist gleichfalls einerlei.


Herr Moses


In der Nachahmung hingegen, da der unvollkommene Gegenstand abwesend ist, muß die Lust die Oberhand gewinnen, und den geringen Grad der Unlust verdunkeln.


Ich


Eine Leidenschaft also, welche diese Folgen nicht hinterläßt, muß gänzlich angenehm sein. Von dieser Art sind die Nachahmungen der Leidenschaften, welche das Trauerspiel hervor bringt etc.

Noch eins. Ich habe nicht allzu genau gesagt: der Schmerz, den das Trauerspiel erregt, sei scheinbar. Ich will zugeben, daß er nicht[225] scheinbar, sondern wirklich sei; aber er verschwindet, so bald wir empfinden, daß der bemitleidete Gegenstand nur eine Nachahmung ist, und wird um so viel mehr gelindert, da wir das Vergnügen über die Geschicklichkeit des Künstlers empfinden. Doch hindert diese Enttäuschung die Rührung nicht; denn nur die obern Kräfte sind überzeugt, und die Rührung beschäftiget die untern Kräfte. Nun ist es gewiß, daß wenn die sittliche Empfindlichkeit zur wirklichen Beförderung der Tugend angewendet werden soll, die obern Kräfte, insbesondere die Urteilskraft mitwirken muß. Weil aber die obern Kräfte von der Existenz des vorgestellen Gegenstandes nicht überzeugt sind; so können sie den Ausschlag nicht geben. Die Herrschaft bleibt den untern Kräften allein, und daraus entstehen Früchte der sittlichen Empfindlichkeit, das heißt schöne Gedanken, welche aber, weil die obern Kräfte nicht den Ausschlag geben, wenigstens durch das Trauerspiel nicht zur Ausübung kommen. S. 23.

S. 21. Auch für Ihre Anmerkung aus dem Stobäus bin ich Ihnen verbunden. Es ist immer ein Trost für einen, der den Aristoteles nicht recht verstehet, daß ihn so gar die alten Komödienschreiber auch schon nicht recht verstanden haben.

Zu S. 25. Ich sage freilich ohne Beweis, daß die Verbesserung der Sitten ohne Charaktere nicht geschehen könne; aber durch meine Art von den Charakteren zu handeln, wird dieser Satz genug erläutert. Ich sage S. 49: es können sich in einer Person so verschiedene Denkungsarten vereinigen, daß sie auf eine so besondere Weise handelt, als ein anderer ihres gleichen, in gleichen Umständen nicht würde gehandelt haben; und dann hat diese Person einen Charakter. Ist nun ein Trauerspiel ohne Charakter, so fließet die Verwickelung aus den Umständen, in welchen sich die handelnden Personen befinden, und ist nicht in ihrer Gemütsbeschaffenheit begründet; haben aber die vornehmsten handelnden Personen Charaktere, so müssen die Handlungen aus denselben fließen. – Nun schließe ich so: begegnet dem Helden ein Unglück, woran er gar nicht Schuld ist, und das gar nicht aus seiner Gemütsbeschaffenheit fließt (z.E. Hecuba, welche alle ihre Kinder verliert); so kann mich solches zwar sehr rühren, aber es kann mir dadurch gar nicht in die Gedanken kommen, eine Leidenschaft zu verbessern. Wenn aber das Unglück aus der Gemütsbeschaffenheit des Helden, aus einem Fehler in seinem Charakter entstehet (ich habe gezeigt, daß dieser Fehler kein Laster sein darf); so könnte ich mir wohl beifallen lassen, den Fehler zu vermeiden, um dem[226] Unglücke zu entgehen. Ob es wirklich zur Vermeidung des Fehlers kommt, ist eine andere Frage; genug, es folgt hieraus: daß die Verbesserung der Sitten ohne Charaktere nicht geschehen kann, weil die Handlungen, welche nicht aus der Gemütsbeschaffenheit des Helden fließen, uns zu keiner Verabscheuung bewegen können. Ihr Beweis des Gegenteils beweist mit Ihrer Erlaubnis nichts mehr, als daß Handlungen, welche, ohne aus dem Charakter des Helden zu fließen, ihn ins Unglück bringen, uns empfindlich machen können. Sie schließen falsch: Können diese Handlungen Mitleiden erregen, so können sie auch Furcht erregen; weil Aristoteles eben so falsch schließet. Daß aber Aristoteles falsch schließe, hat Herr Moses auf seinem Foliobogen bewiesen. Können Sie auch wohl in Ernste glauben, daß, weil Hecuba Mitleid erweckt, die Zuschauer fürchten können, ihre Stadt verbrannt zu sehen, in die Sklaverei geführt zu werden und ihre Kinder zu verlieren? Ich behaupte noch: nicht wenn der Held Leidenschaften hat, sondern wenn er eine Leidenschaft hat, die ihn ins Unglück, oder, noch genauer zu reden, wenn er in seiner Leidenschaft einen Fehler begehet, der ihn ins Unglück stürzet, so muß er einen Charakter haben. Denn dieser Fehler ist eben die besondere Falte seines Herzens, welche ihn von Andern unterscheidet, und seinen Charakter ausmacht.

Zu S. 26. Sie erklären das Wort Charakter anders als ich; denn nach meiner Erklärung können Sie dem Creon keinen geben. Was tut er wohl anders, als was einer seines gleichen in gleichen Umständen auch tun würde? Welcher Prinz wird nicht seine Unschuld zu verteidigen suchen, wenn er fälschlich angeklagt wird? Ich habe mit Moses lange nachgedacht, was wohl der Fehler des Oedipus sein möchte, wenn es die Heftigkeit und Neugier nicht ist. Endlich sind wir eins geworden, daß der Fehler sehr klein sein müsse, zu dem der Scharfsinn eines Lessings erfodert wird, um ihn zu entdecken.

1

Wenn – aber merken Sie es sich, mein lieber Lessing, daß ich dieses nicht behaupte. Nicolai.

Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 4, München 1970 ff., S. 155-227.
Entstanden 1756/57, Erstdruck in: Sämmtliche Schriften, Berlin (Voss) 1794.
Lizenz:

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